Und als Elisabeth eifrig bejahte, als sie von den Entzückungen sprach,

die sie in dieser Stadt seit dem ersten Tag gefunden hatte, wurde das

Gesicht der Fürstin kälter und eine leise Ironie trat um ihre schmalen

Lippen. Sie hörte Elisabeths Hymnus auf Venedig an, ohne ihn mit einer

Silbe zu unterbrechen, sagte nur einmal: »~O, I see, you are very

young!~« und ließ dann das Gespräch allmählich fallen. Elisabeth erhob

sich, verneigte sich vor der Fürstin und ging zu ihrer Schwägerin,

die inmitten eines Kreises von jungen Männern stand, mit denen sie

nach Herzenslust kokettierte. Unfern von ihnen, scheinbar ganz in ein

Gespräch mit ein paar älteren Herren versunken, in Wirklichkeit jedem

Frauenkleid nachspähend, stand der Fürst Tassini. Ungewöhnlich groß und

schon ein wenig beleibt, fiel er allein durch seine Gestalt auf, mehr

aber noch durch den pittoresken Gegensatz, den seine dichten, zierlich

gebrannten, schneeweißen Locken zu seinem pechschwarz gefärbten

Schnurrbart bildeten. Dem starken, nicht unsympathischen Gesicht mit

den aufgeworfenen Lippen und der großen Nase sah man an, daß dieser

Mann jede wilde Lust des Lebens an sich gepreßt und ausgekostet hatte,

und auch heute noch, da er die Fünfzig um ein gut Stück überschritten,

blickten seine rollenden, etwas hervorstehenden Augen jede Frau an,

als ob sie sagen wollten: »Du gehörst mir!« Wegen seiner zahllosen

Liebschaften und auch wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit dem ersten

König von Italien nannte man ihn scherzweise den »~Re galantuomo~«, und

er hörte das nicht ungern, zudem man sagte, daß die Ähnlichkeit mit

dem galanten Monarchen keine ganz zufällige sei. Während er mit den

älteren Herren sprach, äugte er verstohlen immer wieder zu Eleonore

und ihren Verehrern hinüber, riß die rollenden Augen weit auf, als zu

ihnen jetzt Elisabeth trat, die für ihn eine neue Erscheinung war,

und die er vorhin, als er mit seiner Frau gekommen war, kaum beachtet

hatte. Es litt ihn jetzt auch nicht mehr länger bei seinen älteren

Herren, er fing an unruhig zu werden, gab zerstreute Antworten und

schoß, sobald eine kleine Pause im Gespräch es gestattete, hinüber zu

den beiden jungen Frauen, um ihnen feurige, wenn auch etwas veraltete

Schmeicheleien zu sagen. Unter den Herren, die er verlassen hatte,

befand sich auch ein feiner, schmächtiger Mann mit spitzgeschnittenem,

leichtmeliertem Bart und melancholischen dunklen Augen, die mit

bewunderndem Neid sahen, wie der Fürst die jungen Leute allmählich

verdrängte, wie seine massige Erscheinung die Damen Priuli völlig

von den andern abschloß und seine sprudelnden Worte sie bald zum

Lachen, bald zu sanfter Abwehr mit Blicken oder den Fächern reizten.

Dieser Herr war der Bankier Lissignolo, einer der großen Finanziers

von Venedig, der durch allerlei häusliches Mißgeschick seit mehreren

Jahren dem geselligen Treiben ferngehalten worden war und nun, nach

dem Ablauf des Trauerjahrs um seine Frau, zum ersten Male wieder

unter frohe Menschen ging. Eleonore in ihrer prangenden Schönheit war

ihm sogleich ausgefallen und er hätte sich ihr auch gerne genähert,

aber er war nie sehr geschickt im Verkehr mit Frauen gewesen und

scheute sich jetzt vor der lachenden Jugend dieses Mädchens und vor

den heiteren, lebensfrischen Männern, die um sie her standen. O, was

hätte er darum gegeben, wenn er so selbstbewußt, so keck auf sie hätte

zusteuern können wie eben der Fürst, der wahrhaftig nicht jünger war

als Lissignolo, und der einem Mädchen doch nichts zu sagen und zu

bieten hatte als öde Schmeicheleien! Aber wie er sich auch schalt, er

fand jetzt nicht den Mut, neben den Fürsten zu treten, sondern wartete,

daß dieser zu einer andern Dame, einer hellgefärbten Blondine mit

wunderschönen, weißen Schultern flog. Da erst faßte sich der ältliche

Bankier Mut und ließ sich durch einen gemeinschaftlichen Bekannten zu

den Damen Priuli führen. Die lichte Blondine mit den schönen Schultern

war ein Frauentyp wie für den Fürsten geschaffen. Sie lachte und

gurrte, wehrte ihm mit Worten ab, deren Sinn verweisend, deren Ton

anlockend war, und zeigte ihm schließlich mit kunstverständiger Miene

die Goldinkrustationen des Rokokofächers, den sie erst gestern zum

Geschenk bekommen hatte. Der Fürst fand den Fächer wunderschön, schien

aber plötzlich kurzsichtig geworden zu sein, denn er neigte sich tief

und immer tiefer auf den Fächer nieder, bis seine Locken fast die

schöne Schulter streiften. Elisabeth sah ihm zu und mußte lächeln, denn

der weißlockige Riese wirkte in seinem verliebten Tändelspiel komisch.

Wie er sich nun gar nicht mehr entschließen konnte, den Kopf von dem

Fächer zu heben, suchte Elisabeths Blick unwillkürlich die Fürstin.

Sie saß noch geradeso wie vorhin mit unbeweglicher Miene, schien keinen

Blick und keinen Gedanken für den Mann zu haben. Mußte aber doch

alles gesehen haben, denn plötzlich machte sie ihm ein hochmütiges

Zeichen mit dem Kopf, ungefähr so, wie man einen Bedienten heranwinkt.

Seltsame Veränderung, die da mit dem Fürsten vorging! Dieser Riese,

der eben noch selbstbewußt und genußfroh von einer Frau zur andern

geeilt war, sank in sich zusammen, schien kleiner zu werden, ängstlich,

als wäre er in der Tat ein Lakai, der seine Dame nicht warten lassen

darf. Hastig verabschiedete er sich von der Blondine mit den schönen

Schultern, stand beflissen, unterwürfig, mit einem blöden Lächeln auf

den starken Lippen vor seiner Frau, reichte ihr den Arm und führte

sie ehrerbietig zum Abschied vor die Dame des Hauses hin, während die

Fürstin neben ihm ging, als wäre sie allein. Nur Elisabeth war die

kleine Szene aufgefallen, die andern rundum kümmerten sich seit langem

nicht mehr um das seltsame Verhältnis zwischen dem Fürstenpaar. Man

war es seit langem gewöhnt, daß der Fürst von seiner Frau ungefähr

wie ein Lakai behandelt wurde, man lachte über ihn, bemitleidete ihn

wohl auch ein wenig, aber man war dies alles eben so sehr gewöhnt,

daß man gar nicht mehr darüber sprach. Immerhin erfuhr Elisabeth an

diesem Abend näheres über die Fürstin, ihre Perlen und den Zerfall

ihrer Ehe. Die Fürstin hatte vor etlichen zwanzig Jahren als eine der

reichsten bürgerlichen Erbinnen Englands den sehr verführerischen und

sehr verschuldeten Fürsten geheiratet, der auch nach der Ehe seine

üppigen Junggesellengewohnheiten kaum einschränkte. Als etwa sechs

oder sieben Jahre nach der Hochzeit die Fürstin einmal von einer

Englandreise heimkam, fand sie in ihrem Palazzo eine Geliebte ihres

Mannes installiert vor und ihre köstlichen Perlen waren -- -- im

Leihhaus. Ganz Venedig sprach damals über das skandalöse Begebnis, das

den Fürsten, der alle möglichen Orden und Ehrentitel besaß, unmöglich

gemacht hätte, wenn nicht seine Frau sich mit all ihrer Energie und

ihrer Person vor ihn gestellt hätte. Die Fürstin ließ es zu keinem

öffentlichen Skandal kommen. Die Geliebte wurde zwar energisch,

aber doch in aller Stille entfernt und auf Reisen geschickt, das

Perlengeschmeide ausgelöst und geflissentlich das Gerücht verbreitet,

daß ein untreuer Diener es gestohlen und die Schuld auf den Fürsten

abgewälzt habe. Wochenlang zeigte sich die Fürstin scheinbar im besten

Einvernehmen, lachend und heiter mit dem Fürsten überall, wo sie

gesehen und besprochen werden konnten, so daß der Klatsch verwundert

haltmachte und man sich zuraunte, daß es im Hause Tassini doch bei

weitem nicht so schlecht stehen konnte, wie man anfangs gemeint hatte.

Doch nicht aus Liebe hatte die Fürstin so getan, sondern um den

Namen, den sie und ihre drei Söhne trugen, vor Skandal und Verfemung

zu hüten. Als der Klatsch abgeflaut und das Ansehen der Tassinis

unerschüttert geblieben war, merkte der Fürst, daß er sein Lebelang

für das zahlen mußte, was ihm seine Frau in diesen Wochen Hilfreiches

getan. Bestimmt und kalt erklärte ihm die Fürstin, daß er jedes Recht

im Hause verwirkt habe, daß er weder bei der Erziehung der Kinder noch

in der Verwaltung des Vermögens ein Wort mitreden dürfe, weil er sich

zu beidem als unwürdig und unfähig erwiesen habe. Er war jetzt nur

mehr dazu da, um die Fürstin in Gesellschaft zu begleiten, mit ihr zu

repräsentieren, und von dem ungeheuren Einkommen, das jährlich von dem

englischen Schwiegervater gezahlt wurde, erhielt er nichts mehr als ein

monatliches Taschengeld von 2000 Lire. Im übrigen konnte er tun und

lassen, was er wollte, -- seine Frau kümmerte sich nicht mehr um ihn.

Ihre Perlen aber trug sie seitdem Tag für Tag, und es gab Spaßvögel,

die wissen wollten, daß die Fürstin sich sogar mit all ihrem Schmuck zu

Bett legte, weil sie nur so ganz sicher war, daß der Fürst ihn nicht

abermals versetzte.

Warum sie trotz alledem immer noch bei ihm blieb, war keinem recht

klar. Die einen meinten, es gefiele ihr eben doch, die große Rolle in

Venedig zu spielen, wieder andere meinten, sie fürchte den Streit um

die Söhne, an denen der Fürst zärtlich hing, noch andere vermuteten,

daß sie sich im Laufe der Jahre an seine Ausschweifungen gewöhnte und

sie nicht mehr tragisch nahm, ganz besonders Gescheite wollten wissen,

daß es ihrer herrischen Art Freude machte, ihn immer wieder vor den

Augen der Welt lächerlich zu machen und zu demütigen, wie eben jetzt,

aber ganz Bestimmtes wußte niemand.

Elisabeth, die all diese alten Geschichten zum ersten Male hörte, war

lebhaft von ihnen interessiert und beschäftigt. Sie wußte zwar nichts

von der Fürstin, als was man ihr da im Salon erzählte, aber mit ihrer

beweglichen Phantasie begriff oder ahnte sie wenigstens, daß im Hanse

Tassini noch etwas verborgen lag, was die hier nicht wußten, irgendeine

Tragödie oder der Abschluß einer Tragödie, die nichts nach außen

bewegte und von der doch das versteinte und zugleich hochmütige Gesicht

der Fürstin Kunde gab.

Es ging schon auf morgen, als die Priulis heimfuhren. Nicht allzu

gesprächig saßen sie in der verhängten Gondel und wickelten sich fest

in ihre Mäntel, denn die Nacht war feucht-kalt. Wie bunte, verzitternde

Lichtreflexe tanzten scheinbar zusammenhanglos die Eindrücke und

Gespräche dieses Abends noch einmal an ihnen vorüber. Ettore redete

seine Damen ein paarmal an, erhielt aber nur einsilbige Antworten,

denn Elisabeth und Eleonore fühlten jetzt, wie müde sie waren. Als

sie dann daheim, vom Licht der Glühbirnen beleuchtet standen, fiel

jeder auf, wie übernächtig die andere aussah. Nur Ettore war frisch

und glänzend gelaunt. Einen Gassenhauer summend stieg er, immer zwei

Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinan, trieb, während er sich

auskleidete, allerlei Unsinn und hätte nicht übel Lust gehabt, den

Rest der Nacht zu verschwatzen. Ihm war zumute wie einem Fisch, der

allzulang auf trockenem Sand nach Luft gerungen und der nun wieder in

die heitere Woge zurückgeworfen war, die sein Lebenselement bedeutete.

Dieser heutige Abend mit seinen prunkenden Salons, den schönen,

koketten Frauen, den begehrlichen Männern, all die Möglichkeiten und

Spiegelungen kecker und verbotener Abenteuer, der Klatsch, der all

diese Menschen unentrinnbar in seinem bunten und doch unsichtbaren Netz

verstrickte, -- das alles war ihm zu Kopf gestiegen wie ein leiser

Rausch, weil er es allzulange entbehrt hatte. Mehr als ein Jahr,

mehr als ein ganzes Jahr war er diesem Kreis, der für ihn Venedig

darstellte, entzogen gewesen, mehr als ein Jahr war er immer nur an der

Seite einer Frau geschritten, die er zwar ruckweise immer noch liebte,

in der er aber doch immer deutlicher das Fremde spürte, und die ihn

mit allen möglichen geistigen und seelischen Ansprüchen plagte. Wie

ein Befreiter reckte er, da er den Frack abgelegt hatte, die Arme zum

Himmel, daß Elisabeth erstaunt fragte: »Bist Du so müde? Davon hat man

aber gar nichts gemerkt!«

Ja, er war müde, aber ganz anders als sie's meinte. Müde dieses

Flitterjahres, müde der vielen Einsamkeit zu zweien, die so weit

abführte von dem schönen, buntbewegten Strom, an dessen Ufern er heute

abend endlich wieder gewandelt war. Nun schwor er sich zu, daß er ihn

nicht wieder verlassen wollte, daß es nun ein Ende haben sollte mit dem

zu Zweien Hand in Hand über sanft beblümte Wiesen nach der kleinsten

Hütte gehen. O, er dachte gar nicht daran, seine Frau gröblich zu

vernachlässigen, aber der buntbewegte Strom mußte jetzt bei ihnen und

auch zwischen ihnen bleiben. Sie konnten sich freundschaftlich darüber

herwinken, bald einmal miteinander, bald aber auch mit irgendeinem

Gefährten den Blicken entschwinden, und wenn sie zurückkehrten, so

sollte keiner den andern fragen oder ihm mißtrauen. So lebten alle

ringsum, so wollte auch er künftighin leben, und mit diesem Vorsatz

schlief er ein.

Neben ihm lag Elisabeth noch lange wachend da. In ihrem Kopf wirbelten

noch Eindrücke, Erscheinungen, Gespräche dieses Abends durcheinander.

In diesem Wirbeltanz kehrte immer +eine+ Erscheinung wieder, mit der

sie nur etliche flüchtige Worte gewechselt hatte und die dennoch

alle andern verdrängte, so daß Elisabeth schließlich nur mehr an die

Fürstin Tassini dachte. Sie fühlte, daß hinter dieser Frau sich noch

etwas barg, und konnte, so sehr sie sich auch wehrte, die schreckhafte

Vorstellung nicht los werden, daß sie selbst in zwanzig Jahren

vielleicht der Fürstin gleichen würde.

9.

Die Zeit ging dahin, beladen mit Festlichkeiten. Niemals hätte

Elisabeth geglaubt, daß sie im stande wäre, ein Leben zu führen, in dem

es nichts gab als Routs, Bälle und Maskeraden. Es blieb keine Zeit für

ein ernstes Buch, für ein nachdenkliches Gespräch, gerade nur, daß man

ein paar Modejournale durchblättern und die wichtigsten Neuigkeiten

aus der Zeitung ersehen konnte. An den Kopien, die sie dem Vater und

den Brüdern zugedacht hatte, war noch kein Pinselstrich getan, denn

das Licht in der Galerie war jetzt nur vormittags hell, und vormittags

mußten die Priulis ausschlafen, die Nacht für Nacht spät nach Hause

kamen und der Erholung bedurften für die Geselligkeit des kommenden

Abends.

Zuerst fand Elisabeth an diesem Leben ein gewisses Gefallen. Diese

schwarzen Gondeln, die unter nächtlichem Himmel dahinglitten und

unter ihrem Baldachin geschmückte Frauen trugen, diese erleuchteten

Paläste, die sich im Kanal spiegelten, diese Räume und Menschen voll

Prunk und Tradition kamen ihr vor wie ein Bühnenbild, an dem sie

selbst teilhaben durfte. Bald aber schwand diese ästhetische Freude

vor einem leichten Ueberdruß, vor einer Gewißheit, die sie von jedem

dieser Feste heimbrachte. Es war wirklich alles nur Dekoration, alles

nur Schaustück und Schein, dahinter nie ein wirklicher Wert sich barg,

und es war immerfort das gleiche. Niemals, so sehr der Schauplatz auch

wechseln mochte, traf sie einen neuen Menschen, ein neues Wort, einen

neuen Gedanken. Es war immerfort der gleiche Kreis, in dem sie sich

bewegte, die gleichen Flirts, der gleiche Klatsch und immerfort das

gleiche, heftige Interesse für alle Liebesgeschichten, das ihr schon in

den italienischen Romanen so wunderlich erschienen war.

Jetzt, im Leben, kam es ihr noch viel wunderlicher vor, weil ja

Liebesgeschichten aller Art in dieser Gesellschaft zum Alltäglichen

gehörten. Die jungen Mädchen freilich wurden mit fast orientalischer

Strenge gehalten und bewacht, aber es gab kaum eine Frau, die nicht

ihren allgemein bekannten Verehrer gehabt, kaum einen Ehemann, der ihn

nicht höflich geduldet hatte, -- was verschlug es also, ob die Marchesa

X. mit dem Conte Z. flirtete oder mit dem Cavaliere Y.? Was für einen

Unterschied machte es, wenn der Fürst Tassini einer Sängerin vom dal

Verme-Theater statt einer Tänzerin vom Trocadero huldigte? Doch all

diese Menschen um sie her schienen nichts anderes zu kennen als Liebe

oder das, was sie eben Liebe nannten.

Diese Salons waren angefüllt mit Frauen, deren Leben aus Nichtigkeiten

bestand, mit Männern, die ihre Tage vertrödelten, wie Ettore es tat.

Selten nur traf Elisabeth einen Mann, der im Beruf oder in Geschäften

stand, wie etwa den Bankier Lissignolo, und auch er hätte wohl den

größten Teil all dieser Feste versäumt, wenn er nicht um Eleonorens

willen gekommen wäre. Bei den Frauen aber fand Elisabeth gar keine

tieferen Interessen, nicht eine Spur von den großen Bewegungen, die

daheim, in Deutschland, die Frauen erregten, zusammenschlossen und

vorandrängten. So wenigstens schien es ihr, denn weil sie eine Fremde

war, blieb sie auch den Menschen und Seelen fremd und konnte nur sehen,

was auf der Oberfläche schwamm. So erschien ihr alles, was sie bis

jetzt von Venedig kannte, leer und nichtig, und sie sehnte das Ende des

Winters herbei, damit sie endlich leben konnte, wie es ihr gefiel, und

nach so langer Zeit wieder an ihrer Staffelei sitzen, nach der sie sich

schon sehnte wie nach einem verlornen Paradies.

Weder Ettore noch Eleonore verstanden, warum Elisabeth an der großen

Geselligkeit kein dauerndes Gefallen fand. Sie neckten sie zuweilen

ob ihrer Gründlichkeit und Schwere und freuten sich des Daseins wie

Mädchen, die zum ersten Ball gehen. Ettore nahm alle geselligen

Verpflichtungen so ernsthaft, als wären sie ein wichtiges Amt, und

der Klatsch, den er aus den Salons oder vom Klub nach Hause brachte,

erfüllte ihn wie ein beglückender Beruf. Elisabeth sah ihren Mann,

hörte ihm zu und begriff ihn nicht. Viel eher begriff sie schon den

Eifer der jungen Schwägerin, denn Eleonore schien sich mit jedem

Fest merklicher dem Ziele zu nähern, das ihr und ihrer Mutter als

Lebensideal vorschwebte: der reichen Partie. Lissignolo hatte die Scheu

überwunden, die ihn, den älteren Mann, zuerst von der jungen Schönheit

ferngehalten hatte. Er stand jetzt schon immer lange, ehe die Priulis

erschienen, unfern der Tür des Salons, sprach mit allen möglichen

Menschen, blickte aber immer wieder verstohlen nach der Tür, durch die

das geliebte Mädchen eintreten mußte. Er war beglückt, wenn sie ihm die

Hand reichte, ihm zulächelte und ihm zeigte, daß sie sich lieber mit

ihm unterhielt als mit den jungen Herren, die sie von ferne umkreisten.

Er bemühte sich wohl, seine Huldigungen nicht gar zu auffallend zu

machen, aber er schickte Eleonore herrliche Blumen und Bonbonnieren,

lud die alte Gräfin mit der Tochter ins Theater ein, kurz, er machte

seinen Hof zwar zurückhaltend, aber doch in aller Form, so daß die

Familie seine Werbung für die nächste Zeit erwarten konnte. Eleonore

war sehr zufrieden. Es kam ihr zuweilen vor, als ob sie schon jetzt das

Leben führe, das sie stets ersehnt hatte. Sie lag tagsüber im Bett,

stand erst gegen Abend auf, saß dann ungekämmt, vernachlässigt und

müßig bei der Mutter, um mit ihr von der Zukunft zu sprechen, aber wenn

die Nacht sank, schlüpfte sie in eines ihrer Seidenfähnchen, ließ sich

das prächtige Haar kunstvoll frisieren und fuhr lachend ihrem ältlichen

Verehrer entgegen. Oft sah Elisabeth sie forschend an und hätte gerne

gewußt, ob das Mädchen seine Liebe völlig vergessen habe, oder ob es

nur Komödie spiele und der Vernunft nachgab. Aber weder aus Eleonore

noch aus der alten Gräfin konnte sie klug werden; Eleonore sprach nie

mehr ein Wort über den kleinen Leutnant, und auch die Gräfin erwähnte

ihn nie mehr. Doch ihre Stimme blieb immer jammernd, auch wenn sie von

dem Reichtum des künftigen Schwiegersohns sprach, und Elisabeth merkte,

daß sie auch dem neuen Glück gegenüber ihr Mißtrauen nicht verlor.

»Wer kann sagen, wie alles gehen wird? Er ist so viel älter als

Eleonore, das ist nicht gut, das ist wahrhaftig nicht gut!«

* * * * *

Im Frühsommer wurde dann Eleonore Braut. Das Haus Priuli strahlte vor

Freude und Glück, und die Damen saßen tagaus, tagein in sehr anmutigen,

glitzernden Sorgen, machten Notizen, häuften Bänder, Spitzen, Batist,

Seide, liefen von einem Geschäft zum andern, schrieben an römische und

Pariser Firmen. Wenn die Brautausstattung auch offiziell von der alten

Gräfin geschenkt wurde, so wußten sie doch, daß Lissignolo später alle

Rechnungen bezahlen würde, denn er hatte ausdrücklich gewünscht, daß

Eleonore alles so reich und schön bekäme, wie es ihr gefiele, -- sie

brauchten sich also kein Gewissen zu machen, wenn sie von allem das

Erlesenste wählten. Auch die Wohnung, die Lissignolo mit seiner ersten

Frau bewohnt hatte, wurde ganz nach Eleonorens Wünschen hergerichtet,

und der verliebte Mann stellte ihr in Aussicht, daß er späterhin

irgendeinen der kleinen Paläste kaufen wollte, die immer wieder zur

Veräußerung kommen. Einstweilen, meinte er, genüge ja die Wohnung allen

Ansprüchen, und für die ~mamma~ wollte er ein kleines, behagliches

Appartement mieten, das im Hause frei wurde und durch eine Wendeltreppe

mit der Wohnung der Lissignolos verbunden werden konnte. Eleonore war

ganz zufrieden mit dem Haus ihres Verlobten, nur von dem Appartement

für die Mutter schien sie wenig entzückt. Lissignolo fragte besorgt:

»Meinst Du, daß es ihr nicht gut genug ist?«

Eleonore warf die Lippen auf, zögerte ein wenig mit der Antwort:

»O, gut genug wohl, aber ...«

»Was aber? Sage doch, Kind, was Du meinst!«

Eleonore ergriff den Arm ihres Bräutigams, schmiegte sich an ihn.

»Ich weiß nicht ... Denk' nur, wenn Du es auch recht garstig findest,

ich habe gar keine so große Freude davon, daß die ~mamma~ mit uns

wohnen soll. Ich weiß doch, wie sie zu Anfang bei meinem Bruder gestört

hat ...«

Lissignolo lächelte beglückt. Er war dankbar, daß seine Braut darauf

sann, mit ihm allein und ungestört zu bleiben. Weil er aber nicht mehr

so jung wie sie und auch ein braver Mensch war, meinte er überredend:

»Sie wird uns nicht stören, liebe Liebste! Aber wo soll sie hin, wenn

nicht zu uns? Es ist doch Deine Mutter, und die gehört zur Tochter eher

als zum Sohn, als zu einer fremden Frau. Und wenn sie auch mitunter da

sein wird, wenn man sie gerade nicht wünscht, -- ich bin so glücklich,

daß ich Dich habe, daß ich drei böse Schwiegermütter willig in den Kauf

nähme, geschweige denn die gute, alte Gräfin Priuli!«

Eleonore senkte die Augen. Sie war beschämt von der Güte dieses Mannes

und hatte eine Sekunde lang das Verlangen, sich an seine Brust zu

werfen, ihm zu sagen: »Halte mich, rette mich, sonst bin ich verloren!«

Es war aber nur eine Sekunde. Im nächsten Augenblick hob sie schon

wieder die Augen, lachte und sagte fröhlich:

»Aber natürlich, Du hast ganz recht! Es war nur so eine Idee von mir!«

Das war gleich in den ersten Tagen nach der Verlobung. Im Laufe der

Wochen, die nun folgten, wunderte sich Elisabeth zuweilen im stillen,

daß gar nie ernsthaft von einer Uebersiedlung der alten Gräfin

gesprochen wurde. Sie fragte Ettore einmal:

»Wird Deine Mutter nun bei uns wohnen bleiben, oder zieht sie zu

Eleonore?«

Ettore zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht, ich denke wohl, daß sie zu den Lissignolos zieht, aber

man kann sie doch nicht direkt fragen! Das sähe aus, als ob man sie

vor die Türe setzen wollte. Warten wir's ab, in ein paar Monaten wird

sich's von selber klären. ~L'Italia farà da sè!~«

Elisabeth, die jetzt schon immer nervös wurde, wenn er ganz sinnlos

seinen Spruch zitierte, sagte nichts mehr. Als sie aber an diesem

Nachmittag zu ihrer Schwiegermutter kam, die gerade allein war, fing

die alte Gräfin selbst von der Uebersiedlung zu sprechen an. Sie sah

nicht freudig aus, eher bekümmerter noch als früher, und ihre Stimme

jammerte, als wäre das Glück der Priuli nicht neu befestigt, sondern

für immer verloren.

»Ja, das ist alles recht schön. Lissignolo ist auch ein guter Mensch,

ein Kavalier ... Aber hinziehen zu ihnen? Nun ja, wenn es sein muß,

dann will ich's wohl tun, aber ich weiß schon, Eleonore hat keine große

Freude davon, und ich auch nicht. Ich wahrhaftig auch nicht!«

Elisabeth tat die alte Frau leid, obgleich sie ihre trübe Stimmung

nicht begriff. Sie meinte, die Gräfin fühle sich von Eleonore

zurückgesetzt, sei eifersüchtig auf den Mann, der ihr plötzlich das

Herz der Tochter abwendig machte, und sie wollte begütigen und die alte

Frau erheitern:

»Du darfst das alles nicht so tragisch nehmen, liebe Mama! Eleonore

hängt doch so sehr an Dir und wäre sicher sehr unglücklich, wenn sie

sich von Dir trennen müßte. Aber nicht wahr, jetzt ist sie eben verlobt

und, wie es scheint, auch verliebt, und da ist man wohl ein wenig

rücksichtslos gegen alle andern Menschen ... Aber sie liebt Dich doch

ebenso wie früher, und Du wirst sehen, daß es wunderschön ist, wenn Du

bei ihr wohnst ...«

Die Gräfin schüttelte den Kopf, Tränen traten ihr in die Augen. Sie

murmelte:

»Lisa, Du verstehst das nicht!« Sie machte eine Pause, öffnete wieder

die Lippen, als wollte sie mehr sagen, etwas, was sie ängstigte und

bedrängte, aber sie bezwang sich, schüttelte nochmals den Kopf und

schwieg. Elisabeth streichelte ihr die runzligen Hände, nannte sie mit

zärtlichen Worten, die sie über die vermeintliche Lieblosigkeit der

Tochter forttrösten sollten. Nach einer Weile hub die Gräfin wieder an,

sprach abgerissen, mehr zu sich, als zu der jungen Frau.

»Nein, Lisa, Du verstehst es wirklich nicht. Es ist alles ganz anders

als Du meinst. Das ist nun einmal so mit den Kindern, wenn Du erst so

alt bist wie ich, wirst Du's auch noch merken ... Man sorgt und denkt

sein ganzes Leben lang nur für sie, und wenn sie dann groß sind, hat

man nichts von ihnen als Kummer und Undank ...«

»Aber, Mama, Ettore macht Dir doch wirklich keinen Kummer und hängt so

sehr an Dir, daß ich früher beinahe eifersüchtig auf Dich war! Und auch

Eleonore --«

Aber die Gräfin beharrte.

»Kummer und Undank, -- das ist alles, was sie einem geben. O, man ist

nicht umsonst eine Priuli! Die Priuli haben kein Glück mehr! Sie dürfen

anfangen, was sie wollen, alles wendet sich zum Schlechten! Du wirst es

später noch an Dir und Deinen Kindern sehen!«

Elisabeth schrie auf.

»Sag' solche Sachen nicht, ich kann sie nicht anhören! Wir sind doch

alle glücklich, -- warum sollte sich auf einmal alles wenden und zum

Unglück werden! Du bist zu pessimistisch, Du bist es wohl durch vieles

Unglück geworden, aber sprich nicht davon, ich bitte Dich, sprich

nicht mehr so, es ist zum Verzweifeln, wenn man Dir zuhört!«

Die Gräfin sah mit abwesenden Blicken auf die junge Frau.

»~Poverina~, nimm Dir meine Worte nicht weiter zu Herzen, vielleicht

bist Du die erste Priuli, die wieder Glück hat; ich hab's nicht gehabt

und niemand von uns!«

Sie schwieg wieder eine Weile, sagte dann unvermittelt, fast bettelnd:

»Lisa, wenn ich nur hierbleiben dürfte! Ich mag nicht zu den

Lissignolos! Behaltet mich hier, Lisa, ich will Dich auch gewiß nicht

mehr mit meinen dummen Reden ängstigen. Denk' nur immer, daß ich eine

alte, geschlagene Frau bin, und laßt mich in Gottes Namen hier!«

Elisabeth war von der demütigen Bitte so überrascht und gerührt, daß

sie nichts weiter fragte. Sie umschlang die alte Frau und entgegnete

aus ehrlichem Herzen:

»Selbstverständlich bleibst Du bei uns, wenn es Dir lieber ist.

Vielleicht ist es ganz gut, wenn man die Neuvermählten zu Anfang sich

selber überläßt! Es ist wohl nicht gar so leicht, die zweite Frau eines

älteren Mannes zu werden, und Eleonore dankt Dir's gewiß noch, wenn Du

sie jetzt allein läßt! Bleibe bei uns, wir sind beide sehr zufrieden,

wenn Du Dich bei uns behaglich fühlst!«

Die alte Gräfin entgegnete nichts. Sie hatte das Gesicht dem Fenster

zugewendet, damit Elisabeth nicht sehen sollte, wie es von Sorgen

zerwühlt und von Tränen überströmt war. Die junge Frau sah aber doch

an den zuckenden Schultern, daß die Gräfin weinte. Da stand sie leise

auf und ging, weil sie dachte, daß es unzart wäre, eine Mutter zu

stören, die über ihre Tochter weint.

Die Hochzeit war für Oktober festgelegt. Jeder hatte den Wunsch, die

Feierlichkeit auf einen ganz kleinen Kreis zu beschränken. Lissignolo,

der schon verheiratete Kinder hatte, war zufrieden, daß seine Braut

nicht auf einem Hochzeitsfest bestand, zu dem ganz Venedig vor und

in der Kirche zusammenlief, die Priulis wiederum wollten kein großes

Aufsehen und keine anstrengenden Festlichkeiten, weil Elisabeth ein

zweites Kind erwartete und mehr unter ihrem Zustand litt als das erste

Mal. Man lud also von beiden Seiten nur die nächsten Verwandten ein,

die Kinder Lissignolos und Carlo Priuli, weil er den Namen trug und

fast Haus an Haus mit der Familie der Braut wohnte. Ettore hatte zwar

gemeint, daß man von ihm absehen könne, denn er sei doch gar nicht

sehr nahe verwandt und habe sich auch nie sehr verwandtschaftlich

gezeigt oder benommen, aber Elisabeth meinte, daß er doch einmal zur

Familie gehöre, und weil auch die alte Gräfin und Eleonore diese

Meinung teilten, gab Ettore nach und lud Carlo ein. Wenn Ettore

behauptete, daß sein Vetter sich nicht sonderlich verwandtschaftlich

benahm, so hatte er insofern recht, als Carlo mit seinen Verwandten

nur einen oberflächlichen Verkehr unterhielt. Denn Carlo hatte Ettore

nie besonders gemocht und für verliebte Gänse (wie er Elisabeth im

stillen nannte) gar kein Interesse. Er kam wohl ab und zu, sah das

junge Paar da und dort in Gesellschaft, und da Elisabeth ihm immer ein

heiteres Gesicht zeigte, meinte er, daß sie wirklich genau so töricht

sei, wie sie ihm erschienen war, da er sie zuerst kennen lernte. Gegen

Ende des Winters wollte es ihm freilich etliche Male scheinen, als ob

ihr Gesicht, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, müde und unzufrieden

aussah, und er hatte dann wohl gedacht:

»Aha, sie merkt endlich, an wen sie sich gebunden hat!«

Kaum aber hatte er's gedacht, so kam er sich schon sentimental vor

und spottete sich selbst aus, daß er für den Ausdruck verborgener

Empfindungen nahm, was vermutlich nur Festmüdigkeit war. Als er dann

noch hörte, daß bei Priulis abermals ein freudiges Ereignis bevorstand,

nannte er sich selbst einen Esel und nahm sich fest vor, sich nie mehr

auf die Psychologie junger Frauen einzulassen, weil ein Junggeselle

sich damit doch nur blamieren konnte.

* * * * *

Es war am Abend vor der Hochzeit. Im Hause Priuli war schon alles

still und dunkel, denn man hatte von einer festlichen Veranstaltung

für diesen Abend abgesehen. Ettore war wie jeden Abend so auch heute

im Klub, die Gräfin und Eleonore hatten sich längst schlafen gelegt,

und auch von der Dienerschaft war kaum mehr einer wach, denn Ettore

liebte es nicht, daß man seine Heimkehr erwartete. Elisabeth hatte sich

sehr früh zu Bett gelegt, um für die Strapazen des kommenden Tages

auszuruhen. Sie lag wachend da, versuchte allerlei harmlose Mittel, um

einzuschlafen, zählte, stellte sich ein unablässig wogendes Kornfeld

vor, sagte sich allerlei Gedichte her, über denen sie sonst einschlief,

aber gerade heute, wo sie die Ruhe so sehr ersehnte, wollte nichts

helfen. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, fand, daß es im

Zimmer unerträglich heiß sei, spürte, wie ihr Herz hastiger und lauter

klopfte, und sprang schließlich aus dem Bett, um die Fenster zu öffnen.

Da drang eine weiche, von sanftem Duft erfüllte Luft herein, daß die

junge Frau sie entzückt einschluckte, als wär's ein Trunk frischen

Bergwassers, und am offenen Fenster stehen blieb, um die Kühle zu

genießen und hinunterzusehen auf den kleinen, schwarzen Kanal, der so

dunkel dalag, daß er nicht einmal das Sternenlicht wiedergab, das vom

Himmel auf ihn niederfiel.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 9 / 18 段