Eine halbe Stunde später war Elisabeth um eine große Enttäuschung

reicher. Sie verstand zwar gar nichts von Landwirtschaft, Bodenreichtum

und seiner Kultur, aber das begriff sie doch gleich, daß diese

sogenannten Güter nichts waren als ein Komplex, der vielleicht einem

einfachen Landmann, niemals aber einem wirklichen Gutsherrn Arbeit

und Zweck bedeuten konnte. Wohl dehnten sich die Felder unabsehbar

weit aus, aber es war eben immer wieder Mais und nochmals Mais,

und, ganz abgesehen von der Arbeitskraft und der Energie, hätte es

einer Unsumme bedurft, um diese wildsprossende Erde zu richtigem

landwirtschaftlichen Ertrag zu zwingen. Auch war alles, was an

Baulichkeiten, Einrichtungen und Werkzeugen vorhanden war, so primitiv,

daß an eine richtige Ausnutzung vorhandener Erdschätze oder gar an

eine Übersiedlung hierher nicht zu denken war. Mit diesem Haus, so

wie es war, hätte der kleinste deutsche Bauer nicht vorliebgenommen,

und selbst die italienische Genügsamkeit des Pächters jammerte Ettore

etliches darüber vor, daß ihnen wohl demnächst das Dach in die Stube

fallen würde. Jedes Gerät, das man zur Hand nahm, war fast noch genau

ebenso, wie die Geschlechter, die hier vor tausend Jahren gesessen

hatten, es geschnitzt oder gehämmert hatten, und im Herbst stampften

hier die Burschen den Wein noch mit den nackten Füßen in die Kelter,

wie sie es seit Urzeiten getan. Die Zeit mit all ihren Errungenschaften

schien keine Macht über diese Gegend und diese Menschen zu haben,

und vielleicht hätte Elisabeth an einem andern Tage den großen und

seltsamen Reiz dieser Zeitlosigkeit empfunden, hätte gemerkt, daß

hier, so dicht bei einer modernen Stadt, noch ein verschollenes

Stück Altertum unter blauem Himmel lag. Aber sie war ja nicht

hierhergekommen, um Kulturschichten zu beobachten, sondern um ein Stück

Erde zu finden, das ihrem Mann gehörte, und dem er gehören wollte,

mit aller Liebe und allem Fleiß, die ein Mann an seine Lebensaufgabe

setzt. Denn durch alle Zeit war es ihr beklemmend gewesen, daß Ettore

an keinen Beruf, an keine regelmäßige Arbeit gebunden war, und daß es

ihm so leicht wurde, untätig durch die Tage hinzustreichen. Als er um

Elisabeth freite, hatte sie wohl gewußt, daß er keinem eigentlichen

Beruf nachging, aber wie solche Untätigkeit in der Nähe aussah und in

Einzelheiten wirkte, hatte sie nicht gewußt, hatte sich auch in der

ersten Verliebtheit nicht darum bekümmert. Schon auf der Hochzeitsreise

hatte sie dann mit Staunen bemerkt, wie gelassen und gewandt ihr Mann

die Zeit vertrödelte, wie er gar nie Sehnsucht spürte, sich in irgend

etwas zu vertiefen oder sein Leben nützlich auszufüllen. Sie hatte aber

schnell begriffen, daß er darin wohl keine Ausnahme darstellte, daß er

nur geradeso lebte, wie er einen großen Kreis Gleichgestellter leben

sah, für den man ihn erzogen hatte. Schon damals hatte sie sich fest

vorgenommen, daß sie einen andern Menschen aus ihm machen wollte als

nur den schönen, leichtfertigen Priuli, der von jedem Tag den Schaum

abschlürfte, und den man gelehrt hatte, daß Arbeit nur für die Armen

und Niedriggeborenen sei. Weil sie's daheim oft mitangesehen, daß junge

Männer, die sich in keinem Beruf recht gefielen, in der Landwirtschaft,

in der Hebung von Grundbesitz Freude und Kraft fanden, so dachte sie,

daß es auch hier ebenso gehen, daß aus dem Besitz der heimatlichen

Erde ihrem Mann der Sinn für ein neues Leben aufgehen sollte. Arglos,

wie sie ihm gegenüber war, hatte sie die leichte Verlegenheit, die

ihn überfiel, wenn sie von den Gütern sprach, sein Zögern, sie ihr zu

zeigen, übersehen oder mißdeutet, denn niemals wäre es ihr eingefallen,

daß er lächerlich flunkern oder gar geflissentlich lügen konnte. Nun

spürte sie, wie damals, als der Brief seiner Mutter eintraf, Unwahrheit

neben sich, und das Herz wurde ihr so schwer, daß sie am liebsten

geweint hätte.

Langsam, mit gesenktem Kopf, ging sie durch die verlotterten Vignen,

durch die wilde Einförmigkeit der Maisfelder hin. Zu ihrer Rechten

schritt Ettore, elegant wie immer, den Hut ins Genick zurückgeschoben.

Man merkte ihm an, wie überflüssig er sich hier vorkam, und wie es

ihn drängte, dies verwahrloste Stück Land zu verlassen, das doch sein

eigen war. Zu ihrer Linken ging der Pächter, redete mit pathetischem

Tonfall und großen Gesten auf Ettore ein, daß dieser die größten

Risse im Hause ausbessern und auch diese oder jene Neuanschaffung von

Ackergeräten bezahlen sollte. Es war zwischen den Männern ein wildes

Feilschen und Streiten, hörte sich vielleicht auch wilder an, als es

in Wirklichkeit war, weil sie beide die Stimmen dröhnen ließen und mit

den Händen genau so redselig waren wie mit dem Mund. Elisabeths wirrer

Kopf verstand kaum mehr, was sie sagten oder wollten, zudem sie beide

Dialekt sprachen, aber wie sie jetzt in der südlichen Sonne unter dem

tiefblauen Himmel mit ihnen dahinging, fiel brennendes Heimweh sie

an nach einem Weizenfeld, das langsam im Wind wogte, nach dem süßen

Juniduft der Linden, nach der klotzigen Wortknappheit bayerischer

Bauern, nach dem müden Gesicht, mit dem ihr Vater vom Dienst heimkam. --

Ettore sah sie verstohlen von der Seite her an. Sie hatte jetzt wieder

das herbe, bittere Gesicht, das er schon einmal an ihr gesehen hatte,

und das einer Frau zu gehören schien, die ihm fremd war. Er machte sich

aber weiter keine Gedanken, stritt leidenschaftlich mit seinem Pächter

weiter und dachte nur, daß er vermutlich heute abend oder morgen früh

eine unangenehme Szene mit seiner Frau haben würde. Er beschleunigte

den Schlendergang durch die Vignen und Felder und war froh, als sie

endlich wieder im Wagen saßen, der Pächter sich mit einer Fülle von

Worten und Wünschen verabschiedete und das zerfallene Haus samt Garten

und Feldern hinter der staubigen Landstraße wie ein unerfreuliches

Traumbild verschwand.

Sie fuhren schweigend dahin. Elisabeth nahm alle ihre Beherrschung

zusammen, um ihre Bitterkeit in sich zu verschließen, um nicht durch

heftige Worte, die sie später reuen mussten, zu verraten, daß dieser

Tag ihr so vieles genommen hatte. Auch Ettore schwieg und hoffte, daß

die schlechte Laune seiner Frau sich geben würde, wenn er sie gar nicht

anredete und sie in Ruhe den üblen Eindruck verwinden konnte, den sie

von dem Priulischen Grundbesitz empfangen hatte. Erst als sie wieder im

Zug saßen, fragte er so nebenher:

»Nicht wahr, mein Besitz hat Dir nicht gefallen?«

Sie lachte bitter auf. Ob sie wollte oder nicht, sie mußte ihm nun

sagen, was sie von diesem Tage geglaubt und was er ihr zerstört hatte.

Sie sprach leidenschaftlich, mit geröteten Wangen und bebender Stimme,

die ihr zuweilen versagte, denn sie, die es gewöhnt gewesen, immerfort

tätige Männer um sich zu sehen, empfand es nun wie Schmach, daß sie

einen Müßiggänger geheiratet hatte. Ettore hörte ihr zu und verstand

sie gar nicht.

»Ich weiß wirklich nicht, was Du willst! Ich habe den ganzen Tag zu tun

und langweile mich nicht einen Augenblick!«

»Das ist es ja eben. Du bist so sehr gewöhnt, nichts zu tun, daß Du Dir

gar nicht vorstellen kannst, wie das ist, wenn man arbeitet, arbeitet

von früh bis spät.«

Ettore schüttelte lächelnd den Kopf.

»Nein, Gott sei Dank, das kenn' ich nicht. Das kennen vornehme Leute

überhaupt nicht.«

»Bei Euch nicht! Aber bei uns arbeitet jeder, gleichviel, ob er vornehm

ist oder nicht, ob er Millionen reich ist oder nicht.«

»Aber wenn er die Arbeit nicht nötig hat, wozu arbeitet er dann?«

»Um der Arbeit willen!«

Ettore lachte.

»Nun, dann arbeitet er eben zu seinem Vergnügen, genau so wie ich mich

zu meinem Vergnügen amüsiere. Ich sehe den Unterschied nicht ein.

Oder doch, ich sehe ihn ein, und ich muß Dir sagen, ~carissima~, daß

der Unterschied für Euch nicht gar so schmeichelhaft ist. Euch merkt

man immerfort noch die arme Rasse an, die schuften musste und jetzt

gewohnheitsmäßig weiterschuftet. Und wir, wir sind eben Aristokraten,

die's schon lange nicht mehr nötig haben, sich zu quälen und durch

ihrer Hände Arbeit das Nötige herzuschaffen.«

»Darum war eben auch das Nötige meist nicht da!«

Elisabeth hatte es fast wider ihren Willen gesagt, aber es wäre ihr

nicht möglich gewesen, die naive Anmaßung Ettores ohne Entgegnung

hinzunehmen. Sie war gefaßt auf eine zornige Antwort, aber er zuckte

nur die Achseln und sagte gleichgültig:

»Du wirst nicht behaupten können, daß es bei uns je an irgend etwas

gefehlt hat.«

Auf weitere Auseinandersetzungen ließ er sich nicht mehr ein. Er

verstand nicht, was seine Frau meinte und gab sich auch keine Mühe, es

zu verstehen. Das waren deutsche Torheiten und Abgeschmacktheiten, an

denen sie zeitweise litt, die man augenblicklich auch mit ihrem Zustand

entschuldigen konnte, die aber für ihn, den Grafen Ettore Priuli,

nicht die geringste Bedeutung hatten. Er rekelte sich behaglich in

seinen Sitz hinein, drückte den Kopf fest an die samtene Kopfstütze

und schloß die Augen. Fern und immer ferner hörte er, daß Elisabeth

von daheim sprach, von ihrem Vater und den Brüdern, denen nichts über

den Dienst ging. Dann schlief er fest ein. Elisabeth sah es und war

beinahe froh, daß sie nicht mehr mit ihm reden konnte. Hier gab es ja

doch keine Verständigung, denn hier redeten nicht nur zwei Menschen,

sondern zwei Welten gegeneinander, und es schien unmöglich, daß sie

sich je verstehen sollten. Wieder überkam sie das Gefühl grenzenloser

Einsamkeit, das sie vorhin beim Gang durch die Vignen und Maisfelder

gespürt hatte, und jäh wie ein Funke aus Qualm und Nacht sprang die

Vorstellung in ihr auf, wie schön es wäre, wenn sie jetzt leise von

diesem schlafenden Mann wegtreten, in einen der Züge springen, die nach

Norden fuhren, und heim könnte in das Land, das ihre Sprache redete,

ihre Gedanken dachte und mit ihrem Herzen empfand ...

Sie sah durchs Fenster hinaus, ohne die Gegend mit dem Blick wirklich

zu erfassen, hörte das gleichmäßige Rattern der Räder auf den

Schienen, mußte den holprigen Rhythmus der eisernen Melodie mitdenken,

bekam eine unerklärliche Furcht, sobald der Zug langsamer rollte, um

in eine Station einzufahren, und atmete auf, als hätte ihr einer etwas

Köstliches geschenkt, wenn er fauchend und dröhnend wieder mit voller

Kraft dahinstampfte. Sie begriff sich selbst nicht recht, aber als sie

in den Bahnhof von Venedig einfuhren, wußte sie's: sie hatte Angst und

Abscheu vor dieser Stadt, in der ihre Träume einst mit tausend Gallonen

gelandet waren.

8.

Als der Herbst aus seiner weinumkränzten Kelter die letzten

Sonnenstrahlen über Venedig hingoß, daß es anzusehen war, als ob

eines der flimmernden, naiven Mosaikbilder aus San Marco zum Leben

niedergestiegen wäre, wurde der kleine Priuli getauft. Es war nur

ein Familienfest, aber erfüllt von Feierlichkeit und durchwoben von

Fäden, die weit zurückliefen zu alten Dingen und Gebräuchen. Die Taufe

fand weder in einer Kirche, ja nicht einmal in einem Prunksaal des

Palazzo Priuli statt, sondern in einem kleinen, winkeligen Zimmer des

oberen Stockwerks, -- denn hier war der große Vorfahre der Priuli

zur Welt gekommen, und seitdem hatte jede Taufe des Geschlechts

hier stattgefunden. Das Taufwasser lag in einer schweren, alten

Kristallschale, die von zwei Goldfiguren getragen wurde, es hieß, daß

die Goldschmiedearbeit von Benvenuto Cellini herstamme. Eine verblaßte

und leicht zerschlissene Brokatdecke, die über den Täufling gebreitet

wurde, sollte noch von Lola Manin, der berühmten Dogaressa, die sich

einst um Venedigs Webeindustrie hochverdient gemacht, herstammen. Und

als der Taufakt zu Ende war, nahm Ettore das Kind von den Armen seiner

Mutter und sprach über es die alte Formel hin, die seit Jahrhunderten

jeder Priuli sprach, wenn sie inzwischen auch ihren Sinn verloren

hatte: »Ich schenke diesen Sohn der Republik Venedig, ihr zum Dienste

und sich zum Ruhm!«

Elisabeth sah erstaunt und auch ein wenig verständnislos auf all diese

Aeußerlichkeiten und auf den Ernst, mit dem sowohl ihr Mann wie die

Damen Priuli dies alles betrachteten und behandelten. Seitdem sie in

täglicher Gemeinschaft mit den Traditionen lebte, die ihr noch vor

einem Jahr so überwältigend und bedeutungsvoll erschienen waren, kamen

sie ihr nicht mehr gar so wertvoll vor, wollten sie mitunter sinnlos

und altersschwach bedünken. Bei dieser Taufe freilich erhöhten sie

die Feierlichkeit, liehen dem kleinen Priuli eine Wichtigkeit, daß er

schon jetzt mehr zu sein schien als andere Kinder, und Elisabeth freute

sich in ihrem jungen Mutterstolz, daß um ihr Kind so viel Erinnerungen

herstanden und so viel Aufhebens von ihm gemacht wurde. Nur als Ettore

den Spruch sagte, der dies Kind Venedig zum Geschenk machte, zuckte sie

erschreckt zusammen, denn ihr war's, als habe er mit diesen Worten ihr

Kind und in ihm sie selbst einem fremden Wesen vermählt ...

Alles Schöne und alles Seltsame dieses Tages aber war vergessen,

wenn sie in das Gesicht ihres Vaters sah, der zur Taufe seines

Enkels gekommen war. Seitdem sie damals mit Ettore von seinen Gütern

heimgekehrt, war die Sehnsucht nach ihrem Vater und nach allem, was er

bedeutete, immer stärker in ihr geworden, so daß sie zuweilen dachte,

das Heimweh müsse ihr das Herz zersprengen. So fremd, so armselig war

sie sich in ihrem Palast vorgekommen, daß sie heimreisen wollte, um

das Kind in irgendeiner deutschen Klinik zur Welt zu bringen. Ettore

und seine Mutter waren natürlich verwundert und bestürzt über diesen

Entschluß, den sie unter keiner Bedingung zur Ausführung kommen lassen

wollten. Ettore sagte entschlossen:

»Unmöglich! Ein Priuli kommt nicht in einer Klinik auf die Welt! Ein

Priuli wird hier, in seinem Palazzo geboren.«

Die alte Gräfin klagte mit ihrer jammernden Stimme:

»~Dio mio~, was das nun wieder für Ideen sind! Als ob Du's hier nicht

gut hättest, und als ob wir Dich nicht hegen und pflegen wollten wie

eine Königin!«

Elisabeth wurde verwirrt. Alles, was die beiden sagten und einwendeten,

war ja vollkommen richtig, und wenn sie ihnen sagte, daß sie es vor

Heimweh fast nicht mehr aushielt, würden sie mit Recht verletzt sein

und fordern, daß die junge Frau sich beherrsche und nicht einen Schritt

unternehme, der rundum Aufsehen und Gerede hervorrufen konnte. Sie

versuchte also nur geltend zu machen, daß sie doch einen deutschen

Arzt und deutsche Pflege haben wollte, ein Einwand, den Ettore gleich

lachend umwarf:

»Als ob Du die nicht hier auch haben könntest! Selbstverständlich wirst

Du einen deutschen Arzt und eine deutsche Pflegerin haben, aber mit

der Reise nach München wird's nichts. Du mußt Dich schon entschließen,

~carina~, hier bei uns zu bleiben, zu denen Du gehörst!«

Er schloß sie bei diesen Worten in die Arme, streichelte und küßte

sie zärtlich, und sie fühlte, daß er recht hatte, und daß sie ihm

darum gehorchen mußte. Sie hatte aber trotzdem eine Sekunde lang den

Wunsch, aufzuschreien: »Nein, nein, ich gehöre nicht zu Euch!« und

war froh, als Ettore und seine Mutter gegangen waren und sie allein

ließen mit ihren Gedanken und ihrer Verwirrung. Denn verwirrt war sie

in sich und über sich, konnte selbst nicht recht verstehen, warum sie

sich im Innern gegen Ettore und die Seinen auflehnte, warum sie mit

einemmal nicht zu ihnen gehören wollte. Sie schloß die Augen und atmete

tief auf. Ach, wenn erst das Kind da wäre, dann würde alles anders

werden! Das Kind würde sie ganz ausfüllen, würde sie entschädigen

für alles, was sie in ihrer Ehe oder auch sonst enttäuscht hatte,

würde die Leere ausfüllen, die jetzt, trotz aller Zärtlichkeit und

Leidenschaftlichkeit, so oft zwischen ihr und Ettore lag. Sie hatte

daheim ja so oft gehört, daß es in jeder Ehe Enttäuschungen gäbe,

ja, daß die Ehe vor allem in kluger Resignation bestünde, warum also

sollte gerade ihr das Los anders gefallen sein? Wenn sie's genau

bedachte, hatte sie ja nicht einmal einen wirklichen Grund zu Klage

oder Enttäuschung. Sie war umgeben von Liebe, von Wohlleben, von

Hoffnungsfreude, und wenn sie zu irgend jemand gesagt hätte, daß sie

trotz alledem nicht glücklich war, daß sie etwas vermißte, für das sie

keinen Namen fand, und für das sie doch allen Reichtum und Nimbus ihrer

Existenz willig hergeben wollte, dann hätte niemand sie verstanden, und

jeder hätte ihr wohl lachend gesagt, daß sie Grillen fange, weil es ihr

eben gar zu gut ging. Vielleicht war es so. Vielleicht verlor sie sich

in fruchtlose Grübeleien, weil ihrem Dasein, das einst tätig gewesen,

jetzt jeder tiefere Inhalt fehlte. Vielleicht ... Nein, sie wollte sich

nicht weiter mit »vielleicht« und »wer weiß« peinigen. Wenn das Kind

erst da war, würde alles gut werden, denn auch das hatte sie daheim

gehört, daß Kinder das Allheilmittel für jedes Frauenleid sind ...

Als die Gondel, die den Obersten vom Bahnhof zum Palazzo brachte, in

den kleinen Kanal einbog, stand Elisabeth schon an einem Fenster des

oberen Stockwerks, winkte mit der Hand und pochte ungeduldig gegen die

Scheiben. Sie war erst vor ein paar Tagen aufgestanden, und der Arzt

hatte ihr streng verboten, nach dem Bahnhof zu fahren, weil er sie

keiner Zugluft aussetzen wollte: so mußte sie wohl oder übel zu Hause

bleiben und voll Ungeduld die Minuten zählen, bis der Vater da sein

konnte. Als die Gondel unten, an den bekrönten Pfählen angebunden war,

war kein Halten mehr. Elisabeth lief, so rasch sie konnte, die Treppe

hinunter, warf sich lachend und weinend dem Obersten an die Brust,

der ob dieser Ueberschwenglichkeit etwas verdutzt und fast verlegen

dreinschaute. Dann kamen auch schon die Pflegerin und die alte Gräfin

herbei, schalten und jammerten über den Ungehorsam der jungen Frau, die

doch noch keine Treppen steigen sollte, und Ettore, der hinter seinem

Schwiegervater stand, nahm ohne weiteres Elisabeth wie ein Kind auf

den Arm und trug sie hinauf in ihr Zimmer, wo das Bettchen des kleinen

Priuli stand. Der Oberst war außerordentlich zufrieden. Er besah den

Enkel und fand natürlich, daß er ein ungewöhnlich schönes und kräftiges

Kind sei, dann wandte er sich zu seiner Tochter:

»Na, Liesel, Du schaust aber gut aus! Scheint Dir nicht schlecht zu

gehen bei Deinem Mann!«

»Mir geht's ja auch ausgezeichnet, hauptsächlich jetzt, wo ich Dich

wieder habe!« entgegnete Elisabeth strahlenden Gesichts. Sie ergriff

die Hand ihres Vaters, drückte sie an ihr Gesicht und küßte sie. Eine

Mutter hätte vielleicht aus ihrer übergroßen Freude, aus der ganzen

Art, wie die junge Frau sich gab und betrug, gemerkt, daß irgend etwas

nicht ganz stimmte, hätte vielleicht gesehen, daß in diesem Antlitz

trotz seiner rosigen Fülle ein paar Linien auf der Stirne standen, die

nicht vom Glück gezogen waren, daß um den Mund ein kleiner, fremder Zug

lag, der vor einem Jahr nach nicht da gewesen war. Der Oberst aber war

ein Mann und sah nur, daß die Tochter stärker geworden war, daß sie

in diesem Augenblick vor Freude leuchtete, und es fiel ihm mit keinem

Gedanken ein, daß eine Frau, die gar so stürmisch nach dem Vater

verlangt, wohl in dem Mann nicht alles gefunden hat, was sie in ihm zu

finden hoffte. Während seines ganzen Aufenthalts, der sich über mehrere

Wochen erstreckte, blieb er arglos, ohne Frage, freute sich über die

Tochter und das Enkelkind, über Venedig und all seine Schönheiten,

denen er jetzt ja beinahe verschwägert war.

»Weißt Du, Liesel, das ist so schön, daß man in Venedig quasi auch zu

Hause ist. Wenn ich jetzt herfahre, habe ich immer das Gefühl, als

fahre ich auch ein bissel heim! In meinem Leben hätt' ich mir's nicht

träumen lassen, daß ich doch noch einmal in Italien verwurzeln soll.

Spät ist's ja gekommen, für mich eigentlich zu spät, aber schön ist's

doch!«

Elisabeth sah ihn mit großen Augen an.

»Hast Du wirklich das Gefühl, daß Du hier zu Hause bist?«

»Aber natürlich! Wo mein Kind zu Hause ist, bin ich auch zu Hause. Oder

geht's Dir nicht etwa ebenso?«

Elisabeth nickte und erwiderte nichts. Wozu den Vater beunruhigen,

wozu Fragen, Antworten und Erklärungen heraufbeschwören, für die

sie weder Erklärung noch Gegenrede gefunden, denen sie nichts

entgegenzusetzen hätte als das dumpfe Gefühl, daß ihr Herz sich hier

nimmer eingewöhnen konnte. -- Eins nur hatte den Oberst peinlich

berührt, die Hausgenossenschaft der Damen Priuli, gegen die er doch

schon früher energisch protestiert hatte. Nicht als ob sie ihn durch

Indiskretion oder aufdringliches Vorhandensein gestört hätten, nein,

solange er da war, bekam er sie kaum zu Gesicht, aber er wunderte sich

doch ein wenig, daß Elisabeth nicht über sie klagte, sondern sie als

selbstverständlich hinnahm.

»Weißt Du, Liesel, allerhand Hochachtung vor Dir! Aber den

Schwiegerdrachen beständig im Hause zu haben, wäre nicht mein Geschmack

gewesen! Wäre auch nicht nach dem Geschmack der meisten Frauen!«

Elisabeth lächelte.

»O, die Mama ist gar kein Drache ...«

»Und wenn auch nicht, ich weiß nicht, junge Eheleute sollten doch

allein sein! Ewig und immerfort mit dritten am Tisch zu sitzen! Ihr

habt doch kaum Zeit, Euch über alle möglichen Dinge miteinander

auszusprechen ...«

»Wir haben so viel Zeit, Papa, so viel Zeit, wie Du Dir gar nicht

denken kannst! Und es gibt auch gar nicht so viel Dinge, über die man

sich aussprechen muß!«

»So? Ich meine aber doch --«

Der Oberst brach ab. Nicht etwa, weil ihm das Thema heikel vorkam oder

weil er in der Stimme seiner Tochter leise Bitterkeit spürte, sondern

bloß weil er auf seine eigene Ehe hatte Bezug nahmen wollen und weil

ihm dann einfiel, daß jede Aehnlichkeit zwischen seiner Ehe und der

seiner Tochter fehlte. Er meinte also gutmütig:

»Ja, freilich, Ihr habt's gut. Deine arme Mutter hat's nicht so gut

gehabt! Das war ein ewiges Rechnen und Sorgen und Erschrecktsein vor

unerwarteten Ausgaben, und die gute Frau hat dann immer gemeint, es

wird leichter, wenn sie's mit mir bespricht. Und ich -- na, Du weißt

ja, wie wenig Zeit unsereins hat und wie zuwider man ist, wenn man

müd' und verärgert vom Dienst heimkommt! Du hast's besser, Gott sei

Dank, und Du kannst wirklich als kleines Reugeld für Dein Glück den

Schwiegerdrachen in Kauf nehmen, zudem er sich ja zivil benimmt, wie Du

sagst!«

»Durchaus zivil, ich kann nicht über sie klagen!«

Sie überlegte einen Augenblick, ob sie ihren Vater in die Intimitäten

der Familie Priuli einweihen, ihm etwa von Eleonorens aussichtsloser

Liebe, ihrer schönen Stimme und ihrer Trägheit sprechen sollte, aber

sie unterließ es. Sie dachte sich, daß in gewissen Dingen ihr Vater,

so verschieden er sonst auch von den Priuli sein mochte, mit der

alten Gräfin übereinstimmen würde, daß er besonders deren Abneigung

gegen ein Heraustreten der Tochter aus dem häuslichen Kreis verstehen

und billigen konnte. War doch auch nach der Beendigung des großen

Erbschaftsstreites beinahe sein erstes Wort so gewesen:

»Liesel, jetzt hört das blödsinnige Kopieren und Sich-ums-Geld-schinden

auf! Jetzt machst Du's wie andere junge Mädchen, suchst Dir einen Mann,

der Dir gefällt, und wirst eine brave Hausfrau und Mutter. Das ist doch

allemal das Beste auf der Welt, da können sie sagen und probieren, was

sie wollen!«

Auch als er jetzt einmal mit ihr in der Galerie vor dem Bild der

›Dogaressa‹ stand, meinte er lachend:

»Wahrhaftig, Du bist jetzt fein heraus! Du mußt doch heilfroh sein, daß

Du Dich nicht mehr mit dem Farbenklecksen quälen mußt, nur um ein paar

Groschen zu verdienen, sondern malen kannst, was Du willst und wann Du

willst und wie Du willst!«

Elisabeth sagte zögernd:

»Ich weiß nicht, Papa, wenn ich jetzt an die Zeit denke, kommt sie mir

eigentlich sehr schön vor!«

Der Oberst lachte.

»Jawohl, in der Erinnerung ist Misere ganz hübsch. Aber wenn man sie

durchlebt -- -- Bei Dir hat sie eben gerade zur rechten Zeit aufgehört,

darum bewahrst Du ihr so ein freundliches Gedenken, aber ich sage Dir,

dank Deinem Schöpfer, daß Du heraus bist, und wenn Du Zeit hast, dann

kannst Du ja für mich einmal das Bild kopieren und mir schicken. Dann

kann ich mir, so oft ich es ansehe, einbilden, daß ich in Venedig und

bei Dir bin!«

Elisabeth war glücklich über diese Idee, die sie freilich selbst schon

gehabt hatte, deren Ausführung aber dem kleinen Priuli zuliebe immer

wieder verschoben worden war.

»Jetzt aber mach' ich mich dann gleich ans Werk. Weißt Du, ich werde

jetzt mein Leben damit zubringen, die ›Dogaressa‹ zu kopieren, denn

jeder von Euch soll sie haben, Du und jeder von den Buben!«

Die Wochen seines Venezianer Aufenthalts vergingen dem Obersten wieder

wie ein ununterbrochenes Fest. Wo immer er hinsah, erblickte er

Schönheit, Stil, Pracht und Glück, und sein altes Künstlerherz schlug

wieder so jung, als hätte er niemals den zweifarbigen Rock getragen und

wäre tagaus, tagein an der surrenden Maschine des Dienstes gestanden.

Ein einziges Mal nur wurde ihm kalt im Palazzo Priuli, das war, als

ihm Elisabeth den ganzen Palast von oben bis unten zeigte, ihm nicht

nur alle baulichen Veränderungen und Neuerungen wies, sondern auch

sein Kennerauge auf jede kostbare Einzelheit der Einrichtung und der

Zimmerausstattung lenkte. Zuerst war er freilich voll Entzücken und

Staunen, dann aber fragte er doch halb lachend, halb ärgerlich:

»Donnerwetter, die Geschichte muß Euch ein schönes Geld gekostet haben!«

Elisabeth sah ihn nicht an, als sie fragte:

»Wie hoch taxierst Du es?«

Der Oberst zuckte die Achseln. Wie sollte er so etwas taxieren, er,

dessen höchste Jahresgage noch nicht die Einrichtung eines einzigen

Prunkraumes dieses Palastes hätte bestreiten können! Elisabeth aber

beharrte:

»So rate doch, Papa, ich bitte Dich, rate einmal!«

Und der Oberst riet, nannte Zahlen, die ihm zuerst hoch, dann

schwindelnd, dann lächerlich vorkamen, aber immer noch schüttelte

Elisabeth verneinend den Kopf, bis sie endlich sagte: »Laß nur,

Papa, Du errätst es doch nicht! Über eine Viertelmillion Lire haben

wir für all diese Anschaffungen und (setzte sie leiser hinzu)

Ueberflüssigkeiten bezahlt!«

Der Oberst prallte zurück.

»Eine Viertel Million! Aber das ist ja ... das ist ...«

Er fand nicht das richtige Wort. Er wollte nichts Kränkendes sagen und

begriff doch nicht, wie die jungen Leute, wie vor allem seine sparsam

erzogene Tochter fast ein Fünftel der Mitgift gleich zu Anfang hatte

weggeben können, nur um ein Haus zu erneuern und zu verschönern, das

doch vorher auch schon bewohnt gewesen war.

»O, Papa, Du weißt nicht, wie verfallen und verlottert alles war! Von

außen sah sich alles sehr schön an, aber im Innern -- --«

»Aber um eine Viertel Million baut man ja einen neuen Palast!«

»Wenn Ettore ihn einrichtet, kostet ein neuer sechsmal soviel. Er hat

ja bei nichts nach dem Preis gefragt, alles nur bestellt, wie es schön

war, ohne Kostenvoranschlag, ohne Garantie ...«

»Aber da soll ja doch das Donnerwetter dreinschlagen! Solche Sachen

darf er doch nicht machen, und Du darfst sie auch nicht erlauben!«

»Jetzt ist es geschehen; ein zweites Mal kommt nicht mehr in Betracht!«

»Sind denn die Rechnungen schon alle bezahlt?«

»Ja, sie waren bezahlt. Ettore hatte tagelang mit allen Lieferanten

gefeilscht und gestritten, denn ihre ursprünglichen Forderungen waren

noch beträchtlich höher gewesen, nur gegen bare Bezahlung hatten sie

zugegeben, daß er ihnen gewichtige Posten von der Rechnung abstrich.

Der Oberst war froh, als er hörte, daß alles beglichen war. Freilich,

das Budget der jungen Ehe schränkte sich dadurch schon um ein gut Teil

ein.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 7 / 18 段