einem leuchtenden Mirakel, das ein durchsichtiges Ungeheuer aus
orientalischer Sage auf dem Rücken trägt. Elisabeth war von dieser
Stadt und vom eigenen Glück wieder erfüllt wie damals, als sie ihr zum
erstenmal ins Antlitz sah, und alle Verstimmung war vergessen. Es gab
ja jetzt auch in ihrem eigenen Hause so vielerlei für sie zu sehen
und zu tun, daß sie, selbst wenn sie gewollt, keine Zeit gefunden
hätte, über sich nachzudenken. Zunächst mußte sie alles beschauen
und auch bewundern, was sich in dem alten Palazzo verändert hatte,
so sehr verändert, daß man seine Gemächer kaum wiedererkannte. Alles
war nach Ettores Angaben stilvoll ergänzt oder auch neu beschafft
worden, und sie mußte sich gestehen, daß es ihrem Mann nicht an
Geschmack gebrach. Man hatte aus halb vergessenen Speichern und
verlassenen Zimmern allerlei alte Möbel, Bilder, Spiegel und Zierate
herbeigeschafft, hatte ausgebessert, was sich kunstvoll ausbessern
ließ, hatte frische Seidentapeten gespannt, alte Stukkaturen gereinigt,
so daß der Palazzo nun aussah, als hebe seine neue, große Zeit
eben an. Neben der Pietät für den Stil und der Vorliebe für einen
gewissen Prunk war aber auch der Komfort nicht zu kurz gekommen, den
Elisabeth von ihrer deutschen Heimat gewöhnt war. Der Palazzo, in
dem man sich bis zur Stunde an Marmorkaminen oder mit Kohlenbecken
erwärmt hatte, besaß jetzt eine Warmwasserheizung, elektrisches
Licht und gerade in den Wirtschaftsräumen alle Raffinements, die
ein vornehmer, von anspruchsvollen Dienstboten geleiteter Betrieb
verlangt. Nur eins vermißte Elisabeth: ein Zimmer, das ohne Pracht,
nur mit tiefer Behaglichkeit ausgestattet war und ihr, ihren Büchern,
ihren Skizzen und ihren Träumen gehören sollte. Es war wohl neben dem
großen Empfangssalon ein sogenanntes Boudoir mit Louis-XV.-Möbeln und
rosenfarbenem Damastbezug vorhanden, ein Raum, geschaffen für eine
elegante Dame und ihre kleinen, mondänen Phantasien, nicht aber für
eine Frau, die's gewöhnt war, sich aus dem Alltag heraus eine besondere
Welt zu schaffen. Da Elisabeth merkte, daß Ettore gerade auf die
Ausstattung dieses Raumes sehr stolz war, tadelte sie nichts daran,
schien vielmehr entzückt von seiner duftigen Grazie und dachte bei
sich, daß es ihr schon gelingen würde, sich den traulichen Winkel zu
gestalten, den sie sich wünschte.
Bei aller Bewunderung für den Geschmack ihres Mannes und die Schönheit
des neuen Heims ließ aber ein ängstlicher Gedanke sie nicht los, die
vielleicht kleinbürgerliche Frage, was all diese Herrlichkeit wohl
kosten mochte. Sie war ja zu sehr an enge Sparsamkeit gewöhnt, als daß
sie sich von heut auf morgen an große Verhältnisse und Ziffern hätte
gewöhnen können, und vorsichtig fragte sie Ettore immer wieder nach den
Rechnungen. Er lachte sie aus.
»Die werden wir später schon sehen, verlaß Dich darauf! Und erschrick
nicht, wenn die Lieferanten phantastische Summen aufgerechnet haben!
Davon handeln wir natürlich mindestens die Hälfte, wenn nicht drei
Viertel ab!«
Elisabeth machte große Augen. Sie wußte wohl, daß man in den kleinen
Ramschbasaren und Läden der Merceria die Preise nach Belieben
herunterdrücken konnte, aber bei großen Geschäftsleuten, die so
wertvolle Arbeit lieferten wie im Palazzo Priuli, kam ihr das
unwahrscheinlich vor.
»Es muß doch ein Voranschlag gemacht worden sein?«
»Voranschlag hin, Voranschlag her, -- darum kümmert sich hier kein
Mensch! Das mußt Du nicht mit deutschen Verhältnissen messen! Die Leute
verlangen hundert Prozent mehr als sie verdienen und sind zufrieden,
wenn man ihnen nur fünfundsiebzig davon abstreicht. Zerbrich Dir
darüber den Kopf nicht und überlasse das mir! ~L'Italia farà da sè!~«
Sie zerbrach sich auch wirklich nicht den Kopf darüber, zudem es für
sie im Haushalt viel Ungewohntes und allerlei Schwierigkeiten gab.
Sie mußte sich mit der neuen Dienerschaft einleben, deren Dialekt sie
schlecht verstand und deren große Zahl sie erschreckte. Ettore hatte
auch in dieser Hinsicht aus dem vollen gewirtschaftet, und Elisabeth
konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, noch einen kleinen Neger zu
engagieren, der sich eben in diesen Tagen als Boy anbot. Sie war
nun wirklich ganz froh, daß sie vorläufig mit den Damen Priuli im
gemeinsamen Haushalt lebte, denn die alte Gräfin verstand sich doch
auf die Sprache, die Gewohnheiten und die Ansprüche der Dienerschaft
und konnte der jungen Frau da in vieler Hinsicht nützlich sein. Dabei
brauchte Elisabeth noch nicht einmal zu fürchten, daß die Gräfin,
die Unerfahrenheit der Schwiegertochter mißbrauchend, darauf bedacht
sein würde, das Regiment im Hause an sich zu reißen. Die alte Gräfin
war weder herrschsüchtig noch bösartig und besaß keine der deutschen
Schwiegermuttertücken, die ihr der Oberst zugetraut hatte. Sie war
geistig indolent, dazu müde vom Leben und von dem freilich nur passiven
Widerstand, den sie dem immer weiterschreitenden Verfall ihres Hauses
entgegengesetzt hatte. Vom Klagen und von den Jahren war ihre Stimme
allmählich so jammernd geworden, daß in ihrem Munde selbst Heiteres
sich betrüblich anhörte und Elisabeth das Herz schwer wurde, wenn diese
Stimme zu sprechen begann.
Seit damals der Brief der Gräfin eingetroffen war, hatten sich Ettore
und Elisabeth natürlich auch lebhaft mit der Frage beschäftigt, wie
es wohl um die Heirat Eleonorens stünde, von der die ~mamma~ damals
schrieb. Weder die Gräfin noch Eleonore waren bis jetzt mit einem Wort
über diese Angelegenheit herausgekommen, und Elisabeth, der doch seit
dem Brief ein kleines, ein ganz kleines Mißtrauen geblieben war, dachte
schon, daß die ganze Geschichte wohl nur eine Finte gewesen sei, um ihr
unversehens den gemeinsamen Haushalt aufzudrängen. Als die ersten Tage
in Venedig mit all ihrer Unruhe und ermüdenden Geschäftigkeit vorüber
waren, fragte sie Ettore einmal, ob seine Mutter oder seine Schwester
denn auch zu ihm gar nichts äußerten. Er zuckte die Achseln.
»Nein, kein Wort! Ich glaube überhaupt, daß die ganze Geschichte nur
eine Einbildung oder ähnliches war! Eleonore hat immer von Zeit zu Zeit
die Idee, daß ein Freier für sie da ist! ~Poverina~, sie möchte doch so
gerne heiraten!«
Nun wurde Elisabeth neugierig, ob Ettores Worte und ihr eigenes Gefühl
recht behielten, und sie versuchte, Eleonore vorsichtig auszuhören. Das
Mädchen aber blieb verschlossen, schien Elisabeth nicht zu verstehen
oder gab lachend ausweichende Antworten, so daß die junge Frau dachte,
es müsse doch seine Richtigkeit, wenn auch ein besonderes Bewenden mit
dem Freier haben.
Jeden Nachmittag zwischen drei bis vier Uhr besuchte Elisabeth die
alte Gräfin in deren eigenen Gemächern, die ebenfalls renoviert und
geschmackvoll eingerichtet worden waren, nur daß hier, auf den Wunsch
der Gräfin, die Zentralheizung fehlte. Die alte Dame wollte sich an
solche Neuheiten nicht mehr gewöhnen, ihr genügte das Kohlenbecken,
an dem sie sich die Hände wärmte, und an sehr kalten Tagen der
Marmorkamin. Aber ehe sie sich entschloß, ihn zu heizen, wickelte sie
sich lieber in alle möglichen Tücher, Mäntel und Pelze, und Elisabeth
mußte anfangs immer lachen, wenn sie ins Zimmer trat und die beiden
Damen unförmlich vermummt, wie Pelzmäntel Patiencen legen oder lesen
sah. Fröstelnd oder ebenfalls in einen Pelz gehüllt, verplauderten
sie dann eine halbe Stunde, und Elisabeth freute sich immer wieder,
in die gleichmäßige Wärme des oberen Stockwerks zurückzukehren. Eines
Tages aber, da Eleonore zu einer weitläufigen Verwandten gegangen
war, richtete sich Elisabeth bei ihrer Schwiegermutter zu einem
längeren Gespräch ein und fragte, wie es denn mit Eleonorens Heirat
stehe. Die alte Gräfin wiegte verneinend den Kopf. Nein, nein, damit
war nicht mehr zu rechnen. Es war nur ein Hoffnungsschimmer gewesen,
eine trügerische Lockung, wie die Gräfin sie mit den Töchtern so oft
erlebt hatte. Eleonore hatte einen jungen, erst kürzlich nach Venedig
versetzten Offizier kennen gelernt, der auf großem Fuße lebte, sehr
wohlhabend zu sein schien und sich in Eleonore verliebt hatte. Auch
Eleonore war gleich Feuer und Flamme für ihn, aber als es ans Freien
ging, stellte sich heraus, daß er nichts hatte als Schulden und nicht
daran denken konnte, ein armes Mädchen zu heiraten.
Wie die Gräfin diese ganz alltägliche und doch so traurige Geschichte
zweier junger Menschen mit ihrer jammernden Stimme erzählte,
traten Elisabeth Tränen in die Augen. Sie ergriff die Hand ihrer
Schwiegermutter, streichelte sie und meinte, daß solch ein Freier
leicht zu verschmerzen sei und Eleonore gewiß zu etwas Besserem
aufgespart sei. Die Gräfin sah über die junge Frau weg und schüttelte
wieder den Kopf.
»~No, no!~ Für uns gibt es nichts mehr! Die Priuli haben kein Glück
mehr, sie mögen anfangen, was sie wollen!«
»Sag' solche Sachen nicht, Mutter! Das Glück kommt doch immer wieder,
wenn man es nur erwarten kann! Siehst Du, auch zu mir ist es ja noch
gekommen, und ich war genau so verzweifelt, wie Eleonore jetzt wohl
ist!«
Aber die Gräfin ließ sich nicht zureden.
»Du hast gut reden, erwarten! Meinst Du, meine anderen Töchter haben
nicht auch gewartet, Tag um Tag und Jahr auf Jahr? ~Misericordia~, was
haben die armen Dinger geweint und zum Himmel gebetet, daß er ihnen
einen Mann schicken soll! Sie haben's nicht erwarten können und haben
ins Kloster müssen. Nein, nein, die Priuli haben kein Glück mehr!«
Eigensinnig beharrte sie mit ihrer jammernden Stimme bei dem
Vernichtungsspruch, den sie ihrem eigenen Blut sprach, und Elisabeth
war so bewegt, daß sie überhörte, wie wenig schmeichelhaft er für sie
selbst war. Sie sah, daß hier mit Worten nichts getan war, sagte darum
nur noch:
»Liebe Mutter, Eleonore wird und soll ganz gewiß heiraten, und
zwar glücklich heiraten. Und wenn es nur am Geld hängt, dann laß
das meine und Ettores Sorge sein. Wir können natürlich Eleonore
nicht so ausstatten, daß sie eine glänzende Partie wird, aber eine
Offizierskaution bringen wir schon auf. Und wenn's sein muß, schränken
wir uns lieber ein wenig ein -- mir ist ohnehin alles zu großartig
angelegt --, aber Deine letzte Tochter soll das Los haben, das ihr
gehört, soll einen Mann nehmen, den sie liebt, nur freilich nicht einen
Schuldenmacher oder Abenteurer!«
Sie wartete, daß die Miene der Gräfin sich ein wenig aufhellen, daß
sie zuversichtlicher werden und wieder an eine Glücksmöglichkeit
glauben sollte, aber das Gesicht der alten Dame blieb sorgenvoll wie
es war, und sie dankte Elisabeth nur so nebenhin, als ob doch alles
ganz zwecklos und unfähig sei, dem geschlagenen Hause der Priuli wieder
Glanz und Glück zu verleihen.
Elisabeth ließ einige Tage verstreichen, dann trat sie einmal, ehe sie
zu dem Nachmittagsbesuch bei der Schwiegermutter ging, zu Eleonorens
Zimmer hin. Wie sie die Türe öffnen wollte, ließ sie die Hand plötzlich
untätig auf der Klinke ruhen, lauschte und zögerte einzutreten. Denn
aus dem Zimmer ertönte halblauter Gesang, die Stimme Eleonorens, die
irgendein kleines Volkslied vor sich hin sang. Weder der Text noch die
Melodie waren irgendwie bedeutsam, aber in dieser Mädchenstimme klang
so viel Süße, verhaltener Schmerz und verhaltene Lust, daß Elisabeth
ganz vergaß, warum sie eigentlich gekommen war, und immer noch vor der
Türe stehen blieb, bis der Gesang drinnen verstummte.
Eleonore sprang auf, als sie die Schwägerin sah, schob ihr einen
bequemen Stuhl herbei, stopfte ihr Kissen in den Rücken und unter die
Füße, tat völlig unbefangen und war auch heute nicht bereit, ihr Herz
zu erschließen. Elisabeth erzählte ihr von dem Gespräch, das sie mit
der Gräfin gehabt hatte, wiederholte ihr Anerbieten und bat Eleonore,
die Geschichte mit dem Offizier genau zu überlegen und sie dann mit ihr
und Ettore zu besprechen. Eleonore aber schüttelte lächelnd den Kopf.
»O, Liebe, das ist alles ganz anders als Du denkst. Wir können nicht
heiraten, nein, wir können nicht. Er ist ein eleganter, verwöhnter und
luxusbedürftiger Mensch und wäre steinunglücklich, wenn er sich in arme
Verhältnisse schicken sollte. Und wenn +er+ unglücklich wäre, dann
wär' +ich's+ doch auch, nicht wahr? Wir wissen auch schon, daß wir nie
heiraten können, und man findet sich ab ... Ich habe mich sogar schon
ganz leidlich abgefunden und bin eigentlich ärgerlich auf die Mama,
daß sie der Geschichte immer noch nachhängt und Dir den Kopf davon
vollredet!«
Elisabeth drang nicht weiter in Eleonore. Sie merkte wohl, daß das
Mädchen mit seinem Herzenserlebnis keineswegs so fertig war, wie es
behauptete. Sie merkte es an Eleonorens Wesen und mehr noch aus den
abgerissenen Klängen, die sie jetzt fast immer vernahm, so oft sie
die Wohnung der Gräfin betrat. Es war, als ob das Mädchen in der Brust
eine Nachtigall trüge, die süß und berückend sang, was Eleonorens Mund
verschwieg.
Bei einem andern Nachmittagsbesuch fragte darum Elisabeth die alte
Gräfin, ob sie nie daran gedacht habe, Eleonorens Stimme ausbilden zu
lassen. Die Gräfin schien sehr erstaunt. Ausbilden? Nein, daran hatten
sie nie gedacht, wozu auch? Das hätte doch nur Geld gekostet und hätte
zu nichts genützt. Wenn Eleonore nicht mit ihrer Schönheit ihr Glück
machte, so kam es auf ihre Stimme erst recht nicht an. Kein Mann würde
danach fragen, ob sie musikalisch sei oder nicht ...
»So meine ich es auch nicht, aber die Stimme Eleonorens ist so schön,
und sie selbst ist eine so prachtvolle Erscheinung, daß sie, nach
meiner Ansicht, bei der Bühne sicher ihren Weg machen würde.«
Die Gräfin schlug die Hände zusammen, sah die Schwiegertochter
entgeistert an.
»~Misericordia~, was für eine abscheuliche Idee! Eine Priuli
Komödiantin!«
Es war so absurd, so ungeheuerlich, daß die Gräfin sich in gar keine
Auseinandersetzung über den Vorschlag einlassen wollte. Vergeblich
versuchte Elisabeth ihr klarzumachen, daß in Deutschland junge Leute
aus den besten Familien zur Bühne drängten, daß eine schöne Stimme
unter Umständen ein Millionenkapital sei, das man nicht brachliegen
lassen dürfe, und daß mit einem Schlag Eleonorens Los sich wenden
könne, sobald sie ein großes Engagement habe.
»Wenn sie sich jetzt ernsthaft ans Studium macht, käme sie auch
leichter über die dumme Liebesgeschichte mit dem Leutnant weg! Man
könnte sie fortgeben von hier nach Mailand oder Paris, und in einem
halben Jahr dächte sie nicht mehr an ihren kleinen Abenteurer!«
Die Gräfin aber hörte kaum auf das, was die Schwiegertochter sprach.
Mochten sie in Deutschland denken und tun was sie wollten, -- eine
Priuli konnte nicht zur Bühne gehen, konnte überhaupt nicht in der
Oeffentlichkeit für Geld arbeiten! Elisabeth sah, daß mit der alten
Dame nichts zu machen war, und beschloß, gelegentlich mit Eleonore zu
sprechen. Das Mädchen hörte ihr mit ungläubigem Lächeln zu, als ob
sie irgendeine Fabelgeschichte erzählte, entgegnete nicht so entsetzt
wie die Mutter, aber mit leisem Hochmut in der Stimme ungefähr genau
dasselbe: »Eine Priuli geht nicht zur Bühne!«
»Nun, dann wenigstens für den Konzertsaal! Denk' Dir doch, was für
Chancen sich Dir erschließen! Du hast eine Stimme, hast den Nimbus
Deiner Schönheit und Deines Namens, -- sei überzeugt, die Freier werden
sich um Dich drängen. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn Du endlich
einmal draußen stehst in der Welt und in großen Städten, als immerfort
hier sitzest, in demselben Kreis, in dem jeder jeden kennt.«
Eleonore sagte nicht direkt nein, machte aber alle möglichen
Ausflüchte. Die Stimme sei gar nicht so schön, wie Elisabeth meine. Sie
sei auch sehr von Zufälligkeiten abhängig, könne oft wochenlang keinen
Ton aus der Kehle bringen. Eigentlich könne sie überhaupt nur singen,
wenn's ihr gerade einfiel, und das Lernen, planmäßiges, strenges Lernen
sei ihr von jeher schwer gefallen. Und die ~mamma~, die arme ~mamma~
könne sie doch auch nicht allein lassen ...
Elisabeth hörte ihr zu und begriff sie nicht. Wieder dachte sie an ihre
eigene Mädchenzeit, an ihre einsamen, verschwiegenen Herzenskämpfe und
an das harte Ringen ihres kleinen Talentes um ein bißchen Verdienst
und ein bißchen Tagesinhalt. Wenn einer ihr und ihrem armen Bewerber
damals eine Summe zur Verfügung gestellt hätte, wie sie neulich der
Schwiegermutter für Eleonorens Heirat, -- sie wären sich vorgekommen
wie rechte Glückskinder und hätten voll Hoffnung und Seligkeit auf die
Offizierskaution ihr Leben aufgebaut. Und wenn einer ihr später, als
der Jugendtraum begraben war, gesagt hätte, daß ihr Talent groß genug
sei, um ihr Stellung und Glanz in der Welt zu geben, -- sie hätte
gehungert oder gebettelt, um sich die Möglichkeiten zur Ausbildung zu
verschaffen, und hätte im Bewußtsein ihres Besitzes und ihres künftigen
Könnens mit keinem König getauscht. Wie anders war dies Mädchen! So
eingeengt in Herkommen und Äußerlichkeiten, daß sie's begreiflich
fand, wenn der Mann die Heirat verweigerte, weil er sich nicht genug
Vorteile davon versprach, und ihn obendrein noch liebte. So trägen
Geistes, so unfähig, aus sich selbst heraus den kühnen Sprung ins
Ungewisse zu tun, daß sie lieber ein köstliches Leben verschwendete,
ehe sie sich aufraffte, um dem Los zu entgehen, das die Schwestern
hatten wählen müssen. Ob Elisabeth sich's auch nicht eingestehen
wollte, so konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß es dieselbe
Trägheit war, kraft deren Ettore halbe Tage lang im heißen Sand liegen
und mit so viel Genuß das müßige Leben des Reisebummels führen konnte.
Vielleicht war diese Trägheit nur ein Familienfehler, eine Schwäche der
alten Rasse, die keines Aufstiegs mehr fähig war, vielleicht aber hatte
sie überall ringsum Wurzel geschlagen in allen Palästen, in der ganzen
Stadt, im ganzen Lande. -- Wie Elisabeth das dachte, fühlte sie, daß
ihr das Herz schwer werde und sich gleich darauf wieder aufbäumte, daß
sie nun am Ende für alle Zeit an die Trägen, Ueberjährten gebunden sein
würde ...
Bis sich das junge Paar im Palazzo völlig eingerichtet und eingewöhnt
hatte, war der Winter fast zu Ende. Elisabeth, die nichts mehr von den
Vergnügungen der Saison hatte mitmachen können, freute sich auf das
Frühjahr und drängte vom ersten warmen Tag an, daß Ettore mit ihr nach
Udine fahren sollte, um von dort aus mit einer Wagenfahrt die Güter zu
erreichen, die künftighin sein Arbeitsfeld bilden würden. Ettore hörte
solche Vorschläge nicht gern, verschob die Reise von einer Woche zur
andern und fand schließlich, als Elisabeths Eigensinn doch immer wieder
auf die Güter zurückkam, daß es sehr unzweckmäßig sei, wenn sie jetzt,
in ihrem schonungsbedürftigen Zustand, sich zuerst einer Eisenbahn- und
dann noch einer längeren Wagenfahrt aussetzen würde. Elisabeth aber
lachte vergnügt.
»Ettore, ich bitte Dich, ich bin doch keine Prinzessin! Denk' einmal,
wie viele Frauen in der gleichen Lage genau so arbeiten müssen wie
sonst, und sie bringen doch gesunde Kinder zur Welt! Ich würde mich
schämen, wenn ich da nicht einmal mehr eine kleine Reise ertragen
könnte!«
Ettore schnitt ein Gesicht. Er sah, daß er nachgeben mußte, und er
fand sich selbst jetzt töricht und unvorsichtig, daß er damals, vor
der Hochzeit, mit den Gütern geflunkert hatte, nur um den deutschen
Schwägern zu imponieren und ihren lästigen Fragen zu entgehen.
Weder die Bahnstrecke noch die Wagenfahrt boten Reize. Die Gegend
war eintönig, flach, zum größten Teil von Oliven und Mais bestanden,
zwischen die sich immer wieder schwarze, in der Sonne blauschillernde
Sumpfflecken drängten. Die Straßen waren von dürftigen Laubbäumen
eingefaßt, deren Stämme miteinander durch schwere Girlanden von Wein
verbunden waren, so daß die Straße festlich aussah, wie eine ~Via
triumphalis~, durch die aber nie mehr ein Sieger schreiten wird,
weil alles ringsum versunken ist in Verlotterung, Vergessenheit und
Sumpf. Da und dort tauchten halbzerfallene Häuser auf, Frauen mit
struppigen Haaren standen am Weg, glotzten den Wagen an, streckten
gewohnheitsmäßig die Hand zur Bettlergeste aus, während braune,
zerlumpte Kinder sich spielend im fußhohen Staub wälzten, der die
ärmlichen Wiesen mit einem grauen Schleier überdeckte.
Elisabeth sprach eifrig, lachte, versuchte aufgeräumt zu erscheinen,
damit Ettore nicht merken sollte, wie sich ihr die melancholische
Einförmigkeit der Gegend auf die Brust legte. Er merkte es auch gar
nicht, denn er hatte keinen Sinn für Unterströmungen der Gefühle, war
auch im Augenblick zu sehr mit dem Eindruck beschäftigt, den seine Frau
wohl von den Gütern empfangen mußte, die so ganz verschieden von dem
waren, was ihre Phantasie geträumt und erzählt hatte. Schließlich hielt
der Wagen vor einem abgegrenzten, weiten Plan, um den stückweise eine
grüne Hecke lief, während an andern Stellen Mais, Oliven und Weinstöcke
wild durcheinander standen, nur da und dort einer Korkeiche gerade so
viel Raum gewährend, daß sie ihre breiten Wurzeln ins trockene Erdreich
krallen konnte. Im Hintergrund eines Feldes erhob sich ein Haus,
das ein wenig größer war als die andern, die bisher am Weg sichtbar
geworden, aber genau ebenso brüchig, unsauber und trostlos aussehend
wie sie.
»~Ecco~, wir sind am Ziel!«
Ettore half seiner Frau aus dem Wagen, bot ihr den Arm und führte sie
mit einer pompösen Geste, die sehr schlecht zu der dürftigen Umgebung
paßte, auf das zerfallene Haus zu. -- --