An dem Tag, da das junge Paar heimkehrte, glich Venedig wieder

einem leuchtenden Mirakel, das ein durchsichtiges Ungeheuer aus

orientalischer Sage auf dem Rücken trägt. Elisabeth war von dieser

Stadt und vom eigenen Glück wieder erfüllt wie damals, als sie ihr zum

erstenmal ins Antlitz sah, und alle Verstimmung war vergessen. Es gab

ja jetzt auch in ihrem eigenen Hause so vielerlei für sie zu sehen

und zu tun, daß sie, selbst wenn sie gewollt, keine Zeit gefunden

hätte, über sich nachzudenken. Zunächst mußte sie alles beschauen

und auch bewundern, was sich in dem alten Palazzo verändert hatte,

so sehr verändert, daß man seine Gemächer kaum wiedererkannte. Alles

war nach Ettores Angaben stilvoll ergänzt oder auch neu beschafft

worden, und sie mußte sich gestehen, daß es ihrem Mann nicht an

Geschmack gebrach. Man hatte aus halb vergessenen Speichern und

verlassenen Zimmern allerlei alte Möbel, Bilder, Spiegel und Zierate

herbeigeschafft, hatte ausgebessert, was sich kunstvoll ausbessern

ließ, hatte frische Seidentapeten gespannt, alte Stukkaturen gereinigt,

so daß der Palazzo nun aussah, als hebe seine neue, große Zeit

eben an. Neben der Pietät für den Stil und der Vorliebe für einen

gewissen Prunk war aber auch der Komfort nicht zu kurz gekommen, den

Elisabeth von ihrer deutschen Heimat gewöhnt war. Der Palazzo, in

dem man sich bis zur Stunde an Marmorkaminen oder mit Kohlenbecken

erwärmt hatte, besaß jetzt eine Warmwasserheizung, elektrisches

Licht und gerade in den Wirtschaftsräumen alle Raffinements, die

ein vornehmer, von anspruchsvollen Dienstboten geleiteter Betrieb

verlangt. Nur eins vermißte Elisabeth: ein Zimmer, das ohne Pracht,

nur mit tiefer Behaglichkeit ausgestattet war und ihr, ihren Büchern,

ihren Skizzen und ihren Träumen gehören sollte. Es war wohl neben dem

großen Empfangssalon ein sogenanntes Boudoir mit Louis-XV.-Möbeln und

rosenfarbenem Damastbezug vorhanden, ein Raum, geschaffen für eine

elegante Dame und ihre kleinen, mondänen Phantasien, nicht aber für

eine Frau, die's gewöhnt war, sich aus dem Alltag heraus eine besondere

Welt zu schaffen. Da Elisabeth merkte, daß Ettore gerade auf die

Ausstattung dieses Raumes sehr stolz war, tadelte sie nichts daran,

schien vielmehr entzückt von seiner duftigen Grazie und dachte bei

sich, daß es ihr schon gelingen würde, sich den traulichen Winkel zu

gestalten, den sie sich wünschte.

Bei aller Bewunderung für den Geschmack ihres Mannes und die Schönheit

des neuen Heims ließ aber ein ängstlicher Gedanke sie nicht los, die

vielleicht kleinbürgerliche Frage, was all diese Herrlichkeit wohl

kosten mochte. Sie war ja zu sehr an enge Sparsamkeit gewöhnt, als daß

sie sich von heut auf morgen an große Verhältnisse und Ziffern hätte

gewöhnen können, und vorsichtig fragte sie Ettore immer wieder nach den

Rechnungen. Er lachte sie aus.

»Die werden wir später schon sehen, verlaß Dich darauf! Und erschrick

nicht, wenn die Lieferanten phantastische Summen aufgerechnet haben!

Davon handeln wir natürlich mindestens die Hälfte, wenn nicht drei

Viertel ab!«

Elisabeth machte große Augen. Sie wußte wohl, daß man in den kleinen

Ramschbasaren und Läden der Merceria die Preise nach Belieben

herunterdrücken konnte, aber bei großen Geschäftsleuten, die so

wertvolle Arbeit lieferten wie im Palazzo Priuli, kam ihr das

unwahrscheinlich vor.

»Es muß doch ein Voranschlag gemacht worden sein?«

»Voranschlag hin, Voranschlag her, -- darum kümmert sich hier kein

Mensch! Das mußt Du nicht mit deutschen Verhältnissen messen! Die Leute

verlangen hundert Prozent mehr als sie verdienen und sind zufrieden,

wenn man ihnen nur fünfundsiebzig davon abstreicht. Zerbrich Dir

darüber den Kopf nicht und überlasse das mir! ~L'Italia farà da sè!~«

Sie zerbrach sich auch wirklich nicht den Kopf darüber, zudem es für

sie im Haushalt viel Ungewohntes und allerlei Schwierigkeiten gab.

Sie mußte sich mit der neuen Dienerschaft einleben, deren Dialekt sie

schlecht verstand und deren große Zahl sie erschreckte. Ettore hatte

auch in dieser Hinsicht aus dem vollen gewirtschaftet, und Elisabeth

konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, noch einen kleinen Neger zu

engagieren, der sich eben in diesen Tagen als Boy anbot. Sie war

nun wirklich ganz froh, daß sie vorläufig mit den Damen Priuli im

gemeinsamen Haushalt lebte, denn die alte Gräfin verstand sich doch

auf die Sprache, die Gewohnheiten und die Ansprüche der Dienerschaft

und konnte der jungen Frau da in vieler Hinsicht nützlich sein. Dabei

brauchte Elisabeth noch nicht einmal zu fürchten, daß die Gräfin,

die Unerfahrenheit der Schwiegertochter mißbrauchend, darauf bedacht

sein würde, das Regiment im Hause an sich zu reißen. Die alte Gräfin

war weder herrschsüchtig noch bösartig und besaß keine der deutschen

Schwiegermuttertücken, die ihr der Oberst zugetraut hatte. Sie war

geistig indolent, dazu müde vom Leben und von dem freilich nur passiven

Widerstand, den sie dem immer weiterschreitenden Verfall ihres Hauses

entgegengesetzt hatte. Vom Klagen und von den Jahren war ihre Stimme

allmählich so jammernd geworden, daß in ihrem Munde selbst Heiteres

sich betrüblich anhörte und Elisabeth das Herz schwer wurde, wenn diese

Stimme zu sprechen begann.

Seit damals der Brief der Gräfin eingetroffen war, hatten sich Ettore

und Elisabeth natürlich auch lebhaft mit der Frage beschäftigt, wie

es wohl um die Heirat Eleonorens stünde, von der die ~mamma~ damals

schrieb. Weder die Gräfin noch Eleonore waren bis jetzt mit einem Wort

über diese Angelegenheit herausgekommen, und Elisabeth, der doch seit

dem Brief ein kleines, ein ganz kleines Mißtrauen geblieben war, dachte

schon, daß die ganze Geschichte wohl nur eine Finte gewesen sei, um ihr

unversehens den gemeinsamen Haushalt aufzudrängen. Als die ersten Tage

in Venedig mit all ihrer Unruhe und ermüdenden Geschäftigkeit vorüber

waren, fragte sie Ettore einmal, ob seine Mutter oder seine Schwester

denn auch zu ihm gar nichts äußerten. Er zuckte die Achseln.

»Nein, kein Wort! Ich glaube überhaupt, daß die ganze Geschichte nur

eine Einbildung oder ähnliches war! Eleonore hat immer von Zeit zu Zeit

die Idee, daß ein Freier für sie da ist! ~Poverina~, sie möchte doch so

gerne heiraten!«

Nun wurde Elisabeth neugierig, ob Ettores Worte und ihr eigenes Gefühl

recht behielten, und sie versuchte, Eleonore vorsichtig auszuhören. Das

Mädchen aber blieb verschlossen, schien Elisabeth nicht zu verstehen

oder gab lachend ausweichende Antworten, so daß die junge Frau dachte,

es müsse doch seine Richtigkeit, wenn auch ein besonderes Bewenden mit

dem Freier haben.

Jeden Nachmittag zwischen drei bis vier Uhr besuchte Elisabeth die

alte Gräfin in deren eigenen Gemächern, die ebenfalls renoviert und

geschmackvoll eingerichtet worden waren, nur daß hier, auf den Wunsch

der Gräfin, die Zentralheizung fehlte. Die alte Dame wollte sich an

solche Neuheiten nicht mehr gewöhnen, ihr genügte das Kohlenbecken,

an dem sie sich die Hände wärmte, und an sehr kalten Tagen der

Marmorkamin. Aber ehe sie sich entschloß, ihn zu heizen, wickelte sie

sich lieber in alle möglichen Tücher, Mäntel und Pelze, und Elisabeth

mußte anfangs immer lachen, wenn sie ins Zimmer trat und die beiden

Damen unförmlich vermummt, wie Pelzmäntel Patiencen legen oder lesen

sah. Fröstelnd oder ebenfalls in einen Pelz gehüllt, verplauderten

sie dann eine halbe Stunde, und Elisabeth freute sich immer wieder,

in die gleichmäßige Wärme des oberen Stockwerks zurückzukehren. Eines

Tages aber, da Eleonore zu einer weitläufigen Verwandten gegangen

war, richtete sich Elisabeth bei ihrer Schwiegermutter zu einem

längeren Gespräch ein und fragte, wie es denn mit Eleonorens Heirat

stehe. Die alte Gräfin wiegte verneinend den Kopf. Nein, nein, damit

war nicht mehr zu rechnen. Es war nur ein Hoffnungsschimmer gewesen,

eine trügerische Lockung, wie die Gräfin sie mit den Töchtern so oft

erlebt hatte. Eleonore hatte einen jungen, erst kürzlich nach Venedig

versetzten Offizier kennen gelernt, der auf großem Fuße lebte, sehr

wohlhabend zu sein schien und sich in Eleonore verliebt hatte. Auch

Eleonore war gleich Feuer und Flamme für ihn, aber als es ans Freien

ging, stellte sich heraus, daß er nichts hatte als Schulden und nicht

daran denken konnte, ein armes Mädchen zu heiraten.

Wie die Gräfin diese ganz alltägliche und doch so traurige Geschichte

zweier junger Menschen mit ihrer jammernden Stimme erzählte,

traten Elisabeth Tränen in die Augen. Sie ergriff die Hand ihrer

Schwiegermutter, streichelte sie und meinte, daß solch ein Freier

leicht zu verschmerzen sei und Eleonore gewiß zu etwas Besserem

aufgespart sei. Die Gräfin sah über die junge Frau weg und schüttelte

wieder den Kopf.

»~No, no!~ Für uns gibt es nichts mehr! Die Priuli haben kein Glück

mehr, sie mögen anfangen, was sie wollen!«

»Sag' solche Sachen nicht, Mutter! Das Glück kommt doch immer wieder,

wenn man es nur erwarten kann! Siehst Du, auch zu mir ist es ja noch

gekommen, und ich war genau so verzweifelt, wie Eleonore jetzt wohl

ist!«

Aber die Gräfin ließ sich nicht zureden.

»Du hast gut reden, erwarten! Meinst Du, meine anderen Töchter haben

nicht auch gewartet, Tag um Tag und Jahr auf Jahr? ~Misericordia~, was

haben die armen Dinger geweint und zum Himmel gebetet, daß er ihnen

einen Mann schicken soll! Sie haben's nicht erwarten können und haben

ins Kloster müssen. Nein, nein, die Priuli haben kein Glück mehr!«

Eigensinnig beharrte sie mit ihrer jammernden Stimme bei dem

Vernichtungsspruch, den sie ihrem eigenen Blut sprach, und Elisabeth

war so bewegt, daß sie überhörte, wie wenig schmeichelhaft er für sie

selbst war. Sie sah, daß hier mit Worten nichts getan war, sagte darum

nur noch:

»Liebe Mutter, Eleonore wird und soll ganz gewiß heiraten, und

zwar glücklich heiraten. Und wenn es nur am Geld hängt, dann laß

das meine und Ettores Sorge sein. Wir können natürlich Eleonore

nicht so ausstatten, daß sie eine glänzende Partie wird, aber eine

Offizierskaution bringen wir schon auf. Und wenn's sein muß, schränken

wir uns lieber ein wenig ein -- mir ist ohnehin alles zu großartig

angelegt --, aber Deine letzte Tochter soll das Los haben, das ihr

gehört, soll einen Mann nehmen, den sie liebt, nur freilich nicht einen

Schuldenmacher oder Abenteurer!«

Sie wartete, daß die Miene der Gräfin sich ein wenig aufhellen, daß

sie zuversichtlicher werden und wieder an eine Glücksmöglichkeit

glauben sollte, aber das Gesicht der alten Dame blieb sorgenvoll wie

es war, und sie dankte Elisabeth nur so nebenhin, als ob doch alles

ganz zwecklos und unfähig sei, dem geschlagenen Hause der Priuli wieder

Glanz und Glück zu verleihen.

Elisabeth ließ einige Tage verstreichen, dann trat sie einmal, ehe sie

zu dem Nachmittagsbesuch bei der Schwiegermutter ging, zu Eleonorens

Zimmer hin. Wie sie die Türe öffnen wollte, ließ sie die Hand plötzlich

untätig auf der Klinke ruhen, lauschte und zögerte einzutreten. Denn

aus dem Zimmer ertönte halblauter Gesang, die Stimme Eleonorens, die

irgendein kleines Volkslied vor sich hin sang. Weder der Text noch die

Melodie waren irgendwie bedeutsam, aber in dieser Mädchenstimme klang

so viel Süße, verhaltener Schmerz und verhaltene Lust, daß Elisabeth

ganz vergaß, warum sie eigentlich gekommen war, und immer noch vor der

Türe stehen blieb, bis der Gesang drinnen verstummte.

Eleonore sprang auf, als sie die Schwägerin sah, schob ihr einen

bequemen Stuhl herbei, stopfte ihr Kissen in den Rücken und unter die

Füße, tat völlig unbefangen und war auch heute nicht bereit, ihr Herz

zu erschließen. Elisabeth erzählte ihr von dem Gespräch, das sie mit

der Gräfin gehabt hatte, wiederholte ihr Anerbieten und bat Eleonore,

die Geschichte mit dem Offizier genau zu überlegen und sie dann mit ihr

und Ettore zu besprechen. Eleonore aber schüttelte lächelnd den Kopf.

»O, Liebe, das ist alles ganz anders als Du denkst. Wir können nicht

heiraten, nein, wir können nicht. Er ist ein eleganter, verwöhnter und

luxusbedürftiger Mensch und wäre steinunglücklich, wenn er sich in arme

Verhältnisse schicken sollte. Und wenn +er+ unglücklich wäre, dann

wär' +ich's+ doch auch, nicht wahr? Wir wissen auch schon, daß wir nie

heiraten können, und man findet sich ab ... Ich habe mich sogar schon

ganz leidlich abgefunden und bin eigentlich ärgerlich auf die Mama,

daß sie der Geschichte immer noch nachhängt und Dir den Kopf davon

vollredet!«

Elisabeth drang nicht weiter in Eleonore. Sie merkte wohl, daß das

Mädchen mit seinem Herzenserlebnis keineswegs so fertig war, wie es

behauptete. Sie merkte es an Eleonorens Wesen und mehr noch aus den

abgerissenen Klängen, die sie jetzt fast immer vernahm, so oft sie

die Wohnung der Gräfin betrat. Es war, als ob das Mädchen in der Brust

eine Nachtigall trüge, die süß und berückend sang, was Eleonorens Mund

verschwieg.

Bei einem andern Nachmittagsbesuch fragte darum Elisabeth die alte

Gräfin, ob sie nie daran gedacht habe, Eleonorens Stimme ausbilden zu

lassen. Die Gräfin schien sehr erstaunt. Ausbilden? Nein, daran hatten

sie nie gedacht, wozu auch? Das hätte doch nur Geld gekostet und hätte

zu nichts genützt. Wenn Eleonore nicht mit ihrer Schönheit ihr Glück

machte, so kam es auf ihre Stimme erst recht nicht an. Kein Mann würde

danach fragen, ob sie musikalisch sei oder nicht ...

»So meine ich es auch nicht, aber die Stimme Eleonorens ist so schön,

und sie selbst ist eine so prachtvolle Erscheinung, daß sie, nach

meiner Ansicht, bei der Bühne sicher ihren Weg machen würde.«

Die Gräfin schlug die Hände zusammen, sah die Schwiegertochter

entgeistert an.

»~Misericordia~, was für eine abscheuliche Idee! Eine Priuli

Komödiantin!«

Es war so absurd, so ungeheuerlich, daß die Gräfin sich in gar keine

Auseinandersetzung über den Vorschlag einlassen wollte. Vergeblich

versuchte Elisabeth ihr klarzumachen, daß in Deutschland junge Leute

aus den besten Familien zur Bühne drängten, daß eine schöne Stimme

unter Umständen ein Millionenkapital sei, das man nicht brachliegen

lassen dürfe, und daß mit einem Schlag Eleonorens Los sich wenden

könne, sobald sie ein großes Engagement habe.

»Wenn sie sich jetzt ernsthaft ans Studium macht, käme sie auch

leichter über die dumme Liebesgeschichte mit dem Leutnant weg! Man

könnte sie fortgeben von hier nach Mailand oder Paris, und in einem

halben Jahr dächte sie nicht mehr an ihren kleinen Abenteurer!«

Die Gräfin aber hörte kaum auf das, was die Schwiegertochter sprach.

Mochten sie in Deutschland denken und tun was sie wollten, -- eine

Priuli konnte nicht zur Bühne gehen, konnte überhaupt nicht in der

Oeffentlichkeit für Geld arbeiten! Elisabeth sah, daß mit der alten

Dame nichts zu machen war, und beschloß, gelegentlich mit Eleonore zu

sprechen. Das Mädchen hörte ihr mit ungläubigem Lächeln zu, als ob

sie irgendeine Fabelgeschichte erzählte, entgegnete nicht so entsetzt

wie die Mutter, aber mit leisem Hochmut in der Stimme ungefähr genau

dasselbe: »Eine Priuli geht nicht zur Bühne!«

»Nun, dann wenigstens für den Konzertsaal! Denk' Dir doch, was für

Chancen sich Dir erschließen! Du hast eine Stimme, hast den Nimbus

Deiner Schönheit und Deines Namens, -- sei überzeugt, die Freier werden

sich um Dich drängen. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn Du endlich

einmal draußen stehst in der Welt und in großen Städten, als immerfort

hier sitzest, in demselben Kreis, in dem jeder jeden kennt.«

Eleonore sagte nicht direkt nein, machte aber alle möglichen

Ausflüchte. Die Stimme sei gar nicht so schön, wie Elisabeth meine. Sie

sei auch sehr von Zufälligkeiten abhängig, könne oft wochenlang keinen

Ton aus der Kehle bringen. Eigentlich könne sie überhaupt nur singen,

wenn's ihr gerade einfiel, und das Lernen, planmäßiges, strenges Lernen

sei ihr von jeher schwer gefallen. Und die ~mamma~, die arme ~mamma~

könne sie doch auch nicht allein lassen ...

Elisabeth hörte ihr zu und begriff sie nicht. Wieder dachte sie an ihre

eigene Mädchenzeit, an ihre einsamen, verschwiegenen Herzenskämpfe und

an das harte Ringen ihres kleinen Talentes um ein bißchen Verdienst

und ein bißchen Tagesinhalt. Wenn einer ihr und ihrem armen Bewerber

damals eine Summe zur Verfügung gestellt hätte, wie sie neulich der

Schwiegermutter für Eleonorens Heirat, -- sie wären sich vorgekommen

wie rechte Glückskinder und hätten voll Hoffnung und Seligkeit auf die

Offizierskaution ihr Leben aufgebaut. Und wenn einer ihr später, als

der Jugendtraum begraben war, gesagt hätte, daß ihr Talent groß genug

sei, um ihr Stellung und Glanz in der Welt zu geben, -- sie hätte

gehungert oder gebettelt, um sich die Möglichkeiten zur Ausbildung zu

verschaffen, und hätte im Bewußtsein ihres Besitzes und ihres künftigen

Könnens mit keinem König getauscht. Wie anders war dies Mädchen! So

eingeengt in Herkommen und Äußerlichkeiten, daß sie's begreiflich

fand, wenn der Mann die Heirat verweigerte, weil er sich nicht genug

Vorteile davon versprach, und ihn obendrein noch liebte. So trägen

Geistes, so unfähig, aus sich selbst heraus den kühnen Sprung ins

Ungewisse zu tun, daß sie lieber ein köstliches Leben verschwendete,

ehe sie sich aufraffte, um dem Los zu entgehen, das die Schwestern

hatten wählen müssen. Ob Elisabeth sich's auch nicht eingestehen

wollte, so konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß es dieselbe

Trägheit war, kraft deren Ettore halbe Tage lang im heißen Sand liegen

und mit so viel Genuß das müßige Leben des Reisebummels führen konnte.

Vielleicht war diese Trägheit nur ein Familienfehler, eine Schwäche der

alten Rasse, die keines Aufstiegs mehr fähig war, vielleicht aber hatte

sie überall ringsum Wurzel geschlagen in allen Palästen, in der ganzen

Stadt, im ganzen Lande. -- Wie Elisabeth das dachte, fühlte sie, daß

ihr das Herz schwer werde und sich gleich darauf wieder aufbäumte, daß

sie nun am Ende für alle Zeit an die Trägen, Ueberjährten gebunden sein

würde ...

Bis sich das junge Paar im Palazzo völlig eingerichtet und eingewöhnt

hatte, war der Winter fast zu Ende. Elisabeth, die nichts mehr von den

Vergnügungen der Saison hatte mitmachen können, freute sich auf das

Frühjahr und drängte vom ersten warmen Tag an, daß Ettore mit ihr nach

Udine fahren sollte, um von dort aus mit einer Wagenfahrt die Güter zu

erreichen, die künftighin sein Arbeitsfeld bilden würden. Ettore hörte

solche Vorschläge nicht gern, verschob die Reise von einer Woche zur

andern und fand schließlich, als Elisabeths Eigensinn doch immer wieder

auf die Güter zurückkam, daß es sehr unzweckmäßig sei, wenn sie jetzt,

in ihrem schonungsbedürftigen Zustand, sich zuerst einer Eisenbahn- und

dann noch einer längeren Wagenfahrt aussetzen würde. Elisabeth aber

lachte vergnügt.

»Ettore, ich bitte Dich, ich bin doch keine Prinzessin! Denk' einmal,

wie viele Frauen in der gleichen Lage genau so arbeiten müssen wie

sonst, und sie bringen doch gesunde Kinder zur Welt! Ich würde mich

schämen, wenn ich da nicht einmal mehr eine kleine Reise ertragen

könnte!«

Ettore schnitt ein Gesicht. Er sah, daß er nachgeben mußte, und er

fand sich selbst jetzt töricht und unvorsichtig, daß er damals, vor

der Hochzeit, mit den Gütern geflunkert hatte, nur um den deutschen

Schwägern zu imponieren und ihren lästigen Fragen zu entgehen.

Weder die Bahnstrecke noch die Wagenfahrt boten Reize. Die Gegend

war eintönig, flach, zum größten Teil von Oliven und Mais bestanden,

zwischen die sich immer wieder schwarze, in der Sonne blauschillernde

Sumpfflecken drängten. Die Straßen waren von dürftigen Laubbäumen

eingefaßt, deren Stämme miteinander durch schwere Girlanden von Wein

verbunden waren, so daß die Straße festlich aussah, wie eine ~Via

triumphalis~, durch die aber nie mehr ein Sieger schreiten wird,

weil alles ringsum versunken ist in Verlotterung, Vergessenheit und

Sumpf. Da und dort tauchten halbzerfallene Häuser auf, Frauen mit

struppigen Haaren standen am Weg, glotzten den Wagen an, streckten

gewohnheitsmäßig die Hand zur Bettlergeste aus, während braune,

zerlumpte Kinder sich spielend im fußhohen Staub wälzten, der die

ärmlichen Wiesen mit einem grauen Schleier überdeckte.

Elisabeth sprach eifrig, lachte, versuchte aufgeräumt zu erscheinen,

damit Ettore nicht merken sollte, wie sich ihr die melancholische

Einförmigkeit der Gegend auf die Brust legte. Er merkte es auch gar

nicht, denn er hatte keinen Sinn für Unterströmungen der Gefühle, war

auch im Augenblick zu sehr mit dem Eindruck beschäftigt, den seine Frau

wohl von den Gütern empfangen mußte, die so ganz verschieden von dem

waren, was ihre Phantasie geträumt und erzählt hatte. Schließlich hielt

der Wagen vor einem abgegrenzten, weiten Plan, um den stückweise eine

grüne Hecke lief, während an andern Stellen Mais, Oliven und Weinstöcke

wild durcheinander standen, nur da und dort einer Korkeiche gerade so

viel Raum gewährend, daß sie ihre breiten Wurzeln ins trockene Erdreich

krallen konnte. Im Hintergrund eines Feldes erhob sich ein Haus,

das ein wenig größer war als die andern, die bisher am Weg sichtbar

geworden, aber genau ebenso brüchig, unsauber und trostlos aussehend

wie sie.

»~Ecco~, wir sind am Ziel!«

Ettore half seiner Frau aus dem Wagen, bot ihr den Arm und führte sie

mit einer pompösen Geste, die sehr schlecht zu der dürftigen Umgebung

paßte, auf das zerfallene Haus zu. -- --

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 6 / 18 段