»Aber schwerfällig ist alles, was Eure Dichter sagen. Warum muß nun da

schon wieder die Rede von Sorgen sein, die um alles herschweben? Ich

mag den Medici lieber, der ganz einfach sagt:

»Heut sei fröhlich, wer es mag,

Denn vom Morgen weißt Du nichts.«

Und er rekelte sich in der Sonne wie ein schönes, träges Tier, küßte

seine Frau und verstand nicht, daß sie sich mit einer angstvollen Hast

in seine Arme flüchtete, als ob ihr vor dem Morgen graute, dessen

Ungewißheit er und sein Dichter so leichthin nahmen ...

Zu seinem tiefen Behagen trug natürlich die vorteilhafte Veränderung

seiner äußeren Verhältnisse nicht wenig bei. Er konnte sich kaum je

einer Zeit erinnern, in der er so ohne alle Schwierigkeiten und im

Ueberfluß gelebt hatte wie jetzt. Seine Gläubiger hatten sich gern

bis zu seiner Rückkehr vertrösten lassen, der Palast wurde gründlich

renoviert und für das Leben nach außen hergerichtet, das Ettore sehr

liebte. Jeden Einfall, jede Laune konnte er sich befriedigen und

empfing noch obendrein dies alles nicht etwa von einer garstigen und

ungeliebten Frau, sondern von einer, die momentan zu seinen Sinnen

sprach und blind in ihn verliebt war. Wenn sie erst nach Venedig

zurückgekehrt und ein bißchen länger verheiratet waren, würde er

ihr auch die deutsche Gründlichkeit und den deutschen Ueberschwang

abgewöhnen, würde mit ihr eine sehr gute Ehe führen, so wie man in

seinen Kreisen eine gute Ehe verstand, ein Zusammenleben, bei dem man

immer ein schönes Bild bot, einander vielleicht auch zugetan war, sich

aber jedenfalls in nichts störte ... Natürlich sprachen sie oft von

Venedig und wie sie ihr künftiges Leben einrichten wollten. Ettore, der

sich gemerkt hatte, daß seine Frau ihn in irgendeiner Weise tätig sehen

wollte, sprach dann wieder von der Bewirtschaftung seiner Güter und dem

Aufschwung, den sie jetzt, unter seiner persönlichen Leitung nehmen

mußten. Elisabeth hörte das gerne und fragte vergnügt:

»Da werden wir also wohl nur die Hälfte des Jahres in Venedig leben und

die andere Hälfte auf dem Lande?«

Er sah sie etwas verblüfft an. Sie lachte.

»Aber, mein großes Kind, Du wirst doch nicht vom Canal Grande aus

Gutsherrschaft spielen können. Wir haben zwar nie ein Gut gehabt, aber

das weiß ich doch, daß man da immerfort selber nach dem Rechten sehen

und zur Stelle sein muß.«

Und weil sie meinte, er scheue sich vielleicht, ihr das Leben in einem

verlorenen, welschen Erdwinkel zuzumuten, fuhr sie eifrig fort:

»Ich freue mich sehr, wenn ich monatelang nicht in der Stadt zu sein

brauche! Es war eigentlich immer meine Sehnsucht, die Hälfte des Jahres

auf dem Lande zu sein!«

»Das ist ja sehr schön! Das läßt sich leicht machen!«

Er suchte und fand noch einige allgemeine Redensarten, kam aber an

späteren Tagen nur mehr mit Vorsicht auf das Thema von den Gütern

zurück. Wahrhaftig, diese exaltierte kleine Frau war imstande,

alles für Ernst zu nehmen und zu glauben, daß er, der schöne Ettore

Priuli, Lust hatte, sich für Monate unter die Bauern zu vergraben

und zu arbeiten! Dagegen erzählte er ihr gern und ausführlich von

der Gesellschaft Venedigs, von ihrem Reichtum, ihren Festen, ihrem

berechtigten Stolz und ihrem weitläufigen Klatsch. Elisabeth staunte

manches Mal, wie sein Gedächtnis all diese Salonkleinlichkeiten, diese

Frauenintrigen, Liebesgeschichten, Eheskandale und Geldaffären behielt.

Gewiß hatte sie auch daheim Klatsch- und Skandalgeschichten aus allen

möglichen Kreisen gehört, niemand aber hatte sie je so wichtig genommen

wie Ettore tat. Einmal fragte sie ihn auch nach der Fürstin Tassini,

deren Erscheinung inmitten des weißen, schwimmenden Rosenbeetes ihr

unvergeßlich geblieben war. Sie meinte, Ettore würde auch über sie so

viel wissen, wie über all die andern, aber seltsamerweise erwies er

sich da etwas zugeknöpft, wußte entweder nichts Besonderes über die

Tassinis oder wollte es nicht sagen. Elisabeth erfuhr nur, daß die

Fürstin, eine bürgerliche Engländerin, dem Fürsten, der seinerzeit ein

Salonlöwe Venedigs gewesen, eine märchenhafte Mitgift zugebracht habe,

daß aber die Ehe trotzdem schlecht gegangen sei. Er schilderte die

Fürstin, die er natürlich kannte, als kalt, herrisch und geldgierig,

während der Fürst wohl ausschweifend, aber doch ein guter, harmloser

Mensch sei. Er war bestrebt, die Schuld an dem Schiffbruch der

Tassinischen Ehe mehr auf die Frau als auf den Mann zu wälzen, tat

es teils instinktiv aus Korps- und auch aus Nationalgeist, mehr aber

noch, weil er es für klug fand, Elisabeth nicht alles erfahren zu

lassen, was in der Gesellschaft, der sie künftig angehören sollte,

möglich war und vorging. Er merkte wohl, daß sie sich für die Fürstin

interessierte, aber er hätte es nicht gern gehabt, daß seine Frau sich

mit der Engländerin befreundete, die ihr in gewissen Dingen nur ein

schlechtes Beispiel sein konnte. Denn obwohl niemand die Fürstin genau

kannte, spürte doch jeder, daß sie die Feindin des eigenen Mannes war,

und ihrem verschlossenen Gesicht, ihrem beherrschten Wesen traute man

alles zu, gerade weil man gar nichts von dem wußte, was in ihr vorging.

Oft auch bat Elisabeth ihn, daß er ihr von früher erzähle, von seiner

Kindheit, seiner Jugend, dem ganzen Leben, das er geführt hatte, bis

sie kam. Das tat er gern, berichtete aus allen möglichen Perioden

seines Lebens, Lustiges, Drolliges, wohl auch ein wenig Sentimentales,

aber kaum je Ernsthaftes oder gar Leidvolles. Nur als er vom Tode

seines Vaters sprach, liefen ihm Tränen über die Wangen, und Elisabeth

merkte da wieder, wie schon bei andern Gelegenheiten, wie tief in ihm

das Familiengefühl und die Liebe für die Familie, die ihn geboren

hatte, wurzelten. Diese Liebe war aber doch wieder ganz anders als das

Gefühl, das Elisabeth daheim als Kindesliebe kennen gelernt hatte. Es

war etwas, das viel stärker und auch viel dumpfer schien, etwas, das

in Tiefen wurzelte, von denen verfeinerte Naturen nichts mehr wissen,

etwas, das nach Nestwärme roch und das, wie alle ursprünglichen Dinge,

zu sehr Hohem oder zu sehr Niedrigem führen konnte. Elisabeth konnte

sich keine Rechenschaft geben, wie dies Gefühl auf sie wirkte, sie

fand auch im Augenblick kein Wort dafür und suchte es auch nicht. Der

Bildungsgang, den Ettore genommen hatte, schien, soviel aus seinen

Erzählungen hervorging, ziemlich undiszipliniert und wenig gründlich.

Er war fast immer von Hauslehrern und Hofmeistern unterrichtet worden,

hatte nie irgendein Examen gemacht, hatte freilich auch nie die

beschämenden Heimlichkeiten, die verbissene Auflehnung, die inneren

Kämpfe der deutschen heranwachsenden Männerjugend erlebt. Er war ein

ganz guter, durchaus nicht renitenter Schüler gewesen, aber schon als

Kind hatte er sich, als ein Priuli, jedem Lehrer als Mensch überlegen

gefühlt und für das Wissen des andern nur eine sehr geringe Achtung

gehabt. Er war von seinen Eltern streng kirchlich, das heißt zur

peinlichen Beobachtung aller äußeren religiösen Vorschriften angehalten

worden, ohne daß ihn jemals irgendwer zur Frömmelei oder zum Fanatismus

verleitet hätte. Selbstverständlich war man im Hause Priuli durchaus

konservativ und königstreu, aber schon der alte Graf Priuli hatte

sich wenig um Politik gekümmert, und Ettore tat es noch weniger, weil

er fand, daß bei all dem Hin und Her doch nichts herauskomme. Mit

Staunen und mit leisem Neid hörte Elisabeth, wie hell und innerlich

unbewegt diese Knaben- und Jünglingsjahre dahingegangen waren. Da war

nichts von dem Widerstreit, von den wirklichen oder eingebildeten

Seelenkonflikten und -problemen, mit denen sie und ihre Brüder sich

selbst und gegenseitig gequält hatten, nichts von Zweifeln, die

schmerzhaft an ältesten Ueberlieferungen nagten, nichts von Weltschmerz

oder jugendlichem Größenwahn, nichts von gigantischen, hold-unmöglichen

Zukunftsplänen für sich und eine neu zu erfassende Welt, nichts

von der großen, gärenden Torheit, die sich in dem Worte »Jugend«

zusammenpreßt und in der Erinnerung späterer Jahre so schön scheint,

daß jeder wirkliche Erfolg neben ihrem erträumten verblaßt. Niemals

hatte der junge Priuli mit sich oder mit andern um eine Weltanschauung

gerungen, niemals daran gezweifelt, daß die Welt gut eingerichtet und

schön und er ein Bevorzugter auf ihr sein müsse. Ein- oder zweimal

hatte Elisabeth versucht, ihm von ihren erlebten und miterlebten

tragikomischen Jugendkämpfen zu sprechen, aber er hatte so wenig davon

verstanden, daß sie schnell und ein wenig beschämt schwieg. Sie kam

sich vor, als hätte sie liebe, verblaßte, altmodische Familienbilder

vor jemand ausgebreitet, der sie kühl und ein wenig spöttisch mit dem

Maßstab moderner Erscheinungen maß. Es stand nun für Elisabeth ziemlich

fest, daß sie einen Teil des Jahres auf den Gütern leben würden. Ettore

wußte gar nicht, wie er ihr diesen Gedanken wieder ausreden sollte,

denn wenn er auch vorsichtig andeutete, daß diese Güter sehr bescheiden

und in der Entwicklung sehr zurückgeblieben seien, so meinte sie immer,

er hätte Angst, daß ihr alles dort zu einfach, zu bäuerisch sei, und

sie bemühte sich dann erst recht, ihm zu versichern, wie glücklich sie

dort sein würden, ganz allein, fern der Welt, gemeinsam arbeitend und

sich gemeinsam des Lohnes der Arbeit freuend. Ettore, der sich selber

innerlich verwünschte, daß er diese Komödie mit der Gutsverwaltung

angefangen hatte, hoffte im stillen, daß sie in Venedig, im Treiben der

Stadt und der Gesellschaft, die Geschichte mit den Gütern vergessen

würde, denn selbstverständlich wollte er doch nicht jetzt schon

offenbaren, wie es in Wahrheit damit stand. Er bekam daher einen hellen

Schreck, als sie ihm eines Tages ankündigte:

»Weißt Du, sobald wir in Venedig ein wenig eingerichtet sind und gutes

Wetter kommt, mußt Du mir Deinen Landbesitz zeigen. Unser allererster

Ausflug soll die Fahrt dahin sein.«

Ettore sagte: »Ja, ja!« Und fragte, um dem Gespräch eine andere Wendung

zu geben, ob Elisabeth sich denn nicht auf all die Gesellschaften und

Feste freue, die sie in Venedig erwarteten.

»Gewiß freu' ich mich, denn das wird jedenfalls etwas ganz anderes sein

als die Garnisonbälle oder die Künstlerfeste bei mir daheim! Aber weißt

Du, auf was ich mich am meisten freue?«

Ettore dachte:

»Ich wette, jetzt kommt wieder ›auf das Landleben mit Dir‹!«

Er sagte aber nichts, sondern sah seine Frau nur mit gespanntem Lächeln

an.

»Auf die ›Dogaressa‹ freu' ich mich am meisten. Ich werde sie jeden Tag

besuchen, und sobald wir ein wenig in Ordnung sind, will ich eine Kopie

davon machen, für Papa zu Weihnachten. Ich habe das Gefühl, als hätt'

ich, seit ich in Italien bin, eine Menge gelernt, nur vom Schauen und

von all der Schönheit, die Tag für Tag um einen her ist ...«

Er neckte sie ein wenig ob ihrer Streberei und meinte im stillen,

daß sie in Venedig wohl an ganz andere Dinge zu denken habe als ihre

Malerei. Er ließ aber nichts davon vernehmen, denn er wußte nun schon,

daß sie immerfort allerlei Gründlichkeiten wollte, die ihm überflüssig

vorkamen, und außerdem hielt er die Schwärmerei um ein altes Bild herum

für ein harmloses und drolliges Ding.

Eines Tages, da er ganz allgemein von seiner Mutter und seiner

Schwester sprach, fragte Elisabeth:

»Warum hat eigentlich Eleonore noch nicht geheiratet? Ein so

wunderschönes Mädchen --«

Er zuckte die Achseln.

»Was willst Du?! Meine zwei andern Schwestern haben auch nicht

geheiratet und waren kaum weniger schön.«

Elisabeth schwieg, der Gedanke an die beiden Nonnen hatte sie stets

bedrückt, wann immer von ihnen die Rede war. So sagte sie auch jetzt

leiser und unsicher:

»Die beiden andern folgten doch wohl einem inneren Drang --«

Ettore lachte auf.

»Nein, es war die Misere! Sie sahen ja doch, daß sie keine Männer

bekamen. Was blieb ihnen denn da anderes, um mit Anstand vom Hause

fortzukommen und zu leben?!«

»Hätte es wirklich gar nichts anderes für sie gegeben? Hatte keine

von ihnen ein Talent oder eine Fähigkeit oder auch nur einen starken

Willen für irgendeinen Wirkungskreis, der sie glücklich gemacht hätte?«

Elisabeth fragte es gütig, aber er hörte doch einen feinen Unterton von

Widerspruch und Mißfallen heraus. So wurde auch seine Stimme schärfer,

als er entgegnete:

»Soll eine Priuli vielleicht Sängerin werden oder Lehrerin oder

Buchhalterin?!«

Elisabeth wich einer direkten Antwort aus.

»Ich habe all die Jahre her kopiert und alles mögliche gemalt

und bin ganz zufrieden damit gewesen. Und mein Vater war doch

Regimentsoberst --«

»Ach Gott, das sind Sachen, die bei Euch in Deutschland, in Euren

kleinen Verhältnissen gehen, aber eine Priuli in Venedig, die kann

nicht um Geld arbeiten!«

Elisabeth merkte, daß hier keine Verständigung möglich sei. Sie lenkte

also ab und sagte herzlich:

»Ich hoffe zuversichtlich, daß Eleonore heiraten wird!«

Ettore zuckte die Achseln.

»Bah, ein Mädchen ohne Mitgift! Wer wird die heiraten?!«

Zum erstenmal dachte da Elisabeth, ob auch sie am Ende um ihrer

Mitgift willen geheiratet worden sei. Bisher war sie nie auf diese

Vermutung gekommen, denn da sie von Haus aus arm gewesen, war ihr das

berechtigte Mißtrauen reich geborener Töchter fern geblieben. Kaum im

Besitze des neuen Vermögens, hatte sie sich dann mit Ettore verlobt,

der doch (so meinte sie) unmöglich hatte wissen können, ob sie eine

glänzende Partie sei oder nicht. Auch jetzt war ihr der Gedanke nur

so angeflogen, faßte keine Wurzel, so daß sie wie im Scherz leichten

Herzens fragte:

»Aber, Ettore, es heiraten doch nicht alle nach Geld. Hättest Du mich

denn nicht genommen, wenn ich zufällig ein armes Ding gewesen wäre?«

Ettore erwiderte unbekümmert und heiter:

»Nein! Das hätt' ich ja gar nicht gekonnt!«

Elisabeth wurde rot, schloß eine Sekunde lang die Augen. Zum erstenmal

war sie zornig auf ihren Mann, so zornig, daß sie seine Nähe kaum

ertragen konnte. O, sie begriff wohl, daß er, der Träger eines

glänzenden aber verarmten Namens, nicht nur aus Liebe freien, sondern

auch eine reiche Frau haben wollte. Das war ja überall so, in der

ganzen Welt, und gerade weil sie wußte, daß sie geliebt wurde, hätte

sie's leicht ertragen, daß bei der Liebe ihr Geld eine Nebenrolle

gespielt hatte. Aber die unverhüllte Offenheit, mit der Ettore ihr

ins Gesicht sagte, daß er sie ohne Geld nie zur Frau genommen hätte,

verletzte sie, und mit ihren geschlossenen Augen sah sie durch Raum

und Jahre weit entfernt einen anderen Mann vor sich, der ihr ungefähr

dasselbe gesagt hatte ... Ihre Jugendliebe war's gewesen, der Offizier,

den sie gern gehabt und wegen ihrer Armut nicht hatte heiraten können.

Auch er hatte damals ungefähr gesprochen: »Ich kann kein Mädchen ohne

Geld heiraten, ich muß mindestens die Kaution bekommen!«, aber wie

anders, wie ganz anders war dieser Mann mit seinem Bekenntnis vor ihr

gestanden. Stockend, mit sich kämpfend, beschämt und verwirrt hatte er

ihr's abgelegt, so daß ihr Mitleid mit der Qual, die sie ihm ansah,

fast größer gewesen war als der Schmerz über seinen Verlust. Ettore

aber nahm und gestand das Unvermeidliche selbstverständlich und heiter

ein, wie es in allem seine Art war. Nichts vermochte ihm die Laune zu

trüben, die ewig hell und sonnig blieb, wie die Tage seines begnadeten

Landes. Und plötzlich fiel Elisabeth eine tiefe Sehnsucht an nach

der Regenstimmung der bayerischen Hochebene und nach einem Menschen,

der unzufrieden war, der mit sich oder mit dem Schicksal im Streite

lag. -- -- --

Weihnachten und Neujahr waren vorübergegangen, im Februar wollte das

junge Paar nach Venedig zurückkehren. Elisabeth war schon müde vom

Reisen, von all den neuen, immer wechselnden Eindrücken und sehnte sich

nach der Ruhe des eigenen Heims. Auch Ettore dachte nicht ungern an die

Rückkehr. Seiner Veranlagung nach hätte er zwar gut und auch gern noch

monatelang das elegante, müßige Reiseleben fortgesetzt, aber er freute

sich doch auf Venedig, auf die ~mamma~, auf seine Freunde, auf den

Klub, kurz auf alles, was seit Jahren sein Dasein gebildet und erfüllt

hatte. Auch daß er dann nicht mehr Tag für Tag, Stunde für Stunde mit

seiner Frau zusammengespannt war, dünkte ihm angenehm, denn wenngleich

er immer noch verliebt in sie war, so wurde sie ihm doch mitunter etwas

unbequem mit ihren vielen Fragen und geistigen Ansprüchen, die er

nicht beantworten oder auch gar nicht verstehen konnte. Es gefiel ihm

ja sehr, daß sie offenbar etwas in ihm gesehen hatte und noch sah, das

er selbst nicht kannte, aber er spürte manches Mal eine leise innere

Ungeduld, wenn sie verlangte, daß er dem Bild gleichen sollte, das sie

sich von ihm gemacht hatte. Und er dachte bei sich, daß es für sie

beide vorteilhaft sein würde, wenn sie nach einem fast fünfmonatlichen,

unausgesetzten Beisammensein nun zeitweise durch andere Menschen, durch

die Ansprüche des täglichen und gesellschaftlichen Lebens für kurze

Zeitspannen voneinander abgerückt würden.

Die Vorfreude auf die Heimat wurde durch einen Brief aus Venedig

getrübt, wenigstens für Elisabeth. Der Brief kam von der Gräfin

Priuli, war an den Sohn gerichtet und meldete, daß die Handwerksleute

im Palazzo Priuli schon jetzt, fast einen Monat vor dem festgesetzten

Termin, mit ihren Arbeiten zu Ende wären. Diese Ueberpünktlichkeit

schien auf den ersten Blick erstaunlich, aber als Ettore weiterlas,

begriff er sie gut, denn die alte Gräfin hatte eben -- -- Ettore freute

sich von Herzen und fand, daß die ~mamma~ eine überaus kluge und

praktische Frau sei. Wie er jetzt aber Elisabeth den Brief vorlesen

oder wenigstens mitteilen sollte, wurde ihm ein wenig unbehaglich

zumute. Elisabeth fragte:

»Was gibt's zu Hause Neues, Lieber? Was schreibt Deine Mutter?«

Er spielte verlegen mit dem Brief, sagte es dann geradezu, wie ein

Schuljunge, der sich endlich zu einem kecken Geständnis zusammenrafft.

»Merk auf, ~carina~! Die ~mamma~ schreibt, daß sie die großen

Umänderungen für eine eigene Küche und Wirtschaftsräume für sich nicht

hat machen lassen, weil für Eleonore eine Heirat in Aussicht steht. Und

wenn Eleonore heiratet, dann zieht die ~mamma~ natürlich zu ihr, und

sie meint, es sei Unsinn, wegen ein paar Monate einen Kamin einzubauen,

den dann doch niemand mehr braucht --«

»Und dann beabsichtigt also Deine Mutter --«

Ettore unterbrach sie, sprudelte hastig hervor, was er und seine Mutter

wollten. Jawohl, für die paar Monate, bis zu Eleonorens Hochzeit, würde

man insofern mit den beiden Damen einen gemeinsamen Haushalt führen,

als Ettores Mutter und Schwester an den Mahlzeiten des jungen Paares

teilnehmen sollten. Die Wohnräume blieben natürlich getrennt, aber

in der Sache mit dem Kamin hatte die ~mamma~ doch recht, das mußte

Elisabeth doch einsehen ...

Elisabeth sagte zunächst kein Wort. Sie sah, daß die Priuli über ihren

Kopf hinweg gerade das taten, was sie und ihr Vater nicht gewollt

hatten, daß sie aus irgendeinem Grund ein Zusammenleben erzwangen, das

schon jetzt, noch ehe es begonnen hatte, auf der jungen Frau lastete.

Sie wußte, daß ihr Mann nichts von dem begriff, was jetzt in ihr

vorging, daß er glücklich war in dem Gedanken, nach wie vor mit Mutter

und Schwester zusammen zu sitzen, indes Elisabeth sich nach keiner

andern Stunde so gesehnt hatte als nach der, in der sie zum erstenmal

allein mit dem geliebten Mann am eigenen Tisch saß. Sie war voll Zorn

und ohnmächtiger Liebe und konnte nichts denken als:

»Die Brut! Er denkt an nichts als an seine Brut!«

Ganz plötzlich war ihr dies Wort mit seinem animalischen Dunst in den

Sinn gekommen, und sie hätte es ihm ins Gesicht gesagt, wenn sie gewußt

hätte, wie es auf italienisch hieß. So fragte sie nur hart und trocken:

»Wir werden also in Venedig nie mehr allein sein?«

Ettore lachte. Nein, wie diese törichte Frau doch übertreiben konnte!

Nie mehr, -- wie das klang! Als ob der Tag nicht vierundzwanzig Stunden

hätte, und als ob es darauf ankäme, ob an zweien davon die ~mamma~ und

die Schwester bei ihnen säßen und sich mitfreuten über die schönen

Sachen, die der neuengagierte Koch herstellen würde! Und alles war ja

auch nur eine Frage der Zeit, der ganz kurzen Zeit bis zu Eleonorens

Hochzeit ... Elisabeth entgegnete nichts. Das war wieder eine jener

scheinbar gleichgültigen Fragen, über die sie sich nicht einigen

konnten. Er, der immer nur die Wirklichkeit der Dinge sah, begriff

nie, daß Elisabeth noch etwas hinter ihnen suchte, daß für sie vieles

Bedeutung hatte, was für ihn nur ein gleichgültiger oder alltäglicher

Vorgang war. Da sie immer noch stumm blieb, meinte er sie mit dem

letzten Argument zu überzeugen:

»Siehst Du, es kommt ja so auch viel billiger, als wenn wir der ~mamma~

einen eigenen Haushalt einrichten!«

»Wir ... der ~mamma~ einrichten ...?«

Elisabeth glaubte nicht recht gehört zu haben. Mehr als einmal hatte

Ettore ja von den festen, wenn auch bescheidenen Renten seiner Mutter

gesprochen; wie kam er also jetzt dazu, an Elisabeth und ihren Wünschen

einsparen zu wollen, um es der alten Gräfin zu geben?! Es dämmerte

ihr schon, daß sie jetzt Unerwartetes und Peinliches hören würde, und

Ettore, der nun alle Unannehmlichkeiten auf einmal abmachen wollte,

zögerte auch nicht, sie über die wahren Verhältnisse der Familie

Priuli aufzuklären. Er tat es ohne Scham und ohne Schmerz, nur mit

einer gewissen Empörung über eine Weltordnung, die nicht besser für

die Priuli sorgte. Elisabeth hörte ihn an, ohne sich zu regen. Ihr

Gesicht, das er sonst nur gütig und verklärt gekannt hatte, war jetzt

ernst, fast bitter, und um ihren Mund lag ein Zug von Verächtlichkeit,

um dessentwillen die Brüder Elisabeth stets für herrschsüchtig gehalten

hatten. Ettore mit seiner primitiven Frauenpsychologie dachte, daß sie

jetzt wohl eine heftige, laute Szene machen würde, und war erstaunt,

als sie, nachdem er zu Ende war, schweigend aufstand und das Zimmer

verließ. Wo sie hingegangen war, wußte er nicht, und er fragte ihr

auch nicht nach, sondern rüstete sich zu einem kleinen Schlendergang

am Strand entlang. Von dieser letzten Stunde war ihm sehr heiß

geworden, und es tat gut, so mit erleichtertem Herzen in der Kühle

spazierenzugehen.

Als er nach Hause kam, fand er seine Frau bereits zum Diner

umgekleidet. Sie hatte den Nachmittag, den ersten, den sie

verschmollten, im Park des Hotels zugebracht und war dort ruhiger

geworden. Sie gab sich Mühe, die Verstimmung, die zwischen ihnen

lag, zu heben, und Ettore, der jetzt überhaupt ein federleichtes

Gefühl hatte, kam ihr mit so viel Zärtlichkeit entgegen, daß sie

gänzlich ausgesöhnt und heiter zur Abendmahlzeit in den Speisesaal

hinuntergingen. Vorsichtig kamen sie beide noch einmal auf den

verhängnisvollen Brief zurück, und jeder versuchte dem andern

klarzumachen, daß dieser gemeinsame Haushalt eigentlich eine sehr

nützliche und angenehme Einrichtung sei. Elisabeth sagte:

»Es wäre wirklich überflüssig, für ein paar Monate alles auf den Kopf

zu stellen! Und ich freue mich ja so, wenn Eleonore nun wirklich

heiratet!«

Und Ettore:

»Natürlich, dem armen Mädchen ist's zu gönnen! Und für Dich, ~carina~,

ist es sehr gut, wenn meine Mutter vorläufig noch ganz bei uns bleibt!

Gerade jetzt, wo Du doch bald den Rat und die Pflege einer Frau um Dich

haben mußt!«

So gaben sie sich freundliche Worte und meinten es wohl auch gut, aber

Elisabeth tat in dieser Nacht doch kaum ein Auge zu. Während sie im

Dunkel wachend dalag, nagte an ihr etwas wie ein kleiner Wurm, und sie

war ärgerlich auf sich selbst, daß sie ein Unrecht, das ihr geschah,

durchaus Recht nennen wollte.

7.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 5 / 18 段