»La Principessa Tassini!« Erläuternd machte er Elisabeth auf die

Perlenschnüre der Fürstin aufmerksam, die so schön seien, daß nur die

Königin-Mutter Margherita schönere besäße. Man sah ihm an, daß er gern

noch mehr von diesen Perlen und der Fürstin gesprochen hätte, aber

er mußte auf seine Gondel aufpassen, scheute sich wohl auch hier zu

berichten, was ganz Venedig wußte und flüsterte. Jedenfalls aber merkte

Elisabeth, daß es mit dieser Frau und ihrem Schmuck ein besonderes

Bewenden haben müsse, und sie nahm sich vor, den Hoteldirektor bei der

Rückkehr danach zu fragen.

Da kam dann auch endlich die Gondel, nach der sie so lange und

sehnsüchtig ausgeschaut hatte, und über der sie jetzt alles andere

vergaß. Ettore und Eleonore Priuli saßen in einem Gefährt, das über

und über mit Büscheln aus fleischfarbenen Rhododendren geschmückt war,

und inmitten dieser üppigen Blüten des Orients wirkte ihre dunkle,

junge Schönheit so sieghaft, daß, wo sie vorbeikamen, die Menschen

erstaunt und bewundernd blickten. Vielleicht war Eleonore für deutschen

Geschmack etwas zu auffallend mit ihrem gigantischen Hut und einem

hellroten Musselinkleid, vielleicht auch zu stark geschnürt und zu weiß

gepudert, aber Elisabeth meinte doch, kaum je ein schöneres Mädchen

gesehen zu haben, suchte und fand entzückt in Eleonorens Gesicht die

Züge Ettores wieder. Eleonore sah die Deutsche mit großen Augen an und

lächelte ihr zu. Der Bruder hatte ihr ja schon ausdrücklich gesagt, was

er von diesem Blumenkorso hoffte, und Eleonore war entschlossen, die

Initiative zu ergreifen. Sie beugte sich jetzt ein wenig zur Seite,

griff ein paar Hände von den fleischfarbenen Blüten und schleuderte

sie geschickt in Elisabeths Schoß. Die wollte eben ein wenig linkisch

mit Mimosen erwidern, da kam ein ganzer Regen von Rhododendren auf

sie nieder, von Ettores Hand geschleudert, der aufgestanden war und

sich jetzt mit flammenden Blicken vor der Gondel des deutschen Paares

verneigte. Sie dankten dem Gruß, Elisabeth befangen, der Oberst

entzückt von dieser leichten Art sich zu geben und eine Huldigung zu

erweisen. Dann waren die beiden Gondeln aneinander vorübergeglitten,

und es dauerte geraume Zeit, ehe sie sich im Gewirr der andern

wiederfanden. Aber sie fanden sich wieder, und jedesmal grüßten sich

Blumen, Blicke, Lachen und Lächeln.

Nach einiger Zeit lichtete sich das übergroße Gedränge. Elisabeth, die

sich außer für die Priuli jetzt nur noch ein wenig für die Fürstin

Tassini interessierte, hätte gerne noch einmal das schwimmende, weiße

Rosenbeet gesehen, aber die Fürstin war nur ein einziges Mal auf- und

abgefahren und dann in ihren Palast zurückgekehrt. Auch die Priuli

hatten eigentlich schon genug von der Blumenschlacht und wollten nur

den Augenblick abwarten, wo die Schöttlings zu ihrem Hotel fuhren.

Sie hielten sich dicht hinter ihnen, und als die Gondel vor dem Hotel

anlegte und ein alter Bettler sie mit dem Enterhaken herangezogen

hatte, sprang Ettore behend aus der seinen und schüttete, noch ehe

Elisabeth den Fuß auf die erste Stufe gesetzt hatte, den Rest seiner

Rhododendren, die er eigens zu diesem Zweck aufgespart hatte, vor

ihr auf die Stufen hin, daß sie wie über einen Blütenteppich schritt.

Am nächsten Tag speiste das Geschwisterpaar auf der großen Terrasse

des Hotel Bauer-Grünwald an einem Tisch, den Ettore schon morgens

hatte belegen lassen, und der dicht neben dem der Schöttlings stand.

Im Verlauf des Dejeuners ließ Eleonore ganz zufällig und geschickt

nach der Schöttlingschen Seite hin ein Armband fallen, das der Oberst

dienstbeflissen aufhob und mit etlichen verbindlich geradebrechten

Worten zurückgab. So war unschwer die von den jungen Leuten ersehnte

Gelegenheit zur Anknüpfung gefunden, und kaum vierzehn Tage später

verkündete Ettore auf dem Lido seinen erstaunten Freunden, daß er sich

nun wirklich mit Fräulein von Schöttling verlobt habe.

5.

Nun kamen für Elisabeth Tage so voll Glück, daß sie beinahe schwer

daran trug und vor der Buße bangte, die sie dem Schicksal dafür

späterhin zahlen mußte. Wie bei anderen das Unglück, so kam bei ihr das

Glück Schlag auf Schlag. Zuerst der Reichtum, dann die Italienfahrt

und als deren Krönung nun die Vermählung mit einem Mann, den sie wie

in einem Märchen sich zu eigen gemacht hatte, kaum daß er sie erblickt

hatte. Wie jedes verliebte Mädchen hätte natürlich auch sie mit dem

Geliebten freudig ein bescheidenes Los geteilt, wäre mit ihm, wenn es

die Notwendigkeit erfordert hätte, in ein kleines Nest gegangen oder

von einer Provinzgarnison zur anderen, aber dies eben erschien ihr so

wunderbar, daß der Mann ihres Herzens sie auch noch einem Geschlecht,

einem Hause zuführte, das ihre Einbildungskraft lebhaft beschäftigte,

und daß sie nun zeitlebens in der Stadt wohnen sollte, in der ihr jeder

Tag wie ein Feiertag erschien. Wie sie als Braut zum erstenmal mit

ihrem Vater am Palazzo Priuli vorfuhr, war sie blaß und ernst, und als

Ettore sie zärtlich über die Marmorstufen durch die dunkle Erzpforte

geleitete, überlief sie ein kleiner Schauer, den sie selbst nicht

begriff, und über den Ettore lachen mußte.

»Sie friert, die arme, kleine Deutsche. Sie friert schon jetzt, im

Sommer, weil keine Zentralheizung da ist und kein Kachelofen.«

Elisabeth lächelte einen Augenblick, wurde aber gleich wieder ernst.

»Nein, das ist es gewiß nicht! Aber ich bin doch heute zum erstenmal

in Deinem Hause, denn früher war ich doch nur in Deiner Galerie. Und

siehst Du, in solch einem Palast steckt so viel Altes, Ueberkommenes,

Bindendes, -- ein großer Name legt auch große Verpflichtungen auf, und

ich frage mich, ob ich sie alle erfüllen kann.«

Ettore, der sich niemals mit solchen Ideen trug und in seinem ganzen

Leben noch nicht über die Beziehungen zwischen seinem Namen und seiner

Lebensaufgabe nachgedacht hatte, war zuerst ein wenig verblüfft, küßte

dann aber Elisabeths Hand und meinte heiter:

»~O, la carina~, was sie für Gedanken im Kopf hat! Das mußt Du Dir

abgewöhnen, Schatz, oder vielmehr, ich werde Dir's abgewöhnen. Eine

schöne, junge Frau muß immer lachen und fröhlich sein und soll keine

Dinge denken, bei denen sie zwei Falten auf der Stirne ziehen muß, wie

Du jetzt!«

Elisabeth entgegnete nichts. Es war nicht leicht, Ettore alles

auseinanderzusetzen, was in ihr vorging, denn er sprach kein Wort

Deutsch, und die Konversation mußte also entweder französisch geführt

werden, von dem er wenigstens ein paar Brocken wußte, oder italienisch,

das wiederum Elisabeth doch nicht genügend beherrschte, um für alle

Empfindungen oder Dinge stets den rechten Ausdruck zu finden. Sie

durchschritten die Bildergalerie, um zuerst in eine kleine Flucht

früherer Prunkräume zu gelangen und dann hinaufzusteigen zu den

Wohnräumen der Familie und etlichen Gesellschaftszimmern, die aber seit

dem Tode des alten Priuli nicht mehr oder nur selten benutzt wurden.

Vor der ›Dogaressa‹ blieb Elisabeth stehen, während der Oberst als

taktvoller Brautvater sich in die Betrachtung einer uninteressanten,

aber entfernt hängenden Landschaft vertiefte. Elisabeth, die eben in

diesen Tagen einen neu erschienenen Essay über das Bild gelesen hatte,

fragten ihren Bräutigam:

»Hast Du das schon je gehört, daß die ›Dogaressa‹ eigentlich Venedig

selbst darstellen soll?«

Ettore schüttelte den Kopf. Nein, er hatte es nie gehört. Es

interessierte ihn auch gar nicht.

»Ich halte es für gar nicht unwahrscheinlich, gerade weil man im

Hintergrund den Dogen auf dem Bucentauro sieht. Ich finde diese neueste

Deutung sehr hübsch, nur sollte die Venezia dann strahlender aussehen,

nicht so, als ob sie sich heimlich über ihre Hochzeit kränke.«

Ettore fand dies Kunstgespräch sehr langweilig. Er legte den Arm um

Elisabeths Schultern, küßte sie mit kleinen Küssen hinter das Ohr, wo

das Haar in einem blonden Flaum endete, und meinte überzeugt:

»Laß Dir doch keine solchen Dinge einreden! Die ›Dogaressa‹ ist ganz

gewiß eine Priuli. Aber selbst wenn sie keine ist, was kümmert's uns?

Sie hält einen Ring, und sie wartet gewiß mit derselben Ungeduld wie

ich darauf, daß ich ihn meinem gelehrten Fräulein anstecke und sie als

Gräfin Priuli hierherführe!«

Er zog sie fester an sich, redete ihr tausend süße, heiße Dinge vor, so

daß sie am liebsten alle beide immerfort hier vor dem Bild geblieben

wären, statt die Gemächer zu besichtigen, die für das junge Paar

eingerichtet werden sollten.

Elisabeth sah alles mit verliebten Augen, und darum kam ihr alles schön

und richtig vor, zudem ja auch die Priuli sich Mühe gegeben hatten,

den allzu sichtbaren Verfall zu verkleistern und zu verstecken. Man

hatte vom Speicher alte Bilder und Waffen geholt und sie über die

allergrößten Risse der Seidentapeten gehängt, ein billiger Hausarbeiter

hatte in Eile ein paar klaffende Sprünge der Plafonds ausgefüllt, der

elegante Diener, der sonst nur für die Besuchsstunden der Galerie

vorhanden war, stand jetzt als Kammerdiener in Ettores Dienst, die

alte Magd war, wie ein Möbel, dessen man sich schämte, in die Küche

gedrängt, und so machte alles, wenn auch nicht einen reichen, so doch

einen anständigen Eindruck. Die Schöttlings wußten wohl, daß hinter den

Priuli kein Reichtum mehr stand, Ettore hatte bei seiner Werbung daraus

kein Hehl gemacht, wenngleich er die Armut seiner Familie wie seine

Schulden verschwieg und so tat, als ob immerhin ein festes, wenn auch

kleines Einkommen vorhanden sei.

Auch die Familie Priuli gefiel den Schöttlings. Eleonore hatte schon

durch ihre Schönheit gewonnenes Spiel, und die Gräfin-Mutter, die sich

vor den neuen Verwandten natürlich weder unfrisiert noch im Schlafrock,

sondern nur im würdigen Seidenkleid mit altem Familienschmuck sehen

ließ, erschien Elisabeth verehrungswürdig, weil sie Ettores Mutter war.

Von weitläufigeren Verwandten lernte sie zunächst nur Carlo Priuli

kennen und fand ihn nicht unangenehm, obschon Ettore ihn als Egoisten

und Geizkragen geschildert hatte. Ettore hatte guten Grund, seine Braut

gegen den Vetter einzunehmen, denn er fürchtete, daß Carlo am Ende

von den Darlehen sprechen könnte, die er Ettore so oft gegeben hatte,

und von noch manch anderem dazu, was nicht gerade für die Ohren einer

Braut, noch dazu einer deutschen Braut bestimmt war. Er war jetzt Carlo

gegenüber um so unsicherer, weil der Ingenieur leidlich Deutsch sprach

und es tadellos verstand, so daß er selbst in Ettores Gegenwart Dinge

hätte erörtern können, die jenem unverständlich blieben. Carlo dachte

aber gar nicht daran, die Befürchtungen seines schönen Vetters zu

erfüllen. Er hielt Ettore zwar für einen ausgemachten Tunichtgut, --

aber welchen Sinn hätte es gehabt, ein verliebtes Mädchen zu warnen,

oder einen Vater, der schon freudig seine Einwilligung gegeben hatte

und nicht zu ahnen schien, was sich hinter Venedig und seinen Palästen

bergen konnte! Zudem hätte man ja auch nichts wirklich Belastendes

gegen Ettore vorbringen können, denn die Liebesgeschichten und

Schulden, die er auf dem Konto hatte, zählten ja nach der landläufigen

Auffassung von Junggesellen- und Kavaliersgepflogenheiten nicht mit,

und daß er ohne Beruf und Arbeit in der Welt umherlief, lag so klar

am Tag, daß die Schöttlings es selber sehen mußten, wenn sie es sehen

wollten. Was hätte also Carlo Priuli sagen sollen, selbst wenn er die

Schöttlings, die er gleich als ehrbare und tüchtige Menschen erkannte,

vor Untiefen hätte warnen wollen, die er wohl vermutete, aber nicht mit

Namen nennen konnte? Ein einziges Mal nur versuchte er leise anzutippen

in einem Gespräch, das er mit dem Oberst über die Kaufkraft deutschen

Kapitals und die Widerstandsfähigkeit deutscher Banken führte. Der

Oberst als neugebackener Kapitalist erwog den Ankauf verschiedener

ausländischer und überseeischer Papiere, und da sagte Carlo ruhig und

bestimmt:

»Ich finde es immer begreiflich und klug, wenn die Deutschen ihr

Kapital im Lande behalten, statt es auf fremden Börsen oder in fremden

Unternehmungen zu riskieren!«

Ettore, der mit Elisabeth ein wenig abseits saß und flüsterte, aber

doch immer hinhorchen wollte, was die beiden verhandelten, fing

jetzt das immer wiederkehrende Wort »Bank« und »Kapital« auf, dessen

Bedeutung er doch kannte, und fragte mit lauernder Liebenswürdigkeit:

»Ihr verhandelt wohl nur über Geldsachen?«

Carlo sah ihn an.

»Ja. Ich habe eben Deinem Schwiegervater gesagt, daß ich immerfort

Deutschland für das beste Anlagekapital halte!«

Ettore lachte gezwungen.

»Du bist ja ein glänzender Patriot! Du diskreditierst uns und möchtest

wohl am liebsten das Geld von uns fernhalten, statt es zu uns

hereinzuführen!«

»Das sind Dinge, die sich nicht prinzipiell, sondern immer nur von Fall

zu Fall bestimmen lassen!«

Die beiden Vettern hatten nach italienischer Art sehr lebhaft,

scheinbar heftig miteinander geredet, so daß Elisabeth intervenieren

wollte. Sie ergriff Ettores Hand:

»Laß doch, Du sollst nicht mit jemand um Geld streiten! Was geht uns

überhaupt das Geld der andern an?«

Ettore warf Carlo einen triumphierenden Blick zu, fragte Elisabeth halb

im Scherz, halb im Ernst:

»~Carina~, werden wir uns überhaupt nie streiten?«

»Mit meinem Willen nie!« versicherte Elisabeth so ernsthaft, daß Carlo

ärgerlich den Kopf wegwandte und bei sich dachte, daß die Liebe doch

wirklich jeden Menschen unzurechnungsfähig mache.

Sehr lange dauerte aber der Aufenthalt der Schöttlings in Venedig

nicht mehr. Sie mußten nach Deutschland zurückkehren, um Elisabeths

Aussteuer zu bestellen und die Hochzeitsvorbereitungen zu treffen,

während Ettore den Palazzo Priuli glänzend instandsetzen lassen wollte,

denn er gedachte mit seiner jungen Frau ein großes Haus zu führen.

Er wollte mit Elisabeth das obere Stockwerk bewohnen, im unteren

Stockwerk neben den Prunkräumen, die vielleicht für ganz besondere

Feste mit herangezogen werden konnten, sollte die Wohnung für die

alte Gräfin und Eleonore hergerichtet werden, was ziemlich lange Zeit

in Anspruch nehmen konnte, denn hier fehlten alle Vorbedingungen

für Wirtschaftsräume und mußten erst, zuweilen unter beträchtlichen

Schwierigkeiten, neu geschaffen werden. Ettore hatte zwar zuerst

gemeint, wenn auch nicht klipp und klar ausgesprochen, daß eigentlich

ein gemeinsamer Haushalt das Praktischste wäre, ja, eigentlich

dasjenige, was ihm am natürlichsten und bequemsten schien. Hier aber

hatte der Oberst Widerspruch erhoben. Nein, seine Elisabeth sollte

Herrin in ihrem Hause sein, einzige und absolute Herrin! Von einer

Schwiegermutter hatte er ganz bestimmte deutsche Ansichten, in denen

er sich nicht beirren ließ, und eine Schwiegermutter im Hause kam ihm

vor wie die ewige Verdammnis. Elisabeth, die ihre neue Verwandtschaft

schon liebte und die alte Gräfin mit ihrer jammernden Stimme und ihren

Kirchgängen rührend fand, begriff den Widerstand ihres Vaters nicht.

»Ich weiß nicht, Papa, ob Du da in allem recht hast!«

»Natürlich hab' ich recht! Ich habe gar nichts gegen die alte Gräfin

einzuwenden und bin überzeugt, daß sie in ihren vier Wänden und auch

sonst eine sehr scharmante Frau ist, aber in +Deinem+ Hause, nein! Ein

junges Paar gehört für sich allein! Du wirst mir's noch einmal danken,

daß ich da gescheiter war als Du!«

Für den Oberst wie für Elisabeth war diese Frage des gemeinsamen

oder getrennten Haushaltes sehr wichtig gewesen, denn sie konnte bei

den Priuli allerlei Verstimmungen nach sich ziehen. So wenigstens

hatten Schöttlings gedacht und waren einige Tage mit Sorgen im Kopf

umhergegangen, aber weder Ettore noch seine beiden Damen waren

verstimmt oder gar beleidigt. Die alte Gräfin schien sogar sehr

zufrieden, daß im untern Stockwerk eigens für sie eine Küche gebaut

wurde, und Ettore beschloß die Debatte lachend mit seinem Lieblingswort:

»Alles in schönster Ordnung! ~L'Italia farà da sè!~«

Die Hochzeit fand im Spätherbst statt. Ettore, der erst einige Tage

vor der Trauung nach München gekommen war, wurde allgemein bestaunt

und bewundert, sogar der Leutnant Otto fand, daß der Schwager ein

fescher Mensch sei. Ueber seine innern Qualitäten konnte man sich in

der kurzen und bewegten Zeit, die einer Hochzeit vorangeht, natürlich

keine rechte Meinung machen, zudem ja hier die Sprachschwierigkeiten

noch akuter waren als in Venedig. Ettore hatte allerdings seiner Braut

beim Abschied versprochen, daß er Stunden im Deutschen nehmen werde,

aber er hatte nicht die geringsten Fortschritte gemacht und konnte zu

Elisabeths Staunen und Ergötzen eigentlich nichts ordentlich sagen

als: »Gib mir einen Kuß«. Dagegen traten die deutschen Verwandten zu

wiederholten Malen, wenn auch nur beiläufig, mit einer Frage an ihn

heran, deren Sinn er nicht recht begriff, und die ihm so überflüssig

vorkam, daß er seine Schwäger im stillen für Spießbürger hielt. Sie

fragten ihn nämlich, was er für einen Beruf habe oder arbeite. Ettore

fühlte wohl, daß er ihnen nicht klarmachen konnte, wie überflüssig für

einen italienischen Nobile von altem Geschlecht Beruf oder Arbeit sei.

Er begnügte sich also etwas von oben herab und obenhin zu entgegnen,

daß er sich jetzt ganz und gar der Verwaltung und Hebung seiner Güter

widmen wollte. Fügte auch gleich mit seinem hübschen Lächeln, das ihm

die Herzen gewann, hinzu:

»~E vero~, bis jetzt war ich ein rechter Leichtfuß und habe nur an

mein Vergnügen gedacht, aber nun ist's aus mit dem Junggesellenleben,

nun werde ich ein braver Ehemann und Familienvater, und da ist's

selbstverständlich, daß ich mich nach allen Seiten hin um unseren

Grundbesitz bekümmere! ~L'Italia farà da sè!~«

Diese kindliche Offenheit gefiel allen sehr. Die Schwäger freuten sich,

daß die Schwester weder einen Duckmäuser, noch einen unverbesserlichen

Lebemann heiratete, und jeder von ihnen war überzeugt, daß Elisabeth,

die sie trotz aller gelegentlichen Schwärmerei und Verstiegenheit für

rechthaberisch hielten, diesen heiteren, naiven Mann um den Finger

wickeln würde.

Die Hochzeitsreise ging nach Süditalien und sollte nach einem Abstecher

nach Korsika in Aegypten enden, wo das junge Paar bis nach Neujahr

oder noch länger bleiben wollte, je nachdem eben Zeit benötigt wurde,

um alle die Arbeiten im Palazzo Priuli zu beenden, die jetzt in vollem

Gange waren.

6.

Seit drei Monaten hieß Elisabeth nun Gräfin Priuli. Diese drei Monate

waren dahingegangen wie ein einziger Liebestag, an dem sie kaum je Zeit

fand, einen Gedanken zu fassen oder sich selbst anzugehören. Immerfort

war Ettore da, wollte bei ihr sein, sie neben sich fühlen, sie an

sich reißen. Niemals hätte sie geglaubt, daß für einen Mann Liebe so

viel bedeuten, ihn so erfüllen könne, wie Ettore von seiner jungen

Eheliebe erfüllt war. Sie mußte lächeln, wenn sie an das deutsche Axiom

dachte, das immer noch behaupten will, daß die Liebe für die Frau das

Schicksal, für den Mann aber nur eine Episode darstelle. Mußte noch

mehr lächeln, wenn sie sich die Gatten ihrer Freundinnen oder gar

ihre Brüder in solch anhaltendem Liebestaumel vorstellen wollte, wie

Ettore nun seit Wochen und Monaten war. Für ihn gab es jetzt nichts

auf der Welt als seine Frau, und alles andere war bloß Szene und

Komparserie für ihn und das jauchzende Idyll, das er um sich und um

die blonde Frau spann. Er tauchte unter in seiner Empfindung wie ein

geschickter Schwimmer in eine azurne Woge, was oberhalb dieser Woge

vorging, kümmerte ihn nicht. Wenn Elisabeth zuweilen entzückt und

geschmeichelt staunte, daß er nach drei Monaten noch ebenso ungeduldig

und leidenschaftlich war wie am Hochzeitstage, dann verstrickte er sie

fest in seine Arme und sagte ihr zärtlich, wenn auch mit einer leichten

Überlegenheit im Ton:

»Törichtes, kleines Ding! Was wißt Ihr und Eure Männer daheim von

Liebe? Was Liebe ist, und wie eine Frau geliebt werden muß, das wißt

Ihr in Deutschland nicht, das wissen nur wir im Süden!«

Elisabeth schalt dann wohl scherzhaft über seine Anmaßung und seine

Ueberhebung, aber im Innern gab sie ihm recht. Liebe war für den

Italiener offenbar etwas ganz anderes als für den Deutschen, das

merkte sie nicht nur an Ettore selbst, sondern sie las es auch aus

italienischen Romanen, von denen sie trotz Ettores Widerspruch ein paar

auf die Reise mitgenommen hatte. Denn ein Restchen heimischer Schwere

und Ernsthaftigkeit blieb immer in ihr, und mit diesem Restchen von

Schwere und Ernst fand sie mitten in allem Glück doch aus, daß der

junge Gatte ihr immer noch recht fremd war. Sie meinte, das läge wohl

nur daran, daß sie sich immer noch sprachlich nicht so gut verständigen

konnten, als wenn sie aus dem gleichen Land gewesen wären, und darum

eben und auch um überhaupt italienisches Wesen genauer kennen zu

lernen, las sie, wenn Ettore ihr irgend Zeit ließ, italienische Bücher.

Las berühmte Romane, an denen sie sowohl den Aufbau wie die Psychologie

und die Sprache bewunderte, aber auch in ihnen immer wieder fand, daß

für die Menschen, deren Schicksale sie erzählten, Liebe das Ein und

Alles war. All diese Heldinnen und auch die Helden tauchten unter,

erfüllten ihren Daseinszweck, wenn sie glücklich liebten, hatten nichts

mehr auf der Welt oder im Leben zu suchen, wenn die Liebe zu Ende war.

Zuerst kamen ihr solche Bücher romanhaft und verlogen vor, aber je

länger sie neben Ettore lebte, um so mehr mußte sie über sie nachdenken

und erkannte schließlich, daß sie, wie jedes gute Buch, ein Abbild der

Wirklichkeit waren.

Ettore sah keines der Bücher an, die seine Frau beschäftigten. Er

kannte sie schon zum großen Teil, und wenn er sie nicht kannte,

interessierten sie ihn im Augenblick auch nicht. Er sah höchstens

flüchtig ein bis zwei italienische Zeitungen durch, um annähernd

zu wissen, was in der Politik oder in Venedig Neues vorging, zu

irgendeiner Meinung oder leidenschaftlichen Parteinahme raffte er sich

aber niemals auf. Er schimpfte meist ein wenig auf die Regierung und

immer auf die radikale Partei, aber schließlich war ihm momentan sowohl

die Politik wie das Königreich Italien ganz gleichgültig. »~L'Italia

farà da sè!~« Für neue Eindrücke war er nicht halb so empfänglich wie

Elisabeth. Die historischen Erinnerungen Korsikas und Aegyptens ließen

ihn kalt, und für Naturstimmungen hatte er auch nicht viel Verständnis,

aber Stunden, halbe Tage lang konnte er in Capri im warmen Sand am

Strand liegen, auf das tiefblaue Meer hinausblicken und Wärme und

Lebenskraft in sich aufsammeln, daß Elisabeth, die viel beweglicher,

viel weniger primitiv-genußfähig war als er, ihn um dies tiefe Behagen

beneidete, um diese einfache, körperliche Hingebung an die Natur.

»~Ch' è bello il sole!~« sagte er dann wohl wie berauscht und begriff

nicht, daß Elisabeth sich's nicht an dieser empfundenen Schönheit

genügen lassen, daß sie sich nicht neben ihm ausstrecken und die Zeit

gleich dem feinen Meeressand achtlos durch die Finger rinnen lassen

wollte. Wenn sie's auch versuchte, gelang es ihr nie recht, denn immer

wieder mußte sie, was sie sah oder fühlte, mit Gedanken umstellen,

denen sie in irgendeiner Art Ausdruck lieh oder leihen wollte. Bald

drängte es sie, irgendeine Beleuchtung des Meeres, ein zitterndes

Spiel des Lichtes als Studie festzuhalten, und dann tat es ihr leid,

daß sie keine Farben und keine Leinwand zur Hand hatte, ein anderes

Mal kritzelte sie in ein Reisetagebuch, und wieder ein anderes Mal

wollte sie Gebräuchen, Volkseigentümlichkeiten, Sitten oder Unsitten

nachspüren, die Ettore so gleichgültig waren wie der Mann im Mond.

Da fragte er sie dann wohl lachend, aber doch ein wenig ärgerlich:

»Kannst Du denn nie all den Schnickschnack vergessen und nur an mich

und an Dich denken?!«

Sah sie ihn dann mit erstaunten, hilflosen Augen an, als rede er von

etwas, was ihr nie eingefallen war, so trällerte er ihr das hübsche

Liedchen des Medici vor:

~»Quant' è bella giovinezza

Che si fugge tuttavia!

Chi vuol esser lieto sia

Di doman' non c'è certezza.«~

Sie kannte es schon, sprach unwillkürlich die letzte Zeile leise mit,

dann fiel ihr ein, daß irgendwo, in einem Winkel ihres Gedächtnisses,

vier deutsche Zeilen hafteten, die ungefähr dasselbe, nur ungleich

wuchtiger als der Mediceer, ausdrückten. Nach ein paar Sekunden fielen

sie ihr ein, und sie versuchte, Ettore die Verse zu übersetzen:

»Um das Roß des Reiters schweben,

Um das Schiff die Sorgen her.

Morgen können wir's nicht mehr,

Darum laßt uns heute leben!«

Er hörte sie an, nickte bejahend.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 4 / 18 段