Wie Schöttlings die Galerie wieder verließen und durch das Erztor

hinaustraten auf die Stufen, um ihren Gondoliere heranzuwinken, der

ein wenig beiseite gefahren war, bot sich ihnen ein Anblick, bei dem

Elisabeths Herz zu klopfen begann, so daß ihr wieder, wie gestern

auf dem Lido, das Blut ins Gesicht stieg. Am Fuß der Treppe auf der

letzten Stufe, welche das Wasser frei ließ, stand ein hochgewachsener,

schlanker Mann mit einem jungen, kühnen Gesicht -- Ettore Priuli. Er

trug wieder seinen weißen Anzug, seine tadellosen, hellen Schuhe,

das Fächerchen in der Brusttasche, den Hut weit zurückgeschoben und

im Knopfloch seines Jacketts eine dunkle Rose. Er erwartete seine

eigene Gondel, die eben von zwei Gondolieri mit zarten Ruderschlägen

herangerudert wurde. Noch ehe Elisabeth ihn bemerkte, hatte er sie

schon unter den herausströmenden Fremden herausgefunden und erkannt

und warf ihr nun, ohne seine Stellung zu verändern, wieder jene

schmachtenden und lockenden Blicke zu, mit denen er gestern schon die

ihrigen eingefangen hatte. Seine Gondel kam jetzt hergeschwommen,

schwarz wie alle andern, aber reich vergoldet am Steuer und am Schnabel

und mit schwellenden Sammetkissen belegt. Die Gondolieri trugen helle

Leinenanzüge mit Schärpen in den Hausfarben der Priuli und breitrandige

Strohhüte mit weiß-blauen Bändern. Der altersgraue Palast, vor dem

der junge Beau auf seine Gondel wartete, die prächtige Erscheinung

Ettores, die malerische Konstrastwirkung der dunklen Gondel mit den

hellgekleideten Burschen, die sie führten, -- das alles gab zusammen

ein so echt venezianisches Bild, daß die Schöttlings darauf hinsahen,

als hätten sie ein Gemälde von Canaletto vor sich, nicht Menschen

und Dinge der Wirklichkeit. Ettore wußte wohl, wie dekorativ er da

aussah, und freute sich des Eindrucks, den er samt seiner Umgebung

hervorbrachte. Er fand aber auch, daß es für heute genug sei, daß ein

rasches Verschwinden die Neugier rege machen und so seine Chancen

erhöhen würde, und darum markierte er ein wenig Ungeduld und schickte

sich an, in die Gondel zu springen, noch ehe sie völlig herangerudert

war. In diesem Augenblick kam von der andern Seite, vom Palazzo Carlo

Priuli her, eine gewöhnliche Mietsgondel, in der ein einziger Mann

saß. Er mochte nur wenig älter sein als Ettore, und die Gesichter der

beiden trugen eine gewisse Familienähnlichkeit, aber Carlo Priuli sah

viel älter, gescheiter und nervöser aus als sein schöner Vetter, und

obgleich auch er mit der koketten Eleganz des Italieners gekleidet war,

merkte man ihm doch an der Miene, an den Bewegungen und am Blick an,

daß er kein Bummler war, sondern ein geistiger Arbeiter. Er zog seine

Uhr heraus, fluchte halblaut etwas vor sich hin, trieb den Gondoliere

zur Eile an und langte dann von der Bank neben sich ein Notizbuch her,

in das er allerlei Zahlen und Zeichen einschrieb.

Offenbar rechnete er irgend etwas aus, denn er hielt immer wieder im

Schreiben an, klemmte den Bleistift zwischen die Zähne und sah mit

einer Falte über der Nasenwurzel starr in die Ferne, wie jemand tut,

der sein Gehirn zu straffer Arbeit zwingt. Ettore sah ihn und lächelte

ein wenig spöttisch. Er rief ihn an:

»Carlo, wohin in solcher Eile?«

Der andere hob den Kopf, lüftete ein wenig den Hut, schien aber von der

Begegnung mit dem schönen Vetter nicht gerade hocherfreut. Er gab kurz

zurück:

»Zu einer Unterredung bei Grimaldi. Es ist höchste Zeit. Ich bin schon

um zehn Minuten zu spät daran!«

Ettore lachte und rief: »Zehn Minuten zu spät, entsetzlich! Die Welt

wird untergehen, wenn Grimaldi ganze zehn Minuten auf Dich warten muß!«

Carlo lachte gezwungen, entgegnete aber nichts. Seine Gondel war auch

schon zu dreiviertel vorüber. Ettore rief ihm noch nach:

»Kommst Du nicht einmal auf den Lido hinüber?«

»Ich glaube kaum, vielleicht fahre ich schon in den nächsten Tagen nach

Rom, es kann sein, daß ich ins Ministerium muß!«

Damit war Carlo Priuli um die Ecke des kleinen Kanals verschwunden, und

auch Ettore sprang jetzt in seine Gondel. Elisabeth hatte die kleine

Szene ohne besonderes Interesse beobachtet, wurde erst aufmerksam,

als der Gondoliere ihr flüsternd die Namen der beiden Herren nannte.

Sie fand Carlos Erscheinung, im Gegensatz zu seinem Vetter, wenig

anziehend, seine Art zu sprechen und sich zu geben trocken und

unfreundlich, und doch mußte sie in späteren Tagen oft an diese kleine

Begebenheit zurückdenken, an die Begegnung der beiden Männer, an die

Worte, die sie im Vorüberfahren wechselten, und immer war's ihr dann,

als wäre diese Begegnung nicht nur ein zufälliges Zusammentreffen

gewesen, sondern ein Symbol, an dem sie achtlos vorübergegangen war und

das doch für ihr ganzes Leben tiefe Bedeutung gewinnen sollte ...

Die Gondolieri Ettores stießen von der Treppe ab. Er warf noch einen

Blick auf Elisabeth zurück, glitt mit der Hand langsam, zärtlich

über die dunkle Rose in seinem Knopfloch, als streichelte er eine

Mädchenwange. Elisabeth sah das Spiel seiner Finger und erbebte; sie

wollte eine jähe Bewegung machen, sich zum Gehen wenden oder irgend

etwas tun, was keinen Sinn hatte, da war aber die Gondel mit dem jungen

Mann schon dahingeglitten und bog eben in einer wundervoll scharfen

Kurve um die Ecke zum Canal Grande.

Auch die Schöttlings fuhren nach Hause. Sie wußten, daß nach der

›Dogaressa‹ jeder andere Kunsteindruck schwach bleiben mußte. Sie

hatten also beschlossen, den Kirchenbesuch, der noch geplant war,

auf ein andermal zu verschieben, und sie ließen sich jetzt planlos

ein wenig in Seitenkanälen umherfahren. Sie sprachen nicht viel,

sondern schauten und sannen, wie in Venedig schaut und sinnt, wer

dieser Stadt sein Herz geöffnet hat. Einmal, da der Gondoliere für

eine kurze Strecke in den Canal Grande zurückgekehrt war, sahen sie

aus dem Palazzo Morosini Menschen herauskommen, elegante Frauen

in hellen Mänteln und wehenden Schleiern mit vornehmen Herren und

reichgekleideten Kindern. Da fragte Elisabeth aus ihren Gedanken heraus:

»Kannst Du Dir eigentlich vorstellen, wie man in diesen Palästen lebt?«

Der Oberst lächelte.

»Ich denke, sehr angenehm, wenn auch nicht ganz so komfortabel wie in

einem deutschen Palast. Aber alle Leute machen ja nicht die Ansprüche

Ottos.«

Elisabeth schüttelte den Kopf.

»Nein, so hab' ich es nicht gemeint. Ich möchte wissen, wie die

Menschen in solchen Häusern wohnen, in denen sie immerfort von einer

großen Tradition, von großen Erinnerungen umstellt sind! Ich denke, man

muß sich eigentlich vorkommen, als ob man an eine Kette gebunden wäre,

so daß man so leben muß oder wenigstens versucht so zu leben, wie alle

die getan haben, durch deren Hände die Kette läuft. Ich denke mir, man

hat da gar nie den Mut, man selbst zu sein, man versucht wohl immer

unwillkürlich, ob man sich in den Stil oder in die Tradition einpaßt.

Ich denke mir das traurig und beklemmend.«

Der Oberst sah auf die Menschen zurück, die eben aus dem Palazzo

Morosini getreten waren und jetzt lachend und scherzend eine Gondel

bestiegen.

»Das denkst Du Dir bloß aus! Schau' Dir die Menschen da an, ob sie

beklemmt aussehen oder man ihnen zutraut, daß sie sich einer Tradition

einfügen wollen. Es sind alles Italiener, vergiß das nicht! Sie wurzeln

fester im Leben als wir, und die Vergangenheit hat über sie keine

Macht --«

Elisabeth entgegnen nichts mehr. Ihre Gedanken gingen schon auf anderen

Wegen. Sie liefen zurück zum Palazzo Priuli und zu dem Mann, der in der

Rose ihre Wange gestreichelt hatte. Voll verwirrender Süße stürmten sie

auf das Mädchen ein, bis ihr Gesicht nicht mehr verklärt aussah, wie an

den Tagen vorher, sondern ernst und bewegt, so daß ihr Vater einmal

fragte: »Liesel, an was denkst Du?«

»Ich denke an die ›Dogaressa‹,« entgegnete sie und log nicht einmal,

da sie's sagte. Ja, sie dachte an das Bild, an den Palast, aber auch

noch an den, in dem das Blut alter Herrscher floß. Er, sein Haus,

sein Bild, seine Stadt gingen ineinander über, daß sie nicht mehr

genau unterscheiden konnte, woran ihr Denken hing, daß sie nur eine

Sehnsucht empfand, die sie zu gleicher Zeit erschreckte und beglückte,

eine Sehnsucht, die die Arme weit ausbreitete, um etwas zu empfangen,

dessen Namen sie noch nicht kannte oder sich noch nicht zu nennen

traute. An diesem Tag und an andern, die ihm folgten, spürte Elisabeth

erst wieder, daß sie jung und daß das Leben ihr noch alles schuldig

geblieben war. Im Harm um ihre erste Liebe, in den kleinlichen Sorgen,

durch die sie Jahr um Jahr mit den Eltern geschritten war, hatte

sie's fast vergessen, war immer schon zufrieden gewesen, wenn keine

Katastrophe die bescheidene Zufriedenheit ihres Elternhauses gestört

hatte. Nun aber war's ihr, als stünde hier, in Venedig, irgendwo das

Glück für sie bereit und hätte seinen Nachen an den weiß-blauen Pfählen

des Palazzo Priuli festgebunden.

* * * * *

Während Ettore mit seiner dunkelroten Rose dahinfuhr, war er sehr

zufrieden. Heute war er ohne jede Anstrengung der schöne Priuli, dessen

Lächeln ganz Venedig kannte und in das die Frauen verliebt waren. Wie

alle Tage, so machte er auch heute eine etwa einstündige Fahrt auf

dem Canal Grande, denn wenn die elegante Welt Venedigs auch um diese

Zeit hier nicht zu sehen war, so hielt Ettore es doch für unterhaltend

und auch für klug, sich eben in dieser Stunde in das Fremdengewühl zu

mischen. Er wußte ja, wie bestechend er in seiner malerischen Gondel

wirkte, und er hatte noch immer, trotz verschiedener Fehlschläge, die

Hoffnung nicht aufgegeben, daß sich eines Tages eine Milliardärin hier,

auf dem Canal Grande, in ihn und seinen glänzenden Apparat verlieben

würde. Früher wenigstens hatte er darauf gerechnet, ehe die Schöttlings

in seinen Gesichtskreis getreten waren, jetzt hoffte er, vielleicht

noch einmal der Gondel mit dem blonden Mädchen zu begegnen. Er war

zufrieden mit sich und eigentlich schon glücklich. Was er auf dem Lido

nur wie im Scherz, nur wie unter dem Eindruck einer Laune gesprochen

hatte, schien, durch seltsame Zufälle begünstigt, Wirklichkeit werden

zu wollen, eine Wirklichkeit, von der ein warmes Glücksgefühl auf

ihn niederfloß. Warum ihm Elisabeth und ihr Besitz mit eins so teuer

schien? In erster Linie natürlich ihrer großen Erbschaft wegen, denn

obwohl die Priuli keine Kriege mehr führten, brauchten sie doch Geld,

Geld und nochmal Geld. Seit Jahrzehnten und länger noch waren sie ja

nur mehr Nachfahren, hatten niemals die Hände oder die Gedanken geregt,

um selbständig zu erwerben, was ihnen große Ahnen hinterlassen hatten.

Stolz und fröhlich hatten sie immer von dem gezehrt, was da war, so

daß es jetzt Tage und Wochen gab, an denen die Familie nur von den

Eintrittsgeldern der Galerie oder von Darlehen Carlo Priulis lebte,

die allerdings karg bemessen waren, denn der Ingenieur war sparsam und

ärgerte sich jedesmal, wenn er, der sich um seinen Verdienst redlich

abmühte, die Hände der faulenzenden Verwandten füllen sollte.

Wohl besaßen die Priuli etliche Güter mit Weinbergen und Oelpressen in

Friaul, aber da niemand sich um ihre Verwaltung bekümmerte, warfen sie

nur einen kläglichen Pachtzins ab, und es schien unmöglich, für sie

einen Käufer zu finden oder eine neue Hypothek, mit der man sie hätte

belasten können.

Es war also wohl in erster Linie Elisabeths Reichtum, der Ettore

anzog, aber noch anderes kam dazu. Das war: er hatte sich im Laufe der

letzten Jahre schon mehrfach Körbe von reichen Mädchen geholt, so daß

Miß Mauds Absage ihm nicht wie eine ungeahnte Ueberraschung, sondern

mehr wie etwas leidig Gewohntes erschienen war. So seltsam es auf den

ersten Blick auch scheinen mochte, daß ein Mann, der immerhin so viel

Aeußerlichkeiten zu bieten hatte, als Freier ohne Glück war, so wurde

dies doch verständlicher, sobald man Ettore und seine ganze Art näher

kannte. Er war naiv und selbstsüchtig wie ein Kind, und wie ein Kind

viel zu sehr mit sich und den tausend kleinen Süßigkeiten des Lebens

beschäftigt, als daß er sich hätte ernsthaft zusammennehmen und all

seine Anstrengung auf ein einziges Ziel richten können. Er konnte

ganz hübsch aufschneiden, lügen und ein wenig Komödie spielen, aber

heucheln, tiefgründig heucheln konnte er nicht. So war er, sobald er

auf die Freite ging, ein primitiver Geldjäger, den jedes Mädchen nach

zwei Tagen durchschaute, weil er eben ganz unfähig war, mit großen

Gefühlsunwahrheiten oder täuschend gespielter Liebe zu manövrieren.

Er überzeugte nur, wenn er selber überzeugt war, und darum hatte er

es bisher wohl zu zahlreichen Liebschaften, aber noch zu keiner Braut

gebracht. Die Freunde, die's gut mit ihm meinten, wie z. B. der junge

Fürst Gaulo, sahen wohl mit Verwunderung, wie täppisch er war, und

redeten ihm zu, seine Absichten doch mit etwas mehr Raffinement zu

verbrämen. Ettore aber, der auch eigensinnig war wie ein Kind, lachte

sie aus und hielt ihnen seine Lieblingsredensart entgegen, die er immer

anwendete, gleichviel ob sie paßte oder nicht: »~L'italia farà da sè~.«

Mit seiner Naivität und seinem Egoismus spürte er jetzt, daß Elisabeth

in ihm nicht nur den schönen Mann sah oder den gierigen Freier sehen

würde, sondern noch etwas anderes, das er zwar nicht verstand, das ihm

aber ihr gegenüber eine starke Ueberlegenheit lieh. Nicht bewußt, rein

instinktiv fühlte er, daß dies Mädchen mit dem gütigen, verklärten

Gesicht sich von seinem Egoismus würde ausbeuten und beherrschen

lassen, daß sie bereit war, ihn und das, was sie in ihm sah, zu

lieben, zu verwöhnen und anzubeten. Weil er wie ein Kind sich über

Nichtigkeiten erzürnen oder freuen konnte, hatte er jetzt, da Miß

Mauds Absage doch noch immer in ihm fortklang, ein Bedürfnis sich

anzuschmiegen, sich verhätscheln zu lassen und von einer Frau, von

einer wirklichen Frau, nicht von einem kleinen, liederlichen Mädel, zu

hören, daß er ihr Schatz, ihr alles auf der Welt sei ... Damals, auf

dem Lido hatte er Elisabeth, wie sie verträumt übers Meer hinblickte,

sofort als Phantastin erkannt, und wenn er selber auch keine Spur

von Phantasie besaß, sondern immerfort mit beiden Füßen auf der Erde

stand, so wußte er doch, was Phantasie wert sein kann, hauptsächlich

für einen Realisten, der sich die Einbildungskraft eines Andern zunutze

macht. Weil sie so anders war als die tückische Miß Maud, von der er

damals gekommen war, hatte diese Deutsche sein Empfinden gerührt, hatte

ihn immer mehr in ihren Bannkreis gezogen, daß er jetzt entschlossen

war, sie zu heiraten, selbst wenn sie viel, viel weniger besaß als

die Amerikanerin. Wenn sie auch nur eine halbe Million Mitgift bekam,

wollte er schon zufrieden sein, obgleich sie, wenn sie im Freundeskreis

auf dem Lido oder im Klub saßen, allesamt schworen, daß man unter 60000

Lire Rente nichts anfangen könne ...

Seine Spazierfahrt war heute völlig zwecklos. Er beobachtete die

fremden Gondeln nur mit abwesenden Blicken, sah kaum die bewundernden

Gesichter, die sich ihm zuwandten. Er streichelte wieder, als wär's

eine Mädchenwange, seine dunkelrote Rose und war vergnügt, daß er

die Begegnung heute morgen so fein abgepaßt hatte. Ja wirklich, er

würde dies Mädchen heiraten! Sie gefiel ihm, sie würde eine liebe,

gute Frau sein und ihn von dem Leben des Scheins erlösen, dessen er

müde war oder wenigstens seit einigen Tagen müde zu sein glaubte. Das

Leben der Priuli war ja nur eine Fassade, die mit ihrem Glanz über

Aermlichkeit und Verfall wegtäuschen mußte. So prächtig sich die Räume

der Galerie im Palast präsentierten, so heruntergekommen sahen die

Wohnzimmer aus, und der elegante Diener war nur für die Besuchsstunden

gemietet. Den Haushalt besorgte eine alte, schmutzige Magd, die seit

vielen Jahren bei den Priuli diente und sich nicht mehr wunderte,

wenn so und so oft die ganze Hauptmahlzeit aus einer Schüssel Polenta

oder Tomaten bestand. Die verwitwete Gräfin und ihre Tochter Eleonore

saßen unfrisiert, in schmutzige Schlafröcke gehüllt in Zimmern, deren

Oede noch trostloser wirkte, weil zerfetzte Seidengardinen, kostbare,

aber zerfressene und zerschlissene Möbel, alte Bilder in zerstoßenen

Rahmen von früherer Pracht und Größe sprachen. Saßen da und führten

ein Dasein, das ein wenig gespenstisch und ein wenig marionettenhaft

anmutete: die alte Gräfin betete stundenlang und legte stundenlang

Patiencen, die junge rekelte sich in einem Lehnstuhl, studierte in

der Zeitung die Lotterienummern, las einen Schmöker und dachte an

einen Mann. Wenn sie miteinander schwatzten, so war es immer dasselbe

Thema, immer eine reiche Heirat Eleonorens, für die noch gar keine

Aussicht vorhanden war, oder die reiche Heirat Ettores, deren

Aussichten immer wieder scheiterten. Dann klagte die alte Gräfin mit

jammernder Stimme, daß ihre Kinder so wenig Glück hätten, und die

schöne Eleonore lachte und tröstete die Mutter und war überzeugt, daß

das Glück schon noch kommen würde. Einmal im Tag bewegte sich dann

dies gespenstische Marionettenleben nach außen, das war um die Stunde,

wenn die alte Gräfin in die Kirche ging und Ettore die Schwester

mitnahm zur Spazierfahrt auf den Canal Grande. Er tat es sonst stets,

nur heute hatte er's vergessen, vielleicht auch vergessen wollen. Da

kämmten die Frauen ihre wirren Haare zu schönen Scheiteln, Zöpfen und

Gewinden, die alte Gräfin legte ein schwarzes Seidenkleid an, die

junge die einzige modische Toilette, die sie jeweils besaß, nebst

einem mächtigen Blumenhut, und wer die beiden so in der Kirche oder

in der Gondel sah, wußte, daß er zwei vornehme Damen vor sich hatte.

War dann die Kirche oder die Gondelfahrt zu Ende, so änderte sich das

Bild abermals, und Mutter und Tochter verpuppten sich, kaum daß sie in

den Palast zurückgekehrt waren, alsbald wieder in ihre Schlafröcke,

ihre Patiencekarten, ihren Schmöker, ihren Jammer und ihre Zuversicht.

Ettore, der Sohn, führte derweilen die Existenz seiner Standesgenossen.

Er war den ganzen Tag über sorgfältig gekleidet, lief seinem Vergnügen

nach und überließ die Sorge für den nächsten Tag dem lieben Gott. Er

liebte seine Mutter und seine Schwester, wie die Italiener ihre Mütter

und Schwestern immer lieben, und darum bestimmte er in all seinen

Zukunftsträumen stets eine ansehnliche Summe für sie beide, damit die

~mamma~ stets all ihre Rechnungen bezahlen und Eleonore endlich den

Mann bekommen könnte, an den sie dachte, wenngleich sie ihn bisher noch

nicht erblickt hatte.

Während die Gondel langsam auf dem Kanal dahinglitt, dachte sich

Ettore ein wenig sein künftiges Dasein aus. Er träumte gar nicht von

besonderen Ausschweifungen oder Extravaganzen, sondern nur von einem

unendlichen süßen Genuß, in dem man weder von Gläubigern gestört wurde

noch Carlo Priuli um ein Darlehen angehen mußte. Die Hand dieser

blonden, gütigen Deutschen würde ihm alles geben, was er vom Leben

begehrte, und je mehr er an sie dachte, um so lieber wurde ihm ihr

stiller Reiz, gerade weil so vieles an ihr seinem eigenen Wesen fremd

und unverständlich blieb.

Die Hauptsache war nun freilich, sie endlich kennen zu lernen. Das

war offenbar schwerer, als es den Anschein hatte, denn Ettore erwog

diesen und jenen Plan, der zu einer Anknüpfung dienen sollte, verwarf

sie aber alle als töricht oder gar zu plump. Hätte sich's um eine

Amerikanerin gehandelt, so wäre er ganz einfach mit dem Portier des

Hotels in Verbindung getreten, aber sein Instinkt sagte ihm, daß

er hier vorsichtiger sein müßte, daß dies Mädchen und seine Rasse

subtilere Begriffe von Liebe und Ehe hat als die Völker des Südens

oder des andern Erdteils. Da fiel ihm ein, daß in etwa acht Tagen auf

dem Canal Grande ein großer Blumenkorso geplant war, und er beschloß,

diese festliche Veranstaltung auszunützen, um sich den Schöttlings zu

nähern. Freilich waren acht Tage eine lange Zeit, und die Schöttlings

konnten inzwischen abgereist sein, aber Ettore fühlte sich schon so

sicher, daß er solche Abreise gar nicht mehr ernsthaft in den Kreis

seiner Betrachtungen zog, sondern sich auf Elisabeths Verliebtheit und

ihre Frauenlist verließ. Die Kleine war gewiß schon vergafft in ihn,

und wenn er es klug anstellte, da und dort nochmals wie von ungefähr

ihren Weg kreuzte, würde sie gewiß den Vater drängen, immer noch ein

paar Tage zuzugeben, bis sie vor dem Blumenkorso standen, den sie als

eifrige Italienreisende doch sicher nicht versäumen wollten. Als Ettore

in seinen Gedanken so weit gekommen war, fuhr die Gondel wieder sacht

am Palazzo Priuli vor, und er sprang vergnügt die breite Marmortreppe

hinan, um der ~mamma~ und Eleonore von seinen heiteren Zukunftsplänen

zu sprechen! --

Am Tag des Blumenkorsos bot der Canal Grande ein prächtiges Bild. Von

den Fenstern aller Paläste hingen purpurfarbene oder golddurchwirkte

Prunktücher hernieder, zwischen den Schiffspilonen spannten sich

grüne oder bunte Girlanden, und von den Knäufen wehten farbige Wimpel

in eine helle, von sommerlicher Lust durchleuchtete Luft hinein.

Zahllose Gondeln tummelten sich auf der sanftbewegten Welle, und

ihr düsteres Schwarz verschwand beinahe unter der weißen, rosigen,

violetten, blauen, zitronenfarbenen und scharlachenen Blumenpracht,

mit der man sie verschüttet hatte. Was Venedig an Schönheit, Adel und

Reichtum besaß, kam in der Blumenbarke einhergefahren, gerudert von

Gondolieri in prächtigen, hellen Gewändern mit Blumensträußen auf

den breitrandigen Hüten und im Schärpengurt. Da sah man weltberühmte

Schönheiten, vor deren Zauber selbst Kaiser die Stirne neigten,

Spitzen, Ohrgehänge, Ringe und Hutagraffen, die den Brautschatz

einer Königstochter beschämt hätten, und neben ihnen jüngere Reize,

jüngeren Reichtum, denen aber noch das verbriefte Recht der allgemeinen

Anerkennung fehlte, und die doch danach drängten, morgen das zu sein,

was die Erbgesessenen heute schon waren. Ueber allen aber, gleichviel

zu welcher Zeit und zu welcher Kaste sie gehörten, lag eine jauchzende

Fröhlichkeit, die kindliche Freude des Südländers am Dasein, an der

Stunde, überall sah man dunkle Augen, die entzückt leuchteten, rote

Lippen, die übermütig lachten, üppige Frauenkörper, die sich wie in

wonnigem Rausch über den Blumenhügel beugten, der zu ihren Füßen

lag, mit Verschwenderwonne hineingriffen, jauchzend eine Garbe voll

köstlichen Duftes in eine andere Gondel hineinschleuderten, um von dort

die holde Gegengabe zu empfangen. Mit all seinen geschmückten Palästen

und Gondeln, seinen schönen, heiteren Menschen sah der Canal Grande

aus, als wäre aus dem Schutt und der Nüchternheit der Gegenwart Venedig

für ein paar Stunden zu seiner alten Pracht erwacht und feiere in der

Sonne eines Frühsommertags ein Fest der Renaissance. Schöttlings,

die ihre Abreise von Tag zu Tag verschoben, hatten zuerst gemeint,

daß sie den Blumenkorso von einem Hotelfenster aus ansehen wollten.

Der Direktor des Hotels hatte ihnen aber zugeredet, doch lieber eine

Gondel zu mieten, damit sie den ganzen Kanal überblicken konnten,

und so fuhren sie jetzt in einer etwas banal und dürftig mit Mimosen

geputzten Gondel daher, sahen auch, sie fühlten es wohl, mit ihren

blonden Gesichtern und ihrer diskreten Eleganz, die jede kecke Farbe

oder Nüance verschmähte, fremd und ernsthaft aus in dem dunkeläugigen,

bunten und jauchzenden Getriebe um sie her. Sie hatten aber kaum Muße,

über sich oder den Eindruck, den sie hervorbrachten, nachzudenken, denn

immerfort gab es, bald auf dieser, bald auf jener Seite, irgend etwas

zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit fesselte und entzückte; außerdem

schaute sich Elisabeth die Augen fast blind, ob sie nicht die +eine+

Gondel sähe, um derentwillen sie eigentlich gekommen waren, die Gondel

der Priuli. Vorläufig war sie aber noch nirgends zu erblicken, und

Elisabeth mußte sich damit begnügen, die Insassen der andern Gondeln zu

mustern.

Unter all diesen Gondeln fiel ihr eine besonders auf, weniger weil

sie so verschwenderisch mit weißen Rosen verbrämt war, daß sie

einem schwimmenden Rosenbeet glich, als wegen der Dame, die in den

schwarzen Kissen saß. Es war eine schlanke Frau mit rötlichen, krausen

Haaren, den hellen Augen und dem langen, etwas vorgeschobenen Kinn

der Engländerin. Sie trug ein silberfarbenes Seidenkleid und einen

breitrandigen Hut mit fünf oder sechs langen, weißen Straußenfedern. Um

ihren Hals hingen bis über den Gürtel herab sieben, acht Perlenschnüre

von einer Größe und einer Schönheit der Perlen, wie man sie sonst nur

in den Schatzkammern von Fürstenschlössern sieht. Das Gesicht wirkte

auf den ersten Blick frisch und jugendlich, sah man aber näher hin, so

merkte man, daß es wie zersägt war von tausend kleinen, feinen Linien

des Lebens und wie versteint in hochmütig getragenem Leid. Hochmütig

war auch das Lächeln um die herabgezogenen Mundwinkel, hochmütig die

Geste, mit der sie nachlässig ein Blumengeschoß versandte oder empfing.

Es war auch, als ob die laute Lust der andern vor dieser weißen

Rosengondel stiller würde, als ob diese Frau mit dem rötlichen Haar und

dem versteinten Gesicht ihnen allen fremd geblieben sei, wenngleich sie

seit Jahrzehnten mit ihr lebten und verkehrten. Elisabeth fragte den

Gondoliere, wer die Dame sei.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 3 / 18 段