gegenüber an den Frühstückstisch, auf dem alles stand, was ein erstes
Hotel zum ~Déjeûner complet~ serviert. Sie trug kein Morgenkleid,
sondern war schon wieder wie gestern zum Ausgehen fertig, aber trotz
der Ungeduld, die sich in dieser morgendlichen Bereitschaft verriet,
und trotzdem sie behauptet hatte, daß sie gar keinen Hunger habe, aß
sie jetzt doch mit dem Appetit ihrer Jugend, so daß der Vater lange vor
ihr fertig war und sich in das Studium der deutschen Zeitung versenkte,
die er gestern abend gekauft hatte. Elisabeth las indes im Bädeker
nach, was man gestern gesehen hatte oder heute sehen konnte. Als der
Oberst seine Zeitung zu Ende gelesen hatte, fragte er:
»Also, wie war doch das Programm für heute? Wenn ich mich recht
erinnere, vormittags die Gemäldesammlung im Palazzo Priuli, dann San
Zaccaria und San Giovanni e Paulo, und nachmittags nach Chioggia. Das
alles aber natürlich nur, wenn es Dich nicht müde macht!«
Elisabeth schüttelte den Kopf. Nein, hier war sie nie müde. Befand
sich immerfort in einer leisen, köstlichen Erregung. Es war ihr, als
ob ihr Körper gar keine Schwerkraft mehr besäße, sondern gleich einem
leuchtenden, durchsichtigen Vogel von Schönheit zu Schönheit flog,
immer höher und höher in eine blaue, unnennbare Ferne hinein, in der es
nichts mehr gab als Seligkeit.
Jeder junge, empfindsame Mensch, der zum erstenmal italienischen
Boden betritt, kennt den romanischen Rausch, in dem der Germane
und Nordländer seine Geistesschwere vergißt und mit Staunen sieht,
wie schön eine Welt sein kann, in der es kein Regenwetter und
keine abgrundtiefen Probleme gibt. Wenn Elisabeth diesen Rausch
stärker empfand als die meisten anderen, so war's vielleicht, weil
sie die Sehnsucht ihrer ganzen Familie im Blute trug, weil die
Schöttlings, dies verarmte bayerische Adelsgeschlecht, ihrem Drang
und ihrem Wesen nach Künstler waren, wenn sie gleich aus Standes-
und Sparsamkeitsrücksichten immer wieder den Offiziersberuf wählten.
Nur einer von ihnen, Peter von Schöttling, der ums Jahr 1830 herum
lebte, hatte, weil er ein ungewöhnliches Talent war, seiner großen
Leidenschaft folgen und Maler werden können. Er hatte mit König Ludwig
I. die Italienreise gemacht, war ein Freund Rottmanners gewesen,
und die alte Pinakothek in München bewahrt noch ein paar im Stil
seiner Zeit gemalte treffliche Landschaften von ihm. Das war aber
auch der einzige, der seine Sehnsucht hatte ausleben dürfen; bei
den anderen reichte weder das Können noch das Geld, und sie wurden
Soldaten, weil sie im Kadettenkorps einen halben Freiplatz bekamen,
und weil ihre Väter immer gerade noch die dreißig Mark Zulage für ein
Infanterieregiment aufbringen konnten.
Weil sie allesamt Künstlernaturen waren, heitere oder versonnene
Idealisten, lag die ewige Geldmisere nicht gar zu schwer auf ihnen;
sie träumten wohl davon, wie schön das sein müßte, wenn man so leben
könnte, wie der Peter von Schöttling gelebt hatte, dilettierten wohl
auch in ihren Mußestunden ein wenig mit Pinsel und Palette herum, aber
dann gingen sie auch wieder als brave Soldaten zum Dienst und taten
ihre Pflicht, wenn auch keiner von ihnen eine Leuchte der Strategie
oder des Kriegshandwerks wurde.
Seltsam und tragikomisch war es, daß diese Menschen, die so gerne von
den Notwendigkeiten des Lebens gar nichts gewußt hätten, durch die
Verhältnisse gezwungen waren, diesen Erbschaftsprozeß zu führen, der
in der Tat bis zu einem der bayerischen Kurfürsten zurückreichte und
sich um Millionenliegenschaften drehte. In diesem Prozeß stritten
zwei Linien Schöttling gemeinsam gegen eine dritte, die sich jene
Liegenschaften kraft irgendeiner unklaren Ehe angemaßt hatte, stritten
mit ihr über ein Jahrhundert hinweg mit einer Ausdauer, einer Zähigkeit
und einer Empörung, als ob sie allesamt die zwei Ur-Schöttlinge wären,
die den Erbschaftsprozeß zuerst angefangen hatten. Geschlechter kamen,
liebten, haßten, hofften, alterten und starben, -- aber der Prozeß
dauerte fort. Jede Hoffnung begann bei ihnen mit den Worten: »Wenn wir
den Prozeß erst gewonnen haben ...«, und jede Entsagung senkte grimmig
das Haupt: »Ja, wenn wir den Prozeß schon gewonnen hätten ...« Der
Prozeß war schließlich wie ein unsichtbares, aber lebendiges Wesen
geworden, das mit ihnen ihre Tage teilte, sie erfüllte, umzingelte,
jeder Süße und jeder Bitternis seinen Namen lieh. Und doch dachten die
wenigsten von ihnen, die da verbissen von Instanz zu Instanz stritten,
an unerhörte materielle Genüsse, an Luxus und Verschwendung, die ihnen
aus dem endlich erreichten Schatz kommen sollten. Sie stritten, weil
ihnen der Prozeß vererbt war wie eine Charaktereigenschaft, und weil
in ihnen allen die Sehnsucht Peter von Schöttlings trieb, die endlich
einmal vom halben Freiplatz im Kadettenkorps und im Infanterieregiment
befreit sein wollte, um das Leben in Schönheit und Kunst zu leben,
von dem Geschlecht auf Geschlecht vergebens träumte. Auch der Oberst
Schöttling hatte in seinen Knabenjahren gemeint, daß der Prozeß wohl
gewonnen sein würde, bis er das Kadettenkorps verließ, und daß er dann
für Jahre hinunterziehen dürfte nach Italien, um Maler zu werden,
wie's der Vorfahre gewesen war. Aber auch ihm ging's nicht anders
wie den andern, denn die Entscheidung des Prozesses verzögerte sich
immer noch, nur die dreißig Mark Zulage blieben. Weil der Leutnant
Schöttling aber von Hause aus ein gescheiter Mensch und obendrein halb
und halb ein Sohn der neuen Zeit war, die vom Träumen und Sehnen nicht
mehr gar so viel wissen mochte, kam er über den Durchschnitt hinaus,
wurde Geschichtslehrer an der Kriegsakademie, erreichte es, daß er in
den Stab kam, und schien bestimmt zu sein, eine große oder wenigstens
sehr gute Karriere zu machen. Da kam aber bei ihm doch wieder die
künstlerische Unbedachtsamkeit zutage, er verlobte sich mit einem
blutarmen Mädchen, das geduldig mit ihm wartete, bis er als Hauptmann
sie heiraten konnte. Rasch nacheinander kamen vier Kinder, unter ihnen
drei Söhne, deren Existenz sich abermals auf den halben Freiplatz im
Kadettenkorps und die dreißig Mark Zulage aufbaute. Dann begann die
Frau zu kränkeln, Aerzte und Badereisen zu bedürfen, und alles, was
sonst an die Hausfrau und Mutter kam, legte sich nun auf die Schultern
der jungen Elisabeth. Eine wegen beiderseitiger Armut aussichtslose
Neigung zu einem Leutnant im Regiment ihres Vaters warf die ersten
tieferen Schatten über ihre Seele und ihr Gesicht, und die Jahre, die
nachkamen, hielten mit feinen, mit ganz feinen Linien den Umriß der
Schatten fest. Die Mutter starb, für den Vater war es Zeit, in Pension
zu gehen, und er siedelte aus der teueren Pfalzgarnison, in der sie
zuletzt gestanden hatten, nach München über, weil Elisabeth, die ein
hübsches, wenn auch nicht aufsehenerregendes Talent besaß, Malerin
werden wollte. Sie studierte fleißig in einer Malschule ganz moderner
Richtung, bekam durch ihren guten Namen und mancherlei Beziehungen von
früher her auch allerlei Aufträge für Kinderportraits oder Kopien, aber
sie fühlte doch bald, daß ihre Begabung nicht ausreichte, um ihrem
Leben einen Inhalt zu geben, wenngleich sie natürlich die Einnahmen,
die ihr die Bilder brachten, nicht hätte missen mögen. Denn das billige
München war unaufhaltsam teurer geworden, die drei Brüder reichten
schon lange nicht mehr mit ihrem bescheidenen Wechsel, und der Oberst
war froh, daß die Tochter wenigstens nicht von ihm forderte, sondern
bescheiden und still das kleine Hauswesen führte und selber verdiente,
was sie an Extraausgaben benötigte.
Endlich war dann der Prozeß gewonnen, der die Lage der Familie mit
einem Schlage glänzend gestaltete, und als ersten Genuß des Besitzes
gönnten sich der Oberst und Elisabeth die italienische Reise, die
zunächst bis Neapel führen sollte. In Anbetracht des ungewöhnlichen
Ereignisses hatte auch der jüngste Bruder, der in einer kleinen,
fränkischen Garnison war, einen vierzehntägigen Urlaub erhalten, und
das Kleeblatt reiste in hellem Jubel ab.
Ueber Mailand ging die Fahrt in kleine Nester und Städte, die durch
große Offenbarungen der Kunst für alle Zeiten geweiht sind. Der Oberst
und Elisabeth schwelgten in primitiven Fresken, in naiven Gobelins, in
präraffaelitischen Märtyrern und Allegorien, der Leutnant aber stand
ziemlich teilnahmslos umher und schien von allem, was er sah, ziemlich
oder gründlich enttäuscht. Denn Otto von Schöttling war ein aus der Art
geschlagener Schöttling und Bayer, dem wenig Kunstbegeisterung im Blute
lag, der nicht als Aesthet, sondern als Beobachter reiste und obendrein
noch das »Uns-kann-keiner-Gefühl« des jungen Neudeutschen mit sich trug
und zur rechten Zeit laut werden ließ. Er sah überall Verlotterung,
Faulheit, Schmutz und Unredlichkeit, wo Vater und Schwester malerische
Wirkung und kindliche Harmlosigkeit erblickten, und erklärte bald, er
hätte schon genug vom Bilderrummel, und der Geruch der Kanäle sei so
entsetzlich, daß er ihn auf die Länge nicht aushalten könne. Erstaunt,
ungläubig hörten der Oberst und Elisabeth, was er sagte, und begriffen
ihn nicht, begriffen vor allem nicht, wieso sich gerade hier, in dieser
märchenhaften Stadt eine so tiefe Verschiedenheit der Ansichten geltend
machen konnte.
Dann bat wohl Elisabeth: »Geh', Papa, erzähl' ein wenig, wie alles war,
wie Du zum erstenmal hier warst!«
Und der Oberst, der sich selbst gern der alten Zeiten erinnerte,
fing an zu erzählen, wie schlecht damals, so ums Jahr 1875 herum,
die Schiffe und wie lang die Fahrt gewesen, wie es in Venedig damals
noch keine Wasserleitung und keine Vaporetti gegeben habe, sondern
nur Ziehbrunnen und die schwarzen Gondeln, wie das alte Getto noch
bestanden habe, starrend vor Schmutz, aber in den Tiefen seiner
Trödlerläden seltene Altertümer bergend, wie die Straßen und Plätze
kaum je gekehrt wurden und von Bettlern erfüllt waren, und wie er und
der andere junge Dachs, mit dem er gereist war, an der Speisenkarte
ihrer Trattoria gemächlich von den Preisen herunterhandeln konnten.
Elisabeth hörte solche Geschichten vom früheren Venedig zu gern, der
Leutnant aber meinte mit gönnerhaftem Lächeln:
»Donnerwetter, Papa, das muß eine schöne Wirtschaft gewesen sein und
eine schöne Trattoria!«
Der Oberst entgegnete ruhig:
»Wir waren anspruchsloser als Ihr heutzutage! Ihr habt's besser und
wollt's immer noch besser haben!«
Der Leutnant wurde rot und klein. So hatte er's ja nicht gemeint, er
wollte den Vater ja nicht kränken und war doch weiß Gott für sich
persönlich nicht anspruchsvoll. --
»Laß gut sein, ich weiß schon, wie Du es meinst! Elisabeth und ich, wir
sind eben die Rasse von früher, und Ihr die neue. Wir beten noch an,
was unsere Vorfahren angebetet haben, Ihr aber seid aus anderm Stoff
und wollt selber Vorfahren sein!«
Sie verfolgten das Gespräch nicht weiter.
Der Oberst dachte dann wohl ein wenig darüber nach, wie seltsam
verschieden von ihm doch seine Söhne waren, von denen es keinen zur
Kunst hinzog, obgleich sie jetzt doch hätten tun und lassen können,
wozu die Neigung sie trieb. Der eine wollte nur zur Kavallerie
übertreten, der zweite ging mit dem Gedanken um, den bunten Rock
auszuziehen, um Elektrotechnik zu studieren, und der Jüngste
hier träumte nur von weiten Auslandreisen, von dem Posten eines
Militärattachés bei Gesandtschaften in Japan, China oder Amerika.
»Meine nächste Reise aber geht nach England. Ich will den Platz
aufsuchen, wo wir nach dem nächsten Krieg dem King den Frieden
diktieren!« setzte er lachend, aber doch mit einem Unterton von Ernst
hinzu.
»Ja, ja, der Vorfahre!« sagte der Oberst mit leiser Ironie.
Hinwiederum neckte der Leutnant Elisabeth gern, wenn sie bei Fahrten
auf dem Canal Grande oder bei Spaziergängen durch die winkelige Stadt
immer wieder in Bedauern ausbrach, daß so viele der alten Paläste von
einstens zu Registraturen, Gasthöfen, Bilder- und Glaswarenniederlagen
degradiert worden waren, vor allem, daß sich heute im Palaste der
Catarina Cornaro das Leihhaus befindet. Er sagte dann wohl: »Ich wette,
Liesel, die Dogen wären mit dieser Wandlung ganz zufrieden und die
Republik Venedig auch. Das waren doch alles nur Krämer und Händler, und
ein Leihhaus ist ein Geschäft wie ein anderes auch.«
»Aber findest Du's denn nicht jammervoll, daß diese großen Familien so
heruntergekommen sind, daß sie ihre Paläste zu Bureaux oder Kaufläden
hergeben müssen?«
»Du lieber Gott, was soll einem das Haus ohne Schnecke und der Palazzo
ohne Geld! Ich finde es noch ganz vernünftig, daß sie sich nicht mit
altem Krempel plagen, der für sie keinen Wert mehr hat.«
»Ich kann nicht so denken wie Du! So oft ich am Palazzo Manin
vorbeikomme, muß ich immer daran denken, wie Papa uns erzählte, daß
zu seiner Zeit der letzte Nachkomme der Manins auf dem Markusplatz
Streichhölzer verkauft hat!«
Der Leutnant lachte.
»Wenn sie dem guten Papa da nur nicht einen Bären aufgebunden haben!
Außerdem war der letzte Manin ein simpler Advokat und die Republik von
1848 etwas so Klägliches, daß sie ihrem Schöpfer danken durfte, als
sie beim vereinigten Königreich Italien unterkriechen konnte!«
Es kam bei allen Ironien und Neckereien nie zum Streit, aber alle drei
waren froh, als der Leutnant Venedig verließ. Beim Abschied sagte er
noch:
»Also, Liesel, bis wir uns wiedersehen, wird Deine Verstiegenheit
überhaupt den Pegel erreicht haben, und ich freu' mich schon, Dich
allmählich auf mein ordinäres Niveau herunterzubringen, denn so schätzt
Ihr beide mich jetzt doch ein, das weiß ich schon!«
Elisabeth lachte und wehrte ab, aber sie freute sich, daß nun niemand
mehr sie in ihrer Schwärmerei und ihren Phantasien störte. Immer tiefer
versanken die beiden in den romanischen Rausch, schoben die Abreise
nach Florenz immer weiter hinaus, weil Venedig sie so fest gefangen
hielt. Alles erschien ihnen hier köstlich und zauberhaft, obwohl es
ihr Empfinden verletzte, wenn sie immer wieder merkten, daß das alte
Venedig der Neuzeit Konzessionen machte, versuchte, sich ihr anzupassen
und sie zu sich hereinzulocken. Sie empfanden das als stillos und
kleinlich, hätten lieber gehabt, daß es nach königlicher Macht stolz
in königlichem Verfall beharrt hätte. Sie merkten gar nicht, wie sie
mit diesen Gedanken die Stadt vom Leben abtrennen, ihr die Blutadern
abbinden wollten, daß sie nichts sein sollte als eine bleiche,
tragische Erscheinung, über der gleich einem Märtyrerschein der Glanz
ihrer großen Vergangenheit schwebte.
4.
Grau und erinnerungsreich stieg der Palazzo Priuli aus dem stillen, wie
tot daliegenden Seitenkanal des Canal Grande auf. Er blendete nicht
durch großartige Raumverhältnisse oder durch überreiche Verzierungen,
wie die Spätrenaissance berühmter Paläste sie liebte, denn er war älter
als die meisten von ihnen, da die Priulis ja noch zu den Familien
gehörten, deren erste Dogen nicht im Dogenpalast auf der Piazza,
sondern in dem inzwischen verschwundenen am Rialto geherrscht hatten.
Er war nicht viel größer als ein mäßiges Privathaus, bestand nur aus
Erdgeschoß und erstem Stockwerk, in dessen Mitte die vielgerühmten
Spitzbogen aus dem zwölften Jahrhundert die Fassade unterbrachen.
Das ursprünglich weiße Steingemäuer war von den Jahrhunderten mit
sanftem Grau beschlagen worden, aber sonst schienen sie machtlos an
ihm vorübergegangen zu sein. Nur die Marmorstufen, die von der großen,
erzenen Eingangstür herunter in den Kanal führten, waren vom ewigen
Anschlag der Wellen poliert, da und dort zernagt, und die untersten
hatten von Moos und Tang einen grünlichen Schimmer bekommen. Die
Gondelpfeiler aber leuchteten frisch angestrichen in Weiß-Blau, den
Farben der Priuli, die Dogenmützen, die sie bekrönten, glitzerten
neuvergoldet, und wenn auch eine kleine Metallplatte mit verwitterter
Inschrift zwischen dem Erdgeschoß und dem ersten Stockwerk verlöscht
und zerstört dahing, so war doch der ganze Eindruck des Palastes
ein so vornehmer, daß die Schöttlings meinten, er gehöre zu den
besterhaltenen, die sie noch gesehen hatten.
Der Gondoliere begann, sobald er um die Ecke vom Canal Grande abgebogen
war, mit den üblichen Erklärungen. Er nannte den vermutlichen
Baumeister, einen langverschollenen Namen, pries die Spitzbogen, als
ob er wirklich etwas von ihrer Schönheit verstünde, wies mit der Hand
nach der zerstörten Metalltafel und erläuterte, daß die unleserlich
gewordene Inschrift besagte: »Hier wurde Enrico Priuli, der Sieger
von Kreta, geboren und lebte sein höchst tugendreiches Leben, bis
ihn der Tod zur Trauer aller Edlen und zum Schmerz der Republik von
hinnen rief, ~anno Domini~ 1467.« Die Schöttlings fragten, ob die
Familie Priuli wohl ausgestorben und der Name nur noch dem Palast
erhalten geblieben sei. Der Gondoliere verneinte, wußte in den
Personalverhältnissen der Priuli genau Bescheid, rühmte, daß sie immer
noch zu den vornehmsten Familien Venedigs gehörten, und fragte, ob er
die Herrschaften nicht vielleicht zu dem zweiten Palazzo Priuli fahren
sollte, der nur wenige Ruderschläge weiter in demselben kleinen Kanal
sich erhob.
»Palazzo +Ettore+ Priuli!« betonte er, als er die Gondel wieder
abstieß, »Palazzo +Carlo+ Priuli«, als er vor dem anderen hielt. Der
Palazzo Carlo Priuli war reicher, aber lange nicht so künstlerisch
und in sich abgeschlossen wie sein Vetter. Er stammte schon aus der
Renaissance, prunkte mehr mit geschnörkelten Kapitälen, Stützpfeilern
und Balkonen. Er war auch sichtbarlich restauriert worden, und auf den
Gondelpfeilern fehlten die Dogenmützen, denn diese Linie der Priuli
hatte der Republik keinen Herrscher gegeben. Die Schöttlings fragten
auch hier diesem und jenem nach und erfuhren von dem Gondoliere, daß
dieser Palast wohl noch im Besitz der Familie, aber an die »Bank von
San Marco« vermietet sei. Dann drehte der Gondoliere geschickt die
Gondel um, und sie fuhren zurück zum Palazzo Ettore Priuli, dessen
Pforten sich eben für die Besucher der Gemäldegalerie öffneten.
Es war der erste Privatpalast, den die Schöttlings betraten, denn
wenn sie auch Spitzen- und Glaswarenläden besucht hatten, die sich
in früheren Edelsitzen breit machten, so waren es eben doch immer
Kaufläden gewesen, bei denen die Waren die Hauptsache und die Umgebung
das Nebensächliche schien. Hier aber schritten sie durch Räume, die
heute noch derselben Tradition dienten, der sie vor Jahrhunderten
gedient hatten, und die Schöttlings empfanden ein köstliches Gefühl
von Ehrfurcht, das gar nichts mit Snobismus zu tun hatte, vielmehr aus
feinfühligen und gebildeten Herzen herkam. Hier war alles Pracht, wie
das alte Venedig sie geschätzt hatte: die Fußböden aus buntem Marmor,
mit reizvollen Mustern eingelegt, die Wände mit Seide und Gobelins
bespannt, die Decken entweder aus dunklem, kassettiertem Holz reich
mit Gold inkrustiert oder mit heiteren Gemälden und verschlungenen
Stuckgirlanden. Die Galerie lag im Erdgeschoß, während das erste
Stockwerk, das sich noch weit nach hinten mit der Aussicht auf einen
anderen Kanal dehnte, die Wohnungen der Priulis umschloß. Ein Diener
in Kniestrümpfen und schwarzer Livree empfing die Besucher, nahm ihnen
Stöcke und Schirme ab, wies sie mit einer diskreten Handbewegung nach
den zwei Sälen, welche die Galerie bildeten, und zog sich dann wieder
zurück, um neue Gäste zu empfangen.
Der Oberst und Elisabeth musterten nur flüchtig die Gemälde des
ersten Saales, denn es drängte sie, das berühmte Bild zu sehen, um
dessentwillen diese kleine Privatgalerie sich großen Stadtsammlungen
an die Seite stellen konnte, und das sie natürlich schon aus zahllosen
Kopien und Reproduktionen kannten. Wie sie dann vor dem Bild standen,
merkten sie aber deutlich, wie arm alle Nachbildungen gegenüber dieser
Offenbarung eines Begnadeten bleiben mußten, dessen Farben so heiß und
jubelnd waren, daß sie sich in Töne zu verwandeln schienen, und für
den die Raumbeschränkung nicht ein mühselig zu überwindendes Hindernis
bildete, sondern die gewollte Abgrenzung eines strenggedachten und
scheinbar spielend ausgeführten Baues. Das Bild, ein Kniestück,
etwas unter Lebensgröße, stellte eine junge Frau dar. Sie war in ein
purpurfarbenes, mit Gold und Perlenstickerei reich verbrämtes Gewand
gekleidet, hielt zwischen dem spitzen Zeigefinger und dem Daumen der
rechten Hand einen goldenen Ring, so als ob sie ihn zeigen wollte. Das
Gesicht glich anderen Frauen des Meisters, wie sie sich alle gleichen,
nur war es vergeistigter, vielleicht auch ein wenig leidvoller, als
die Renaissance sonst die Frauen darzustellen liebt. Auf den rötlichen
Haaren saß ein goldener Kopfschmuck, der dem Mützchen einer Dogaressa
glich. Sie stand vor einem Vorhang aus gelbem Damast, der sich hinter
ihr zurückschlug und die Lagune enthüllte, auf der man den Bucentaurus
schwimmen sah, das Prachtschiff, von dem der Doge alljährlich den
Ring ins Meer warf, zum Zeichen, daß Venedig und die Adria unlöslich
miteinander vermählt seien. Weil man nicht genau wußte, wen das Bild
darstellte, ob es wirklich, wie einige Kunsthistoriker behaupteten,
eine Dogaressa Priuli oder nur sonst eine vornehme Dame war, hieß es
bald ›die Dogaressa‹, bald auch nur ›die Frau mit dem Ring‹. Wie immer
es aber heißen mochte, -- wer vor ihm stand, vergaß bald nach Namen und
Sinn zu fragen, versank tief in den Zauber, der von diesen Farben, von
dieser wundersamen Abstimmung des goldfarbenen Vorhangs zwischen dem
purpurnen Kleid und der blauschimmernden Lagune ausging. Lange standen
der Oberst und Elisabeth vor dieser köstlichen Frau, sahen immer noch
zu ihr empor, auch als die Besucher, die mit ihnen gekommen, schon
wieder gegangen waren und neue eintraten. Nur »der erste Kirchgang
Mariä« in der Academia hatte ähnliche Empfindungen in ihnen ausgelöst,
hatte sie so bis zuletzt einem Kunstwerk hingegeben, wie dieses Bildnis
hier.
Halblaut, als stünden sie an geweihtem Ort, tauschten sie bewundernde
Bemerkungen über Einzelheiten der Technik und der Wirkung aus, aber
nicht gar viele, denn sie fühlten beide, daß man hier nur schauen,
nicht sprechen oder erläutern mußte. Als sie sich dann endlich von
der »Dogaressa« losrissen, um die übrige Galerie zu betrachten, kamen
ihnen die andern Schulen und Bilder, die hier vertreten waren, blaß und
nichtig vor, so daß sie nichts von ihnen in der Erinnerung behielten,
auch späterhin nicht wußten, ob sie in Wirklichkeit oder nur durch den
Gegensatz so unbedeutend waren, wie sie ihnen erschienen.