nur getrost!«, ermunterte die Großmama, und Heidi lief sofort in sein
Zimmer hinüber und betete ernstlich und reuig zum lieben Gott und
bat ihn, dass er es doch nicht vergessen und auch wieder zu ihm
niederschauen möge. -
Der Tag der Abreise war gekommen, es war für Klara und Heidi ein
trauriger Tag; aber die Großmama wusste es so einzurichten, dass sie
gar nicht zum Bewusstsein kamen, dass es eigentlich ein trauriger Tag
sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die gute Großmama im
Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere und Stille im Hause ein, als wäre
alles vorüber, und solange noch der Tag währte, saßen Klara und Heidi
wie verloren da und wussten gar nicht, wie es nun weiter kommen
sollte.
Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da
war, da die Kinder gewöhnlich zusammensaßen, trat Heidi mit seinem
Buch unter dem Arm herein und sagte: »Ich will dir nun immer, immer
vorlesen; willst du, Klara?«
Der Klara war der Vorschlag recht für einmal, und Heidi machte sich
mit Eifer an seine Tätigkeit. Aber es ging nicht lange, so hörte schon
wieder alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen
begonnen, die von einer sterbenden Großmutter handelte, als es auf
einmal laut aufschrie: »Oh, nun ist die Großmutter tot!«, und in ein
jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es las, war dem Heidi
volle Gegenwart, und es glaubte nicht anders, als nun sei die
Großmutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer lauterem
Weinen: »Nun ist die Großmutter tot, und ich kann nie mehr zu ihr
gehen, und sie hat nicht ein einziges Brötchen mehr bekommen!«
Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklären, dass es ja nicht die
Großmutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese
Geschichte handle; aber auch, als sie endlich dazu gekommen war, dem
aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte es sich
doch nicht beruhigen und weinte immer noch untröstlich weiter, denn
der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Großmutter könne ja
sterben, während es so weit weg sei, und der Großvater auch noch, und
wenn es dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so sei alles still
und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und könne niemals mehr
die sehen, die ihm lieb waren.
Währenddessen war Fräulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und hatte
noch Klaras Bemühungen, Heidi über seinen Irrtum aufzuklären, mit
angehört. Als das Kind aber immer noch nicht aufhören konnte zu
schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den
Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: »Adelheid, nun ist des
grundlosen Geschreis genug! Ich will dir eines sagen: Wenn du noch ein
einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbrüchen den Lauf
lässt, so nehme ich das Buch aus deinen Händen und für immer!«
Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz weiß vor Schrecken, das Buch war
sein höchster Schatz. Es trocknete in größter Eile seine Tränen und
schluckte und würgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter, so dass
kein Tönchen mehr laut wurde. Das Mittel hatte geholfen, Heidi
weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal hatte es
solche Anstrengungen zu machen, um sich zu überwinden und nicht
aufzuschreien, dass Klara öfter ganz erstaunt sagte: »Heidi, du machst
so schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe.« Aber die
Grimassen machten keinen Lärm und fielen der Dame Rottenmeier nicht
auf, und wenn Heidi seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit
niedergerungen hatte, kam alles wieder ins Geleise für einige Zeit
und war tonlos vorübergegangen. Aber seinen Appetit verlor Heidi so
sehr und sah so mager und bleich aus, dass der Sebastian fast nicht
ertragen konnte, das so mit anzusehen und Zeuge sein zu müssen, wie
Heidi bei Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen ließ und
nichts essen wollte. Er flüsterte ihm auch öfter ermunternd zu, wenn
er ihm eine Schüssel hinhielt: »Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist
vortrefflich. Nicht so! Einen rechten Löffel voll, noch einen!«, und
dergleichen väterlicher Räte mehr; aber es half nichts: Heidi aß fast
gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen legte, so
hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war, und nur ganz
leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein, so dass es
gar niemand hören konnte.
So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wusste gar nie, ob es Sommer oder
Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen Fenstern des
Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es
nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit
ihr gemacht werden konnte, die aber immer sehr kurz war, denn Klara
konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So kam man kaum aus den Mauern
und Steinstraßen heraus, sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um
und fuhr immerfort durch große, schöne Straßen, wo Häuser und Menschen
in Fülle zu sehen waren, aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen
und keine Berge, und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schönen
gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr, so dass es jetzt
nur den Namen eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen
brauchte, so war schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe, und Heidi
hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen. So waren Herbst und Winter
vergangen, und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weißen
Mauern am Hause gegenüber, dass Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe,
da der Peter wieder zur Alm führe mit den Geißen, da die goldenen
Cystusröschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich
ringsum alle Berge im Feuer ständen. Heidi setzte sich in seinem
einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Händen die
Augen zu, dass es den Sonnenschein drüben an der Mauer nicht sehe; und
so saß es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos niederkämpfend,
bis Klara wieder nach ihm rief.
Im Hause Sesemann spukt's
Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier meistens schweigend
und in sich gekehrt im Haus herum. Wenn sie um die Zeit der Dämmerung
von einem Zimmer ins andere oder über den langen Korridor ging,
schaute sie öfters um sich, gegen die Ecken hin und auch schnell
einmal hinter sich, so, als denke sie, es könnte jemand leise hinter
ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen. So allein ging sie
aber nur noch in den bewohnten Räumen herum. Hatte sie auf dem oberen
Boden, wo die feierlich aufgerüsteten Gastzimmer lagen, oder gar in
den unteren Räumen etwas zu besorgen, wo der große geheimnisvolle Saal
war, in dem jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und
die alten Ratsherren mit den großen, weißen Kragen so ernsthaft und
unverwandt auf einen niederschauten, da rief sie nun regelmäßig die
Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall etwas von
dort herauf- oder von oben herunterzutragen wäre. Tinette ihrerseits
machte es pünktlich ebenso; hatte sie oben oder unten irgendein
Geschäft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm,
er habe sie zu begleiten, es möchte etwas herbeizubringen sein, das
sie nicht allein tragen könnte. Wunderbarerweise tat auch Sebastian
akkurat dasselbe; wurde er in die abgelegenen Räume geschickt, so
holte er den Johann herauf und wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall
er nicht herbeischaffen könnte, was erforderlich sei. Und jedes folgte
immer ganz willig dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbeizutragen
war, so dass jedes gut hätte allein gehen können; aber es war so, als
denke der Herbeigerufene immer bei sich, er könne den anderen auch
bald für denselben Dienst nötig haben. Während sich solches oben
zutrug, stand unten die langjährige Köchin tiefsinnig bei ihren Töpfen
und schüttelte den Kopf und seufzte: »Dass ich das noch erleben
musste!«
Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames und
Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft herunterkam,
stand die Haustür weit offen; aber weit und breit war niemand zu
sehen, der mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen konnte. In
den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich mit Schrecken
alle Zimmer und Räume des Hauses durchsucht, um zu sehen, was alles
gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich im Hause verstecken
können und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen entflohen; aber da war
gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen Hause nicht ein einziges
Ding. Abends wurde nicht nur die Tür doppelt zugeriegelt, sondern
es wurde noch der hölzerne Balken vorgeschoben - es half nichts:
Am Morgen stand die Tür weit offen; und so früh nun auch die ganze
Dienerschaft in ihrer Aufregung am Morgen herunterkommen mochte - die
Tür stand offen, wenn auch ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und
Fenster und Türen an allen anderen Häusern noch fest verrammelt waren.
Endlich fassten sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten
sich auf die dringenden Zureden der Dame Rottenmeier bereit, die Nacht
unten in dem Zimmer, das an den großen Saal stieß, zuzubringen und zu
erwarten, was geschehe. Fräulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen
des Herrn Sesemann hervor und übergab dem Sebastian eine große
Liqueurflasche, damit Stärkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen
könne, wo sie nötig sei.
Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen
gleich an, sich Stärkung zuzutrinken, was sie erst sehr gesprächig
und dann ziemlich schläfrig machte, worauf sie beide sich an die
Sesselrücken lehnten und verstummten. Als die alte Turmuhr drüben
zwölf schlug, ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an;
der war aber nicht leicht zu erwecken; sooft ihn Sebastian anrief,
legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere
und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war nun
wieder ganz munter geworden. Es war alles mäuschenstill, auch von der
Straße war kein Laut mehr zu hören. Sebastian entschlief nicht wieder,
denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der großen Stille, und er
rief den Johann nur noch mit gedämpfter Stimme an und rüttelte ihn
von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als es droben schon ein Uhr
geschlagen hatte, war der Johann wach geworden und wieder zum klaren
Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl sitze und nicht in seinem
Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal sehr tapfer empor und rief: »Nun,
Sebastian, wir müssen doch einmal hinaus und sehen, wie's steht; du
wirst dich ja nicht fürchten. Nur mir nach.«
Johann machte die leicht angelehnte Zimmertür weit auf und trat
hinaus. Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustür ein
scharfer Luftzug her und löschte das Licht aus, das der Johann in
der Hand hielt. Dieser stürzte zurück, warf den hinter ihm stehenden
Sebastian beinah rücklings ins Zimmer hinein, riss ihn dann mit,
schlug die Tür zu und drehte in fieberhafter Eile den Schlüssel um,
solang er nur umging. Dann riss er seine Streichhölzer hervor und
zündete sein Licht wieder an. Sebastian wusste gar nicht recht, was
vorgefallen war, denn hinter dem breiten Johann stehend, hatte er den
Luftzug nicht so deutlich empfunden. Wie er aber jenen nun bei Licht
besah, tat er einen Schreckensruf, denn der Johann war kreideweiß
und zitterte wie Espenlaub. »Was ist's denn? Was war denn draußen?«,
fragte der Sebastian teilnehmend.
»Sperrangelweit offen die Tür«, keuchte Johann, »und auf der Treppe
eine weiße Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf -
husch und verschwunden.«
Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rücken hinauf. Jetzt setzten sich
die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis dass der
neue Morgen da war und es auf der Straße anfing, lebendig zu werden.
Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen stehende
Haustür zu und stiegen dann hinauf, um Fräulein Rottenmeier Bericht zu
erstatten über das Erlebte. Die Dame war auch schon zu sprechen, denn
die Erwartung der zu vernehmenden Dinge hatte sie nicht mehr schlafen
lassen. Sobald sie nun vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte
sie sich hin und schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch
keinen erhalten hatte; er möge sich nur sogleich, ohne Verzug,
aufmachen und nach Hause zurückkehren, denn da geschähen unerhörte
Dinge. Dann wurde ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die
Nachricht, dass fortgesetzt die Tür jeden Morgen offen stehe; dass
also keiner im Hause seines Lebens mehr sicher sei bei dergestalt
allnächtlich offen stehender Hauspforte und dass man überhaupt nicht
absehen könne, was für dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch
nach sich ziehen könne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei
ihm unmöglich, so plötzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu
kommen. Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe
auch, sie sei vorübergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben, so
möge Fräulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie fragen,
ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss würde seine
Mutter in kürzester Zeit mit den Gespenstern fertig, und diese trauten
sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein Haus zu beunruhigen.
Fräulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton dieses Briefes;
die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst. Sie schrieb unverzüglich
an Frau Sesemann, aber von dieser Seite her tönte es nicht eben
befriedigender, und die Antwort enthielt einige ganz anzügliche
Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb, sie gedenke nicht, extra von
Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen, weil die Rottenmeier
Gespenster sehe. Übrigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden im
Hause Sesemann, und wenn jetzt eines darin herumfahre, so könne es nur
ein lebendiges sein, mit dem die Rottenmeier sich sollte verständigen
können; wo nicht, so solle sie die Nachtwächter zu Hilfe rufen.
Aber Fräulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in
Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen. Bis dahin hatte
sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung gesagt, denn
sie befürchtete, die Kinder würden vor Furcht Tag und Nacht keinen
Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte sehr unbequeme
Folgen für sie haben. Jetzt ging sie stracks ins Studierzimmer
hinüber, wo die beiden zusammensaßen, und erzählte mit gedämpfter
Stimme von den nächtlichen Erscheinungen eines Unbekannten. Sofort
schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick mehr allein, der Papa
müsse nach Hause kommen und Fräulein Rottenmeier müsse zum Schlafen in
ihr Zimmer hinüberziehen, und Heidi dürfe auch nicht mehr allein sein,
sonst könne das Gespenst einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie
wollten alle in _einem_ Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht
brennen lassen, und Tinette müsste nebenan schlafen und der Sebastian
und der Johann müssten auch herunterkommen und auf dem Korridor
schlafen, dass sie gleich schreien und das Gespenst erschrecken
könnten, wenn es etwa die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr
aufgeregt und Fräulein Rottenmeier hatte nun die größte Mühe, sie
etwas zu beschwichtigen. Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu
schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie mehr
allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht in demselben Raume
schlafen, aber wenn Adelheid sich auch fürchten sollte, so müsste
Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi fürchtete sich
mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen das Kind noch
gar nie etwas gehört hatte, und es erklärte gleich, es fürchte das
Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem Zimmer bleiben.
Hierauf eilte Fräulein Rottenmeier an ihren Schreibtisch und
schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen Vorgänge im Hause, die
allnächtlich sich wiederholten, hätten die zarte Konstitution seiner
Tochter dergestalt erschüttert, dass die schlimmsten Folgen zu
befürchten seien; man habe Beispiele von plötzlich eintretenden
epileptischen Zufällen oder Veitstanz in solchen Verhältnissen, und
seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn dieser Zustand des Schreckens
im Hause nicht gehoben werde.
Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tür und
schellte dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief und
einer den anderen anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als nun
lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften Stücke
aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb geöffneten Laden
von oben herunter; in dem Augenblick schellte es noch einmal so
nachdrücklich, dass jeder unwillkürlich eine Menschenhand hinter dem
tüchtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte die Hand erkannt, stürzte
durchs Zimmer, kopfüber die Treppe hinunter, kam aber unten wieder auf
die Füße und riss die Haustür auf. Herr Sesemann grüßte kurz und stieg
ohne weiteres nach dem Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den
Papa mit einem lauten Freudenruf, und als er sie so munter und völlig
unverändert sah, glättete sich seine Stirn, die er vorher sehr
zusammengezogen hatte, und immer mehr, als er nun von ihr selbst
hörte, sie sei so wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen
sei, dass es ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus
herumfahre, weil er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen
musste.
»Und wie führt sich das Gespenst weiter auf, Fräulein Rottenmeier?«,
fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den
Mundwinkeln.
»Nein, Herr Sesemann«, entgegnete die Dame ernst, »es ist kein Scherz.
Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht mehr lachen
wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf Fürchterliches, das
hier in vergangener Zeit muss vorgegangen und verheimlicht worden
sein.«
»So, davon weiß ich nichts«, bemerkte Herr Sesemann, »muss aber
bitten, meine völlig ehrenwerten Ahnen nicht verdächtigen zu wollen.
Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will allein mit
ihm reden.«
Herr Sesemann ging hinüber und Sebastian erschien. Es war Herrn
Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Fräulein Rottenmeier sich
nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine Gedanken.
»Komm Er her, Bursche«, winkte er dem Eintretenden entgegen, »und sag
Er mir nun ganz ehrlich: Hat Er nicht etwa selbst ein wenig Gespenst
gespielt, so um Fräulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu machen, he?«
»Nein, meiner Treu, das muss der gnädige Herr nicht glauben; es ist
mir selbst nicht ganz gemütlich bei der Sache«, entgegnete Sebastian
mit unverkennbarer Ehrlichkeit.
»Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen
Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schäme Er sich,
Sebastian, ein junger, kräftiger Bursch, wie Er ist, vor Gespenstern
davonzulaufen! Nun geh Er unverzüglich zu meinem alten Freund, Doktor
Classen: meine Empfehlung und er möchte unfehlbar heut Abend neun Uhr
bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris hergereist, um ihn zu
konsultieren. Er müsse die Nacht bei mir wachen, so schlimm sei's; er
solle sich richten! Verstanden, Sebastian?«
»Jawohl, jawohl! Der gnädige Herr kann sicher sein, dass ich's gut
mache.« Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu
seinem Töchterchen zurück, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung zu
benehmen, die er noch heute ins nötige Licht stellen wollte.
Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Fräulein
Rottenmeier sich zurückgezogen hatte, erschien der Doktor, der unter
seinen grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei lebhaft
und freundlich blickende Augen zeigte. Er sah etwas ängstlich aus,
brach aber gleich nach seiner Begrüßung in ein helles Lachen aus und
sagte, seinem Freunde auf die Schulter klopfend: »Nun, nun, für einen,
bei dem man wachen soll, siehst du noch leidlich aus, Alter.«
»Nur Geduld, Alter«, gab Herr Sesemann zurück; »derjenige, für den
du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst
abgefangen haben.«
»Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen werden
muss?«
»Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, bei
mir spukt's!«
Der Doktor lachte laut auf.
»Schöne Teilnahme das, Doktor!«, fuhr Herr Sesemann fort; »schade,
dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht genießen kann. Sie ist fest
überzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und Schauertaten
abbüßt.«
»Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?«, fragte der Doktor noch
immer sehr erheitert.
Herr Sesemann erzählte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und wie
noch jetzt allnächtlich die Haustür geöffnet werde, nach der Angabe
der sämtlichen Hausbewohner, und fügte hinzu, um für alle Fälle
vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in das
Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr
unerwünschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der
Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des
Hausherrn zu erschrecken - dann könnte ein kleiner Schrecken, wie
ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein -; oder auch
es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an
Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu sein,
dass niemand sich herauswage - in diesem Falle könnte eine gute Waffe
auch nicht schaden.
Während dieser Erklärungen waren die Herren die Treppe
hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und
Sebastian auch gewacht hatten. Auf dem Tische standen einige Flaschen
schönen Weines, denn eine kleine Stärkung von Zeit zu Zeit konnte
nicht unerwünscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden musste.
Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles Licht
verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn so im
Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht erwarten.
Nun wurde die Tür ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte nicht
in den Korridor hinausfließen, es konnte das Gespenst verscheuchen.
Jetzt setzten sich die Herren gemütlich in ihre Lehnstühle und fingen
an, sich allerlei zu erzählen, nahmen auch hier und da dazwischen
einen guten Schluck, und so schlug es zwölf Uhr, eh sie sich's
versahen.
»Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht«, sagte
der Doktor jetzt.
»Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen«, entgegnete der Freund.
Das Gespräch wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum war
es völlig still, auch auf den Straßen war aller Lärm verklungen. Auf
einmal hob der Doktor den Finger empor.
»Pst, Sesemann, hörst du nichts?«
Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hörten sie, wie
der Balken zurückgeschoben, dann der Schlüssel zweimal im Schloss
umgedreht, jetzt die Tür geöffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit der
Hand nach seinem Revolver.
»Du fürchtest dich doch nicht?«, sagte der Doktor und stand auf.
»Behutsam ist besser«, flüsterte Herr Sesemann, erfasste mit
der Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den
Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermaßen mit Leuchter und
Schießgewehr bewaffnet, voranging. Sie traten auf den Korridor hinaus.
Durch die weit geöffnete Tür floss ein bleicher Mondschein herein und
beleuchtete eine weiße Gestalt, die regungslos auf der Schwelle stand.
»Wer da?«, donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den ganzen
Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern und Waffen
an die Gestalt heran. Sie kehrte sich um und tat einen leisen Schrei.
Mit bloßen Füßen im weißen Nachtkleidchen stand Heidi da, schaute
mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und auf die Waffen und
zitterte und bebte wie ein Blättlein im Winde von oben bis unten. Die
Herren schauten einander in großem Erstaunen an.
»Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine Wasserträgerin«,
sagte der Doktor.
»Kind, was soll das heißen?«, fragte nun Herr Sesemann. »Was wolltest
du tun? Warum bist du hier heruntergekommen?«
Schneeweiß vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos:
»Ich weiß nicht.«