Jetzt trat der Doktor vor: »Sesemann, der Fall gehört in mein Gebiet;

geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich will vor

allem das Kind hinbringen, wo es hingehört.«

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde Kind

ganz väterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.

»Nicht fürchten, nicht fürchten«, sagte er freundlich im

Hinaufsteigen, »nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes

dabei, nur getrost sein.«

In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter auf

den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein und

deckte es sorgfältig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am Bett

und wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht mehr an

allen Gliedern bebte. Dann nahm er das Kind bei der Hand und sagte

begütigend: »So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch noch, wo

wolltest du denn hin?«

»Ich wollte gewiss nirgends hin«, versicherte Heidi; »ich bin auch gar

nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da.«

»So, so, und hast du etwa geträumt in der Nacht, weißt du, so, dass du

deutlich etwas sahst und hörtest?«

»Ja, jede Nacht träumt es mir und immer gleich. Dann mein ich, ich sei

beim Großvater, und draußen hör ich's in den Tannen sausen und denke:

Jetzt glitzern so schön die Sterne am Himmel, und ich laufe geschwind

und mache die Tür auf an der Hütte und da ist's so schön! Aber wenn

ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt.« Heidi fing schon an zu

kämpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den Hals hinaufstieg.

»Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf oder im

Rücken?«

»O nein, nur hier drückt es so wie ein großer Stein immerfort.«

»Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher

lieber wieder zurückgeben?«

»Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte.«

»So, so, und weinst du denn so recht heraus?«

»O nein, das darf man nicht, Fräulein Rottenmeier hat es verboten.«

»Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig!

Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?«

»O ja«, war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie eher

das Gegenteil.

»Hm, und wo hast du mit deinem Großvater gelebt?«

»Immer auf der Alm.«

»So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig

langweilig, nicht?«

»O nein, da ist's so schön, so schön!« Heidi konnte nicht weiter; die

Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang verhaltene

Weinen überwältigten die Kräfte des Kindes; gewaltsam stürzten ihm die

Tränen aus den Augen und es brach in ein lautes, heftiges Schluchzen

aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das Kissen

nieder und sagte: »So, noch ein klein wenig weinen, das kann nichts

schaden, und dann schlafen, ganz fröhlich einschlafen; morgen wird

alles gut.« Dann verließ er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, ließ er sich dem harrenden

Freunde gegenüber in den Lehnstuhl nieder und erklärte dem mit

gespannter Erwartung Lauschenden: »Sesemann, dein kleiner Schützling

ist erstens mondsüchtig; völlig unbewusst hat er dir allnächtlich

als Gespenst die Haustür aufgemacht und deiner ganzen Mannschaft

die Fieber des Schreckens ins Gebein gejagt. Zweitens wird das Kind

vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum Geripplein

abgemagert ist und es noch völlig werden würde; also schnelle

Hilfe! Für das erste Übel und die in hohem Grade stattfindende

Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, nämlich, dass du sofort

das Kind in die heimatliche Bergluft zurückversetzest; für das zweite

gibt's ebenfalls nur _eine_ Medizin, nämlich ganz dieselbe. Demnach

reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept.«

Herr Sesemann war aufgestanden. In größter Aufregung lief er das

Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: »Mondsüchtig! Krank! Heimweh!

Abgemagert in meinem Hause! Das alles in meinem Hause! Und niemand

sieht zu und weiß etwas davon! Und du, Doktor, du meinst, das Kind,

das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist, schicke ich elend und

abgemagert seinem Großvater zurück? Nein, Doktor, das kannst du nicht

verlangen, das tu ich nicht, das werde ich nie tun. Jetzt nimm das

Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm, mach, was du willst, aber mach

es mir heil und gesund, dann will ich es heimschicken, wenn es will;

aber erst hilf du!«

»Sesemann«, entgegnete der Doktor ernsthaft, »bedenke, was du tust!

Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen

heilt. Das Kind hat keine zähe Natur, indessen, wenn du es jetzt

gleich wieder in die kräftige Bergluft hinaufschickst, an die es

gewöhnt ist, so kann es wieder völlig gesunden; wenn nicht - du willst

nicht, dass das Kind dem Großvater unheilbar oder gar nicht mehr

zurückkomme?«

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: »Ja, wenn du so

redest, Doktor, dann ist nur _ein_ Weg, dann muss sofort gehandelt

werden.« Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines Freundes

und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter zu

besprechen. Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen, denn

es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustür, die

diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon der

helle Morgenschimmer herein.

Am Sommerabend die Alm hinan

Herr Sesemann stieg in großer Erregtheit die Treppe hinauf und

wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier.

Hier klopfte er so ungewöhnlich kräftig an die Tür, dass die

Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr. Sie hörte

die Stimme des Hausherrn draußen: »Bitte sich zu beeilen und im

Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet

werden.«

Fräulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fünf

des Morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie

aufgestanden. Was konnte nur vorgefallen sein? Vor Neugierde und

angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam

durchaus nicht vorwärts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht

hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit aller

Kraft an jedem Glockenzug, der je für die verschiedenen Glieder der

Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der betreffenden Zimmer

eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und verkehrt in die Kleider

fuhr, denn einer wie der andere dachte sogleich, das Gespenst habe

irgendwie den Hausherrn gepackt und dies sei sein Hilferuf. So kamen

sie nach und nach, einer schauerlicher aussehend als der andere,

herunter und stellten sich mit Erstaunen vor den Hausherrn hin,

denn dieser ging frisch und munter im Esszimmer auf und ab und sah

keineswegs aus, als habe ihn ein Gespenst erschreckt. Johann wurde

sofort hingeschickt, Pferde und Wagen in Ordnung zu bringen und sie

nachher vorzuführen. Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi

aufzuwecken und es in den Stand zu stellen, eine Reise anzutreten.

Sebastian erhielt den Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis Base

im Dienst stand, und diese herbeizuholen. Fräulein Rottenmeier war

unterdessen zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles saß, wie es

musste, nur die Haube saß verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem

aussah, als sitze ihr das Gesicht auf dem Rücken. Herr Sesemann

schrieb den rätselhaften Anblick dem frühen Schlafbrechen zu und ging

unverweilt an die Geschäftsverhandlungen. Er erklärte der Dame, sie

habe ohne Zögern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die sämtliche

Habe des Schweizerkindes hineinzupacken - so nannte Herr Sesemann

gewöhnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war -, dazu

noch einen guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was Rechtes

mitbringe; es müsse aber alles schnell und ohne langes Besinnen vor

sich gehen.

Fräulein Rottenmeier blieb vor Überraschung wie in den Boden

eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte erwartet,

er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer schauerlichen

Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt und die sie

eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern gehört hätte;

stattdessen diese völlig prosaischen und dazu noch sehr unbequemen

Aufträge. So schnell konnte sie das Unerwartete nicht bewältigen.

Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete ein Weiteres.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklärungen im Sinn; er ließ die Dame

stehen, wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter. Wie er

vermutet hatte, war diese durch die ungewöhnliche Bewegung im Hause

wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl vorgehe.

Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzählte ihr den ganzen

Verlauf der Geistererscheinung und dass Heidi nach des Doktors

Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl nach und nach seine

nächtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach besteigen

würde, was dann mit den höchsten Gefahren verbunden wäre. Er habe also

beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn solche Verantwortung

könne er nicht auf sich nehmen, und Klara müsse sich dareinfinden, sie

sehe ja ein, dass es nicht anders sein könne.

Klara war sehr schmerzlich überrascht von der Mitteilung und wollte

erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb

fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im nächsten Jahre mit

Klara nach der Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernünftig sei

und keinen Jammer erhebe. So ergab sich Klara in das Unvermeidliche,

begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer für Heidi in ihr Zimmer

gebracht und da gepackt werde, damit sie hineinstecken könne, was ihr

Freude mache, was der Papa sehr gern bewilligte, ja er ermunterte

Klara noch, dem Kinde eine schöne Aussteuer zurechtzumachen.

Unterdessen war die Base Dete angelangt und stand in großer Erwartung

im Vorzimmer, denn dass sie um diese ungewöhnliche Zeit einberufen

worden war, musste etwas Außerordentliches bedeuten. Herr Sesemann

trat zu ihr heraus und erklärte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass

er wünsche, sie möchte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause

bringen. Die Base sah sehr enttäuscht aus; diese Nachricht hatte sie

nicht erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die

ihr der Öhi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr vor

die Augen kommen solle, und so das Kind dem Alten einmal bringen und

dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr nicht ganz geraten

zu sein. Sie besann sich also nicht lange, sondern sagte mit großer

Beredsamkeit, heute wäre es ihr leider völlig unmöglich, die Reise

anzutreten, und morgen könnte sie noch weniger daran denken, und die

Tage darauf wäre es am allerunmöglichsten, um der darauf folgenden

Geschäfte willen, und nachher könnte sie dann gar nicht mehr. Herr

Sesemann verstand die Sprache und entließ die Base ohne weiteres.

Nun ließ er den Sebastian vortreten und erklärte ihm, er habe sich

unverzüglich zur Reise zu rüsten; heute habe er mit dem Kinde bis nach

Basel zu fahren, morgen bringe er es heim. Dann könne er sogleich

wieder umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den

Großvater werde diesem alles erklären.

»Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian«, schloss Herr Sesemann,

»und dass Er mir das pünktlich besorgt! Den Gasthof in Basel, den ich

Ihm hier auf meine Karte geschrieben, kenne ich. Er weist meine Karte

vor, dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden für das Kind;

für sich selbst wird Er schon sorgen. Dann geht Er erst in des Kindes

Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so vollständig, dass nur

große Gewalt sie aufzubringen vermöchte. Ist das Kind zu Bett, so geht

Er und schließt von außen die Tür ab, denn das Kind wandert herum in

der Nacht und könnte Gefahr laufen in dem fremden Haus, wenn es etwa

hinausginge und die Haustür aufmachen wollte; versteht Er das?«

»Ah! Ah! Ah! Das war's? So war's?«, stieß Sebastian jetzt in größter

Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein großes Licht aufgegangen

über die Geistererscheinung.

»Ja, so war's! Das war's! Und Er ist ein Hasenfuß, und dem Johann kann

Er sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine lächerliche

Mannschaft.« Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube, setzte sich

hin und schrieb einen Brief an den Alm-Öhi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und

wiederholte jetzt zu öfteren Malen in seinem Innern: »Hätt ich mich

doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube

hineinreißen lassen, sondern wäre dem weißen Figürchen nachgegangen,

was ich doch jetzt unzweifelhaft tun würde!«, denn jetzt beleuchtete

die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit voller Klarheit.

Unterdessen stand Heidi völlig ahnungslos in seinem Sonntagsröckchen

und wartete ab, was geschehen sollte, denn die Tinette hatte es nur

aus dem Schlafe aufgerüttelt, die Kleider aus dem Schrank genommen und

das Anziehen gefördert, ohne ein Wort zu sagen. Sie sprach niemals mit

dem ungebildeten Heidi, denn das war ihr zu gering.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das

Frühstück bereitstand, und rief: »Wo ist das Kind?«

Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm >guten

Morgen< zu sagen, schaute er ihm fragend ins Gesicht: »Nun, was sagst

du denn dazu, Kleine?«

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

»Du weißt am Ende noch gar nichts«, lachte Herr Sesemann. »Nun, heut

gehst du heim, jetzt gleich.«

»Heim?«, wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiß, und eine

kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde sein

Herz von dem Eindruck gepackt.

»Nun, willst du etwa nichts wissen davon?«, fragte Herr Sesemann

lächelnd.

»O ja, ich will schon«, kam jetzt heraus, und nun war Heidi dunkelrot

geworden.

»Gut, gut«, sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte

und Heidi winkte, dasselbe zu tun. »Und nun tüchtig frühstücken und

hernach in den Wagen und fort.«

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch

zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung,

dass es gar nicht wusste, ob es wache oder träume und ob es vielleicht

wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der Haustür stehen

werde.

»Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen«, rief Herr Sesemann

Fräulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; »das Kind kann nicht essen,

begreiflicherweise. - Geh hinüber zu Klara, bis der Wagen vorfährt«,

setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.

Das war Heidis Wunsch: Es sprang hinüber. Mitten in Klaras Zimmer war

ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit offen.

»Komm, Heidi, komm«, rief ihm Klara entgegen. »Sieh, was ich dir habe

einpacken lassen, komm, freut's dich?«

Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und

Schürzen, Tücher und Nähgerät, »und sieh hier, Heidi«, und Klara hob

triumphierend einen Korb in die Höhe. Heidi guckte hinein und sprang

hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwölf schöne, weiße,

runde Brötchen, alle für die Großmutter. Die Kinder vergaßen in

ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie sich trennen

mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte: »Der Wagen ist

bereit!« - da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden. Heidi lief in

sein Zimmer, da musste noch ein schönes Buch von der Großmama liegen,

niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag unter dem Kopfkissen,

weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon trennen konnte. Das wurde

in den Korb auf die Brötchen gelegt. Dann machte es seinen Schrank

auf; noch suchte es nach einem Gute, das man vielleicht auch nicht

eingepackt hatte. Richtig - auch das alte rote Tuch lag noch da,

Fräulein Rottenmeier hatte es zu gering erachtet, um mit eingepackt

zu werden. Heidi wickelte es um einen anderen Gegenstand und legte

es zuoberst auf den Korb, so dass das rote Paket sehr sichtbar zur

Erscheinung kam. Dann setzte es sein schönes Hütchen auf und verließ

sein Zimmer.

Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr

Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen. Fräulein

Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu verabschieden.

Als sie das seltsame rote Bündelchen erblickte, nahm sie es schnell

aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

»Nein, Adelheid«, sagte sie tadelnd, »so kannst du nicht reisen

von diesem Hause aus; solches Zeug brauchst du überhaupt nicht

mitzuschleppen. Nun lebe wohl.«

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bündelchen nicht wieder

aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem

Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen größten Schatz nehmen.

»Nein, nein«, sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, »das Kind

soll mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch junge

Katzen oder Schildkröten mit fortschleppen, so wollen wir uns darüber

nicht aufregen, Fräulein Rottenmeier.«

Heidi hob eilig sein Bündelchen wieder vom Boden auf, und Dank und

Freude leuchteten ihm aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr

Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten,

sie würden seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wünschte

ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schön für alle

Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss sagte es:

»Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal grüßen und ihm auch

vielmals danken.« Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern

Abend gesagt hatte: »Und morgen wird alles gut.« Nun war es so

gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die

Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief noch

einmal freundlich: »Glückliche Reise!«, und der Wagen rollte davon.

Bald nachher saß Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich seinen

Korb auf dem Schoße fest, denn es wollte ihn nicht einen Augenblick

aus den Händen lassen, seine kostbaren Brötchen für die Großmutter

waren ja darin, die musste es sorgfältig hüten und von Zeit zu

Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darüber. Heidi saß

mäuschenstille während mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es recht

zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Großvater, auf

die Alm, zur Großmutter, zum Geißenpeter, und nun kam ihm alles vor

Augen, eins nach dem anderen, was es wieder sehen werde und wie alles

aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue Gedanken auf,

und auf einmal sagte es ängstlich: »Sebastian, ist auch sicher die

Großmutter auf der Alm nicht gestorben?«

»Nein, nein«, beruhigte dieser, »wollen's nicht hoffen, wird schon

noch am Leben sein.«

Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurück; nur hier und da guckte

es einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Brötchen der Großmutter

auf den Tisch legen war sein Hauptgedanke. Nach längerer Zeit sagte es

wieder: »Sebastian, wenn man nur auch ganz sicher wissen könnte, dass

die Großmutter noch am Leben ist.«

»Jawohl! Jawohl!«, entgegnete der Begleiter halb schlafend; »Wird

schon noch leben, wüsste auch gar nicht, warum nicht.«

Nach einiger Zeit drückte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach

der vergangenen unruhigen Nacht und dem frühen Aufstehen war es so

schlafbedürftig, dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es

tüchtig am Arm schüttelte und ihm zurief: »Erwachen! Erwachen! Gleich

aussteigen, in Basel angekommen!«

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi saß

wieder mit seinem Korb auf dem Schoß, den es um keinen Preis dem

Sebastian übergeben wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr, denn

nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter. Dann auf einmal,

als Heidi gar nicht daran dachte, ertönte laut der Ruf: »Maienfeld!«

Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat Sebastian, der auch

überrascht worden war. Jetzt standen sie draußen, der Koffer mit

ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal hinein. Sebastian sah

ihm wehmütig nach, denn er wäre viel lieber so sicher und ohne Mühe

weitergereist, als dass er nun eine Fußpartie unternehmen sollte, die

dazu noch mit einer Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich

und dazu gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch

halb wild war, wie Sebastian annahm. Er schaute daher sehr vorsichtig

um sich, wen er etwa beraten könnte über den sichersten Weg nach

dem >Dörfli<. Unweit des kleinen Stationsgebäudes stand ein kleiner

Leiterwagen mit einem mageren Rösslein davor; auf diesen wurden von

einem breitschultrigen Manne ein paar große Säcke aufgeladen, die mit

der Bahn hergebracht worden waren. Sebastian trat zu ihm heran und

brachte seine Frage nach dem sichersten Weg zum Dörfli vor.

»Hier sind alle Wege sicher«, war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen könne,

ohne in die Abgründe zu stürzen, und auch wie man einen Koffer nach

dem betreffenden Dörfli befördern könnte. Der Mann schaute nach dem

Koffer hin und maß ihn ein wenig mit den Augen; dann erklärte er, wenn

das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es auf seinen Wagen nehmen,

da er selbst nach dem Dörfli fahre, und so gab noch ein Wort das

andere, und endlich kamen die beiden überein, der Mann solle Kind und

Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und nachher vom Dörfli aus könne

das Kind am Abend mit irgendjemand auf die Alm geschickt werden.

»Ich kann allein gehen, ich weiß schon den Weg vom Dörfli auf die

Alm«, sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung

zugehört hatte. Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen, als

er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern entledigt

sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und überreichte

ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den Großvater und

erklärte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn Sesemann, die müsse

aber zuunterst in den Korb gesteckt werden, noch unter die Brötchen,

und darauf müsse genau Acht gegeben werden, dass sie nicht verloren

gehe, denn darüber würde Herr Sesemann ganz fürchterlich böse und sein

Leben lang nie mehr gut werden; das sollte das Mamsellchen nur ja

bedenken.

»Ich verliere sie schon nicht«, sagte Heidi zuversichtlich und steckte

die Rolle samt dem Brief zuallerunterst in den Korb hinein. Nun wurde

der Koffer aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi samt seinem

Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand hinauf zum

Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei Zeichen, auf den

Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der Führer war noch in der

Nähe, und Sebastian war vorsichtig, besonders jetzt, da er wusste, er

hätte eigentlich selbst das Kind an Ort und Stelle bringen sollen. Der

Führer schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der

Wagen rollte den Bergen zu, während Sebastian, froh über seine

Befreiung von der gefürchteten Bergreise, sich am Stationshäuschen

niedersetzte, um den zurückgehenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Bäcker vom Dörfli, welcher seine

Mehlsäcke nach Hause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie

jedermann im Dörfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-Öhi

gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich

vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu tun

haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon wieder

heimkommen und während der Fahrt fing er nun mit Heidi ein Gespräch

an: »Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-Öhi war, beim

Großvater?«

»Ja.«

»So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit her

heimkommst?«

»Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie man

es in Frankfurt hat.«

»Warum läufst du denn heim?«

»Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wär ich nicht

heimgelaufen.«

»Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man

dir's erlaubt hat, heimzugehen?«

»Weil ich tausendmal lieber heimwill zum Großvater auf die Alm als

sonst alles auf der Welt.«

»Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst«, brummte der Bäcker;

»nimmt mich aber doch wunder«, sagte er dann zu sich selbst, »es kann

wissen, wie's ist.«

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7511) · 第 10 / 12 段