im Hause Sesemann sichtbar, man konnte deutlich bemerken, dass die
erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und
dass jedermann großen Respekt vor ihr empfand. Tinette hatte ein ganz
neues, weißes Deckelchen auf den Kopf gesetzt, und Sebastian raffte
eine Menge von Schemeln zusammen und stellte sie an alle passenden
Stellen hin, damit die Dame gleich einen Schemel unter den Füßen
finde, wohin sie sich auch setzen möge. Fräulein Rottenmeier ging
zur Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um
anzudeuten, dass, wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die
ihrige dennoch nicht am Erlöschen sei.
Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette
stürzten die Treppe hinunter; langsam und würdevoll folgte Fräulein
Rottenmeier nach, denn sie wusste, dass auch sie zum Empfang der Frau
Sesemann zu erscheinen hatte. Heidi war beordert worden, sich in sein
Zimmer zurückzuziehen und da zu warten, bis es gerufen würde, denn
die Großmutter würde zuerst bei Klara eintreten und diese wohl allein
sehen wollen. Heidi setzte sich in einen Winkel und repetierte seine
Anrede. Es währte gar nicht lange, so steckte die Tinette den Kopf
ein klein wenig unter Heidis Zimmertür und sagte kurz angebunden wie
immer: »Hinübergehen ins Studierzimmer!«
Heidi hatte Fräulein Rottenmeier nicht fragen dürfen, wie es mit der
Anrede sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen, denn
es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehört und nachher den
Namen; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt. Wie es die Tür
zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm die Großmutter mit freundlicher
Stimme entgegen: »Ah, da kommt ja das Kind! Komm mal her zu mir und
lass dich recht ansehen.«
Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr deutlich:
»Guten Tag, Frau Gnädige.«
»Warum nicht gar!«, lachte die Großmama. »Sagt man so bei euch? Hast
du das daheim auf der Alp gehört?«
»Nein, bei uns heißt niemand so«, erklärte Heidi ernsthaft.
»So, bei uns auch nicht«, lachte die Großmama wieder und klopfte Heidi
freundlich auf die Wange. »Das ist nichts! In der Kinderstube bin ich
die Großmama; so sollst du mich nennen, das kannst du wohl behalten,
wie?«
»Ja, das kann ich gut«, versicherte Heidi, »vorher hab ich schon immer
so gesagt.«
»So, so, verstehe schon!«, sagte die Großmama und nickte ganz lustig
mit dem Kopfe. Dann schaute sie Heidi genau an und nickte von Zeit zu
Zeit wieder mit dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch ganz ernsthaft in
die Augen, denn da kam etwas so Herzliches heraus, dass es dem Heidi
ganz wohl machte, und die ganze Großmama gefiel dem Heidi so, dass es
sie unverwandt anschauen musste. Sie hatte so schöne weiße Haare, und
um den Kopf ging eine schöne Spitzenkrause, und zwei breite Bänder
flatterten von der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie, so als
ob stets ein leichter Wind um die Großmama wehe, was das Heidi ganz
besonders anmutete.
»Und wie heißt du, Kind?«, fragte jetzt die Großmama.
»Ich heiße nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heißen, so will ich
schon Acht geben -«; Heidi stockte, denn es fühlte sich ein wenig
schuldig, da es noch immer keine Antwort gab, wenn Fräulein
Rottenmeier unversehens rief: »Adelheid!«, indem es ihm noch immer
nicht recht gegenwärtig war, dass dies sein Name sei, und Fräulein
Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten.
»Frau Sesemann wird unstreitig billigen«, fiel hier die eben
Eingetretene ein, »dass ich einen Namen wählen musste, den man doch
aussprechen kann, ohne sich selbst genieren zu müssen, schon um der
Dienstboten willen.«
»Werteste Rottenmeier«, entgegnete Frau Sesemann, »wenn ein Mensch
einmal >Heidi< heißt und an den Namen gewöhnt ist, so nenn ich ihn so,
und dabei bleibt's!«
Es war Fräulein Rottenmeier sehr genierlich, dass die alte Dame sie
beständig nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber da
war nichts zu machen; die Großmama hatte einmal ihre eigenen Wege,
und diese ging sie, da half kein Mittel dagegen. Auch ihre fünf Sinne
hatte die Großmama noch ganz scharf und gesund, und sie bemerkte, was
im Hause vorging, sobald sie es betreten hatte.
Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach
Tisch niederlegte, setzte die Großmama sich neben sie auf einen
Lehnstuhl und schloss ihre Augen für einige Minuten; dann stand sie
schon wieder auf - denn sie war gleich wieder munter - und trat ins
Esszimmer hinaus; da war niemand. »Die schläft«, sagte sie vor sich
hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und klopfte
kräftig an die Tür. Nach einiger Zeit erschien diese und fuhr
erschrocken ein wenig zurück bei dem unerwarteten Besuch.
»Wo hält sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es? Das wollte
ich wissen«, sagte Frau Sesemann.
»In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich nützlich beschäftigen könnte,
wenn es den leisesten Tätigkeitstrieb hätte; aber Frau Sesemann sollte
nur wissen, was für verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt
und wirklich ausführt, Dinge, die ich in gebildeter Gesellschaft kaum
erzählen könnte.«
»Das würde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen säße wie dieses
Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie könnten zusehen, wie Sie mein
Zeug in gebildeter Gesellschaft erzählen wollten! Jetzt holen Sie mir
das Kind heraus und bringen Sie mir's in meine Stube, ich will ihm
einige hübsche Bücher geben, die ich mitgebracht habe.«
»Das ist ja gerade das Unglück, das ist es ja eben!«, rief Fräulein
Rottenmeier aus und schlug die Hände zusammen. »Was sollte das Kind
mit Büchern tun? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das
Abc erlernt; es ist völlig unmöglich, diesem Wesen auch nur _einen_
Begriff beizubringen, davon kann der Herr Kandidat reden! Wenn dieser
treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen Engels besäße, er
hätte diesen Unterricht längst aufgegeben.«
»So, das ist merkwürdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das das
Abc nicht erlernen kann«, sagte Frau Sesemann. »Jetzt holen Sie mir's
herüber, es kann vorläufig die Bilder in den Büchern ansehen.«
Fräulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau Sesemann
hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu. Sie musste
sich sehr verwundern über die Nachricht von Heidis Beschränktheit
und gedachte, die Sache zu untersuchen, jedoch nicht mit dem Herrn
Kandidaten, den sie zwar um seines guten Charakters willen sehr
schätzte; sie grüßte ihn auch immer, wenn sie mit ihm zusammentraf,
überaus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf eine andere Seite,
um nicht in ein Gespräch mit ihm verwickelt zu werden, denn seine
Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich.
Heidi erschien im Zimmer der Großmama und machte die Augen weit auf,
als es die prächtigen bunten Bilder in den großen Büchern sah, welche
die Großmama mitgebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi laut auf, als
die Großmama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit glühendem Blick
schaute es auf die Figuren, dann stürzten ihm plötzlich die hellen
Tränen aus den Augen, und es fing gewaltig zu schluchzen an. Die
Großmama schaute das Bild an. Es war eine schöne, grüne Weide, wo
allerlei Tierlein herumweideten und an den grünen Gebüschen nagten. In
der Mitte stand der Hirt, auf einen langen Stab gestützt, der schaute
den fröhlichen Tierchen zu. Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn
hinten am Horizont war eben die Sonne im Untergehen.
Die Großmama nahm Heidi bei der Hand. »Komm, komm, Kind«, sagte sie in
freundlichster Weise, »nicht weinen, nicht weinen. Das hat dich wohl
an etwas erinnert; aber sieh, da ist auch eine schöne Geschichte
dazu, die erzähl ich heut Abend. Und da sind noch so viele schöne
Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und wieder erzählen.
Komm, nun müssen wir etwas besprechen zusammen, trockne schön deine
Tränen, so, und nun stell dich hier vor mich hin, dass ich dich recht
ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir wieder fröhlich.«
Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhören
konnte. Die Großmama ließ ihm auch eine gute Weile zur Erholung, nur
sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: »So, nun ist's gut, nun sind
wir wieder froh zusammen.«
Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: »Nun musst du mir
was erzählen, Kind! Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den
Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?«
»O nein«, antwortete Heidi seufzend; »aber ich wusste schon, dass man
es nicht lernen kann.«
»Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?«
»Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer.«
»Das wäre! Und woher weißt du denn diese Neuigkeit?«
»Der Peter hat es mir gesagt und er weiß es schon, der muss immer
wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer.«
»So, das ist mir ein eigener Peter, der! Aber sieh, Heidi, man muss
nicht alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man muss
selbst probieren. Gewiss hast du nicht recht mit all deinen Gedanken
dem Herrn Kandidaten zugehört und seine Buchstaben angesehen.«
»Es nützt nichts«, versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebung
in das Unabänderliche.
»Heidi«, sagte nun die Großmama, »jetzt will ich dir etwas sagen: Du
hast noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast; nun
aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, dass du
in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie eine große Menge von Kindern,
die geartet sind wie du und nicht wie der Peter. Und nun musst du
wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen kannst - du hast den
Hirten gesehen auf der schönen, grünen Weide -; sobald du nun lesen
kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze Geschichte
vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzählte, alles, was er
macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm für merkwürdige Dinge
begegnen. Das möchtest du schon wissen, Heidi, nicht?«
Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, und mit
leuchtenden Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: »Oh, wenn ich nur
schon lesen könnte!«
»Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's währen, das kann ich
schon sehen, Heidi, und nun müssen wir mal nach der Klara sehen; komm,
die schönen Bücher nehmen wir mit.« Damit nahm die Großmama Heidi bei
der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer.
Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Fräulein
Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte, wie
schlecht und undankbar es sich erweise durch sein Fortlaufenwollen und
wie gut es sei, dass Herr Sesemann nichts davon wisse, war mit dem
Kinde eine Veränderung vorgegangen. Es hatte begriffen, dass es nicht
heimgehen könne, wenn es wolle, wie ihm die Base gesagt hatte, sondern
dass es in Frankfurt zu bleiben habe, lange, lange, vielleicht für
immer. Es hatte auch verstanden, dass Herr Sesemann es sehr undankbar
von ihm finden würde, wenn es heimgehen wollte, und es dachte sich
aus, dass die Großmama und Klara auch so denken würden. So durfte
es keinem Menschen sagen, dass es heimgehen möchte, denn dass die
Großmama, die so freundlich mit ihm war, auch böse würde, wie Fräulein
Rottenmeier geworden war, das wollte Heidi nicht verursachen. Aber in
seinem Herzen wurde die Last, die darinnen lag, immer schwerer; es
konnte nicht mehr essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.
Am Abend konnte es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald
es allein war und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig
vor die Augen, die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen;
und schlief es endlich doch ein, so sah es im Traum die roten
Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der
Schesaplana, und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller
Freude hinausspringen aus der Hütte - da war es auf einmal in seinem
großen Bett in Frankfurt, so weit, weit weg, und konnte nicht mehr
heim. Dann drückte Heidi oft seinen Kopf in das Kissen und weinte
lang, ganz leise, dass niemand es höre.
Heidis freudloser Zustand entging der Großmama nicht. Sie ließ einige
Tage vorübergehen und sah zu, ob die Sache sich ändere und das Kind
sein niedergeschlagenes Wesen verlieren würde. Als es aber gleich
blieb und die Großmama manchmal am frühen Morgen schon sehen konnte,
dass Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das Kind wieder
in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit großer
Freundlichkeit: »Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast du einen
Kummer?«
Aber gerade dieser freundlichen Großmama wollte Heidi nicht sich
so undankbar zeigen, dass sie vielleicht nachher gar nicht mehr so
freundlich wäre; so sagte Heidi traurig: »Man kann es nicht sagen.«
»Nicht? Kann man es etwa der Klara sagen?«, fragte die Großmama.
»O nein, keinem Menschen«, versicherte Heidi und sah dabei so
unglücklich aus, dass es die Großmama erbarmte.
»Komm, Kind«, sagte sie, »ich will dir was sagen: Wenn man einen
Kummer hat, den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn dem
lieben Gott im Himmel und bittet ihn, dass er helfe, denn er kann
allem Leid abhelfen, das uns drückt. Das verstehst du, nicht wahr? Du
betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und dankst ihm für
alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem Bösen behüte?«
»O nein, das tu ich nie«, antwortete das Kind.
»Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weißt du nicht, was das ist?«
»Nur mit der ersten Großmutter habe ich gebetet, aber es ist schon
lang, und jetzt habe ich es vergessen.«
»Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt gar
niemanden kennst, der dir helfen kann. Denk einmal nach, wie wohl das
tun muss, wenn einen im Herzen etwas immerfort drückt und quält und
man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles
sagen und ihn bitten, dass er helfe, wo uns sonst gar niemand helfen
kann! Und er kann überall helfen und uns geben, was uns wieder froh
macht.«
Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: »Darf man ihm alles, alles
sagen?«
»Alles, Heidi, alles.«
Das Kind zog seine Hand aus den Händen der Großmama und sagte eilig:
»Kann ich gehen?«
»Gewiss! Gewiss!«, gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und
hinüber in sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel
nieder und faltete seine Hände und sagte dem lieben Gott alles, was
in seinem Herzen war und es so traurig machte, und bat ihn dringend
und herzlich, dass er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum
Großvater. -
Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem Tage,
als der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine Aufwartung zu
machen, indem er eine Besprechung über einen merkwürdigen Gegenstand
mit der Dame abzuhalten gedachte. Er wurde auf ihre Stube berufen, und
hier, wie er eintrat, streckte ihm Frau Sesemann sogleich freundlich
die Hand entgegen: »Mein lieber Herr Kandidat, seien Sie mir
willkommen! Setzen Sie sich her zu mir, hier« - sie rückte ihm den
Stuhl zurecht. »So, nun sagen Sie mir, was bringt Sie zu mir; doch
nichts Schlimmes, keine Klagen?«
»Im Gegenteil, gnädige Frau«, begann der Herr Kandidat; »es ist etwas
vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner, der einen
Blick in alles Vorhergegangene hätte werfen können, denn nach allen
Voraussetzungen musste angenommen werden, dass es eine völlige
Unmöglichkeit sein müsse, was dennoch jetzt wirklich geschehen ist und
in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat, gleichsam im Gegensatz
zu allem folgerichtig zu Erwartenden -«
»Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat?«,
setzte hier Frau Sesemann ein.
In sprachlosem Erstaunen schaute der überraschte Herr die Dame an.
»Es ist ja wirklich völlig wunderbar«, sagte er endlich, »nicht nur,
dass das junge Mädchen nach all meinen gründlichen Erklärungen, und
ungewöhnlichen Bemühungen das Abc nicht erlernt hat, sondern auch
und besonders, dass es jetzt in kürzester Zeit, nachdem ich mich
entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu lassen und ohne
alle weiter greifenden Erläuterungen nur noch sozusagen die nackten
Buchstaben vor die Augen des jungen Mädchens zu bringen, sozusagen
über Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit einer
Korrektheit die Worte liest, wie mir bei Anfängern noch selten
vorgekommen ist. Fast ebenso wunderbar ist mir die Wahrnehmung, dass
die gnädige Frau gerade diese fern liegende Tatsache als Möglichkeit
vermutete.«
»Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben«, bestätigte
Frau Sesemann und lächelte vergnüglich; »es können auch einmal zwei
Dinge glücklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine neue
Lehrmethode, und beide können nichts schaden, Herr Kandidat. Jetzt
wollen wir uns freuen, dass das Kind so weit ist, und auf guten
Fortgang hoffen.«
Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tür hinaus und ging
rasch nach dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen
Nachricht zu versichern. Richtig saß hier Heidi neben Klara und las
dieser eine Geschichte vor, sichtlich selbst mit dem größten Erstaunen
und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt eindringend, die ihm
aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den schwarzen Buchstaben
Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu
herzbewegenden Geschichten wurden. Noch am selben Abend, als man sich
zu Tische setzte, fand Heidi auf seinem Teller das große Buch liegen
mit den schönen Bildern, und als es fragend nach der Großmama blickte,
sagte diese freundlich nickend: »Ja, ja, nun gehört es dir.«
»Für immer? Auch wenn ich heimgehe?«, fragte Heidi ganz rot vor
Freude.
»Gewiss, für immer!«, versicherte die Großmama; »morgen fangen wir an
zu lesen.«
»Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi«, warf Klara
hier ein; »wenn nun die Großmama wieder fortgeht, dann musst du erst
recht bei mir bleiben.«
Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in seinem Zimmer sein schönes
Buch ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes, über seinem
Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu lesen, zu denen
die schönen bunten Bilder gehörten. Sagte am Abend die Großmama: »Nun
liest uns Heidi vor«, so war das Kind sehr beglückt, denn das Lesen
ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die Geschichten laut vorlas,
so kamen sie ihm noch viel schöner und verständlicher vor, und die
Großmama erklärte dann noch so vieles und erzählte immer noch mehr
dazu. Am liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grüne Weide und
den Hirten mitten unter der Herde, wie er so vergnüglich, auf seinen
langen Stab gelehnt, dastand, denn da war er noch bei der schönen
Herde des Vaters und ging nur den lustigen Schäfchen und Ziegen nach,
weil es ihn freute. Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus
weggelaufen, nun in der Fremde war und die Schweinchen hüten musste
und ganz mager geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu
essen bekam. Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so
golden, da war das Land grau und nebelig. Aber dann kam noch ein Bild
zu der Geschichte: Da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus
dem Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen,
um ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und abgemagert in einem
zerrissenen Wams daherkam. Das war Heidis Lieblingsgeschichte, die
es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie genug der
Erklärungen bekommen, welche die Großmama den Kindern dazu machte. Da
waren aber noch so viele schöne Geschichten in dem Buch, und bei dem
Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell
dahin, und schon nahte die Zeit heran, welche die Großmama zu ihrer
Abreise bestimmt hatte.
Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab
Die Großmama hatte während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden
Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Fräulein Rottenmeier,
wahrscheinlich der Ruhe bedürftig, geheimnisvoll verschwand, sich
einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fünf Minuten
war sie wieder auf den Füßen und hatte dann immer Heidi auf ihre Stube
berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei Weise beschäftigt
und unterhalten. Die Großmama hatte hübsche kleine Puppen und zeigte
dem Heidi, wie man ihnen Kleider und Schürzchen macht, und ganz
unvermerkt hatte Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen
Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen, denn die Großmama
hatte immer Zeugstücke von den prächtigsten Farben. Nun Heidi lesen
konnte, durfte es auch immer wieder der Großmama seine Geschichten
vorlesen; das machte ihm die größte Freude, denn je mehr es seine
Geschichten las, desto lieber wurden sie ihm, denn Heidi lebte alles
ganz mit durch, was die Leute alle zu erleben hatten, und so hatte es
zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältnis und freute sich immer wieder,
bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine
lustigen Augen waren nie mehr zu sehen.
Es war die letzte Woche, welche die Großmama in Frankfurt zubringen
wollte. Sie hatte eben nach Heidi gerufen, dass es auf ihre Stube
komme; es war die Zeit, da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit seinem
großen Buch unter dem Arm, winkte ihm die Großmama, dass es ganz nahe
zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: »Nun komm, Kind, und
sag mir, warum bist du nicht fröhlich? Hast du immer noch denselben
Kummer im Herzen?«
»Ja«, nickte Heidi.
»Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?«
»Ja.«
»Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh
mache?«
»O nein, ich bete jetzt gar nie mehr.«
»Was sagst du mir, Heidi? Was muss ich hören? Warum betest du denn
nicht mehr?«
»Es nützt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehört, und ich glaube es
auch wohl«, fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, »wenn nun am Abend
so viele, viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so kann der
liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er gewiss gar
nicht gehört.«
»So, wie weißt du denn das so sicher, Heidi?«
»Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der
liebe Gott hat es nie getan.«
»Ja, so geht's nicht zu, Heidi! Das musst du nicht meinen! Siehst du,
der liebe Gott ist für uns alle ein guter Vater, der immer weiß, was
gut für uns ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber nun etwas
von ihm haben wollen, das nicht gut für uns ist, so gibt er uns das
nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren, so recht
herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich weglaufen und alles
Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von ihm erbitten
wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut für dich; der liebe
Gott hat dich schon gehört, er kann alle Menschen auf einmal anhören
und übersehen, siehst du, dafür ist er der liebe Gott und nicht ein
Mensch wie du und ich. Und weil er nun wohl wusste, was für dich gut
ist, dachte er bei sich: >Ja, das Heidi soll schon einmal haben, wofür
es bittet, aber erst dann, wenn es ihm gut ist, und so wie es darüber
recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt tue, was es will, und es
merkt nachher, dass es doch besser gewesen wäre, ich hätte ihm seinen
Willen nicht getan, dann weint es nachher und sagt: Hätte mir doch
der liebe Gott nur nicht gegeben, wofür ich bat, es ist gar nicht so
gut, wie ich gemeint habe.< Und während nun der liebe Gott auf dich
niedersah, ob du ihm auch recht vertrautest und täglich zu ihm kommest
und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt, da bist
du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast
den lieben Gott ganz vergessen. Aber siehst du, wenn einer es so macht
und der liebe Gott hört seine Stimme gar nie mehr unter den Betenden,
so vergisst er ihn auch und lässt ihn gehen, wohin er will. Wenn es
ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: >Mir hilft aber auch gar
niemand!<, dann hat keiner Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu
ihm: >Du bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen
konnte!< Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum
lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, dass du so von ihm
weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen,
dass er alles gut für dich machen werde, so dass du auch wieder ein
frohes Herz bekommen kannst?«
Heidi hatte sehr aufmerksam zugehört; jedes Wort der Großmama fiel in
sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.
»Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um
Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen«, sagte Heidi
reumütig.