Es verflossen nun ein paar ungestörte Tage, aber Fräulein Rottenmeier

kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, stündlich trat ihr die

Täuschung vor Augen, die sie in Heidis Persönlichkeit erlebt hatte,

und es war ihr, als sei seit seiner Erscheinung im Hause Sesemann

alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder hinein. Klara

war sehr vergnügt; sie langweilte sich nie mehr, denn in den

Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen; die

Buchstaben machte es immer alle durcheinander und konnte sie nie

kennen lernen, und wenn der Herr Kandidat mitten im Erklären und

Beschreiben ihrer Formen war, um sie ihm anschaulicher zu machen und

als Vergleichung etwa von einem Hörnchen oder einem Schnabel sprach

dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: »Es ist eine Geiß!«,

oder: »Es ist ein Raubvogel!« Denn die Beschreibungen weckten in

seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur keine Buchstaben. In den

späteren Nachmittagsstunden saß Heidi wieder bei Klara und erzählte

ihr immer wieder von der Alm und dem Leben dort, so viel und so lange,

bis das Verlangen darnach in ihm so brennend wurde, dass es immer zum

Schluss versicherte: »Nun muss ich gewiss wieder heim! Morgen muss ich

gewiss gehen!« Aber Klara beschwichtigte immer wieder diese Anfälle

und bewies Heidi, dass es doch sicher dableiben müsse, bis der Papa

komme; dann werde man schon sehen, wie es weitergehe. Wenn Heidi

alsdann immer wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half

ihm eine fröhliche Aussicht dazu, die es im Stillen hatte, dass mit

jedem Tage, den es noch dablieb, sein Häuflein Brötchen für die

Großmutter wieder um zwei größer würde, denn mittags und abends lag

immer ein schönes Weißbrötchen bei seinem Teller; das steckte es

gleich ein, denn es hätte das Brötchen nie essen können beim Gedanken,

dass die Großmutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast

nicht mehr essen konnte. Nach Tisch saß Heidi jeden Tag ein paar

Stunden lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn

dass es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf

der Alm getan, das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr. Mit

Sebastian drüben im Esszimmer ein Gespräch führen durfte es auch

nicht, das hatte Fräulein Rottenmeier auch verboten, und mit Tinette

eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es ging ihr

immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in höhnischem Ton mit

ihm und spöttelte es fortwährend an, und Heidi verstand ihre Art ganz

gut, und dass sie es nur immer ausspottete. So saß Heidi täglich da

und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie nun die Alm wieder grün war

und wie die gelben Blümchen im Sonnenschein glitzerten und wie alles

leuchtete rings um die Sonne, der Schnee und die Berge und das ganze

weite Tal, und Heidi konnte es manchmal fast nicht mehr aushalten vor

Verlangen, wieder dort zu sein. Die Base hatte ja auch gesagt, es

könne wieder heimgehen, wann es wolle. So kam es, dass Heidi eines

Tages es nicht mehr aushielt; es packte in aller Eile seine Brötchen

in das große rote Halstuch zusammen, setzte sein Strohhütchen auf

und zog aus. Aber schon unter der Haustür traf es auf ein großes

Reisehindernis, auf Fräulein Rottenmeier selbst, die eben von einem

Ausgang zurückkehrte. Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen

Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzüglich auf dem

gefüllten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los.

»Was ist das für ein Aufzug? Was heißt das überhaupt? Habe ich dir

nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun probierst du's

doch wieder und dazu noch völlig aussehend wie eine Landstreicherin.«

»Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen«,

entgegnete Heidi erschrocken.

»Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du?« Fräulein Rottenmeier

schlug die Hände zusammen vor Aufregung. »Fortlaufen! Wenn das Herr

Sesemann wüsste! Fortlaufen aus seinem Hause! Mach nicht, dass er das

je erfährt! Und was ist dir denn nicht recht in seinem Hause? Wirst

du nicht viel besser behandelt, als du verdienst? Fehlt es dir an

irgendetwas? Hast du je in deinem ganzen Leben eine Wohnung oder einen

Tisch oder eine Bedienung gehabt, wie du hier hast? Sag!«

»Nein«, entgegnete Heidi.

»Das weiß ich wohl!«, fuhr die Dame eifrig fort. »Nichts fehlt dir,

gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor

lauter Wohlsein weißt du nicht, was du noch alles anstellen willst!«

Aber jetzt kam dem Heidi alles obenauf, was in ihm war, und brach

hervor: »Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so

muss das Schneehöppli immer klagen, und die Großmutter erwartet mich,

und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geißenpeter keinen Käse

bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne gute Nacht

sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt obenüber

fliegen würde, so würde er noch viel lauter krächzen, dass so viele

Menschen beieinander sitzen und einander bös machen und nicht auf den

Felsen gehen, wo es einem wohl ist.«

»Barmherzigkeit, das Kind ist übergeschnappt!«, rief Fräulein

Rottenmeier aus und stürzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie

sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte.

»Holen Sie auf der Stelle das unglückliche Wesen herauf!«, rief sie

ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestoßen.

»Ja, ja, schon recht, danke schön«, gab Sebastian zurück und rieb sich

den seinen, denn er war noch härter angefahren.

Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und

zitterte vor innerer Erregung am ganzen Körper.

»Na, schon wieder was angestellt?«, fragte Sebastian lustig; als

er aber Heidi, das sich nicht rührte, recht ansah, klopfte er ihm

freundlich auf die Schulter und sagte tröstend: »Pah! Pah! Das muss

sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig, das ist

die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch in den Kopf

gerannt; aber nur nicht einschüchtern lassen! Na? Immer noch auf

demselben Fleck? Wir müssen hinauf, sie hat's befohlen.«

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar

nicht, wie sonst seine Art war. Das tat dem Sebastian Leid zu sehen;

er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihm: »Nur

nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer tapfer darauf zu!

Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamsellchen, hat noch gar nie

geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja zwölfmal im Tag in

dem Alter, das kennt man. Die Kätzchen sind auch lustig droben, die

springen auf dem ganzen Estrich herum und tun wie närrisch. Nachher

gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu, wenn die Dame

drinnen weg ist, ja?«

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem

Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi

nachschaute, wie es nach seinem Zimmer hin schlich.

Am Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein Wort, aber

fortwährend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinüber, so

als erwartete sie, es könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen;

aber Heidi saß mäuschenstill am Tisch und rührte sich nicht, es aß

nicht und trank nicht; nur sein Brötchen hatte es schnell in die

Tasche gesteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam,

winkte ihn Fräulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein,

und hier teilte sie ihm in großer Aufregung ihre Besorgnis mit, die

Luftveränderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke

hätten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzählte ihm von

Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren Reden,

was sie noch wusste. Aber der Herr Kandidat besänftigte und beruhigte

Fräulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er die

Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits allerdings

eher exzentrisch, aber anderseits doch wieder bei richtigem Verstand,

so dass sich nach und nach bei einer allseitig erwogenen Behandlung

das nötige Gleichgewicht einstellen könne, was er im Auge habe; er

finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus nicht über das Abc

hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben nicht zu fassen imstande

sei.

Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entließ den Herrn

Kandidaten zu seiner Arbeit. Am späteren Nachmittag stieg ihr die

Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf,

und sie beschloss, die Gewandung des Kindes durch verschiedene

Kleidungsstücke der Klara in den nötigen Stand zu setzen, bevor Herr

Sesemann erscheinen würde. Sie teilte ihre Gedanken darüber an Klara

mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem Heidi eine Menge

Kleider und Tücher und Hüte schenken wollte, verfügte sich die Dame in

Heidis Zimmer, um seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen,

was da von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle. Aber

in wenig Minuten kam sie wieder zurück mit Gebärden des Abscheus. »Was

muss ich entdecken, Adelheid!«, rief sie aus. »Es ist nie dagewesen!

In deinem Kleiderschrank, einem Schrank für Kleider, Adelheid, im Fuß

dieses Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner Brote! Brot,

sage ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen

aufspeichern!« - »Tinette«, rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus,

»schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid und

den zerdrückten Strohhut auf dem Tisch!«

»Nein! Nein!«, schrie Heidi auf; »ich muss den Hut haben, und die

Brötchen sind für die Großmutter«, und Heidi wollte der Tinette

nachstürzen, aber es wurde von Fräulein Rottenmeier festgehalten.

»Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehört«,

sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurück. Aber nun warf sich Heidi

an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an,

immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal ums andere in

seinem Jammer auf: »Nun hat die Großmutter keine Brötchen mehr. Sie

waren für die Großmutter, nun sind sie alle fort und die Großmutter

bekommt keine!«, und Heidi weinte auf, als wollte ihm das Herz

zerspringen. Fräulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angst

und bange bei dem Jammer. »Heidi, Heidi, weine nur nicht so«, sagte

sie bittend, »hör mich nur! Jammere nur nicht so, sieh, ich verspreche

dir, ich gebe dir gerade so viel Brötchen für die Großmutter, oder

noch mehr, wenn du einmal heimgehst, und dann sind diese frisch und

weich, und die deinen wären ja ganz hart geworden und waren es schon.

Komm, Heidi, weine nur nicht mehr so!«

Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen; aber

es verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst hätte es gar

nicht mehr zu weinen aufhören können. Es musste auch noch mehrere Male

seiner Hoffnung gewiss werden und Klara, durch die letzten Anfälle von

Schluchzen unterbrochen, fragen: »Gibst du mir so viele, viele, wie

ich hatte, für die Großmutter?«

Und Klara versicherte immer wieder: »Gewiss, ganz gewiss, noch mehr,

sei nur wieder froh!«

Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als es

sein Brötchen erblickte, musste es gleich noch einmal aufschluchzen.

Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn es verstand, dass es sich

am Tisch ruhig verhalten musste. Sebastian machte heute jedes Mal die

merkwürdigsten Gebärden, wenn er in Heidis Nähe kam; er deutete bald

auf seinen, bald auf Heidis Kopf, dann nickte er wieder und kniff

die Augen zu, so als wollte er sagen: »Nur getrost! Ich hab's schon

gemerkt und besorgt.«

Als Heidi später in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte,

lag sein zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke versteckt. Mit

Entzücken zog es den alten Hut hervor, zerdrückte ihn vor lauter

Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein

Taschentüchlein eingewickelt, in die allerhinterste Ecke seines

Schrankes. Das Hütchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt;

er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen, als diese

gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen. Dann war er

Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit

ihrer Brotlast und dem Hütchen oben darauf, hatte er schnell dieses

weggenommen und ihr zugerufen: »Das will ich schon forttun.« Darauf

hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet, was er ihm beim

Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.

Der Hausherr hört allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehört

hat

Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann große

Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn eben

war der Hausherr von seiner Reise zurückgekehrt, und aus dem bepackten

Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der anderen

hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge schöner

Sachen mit nach Hause.

Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten, um

sie zu begrüßen. Heidi saß bei ihr, denn es war die Zeit des späten

Nachmittags, da die beiden immer zusammen waren. Klara begrüßte ihren

Vater mit großer Zärtlichkeit, denn sie liebte ihn sehr, und der gute

Papa grüßte sein Klärchen nicht weniger liebevoll. Dann streckte

er seine Hand dem Heidi entgegen, das sich leise in eine Ecke

zurückgezogen hatte, und sagte freundlich: »Und das ist unsre kleine

Schweizerin; komm her, gib mir mal eine Hand! So ist's recht! Nun sag

mir mal, seid ihr auch gute Freunde zusammen, Klara und du? Nicht

zanken und böse werden, und dann weinen und dann versöhnen, und dann

wieder von vorn anfangen, nun?«

»Nein, Klara ist immer gut mit mir«, entgegnete Heidi.

»Und Heidi hat auch noch gar nie versucht zu zanken, Papa«, warf Klara

schnell ein.

»So ist's gut, das hör ich gern«, sagte der Papa, indem er aufstand.

»Nun musst du aber erlauben, Klärchen, dass ich etwas genieße; heute

habe ich noch nichts bekommen. Nachher komm ich wieder zu dir und du

sollst sehen, was ich mitgebracht habe!«

Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Fräulein Rottenmeier den

Tisch überschaute, der für sein Mittagsmahl gerüstet war. Nachdem Herr

Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenüber Platz genommen

hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte sich der

Hausherr zu ihr: »Aber Fräulein Rottenmeier, was muss ich denken?

Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes Gesicht

aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klärchen ist ganz munter.«

»Herr Sesemann«, begann die Dame mit gewichtigem Ernst, »Klara ist mit

betroffen, wir sind fürchterlich getäuscht worden.«

»Wieso?«, fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck

Wein.

»Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine

Gespielin für Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja weiß, wie sehr

Sie darauf halten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgebe, hatte

ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermädchen gerichtet, indem

ich hoffte, eines jener Wesen bei uns eintreten zu sehen, von denen

ich schon so oft gelesen, welche, der reinen Bergluft entsprossen,

sozusagen, ohne die Erde zu berühren, durch das Leben gehen.«

»Ich glaube zwar«, bemerkte hier Herr Sesemann, »dass auch die

Schweizerkinder den Erdboden berühren, wenn sie vorwärts kommen

wollen; sonst wären ihnen wohl Flügel gewachsen statt der Füße.«

»Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl«, fuhr das Fräulein

fort; »Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen

Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns

vorüberziehen.«

»Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen,

Fräulein Rottenmeier?«

»Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster,

als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich

getäuscht worden.«

»Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar erschrecklich sieht

mir das Kind nicht aus«, bemerkte ruhig Herr Sesemann.

»Sie sollten nur _eines_ wissen, Herr Sesemann, nur das _eine_, mit

was für Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit

bevölkert hat; davon könnte der Herr Kandidat erzählen.«

»Mit Tieren? Wie muss ich das verstehen, Fräulein Rottenmeier?«

»Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Aufführung dieses Wesens

wäre nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem _einen_ Punkte, dass es

Anfälle von völliger Verstandesgestörtheit hat.«

Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht für wichtig gehalten;

aber Gestörtheit des Verstandes? Eine solche konnte ja für seine

Tochter die bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann schaute

Fräulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich erst

versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Störung zu bemerken

sei. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgetan und der Herr Kandidat

angemeldet.

»Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!«,

rief ihm Herr Sesemann entgegen. »Kommen Sie, kommen Sie, setzen

Sie sich zu mir!« Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand

entgegen. »Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee mit

mir, Fräulein Rottenmeier! Setzen Sie sich, setzen Sie sich - keine

Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was ist mit dem

Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen ist und das

Sie unterrichten. Was hat es für eine Bewandtnis mit den Tieren, die

es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem Verstand?«

Der Herr Kandidat musste erst seine Freude über Herrn Sesemanns

glückliche Rückkehr aussprechen und ihn willkommen heißen, weswegen

er ja gekommen war; aber Herr Sesemann drängte ihn, dass er ihm

Aufschluss gebe über die fraglichen Punkte. So begann denn der Herr

Kandidat: »Wenn ich mich über das Wesen dieses jungen Mädchens

aussprechen soll, Herr Sesemann, so möchte ich vor allem darauf

aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein Mangel

der Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger vernachlässigte

Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspäteten Unterricht verursacht

und durch die mehr oder weniger, jedoch durchaus nicht in jeder

Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil ihre guten Seiten unstreitig

dartuende Abgeschiedenheit eines längeren Alpenaufenthalts, welcher,

wenn er nicht eine gewisse Dauer überschreitet, ja ohne Zweifel seine

gute Seite -«

»Mein lieber Herr Kandidat«, unterbrach hier Herr Sesemann, »Sie geben

sich wirklich zu viel Mühe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das Kind

einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und was halten

Sie überhaupt von diesem Umgang für mein Töchterchen?«

»Ich möchte dem jungen Mädchen in keiner Art zu nahe treten«, begann

der Herr Kandidat wieder, »denn wenn es auch auf der einen Seite in

einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche mit dem mehr

oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das junge Mädchen bis zu

dem Augenblick seiner Versetzung nach Frankfurt sich bewegte, welche

Versetzung allerdings in die Entwicklung dieses, ich möchte sagen noch

völlig, wenigstens teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht

zu verachtenden Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet

-«

»Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht

stören, ich werde - ich muss schnell einmal nach meiner Tochter

sehen.« Damit lief Herr Sesemann zur Tür hinaus und kam nicht wieder.

Drüben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem Töchterchen hin;

Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte sich nach dem Kinde um:

»Hör mal, Kleine, hol mir doch schnell - wart einmal - hol mir mal« -

(Herr Sesemann wusste nicht recht, was er bedurfte, Heidi sollte aber

ein wenig ausgeschickt werden) - »hol mir doch mal ein Glas Wasser.«

»Frisches?«, fragte Heidi.

»Jawohl! Jawohl! Recht frisches!«, gab Herr Sesemann zurück. Heidi

verschwand.

»Nun, mein liebes Klärchen«, sagte der Papa, indem er ganz nah an sein

Töchterchen heranrückte und dessen Hand in die seinige legte, »sag du

mir klar und fasslich: Was für Tiere hat diese deine Gespielin ins

Haus gebracht und warum muss Fräulein Rottenmeier denken, sie sei

zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir das sagen?«

Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von Heidis

sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber für Klara alle einen

Sinn hatten. Sie erzählte erst dem Vater die Geschichten von der

Schildkröte und den jungen Katzen und erklärte ihm dann Heidis Reden,

welche die Dame so erschreckt hatten. Jetzt lachte Herr Sesemann

herzlich. »So willst du nicht, dass ich das Kind nach Haus schicke,

Klärchen, du bist seiner nicht müde?«, fragte der Vater.

»Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!«, rief Klara abwehrend aus.

»Seit Heidi da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag, und es ist so

kurzweilig, ganz anders als vorher, da begegnete nie etwas, und Heidi

erzählt mir auch so viel.«

»Schon gut, schon gut, Klärchen, da kommt ja auch deine Freundin schon

wieder. Na, schönes, frisches Wasser geholt?«, fragte Herr Sesemann,

da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte.

»Ja, frisch vom Brunnen«, antwortete Heidi.

»Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?«, sagte Klara.

»Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn

am ersten Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Straße ganz

hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging ich in

die andere Straße hinein und dort nahm ich Wasser, und der Herr mit

den weißen Haaren lässt Herrn Sesemann freundlich grüßen.«

»Na, die Expedition ist gut«, lachte Herr Sesemann, »und wer ist denn

der Herr?«

»Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte: >Weil

du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu trinken; wem bringst

du dein Glas Wasser?< Und ich sagte: >Herrn Sesemann.< Da lachte er

sehr stark, und dann sagte er den Gruß und auch noch, Herr Sesemann

solle sich's schmecken lassen.«

»So, und wer lässt mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah der

Herr denn weiter aus?«, fragte Herr Sesemann.

»Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes

Ding hängt daran mit einem großen roten Stein und auf seinem Stock ist

ein Rosskopf.«

»Das ist der Herr Doktor« - »Das ist mein alter Doktor«, sagten Klara

und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte noch

ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen

Betrachtungen über diese neue Weise, seinen Wasserbedarf sich zuführen

zu lassen.

Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann, als er allein

mit Fräulein Rottenmeier im Esszimmer saß, um allerlei häusliche

Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Gespielin seiner Tochter

werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen

Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und

angenehmer als jede andere. »Ich wünsche daher«, setzte Herr Sesemann

sehr bestimmt hinzu, »dass dieses Kind jederzeit durchaus freundlich

behandelt und seine Eigentümlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet

werden. Sollten Sie übrigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden,

Fräulein Rottenmeier, so ist ja eine gute Hilfe für Sie in Aussicht,

da in nächster Zeit meine Mutter zu ihrem längeren Aufenthalt in mein

Haus kommt, und meine Mutter wird mit jedem Menschen fertig, wie er

sich auch anstelle, das wissen Sie ja wohl, Fräulein Rottenmeier?«

»Jawohl, das weiß ich, Herr Sesemann«, entgegnete die Dame, aber nicht

mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte

Hilfe. -

Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause, schon

nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach Paris,

und er tröstete sein Töchterchen, das mit der nahen Abreise nicht

einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft der

Großmama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte,

der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem alten

Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den

folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof geschickt

würde, um sie abzuholen.

Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an

demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Großmama,

dass Heidi auch anfing, von der >Großmama< zu reden, worauf Fräulein

Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte, was aber das Kind auf

nichts Besonderes bezog, denn es fühlte sich unter fortdauernder

Missbilligung der Dame. Als es sich dann später entfernte, um in sein

Schlafzimmer zu gehen, berief Fräulein Rottenmeier es erst in das

ihrige herein und erklärte ihm hier, es habe niemals den Namen

>Großmama< anzuwenden, sondern wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es

sie stets >gnädige Frau< anzureden. »Verstehst du das?«, fragte die

Dame, als Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm aber einen

so abschließenden Blick zurück, dass Heidi sich keine Erklärung mehr

erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.

Eine Großmama

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7511) · 第 7 / 12 段