»Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen«, fing der Herr

Pfarrer wieder an; »ich denke, Ihr könnt schon wissen, was meine

Angelegenheit ist, worüber ich mich mit Euch verständigen und hören

will, was Ihr im Sinne habt.«

Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tür stand

und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.

»Heidi, geh zu den Geißen«, sagte der Großvater. »Kannst ein wenig

Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme.«

Heidi verschwand sofort.

»Das Kind hätte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die

Schule besuchen sollen«, sagte nun der Herr Pfarrer; »der Lehrer hat

Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf gegeben; was habt

Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?«

»Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken«, war die

Antwort.

Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten

Armen auf seiner Bank saß und gar nicht nachgiebig aussah.

»Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?«, fragte jetzt der Herr Pfarrer.

»Nichts, es wächst und gedeiht mit den Geißen und den Vögeln; bei

denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Böses von ihnen.«

»Aber das Kind ist keine Geiß und kein Vogel, es ist ein Menschenkind.

Wenn es nichts Böses lernt von diesen seinen Kameraden, so lernt es

auch sonst nichts von ihnen; es soll aber etwas lernen, und die Zeit

dazu ist da. Ich bin gekommen, es Euch zeitig zu sagen, Nachbar, damit

Ihr Euch besinnen und einrichten könnt den Sommer durch. Dies war der

letzte Winter, den das Kind so ohne allen Unterricht zugebracht hat;

nächsten Winter kommt es zur Schule, und zwar jeden Tag.«

»Ich tu's nicht, Herr Pfarrer«, sagte der Alte unentwegt.

»Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu

bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernünftigen Tun beharren

wollt?«, sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. »Ihr seid weit

in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und vieles lernen

können, ich hätte Euch mehr Einsicht zugetraut, Nachbar.«

»So«, sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch in

seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; »und meint denn der Herr

Pfarrer, ich werde wirklich im nächsten Winter am eisigen Morgen durch

Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken,

zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder heraufkommen lassen, wenn's

manchmal tobt und tut, dass unsereiner fast in Wind und Schnee

ersticken müsste, und dann ein Kind wie dieses? Und vielleicht kann

sich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; sie

war mondsüchtig und hatte Zufälle, soll das Kind auch so etwas holen

mit der Anstrengung? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen!

Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer

mich zwingt!«

»Ihr habt ganz Recht, Nachbar«, sagte der Herr Pfarrer mit

Freundlichkeit; »es wäre nicht möglich, das Kind von hier aus zur

Schule zu schicken. Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb; tut

um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange hättet tun sollen, kommt

wieder ins Dörfli herunter und lebt wieder mit den Menschen. Was ist

das für ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen Gott und

Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustoßen würde hier oben, wer würde

Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass Ihr den Winter

durch nicht halb erfriert in Eurer Hütte, und wie das zarte Kind es

nur aushalten kann!«

»Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das möchte ich dem

Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich weiß, wo es Holz gibt,

und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer darf

in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner Hütte geht

das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr Pfarrer mit dem

Herunterkommen meint, ist nicht für mich; die Menschen da unten

verachten mich und ich sie auch, wir bleiben voneinander, so ist's

beiden wohl.«

»Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiß, was Euch fehlt«, sagte

der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. »Mit der Verachtung der Menschen

dort unten ist es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar: Sucht Frieden

mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung, wo Ihr sie nötig

habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die Menschen ansehen

und wie wohl es Euch noch werden kann.«

Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin

und sagte nochmals mit Herzlichkeit: »Ich zähle darauf, Nachbar, im

nächsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die alten,

guten Nachbarn. Es würde mir großen Kummer machen, wenn ein Zwang

gegen Euch müsste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand darauf,

dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt, ausgesöhnt

mit Gott und den Menschen.«

Der Alm-Öhi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und

bestimmt: »Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er

erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das

Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht.«

»So helf Euch Gott!«, sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tür

hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-Öhi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: »Jetzt

wollen wir zur Großmutter«, erwiderte er kurz: »Heut nicht.« Den

ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi

fragte: »Gehen wir heut zur Großmutter?«, war er noch gleich kurz von

Worten wie im Ton und sagte nur: »Wollen sehen.« Aber noch bevor die

Schüsselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat schon wieder ein

Besuch zur Tür herein, es war die Base Dete. Sie hatte einen schönen

Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid, das alles

mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhütte lag da allerlei, das

nicht an ein Kleid gehörte. Der Öhi schaute sie an von oben bis unten

und sagte kein Wort. Aber die Base Dete hatte im Sinn, ein sehr

freundliches Gespräch zu führen, denn sie fing an zu rühmen und sagte,

das Heidi sehe so gut aus, sie habe es fast nicht mehr gekannt und

man könne schon sehen, dass es ihm nicht schlecht gegangen sei beim

Großvater. Sie habe aber gewiss auch immer darauf gedacht, es ihm

wieder abzunehmen, denn sie habe ja schon begreifen können, dass ihm

das Kleine im Weg sein müsse, aber in jenem Augenblick habe sie es

ja nirgends sonst hintun können; seitdem aber habe sie Tag und Nacht

nachgesonnen, wo sie das Kind etwa unterbringen könnte, und deswegen

komme sie auch heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da

könne das Heidi zu einem solchen Glück kommen, dass sie es gar nicht

habe glauben wollen. Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache

nachgegangen, und nun könne sie sagen, es sei alles so gut wie in

Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glück wie unter Hunderttausenden

nicht eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast

im schönsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges

Töchterlein, das müsse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf

einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer

allein und müsse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer,

und das sei ihm so langweilig, und auch sonst hätte es gern eine

Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer

Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden könnte, wie die Dame

beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft führte, denn ihre Herrschaft

habe viel Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterlein eine gute

Gespielin gönnen. Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, sie wolle so

ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das nicht sei wie alle,

die man so alle Tage sehe. Da habe sie selbst denn auf der Stelle an

das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und habe der Dame alles

so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter, und die Dame

habe sogleich zugesagt. Nun könne gar kein Mensch wissen, was dem

Heidi alles an Glück und Wohlfahrt bevorstehe, denn wenn es dann

einmal dort sei und die Leute es gern mögen und es etwa mit dem

eigenen Töchterchen etwas geben sollte - man könne ja nie wissen, es

sei doch so schwächlich -, und wenn eben die Leute doch nicht ohne ein

Kind bleiben wollten, so könnte ja das unerhörteste Glück -

»Bist du bald fertig?«, unterbrach hier der Öhi, der bis dahin kein

Wort dazwischengeredet hatte.

»Pah«, gab die Dete zurück und warf den Kopf auf, »Ihr tut gerade, wie

wenn ich Euch das ordinärste Zeug gesagt hätte, und ist doch durchs

ganze Prättigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im Himmel

dankte, wenn ich ihm die Nachricht brächte, die ich Euch gebracht

habe.«

»Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon«, sagte der Öhi

trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: »Ja, wenn Ihr

es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich es

meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und weiß

nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in keine

Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt unten

im Dörfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab es zu

verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glück erlangen

kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein, dem es um

alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wünscht. Aber ich

gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe ich alle für

mich, es ist kein Einziger unten im Dörfli, der nicht mir hilft und

gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht kommen lassen,

so besinnt Euch wohl, Öhi; es gibt noch Sachen, die Euch dann könnten

aufgewärmt werden, die Ihr nicht gern hörtet, denn wenn man's einmal

mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch manches aufgespürt, an das

keiner mehr denkt.«

»Schweig!«, donnerte der Öhi heraus, und seine Augen flammten wie

Feuer. »Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich

will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund wie

dich heut!«

Der Öhi ging mit großen Schritten zur Tür hinaus.

»Du hast den Großvater bös gemacht«, sagte Heidi und blitzte mit

seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.

»Er wird schon wieder gut, komm jetzt«, drängte die Base; »wo sind

deine Kleider?«

»Ich komme nicht«, sagte Heidi.

»Was sagst du?«, fuhr die Base auf; dann änderte sie den Ton ein wenig

und fuhr halb freundlich, halb ärgerlich weiter: »Komm, komm, du

verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar nicht

weißt.« Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen hervor und

packte sie zusammen: »So, komm jetzt, nimm dort dein Hütchen, es sieht

nicht schön aus, aber es ist gleich für einmal, setz es auf und mach,

dass wir fortkommen.«

»Ich komme nicht«, wiederholte Heidi.

»Sei doch nicht so dumm und störrig wie eine Geiß; denen hast du's

abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Großvater bös, du hast's

ja gehört, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor Augen

kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und jetzt musst

du ihn nicht noch böser machen. Du weißt gar nicht, wie schön es ist

in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und gefällt es dir dann

nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin ist der Großvater dann

wieder gut.«

»Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?«, fragte

Heidi.

»Ach was, komm jetzt! Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim, wann

du willst. Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen früh

sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im Augenblick

wieder daheim, das geht wie geflogen.«

Die Base Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den Arm und Heidi an

die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins

Dörfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier und

da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nütze nichts, dahin zu gehen,

das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren und große

Ruten suchen nütze etwas, denn diese könne man brauchen. So kam er

eben in der Nähe seiner Hütte von der Seite her mit sichtlichem Erfolg

seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein ungeheures Bündel

langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er stand still und starrte

die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann sagte er:

»Wo willst du hin?«

»Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base«, antwortete

Heidi, »aber ich will zuerst noch zur Großmutter hinein, sie wartet

auf mich.«

»Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spät«, sagte die Base

eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; »du kannst

dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!« Damit zog die Base

das Heidi fest weiter und ließ es nicht mehr los, denn sie fürchtete,

es könne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen, es wolle nicht

fort, und die Großmutter könne ihm helfen wollen. Der Peter sprang

in die Hütte hinein und schlug mit seinem ganzen Bündel Ruten so

furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte und die Großmutter

vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte. Der Peter

hatte sich Luft machen müssen.

»Was ist's denn? Was ist's denn?«, rief angstvoll die Großmutter, und

die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei

dem Knall, sagte in angeborener Langmut: »Was hast, Peterli; warum

tust so wüst?«

»Weil sie das Heidi mitgenommen hat«, erklärte Peter.

»Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?«, fragte die Großmutter jetzt mit

neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging, die

Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen

zum Alm-Öhi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile machte die Großmutter

das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: »Dete, Dete, nimm uns das

Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!«

Die beiden Laufenden hörten die Stimme, und die Dete mochte wohl

ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief,

was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: »Die Großmutter hat

gerufen, ich will zu ihr.«

Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind, es

solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spät kämen,

sondern dass sie morgen weiterreisen könnten, es könnte ja dann sehen,

wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie mehr fortwolle

dort; und wenn es doch heim wolle, so könne es ja gleich gehen und

dann erst noch der Großmutter etwas mit heimbringen, was sie freue.

Das war eine Aussicht für Heidi, die ihm gefiel. Es fing an zu laufen

ohne Widerstreben.

»Was kann ich der Großmutter heimbringen?«, fragte es nach einer

Welle.

»Etwas Gutes«, sagte die Base, »so schöne, weiche Weißbrötchen, da

wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze Brot

fast nicht mehr essen.«

»Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: >Es ist mir zu

hart<; das habe ich selbst gesehen«, bestätigte das Heidi. »So wollen

wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir vielleicht heut noch

nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin mit den Brötchen.«

Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Bündel auf dem

Arm fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es so rasch

ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Häusern vom Dörfli, und

da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi

wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief sie stracks durch,

und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer Hand, dass alle Leute

es sehen konnten, wie sie um des Kindes willen so pressieren musste.

So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus allen

Fenstern und Türen entgegentönten, nur immer zurück: »Ihr seht's ja,

ich kann jetzt nicht still stehen, das Kind pressiert und wir haben

noch weit.«

»Nimmst's mit?« - »Läuft's dem Alm-Öhi fort?« - »Es ist nur ein

Wunder, dass es noch am Leben ist!« - »Und dazu noch so rotbackig!« So

tönte es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne Verzug

durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi kein Wort

sagte, sondern nur immer vorwärts strebte in großem Eifer. -

Von dem Tage an machte der Alm-Öhi, wenn er herunterkam und durchs

Dörfli ging, ein böseres Gesicht als je zuvor. Er grüßte keinen

Menschen und sah mit seinem Käsereff auf dem Rücken, mit dem

ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken Brauen

so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern sagten: »Gib

Acht! Geh dem Alm-Öhi aus dem Weg, er könnte dir noch etwas tun!«

Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Dörfli, er ging nur durch

und weit ins Tal hinab, wo er seinen Käse verhandelte und seine

Vorräte an Brot und Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war im

Dörfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trüppchen zusammen,

und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-Öhi gesehen hatte,

wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem Menschen mehr

auch nur einen Gruß abnehme, und alle kamen darin überein, dass es ein

großes Glück sei, dass das Kind habe entweichen können, und man habe

auch wohl gesehen, wie es fortgedrängt habe, so, als fürchte es, der

Alte sei schon hinter ihm drein, um es zurückzuholen. Nur die blinde

Großmutter hielt unverrückt zum Alm-Öhi, und wer zu ihr heraufkam, um

bei ihr spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzählte

sie es immer wieder, wie gut und sorgfältig der Alm-Öhi mit dem Kind

gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie manchen

Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt, das ohne seine Hilfe

gewiss schon zusammengefallen wäre. So kamen denn auch diese Berichte

ins Dörfli herunter; aber die meisten, die sie vernahmen, sagten dann,

die Großmutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl

nicht recht verstanden haben, sie werde wohl auch nicht mehr gut

hören, weil sie nichts mehr sehe.

Der Alm-Öhi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geißenpeters; es war

gut, dass er die Hütte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb

für lange Zeit ganz unberührt. Jetzt begann die blinde Großmutter ihre

Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich, an dem sie nicht

klagend sagte: »Ach, mit dem Kind ist alles Gute und alle Freude von

uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn ich nur noch einmal das

Heidi hören könnte, eh ich sterben muss!«

Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Töchterlein,

Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag sich

aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestoßen wurde. Jetzt saß es

im so genannten Studierzimmer, das neben der großen Essstube lag und

wo vielerlei Gerätschaften herumstanden und -lagen, die das Zimmer

wohnlich machten und zeigten, dass man hier gewöhnlich sich aufhielt.

An dem großen, schönen Bücherschrank mit den Glastüren konnte man

sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte und dass es wohl der Raum

war, wo dem lahmen Töchterchen der tägliche Unterricht erteilt wurde.

Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde,

blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die große

Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen

schien, denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt mit

ziemlicher Ungeduld in der Stimme: »Ist es denn immer noch nicht Zeit,

Fräulein Rottenmeier?«

Die Letztere saß sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und

stickte. Sie hatte eine geheimnisvolle Hülle um sich, einen großen

Kragen oder Halbmantel, welcher der Persönlichkeit einen feierlichen

Anstrich verlieh, der noch erhöht wurde durch eine Art von hoch

gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug. Fräulein Rottenmeier war

schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des Hauses gestorben war,

im Hause Sesemann, führte die Wirtschaft und hatte die Oberaufsicht

über das ganze Dienstpersonal.

Herr Sesemann war meistens auf Reisen, überließ daher dem Fräulein

Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein

Töchterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen dessen

Wunsch geschehen dürfe.

Während oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld Fräulein

Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten

erscheinen konnten, stand unten vor der Haustür die Dete mit Heidi an

der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen

war, ob sie wohl Fräulein Rottenmeier so spät noch stören dürfe.

»Das ist nicht meine Sache«, brummte der Kutscher; »klingeln Sie den

Sebastian herunter, drinnen im Korridor.«

Dete tat, wie ihr geheißen war, und der Bediente des Hauses kam die

Treppe herunter mit großen, runden Knöpfen auf seinem Aufwärterrock

und fast ebenso großen runden Augen im Kopfe.

»Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fräulein Rottenmeier noch

stören dürfe«, brachte die Dete wieder an.

»Das ist nicht meine Sache«, gab der Bediente zurück; »klingeln Sie

die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel«, und ohne weitere

Auskunft verschwand der Sebastian.

Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer

Tinette mit einem blendend weißen Deckelchen auf der Mitte des Kopfes

und einer spöttischen Miene auf dem Gesicht.

»Was ist?«, fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete

wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald

wieder und rief von der Treppe herunter: »Sie sind erwartet!«

Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer

Tinette folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete höflich an

der Tür stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie war gar

nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden

Boden.

Fräulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam näher,

um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten. Der

Anblick schien sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches

Baumwollröckchen an und sein altes, zerdrücktes Strohhütchen auf dem

Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor und betrachtete mit

unverhehlter Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame.

»Wie heißest du?«, fragte Fräulein Rottenmeier, nachdem auch sie

einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge

von ihr verwandte.

»Heidi«, antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.

»Wie? Wie? Das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist

du doch nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe

erhalten?«, fragte Fräulein Rottenmeier weiter.

»Das weiß ich jetzt nicht mehr«, entgegnete Heidi.

»Ist das eine Antwort!«, bemerkte die Dame mit Kopfschütteln. »Jungfer

Dete, ist das Kind einfältig oder schnippisch?«

»Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern reden

für das Kind, denn es ist sehr unerfahren«, sagte die Dete, nachdem

sie dem Heidi heimlich einen kleinen Stoß gegeben hatte für die

unpassende Antwort. »Es ist aber nicht einfältig und auch nicht

schnippisch, davon weiß es gar nichts; es meint alles so, wie es

redet. Aber es ist heut zum ersten Mal in einem Herrenhaus und kennt

die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht ungelehrig, wenn

die Dame wollte gütige Nachsicht haben. Es ist Adelheid getauft

worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig.«

»Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann«, bemerkte

Fräulein Rottenmeier. »Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch sagen,

dass mir das Kind für sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen

mitgeteilt, die Gespielin für Fräulein Klara müsste in ihrem Alter

sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und überhaupt

ihre Beschäftigungen zu teilen. Fräulein Klara hat das zwölfte Jahr

zurückgelegt; wie alt ist das Kind?«

»Mit Erlaubnis der Dame«, fing die Dete wieder beredt an, »es war mir

eben selber nicht mehr so ganz gegenwärtig, wie alt es sei; es ist

wirklich ein wenig jünger, viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz

genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so noch etwas

dazu sein, nehm ich an.«

»Jetzt bin ich acht, der Großvater hat's gesagt«, erklärte Heidi. Die

Base stieß es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und

wurde keineswegs verlegen.

»Was, erst acht Jahre alt?«, rief Fräulein Rottenmeier mit einiger

Entrüstung aus. »Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast

du denn gelernt? Was hast du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht?«

»Keine«, sagte Heidi.

»Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?«, fragte die Dame weiter.

»Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht«, berichtete

Heidi.

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7511) · 第 4 / 12 段