»Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht

lesen!«, rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus. »Ist es

die Möglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?«

»Nichts«, sagte Heidi der Wahrheit gemäß.

»Jungfer Dete«, sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in

denen sie nach Fassung rang, »es ist alles nicht nach Abrede, wie

konnten Sie mir dieses Wesen zuführen?« Aber die Dete ließ sich nicht

so bald einschüchtern; sie antwortete herzhaft: »Mit Erlaubnis der

Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie haben wolle; die

Dame hat mir beschrieben, wie es sein müsse, so ganz apart und nicht

wie die anderen, und so musste ich das Kleine nehmen, denn die

Größeren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses

passe wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muss ich aber gehen,

denn meine Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft

erlaubt, bald wieder kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm.« Mit

einem Knicks war die Dete zur Tür hinaus und die Treppe hinunter mit

schnellen Schritten. Fräulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch

da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen,

dass sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte,

wenn das Kind wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal

und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen.

Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tür, wo es von Anfang an

gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend

allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: »Komm hierher!«

Heidi trat an den Rollstuhl heran.

»Willst du lieber Heidi heißen oder Adelheid?«, fragte Klara.

»Ich heiße nur Heidi und sonst nichts«, war Heidis Antwort.

»So will ich dich immer so nennen«, sagte Klara; »der Name gefällt mir

für dich, ich habe ihn aber nie gehört, ich habe aber auch nie ein

Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes,

krauses Haar gehabt?«

»Ja, ich denk's«, gab Heidi zur Antwort.

»Bist du gern nach Frankfurt gekommen?«, fragte Klara weiter.

»Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der Großmutter

weiße Brötchen!«, erklärte Heidi.

»Du bist aber ein kurioses Kind!«, fuhr jetzt Klara auf. »Man hat dich

ja express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir bleibest und

die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig,

weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas ganz Neues in den

Stunden vor. Sonst ist es manchmal so schrecklich langweilig und der

Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst du, alle Morgen um

zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, und dann fangen die Stunden an und

dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Kandidat nimmt auch

manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran, so, als wäre er auf

einmal ganz kurzsichtig geworden, aber er gähnt nur furchtbar hinter

dem Buch, und Fräulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr

großes Taschentuch hervor und hält es vor das ganze Gesicht hin, so,

als sei sie ganz ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich weiß

recht gut, dass sie nur ganz schrecklich gähnt dahinter, und dann

sollte ich auch so stark gähnen und muss es immer hinunterschlucken,

denn wenn ich nur ein einziges Mal herausgähne, so holt Fräulein

Rottenmeier gleich den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und

Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich doch lieber

Gähnen schlucken. Aber nun wird's viel kurzweiliger, da kann ich dann

zuhören, wie du lesen lernst.«

Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom Lesenlernen

hörte.

»Doch, doch, Heidi, natürlich musst du lesen lernen, alle Menschen

müssen, und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals böse,

und er erklärt dir dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas

erklärt, dann verstehst du nichts davon; dann musst du nur warten und

gar nichts sagen, sonst erklärt er dir noch viel mehr und du verstehst

es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du etwas gelernt hast und es

weißt, dann verstehst du schon, was er gemeint hat.«

Jetzt kam Fräulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurück; sie hatte

Dete nicht mehr zurückrufen können und war sichtlich aufgeregt davon,

denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einlässlich sagen können,

was alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie nicht

wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rückgängig zu machen,

war sie umso aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze Sache

angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer hinüber, und

von da wieder zurück, und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr

hier den Sebastian an, der seine runden Augen eben nachdenklich über

den gedeckten Tisch gleiten ließ, um zu sehen, ob sein Werk keinen

Mangel habe.

»Denk Er morgen Seine großen Gedanken fertig und mach Er, dass man

heut noch zu Tische komme.«

Mit diesen Worten fuhr Fräulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und

rief nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die Jungfer

Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte als sonst

gewöhnlich - und sich mit so spöttischem Gesicht hinstellte, dass

selbst Fräulein Rottenmeier nicht wagte, sie anzufahren; umso mehr

schlug ihr die Aufregung nach innen.

»Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette«,

sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; »es liegt alles bereit,

nehmen Sie noch den Staub von den Möbeln weg.«

»Es ist der Mühe wert«, spöttelte Tinette und ging.

Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltüren zum Studierzimmer mit

ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber sich

in Antworten Luft zu machen durfte er nicht wagen Fräulein Rottenmeier

gegenüber; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer, um den

Rollstuhl hinüberzustoßen. Während er den Griff hinten am Stuhl, der

sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi vor ihn hin

und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal fuhr er

auf. »Na, was ist denn da Besonderes dran?«, schnurrte er Heidi an in

einer Weise, wie er es wohl nicht getan, hätte er Fräulein Rottenmeier

gesehen, die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade hereintrat,

als Heidi entgegnete: »Du siehst dem Geißenpeter gleich.«

Entsetzt schlug die Dame ihre Hände zusammen. »Ist es die

Möglichkeit!«, stöhnte sie halblaut. »Nun duzt sie mir den Bedienten!

Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!«

Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian

hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.

Fräulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es sollte

den Platz ihr gegenüber einnehmen. Sonst kam niemand zu Tische, und

es war viel Platz da; die drei saßen auch weit auseinander, so dass

Sebastian mit seiner Schüssel zum Anbieten guten Raum fand. Neben

Heidis Teller lag ein schönes, weißes Brötchen; das Kind schaute mit

erfreuten Blicken darauf. Die Ähnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte,

musste sein ganzes Vertrauen für den Sebastian erweckt haben, denn

es saß mäuschenstill und rührte sich nicht, bis er mit der großen

Schüssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt,

dann zeigte es auf das Brötchen und fragte: »Kann ich das haben?«

Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Fräulein

Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was die Frage für einen Eindruck

auf sie mache. Augenblicklich ergriff Heidi sein Brötchen und steckte

es in die Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam

ihn an; er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war. Stumm und

unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte

er nicht, und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient

hatte. Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte es:

»Soll ich auch von dem essen?« Sebastian nickte wieder. »So gib mir«,

sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller. Sebastians Grimasse

wurde sehr bedenklich, und die Schüssel in seinen Händen fing an

gefährlich zu zittern.

»Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen«,

sagte jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht. Sebastian

verschwand sogleich. »Dir, Adelheid, muss ich überall die ersten

Begriffe beibringen, das sehe ich«, fuhr Fräulein Rottenmeier mit

tiefem Seufzer fort. »Vor allem will ich dir zeigen, wie man sich am

Tische bedient«, und nun machte die Dame deutlich und eingehend alles

vor, was Heidi zu tun hatte. »Dann«, fuhr sie weiter, »muss ich dir

hauptsächlich bemerken, dass du am Tisch nicht mit Sebastian zu

sprechen hast, auch sonst nur dann, wenn du einen Auftrag oder eine

notwendige Frage an ihn zu richten hast; dann aber nennst du ihn nie

mehr anders als _Sie_ oder _Er_, hörst du? Dass ich dich niemals mehr

ihn anders nennen höre. Auch Tinette nennst du _Sie_, Jungfer Tinette.

Mich nennst du so, wie du mich von allen nennen hörst; wie du Klara

nennen sollst, wird sie selbst bestimmen.«

»Natürlich Klara«, sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge

von Verhaltungsmaßregeln, über Aufstehen und Zubettegehen, über

Hereintreten und Hinausgehen, über Ordnunghalten, Türenschließen, und

über alledem fielen dem Heidi die Augen zu, denn es war heute vor fünf

Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht. Es lehnte sich an

den Sesselrücken und schlief ein. Als dann nach längerer Zeit Fräulein

Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer Unterweisung, sagte sie:

»Nun denke daran, Adelheid! Hast du alles recht begriffen?«

»Heidi schläft schon lange«, sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht,

denn das Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig

verflossen.

»Es ist doch völlig unerhört, was man mit diesem Kind erlebt!«, rief

Fräulein Rottenmeier in großem Ärger und klingelte so heftig, dass

Tinette und Sebastian miteinander herbeigestürzt kamen; aber trotz

allen Lärms erwachte Heidi nicht, und man hatte die größte Mühe, es

so weit zu erwecken, dass es nach seinem Schlafgemach gebracht werden

konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch Klaras Schlafstube,

dann durch die Stube von Fräulein Rottenmeier zu dem Eckzimmer, das

nun für Heidi eingerichtet war.

Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug, konnte

es durchaus nicht begreifen, was es erblickte. Es rieb ganz gewaltig

seine Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Es saß auf einem

hohen, weißen Bett und vor sich sah es einen großen, weiten Raum, und

wo die Helle herkam, hingen lange, lange weiße Vorhänge, und dabei

standen zwei Sessel mit großen Blumen darauf, und dann kam ein Sofa an

der Wand mit denselben Blumen und ein runder Tisch davor, und in der

Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf, wie Heidi sie noch gar

nie gesehen hatte. Aber nun kam ihm auf einmal in den Sinn, dass es in

Frankfurt sei, und der ganze gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und

zuletzt noch ganz klar die Unterweisungen der Dame, soweit es sie

gehört hatte. Heidi sprang nun von seinem Bett herunter und machte

sich fertig. Dann ging es an ein Fenster und dann an das andere; es

musste den Himmel sehen und die Erde draußen, es fühlte sich wie im

Käfig hinter den großen Vorhängen. Es konnte diese nicht wegschieben;

so kroch es dahinter, um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war so

hoch, dass Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass

es durchsehen konnte. Aber Heidi fand nicht, was es suchte. Es lief

von einem Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurück; aber

immer war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder

Mauern und dann wieder Fenster. Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es

früh am Morgen, denn Heidi war gewöhnt, früh aufzustehen auf der Alm

und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tür und zu sehen, wie's

draußen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei, ob die

Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben.

Wie das Vögelein, das zum ersten Mal in seinem schön glänzenden

Gefängnis sitzt, hin und her schießt und bei allen Stäben probiert, ob

es nicht dazwischen durchschlüpfen und in die Freiheit hinausfliegen

könne, so lief Heidi immer von dem einen Fenster zum anderen, um zu

probieren, ob es nicht aufgemacht werden könne, denn dann musste man

doch etwas anderes sehen als Mauern und Fenster, da musste doch unten

der Erdboden, das grüne Gras und der letzte schmelzende Schnee an den

Abhängen zum Vorschein kommen, und Heidi sehnte sich, das zu sehen.

Aber die Fenster blieben fest verschlossen, wie sehr auch das Kind

drehte und zog und von unten suchte, die kleinen Finger unter die

Rahmen einzutreiben, damit es Kraft hätte, sie aufzudrücken; es blieb

alles eisenfest aufeinander sitzen. Nach langer Zeit, als Heidi

einsah, dass alle Anstrengungen nichts halfen, gab es seinen Plan auf

und überdachte nun, wie es wäre, wenn es vor das Haus hinausginge und

hintenherum, bis es auf den Grasboden käme, denn es erinnerte sich,

dass es gestern Abend vorn am Haus nur über Steine gekommen war. Jetzt

klopfte es an seiner Tür und unmittelbar darauf steckte Tinette den

Kopf herein und sagte kurz: »Frühstück bereit!«

Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf dem

spöttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung, ihr

nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung geschrieben,

und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach.

Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch empor, stellte ihn in eine

Ecke, setzte sich darauf und wartete so ganz still ab, was nun kommen

würde. Nach einiger Zeit kam etwas mit ziemlichem Geräusch, es war

Fräulein Rottenmeier, die schon wieder in Aufregung geraten war und

in Heidis Stube hineinrief: »Was ist mit dir, Adelheid? Begreifst du

nicht, was ein Frühstück ist? Komm herüber!«

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Esszimmer saß

Klara schon lang an ihrem Platz und begrüßte Heidi freundlich, machte

auch ein viel vergnügteres Gesicht als sonst gewöhnlich, denn sie

sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen würde. Das

Frühstück ging nun ohne Störung vor sich; Heidi aß ganz anständig

sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara wieder ins

Studierzimmer hinübergerollt und Heidi wurde von Fräulein Rottenmeier

angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu bleiben, bis der Herr

Kandidat kommen würde, um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als

die beiden Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: »Wie kann man

hinaussehen hier und ganz hinunter auf den Boden?«

»Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus«, antwortete Klara

belustigt.

»Man kann diese Fenster nicht aufmachen«, versetzte Heidi traurig.

»Doch, doch«, versicherte Klara, »nur du noch nicht, und ich kann dir

auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht

er dir schon eines auf.«

Das war eine große Erleichterung für Heidi zu wissen, dass man doch

die Fenster öffnen und hinausschauen könne, denn noch war es ganz

unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing

nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und Heidi

erzählte mit Freuden von der Alm und den Geißen und der Weide und

allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fräulein

Rottenmeier führte ihn nicht, wie gewöhnlich, ins Studierzimmer, denn

sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins

Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in großer Aufregung

ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie in diese hineingekommen

war.

Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris

geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe längst

gewünscht, es möchte eine Gespielin für sie ins Haus aufgenommen

werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den

Unterrichtsstunden ein Sporn, in der übrigen Zeit eine anregende

Gesellschaft für Klara sein würde. Eigentlich war die Sache für

Fräulein Rottenmeier selbst sehr wünschbar, denn sie wollte gern, dass

jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme,

wenn es ihr zu viel war, was öfters geschah. Herr Sesemann hatte

geantwortet, er erfülle gern den Wunsch seiner Tochter, doch mit der

Bedingung, dass eine solche Gespielin in allem ganz gehalten werde wie

jene, er wolle keine Kinderquälerei in seinem Hause - »was freilich

eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war«, setzte Fräulein

Rottenmeier hinzu, »denn wer wollte Kinder quälen!« Nun aber erzählte

sie weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem

Kinde, und führte alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen

Dasein an, die es bis jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der

Unterricht des Herrn Kandidaten buchstäblich beim Abc anfangen müsse,

sondern dass auch sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit

dem Uranfang zu beginnen hätte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie

nur ein Rettungsmittel: Wenn der Herr Kandidat erklären werde, zwei so

verschiedene Wesen könnten nicht miteinander unterrichtet werden ohne

großen Schaden des vorgerückteren Teiles; das wäre für Herrn Sesemann

ein triftiger Grund, die Sache rückgängig zu machen, und so würde er

zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin zurückgeschickt würde,

woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung aber dürfte sie das nicht

unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass das Kind angekommen sei.

Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals einseitig im Urteilen.

Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und der Ansicht,

wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurück sei, so möchte

sie auf der anderen umso geförderter sein, was bei einem geregelten

Unterricht bald ins Gleichgewicht kommen werde. Als Fräulein

Rottenmeier sah, dass der Herr Kandidat sie nicht unterstützen,

sondern seinen Abc-Unterricht übernehmen wollte, machte sie ihm die

Tür zum Studierzimmer auf, und nachdem er hereingetreten war, schloss

sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor

dem Abc hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit großen Schritten

im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu überlegen, wie die

Dienstboten Adelheid zu benennen hätten. Herr Sesemann hatte ja

geschrieben, sie müsste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses

Wort musste sich hauptsächlich auf das Verhältnis zu den Dienstboten

beziehen, dachte Fräulein Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange

ungestört überlegen, denn auf einmal ertönte drinnen im Studierzimmer

ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstände und dann ein

Hilferuf nach Sebastian. Sie stürzte hinein. Da lag auf dem Boden

alles übereinander, die sämtlichen Studien-Hilfsmittel, Bücher, Hefte,

Tintenfass und obendrauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes

Tintenbächlein hervorfloss, die ganze Stube entlang. Heidi war

verschwunden.

»Da haben wir's«, rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus.

»Teppich, Bücher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! Das ist noch nie

geschehen! Das ist das Unglückswesen, da ist kein Zweifel!«

Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die

Verwüstung, die allerdings nur _eine_ Seite hatte und eine recht

bestürzende. Klara dagegen verfolgte mit vergnügtem Gesicht die

ungewöhnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun erklärend:

»Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es muss gewiss

nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig, fortzukommen,

und riss den Teppich mit, und so fiel alles hintereinander auf den

Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander vorbei, darum ist es so

fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen.«

»Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht _einen_

Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine

Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhören und still zu sitzen

hat. Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin? Wenn es fortgelaufen

wäre! Was würde mir Herr Sesemann -«

Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter

der geöffneten Haustür, stand Heidi und guckte ganz verblüfft die

Straße auf und ab.

»Was ist denn? Was fällt dir denn ein? Wie kannst du so davonlaufen!«,

fuhr Fräulein Rottenmeier das Kind an.

»Ich habe die Tannen rauschen gehört, aber ich weiß nicht, wo sie

stehen, und höre sie nicht mehr«, antwortete Heidi und schaute

enttäuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt

war, das in Heidis Ohren dem Tosen des Föhns in den Tannen ähnlich

geklungen hatte, so dass es in höchster Freude dem Ton nachgerannt

war.

»Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das für Einfälle! Komm herauf

und sieh, was du angerichtet hast!« Damit stieg Fräulein Rottenmeier

wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun sehr

verwundert vor der großen Verheerung, denn es hatte nicht gemerkt, was

es alles mitriss vor Freude und Eile, die Tannen zu hören.

»Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder«,

sagte Fräulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; »zum Lernen sitzt

man still auf seinem Sessel und gibt Acht. Kannst du das nicht selbst

fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst du

das verstehen?«

»Ja«, entgegnete Heidi, »aber ich will schon festsitzen.« Denn jetzt

hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer Unterrichtsstunde

still zu sitzen.

Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung

wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der weitere

Unterricht musste nun aufgegeben werden. Zum Gähnen war heute gar

keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi hatte

alsdann seine Beschäftigung selbst zu wählen; so hatte Fräulein

Rottenmeier ihm am Morgen erklärt. Als nun nach Tisch Klara sich in

ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Fräulein Rottenmeier nach

ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da war, da es seine

Beschäftigung selbst wählen konnte. Das war dem Heidi sehr erwünscht,

denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu unternehmen; es musste

aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum vor das Esszimmer

mitten auf den Korridor, damit die Persönlichkeit, die es zu beraten

gedachte, ihm nicht entgehen könne. Richtig, nach kurzer Zeit kam

Sebastian die Treppe herauf mit dem großen Teebrett auf den Armen,

denn er brachte das Silberzeug aus der Küche herauf, um es im Schrank

des Esszimmers zu verwahren. Als er auf der letzten Stufe der

Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn hin und sagte mit großer

Deutlichkeit: »Sie oder Er!«

Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur möglich war, und

sagte ziemlich barsch: »Was soll das heißen, Mamsell?«

»Ich möchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Böses wie

heute Morgen«, fügte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es merkte, dass

Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es komme noch von der

Tinte am Boden her.

»So, und warum muss es denn heißen Sie oder Er, das möcht ich zuerst

wissen«, gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurück.

»Ja, so muss ich jetzt immer sagen«, versicherte Heidi; »Fräulein

Rottenmeier hat es befohlen.«

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert

ansehen musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber Sebastian

hatte auf einmal begriffen, was Fräulein Rottenmeier befohlen hatte,

und sagte nun sehr erlustigt: »Schon recht, so fahre die Mamsell nur

zu.«

»Ich heiße gar nicht Mamsell«, sagte nun Heidi seinerseits ein wenig

geärgert; »ich heiße Heidi.«

»Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich Mamsell

sage«, erklärte Sebastian.

»Hat sie? Ja, dann muss ich schon so heißen«, sagte Heidi mit

Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen musste,

wie Fräulein Rottenmeier befahl.

»Jetzt habe ich schon drei Namen«, setzte es mit einem Seufzer hinzu.

»Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?«, fragte Sebastian jetzt,

indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im Schrank

zurechtlegte.

»Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?«

»So, gerade so«, und er machte den großen Fensterflügel auf.

Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu können; es

langte nur bis zum Gesims hinauf.

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7511) · 第 5 / 12 段