Unterhaltung, aber es hatte ihm öfter ganz lustig um die Mundwinkel
gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhörte.
»So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Stärkung, komm, halt
mit!« Damit stand der Großvater auf und holte das Abendessen aus dem
Schrank hervor, und Heidi rückte die Stühle zum Tisch. Unterdessen
war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom Großvater; nun er
nicht mehr allein war, hatte er da und dort allerlei Sitze zu zweien
eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, dass es sich überall nah zum
Großvater hielt, wo er ging und stand und saß. So hatten sie alle
drei gut Platz zum Sitzen und der Peter tat seine runden Augen ganz
weit auf, als er sah, welch ein mächtiges Stück von dem schönen
getrockneten Fleisch der Alm-Öhi ihm auf seine dicke Brotschnitte
legte. So gut hatte es der Peter lange nicht gehabt. Als nun das
vergnügte Mahl zu Ende war, fing es an zu dunkeln, und Peter schickte
sich zur Heimkehr an. Als er nun »Gute Nacht« und »Dank Euch Gott«
gesagt hatte und schon unter der Tür war, kehrte er sich noch einmal
um und sagte: »Am Sonntag komm ich wieder, heut über acht Tag, und du
solltest auch einmal zur Großmutter kommen, hat sie gesagt.«
Das war ein ganz neuer Gedanke für Heidi, dass es zu jemandem gehen
sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am
folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklärte: »Großvater, jetzt
muss ich gewiss zu der Großmutter hinunter, sie erwartet mich.«
»Es hat zu viel Schnee«, erwiderte der Großvater abwehrend.
Aber das Vorhaben saß fest in Heidis Sinn, denn die Großmutter hatte
es ja sagen lassen; so musste es sein. So verging kein Tag mehr, an
dem das Kind nicht fünf- und sechsmal sagte: »Großvater, jetzt muss
ich gewiss gehen, die Großmutter wartet ja immer auf mich.«
Am vierten Tag, als es draußen knisterte und knarrte vor Kälte bei
jedem Schritt und die ganze große Schneedecke ringsum hart gefroren
war, aber eine schöne Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis
hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl saß, da begann es wieder sein
Sprüchlein: »Heut muss ich aber gewiss zur Großmutter gehen, es währt
ihr sonst zu lange.« Da stand der Großvater auf vom Mittagstisch,
stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken Sack herunter, der
Heidis Bettdecke war, und sagte: »So komm!« In großer Freude hüpfte
das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den alten
Tannen war es nun ganz still und auf allen Ästen lag der weiße Schnee
und in dem Sonnenschein schimmerte und funkelte es überall von den
Bäumen in solcher Pracht, dass Heidi hoch aufsprang vor Entzücken und
ein Mal übers andere ausrief: »Komm heraus, Großvater, komm heraus!
Es ist lauter Silber und Gold an den Tannen!« Denn der Großvater war
in den Schopf hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten
Stoßschlitten: Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen
Sitz konnte man die Füße nach vorn hinunterhalten und gegen den
Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich
der Großvater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte
beschauen müssen, nahm das Kind auf seinen Schoß, wickelte es um und
um in den Sack ein, damit es hübsch warm bleibe, und drückte es fest
mit dem linken Arm an sich, denn das war nötig bei der kommenden
Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange und gab einen
Ruck mit beiden Füßen. Da schoss der Schlitten davon die Alm hinab
mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi meinte, es fliege in
der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. Auf einmal stand der
Schlitten still, gerade bei der Hütte vom Geißenpeter. Der Großvater
stellte das Kind auf den Boden, wickelte es aus seiner Decke heraus
und sagte:
»So, nun geh hinein, und wenn es anfängt dunkel zu werden, dann komm
wieder heraus und mach dich auf den Weg.« Dann kehrte er um mit seinem
Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.
Heidi machte die Tür auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da sah
es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schüsselchen auf einem
Gestell, das war die kleine Küche; dann kam gleich wieder eine Tür,
die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube hinein, denn
das Ganze war nicht eine Sennhütte, wie beim Großvater, wo ein
einziger, großer Raum war und oben ein Heuboden, sondern es war ein
kleines, uraltes Häuschen, wo alles eng war und schmal und dürftig.
Als Heidi in das Stübchen trat, stand es gleich vor dem Tisch, daran
saß eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses erkannte Heidi
sogleich. In der Ecke saß ein altes, gekrümmtes Mütterchen und spann.
Heidi wusste gleich, woran es war; es ging geradaus auf das Spinnrad
zu und sagte: »Guten Tag, Großmutter, jetzt komme ich zu dir; hast du
gedacht, es währe lang, bis ich komme?«
Die Großmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befühlte sie
dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte sie:
»Bist du das Kind droben beim Alm-Öhi, bist du das Heidi?«
»Ja, ja«, bestätigte das Kind, »jetzt gerade bin ich mit dem Großvater
im Schlitten heruntergefahren.«
»Wie ist das möglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, Brigitte,
ist der Alm-Öhi selber mit dem Kind heruntergekommen?«
Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war
aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis
unten; dann sagte sie: »Ich weiß nicht, Mutter, ob der Öhi selber
heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das Kind wird's
nicht recht wissen.«
Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei
es im Ungewissen, und sagte: »Ich weiß ganz gut, wer mich in die
Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das ist
der Großvater.«
»Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den Sommer
durch vom Alm-Öhi, wenn wir dachten, er wisse es nicht recht«, sagte
die Großmutter; »wer hätte freilich auch glauben können, dass so etwas
möglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine drei Wochen da oben. Wie
sieht es auch aus, Brigitte!« Diese hatte das Kind unterdessen so von
allen Seiten angesehen, dass sie nun wohl berichten konnte, wie es
aussah.
»Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war«, gab sie zur
Antwort; »aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es
der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den
zweien gleich.«
Unterdessen war Heidi müßig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: »Sieh,
Großmutter, dort schlägt es einen Laden immer hin und her, und der
Großvater würde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er wieder
fest hält, sonst schlägt er auch einmal eine Scheibe ein; sieh, sieh,
wie er tut!«
»Ach, du gutes Kind«, sagte die Großmutter, »sehen kann ich es nicht,
aber hören kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur den Laden;
da kracht und klappert es überall, wenn der Wind kommt, und er kann
überall hereinblasen; es hält nichts mehr zusammen, und in der Nacht,
wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst und bang, es
falle alles über uns zusammen und schlage uns alle drei tot; ach, und
da ist kein Mensch, der etwas ausbessern könnte an der Hütte, der
Peter versteht's nicht.«
»Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut, Großmutter?
Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort.« Und Heidi zeigte die Stelle
deutlich mit dem Finger.
»Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den
Laden nicht«, klagte die Großmutter.
»Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es recht
hell wird, kannst du dann sehen, Großmutter?«
»Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen.«
»Aber wenn du hinausgehst in den ganz weißen Schnee, dann wird es dir
gewiss hell; komm nur mit mir, Großmutter, ich will dir's zeigen.«
Heidi nahm die Großmutter bei der Hand und wollte sie fortziehen, denn
es fing an, ihm ganz ängstlich zumute zu werden, dass es ihr nirgends
hell wurde.
»Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir,
auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine
Augen.«
»Aber dann doch im Sommer, Großmutter«, sagte Heidi, immer ängstlicher
nach einem guten Ausweg suchend; »weißt, wenn dann wieder die Sonne
ganz heiß herunterbrennt und dann >gute Nacht< sagt und die Berge alle
feuerrot schimmern und alle gelben Blümlein glitzern, dann wird es dir
wieder schön hell?«
»Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die
goldenen Blümlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie
mehr.«
Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte es
fortwährend: »Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es niemand?
Kann es gar niemand?«
Die Großmutter suchte nun das Kind zu trösten, aber es gelang ihr
nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing,
dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betrübnis herauskommen.
Die Großmutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu
beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jämmerlich
schluchzen musste. Jetzt sagte sie: »Komm, du gutes Heidi, komm hier
heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts sehen
kann, dann hört man so gern ein freundliches Wort, und ich höre es
gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und erzähl mir
etwas, was du machst da droben und was der Großvater macht, ich habe
ihn früher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit manchem Jahr nichts
mehr gehört von ihm als durch den Peter, aber der sagt nicht viel.«
Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine Tränen
weg und sagte tröstlich: »Wart nur, Großmutter, ich will alles dem
Großvater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht, dass die
Hütte nicht zusammenfällt, er kann alles wieder in Ordnung machen.«
Die Großmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit großer
Lebendigkeit zu erzählen von seinem Leben mit dem Großvater und von
den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem
Großvater, was er alles aus Holz machen könne, Bänke und Stühle und
schöne Krippen, wo man für das Schwänli und Bärli das Heu hineinlegen
könnte, und einen neuen großen Wassertrog zum Baden im Sommer, und ein
neues Milchschüsselchen und Löffel, und Heidi wurde immer eifriger im
Beschreiben all der schönen Sachen, die so auf einmal aus einem Stück
Holz herauskommen, und wie es dann neben dem Großvater stehe und ihm
zuschaue und wie es das alles auch einmal machen wolle. Die Großmutter
hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie
dazwischen: »Hörst du's auch, Brigitte? Hörst du, was es vom Öhi
sagt?«
Mit einem Mal wurde die Erzählung unterbrochen durch ein großes
Gepolter an der Tür, und herein stampfte der Peter, blieb aber
sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz
erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die
allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: »Guten Abend,
Peter!«
»Ist denn das möglich, dass der schon aus der Schule kommt«, rief die
Großmutter ganz verwundert aus. »So geschwind ist mir seit manchem
Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit
dem Lesen?«
»Gleich«, gab der Peter zur Antwort.
»So, so«, sagte die Großmutter ein wenig seufzend, »ich habe gedacht,
es gäbe vielleicht eine Änderung auf die Zeit, wenn du dann zwölf
Jahre alt wirst gegen den Hornung hin.«
»Warum muss es eine Änderung geben, Großmutter?«, fragte Heidi gleich
mit Interesse.
»Ich meine nur, dass er es etwa noch hätte lernen können«, sagte die
Großmutter, »das Lesen mein ich. Ich habe dort oben auf dem Gestell
ein altes Gebetbuch, da sind schöne Lieder drin, die habe ich so lange
nicht mehr gehört, und im Gedächtnis habe ich sie auch nicht mehr; da
habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne, so könne er mir
etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht lernen, es ist ihm zu
schwer.«
»Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel«,
sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt hatte;
»der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's merkte.«
Nun sprang Heidi von seinem Stühlchen auf, streckte eilig seine Hand
aus und sagte: »Gut Nacht, Großmutter, ich muss auf der Stelle heim,
wenn es dunkel wird«, und hintereinander bot es dem Peter und seiner
Mutter die Hand und ging der Tür zu. Aber die Großmutter rief besorgt:
»Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort, der Peter muss
mit dir, hörst du? Und gib Acht auf das Kind, Peterli, dass es nicht
umfällt, und steh nicht still mit ihm, dass es nicht friert, hörst du?
Hat es auch ein dickes Halstuch an?«
»Ich habe gar kein Halstuch an«, rief Heidi zurück, »aber ich will
schon nicht frieren«; damit war es zur Tür hinaus und huschte so
behend weiter, dass der Peter kaum nachkam. Aber die Großmutter rief
jammernd: »Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja erfrieren,
so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!« Die Brigitte
gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar Schritte den Berg
hinan getan, so sahen sie von oben herunter den Großvater kommen, und
mit wenigen rüstigen Schritten stand er vor ihnen.
»Recht so, Heidi, Wort gehalten!«, sagte er, packte das Kind wieder
fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg
hinauf. Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das Kind
wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rückweg angetreten
hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die Hütte ein und erzählte der
Großmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte. Auch diese musste
sich sehr verwundern und ein Mal über das andere sagen: »Gott Lob und
Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn er es nur
auch wieder zu mir lässt, das Kind hat mir so wohl gemacht! Was hat es
für ein gutes Herz und wie kann es so kurzweilig erzählen!« Und immer
wieder freute sich die Großmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte
sie immer wieder: »Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt habe ich doch
noch etwas auf der Welt, auf das ich mich freuen kann!« Und die
Brigitte stimmte jedes Mal ein, wenn die Großmutter wieder dasselbe
sagte, und auch der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und
zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnüglichkeit und sagte: »Hab's
schon gewusst.«
Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den
Großvater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen
Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er:
»Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's.«
Sobald er nun, oben angekommen, in seine Hütte eingetreten war und
Heidi aus seiner Hülle herausgeschält hatte, sagte es: »Großvater,
morgen müssen wir den Hammer und die großen Nägel mitnehmen und den
Laden festschlagen bei der Großmutter und sonst noch viele Nägel
einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr.«
»Müssen wir? So, das müssen wir? Wer hat dir das gesagt?«, fragte der
Großvater.
»Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiß es sonst«, entgegnete Heidi,
»denn es hält alles nicht mehr fest und es ist der Großmutter angst
und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so tut, und sie
denkt: >Jetzt fällt alles ein und gerade auf unsere Köpfe<; und der
Großmutter kann man gar nicht mehr hell machen, sie weiß gar nicht,
wie man es könnte, aber du kannst es schon, Großvater; denk nur, wie
traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch
angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen als du! Morgen
wollen wir gehen und ihr helfen; gelt, Großvater, wir wollen?«
Heidi hatte sich an den Großvater angeklammert und schaute mit
zweifellosem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine Welle
auf das Kind nieder, dann sagte er: »Ja, Heidi, wir wollen machen,
dass es nicht mehr so klappert bei der Großmutter, das können wir;
morgen tun wir's.«
Nun hüpfte das Kind vor Freude im ganzen Hüttenraum herum und rief ein
Mal ums andere: »Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!«
Der Großvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgeführt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte
das Kind vor der Tür der Geißenpeter-Hütte nieder und sagte: »Nun geh
hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder.« Dann legte er den Sack
auf den Schlitten und ging um das Häuschen herum.
Kaum hatte Heidi die Tür aufgemacht und war in die Stube
hineingesprungen, so rief schon die Großmutter aus der Ecke: »Da kommt
das Kind! Das ist das Kind!«, und ließ vor Freude den Faden los und
das Rädchen stehen und streckte beide Hände nach dem Kinde aus. Heidi
lief zu ihr, rückte gleich das niedere Stühlchen ganz nahe an sie
heran, setzte sich darauf und hatte der Großmutter schon wieder eine
große Menge von Dingen zu erzählen und von ihr zu erfragen. Aber auf
einmal ertönten so gewaltige Schläge an das Haus, dass die Großmutter
vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie fast das Spinnrad umwarf, und
zitternd ausrief: »Ach du mein Gott, jetzt kommt's, es fällt alles
zusammen!« Aber Heidi hielt sie fest um den Arm und sagte tröstend:
»Nein, nein, Großmutter, erschrick du nur nicht, das ist der Großvater
mit dem Hammer, jetzt macht er alles fest, dass es dir nicht mehr
angst und bang wird.«
»Ach, ist auch das möglich! Ist auch so etwas möglich! So hat uns doch
der liebe Gott nicht ganz vergessen!«, rief die Großmutter aus. »Hast
du's gehört, Brigitte, was es ist, hörst du's? Wahrhaftig, es ist ein
Hammer! Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Öhi ist, so sag ihm,
er soll doch dann auch einen Augenblick hereinkommen, dass ich ihm
auch danken kann.«
Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Öhi mit großer Gewalt
neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und sagte: »Ich
wünsche Euch guten Abend, Öhi, und die Mutter auch, und wir haben
Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut, und die Mutter
möchte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher, es hätte uns das
nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran denken, denn sicher
-«
»Macht's kurz«, unterbrach sie der Alte hier; »was Ihr vom Alm-Öhi
haltet, weiß ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find ich
selber.«
Brigitte gehorchte sogleich, denn der Öhi hatte eine Art, der man
sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und hämmerte um das ganze
Häuschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis unter
das Dach, hämmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten Nagel
eingeschlagen, den er mitgebracht hatte. Unterdessen war auch schon
die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er heruntergestiegen und
hatte seinen Schlitten hinter dem Geißenstall hervorgezogen, als auch
schon Heidi aus der Tür trat und vom Großvater wie gestern verpackt
auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde, denn allein
da drauf sitzend, wäre die ganze Umhüllung vom Heidi abgefallen, und
es wäre fast oder ganz erfroren. Das wusste der Großvater wohl und
hielt das Kind ganz warm in seinem Arm.
So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden
Großmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage
waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte
sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen konnte. Vom frühen
Morgen an lauschte sie auch schon auf den trippelnden Schritt, und
ging dann die Tür auf und das Kind kam wirklich dahergesprungen, dann
rief sie jedes Mal in lauter Freude: »Gottlob! Da kommt's wieder!«
Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzählte so lustig von
allem, was es wusste, dass es der Großmutter ganz wohl machte und ihr
die Stunden dahingingen, sie merkte es nicht, und kein einziges Mal
fragte sie mehr so wie früher: »Brigitte, ist der Tag noch nicht um?«,
sondern jedes Mal, wenn Heidi die Tür hinter sich schloss, sagte sie:
»Wie war doch der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?«
Und diese sagte: »Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller
vom Essen weggestellt.« Und die Großmutter sagte wieder: »Wenn mir nur
der Herrgott das Kind erhält und dem Alm-Öhi den guten Willen! Sieht
es auch gesund aus, Brigitte?« Und jedes Mal erwiderte diese: »Es
sieht aus wie ein Erdbeerapfel.«
Heidi hatte auch eine große Anhänglichkeit an die alte Großmutter, und
wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch der
Großvater nicht mehr hell machen konnte, überkam es immer wieder eine
große Betrübnis; aber die Großmutter sagte ihm immer wieder, dass sie
am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und Heidi kam auch an
jedem schönen Wintertag heruntergefahren auf seinem Schlitten. Der
Großvater hatte, ohne weitere Worte, so fortgefahren, hatte jedes
Mal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen
Nachmittag durch an dem Geißenpeter-Häuschen herumgeklopft. Das hatte
aber auch seine gute Wirkung; es krachte und klapperte nicht mehr die
ganzen Nächte durch, und die Großmutter sagte, so habe sie manchen
Winter lang nicht mehr schlafen können, das wolle sie auch dem Öhi nie
vergessen.
Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat
Schnell war der Winter und noch schneller der fröhliche Sommer darauf
vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu.
Heidi war glücklich und froh wie die Vöglein des Himmels und freute
sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frühlingstage, da der warme
Föhn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen würde und dann
die helle Sonne die blauen und gelben Blümlein hervorlocken und die
Tage der Weide kommen würden, die für Heidi das Schönste mit sich
brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi stand nun in seinem
achten Jahre; es hatte vom Großvater allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit
den Geißen wusste es so gut umzugehen als nur einer, und Schwänli und
Bärli liefen ihm nach wie treue Hündlein und meckerten gleich laut vor
Freude, wenn sie nur seine Stimme hörten. In diesem Winter hatte Peter
schon zweimal vom Schullehrer im Dörfli den Bericht gebracht, der
Alm-Öhi solle das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken,
es habe schon mehr als das Alter und hätte schon im letzten Winter
kommen sollen. Der Öhi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen,
wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke
er nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig
überbracht.
Als die Märzsonne den Schnee an den Abhängen geschmolzen hatte und
überall die weißen Schneeglöckchen hervorguckten im Tal und auf der
Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschüttelt hatten und die Äste
wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her
von der Haustür zum Geißenstall und von da unter die Tannen und dann
wieder hinein zum Großvater, um ihm zu berichten, wie viel größer das
Stück grüner Boden unter den Bäumen wieder geworden sei, und gleich
nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht erwarten,
dass alles wieder grün wurde und der ganze schöne Sommer mit Grün und
Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.
Als Heidi so am sonnigen Märzmorgen hin und her rannte und jetzt wohl
zum zehnten Mal über die Türschwelle sprang, wäre es vor Schrecken
fast rückwärts wieder hineingefallen, denn auf einmal stand es vor
einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft anblickte. Als
er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich: »Du musst nicht
erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib mir die Hand! Du
wirst das Heidi sein; wo ist der Großvater?«
»Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Löffel von Holz«, erklärte Heidi
und machte nun die Tür wieder auf.
Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli, der den Öhi vor Jahren
gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war.
Er trat in die Hütte ein, ging auf den Alten zu, der sich über sein
Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: »Guten Morgen, Nachbar.«
Verwundert schaute dieser in die Höhe, stand dann auf und entgegnete:
»Guten Morgen dem Herrn Pfarrer.« Dann stellte er seinen Stuhl vor den
Herrn hin und fuhr fort: »Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht
scheut, hier ist einer.«
Der Herr Pfarrer setzte sich. »Ich habe Euch lange nicht gesehen,
Nachbar«, sagte er dann.
»Ich den Herrn Pfarrer auch nicht«, war die Antwort.