zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die
Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den
ausgestreckten Peter hin und schaute um sich. Das Tal lag weit
unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein großes, weites
Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und
links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder Seite
derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Bläue
hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder.
Das Kind saß mäuschenstill da und schaute ringsum, und weit umher
war eine große, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise ging der Wind
über die zarten, blauen Glockenblümchen und die goldnen, strahlenden
Cystusröschen, die überall herumstanden auf ihren dünnen Stängelchen
und leise und fröhlich hin und her nickten. Der Peter war entschlafen
nach seiner Anstrengung, und die Geißen kletterten oben an den Büschen
umher. Dem Heidi war es so schön zumute, wie in seinem Leben noch
nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lüfte, den
zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so
dazubleiben immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft
und so lange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut, dass es nun
war, als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz
bekannt zu ihm hernieder, so wie gute Freunde.
Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krächzen
ertönen, und wie es aufschaute, kreiste über ihm ein so großer Vogel,
wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten
Schwingen in der Luft umher, und in großen Bogen kehrte er immer
wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidis Kopf.
»Peter! Peter! Erwache!«, rief Heidi laut. »Sich, der Raubvogel ist
da, sieh! Sieh!«
Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der
sich nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelsblau und endlich
über grauen Felsen verschwand.
»Wo ist er jetzt hin?«, fragte Heidi, das mit gespannter
Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.
»Heim ins Nest«, war Peters Antwort.
»Ist er dort oben daheim? Oh, wie schön so hoch oben! Warum schreit er
so?«, fragte Heidi weiter.
»Weil er muss«, erklärte Peter.
»Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist«,
schlug Heidi vor.
»Oh! oh! oh!«, brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstärkter
Missbilligung hervorstoßend; »wenn keine Geiß mehr dorthin kann und
der Öhi gesagt hat, du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen.«
Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und
Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte;
aber die Geißen mussten die Töne verstehen, denn eine nach der anderen
kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der grünen
Halde versammelt, die einen fortnagend an den würzigen Halmen, die
anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig gegeneinander
stoßend mit ihren Hörnern zum Zeitvertreib. Heidi war aufgesprungen
und rannte mitten unter den Geißen umher, denn das war ihm ein neuer,
unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Tierlein durcheinander
sprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum
anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft, denn
jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine
eigenen Manieren. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und
alle vier Stücke, die drin waren, schön auf den Boden hingelegt in ein
Viereck, die großen Stücke auf Heidis Seite und die kleinen auf die
seinige hin, denn er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann
nahm er das Schüsselchen und melkte schöne, frische Milch hinein vom
Schwänli und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck. Dann rief er
Heidi herbei, musste aber länger rufen als nach den Geißen, denn das
Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und
Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah und
nichts hörte außer diesen. Aber Peter wusste sich verständlich zu
machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdröhnte, und nun
erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, dass es um
sie herumhüpfte vor Wohlgefallen.
»Hör auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen«, sagte Peter, »jetzt sitz
und fang an.«
Heidi setzte sich hin. »Ist die Milch mein?«, fragte es, nochmals
das schöne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen
betrachtend.
»Ja«, erwiderte Peter, »und die zwei großen Stücke zum Essen sind auch
dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schüsselchen
vom Schwänli und dann komm ich.«
»Und von wem bekommst du die Milch?«, wollte Heidi wissen.
»Von meiner Geiß, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an«, mahnte
Peter wieder. Heidi fing bei seiner Milch an, und sowie es sein leeres
Schüsselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei.
Dazu brach Heidi ein Stück von seinem Brot ab, und das ganze übrige
Stück, das immer noch größer war, als Peters eigenes Stück gewesen,
das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war, reichte es diesem hinüber
mit dem ganzen großen Brocken Käse und sagte: »Das kannst du haben,
ich habe nun genug.«
Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch
nie in seinem Leben hätte er so sagen und etwas weggeben können. Er
zögerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass es
dem Heidi ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stücke hin, und
da Peter nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie. Nun sah er, dass
es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk, nickte in Dank und
Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl wie noch nie
in seinem Leben als Geißbub. Heidi schaute derweilen nach den Geißen
aus. »Wie heißen sie alle, Peter?«, fragte es.
Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in seinem
Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing
also an und nannte ohne Anstoß eine nach der anderen, immer je mit
dem Finger die betreffende bezeichnend. Heidi hörte mit gespannter
Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es währte gar nicht lange, so
konnte es sie alle voneinander unterscheiden und jede bei ihrem Namen
nennen, denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten, die einem gleich
im Sinne bleiben mussten; man musste nur allen genau zusehen, und das
tat Heidi. Da war der große Türk mit den starken Hörnern, der wollte
mit diesen immer gegen alle anderen stoßen, und die meisten liefen
davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden
wissen. Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behände Geißchen, wich
ihm nicht aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal
hintereinander so rasch und tüchtig gegen ihn an, dass der große
Türk öfters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der
Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hörnchen.
Da war das kleine, weiße Schneehöppli, das immer so eindringlich und
flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen
war und es tröstend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das
Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder
flehentlich gerufen. Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geißleins
und fragte ganz teilnehmend: »Was hast du, Schneehöppli? Warum rufst
du so um Hilfe?« Das Geißlein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll
an Heidi an und war jetzt ganz still. Peter rief von seinem Sitz aus,
mit einigen Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beißen und zu
schlucken: »Es tut so, weil die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben
sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf
die Alm.«
»Wer ist die Alte?«, fragte Heidi zurück.
»Pah, seine Mutter«, war die Antwort.
»Wo ist die Großmutter?«, rief Heidi wieder.
»Hat keine.«
»Und der Großvater?«
»Hat keinen.«
»Du armes Schneehöppli du«, sagte Heidi und drückte das Tierlein
zärtlich an sich. »Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du,
ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen,
und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen.«
Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt seinen Kopf an Heidis Schulter und
meckerte nicht mehr kläglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl
beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran,
das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte.
Weitaus die zwei schönsten und saubersten Geißen der ganzen Schar
waren Schwänli und Bärli, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit
betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem
zudringlichen Türk abweisend und verächtlich begegneten. -
Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Büschen
hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen
leichtfertig über alles weg hüpfend, die anderen bedächtlich die guten
Kräutlein suchend unterwegs, der Türk hier und da seine Angriffe
probierend. Schwänli und Bärli kletterten hübsch und leicht hinan und
fanden oben sogleich die schönsten Büsche, stellten sich geschickt
daran auf und nagten sie zierlich ab. Heidi stand mit den Händen auf
dem Rücken und schaute dem allen mit der größten Aufmerksamkeit zu.
»Peter«, bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden, »die
schönsten von allen sind das Schwänli und das Bärli.«
»Weiß schon«, war die Antwort. »Der Alm-Öhi putzt und wäscht sie und
gibt ihnen Salz und hat den schönsten Stall.«
Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in großen Sprüngen den
Geißen nach, und das Heidi lief hintendrein; da musste etwas begegnet
sein, es konnte da nicht zurückbleiben. Der Peter sprang durch den
Geißenrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen schroff und
kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geißlein, wenn es dorthin
ging, leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen konnte. Er hatte
gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehüpft
war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang das Geißlein dem
Rande des Abgrundes zu. Peter wollte es eben packen, da stürzte er
auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins
erwischen und es daran festhalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn
und Überraschung, dass er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen
seines fröhlichen Streifzuges gehindert war, und strebte eigensinnig
vorwärts. Der Peter schrie nach Heidi, dass es ihm beistehe, denn er
konnte nicht aufstehen und riss dem Distelfink fast das Bein aus.
Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden.
Es riss schnell einige wohlduftende Kräuter aus dem Boden und hielt
sie dem Distelfink unter die Nase und sagte begütigend:
»Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernünftig sein! Sieh, da
kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar
weh.«
Das Geißlein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnüglich
die Kräuter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf seine
Füße gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, an
welcher sein Glöckchen um den Hals gebunden war, und Heidi erfasste
diese von der anderen Seite, und so führten die beiden den Ausreißer
zu der friedlich weidenden Herde zurück. Als ihn aber Peter hier
in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe
tüchtig durchprügeln, und der Distelfink wich scheu zurück, denn er
merkte, was begegnen sollte. Aber Heidi schrie laut auf: »Nein, Peter,
nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh, wie er sich fürchtet!«
»Er verdient's«, schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi
fiel ihm in den Arm und rief ganz entrüstet: »Du darfst ihm nichts
tun, es tut ihm weh, lass ihn los!«
Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze Augen
ihn so anfunkelten, dass er unwillkürlich seine Rute niederhielt. »So
kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von deinem Käse gibst«, sagte
dann der Peter nachgebend, denn eine Entschädigung wollte er haben für
den Schrecken.
»Allen kannst du haben, das ganze Stück morgen und alle Tage, ich
brauche ihn gar nicht«, sagte Heidi zustimmend, »und Brot gebe ich dir
auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink nie, gar
nie schlagen und auch das Schneehöppli nie und gar keine Geiß.«
»Es ist mir gleich«, bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als
eine Zusage. Jetzt ließ er den Schuldigen los, und der fröhliche
Distelfink sprang in hohen Sprüngen auf und davon in die Herde hinein.
-
So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im
Begriff, weit drüben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi saß
wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blauglöckchen und die
Cystusröschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und alles
Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen an zu
schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi auf und schrie:
»Peter! Peter! Es brennt! Es brennt! Alle Berge brennen und der große
Schnee drüben brennt und der Himmel. O sieh! Sieh! Der hohe Felsenberg
ist ganz glühend! Oh, der schöne, feurige Schnee! Peter, sieh auf,
sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel! Sieh doch die Felsen! Sieh
die Tannen! Alles, alles ist im Feuer!«
»Es war immer so«, sagte jetzt der Peter gemütlich und schälte an
seiner Rute fort, »aber es ist kein Feuer.«
»Was ist es denn?«, rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, dass
es überallhin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so schön
war's auf allen Seiten. »Was ist es, Peter, was ist es?«, rief Heidi
wieder.
»Es kommt von selbst so«, erklärte Peter.
»O sieh, sieh«, rief Heidi in großer Aufregung, »auf einmal werden sie
rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, spitzigen
Felsen! Wie heißen sie, Peter?«
»Berge heißen nicht«, erwiderte dieser.
»O wie schön, sieh den rosenroten Schnee! Oh, und an den Felsen oben
sind viele, viele Rosen! Oh, nun werden sie grau! Oh! Oh! Nun ist
alles ausgelöscht! Nun ist alles aus, Peter!« Und Heidi setzte sich
auf den Boden und sah so verstört aus, als ginge wirklich alles zu
Ende.
»Es ist morgen wieder so«, erklärte Peter. »Steh auf, nun müssen wir
heim.«
Die Geißen wurden herbeigepfiffen und -gerufen und die Heimfahrt
angetreten.
»Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide sind?«,
fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend,
als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg.
»Meistens«, gab dieser zur Antwort.
»Aber gewiss morgen wieder?«, wollte es noch wissen.
»Ja, ja, morgen schon!«, versicherte Peter.
Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindrücke in sich
aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es nun
ganz stillschwieg, bis es bei der Almhütte ankam und den Großvater
unter den Tannen sitzen sah, wo er auch eine Bank angebracht hatte und
am Abend seine Geißen erwartete, die von dieser Seite herunterkämen.
Heidi sprang gleich auf ihn zu und Schwänli und Bärli hinter ihm
drein, denn die Geißen kannten ihren Herrn und ihren Stall. Der Peter
rief dem Heidi nach: »Komm dann morgen wieder! Gute Nacht!« Denn es
war ihm sehr daran gelegen, dass das Heidi wiederkomme.
Da rannte das Heidi schnell wieder zurück und gab dem Peter die Hand
und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang es
mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal
das Schneehöppli um den Hals und sagte vertraulich: »Schlaf wohl,
Schneehöppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass du
nie mehr so jämmerlich meckern musst.«
Das Schneehöppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und
sprang dann fröhlich der Herde nach.
Heidi kam unter die Tannen zurück.
»O Großvater, das war so schön!«, rief es, noch bevor es bei ihm war.
»Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen,
und sieh, was ich hier bringe!« Und damit schüttete Heidi seinen
ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schürzchen vor den Großvater
hin. Aber wie sahen die armen Blümchen aus! Heidi erkannte sie nicht
mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziges Kelchlein stand mehr
offen.
»O Großvater, was haben sie?«, rief Heidi ganz erschrocken aus. »So
waren sie nicht, warum sehen sie so aus?«
»Die wollen draußen stehen in der Sonne und nicht ins Schürzchen
hinein«, sagte der Großvater.
»Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Großvater, warum hat
der Raubvogel so gekrächzt?«, fragte Heidi nun angelegentlich.
»Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und
nachher kommen wir hinein zusammen in die Hütte und essen zu Nacht,
dann sag ich dir's.«
So wurde getan, und wie nun später Heidi auf seinem hohen Stuhl saß
vor seinem Milchschüsselchen und der Großvater neben ihm, da kam das
Kind gleich wieder mit seiner Frage: »Warum krächzt der Raubvogel so
und schreit immer so herunter, Großvater?«
»Der höhnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele zusammensitzen
in den Dörfern und einander bös machen. Da höhnt er hinunter: >Würdet
ihr auseinander gehen und jedes seinen Weg und auf eine Höhe steigen
wie ich, so wär's euch wohler!<« Der Großvater sagte diese Worte fast
wild, so dass dem Heidi das Gekrächz des Raubvogels dadurch noch
eindrücklicher wurde in der Erinnerung.
»Warum haben die Berge keinen Namen, Großvater?«, fragte Heidi wieder.
»Die haben Namen«, erwiderte dieser, »und wenn du mir einen so
beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er
heißt.«
Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Türmen genau so,
wie es ihn gesehen hatte, und der Großvater sagte wohlgefällig: »Recht
so, den kenn ich, der heißt Falknis. Hast du noch einen gesehen?«
Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem großen Schneefeld, auf dem der
ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war
und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand.
»Den erkenn ich auch«, sagte der Großvater, »das ist die Schesaplana;
so hat es dir gefallen auf der Weide?«
Nun erzählte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schön es gewesen, und
besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Großvater auch
sagen, woher es gekommen war, denn der Peter hätte nichts davon
gewusst.
»Siehst du«, erklärte der Großvater, »das macht die Sonne, wenn sie
den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre schönsten
Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am Morgen
wiederkommt.«
Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder
ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder sehen,
wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte. Aber erst musste es nun
schlafen gehen, und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf
seinem Heulager, und träumte von lauter schimmernden Bergen und roten
Rosen darauf und mittendrin das Schneehöppli in fröhlichen Sprüngen.
Bei der Großmutter
Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter
und die Geißen, und wieder zogen sie alle miteinander nach der Weide
hinauf, und so ging es Tag für Tag, und Heidi wurde bei diesem
Weideleben ganz gebräunt und so kräftig und gesund, dass ihm gar nie
etwas fehlte, und so froh und glücklich lebte Heidi von einem Tag
zum anderen, wie nur die lustigen Vögelein leben auf allen Bäumen im
grünen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind lauter zu sausen
anfing über die Berge hin, dann sagte etwa der Großvater: »Heut
bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist, kann der Wind mit
einem Ruck über alle Felsen ins Tal hinabwehen.«
Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr unglücklich
aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor
Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm
war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann waren die
Geißen so störrig an diesen Tagen, dass er die doppelte Mühe mit ihnen
hatte; denn die waren nun auch so an Heidis Gesellschaft gewöhnt, dass
sie nicht vorwärts wollten, wenn es nicht dabei war, und auf alle
Seiten rannten. Heidi wurde niemals unglücklich, denn es sah immer
irgendetwas Erfreuliches vor sich. Am liebsten ging es schon mit Hirt
und Geißen auf die Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so
mannigfaltige Dinge zu erleben waren mit all den verschieden gearteten
Geißen; aber auch das Hämmern und Sägen und Zimmern des Großvaters
war sehr unterhaltend für Heidi; und traf es sich, dass er gerade
die schönen runden Geißkäschen zubereitete, wenn es daheim bleiben
musste, so war das ein ganz besonderes Vergnügen, dieser merkwürdigen
Tätigkeit zuzuschauen, wobei der Großvater beide Arme bloß machte und
damit in dem großen Kessel herumrührte. Aber vor allem anziehend war
für das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei
alten Tannen hinter der Hütte. Da musste es immer von Zeit zu Zeit
hinlaufen von allem anderen weg, was es auch sein mochte, denn so
schön und wunderbar war gar nichts wie dieses tiefe, geheimnisvolle
Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten und lauschte
hinauf und konnte niemals genug bekommen, zu sehen und zu hören, wie
das wehte und wogte und rauschte in den Bäumen mit großer Macht. Jetzt
gab die Sonne nicht mehr heiß wie im Sommer, und Heidi suchte seine
Strümpfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn nun wurde es
immer frischer, und wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es
durchblasen wie ein dünnes Blättlein, aber es lief doch immer wieder
hin und konnte nicht in der Hütte bleiben, wenn es das Windeswehen
vernahm.
Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hände, wenn er früh
am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel über Nacht
ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm schneeweiß und kein
einziges grünes Blättlein mehr zu sehen ringsum und um. Da kam der
Geißenpeter nicht mehr mit seiner Herde, und Heidi schaute ganz
verwundert durch das kleine Fenster, denn nun fing es wieder zu
schneien an, und die dicken Flocken fielen fort und fort, bis der
Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster hinaufreichte, und dann
noch höher, dass man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und
man ganz verpackt war in dem Häuschen. Das kam dem Heidi so lustig
vor, dass es immer von einem Fenster zum anderen rannte, um zu sehen,
wie es denn noch werden wollte und ob der Schnee noch die ganze Hütte
zudecken wollte, dass man müsste ein Licht anzünden am hellen Tag. Es
kam aber nicht so weit, und am anderen Tag ging der Großvater hinaus -
denn nun schneite es nicht mehr - und schaufelte ums ganze Haus herum
und warf große, große Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier
ein Berg und dort ein Berg und dort ein Berg um die Hütte herum; aber
nun waren die Fenster wieder frei und auch die Tür, und das war gut,
denn als am Nachmittag Heidi und der Großvater am Feuer saßen, jedes
auf seinem Dreifuß - denn der Großvater hatte längst auch einen für
das Kind gezimmert -, da polterte auf einmal etwas heran und schlug
immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tür auf. Es
war der Geißenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tür
gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen, die
hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von
Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so
durchkämpfen müssen, dass ganze Massen an ihm hängen geblieben und auf
ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt. Aber er hatte nicht
nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es jetzt acht
Tage lang nicht gesehen.
»Guten Abend«, sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah als
möglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein ganzes
Gesicht lachte vor Vergnügen, dass er da war. Heidi schaute ihn sehr
verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es überall an ihm
zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war wie ein gelinder
Wasserfall.
»Nun, General, wie steht's?«, sagte jetzt der Großvater. »Nun bist du
ohne Armee und musst am Griffel nagen.«
»Warum muss er am Griffel nagen, Großvater?«, fragte Heidi sogleich
mit Wissbegierde.
»Im Winter muss er in die Schule gehen«, erklärte der Großvater;
»da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da
hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr,
General?«
»Ja, 's ist wahr«, bestätigte Peter.
Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte
sehr viele Fragen über die Schule und alles, was da begegnete und zu
hören und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer viel
Zeit verfloss über einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen musste,
so konnte er derweilen schön trocknen von oben bis unten. Es war immer
eine große Anstrengung für ihn, seine Vorstellungen in die Worte
zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal hatte er's
besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort zustande gebracht,
so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen
zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen Satz als Antwort
erforderten.