4. Prospero und Pan.

Das herrliche Lustspiel "Der Sturm" enthält nach der jüngsten Bacon-

Theorie ein Gemenge naturgeschichtlicher Lehren von den Winden, den

Mißgeburten und Anderem, wozu der naturphilosophische Mythus vom P a n

kommt, wie Bacon denselben auffaßt und deutet.

Ein solches Gemenge zerstört schon die erste Bedingung eines Dramas,

nämlich die sinnvolle Einheit der Handlung. Man nimmt uns das

Lustspiel und servirt uns ein Simmelsammelsurium, eine Hexensuppe, die

kein dichterischer Kopf ersinnen und kein gesunder Geschmack vertragen

kann.

[Fußnote: Ebendaselbst S. 7-8. Bacon vermißt und fordert eine

«_historia praetergenerationum_». _Praetergenerationes_ sind

nicht "Zwischenformen", sondern Mißgeburten, d. h. Zeugungen, die nach

Aristoteles nicht [griechisch: katà] sondern [griechisch: parà physin]

geschehen, was durch das lateinische oder unlateinische Wort

«_praetergenerationes_» ausgedrückt wird. Zwischenformen sind

Uebergangsformen, aber nicht Monstra. Caliban und Ariel im Sturm sind

keine "Zwischenformen", auch keine natürlichen Mißbildungen

(_praetergenerationes_), denn sie gehören nicht in die Natur,

sondern in die Märchenwelt: Caliban als Ungeheuer, Ariel als

Elementargeist.

Ich benutze die Anmerkung, um Einiges anzuführen, das in den Text

aufzunehmen ich nicht für nöthig gehalten.

Der Vertreter der jüngsten Bacon-Theorie hat von den "36

philosophischen Dramen" nur vier nach seiner Art erörtert: den

"Sturm", "Hamlet", "Verlorene Liebesmüh'", worin die Lehre vom Licht

und den Leuchtstoffen dramatisch vorgetragen sei, und die Tragödie des

"Lear", als in welcher Bacon die Lehre von den Geschäften nach seinen

Erläuterungen Salomonischer Sprüche dramatisirt habe. Das Thema der

Historien oder Königsdramen seien astronomische und meteorologische

Lehren; in den Gestalten der Könige, Vasallen, gefallenen Größen

erscheinen die Sonnen, Planeten, Monde, Sternschnuppen u.s.f.

In der Lehre von den Geschäften wird auch der zerstreuten

Mannichfaltigkeit der Anlässe zu allerhand Geschäften gedacht. Bacon

bezeichnet diese zerstreute Mannichfaltigkeit als «_sparsae

occasiones_» und erklärt seinen Ausdruck durch «_universa

negotiorum varietas_». Der Vertreter der jüngsten Bacon-Theorie

übersetzt «_sparsae occasiones_» durch "Zerrüttete Geschäfte" und

erinnert auch daran, wie der nächtliche Sturm die Haare Lears

auseinanderwehe und zerstreue (_crines sparsi_)! S. Bormann, S.

111, 155 (Anmerkung).]

In Prospero habe Bacon den Mythus um Pan dramatisirt: Pan repräsentire

das All, Prospero sei in allen Dingen wohlerfahren; jener ist behaart,

dieser hat einen langen Bart; der eine trage einen Königsmantel, der

andere einen Zaubermantel, Pan sei der Führer, also der Herzog

tanzender Nymphen, Prospero sei der Herzog von Mailand, jener errege

plötzlichen Schrecken, dieser Sturm u.s.f.

Dazu kommt noch, daß in der Folio der Sturm an e r s t e r Stelle

steht, und in dem zweiten Buch der Baconischen Encyklopädie, wo

beispielsweise drei Mythen erörtert werden sollen, der Mythus vom Pan

auch an e r s t e r Stelle steht. Welcher tiefe innere Zusammenhang!

Man braucht nur den "Schluß der drei Taugenichtse" auf Prospero und

Pan anzuwenden, so ist ihre Identität einleuchtend, denn beide sind

behaart, beide haben Mäntel u.s.f. [Fußnote: Vgl. oben die

Parallelstellen zwischen Bacons Heinrich VII. und Shakespeares Richard

III., zwischen Bacon und dem Kaufmann von Venedig, zwischen dem Promus

und Romeo und Julia.]

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 33 / 42 题