Nach der allerjüngsten Bacon-Theorie soll Bacon gelehrt haben: daß das
parabolische oder allegorische, insbesondere naturphilosophische Drama
die höchste Gattung der Poesie sei. Diese Behauptung aber, in welcher
die jüngste Bacon-Theorie hängt, wie die Thür in der Angel, ist von
Grund aus falsch, und ich bin verwundert gewesen, daß unter der
beträchtlichen Anzahl von Schriften darüber, die mir zu Gesicht
gekommen sind, nur eine war, welche diese fundamentale Täuschung
gemerkt hat. [Fußnote: Ebendaselbst S. 4-7. W. Brandes: Ueber das
Shakespeare-Geheimniß. Westermanns Illustr. deutsche Monatshefte. Oct.
1894. S. 123-125.]
In Wahrheit hat Bacon gelehrt, daß der menschliche Geist in seinem
Innern die Welt abbilde, und zwar kraft seiner Vermögen (des
Gedächtnisses, der Einbildungskraft und der Vernunft) auf dreifache
Art: das Abbild der Thatsachen oder Begebenheiten sei die
Weltbeschreibung oder G e s c h i c h t e, das der Ursachen oder
Gesetze sei die W i s s e n s c h a f t aber vernunftgemäße Erfahrung
(was man heute in Frankreich und England "positive Philosophie"
nennt), das Abbild der Geschichte vermöge unserer Einbildungskraft,
dieses imaginäre oder phantasiegemäße Abbild sei die P o e s i e.
Diese selbst ist wiederum dreifacher Art, da sie die Geschichte
entweder in vergangenen Begebenheiten erzählt oder in gegenwärtigen
Handlungen vorführt oder endlich als bedeutungsvolle Vorgänge
darstellt: die erste Art der Poesie ist episch, die zweite dramatisch,
die dritte parabolisch, wie die Gleichnisse, Fabeln und Mythen, die
halb zur Veranschaulichung, halb zur Verhüllung moralischer und
religiöser Wahrheiten dienen.
Es ist, beiläufig gesagt, höchst charakteristisch, daß Bacon die
Poesie nur als W e l t a b b i l d gelten ließ, daß er die lyrische
Gattung, die Darstellung des eigenen Innern, die Herzensergießungen,
die Sprache des Eros davon ausschloß und nicht zur Poesie, sondern zur
Rhetorik gerechnet hat. Glaubt man wirklich, daß dieser Mann ein
Dichter sein konnte, daß er der Dichter von "Romeo und Julia", daß er
Shakespeare war!?
Da wir im Traum Dinge für wirklich halten, die nur imaginär sind, so
hat Bacon von der Poesie, diesem imaginären Abbilde der Welt, einmal
gesagt, daß sie gleichsam ein Traum der Wissenschaft sei (_tanquam
scientiae somnium_); er hat die Poesie ganz im Sinne der
Renaissance als eine Art weniger der Wissenschaft als der
Gelehrsamkeit und der gelehrten Bildung (_genus doctrinae_)
betrachtet, ohne welche poetische Werke weder zu machen noch zu
verstehen sind.
Das durchgängige Thema aller Arten der Poesie ist nach Bacon die G e s
c h i c h t e (_historia_). Wenn er von der parabolischen Poesie
als einer sinnbildlichen Geschichte (_historia cum typo_) sagt,
daß dieselbe unter den übrigen Arten hervorrage (_inter reliquas
eminet_), so hat er damit nicht den poetischen Werth, sondern den r
e l i g i ö s e n Charakter der allegorischen Dichtung hervorheben
wollen. [Fußnote: _De dignitate et augmentis scientiarum Lib. II,
cp. XIII. Works I, p. 520_.]
Es ist ihm nicht in den Sinn gekommen, die Arten der Poesie abzustufen
oder dem Range nach zu ordnen: der epischen Poesie die dramatische,
beiden aber die parabolische überzuordnen; es hat ihm noch weniger in
den Sinn kommen können, nunmehr die dramatische und parabolische
Poesie zu combiniren und das p a r a b o l i s c h e D r a m a für
die höchste Gattung der Poesie zu erklären. [Fußnote: Bormann, S. 7.]
Eine solche Art der Anordnung und Abstufung kommt mir vor, als ob
jemand das Militär in Soldaten zu Fuß, zu Pferde und zur See
eintheilen, dann seiner Liebhaberei gemäß den Soldaten zu Fuß die zu
Pferde und zur See vorziehen oder überordnen, endlich die beiden
höheren Arten combiniren und nunmehr d i e R e i t e r z u r S e e
für die höchste Gattung des Militärs erklären wollte! Genau so läßt
die jüngste Bacon-Theorie in der Lehre Bacons die parabolischen und
naturphilosophischen Dramen entstehen.
Der Begriff naturphilosophischer Dramen ist nicht bloß völlig
unbaconisch, er ist auch in der Theorie und Geschichte der Dichtkunst
völlig unbekannt. Was Erzählungen und Dramen, was Gleichnisse und
Fabeln sind, weiß jeder; was naturphilosophische Dramen sind, weiß
niemand. Die ersten Beispiele derselben hat auch zufolge der jüngsten
Bacon-Theorie erst Bacon in den 36 Dramen der Folio geliefert.
Wenn eine Untersuchung zu Resultaten führt, die ihre Unmöglichkeit
offen zur Schau tragen, so hat sie die Probe geliefert und abgelegt,
daß sie falsch ist und in der Irre. Machen wir die Probe.
3. Der Anfang des ersten Hamlet-Monologs als das _non plus ultra_
naturwissenschaftlicher Dichtung.
Der "Hamlet" repräsentirt ein naturphilosophisches Drama, worin Bacon
seine Lehre vom menschlichen Körper und dessen Lebensgeist, von
Gesundheit und Krankheit, von Leben und Tod und noch vielem Anderen
dargelegt haben soll. Hier hat die jüngste Bacon-Theorie sogleich zwei
Zeilen entdeckt, die nach ihrer wörtlichen Aussage "zu den am meisten
mit Naturwissenschaft durchtränkten gehören, die je ein Dichter
geschrieben habe". [Fußnote: Ebendaselbst S. 47.]
Diese zwei Zeilen sind die Anfangsworte des ersten Hamlet-Monologs:
"O, schmelze doch dies allzufeste Fleisch, zerging' und löst' in einen
Thau sich auf!" In diesen Worten werden wir auf das anschaulichste
über die drei Aggregatzustände der Körper belehrt: den festen,
flüssigen und gasförmigen, wobei der Thau (_dew_) zu den Gasen
gerechnet wird! Hamlet wolle sich auflösen und in das Weltall
verflüchtigen. Gleich daraus nennt er die Welt "einen wüsten Garten,
den Unkraut gänzlich erfüllt". Und doch will er Luft werden, um das
Unkraut zu nähren? Dies die allerneueste Art, die Räthsel des "Hamlet"
zu lösen, nicht auf physiologischem, sondern nunmehr auf chemischem
Wege!
Nachdem ich diese Probe kennen gelernt, halte ich das
naturphilosophische Drama nicht blos für unbaconisch und unerhört,
sondern auch für unvernünftig und sinnlos.