Mit der zunehmenden Würdigung der Werke Shakespeares ist in der
begeisterten Anerkennung der Welt die Größe und Herrlichkeit dieses
Dichters ins Unermeßliche gewachsen und hat eine Höhe erreicht, die
über das Maß der litterarischen Vergleichungen weit hinausragt. Sobald
aber einmal die superlativen Schätzungen Mode werden, bleiben auch die
maßlosen Ueberschätzungen nicht aus. Die Grenze zwischen dem
Enthusiasmus und der Manie, ich meine zwischen der Begeisterung und
der Narrheit, wird überschritten, und der Kritik gegenüber erhebt sich
nun die U n k r i t i k, die auch ihren Gipfel haben will.
Darf ich es offen sagen, daß von diesen Ueberschätzungen ins Blaue,
von diesen Steigerungen Shakespeares ins Uebermenschliche und Absolute
auch die deutsche Betrachtungsart nicht immer frei geblieben ist, auch
nicht in einigen ihrer bedeutenden und nennenswerthen Repräsentanten;
habe ich doch noch jüngst aus schätzenswerther Feder lesen müssen, daß
ein einziger Vers in "Romeo und Julia" mehr werth sei, als alle
Philosophie der Welt, nach welcher Schätzung man der Amme Juliettas
einen Altar errichten müßte, um die Werke Platos und Kants darauf zu
opfern!
Aber der eigentliche Typus und Gipfel der Unkritik ist nicht in
Deutschland, sondern jenseits des Oceans ausgemacht worden: diesem
Gipfel ist die Bacon-Theorie mit allen ihr zugehörigen Mythen
entquollen. Man muß nur hören, was in den Büchern der Nathanael
Holmes, Appelton Morgan u. a. zu lesen steht, um sich diesen
Chimborasso von Dunst vorzustellen, in den sie die Werke Shakespeares
verwandelt haben.
Da heißt es: "Wir scheuen uns nicht, mit unserer Verehrung des
Verfassers der Werke Shakespeares die Grenzen des Götzendienstes zu
überschreiten.--Er war im vollsten Besitz sowohl aller vor seiner Zeit
vorhandenen Gelehrsamkeit, als auch alles seitdem angesammelten
Wissens; die ganze Kunde der Vergangenheit, wie der unbeschränkte
Zugang zu den Geheimnissen, die noch im Schoße der Zeit verschlossen
waren, stand ihm zu Gebot; er besaß alles philosophische,
astronomische, physikalische, chemische, geologische, historische,
classische und sonstige Wissen. Dieser unermeßlich begabte Geist
(_myriad-minded genius_), vertraut, wie er war, mit der ganzen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist aus die Erde gekommen, um
der Führer und das zweite Evangelium der Menschheit zu werden." So
sagt wörtlich der Richter Nath. Holmes, der in die Fußstapfen der Ms.
Delia Bacon trat und der eigentliche Begründer der Bacon-Theorie
wurde. "Wenn alle Künste und Wissenschaften verloren gingen und nichts
übrig bliebe als die Werke Shakespeares, so würde man jene aus diesen
wiederherstellen können." So sagt wörtlich der Advocat A. Morgan.
[Fußnote: A. Morgan: Der Shakespeare-Mythus und die Autorschaft der
Shakespeare-Dramen. Autorisirte deutsche Bearbeitung von Karl Müller-
Mylius. (Brockhaus 1885), S. 17-18, 37 bis 38, 40, S. 59, 64, S. 133,
136, 166, 168-171, 198, 208.]
Demnach war der Verfasser der Werke Shakespeares nicht blos das
ausbündigste aller Genies, nicht blos ein nie dagewesener Übermensch,
sondern ein absolutes Wunder, eine unerklärliche, geheimnißvolle,
mysteriöse Erscheinung in der Geschichte der Menschheit. Siehe da das
Shakespeare-Mysterium!
Und eine solche universelle Weisheit in voller Rüstung, wie die
Minerva aus dem Haupte Jupiters, soll aus dem Gehirn des Warwickshirer
Bauern, des Stratforder Fleischers geboren sein? Je ungeheuerlicher
das Shakespeare-Mysterium, um so unbegreiflicher die Autorschaft des
William Shakespeare. Siehe da der Shakespeare-Mythus! "Ich bin einer
von den vielen", sagt Dr. Furneß, "welche nie im Stande gewesen sind,
das Leben William Shakespeares und die Dramen Shakespeares innerhalb
des Raumes einer Planetenbahn einander nahe zu bringen. Es giebt in
der Welt nicht zwei mit einander weniger verträgliche Dinge."
Wenn man den Verfasser der Werke Shakespeares zum Gott heraufschraubt
und den William Shakespeare aus Stratford zu einem Menschen
herabwürdigt, der in seiner Jugend nicht viel besser war als ein S t r
o l c h, in seinen späteren Jahren aber ein geriebener Theateragent,
ein schnöder Geldmensch, ein harter Gläubiger und Wucherer wurde,--nun
ja, dann sind alle die natürlichen Fäden zerrissen, die den Verfasser
mit seinen Werken verknüpfen; dann schweben die Werke Shakespeares in
der Luft, dann sind sie vacant, ihr Verfasser wird gesucht, die
Erfinder der Bacon-Theorie geben sich für die ehrlichen Finder und
verlangen ihren Lohn. Sie haben einen allwissenden und allmächtigen
Bacon erfunden, der nicht blos den Shakespeare, sondern nach Donnellys
Geheimschrift auch den Marlowe und nach Mrs. Windle auch den Montaigne
geschrieben hat. Nun ist Auction! Wer bietet mehr? Ein jüngst
erschienenes englisches Buch bietet, wohl um die Auction zu parodiren,
das meiste: es läßt Bacon seinem Entzifferer bekennen, daß er nicht
blos Shakespeare und Marlowe, sondern auch Robert Green, George Peel
und alle Werke von Edmund Spenser verfaßt habe.
Dieser allwissende Verfasser der Shakespeare-Werke habe unter anderem
schon die Entdeckungen gekannt, die erst nach seinem Tode gemacht
wurden. So versichert A. Morgan und nennt als die beiden
vorzüglichsten Beispiele Harveys Lehre von der Herzthätigkeit und
Newtons Lehre von der Gravitation: er habe jene durch den Menenius im
"Coriolan", diese durch die Cressida in "Troilus und Cressida"
verkündet. Aber die Fabel des Menenius steht schon im Livius, und
handelt ja nicht von der Thätigkeit des Herzens, sondern von der des
Magens. Und wenn die treulose Cressida ihre Anziehungskraft auf alle
Männer mit dem festen Mittelpunkt der Erde vergleicht, so muß man eine
sonderbare Vorstellung von Newtons Astronomie und Gravitationslehre
haben, um sie in "dem f e s t e n Mittelpunkt der Erde"
wiederzuerkennen.
Und jener allwissende Mann sollte Bacon sein, dem es zum Vorwurfe
gereicht, daß er den königlichen Leibarzt Harvey nicht zu würdigen
gewußt, den deutschen Astronomen Kepler, seinen Zeitgenossen, und
dessen Entdeckungen nicht gekannt, die Entdeckungen aber des
Kopernikus und des Galilei verworfen und zu jenen Idolen oder
Irrthümern gerechnet habe, die aus dem Bestreben nach falschen
Vereinfachungen hervorgehen?
Wie kommt der allwissende Bacon zu allen jenen groben geographischen
und historischen Irrthümern, die man von jeher dem unwissenden
Shakespeare zur Last gelegt hat? Was die bekannten, zum Ueberdruß
aufgezählten Anachronismen betrifft, die Anführung des Aristoteles im
Trojanischen Krieg, die Trommeln im Coriolan, die Schlaguhr im Cäsar,
die Kanonen im König Johann, die Löwen und Schlangen in den Ardennen
u.s.f., so bleiben sie auf der Rechnung Shakespeares stehen, der als
Regisseur aus Unwissenheit und Effecthascherei solche Dinge in die
Stücke hineinprakticirt habe; wogegen die Reise zu Schiff von Verona
nach Mailand in den "Beiden Edelleuten von Verona" und die
Meeresküsten Böhmens im "Wintermärchen" zu jenen wunderbaren
Einsichten gehören, die den Verfasser der Werke Shakespeares vor allen
andern Sterblichen auszeichnen; denn es habe vor Zeiten einen Canal
zwischen Verona und Mailand und böhmische Besitzungen am Adriatischen
Meere gegeben, welche wiederzuentdecken nur der Magus vermocht habe,
der die Shakespeare-Dramen gedichtet.
Daß der Verfasser dieser Werke ein Gott war, ist das erste Phantom;
daß William Shakespeare ein unwissendes und schlechtes Subject war,
ist das zweite; daß Bacon ein allwissender Philosoph und ein
allmächtiger Dichter war, ist das dritte: die Summe dieser drei
Phantome heißt "Bacon-Theorie": sie besteht, wie ein amerikanisches
Blatt schon vor Jahren gesagt hat, indem es auf einen schönen
Ausspruch Prosperos anspielt, aus dem Zeug, woraus unsere Träume
gemacht sind.