IX. DER GIPFEL DER UNKRITIK.

Mit der zunehmenden Würdigung der Werke Shakespeares ist in der

begeisterten Anerkennung der Welt die Größe und Herrlichkeit dieses

Dichters ins Unermeßliche gewachsen und hat eine Höhe erreicht, die

über das Maß der litterarischen Vergleichungen weit hinausragt. Sobald

aber einmal die superlativen Schätzungen Mode werden, bleiben auch die

maßlosen Ueberschätzungen nicht aus. Die Grenze zwischen dem

Enthusiasmus und der Manie, ich meine zwischen der Begeisterung und

der Narrheit, wird überschritten, und der Kritik gegenüber erhebt sich

nun die U n k r i t i k, die auch ihren Gipfel haben will.

Darf ich es offen sagen, daß von diesen Ueberschätzungen ins Blaue,

von diesen Steigerungen Shakespeares ins Uebermenschliche und Absolute

auch die deutsche Betrachtungsart nicht immer frei geblieben ist, auch

nicht in einigen ihrer bedeutenden und nennenswerthen Repräsentanten;

habe ich doch noch jüngst aus schätzenswerther Feder lesen müssen, daß

ein einziger Vers in "Romeo und Julia" mehr werth sei, als alle

Philosophie der Welt, nach welcher Schätzung man der Amme Juliettas

einen Altar errichten müßte, um die Werke Platos und Kants darauf zu

opfern!

Aber der eigentliche Typus und Gipfel der Unkritik ist nicht in

Deutschland, sondern jenseits des Oceans ausgemacht worden: diesem

Gipfel ist die Bacon-Theorie mit allen ihr zugehörigen Mythen

entquollen. Man muß nur hören, was in den Büchern der Nathanael

Holmes, Appelton Morgan u. a. zu lesen steht, um sich diesen

Chimborasso von Dunst vorzustellen, in den sie die Werke Shakespeares

verwandelt haben.

Da heißt es: "Wir scheuen uns nicht, mit unserer Verehrung des

Verfassers der Werke Shakespeares die Grenzen des Götzendienstes zu

überschreiten.--Er war im vollsten Besitz sowohl aller vor seiner Zeit

vorhandenen Gelehrsamkeit, als auch alles seitdem angesammelten

Wissens; die ganze Kunde der Vergangenheit, wie der unbeschränkte

Zugang zu den Geheimnissen, die noch im Schoße der Zeit verschlossen

waren, stand ihm zu Gebot; er besaß alles philosophische,

astronomische, physikalische, chemische, geologische, historische,

classische und sonstige Wissen. Dieser unermeßlich begabte Geist

(_myriad-minded genius_), vertraut, wie er war, mit der ganzen

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist aus die Erde gekommen, um

der Führer und das zweite Evangelium der Menschheit zu werden." So

sagt wörtlich der Richter Nath. Holmes, der in die Fußstapfen der Ms.

Delia Bacon trat und der eigentliche Begründer der Bacon-Theorie

wurde. "Wenn alle Künste und Wissenschaften verloren gingen und nichts

übrig bliebe als die Werke Shakespeares, so würde man jene aus diesen

wiederherstellen können." So sagt wörtlich der Advocat A. Morgan.

[Fußnote: A. Morgan: Der Shakespeare-Mythus und die Autorschaft der

Shakespeare-Dramen. Autorisirte deutsche Bearbeitung von Karl Müller-

Mylius. (Brockhaus 1885), S. 17-18, 37 bis 38, 40, S. 59, 64, S. 133,

136, 166, 168-171, 198, 208.]

Demnach war der Verfasser der Werke Shakespeares nicht blos das

ausbündigste aller Genies, nicht blos ein nie dagewesener Übermensch,

sondern ein absolutes Wunder, eine unerklärliche, geheimnißvolle,

mysteriöse Erscheinung in der Geschichte der Menschheit. Siehe da das

Shakespeare-Mysterium!

Und eine solche universelle Weisheit in voller Rüstung, wie die

Minerva aus dem Haupte Jupiters, soll aus dem Gehirn des Warwickshirer

Bauern, des Stratforder Fleischers geboren sein? Je ungeheuerlicher

das Shakespeare-Mysterium, um so unbegreiflicher die Autorschaft des

William Shakespeare. Siehe da der Shakespeare-Mythus! "Ich bin einer

von den vielen", sagt Dr. Furneß, "welche nie im Stande gewesen sind,

das Leben William Shakespeares und die Dramen Shakespeares innerhalb

des Raumes einer Planetenbahn einander nahe zu bringen. Es giebt in

der Welt nicht zwei mit einander weniger verträgliche Dinge."

Wenn man den Verfasser der Werke Shakespeares zum Gott heraufschraubt

und den William Shakespeare aus Stratford zu einem Menschen

herabwürdigt, der in seiner Jugend nicht viel besser war als ein S t r

o l c h, in seinen späteren Jahren aber ein geriebener Theateragent,

ein schnöder Geldmensch, ein harter Gläubiger und Wucherer wurde,--nun

ja, dann sind alle die natürlichen Fäden zerrissen, die den Verfasser

mit seinen Werken verknüpfen; dann schweben die Werke Shakespeares in

der Luft, dann sind sie vacant, ihr Verfasser wird gesucht, die

Erfinder der Bacon-Theorie geben sich für die ehrlichen Finder und

verlangen ihren Lohn. Sie haben einen allwissenden und allmächtigen

Bacon erfunden, der nicht blos den Shakespeare, sondern nach Donnellys

Geheimschrift auch den Marlowe und nach Mrs. Windle auch den Montaigne

geschrieben hat. Nun ist Auction! Wer bietet mehr? Ein jüngst

erschienenes englisches Buch bietet, wohl um die Auction zu parodiren,

das meiste: es läßt Bacon seinem Entzifferer bekennen, daß er nicht

blos Shakespeare und Marlowe, sondern auch Robert Green, George Peel

und alle Werke von Edmund Spenser verfaßt habe.

Dieser allwissende Verfasser der Shakespeare-Werke habe unter anderem

schon die Entdeckungen gekannt, die erst nach seinem Tode gemacht

wurden. So versichert A. Morgan und nennt als die beiden

vorzüglichsten Beispiele Harveys Lehre von der Herzthätigkeit und

Newtons Lehre von der Gravitation: er habe jene durch den Menenius im

"Coriolan", diese durch die Cressida in "Troilus und Cressida"

verkündet. Aber die Fabel des Menenius steht schon im Livius, und

handelt ja nicht von der Thätigkeit des Herzens, sondern von der des

Magens. Und wenn die treulose Cressida ihre Anziehungskraft auf alle

Männer mit dem festen Mittelpunkt der Erde vergleicht, so muß man eine

sonderbare Vorstellung von Newtons Astronomie und Gravitationslehre

haben, um sie in "dem f e s t e n Mittelpunkt der Erde"

wiederzuerkennen.

Und jener allwissende Mann sollte Bacon sein, dem es zum Vorwurfe

gereicht, daß er den königlichen Leibarzt Harvey nicht zu würdigen

gewußt, den deutschen Astronomen Kepler, seinen Zeitgenossen, und

dessen Entdeckungen nicht gekannt, die Entdeckungen aber des

Kopernikus und des Galilei verworfen und zu jenen Idolen oder

Irrthümern gerechnet habe, die aus dem Bestreben nach falschen

Vereinfachungen hervorgehen?

Wie kommt der allwissende Bacon zu allen jenen groben geographischen

und historischen Irrthümern, die man von jeher dem unwissenden

Shakespeare zur Last gelegt hat? Was die bekannten, zum Ueberdruß

aufgezählten Anachronismen betrifft, die Anführung des Aristoteles im

Trojanischen Krieg, die Trommeln im Coriolan, die Schlaguhr im Cäsar,

die Kanonen im König Johann, die Löwen und Schlangen in den Ardennen

u.s.f., so bleiben sie auf der Rechnung Shakespeares stehen, der als

Regisseur aus Unwissenheit und Effecthascherei solche Dinge in die

Stücke hineinprakticirt habe; wogegen die Reise zu Schiff von Verona

nach Mailand in den "Beiden Edelleuten von Verona" und die

Meeresküsten Böhmens im "Wintermärchen" zu jenen wunderbaren

Einsichten gehören, die den Verfasser der Werke Shakespeares vor allen

andern Sterblichen auszeichnen; denn es habe vor Zeiten einen Canal

zwischen Verona und Mailand und böhmische Besitzungen am Adriatischen

Meere gegeben, welche wiederzuentdecken nur der Magus vermocht habe,

der die Shakespeare-Dramen gedichtet.

Daß der Verfasser dieser Werke ein Gott war, ist das erste Phantom;

daß William Shakespeare ein unwissendes und schlechtes Subject war,

ist das zweite; daß Bacon ein allwissender Philosoph und ein

allmächtiger Dichter war, ist das dritte: die Summe dieser drei

Phantome heißt "Bacon-Theorie": sie besteht, wie ein amerikanisches

Blatt schon vor Jahren gesagt hat, indem es auf einen schönen

Ausspruch Prosperos anspielt, aus dem Zeug, woraus unsere Träume

gemacht sind.

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 34 / 42 题