XIV. Ssaschenka[13] und Nadjenka.

Ins Zimmer trat ein noch sehr junger Mann, der etwa neunzehn Jahre

zählen mochte, vielleicht sogar noch weniger – so jungenhaft wirkte sein

hübsches und höchst selbstbewußt dreinschauendes Gesicht. Er war nicht

schlecht gekleidet; wenigstens saß alles vortrefflich. Von Wuchs war er

über Mittelgröße; sein schwarzes weiches Haar und seine großen,

dreisten, dunklen Augen fielen an ihm am meisten auf. Nur die Nase war

etwas breit und aufgestülpt, sonst wäre er ein geradezu schöner junger

Mensch gewesen. Er trat sehr stolz ein.

„Ich habe wohl Gelegenheit, mit Herrn Trussozkij zu sprechen,“ begann er

gemessen, indem er das Wort „Gelegenheit“ ersichtlich mit besonderem

Vergnügen betonte, womit er wohl zu verstehen geben wollte, daß ein

Gespräch mit Herrn Trussozkij ihm weder eine Ehre, noch ein Vergnügen

sein könne.

Weltschaninoff begann zu begreifen, und auch Pawel Pawlowitsch schien

bereits die Hauptsache zu erraten. In seinem Gesicht drückte sich eine

gewisse Unruhe aus; übrigens hielt er sich tadellos.

„Da ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen,“ entgegnete er würdevoll,

„nehme ich an, daß ich mit Ihnen auch nichts zu erörtern haben kann.“

„Hören Sie zuerst, und dann sagen Sie Ihre Meinung,“ versetzte der junge

Mann selbstbewußt und in zurechtweisendem Tone, worauf er seinen an

einer Schnur hängenden Kneifer hob und die Champagnerflasche auf dem

Tisch zu mustern begann. Als er die Musterung beendet hatte, klappte er

den Kneifer ruhig wieder zusammen und wandte sich von neuem Pawel

Pawlowitsch zu:

„Alexandr Loboff.“

„Was ist das, ‚Alexandr Loboff‘?“

„Das bin ich. Haben Sie den Namen noch nicht gehört?“

„Nein.“

„Übrigens, wie sollten Sie auch! Ich komme in einer wichtigen

Angelegenheit, die Sie – namentlich Sie angeht. Erlauben Sie, daß ich

mich einstweilen setze, ich bin müde ...“

„Nehmen Sie Platz,“ sagte Weltschaninoff, doch der junge Mann hatte sich

bereits vor der Aufforderung niedergelassen.

Weltschaninoff begann sich, trotz wachsender Schmerzen unter der Brust,

für diesen unverschämten Bengel zu interessieren. In seinem hübschen,

frischen Jungengesicht war etwas, was ihn an Nadjä erinnerte, –

vielleicht bestand sogar eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen?

„Auch Sie könnten sich setzen,“ schlug der junge Mann Pawel Pawlowitsch

vor, indem er mit einem nachlässigen Kopfnicken nach einem Stuhl

deutete.

„Ich ziehe vor, zu stehen.“

„Sie werden müde werden. Sie, Herr Weltschaninoff, können, wenn Sie

wollen, auch hierbleiben.“

„Sie scheinen zu vergessen, daß ich hier zu Hause bin.“

„Wie Sie wollen. Und offen gestanden, ich wünsche es sogar, daß Sie bei

meiner Auseinandersetzung mit diesem Herrn zugegen sind. Nadeschda

Fedossejewna hat Sie mir in ziemlich schmeichelhafter Weise empfohlen.“

„So? Wann hat sie denn dazu Zeit gehabt?“

„Sogleich nach Ihrer Abfahrt, ich komme doch von dort! Also, Herr

Trussozkij,“ wandte er sich wieder diesem zu, der immer noch stand,

„wir, das heißt, ich und Nadeschda Fedossejewna,“ fuhr er fort, in

nachlässiger Pose im Lehnstuhl sitzend – – und ebenso nachlässig, wie er

saß, sprach er auch die Worte aus, mit eingezogenem Mundwinkel und kaum

sich bewegenden Lippen –, „wir lieben uns schon lange und haben uns

miteinander verlobt. Sie sind nun als Hindernis zwischen uns getreten:

deshalb bin ich hergekommen, um Sie aufzufordern, das Feld zu räumen.

Sagen Sie mir also kurz, ob Sie gewillt sind, meiner Aufforderung

nachzukommen?“

Pawel Pawlowitsch erbleichte und zuckte ein wenig zurück, doch schon im

nächsten Augenblick lächelte er boshaft.

„Nein, dazu bin ich durchaus nicht gewillt,“ versetzte er lakonisch.

„So!“ Der Jüngling rückte ein wenig auf dem Stuhl und schlug ein Bein

über das andere.

„Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind,“ fuhr Pawel Pawlowitsch fort, „und

ich denke, daß unsere Unterredung hiermit beendet sein dürfte.“

Bei diesen Worten sah er sich nach einem Stuhl um und setzte sich.

„Ich sagte Ihnen ja, Sie würden müde werden,“ bemerkte der Jüngling

nachlässig. „Ich hatte soeben Gelegenheit, Ihnen mitzuteilen, daß ich

Loboff heiße und daß ich mich mit Nadeschda Fedossejewna verlobt habe –

folglich können Sie nicht sagen, wie Sie es soeben taten, daß Sie nicht

wüßten, wer ich bin; desgleichen können Sie nicht aufrichtig der Meinung

sein, daß unsere Unterredung hiermit beendet wäre: ganz abgesehen von

mir, handelt es sich hier um Nadeschda Fedossejewna, der Sie sich jetzt

in einer so frechen Weise aufdrängen. Schon das allein wäre eine

genügende Veranlassung zu einer Unterredung.“

Diese ganze Rede hielt er mit geckenhafter Nachlässigkeit, kaum daß er

sich die Mühe gab, die Worte zur Not gerade noch verständlich

auszusprechen; zwischendurch hatte er sogar wieder den Kneifer vor die

Augen gehalten und, während er sprach, irgendeinen Gegenstand im Zimmer

fixiert.

„Erlauben Sie, junger Mann ...“ fuhr Pawel Pawlowitsch gereizt auf, doch

der „junge Mann“ trumpfte ihn sogleich ab, noch bevor er seinen

unvorsichtig begonnenen Satz zu Ende sprechen konnte.

„Zu jeder anderen Zeit würde ich es mir von Ihnen natürlich sogleich

verbitten, mich mit ‚junger Mann‘ anzureden, doch hier ist es mir

insoweit ganz angenehm, als meine Jugend, wie Sie selbst zugeben werden,

in diesem Fall gerade mein größter Vorzug vor Ihnen ist, wie Sie zum

Beispiel heute bei der Überreichung Ihres Armbandes zweifellos sehr gern

ein wenig jünger gewesen wären.“

„So ein Frechdachs!“ dachte Weltschaninoff.

„Jedenfalls, werter Herr,“ verbesserte sich Pawel Pawlowitsch kühl,

„kann ich die von Ihnen betonten Gründe – die wohl nichts weniger als

anständig sind und auch recht zweifelhaft zu sein scheinen – nicht als

derartig empfinden, daß mir eine weitere Verhandlung mit Ihnen notwendig

erschiene. Ich sehe, daß es sich hier nur um einen kindischen Einfall

handelt; morgen noch werde ich mich von Fedossei Ssemjonowitsch über den

Sachverhalt aufklären lassen, jetzt aber bitte ich Sie, uns nicht weiter

zu belästigen.“

„Sehen Sie den Charakter dieses Menschen!“ rief der Jüngling

aufgebracht, indem er sich sogleich an Weltschaninoff wandte und

natürlich aus dem Ton fiel. „Es ist ihm nicht genug, daß man ihn von

dort hinausjagt, sich über ihn lustig macht und ihm eine lange Nase

zeigt – er will uns morgen noch dem Alten verraten! Beweisen Sie denn

damit nicht sonnenklar, Sie gemeiner Mensch, daß Sie das Mädchen mit

Gewalt nehmen wollen: daß Sie sie von kindisch gewordenen alten

Menschen, denen nur infolge der barbarischen Zustände unserer

Gesellschaft die schmählichste Machtvollkommenheit über das junge

Mädchen zugesprochen wird, – daß Sie sie von ihnen einfach kaufen

wollen? Sie hat es Ihnen doch deutlich gezeigt, daß sie Sie verachtet!

Ihnen ist doch Ihr unanständiges Geschenk, Ihr Armband, bereits

zurückgegeben worden! Was wollen Sie denn noch?“

„Niemand hat mir mein Armband zurückgegeben, es wäre das auch ganz

unmöglich!“ sagte Pawel Pawlowitsch, war aber doch sehr betroffen.

„Wieso unmöglich? Hat Herr Weltschaninoff es Ihnen denn noch nicht

zurückgegeben?“

„Teufel, da haben wir die Bescherung!“ verwünschte ihn Weltschaninoff.

„In der Tat,“ sagte er dann ... wie sich besinnend, und runzelte die

Stirn, „Nadeschda Fedossejewna hat mich vorhin beauftragt, Ihnen, Pawel

Pawlowitsch, dieses Etui einzuhändigen. Ich wollte es natürlich nicht

übernehmen, aber sie bat mich so ... hier ist es ... Es tut mir leid,

daß ...“

Er legte, ersichtlich peinlich berührt, das Etui auf den Tisch neben

Pawel Pawlowitsch, der ihn ganz starr ansah.

„Warum haben Sie es ihm nicht früher zurückgegeben?“ unterbrach ihn der

junge Mann in strengem Tone.

„Ich werde wohl noch keine Zeit dazu gehabt haben,“ entgegnete

Weltschaninoff ärgerlich.

„Sonderbar.“

„Wa–as?“

„Zum mindesten sonderbar: das werden Sie wohl selbst zugeben, daß hier

tatsächlich ein – Versehen vorliegt.“

Weltschaninoff hatte wieder die größte Lust, sogleich aufzustehen und

den Bengel gründlich an den Ohren zu nehmen. Doch plötzlich konnte er

sich nicht bezwingen und brach in schallendes Gelächter aus. Der

Jüngling mußte mitlachen. Nicht so Pawel Pawlowitsch: hätte

Weltschaninoff den Blick bemerkt, der ihn traf, als er über den

„Frechdachs“ zu lachen begann, dann hätte er begriffen, daß in diesem

Menschen etwas Geheimnisvolles vor sich ging ... So begriff

Weltschaninoff nur – der den Blick nicht bemerkt hatte – daß er Pawel

Pawlowitsch wenigstens beistehen mußte.

„Hören Sie mal, Herr Loboff,“ wandte er sich in freundschaftlichem Tone

an den Jüngling, „ich will, ohne auf die übrigen Gründe näher

einzugehen, da ich sie überhaupt nicht berühren möchte, Sie nur darauf

aufmerksam machen, daß Pawel Pawlowitsch, wenn man ihn als Bewerber um

Nadeschda Fedossejewna mit Ihnen vergleicht, jedenfalls sehr

schwerwiegende Vorzüge hat: erstens sind die Eltern mit ihm gut bekannt,

sie wissen, wer und was er ist; zweitens nimmt er in der Gesellschaft

sowohl wie im Staatsdienst eine vorzügliche Stellung ein, und drittens

besitzt er ein Vermögen, folglich ist es nur natürlich, daß er sich über

einen Nebenbuhler, wie Sie – nun, sagen wir: wundert. Denn, wenn Sie als

Mensch vielleicht noch so viele Vorzüge haben, so sind Sie doch dermaßen

jung, daß er Sie wahrlich nicht als ernst zu nehmenden Bewerber

betrachten kann ... und deshalb hat er wohl recht, wenn er Sie bittet,

die zwecklose Unterredung zu beenden.“

„Was heißt das ‚noch dermaßen jung‘? Ich bin seit weit mehr als einem

Monat neunzehn Jahre alt. Nach dem Gesetz kann ich folglich schon längst

heiraten. Da haben Sie’s!“

„Aber welcher Vater wird sich denn entschließen können, Ihnen seine

Tochter anzuvertrauen – und sollten Sie auch in Zukunft mehrfacher

Millionär oder sonst so ein Wohltäter der Menschheit werden! Ein

Neunzehnjähriger kann nicht einmal für sich selbst die volle

Verantwortung tragen, und da wollen Sie noch die Verantwortung für ein

fremdes Menschenleben auf Ihr Gewissen nehmen, das heißt die Zukunft

eines ebensolchen Kindes, wie Sie selbst eins sind! Das ist doch wohl

auch nicht ganz ehrenhaft, was meinen Sie? Ich habe mir diese

Meinungsäußerung nur erlaubt, weil Sie sich vorhin selbst an mich, wie

an einen Vermittler zwischen Ihnen und Pawel Pawlowitsch, wandten.“

„Ach ja richtig, er heißt ja Pawel Pawlowitsch!“ bemerkte der Jüngling,

„wie kam es nur, daß es mir die ganze Zeit schien, er heiße Wassilij

Petrowitsch? Also,“ wandte er sich wieder an Weltschaninoff, „Sie haben

mich nicht im geringsten überrascht: ich wußte, daß Sie nicht anders

sein konnten, als die anderen, – sie sind ja doch alle gleich! Es

wundert mich nur, daß man mir von Ihnen als von einem einigermaßen

aufgeklärten Menschen gesprochen hat. Übrigens kommt das nicht in

Betracht, denn die Sache ist einfach die, daß es hier meinerseits nichts

‚Unehrenhaftes‘ – wie der Ausdruck ja wohl lautete, den zu gebrauchen

Sie sich erlaubten – gibt, sondern ganz im Gegenteil, daß es sich um

etwas sehr Ehrenhaftes handelt, was ich Ihnen sogleich erklären und

verständlich machen zu können hoffe. Wir haben uns also – erstens:

verlobt, und außerdem habe ich ihr in Gegenwart von zwei Zeugen

feierlich versprochen, daß ich ihr, sobald sie einen anderen

liebgewinnen oder einfach nur bereuen sollte, mich geheiratet zu haben,

sogleich eine schriftliche Erklärung geben würde, in der ich mich des

Ehebruchs schuldig bekenne, um damit vor der betreffenden Behörde ihr

Scheidungsgesuch zu unterstützen. Doch das ist noch nicht alles: für den

Fall, daß ich nachträglich meinen Entschluß ändern und mich weigern

sollte, ihr besagte schriftliche Erklärung einzuhändigen, gebe ich ihr

zu ihrer Sicherstellung am Hochzeitstage und noch vor der Trauung einen

Wechsel über hunderttausend Rubel auf meinen Namen, so daß sie in dem

Falle, wenn ich jene schriftliche Erklärung verweigere, diesen Wechsel

sogleich zur Einlösung einer Bank übergeben kann – und damit hat sie

mich in der Hand! – verstehen Sie? So ist denn alles sichergestellt, und

nach solchen Erklärungen werden Sie mir nicht mehr sagen können, daß ich

ein fremdes Leben auf mein Gewissen nehme. Nun, das wäre also erstens.“

„Ich wette, das hat jener – wie hieß er doch? – Predpossyloff

ausgedacht!“ rief Weltschaninoff aus.

„Hehehe!“ grinste Pawel Pawlowitsch boshaft.

„Worüber lacht dieser Herr? – Ja, Sie haben es erraten: es ist wirklich

ein Gedanke von Predpossyloff – und das können Sie doch nicht leugnen,

daß er gut ist. Das unsinnige Gesetz ist auf diese Weise vollständig

lahmgelegt. Selbstverständlich habe ich die Absicht, sie immer zu lieben

– sie lacht selbst furchtbar über den Einfall, – aber es ist doch

immerhin geschickt ersonnen: das werden Sie mir jetzt zugeben müssen –

und auch das, daß es ehrenhaft und edel gehandelt ist, und daß nicht ein

jeder sich zu so etwas entschließen wird!“

„Ich finde, das es nicht nur keineswegs ehrenhaft, sondern sogar recht

ekelhaft ist.“

Der junge Mann zuckte nur die Achseln. „Sie setzen mich wiederum nicht

im geringsten in Erstaunen,“ bemerkte er nach kurzem Schweigen, „so

etwas hat schon seit gar zu langer Zeit seine Neuheit für mich verloren.

Predpossyloff würde Ihnen einfach sagen, daß dieses Ihr Unvermögen, die

natürlichsten Dinge zu begreifen, nur auf die Entartung Ihrer Gefühle

und Ihres Begriffsvermögens zurückzuführen ist, – und zwar infolge Ihres

blödsinnigen Lebens und Ihres ewigen Müßigganges. Übrigens verstehen wir

uns wohl noch nicht: man hat Sie mir allerdings anders geschildert ...

Sie sind schon in den Fünfzigern?“

„Bleiben Sie gefälligst bei der Sache.“

„Verzeihen Sie meine Indiskretion – ich fragte ohne besondere Absicht.

Also – ich fahre fort: ich bin durchaus kein zukünftiger ‚mehrfacher

Millionär‘, wie Ihr Ausdruck lautete (was Menschen doch für Einfälle

haben!). Was ich bin und was ich habe, das sehen Sie hier vor sich, doch

dafür bin ich meiner Zukunft vollkommen sicher. Ein Held und Wohltäter

für Fremde werde ich nicht werden, aber mich und meine Frau werde ich

ernähren! Allerdings habe ich jetzt noch nichts, und ich bin ja sogar in

ihrem Hause erzogen worden, von Kindheit an ...“

„Wie das?“

„Ganz einfach, da ich der Sohn eines entfernten Verwandten von Frau

Sachlebinin bin: als meine Eltern starben und mich als Achtjährigen

zurückließen, da nahm mich der Alte zu sich und steckte mich in ein

Gymnasium. Dieser Mensch nämlich ist sogar gut, wenn Sie es wissen

wollen ...“

„Ich weiß es.“

„Nur ist er für unsere Zeit schon gar zu rückständig. Übrigens ist er

wirklich gut. Jetzt habe ich mich natürlich schon längst von seiner

Vormundschaft befreit, da ich mir selbst meinen Lebensunterhalt

verdienen und niemandem als mir verpflichtet sein will.“

„Seit wann sind Sie denn nicht mehr unter seiner Vormundschaft?“ fragte

Weltschaninoff.

„O, schon lange! fast seit ganzen vier Monaten!“

„Nun ist mir die Sache allerdings verständlich: wenn Sie Jugendgespielen

sind! Doch – haben Sie jetzt eine Beschäftigung?“

„Ja, eine private, ich bin im Kontor eines Notars angestellt, für

fünfundzwanzig Rubel monatlich, natürlich nur vorläufig. Als ich um ihre

Hand anhielt, hatte ich nicht einmal das! Ich war nämlich damals in der

Eisenbahnverwaltung und bekam nur zehn Rubel monatlich, auch natürlich

nur vorläufig.“

„Ja haben Sie denn einen Heiratsantrag gemacht?“

„Gewiß, ganz formell, und schon vor längerer Zeit, – vor ganzen drei

Wochen.“

„Nun, und?“

„Der Alte lachte zuerst schallend auf, dann aber ärgerte er sich

fürchterlich, und sie wurde einfach oben in eine Kammer eingesperrt.

Aber Nadjä hielt die Prüfung heldenhaft aus. Übrigens ist der ganze

Mißerfolg nur darauf zurückzuführen, daß der Alte sich noch von früher

her über mich ärgerte, weil ich nämlich der Abteilung, in die er mich

vor damals vier Monaten hineingesteckt hatte, den Rücken gekehrt habe.

Er ist ein prächtiger alter Mann, ich sage es Ihnen nochmals, zu Hause

ist er gutmütig, freundlich und von Herzen heiter, doch kaum tritt er in

sein Abteilungsbureau – da können Sie ihn sich einfach gar nicht

vorstellen! Wie ein Jupiter sitzt er da! Ich gab ihm selbstverständlich

zu verstehen, daß solche Manieren aufgehört hätten, mir zu gefallen,

doch an der ganzen Geschichte war hauptsächlich der Gehilfe des

Vorsitzenden schuld: dieser Herr ließ es sich einfallen, sich bei ihm

darüber zu beschweren, daß ich angeblich ‚grob‘ geworden sei, während

ich ihm in Wirklichkeit gesagt hatte, er sei unentwickelt. Da pfiff ich

denn auf sie alle und bin jetzt beim Notar.“

„Wieviel bekamen Sie denn dort, in der Abteilung?“

„Ach, nichts ... ich war ja überzählig! Der Alte selbst gab das Nötige.

Ich sagte Ihnen doch, er ist ein guter Mensch, nur werden wir trotzdem

nicht nachgeben. Versteht sich, fünfundzwanzig Rubel sind kein

Auskommen, aber ich hoffe, in kürzester Zeit an der Verwaltung der

verschuldeten Güter des Grafen Sawileiskij teilzunehmen, dann habe ich

dreitausend Rubel Einkommen. Oder ich werde Rechtsanwalt. Heutzutage

werden Menschen gesucht ... Ha! Wie’s donnert! Das wird ein Gewitter

geben! Gut, daß ich noch vor dem Ausbruch angelangt bin. Ich bin ja zu

Fuß von dort gekommen, bin fast die ganze Zeit gelaufen.“

„Aber erlauben Sie, wann haben Sie denn Zeit gehabt, noch mit Nadeschda

Fedossejewna zu sprechen, wenn man Sie dort abgewiesen hat und wohl auch

nicht mehr empfängt?“

„Ach, doch ganz einfach über den Zaun! Die Rothaarige haben Sie ja

gesehen?“ fragte er lachend. „Nun, die ist auch eine von den

Vermittlerinnen, und auch Marja Nikititschna; nur ist diese Marja

Nikititschna eine Schlange! ... Was ist? – weshalb runzeln Sie die

Stirn? Fürchten Sie sich vor dem Donner?“

„Nein, ich bin krank, ernstlich krank ...“

Weltschaninoff fühlte in der Tat einen heftigen Schmerz unter der Brust,

der immer unerträglicher wurde, so daß er schließlich aufstand und

versuchte, im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Ach, dann störe ich natürlich ... beunruhigen Sie sich nicht, ich gehe

sogleich!“ Er sprang auf.

„So schlimm ist es ja nicht, bleiben Sie nur,“ sagte Weltschaninoff

höflichkeitshalber.

„I wo, ‚wenn Kobylnikoff Leibweh hat‘ – wie Schtschedrin[14] sagt.

Lieben Sie Schtschedrin? – Sie kennen ihn doch?“

„Ja.“

„Ich auch, er gefällt mir kolossal. Nun, also, Wassilij ... ach nein, –

Pawel Pawlowitsch, richtig! Also kommen wir zu einem Schluß!“ wandte er

sich halb lachend an Pawel Pawlowitsch. „Um Ihnen das Verständnis zu

erleichtern, will ich meine Frage nochmals formulieren: sind Sie bereit,

nicht später als morgen, und zwar offiziell, das heißt also vor den

beiden Alten und in meiner Gegenwart, alle Ihre Ansprüche auf Nadeschda

Fedossejewna zurückzuziehen?“

„Nein, dazu bin ich durchaus nicht bereit,“ schnitt Pawel Pawlowitsch

kurz ab, indem er sich mit einer ungeduldigen Bewegung vom Platze erhob,

„und ich bitte Sie nochmals, mich nicht weiter zu belästigen ... denn

das sind doch nur Kindereien und Dummheiten.“

„Nehmen Sie sich in acht,“ sagte der Jüngling hochmütig lächelnd, und er

drohte mit dem Finger, wie um ihn zu warnen, „daß Sie sich nicht

verrechnen! Wissen Sie auch, zu was eine solche Rechnung ohne den Wirt

führen kann? Deshalb sage ich es Ihnen im voraus, daß Sie sich nach neun

Monaten, wenn Sie dort bereits alle Ausgaben gemacht und sich genugsam

gequält haben, hier bei Ihrer Wiederkunft gezwungen sehen werden,

unaufgefordert Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen,

aber tun Sie das nicht – um so schlimmer für Sie. Sehen Sie, zu was Sie

es mit Ihrer Weigerung bringen können! Ich will Sie damit nur gewarnt

haben, denn Sie sind jetzt wie jener Hund, der den Knochen keinem

anderen gönnt, obwohl er ihn selbst nicht fressen kann – verzeihen Sie

den Vergleich. Ich warne Sie also nur aus menschlichem Mitgefühl,

überlegen Sie sich die Sache, versuchen Sie wenigstens einmal im Leben,

logisch zu denken.“

„Ich bitte Sie, mich mit Ihrer Moral zu verschonen!“ rief Pawel

Pawlowitsch empört, „und was Ihre gemeinen Andeutungen betrifft, so

werde ich morgen noch meine Maßregeln treffen, und zwar entscheidende!“

„Gemeine Andeutungen? Wovon sprechen Sie? Sie sind selber gemein, wenn

Sie – so etwas im Sinne haben. Übrigens bin ich bereit, bis morgen zu

warten, doch wenn ... Ach, wieder dieser Donner! Auf Wiedersehen, freut

mich sehr, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ rief er mit einem

Kopfnicken zum Abschied Weltschaninoff zu und entfernte sich eilig,

offenbar, um noch vor dem Ausbruch des Gewitters geborgen zu sein.

Sämtliche Werke 21 · 第 42 / 46 题