XIII. Die Beiden.

Ja, er konnte noch an die kleine Rothaarige denken, während ihn

tiefinnerlich schon längst Ärger und Reue quälten. Und überhaupt war er

an diesem Tage, den er doch, wie man meinen sollte, so angenehm

verbracht hatte, ein gewisses bedrückendes, an einen unbestimmten Kummer

gemahnendes Gefühl nicht losgeworden. Bevor er an den Flügel getreten

war, hatte er kaum noch gewußt, was er mit sich anfangen, wohin er vor

diesem Kummer flüchten sollte: und vielleicht war auch nur diese

Stimmung der Grund gewesen, weshalb er sich beim Vortrag des Liedes von

seinen Gefühlen so hatte hinreißen lassen.

„Und ich konnte mich so furchtbar erniedrigen ...“ begann er und wollte

sich selbst Vorwürfe machen, doch schnell brach er den Gedanken wieder

ab und bemühte sich, an anderes zu denken. So erniedrigend erschienen

sie ihm, diese Selbstanklagen, die zudem nicht das geringste nützten!

Deshalb wählte er das Angenehmere und ärgerte sich rasch über einen

anderen.

„Dieser R–rüpel!“ dachte er wütend, mit einem halben Blick auf den im

Wagen neben ihm sitzenden Pawel Pawlowitsch.

Der schwieg noch immer; vielleicht sammelte er sich erst oder bereitete

sich auf die Aussprache vor. Von Zeit zu Zeit hob er hastig die Hand und

nahm seinen Hut ab, um sich mit dem Taschentuch über die Stirn zu

wischen.

„Wie er schwitzt!“ dachte Weltschaninoff verbissen, denn es war ihm

geradezu ein Bedürfnis, sich recht über ihn zu ärgern.

Nur einmal wandte sich Pawel Pawlowitsch mit der Frage an den Kutscher,

ob es ein Gewitter geben würde.

„O–oh, und was für eins! Den ganzen Tag war’s schwül, sicher wird’s eins

geben!“

In der Tat war der Himmel dunkler als je um diese Zeit. Hin und wieder

zuckte ein Blitz. Es war halb elf, als sie in der Stadt anlangten.

„Ich fahre ja doch zu Ihnen,“ hatte sich Pawel Pawlowitsch kurz vorher

an Weltschaninoff gewandt.

„Verstehe. Doch muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich ernstlich krank

fühle.“

„Ich bleibe nur kurze Zeit, nur kurze Zeit!“

Als sie ins Haus traten, verschwand Pawel Pawlowitsch auf einen

Augenblick in der Wohnung des Portiers, wo er ein paar Worte mit Mawra

wechselte.

„Was suchten Sie dort?“ fragte Weltschaninoff ärgerlich, als jener ihn

auf der Treppe wieder einholte und sie eintraten.

„Nichts, nur ... wegen des Kutschers ...“

„Zu trinken gebe ich Ihnen nichts!“

Eine Antwort erfolgte nicht. Weltschaninoff zündete eine Kerze an und

Pawel Pawlowitsch ließ sich sogleich auf seinem alten Platz nieder.

Weltschaninoff trat finster vor ihn hin.

„Sie entsinnen sich vielleicht, daß ich Ihnen damals versprach, auch

_mein_ ‚letztes Wort‘ zu sagen,“ begann er, innerlich erregt, doch

äußerlich in vollkommener Selbstbeherrschung. „So hören Sie denn, ich

kann es mit gutem Gewissen sagen ... – Also: ich bin überzeugt, daß

zwischen uns beiden alles zu Ende ist und wir nichts mehr einander zu

sagen haben, Sie verstehen mich: _nichts_ mehr; und deshalb – wäre es

nicht besser, Sie gingen jetzt und ich schlösse die Tür hinter Ihnen

zu.“

„Lassen Sie uns erst ... abrechnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte Pawel

Pawlowitsch und sah ihm dabei ganz eigentümlich sanft in die Augen.

„Wa–as? Abrechnen?“ fragte Weltschaninoff in höchster Verwunderung. „Ein

sonderbares Wort haben Sie da gebraucht! In welcher Beziehung denn

‚abrechnen‘, wenn man fragen darf? Oder sollte es etwa gar jenes ‚letzte

Wort‘ sein, jenes, mit dem Sie mir versprachen, alles ... aufzudecken?“

„Ja.“

„Wir haben nichts mehr miteinander ‚abzurechnen‘, wir sind bereits

vollständig ... quitt!“ sagte Weltschaninoff mit einem gewissen Stolz.

„Glauben Sie wirklich?“ fragte Pawel Pawlowitsch in eigentümlichem Tone,

der fast ein Durchschauen verriet, und er hob die Hände – die Ellenbogen

ruhten auf den Armlehnen des Stuhles – und schob die Finger

zwischeneinander.

Weltschaninoff antwortete nichts und begann im Zimmer auf und ab zu

schreiten. „Lisa! Lisa!“ hätte er stöhnen mögen, aber er biß die Zähne

zusammen und – fühlte sein Herz klopfen.

„Doch übrigens, worüber wollten Sie denn mit mir abrechnen?“ wandte er

sich nach längerem Schweigen mit finsterer Stirn wieder an Pawel

Pawlowitsch, dessen Augen ihm während der Wanderung durch das Zimmer

unaufhörlich gefolgt waren, der selbst aber nach wie vor regungslos im

Stuhl lehnte, die Hände mit den gekreuzten Fingern vor der Brust.

„Fahren Sie nicht mehr dorthin,“ sagte er kaum hörbar mit rührend

bittender Stimme, und plötzlich stand er auf.

„Wie! Und nichts weiter?“ – Weltschaninoff lachte zornig auf.

„In der Tat, Sie haben ja heute den ganzen Tag nichts anderes getan, als

mich in Erstaunen gesetzt!“ sagte er bissig, doch plötzlich veränderte

sich der Ausdruck seines Gesichts. „Hören Sie,“ begann er, und seine

Stimme klang tief und traurig und es sprach aus ihr aufrichtiges Gefühl,

„ich finde, daß ich mich noch niemals und durch nichts so erniedrigt

habe, wie heute, und das erstens dadurch, daß ich einwilligte, Sie

dorthin zu begleiten, und zweitens – durch das, was dort war ... Das war

so kleinlich, so erbärmlich ... ich habe mich mir selbst so verekelt und

mich vor mir selber so entehrt, indem ich auf alles einging ... und ganz

vergessen konnte, daß – ... Ach nun, was rede ich!?“ besann und

unterbrach er sich plötzlich. „Sie haben mich heute überrumpelt, ich war

überreizt und abgespannt, ich ... ich bin krank ... eh, wozu sich da

rechtfertigen wollen! Hinfahren werde ich jedenfalls nicht mehr, und ich

versichere Ihnen, daß ich dort absolut keine Interessen habe,“ schloß er

energisch.

„Wirklich nicht? Ist das wahr? ist das wirklich wahr?“ rief Pawel

Pawlowitsch, ohne seine freudige Aufregung zu verbergen.

Weltschaninoff sah ihn mit Verachtung an und begann wieder im Zimmer auf

und ab zu gehen.

„Sie scheinen sich ja entschlossen zu haben, um jeden Preis glücklich zu

sein,“ konnte er sich zu bemerken nicht enthalten.

„Ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch leise und naiv.

„Was geht es mich an,“ dachte Weltschaninoff, „daß er ein Narr und nur

aus Dummheit bösartig ist? Ich kann ihn doch nicht – _nicht_ hassen!

Wenn er’s auch gar nicht wert ist –!“

„Ich bin ein ‚ewiger Gatte‘!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit einem

ergebenen Spottlächeln über sich selbst. „Ich habe diese Bezeichnung

schon vor langer Zeit von Ihnen gehört, Alexei Iwanowitsch, schon

damals, als Sie noch dort mit uns lebten. Ich habe mir damals viele

Ihrer Aussprüche gemerkt – in jenem Jahr, jawohl! Als Sie nun hier von

neuem ‚ewiger Gatte‘ sagten, fiel es mir wieder ein.“

Mawra trat ein: sie brachte eine Flasche Champagner und zwei Gläser,

stellte sie auf den Tisch und ging wieder hinaus.

„Verzeihen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie wissen, daß ich ohne Alkohol

nicht sein kann. Fassen Sie es nicht als Unhöflichkeit auf, betrachten

Sie es als etwas ganz Nebensächliches und Geringfügiges, über das Sie

erhaben sind.“

„Eh ...“ Weltschaninoff wandte sich angewidert fort, „aber ich – ich bin

wirklich krank, glauben Sie mir ...“

„Gleich, gleich ... im Augenblick!“ beeilte sich Pawel Pawlowitsch, „nur

einen Schluck, denn meine Kehle ...“

Er stürzte gierig sein Glas hinunter, setzte sich und sah gerührt

Weltschaninoff an.

„Dieser Ekel!“ murmelte Weltschaninoff.

„Das waren ja nur die Freundinnen,“ sagte plötzlich Pawel Pawlowitsch

laut und unversehens munter, als habe ihn der Champagner neu belebt.

„Was? Wer? Ach so, ja, Sie reden immer noch davon ...“

„Nur die Freundinnen! Und dann die Jugend! und das Ganze doch nur eine

Kinderei, – sehen Sie, so fasse ich’s auf! Es ist sogar nicht ohne Reiz.

Später aber – nun, Sie wissen, später werde ich ihr Sklave sein; sie

wird die Gesellschaft kennen lernen ... – sie wird ihre Stellung in der

Gesellschaft ... mit einem, Wort, sie wird ein ganz anderer Mensch

werden.“

„Teufel, ich muß ihm ja noch das Armband zurückgeben!“ dachte

Weltschaninoff und fühlte nach dem Etui in seiner Tasche.

„Sie fragten, ob ich mich nun entschlossen habe, glücklich zu sein? Ich

muß heiraten, Alexei Iwanowitsch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch nahezu rührend

vertrauensvoll fort, „was wird denn sonst aus mir? Sie sehen doch

selbst!“ – er wies auf die Flasche – „und das ist erst noch ein

Hundertstel meiner ... Eigenschaften. Ich kann überhaupt nicht leben

ohne Ehe und ... ohne einen neuen Glauben. Gewinne ich den wieder, dann

werde ich von neuem aufleben!“

Weltschaninoff wollte fast in schallendes Gelächter ausbrechen.

„Weshalb teilen Sie mir denn alles das mit?“ Seine Mundwinkel zuckten.

Übrigens kam ihm das Ganze doch zu haarsträubend vor.

„Aber so sagen Sie mir doch endlich,“ fuhr er heftig auf, „zu welch

einem Zweck Sie mich nun eigentlich dorthin geschleppt haben! Wozu

hatten Sie mich denn nötig?“

„Nur ... um zu prüfen ...“ stotterte Pawel Pawlowitsch etwas verwirrt,

wie es schien.

„Was zu prüfen?“

„Ich ... ich wollte nur den Eindruck sehen. Ich, sehen Sie, Alexei

Iwanowitsch, ich bin doch erst seit einer Woche ... dort –“ er wurde,

wie es schien, immer verlegener. „Gestern traf ich Sie, und da dachte

ich: Ich habe sie doch noch niemals in anderer Gesellschaft gesehen, ich

wollte sagen, in Gesellschaft von Herren – wenn ich mich nämlich selbst

nicht zähle ... Es war ein dummer Gedanke, ich sehe es jetzt selbst ein,

und ganz überflüssig. Aber ich wollte es doch gar zu gern, eben – nun,

aus Charakterschlechtigkeit.“

Er erhob plötzlich den Kopf und errötete.

„Sollte er wirklich die Wahrheit sagen?“ fragte sich Weltschaninoff,

noch ganz sprachlos vor Verwunderung, und er starrte ihn an.

„Und?“

Pawel Pawlowitsch lächelte süßlich, doch gleichzeitig eigentümlich

verschmitzt.

„Nichts weiter als Kindlichkeit, die noch frisch und reizend ist, nichts

weiter! Das waren nur die Freundinnen! Verzeihen Sie mir bloß mein

dummes Benehmen Ihnen gegenüber; ich werde mich nie wieder so vergessen,

und überhaupt wird es ja nun nie mehr dazu kommen.“

„Zumal ja auch ich nie mehr hinfahren werde,“ versetzte Weltschaninoff

etwas höhnisch.

„Ich meinte es auch zum Teil in diesem Sinne.“

Weltschaninoff richtete sich straffer auf und warf den Kopf zurück.

„Übrigens ... ich bin doch nicht der einzige in der Welt,“ bemerkte er

fast verletzt.

Pawel Pawlowitsch errötete wieder.

„Es betrübt mich, das zu hören, Alexei Iwanowitsch, und glauben Sie mir,

ich achte Nadeschda Fedossejewna so hoch ...“

„Entschuldigen Sie, bitte, verzeihen Sie, ich wollte ja nichts ... Es

kam mir nur etwas sonderbar vor, daß Sie meine Vorzüge so übertrieben

eingeschätzt ... und ... sich so vertrauensvoll auf mich verlassen haben

...“

„Eben deshalb habe ich mich ja auf Sie verlassen, weil das doch bereits

nach allem geschah ... was gewesen ist.“

„Dann müssen Sie mich ja, wenn es so ist, auch jetzt für einen Ehrenmann

halten?“ entfuhr es Weltschaninoff, der plötzlich stehen geblieben war,

unwillkürlich und ganz unbedacht.

Im nächsten Moment erschrak er selbst über die Naivität seiner Frage.

„Das habe ich von jeher getan,“ sagte Pawel Pawlowitsch, indem er die

Augen niederschlug.

„Nun ja, versteht sich ... nein, so meinte ich es auch nicht, das heißt

nicht in dem Sinne, ich wollte nur sagen – ungeachtet aller ...

Vorurteile!“

„Ja, auch trotz der Vorurteile.“

„Aber als Sie nach Petersburg fuhren?“ – Weltschaninoff konnte sich

nicht mehr bezwingen, obschon er die ganze Ungeheuerlichkeit seiner

Neugier selbst sehr wohl empfand.

„Und auch als ich nach Petersburg fuhr, hielt ich Sie für einen

Ehrenmann. Ich habe Sie immer geachtet, Alexei Iwanowitsch.“

Pawel Pawlowitsch blickte wieder auf und sah mit klarem Blick, jetzt

bereits ohne die geringste Verwirrung, seinen Gegner an. Weltschaninoff

wurde plötzlich bange: er wollte um alles in der Welt nicht, daß jetzt

irgend etwas Gefühlvolles geschah – daß irgend etwas die – Grenze auch

nur überschritt, um so weniger, als er selbst es war, der dazu

herausgefordert hatte.

„Ich habe Sie geliebt, Alexei Iwanowitsch,“ sagte Pawel Pawlowitsch, als

habe er sich plötzlich zu etwas entschlossen, „jenes ganze Jahr in T.

habe ich Sie geliebt. Sie haben es nicht bemerkt,“ fuhr er, zu

Weltschaninoffs Schrecken, mit einer etwas unsicher werdenden Stimme

fort, „ich war als Mensch und Persönlichkeit viel zu gering neben Ihnen,

um Sie etwas merken zu lassen. Und es war vielleicht auch gar nicht

nötig. In diesen neun Jahren habe ich oft an Sie gedacht, sehr oft,

immerwährend, denn ich habe kein zweites solches Jahr in meinem Leben

gehabt.“ Pawel Pawlowitschs Augen erglänzten eigentümlich. „Ich habe mir

viele Ihrer Bemerkungen, Ihrer Aussprüche und Gedanken gemerkt. Ich habe

in Ihnen immer einen Menschen von hoher Bildung gesehen, der sich nach

guten Gefühlen sehnt und der eigene Gedanken ausspricht. ‚Große Gedanken

entspringen weniger einem großen Verstande, als einem großen Gefühl‘ –

sagten Sie einmal; vielleicht haben Sie es jetzt vergessen, ich aber

habe es mir gemerkt. So habe ich denn in Ihnen immer einen Menschen von

großem Gefühl gesehen ... und folglich auch an Sie geglaubt – trotz

allem ...“

Sein Kinn begann plötzlich zu zittern. Weltschaninoff war aufs höchste

erschrocken: diesem unerwarteten Ton mußte unbedingt schnell ein Ende

gemacht werden.

„Genug, hören Sie auf, bitte, Pawel Pawlowitsch,“ brachte er errötend –

da ihm alles dies mehr als peinlich war – und seltsam unsicher, in

gereizter Ungeduld hervor. „Weshalb auch, zu welchem Zweck,“ fuhr er

plötzlich nervös auf, „zu welchem Zweck heften Sie sich jetzt an einen

kranken, überreizten Menschen – ich bin wirklich krank – und ziehen ihn

in dieses Dunkel hinein ... während ... während doch – alles nur

Trugbilder und Lüge und Schande und Unnatur ist und – und keinerlei Maß

hat: das aber ist das Schmählichste an der Sache! Alles übrige ist

Unsinn: wir sind beide lasterhafte, gemeine, ganz gemeine –

Kellermenschen[12] ... Und wollen Sie, wollen Sie, ich werde Ihnen

sogleich beweisen, daß Sie mich nicht nur nicht lieben, sondern hassen,

sogar mit ganzer Seele hassen, und daß Sie hier gelogen haben,

allerdings ohne es selbst zu wissen! Sie haben mich gar nicht zu diesem

lächerlichen Zweck hingeführt: um Ihre Braut zu prüfen – was Sie sich

nicht alles ausdenken! –, sondern haben sich gestern, als Sie mich auf

der Straße erblickten, einfach _erbost_ und mich dann hingeführt, um sie

mir zu zeigen und mir zu sagen und zu verstehen zu geben: ‚Siehst du:

sie! Und die wird _mir_ gehören! na, versuch’s mal jetzt hier!‘ Es war

eine Herausforderung von Ihnen! Sie wußten das vielleicht selbst nicht,

aber es war eine! ja: eine Herausforderung war es! So und nicht anders

fühlten Sie! ... Ohne Haß aber kann man keinen so herausfordern:

folglich haben Sie mich gehaßt!“

Wie außer sich ging er im Zimmer umher, immer schneller und erregter

stieß er alles hervor und ließ sich von seiner Erregung nur so

fortreißen: dabei quälte und kränkte ihn nichts so sehr, wie die

erniedrigende Erkenntnis, daß er sich selbst in einem solchen Maße

herabließ – bis zu Pawel Pawlowitsch ...

„Ich wollte mich mit Ihnen versöhnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte jener

plötzlich schnell und entschlossen, doch mit leiser Stimme, und sein

Kinn begann wieder zu zittern.

Eine unbändige Wut erfaßte Weltschaninoff, als habe man ihm noch niemals

eine solche Beleidigung zugefügt.

„Ich sage Ihnen doch,“ schrie er förmlich zitternd, „daß Sie einem

kranken und überreizten Menschen ... auf dem Halse sitzen, um ihm

irgendein unmögliches Wort zu entreißen, es ihm im Fieber – wie soll ich

sagen: herauszuwürgen! Wir ... ja, wir sind Menschen verschiedener

Welten, begreifen Sie das doch endlich, und ... und ... zwischen uns, da

hat sich – ein Grab gelegt!“ stieß er durch die Zähne hervor, und –

plötzlich kam er zur Besinnung ...

„Aber woher wissen Sie,“ – Pawel Pawlowitschs Gesicht erbleichte und sah

entstellt aus – „woher wissen Sie, was dieses kleine Grab _hier_

bedeutet, hier ... bei mir!“ keuchte er, Schritt für Schritt sich

Weltschaninoff nähernd, während er mit einer grotesken, doch um so

entsetzlicheren Geste die Faust hob und sich ans Herz schlug. „Ich kenne

dieses kleine Grab hier auf dem Friedhof, und wir beide stehen an dieser

Gruft, ich hier – Sie dort, nur ist auf meiner Seite mehr, als auf

Ihrer, mehr ...“ raunte er, indem er sich immer wieder ans Herz schlug,

„mehr, mehr, mehr ...“

Plötzlich gellte schrill und laut die Türglocke und riß sie aus der

furchtbaren Spannung. Es hatte jemand geklingelt, der sich ordentlich

geschworen zu haben schien, den Glockenzug mit einem einzigen Ruck

abzureißen.

„Wer zu mir will, klingelt nicht so,“ sagte Weltschaninoff halb zu sich

selbst und noch unter dem verwirrenden Eindruck.

„Aber zu mir doch auch nicht,“ flüsterte zaghaft Pawel Pawlowitsch, der

gleichfalls zu sich gekommen und im Augenblick wieder der frühere Pawel

Pawlowitsch geworden war.

Weltschaninoff runzelte die Stirn und ging, um die Tür zu öffnen.

„Herr Weltschaninoff, wenn ich nicht irre?“ hörte man eine jugendliche,

helle und ungemein selbstbewußte Stimme fragen.

„Was wünschen Sie?“

„Ich bin genau unterrichtet,“ fuhr die helle Stimme fort, „daß ein

gewisser Trussozkij sich im Augenblick bei Ihnen befindet. Ich muß ihn

unbedingt und unverzüglich sprechen.“

Weltschaninoff hatte die größte Lust, diesen selbstbewußten jungen Mann

mit einem Fußtritt die Treppe hinunterzubefördern. Doch er bedachte

sich, trat zur Seite und ließ ihn eintreten.

„Dort ist Herr Trussozkij, treten Sie ein ...“

Sämtliche Werke 21 · 第 41 / 46 题