Ja, er konnte noch an die kleine Rothaarige denken, während ihn
tiefinnerlich schon längst Ärger und Reue quälten. Und überhaupt war er
an diesem Tage, den er doch, wie man meinen sollte, so angenehm
verbracht hatte, ein gewisses bedrückendes, an einen unbestimmten Kummer
gemahnendes Gefühl nicht losgeworden. Bevor er an den Flügel getreten
war, hatte er kaum noch gewußt, was er mit sich anfangen, wohin er vor
diesem Kummer flüchten sollte: und vielleicht war auch nur diese
Stimmung der Grund gewesen, weshalb er sich beim Vortrag des Liedes von
seinen Gefühlen so hatte hinreißen lassen.
„Und ich konnte mich so furchtbar erniedrigen ...“ begann er und wollte
sich selbst Vorwürfe machen, doch schnell brach er den Gedanken wieder
ab und bemühte sich, an anderes zu denken. So erniedrigend erschienen
sie ihm, diese Selbstanklagen, die zudem nicht das geringste nützten!
Deshalb wählte er das Angenehmere und ärgerte sich rasch über einen
anderen.
„Dieser R–rüpel!“ dachte er wütend, mit einem halben Blick auf den im
Wagen neben ihm sitzenden Pawel Pawlowitsch.
Der schwieg noch immer; vielleicht sammelte er sich erst oder bereitete
sich auf die Aussprache vor. Von Zeit zu Zeit hob er hastig die Hand und
nahm seinen Hut ab, um sich mit dem Taschentuch über die Stirn zu
wischen.
„Wie er schwitzt!“ dachte Weltschaninoff verbissen, denn es war ihm
geradezu ein Bedürfnis, sich recht über ihn zu ärgern.
Nur einmal wandte sich Pawel Pawlowitsch mit der Frage an den Kutscher,
ob es ein Gewitter geben würde.
„O–oh, und was für eins! Den ganzen Tag war’s schwül, sicher wird’s eins
geben!“
In der Tat war der Himmel dunkler als je um diese Zeit. Hin und wieder
zuckte ein Blitz. Es war halb elf, als sie in der Stadt anlangten.
„Ich fahre ja doch zu Ihnen,“ hatte sich Pawel Pawlowitsch kurz vorher
an Weltschaninoff gewandt.
„Verstehe. Doch muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich ernstlich krank
fühle.“
„Ich bleibe nur kurze Zeit, nur kurze Zeit!“
Als sie ins Haus traten, verschwand Pawel Pawlowitsch auf einen
Augenblick in der Wohnung des Portiers, wo er ein paar Worte mit Mawra
wechselte.
„Was suchten Sie dort?“ fragte Weltschaninoff ärgerlich, als jener ihn
auf der Treppe wieder einholte und sie eintraten.
„Nichts, nur ... wegen des Kutschers ...“
„Zu trinken gebe ich Ihnen nichts!“
Eine Antwort erfolgte nicht. Weltschaninoff zündete eine Kerze an und
Pawel Pawlowitsch ließ sich sogleich auf seinem alten Platz nieder.
Weltschaninoff trat finster vor ihn hin.
„Sie entsinnen sich vielleicht, daß ich Ihnen damals versprach, auch
_mein_ ‚letztes Wort‘ zu sagen,“ begann er, innerlich erregt, doch
äußerlich in vollkommener Selbstbeherrschung. „So hören Sie denn, ich
kann es mit gutem Gewissen sagen ... – Also: ich bin überzeugt, daß
zwischen uns beiden alles zu Ende ist und wir nichts mehr einander zu
sagen haben, Sie verstehen mich: _nichts_ mehr; und deshalb – wäre es
nicht besser, Sie gingen jetzt und ich schlösse die Tür hinter Ihnen
zu.“
„Lassen Sie uns erst ... abrechnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte Pawel
Pawlowitsch und sah ihm dabei ganz eigentümlich sanft in die Augen.
„Wa–as? Abrechnen?“ fragte Weltschaninoff in höchster Verwunderung. „Ein
sonderbares Wort haben Sie da gebraucht! In welcher Beziehung denn
‚abrechnen‘, wenn man fragen darf? Oder sollte es etwa gar jenes ‚letzte
Wort‘ sein, jenes, mit dem Sie mir versprachen, alles ... aufzudecken?“
„Ja.“
„Wir haben nichts mehr miteinander ‚abzurechnen‘, wir sind bereits
vollständig ... quitt!“ sagte Weltschaninoff mit einem gewissen Stolz.
„Glauben Sie wirklich?“ fragte Pawel Pawlowitsch in eigentümlichem Tone,
der fast ein Durchschauen verriet, und er hob die Hände – die Ellenbogen
ruhten auf den Armlehnen des Stuhles – und schob die Finger
zwischeneinander.
Weltschaninoff antwortete nichts und begann im Zimmer auf und ab zu
schreiten. „Lisa! Lisa!“ hätte er stöhnen mögen, aber er biß die Zähne
zusammen und – fühlte sein Herz klopfen.
„Doch übrigens, worüber wollten Sie denn mit mir abrechnen?“ wandte er
sich nach längerem Schweigen mit finsterer Stirn wieder an Pawel
Pawlowitsch, dessen Augen ihm während der Wanderung durch das Zimmer
unaufhörlich gefolgt waren, der selbst aber nach wie vor regungslos im
Stuhl lehnte, die Hände mit den gekreuzten Fingern vor der Brust.
„Fahren Sie nicht mehr dorthin,“ sagte er kaum hörbar mit rührend
bittender Stimme, und plötzlich stand er auf.
„Wie! Und nichts weiter?“ – Weltschaninoff lachte zornig auf.
„In der Tat, Sie haben ja heute den ganzen Tag nichts anderes getan, als
mich in Erstaunen gesetzt!“ sagte er bissig, doch plötzlich veränderte
sich der Ausdruck seines Gesichts. „Hören Sie,“ begann er, und seine
Stimme klang tief und traurig und es sprach aus ihr aufrichtiges Gefühl,
„ich finde, daß ich mich noch niemals und durch nichts so erniedrigt
habe, wie heute, und das erstens dadurch, daß ich einwilligte, Sie
dorthin zu begleiten, und zweitens – durch das, was dort war ... Das war
so kleinlich, so erbärmlich ... ich habe mich mir selbst so verekelt und
mich vor mir selber so entehrt, indem ich auf alles einging ... und ganz
vergessen konnte, daß – ... Ach nun, was rede ich!?“ besann und
unterbrach er sich plötzlich. „Sie haben mich heute überrumpelt, ich war
überreizt und abgespannt, ich ... ich bin krank ... eh, wozu sich da
rechtfertigen wollen! Hinfahren werde ich jedenfalls nicht mehr, und ich
versichere Ihnen, daß ich dort absolut keine Interessen habe,“ schloß er
energisch.
„Wirklich nicht? Ist das wahr? ist das wirklich wahr?“ rief Pawel
Pawlowitsch, ohne seine freudige Aufregung zu verbergen.
Weltschaninoff sah ihn mit Verachtung an und begann wieder im Zimmer auf
und ab zu gehen.
„Sie scheinen sich ja entschlossen zu haben, um jeden Preis glücklich zu
sein,“ konnte er sich zu bemerken nicht enthalten.
„Ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch leise und naiv.
„Was geht es mich an,“ dachte Weltschaninoff, „daß er ein Narr und nur
aus Dummheit bösartig ist? Ich kann ihn doch nicht – _nicht_ hassen!
Wenn er’s auch gar nicht wert ist –!“
„Ich bin ein ‚ewiger Gatte‘!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit einem
ergebenen Spottlächeln über sich selbst. „Ich habe diese Bezeichnung
schon vor langer Zeit von Ihnen gehört, Alexei Iwanowitsch, schon
damals, als Sie noch dort mit uns lebten. Ich habe mir damals viele
Ihrer Aussprüche gemerkt – in jenem Jahr, jawohl! Als Sie nun hier von
neuem ‚ewiger Gatte‘ sagten, fiel es mir wieder ein.“
Mawra trat ein: sie brachte eine Flasche Champagner und zwei Gläser,
stellte sie auf den Tisch und ging wieder hinaus.
„Verzeihen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie wissen, daß ich ohne Alkohol
nicht sein kann. Fassen Sie es nicht als Unhöflichkeit auf, betrachten
Sie es als etwas ganz Nebensächliches und Geringfügiges, über das Sie
erhaben sind.“
„Eh ...“ Weltschaninoff wandte sich angewidert fort, „aber ich – ich bin
wirklich krank, glauben Sie mir ...“
„Gleich, gleich ... im Augenblick!“ beeilte sich Pawel Pawlowitsch, „nur
einen Schluck, denn meine Kehle ...“
Er stürzte gierig sein Glas hinunter, setzte sich und sah gerührt
Weltschaninoff an.
„Dieser Ekel!“ murmelte Weltschaninoff.
„Das waren ja nur die Freundinnen,“ sagte plötzlich Pawel Pawlowitsch
laut und unversehens munter, als habe ihn der Champagner neu belebt.
„Was? Wer? Ach so, ja, Sie reden immer noch davon ...“
„Nur die Freundinnen! Und dann die Jugend! und das Ganze doch nur eine
Kinderei, – sehen Sie, so fasse ich’s auf! Es ist sogar nicht ohne Reiz.
Später aber – nun, Sie wissen, später werde ich ihr Sklave sein; sie
wird die Gesellschaft kennen lernen ... – sie wird ihre Stellung in der
Gesellschaft ... mit einem, Wort, sie wird ein ganz anderer Mensch
werden.“
„Teufel, ich muß ihm ja noch das Armband zurückgeben!“ dachte
Weltschaninoff und fühlte nach dem Etui in seiner Tasche.
„Sie fragten, ob ich mich nun entschlossen habe, glücklich zu sein? Ich
muß heiraten, Alexei Iwanowitsch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch nahezu rührend
vertrauensvoll fort, „was wird denn sonst aus mir? Sie sehen doch
selbst!“ – er wies auf die Flasche – „und das ist erst noch ein
Hundertstel meiner ... Eigenschaften. Ich kann überhaupt nicht leben
ohne Ehe und ... ohne einen neuen Glauben. Gewinne ich den wieder, dann
werde ich von neuem aufleben!“
Weltschaninoff wollte fast in schallendes Gelächter ausbrechen.
„Weshalb teilen Sie mir denn alles das mit?“ Seine Mundwinkel zuckten.
Übrigens kam ihm das Ganze doch zu haarsträubend vor.
„Aber so sagen Sie mir doch endlich,“ fuhr er heftig auf, „zu welch
einem Zweck Sie mich nun eigentlich dorthin geschleppt haben! Wozu
hatten Sie mich denn nötig?“
„Nur ... um zu prüfen ...“ stotterte Pawel Pawlowitsch etwas verwirrt,
wie es schien.
„Was zu prüfen?“
„Ich ... ich wollte nur den Eindruck sehen. Ich, sehen Sie, Alexei
Iwanowitsch, ich bin doch erst seit einer Woche ... dort –“ er wurde,
wie es schien, immer verlegener. „Gestern traf ich Sie, und da dachte
ich: Ich habe sie doch noch niemals in anderer Gesellschaft gesehen, ich
wollte sagen, in Gesellschaft von Herren – wenn ich mich nämlich selbst
nicht zähle ... Es war ein dummer Gedanke, ich sehe es jetzt selbst ein,
und ganz überflüssig. Aber ich wollte es doch gar zu gern, eben – nun,
aus Charakterschlechtigkeit.“
Er erhob plötzlich den Kopf und errötete.
„Sollte er wirklich die Wahrheit sagen?“ fragte sich Weltschaninoff,
noch ganz sprachlos vor Verwunderung, und er starrte ihn an.
„Und?“
Pawel Pawlowitsch lächelte süßlich, doch gleichzeitig eigentümlich
verschmitzt.
„Nichts weiter als Kindlichkeit, die noch frisch und reizend ist, nichts
weiter! Das waren nur die Freundinnen! Verzeihen Sie mir bloß mein
dummes Benehmen Ihnen gegenüber; ich werde mich nie wieder so vergessen,
und überhaupt wird es ja nun nie mehr dazu kommen.“
„Zumal ja auch ich nie mehr hinfahren werde,“ versetzte Weltschaninoff
etwas höhnisch.
„Ich meinte es auch zum Teil in diesem Sinne.“
Weltschaninoff richtete sich straffer auf und warf den Kopf zurück.
„Übrigens ... ich bin doch nicht der einzige in der Welt,“ bemerkte er
fast verletzt.
Pawel Pawlowitsch errötete wieder.
„Es betrübt mich, das zu hören, Alexei Iwanowitsch, und glauben Sie mir,
ich achte Nadeschda Fedossejewna so hoch ...“
„Entschuldigen Sie, bitte, verzeihen Sie, ich wollte ja nichts ... Es
kam mir nur etwas sonderbar vor, daß Sie meine Vorzüge so übertrieben
eingeschätzt ... und ... sich so vertrauensvoll auf mich verlassen haben
...“
„Eben deshalb habe ich mich ja auf Sie verlassen, weil das doch bereits
nach allem geschah ... was gewesen ist.“
„Dann müssen Sie mich ja, wenn es so ist, auch jetzt für einen Ehrenmann
halten?“ entfuhr es Weltschaninoff, der plötzlich stehen geblieben war,
unwillkürlich und ganz unbedacht.
Im nächsten Moment erschrak er selbst über die Naivität seiner Frage.
„Das habe ich von jeher getan,“ sagte Pawel Pawlowitsch, indem er die
Augen niederschlug.
„Nun ja, versteht sich ... nein, so meinte ich es auch nicht, das heißt
nicht in dem Sinne, ich wollte nur sagen – ungeachtet aller ...
Vorurteile!“
„Ja, auch trotz der Vorurteile.“
„Aber als Sie nach Petersburg fuhren?“ – Weltschaninoff konnte sich
nicht mehr bezwingen, obschon er die ganze Ungeheuerlichkeit seiner
Neugier selbst sehr wohl empfand.
„Und auch als ich nach Petersburg fuhr, hielt ich Sie für einen
Ehrenmann. Ich habe Sie immer geachtet, Alexei Iwanowitsch.“
Pawel Pawlowitsch blickte wieder auf und sah mit klarem Blick, jetzt
bereits ohne die geringste Verwirrung, seinen Gegner an. Weltschaninoff
wurde plötzlich bange: er wollte um alles in der Welt nicht, daß jetzt
irgend etwas Gefühlvolles geschah – daß irgend etwas die – Grenze auch
nur überschritt, um so weniger, als er selbst es war, der dazu
herausgefordert hatte.
„Ich habe Sie geliebt, Alexei Iwanowitsch,“ sagte Pawel Pawlowitsch, als
habe er sich plötzlich zu etwas entschlossen, „jenes ganze Jahr in T.
habe ich Sie geliebt. Sie haben es nicht bemerkt,“ fuhr er, zu
Weltschaninoffs Schrecken, mit einer etwas unsicher werdenden Stimme
fort, „ich war als Mensch und Persönlichkeit viel zu gering neben Ihnen,
um Sie etwas merken zu lassen. Und es war vielleicht auch gar nicht
nötig. In diesen neun Jahren habe ich oft an Sie gedacht, sehr oft,
immerwährend, denn ich habe kein zweites solches Jahr in meinem Leben
gehabt.“ Pawel Pawlowitschs Augen erglänzten eigentümlich. „Ich habe mir
viele Ihrer Bemerkungen, Ihrer Aussprüche und Gedanken gemerkt. Ich habe
in Ihnen immer einen Menschen von hoher Bildung gesehen, der sich nach
guten Gefühlen sehnt und der eigene Gedanken ausspricht. ‚Große Gedanken
entspringen weniger einem großen Verstande, als einem großen Gefühl‘ –
sagten Sie einmal; vielleicht haben Sie es jetzt vergessen, ich aber
habe es mir gemerkt. So habe ich denn in Ihnen immer einen Menschen von
großem Gefühl gesehen ... und folglich auch an Sie geglaubt – trotz
allem ...“
Sein Kinn begann plötzlich zu zittern. Weltschaninoff war aufs höchste
erschrocken: diesem unerwarteten Ton mußte unbedingt schnell ein Ende
gemacht werden.
„Genug, hören Sie auf, bitte, Pawel Pawlowitsch,“ brachte er errötend –
da ihm alles dies mehr als peinlich war – und seltsam unsicher, in
gereizter Ungeduld hervor. „Weshalb auch, zu welchem Zweck,“ fuhr er
plötzlich nervös auf, „zu welchem Zweck heften Sie sich jetzt an einen
kranken, überreizten Menschen – ich bin wirklich krank – und ziehen ihn
in dieses Dunkel hinein ... während ... während doch – alles nur
Trugbilder und Lüge und Schande und Unnatur ist und – und keinerlei Maß
hat: das aber ist das Schmählichste an der Sache! Alles übrige ist
Unsinn: wir sind beide lasterhafte, gemeine, ganz gemeine –
Kellermenschen[12] ... Und wollen Sie, wollen Sie, ich werde Ihnen
sogleich beweisen, daß Sie mich nicht nur nicht lieben, sondern hassen,
sogar mit ganzer Seele hassen, und daß Sie hier gelogen haben,
allerdings ohne es selbst zu wissen! Sie haben mich gar nicht zu diesem
lächerlichen Zweck hingeführt: um Ihre Braut zu prüfen – was Sie sich
nicht alles ausdenken! –, sondern haben sich gestern, als Sie mich auf
der Straße erblickten, einfach _erbost_ und mich dann hingeführt, um sie
mir zu zeigen und mir zu sagen und zu verstehen zu geben: ‚Siehst du:
sie! Und die wird _mir_ gehören! na, versuch’s mal jetzt hier!‘ Es war
eine Herausforderung von Ihnen! Sie wußten das vielleicht selbst nicht,
aber es war eine! ja: eine Herausforderung war es! So und nicht anders
fühlten Sie! ... Ohne Haß aber kann man keinen so herausfordern:
folglich haben Sie mich gehaßt!“
Wie außer sich ging er im Zimmer umher, immer schneller und erregter
stieß er alles hervor und ließ sich von seiner Erregung nur so
fortreißen: dabei quälte und kränkte ihn nichts so sehr, wie die
erniedrigende Erkenntnis, daß er sich selbst in einem solchen Maße
herabließ – bis zu Pawel Pawlowitsch ...
„Ich wollte mich mit Ihnen versöhnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte jener
plötzlich schnell und entschlossen, doch mit leiser Stimme, und sein
Kinn begann wieder zu zittern.
Eine unbändige Wut erfaßte Weltschaninoff, als habe man ihm noch niemals
eine solche Beleidigung zugefügt.
„Ich sage Ihnen doch,“ schrie er förmlich zitternd, „daß Sie einem
kranken und überreizten Menschen ... auf dem Halse sitzen, um ihm
irgendein unmögliches Wort zu entreißen, es ihm im Fieber – wie soll ich
sagen: herauszuwürgen! Wir ... ja, wir sind Menschen verschiedener
Welten, begreifen Sie das doch endlich, und ... und ... zwischen uns, da
hat sich – ein Grab gelegt!“ stieß er durch die Zähne hervor, und –
plötzlich kam er zur Besinnung ...
„Aber woher wissen Sie,“ – Pawel Pawlowitschs Gesicht erbleichte und sah
entstellt aus – „woher wissen Sie, was dieses kleine Grab _hier_
bedeutet, hier ... bei mir!“ keuchte er, Schritt für Schritt sich
Weltschaninoff nähernd, während er mit einer grotesken, doch um so
entsetzlicheren Geste die Faust hob und sich ans Herz schlug. „Ich kenne
dieses kleine Grab hier auf dem Friedhof, und wir beide stehen an dieser
Gruft, ich hier – Sie dort, nur ist auf meiner Seite mehr, als auf
Ihrer, mehr ...“ raunte er, indem er sich immer wieder ans Herz schlug,
„mehr, mehr, mehr ...“
Plötzlich gellte schrill und laut die Türglocke und riß sie aus der
furchtbaren Spannung. Es hatte jemand geklingelt, der sich ordentlich
geschworen zu haben schien, den Glockenzug mit einem einzigen Ruck
abzureißen.
„Wer zu mir will, klingelt nicht so,“ sagte Weltschaninoff halb zu sich
selbst und noch unter dem verwirrenden Eindruck.
„Aber zu mir doch auch nicht,“ flüsterte zaghaft Pawel Pawlowitsch, der
gleichfalls zu sich gekommen und im Augenblick wieder der frühere Pawel
Pawlowitsch geworden war.
Weltschaninoff runzelte die Stirn und ging, um die Tür zu öffnen.
„Herr Weltschaninoff, wenn ich nicht irre?“ hörte man eine jugendliche,
helle und ungemein selbstbewußte Stimme fragen.
„Was wünschen Sie?“
„Ich bin genau unterrichtet,“ fuhr die helle Stimme fort, „daß ein
gewisser Trussozkij sich im Augenblick bei Ihnen befindet. Ich muß ihn
unbedingt und unverzüglich sprechen.“
Weltschaninoff hatte die größte Lust, diesen selbstbewußten jungen Mann
mit einem Fußtritt die Treppe hinunterzubefördern. Doch er bedachte
sich, trat zur Seite und ließ ihn eintreten.
„Dort ist Herr Trussozkij, treten Sie ein ...“