„Haben Sie gesehen? Haben Sie gesehen?“ fragte Pawel Pawlowitsch
gespannt auf ihn zutretend, kaum daß der Jüngling das Zimmer verlassen
hatte.
„Ja, Sie scheinen kein Glück zu haben!“ entfuhr es Weltschaninoff
unbedachtsamerweise.
Diese unvorsichtige Bemerkung wäre ihm bestimmt nicht entschlüpft, wenn
nicht der heftige Schmerz ihn gequält und geärgert hätte. Pawel
Pawlowitsch zuckte zusammen, als sei er gebrannt worden.
„Nun, und das Armband – das haben Sie mir wohl aus Mitleid nicht
zurückgegeben, he?“
„Ich kam nicht dazu ...“
„Weil Sie als aufrichtiger Freund mit dem aufrichtigen Freunde von
Herzen Mitleid hatten?“
„Nun ja, weil ich Mitleid hatte,“ sagte Weltschaninoff ärgerlich.
Er erzählte ihm aber doch in kurzen Worten, wie Nadeschda Fedossejewna
ihn gebeten hatte, das Armband zurückzugeben und wie er durch sie ganz
gegen seinen Willen in diese Angelegenheit hineingezogen worden war.
„Sie begreifen doch, daß ich das Armband sonst nie genommen hätte: man
hat schon sowieso genug Unannehmlichkeiten!“
„Sie sind eben dem Zauber unterlegen und haben es doch genommen,“ sagte
Pawel Pawlowitsch grinsend.
„Ihre Bemerkung ist köstlich. Übrigens sind Sie zu entschuldigen. Sie
haben soeben selbst gesehen, daß nicht ich in dieser Sache die
Hauptperson bin!“
„Immerhin haben Sie sich bezaubern lassen.“
Pawel Pawlowitsch setzte sich und füllte wieder sein Glas.
„Sie glauben wohl, daß ich sie diesem Bengel abtreten werde? Zum Teufel
jage ich ihn, und wie noch! Morgen fahre ich hin und bringe alles in
Ordnung. Diesen Geist werden wir schon ausräuchern – aus der Kinderstube
...“
Er stürzte das Glas in einem Zuge hinab und schenkte sich wieder ein.
Überhaupt benahm er sich jetzt mit einer an ihm ganz ungewohnten
Zwanglosigkeit.
„Also Nadjenka und Ssaschenka, die lieben Kinderchen! – hehehe!“
Seine Bosheit schien keine Grenzen zu kennen. Ein Blitz zuckte blendend
hell auf, knatternd setzte der Donner ein und vergrollte, und plötzlich
goß es in Strömen. Pawel Pawlowitsch erhob sich und schloß das offene
Fenster.
„Wie er sie fragte, ob Sie sich nicht vor dem Donner fürchten! – hehe!
Weltschaninoff und sich vor dem Donner fürchten! ‚Wenn Kobylnikoff ...‘
– wie war das: ‚wenn Kobylnikoff ...‘? Und das noch von den Fünfzigern,
was? Besinnen Sie sich noch?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit unverhohlener
Bosheit.
„Sie haben sich hier ... wohl für immer niedergelassen?“ fragte
Weltschaninoff leise, da er vor Schmerz kaum sprechen konnte. „Ich lege
mich hin ... Sie ... tun Sie, was Sie wollen.“
„Aber bei solchem Wetter jagt man doch nicht einmal einen Hund aus dem
Haus!“ versetzte Pawel Pawlowitsch gekränkt, doch war es, als freue er
sich über das Recht, den Gekränkten spielen zu dürfen.
„Nun, ja, gleichviel, trinken Sie weiter ... übernachten Sie auch
meinetwegen hier!“ murmelte Weltschaninoff, der sich gerade auf seinem
Schlafdiwan ausstreckte, und leise stöhnte.
„Übernachten? Aber werden Sie denn nicht Angst haben?“
„Was?“ fragte Weltschaninoff, indem er den Kopf plötzlich vom Kissen
hob.
„Nichts, nur so. Das vorige Mal war es, als ob Sie erschraken – oder
vielleicht hat es mir nur so geschienen ...“
„Sie sind verrückt!“ sagte Weltschaninoff, der sich nicht bezwingen
konnte, und drehte sich wütend zur Wand.
„Tut nichts,“ erwiderte Pawel Pawlowitsch.
Der Kranke schlief ganz plötzlich ein. Die außergewöhnliche nervöse
Spannung, in der er den ganzen Tag verbracht, hatte seiner in letzter
Zeit ohnehin schon stark mitgenommenen Gesundheit gewissermaßen den Rest
gegeben, seine ganze Nervenkraft war mit einemmal dahin und er fühlte
sich schwach wie ein Kind. Doch der Schmerz überwand die Müdigkeit und
den Schlaf: nach kaum einer Stunde wachte er auf und erhob sich unter
Qualen vom Diwan. Das Gewitter war vorüber. Die Luft im Zimmer war
stickig vom Zigarettenrauch. Die Flasche auf dem Tisch war leer. Pawel
Pawlowitsch schlief auf dem anderen Diwan. Er lag auf dem Rücken, mit
dem Kopf auf einem Schlafkissen, vollkommen angekleidet, sogar in
Stiefeln. Sein Kneifer war aus der Tasche geglitten und hing an der
Schnur fast bis zum Boden herab. Sein Hut lag auf dem Teppich.
Weltschaninoff blickte verdrossen auf den Schlafenden, weckte ihn jedoch
nicht. Krumm und wie verzogen vor Schmerz, schritt er langsam im Zimmer
auf und ab, da er das Liegen nicht mehr aushielt. Er stöhnte leise und
dachte immer wieder über die Schmerzen nach.
Sie ängstigten ihn, und nicht ohne Ursache. Er kannte sie schon seit
langer Zeit, doch hatten sie ihn bisher nur selten heimgesucht, nur
einmal in zwei Jahren oder höchstens einmal im Jahr. Er wußte, daß sie
von der Leber herrührten. Die Schmerzen waren immer dieselben: sie
begannen unter der Herzgrube, oder auch etwas höher: zuerst war es nur
ein dumpfer, nicht starker, aber doch unangenehmer Druck, der dann
allmählich – bisweilen dauerte es ganze zehn Stunden – so stark, so
unerträglich schmerzhaft wurde, daß der Kranke schon glaubte, nun komme
die Sterbestunde. Als er das letzte Mal diese Schmerzen gehabt hatte,
vor etwa einem Jahre, da war er – der Anfall hatte sich erst nach zehn
Stunden gelegt – nachher so entkräftet gewesen, daß er kaum die Hand von
der Bettdecke heben konnte, und der Arzt hatte ihm nur ein paar Löffel
schwachen Tees und ein kleines Stück in Bouillon getauchtes Weißbrot
gestattet. Die Wiederkehr dieser Anfälle wurde meistens durch
Zufälligkeiten verursacht, doch traten sie immer nur dann auf, wenn
seine Nerven vorher bereits überreizt waren. Eine gewisse
Verschiedenartigkeit zeigte sich dagegen in der Art, wie die Schmerzen
wieder nachließen: das eine Mal gelang es, den Schmerz sogleich in der
ersten halben Stunde durch einfache heiße Umschläge zu betäuben, und in
kurzer Zeit war dann alles überstanden; das letzte Mal hatte jedoch
nichts geholfen, und erst nachdem er mehrere Brechmittel eingenommen,
hatte der Schmerz nachgelassen. Nachher hatte der Arzt ihm gesagt, er
sei überzeugt gewesen, daß er sich vergiftet habe. Diesmal waren es noch
viele Stunden bis zum Morgen, in der Nacht jedoch wollte er nicht nach
dem Arzt schicken – überhaupt waren ihm Ärzte zuwider. Aber die
Schmerzen wurden doch so unerträglich, daß er laut zu stöhnen begann.
Davon erwachte schließlich Pawel Pawlowitsch: er richtete sich auf, saß
eine Zeitlang und horchte, offenbar erschrocken, während seine Blicke
angstvoll und verständnislos Weltschaninoff folgten. Die Wirkung der
geleerten Flasche machte sich bemerkbar: es dauerte ziemlich lange, bis
er begriff, was er sah – dann aber sprang er vom Diwan und trat schnell
auf Weltschaninoff zu, der vor Schmerz nur etwas Unverständliches
stammeln konnte.
„Das ist die Leber, ich weiß!“ – Pawel Pawlowitsch war im Augenblick wie
neu belebt und entwickelte sogleich eine ungeheure Geschäftigkeit. „Ich
kenne das, Polossuchin, Pjotr Kusmitsch Polossuchin hatte genau
dasselbe, – gleichfalls von der Leber. Da sind heiße Umschläge das
beste! Pjotr Kusmitsch ließ sich dann immer heiße Umschläge machen ...
Man kann doch daran sterben! Soll ich nicht die Mawra rufen, was?“
„Nicht nötig, nicht nötig!“ wehrte Weltschaninoff gereizt ab. „Nichts
ist nötig.“
Doch Pawel Pawlowitsch war, Gott weiß weshalb, ganz kopflos vor
Besorgnis, als handle es sich um die Rettung seines teuersten Freundes.
Er achtete auf keinen Einwand und bestand mit dem größten Eifer darauf,
daß unbedingt heiße Umschläge gemacht würden, und außerdem müsse der
Kranke noch zwei bis drei Tassen schwachen Tee trinken – „aber nicht
löffeln, sondern einfach hinabstürzen, und nicht bloß heiß muß er sein,
sondern kochend!“ beteuerte er, lief darauf, ohne auf die Erlaubnis zu
warten, zu Mawra, mit der er bald wieder erschien, half ihr in der Küche
beim Feueranmachen und blies mit Eifer die Holzkohlen im Ssamowar an.
Noch bevor das Wasser zu kochen begann, hatte er Weltschaninoff bereits
die Oberkleider abgenommen, ihn zu Bett gebracht und gut zugedeckt – und
in kaum zwanzig Minuten war der Tee fertig und der erste Teller heiß.
„Ich habe nämlich Teller genommen,“ erklärte er fast begeistert und
legte behutsam, um sich nicht die Finger zu verbrennen, den in eine
Serviette gewickelten heißen Teller Weltschaninoff auf die Herzgrube.
„Heiße Umschläge sind zu umständlich, es dauert zu lange, bis man die
macht, aber heiße Teller, glühendheiße Teller sind sogar das allerbeste,
glauben Sie mir, das allerbeste, mein Ehrenwort! Ich habe diese
Erfahrung selbst gemacht, an Pjotr Kusmitsch, ich habe es selbst gesehn
und gefühlt. Man kann doch daran sterben! Trinken Sie den Tee, schlucken
Sie nur; tut nichts, wenn Sie sich verbrühen; das Leben ist teurer als
alles.“
Es war ihm tatsächlich gelungen, die schläfrige Mawra munter zu machen.
Die Teller wurden alle zwei bis drei Minuten gewechselt. Schon nach dem
dritten Teller und der zweiten heißen Tasse Tee, die Weltschaninoff
hinabstürzte, fühlte er, daß der Schmerz nachließ.
„Wenn wir den Schmerz erst einmal weggebracht haben, dann Gott sei Dank,
– das ist ein gutes Zeichen!“ rief Pawel Pawlowitsch hocherfreut und
eilte in die Küche nach einem neuen Teller und neuem Tee.
„Wenn wir nur den Schmerz erst wegbringen! Nur der Schmerz muß erst mal
betäubt werden!“ wiederholte er immer wieder.
Und wirklich: nach einer halben Stunde hatte sich der Schmerz fast ganz
gelegt, aber der Kranke war so erschöpft, daß er trotz aller Bitten
Pawel Pawlowitschs, doch „noch ein Tellerchen“ auszuhalten, nicht mehr
darauf einging. Die Augen fielen ihm zu vor Müdigkeit.
„Schlafen, schlafen,“ sagte er nur mit schwacher Stimme.
„Auch das!“ willigte Pawel Pawlowitsch ein.
„Sie übernachten ... wie viel – wie spät ist es?“
„Bald zwei, es fehlen noch ein paar Minuten.“
„Bleiben Sie hier?“
„Ich bleibe, ich bleibe.“
Nach einer kleinen Weile rief der Kranke ihn wieder zu sich.
„Sie ... Sie ...“ murmelte er, als jener zu ihm geeilt war und sich über
ihn beugte, „Sie sind besser als ich! Ich begreife alles ... alles ...
ich danke Ihnen.“
„Schlafen Sie, schlafen Sie,“ flüsterte Pawel Pawlowitsch und schlich
auf den Fußspitzen schnell wieder zu seinem Diwan zurück.
Der Kranke hörte noch im Einschlafen, wie Pawel Pawlowitsch schnell,
doch möglichst leise sein Lager zurechtmachte, seine Kleider ablegte,
die Kerze auslöschte und sich behutsam, womöglich mit angehaltenem Atem,
um den Einschlafenden nur ja nicht zu stören, auf seinem Diwan
ausstreckte.
Zweifellos schlief Weltschaninoff wirklich ein, und sogar sehr bald,
nachdem die Kerze ausgelöscht war – dessen entsann er sich später noch
ganz genau. Doch während der ganzen Zeit seines Schlafens – bis zu dem
Augenblick, in dem er plötzlich erwachte – hatte er im Traum die
Empfindung, daß er nicht schlafe und auch trotz seiner Erschöpfung und
seines Verlangens nach Schlaf nicht einschlafen könne. Schließlich
glaubte er – natürlich im Traum –, daß er in wachem Zustande zu
phantasieren beginne und die vor ihm auftauchenden, sich um ihn
drängenden visionären Erscheinungen, ungeachtet des klaren vollen
Bewußtseins, daß es Fiebergebilde waren und nichts Wirkliches, nicht zu
bannen vermochte. Es war ihm alles bekannt, was er sah: das Zimmer war,
so schien es ihm, wieder voll von Menschen und die Tür zum Treppenflur
stand offen. Und immer noch Menschen kamen in Scharen ins Zimmer und
drängten sich auf der Treppe. Und am Tisch, der in die Mitte des Zimmers
gerückt war, saß wieder ein Mensch – ganz wie damals, im Traum, vor
einem Monat. Und ganz wie damals hatte der Mensch auch jetzt einen Arm
auf den Tisch gestützt und wollte nicht sprechen; doch hatte er diesmal
einen runden Hut auf und um den Hutrand einen Streifen Trauerflor. „Was?
Sollte es wirklich auch damals Pawel Pawlowitsch gewesen sein?“ dachte
Weltschaninoff, doch als er dem schweigenden Menschen ins Gesicht sah,
überzeugte er sich, daß es ein ganz anderer war. „Weshalb trägt er den
Trauerflor?“ fragte sich Weltschaninoff verwundert. Der Lärm und das
Geschrei der Menschen, die sich um den Tisch drängten, war fürchterlich:
sie schienen alle noch viel aufgebrachter über ihn zu sein, als damals,
in jenem Traum; sie drohten ihm mit den Fäusten und schrien ihm empört
etwas zu, doch konnte er trotz aller Anstrengung nicht verstehen, was es
war, das sie ihm da zuschrien. „Aber das ist ja nur eine Vision, ich
fiebere ja, ich phantasiere, – ich weiß es doch selbst!“ dachte er, „ich
weiß doch, daß ich nicht einschlafen konnte und jetzt ausgestanden bin,
weil ich vor Schmerz das Liegen nicht aushielt! ...“ Aber das Geschrei
und die Menschen und ihre Bewegungen und alles andere – es war so
deutlich, so wirklich, daß er doch wieder an ihrer Unwirklichkeit zu
zweifeln begann: „Sollte das wirklich nur eine Fiebervision sein? Was
wollen diese Menschen von mir, mein Gott? Aber ... wenn das Wirklichkeit
wäre, wie wäre es dann möglich, daß dieses Geschrei nicht Pawel
Pawlowitsch endlich aus dem Schlaf weckte? daß er davon noch immer nicht
erwacht ist? Und er schläft doch noch, schläft doch dort auf dem Diwan!“
Da geschah plötzlich wieder etwas, ganz wie damals im Traum: alle
wandten sich zur Tür und wollten zur Treppe, und es kam zu einem
furchtbaren Gedränge in der Tür, denn von draußen begann sich ein neuer
Haufe ins Zimmer zu schieben. Und die, die hinter ihnen kamen, trugen
etwas, etwas Großes und Schweres: man hörte, wie die Schritte der Träger
unter der getragenen Last schwer und ungleichmäßig auf den Treppenstufen
dumpf aufpolterten und wie sie sich unter dem Druck der Last mit
atemlosen Stimmen erregt Anweisungen zuriefen. Im Zimmer aber begannen
alle zu rufen: „Sie bringen, sie bringen!“ und aller Augen funkelten und
richteten sich auf ihn, Weltschaninoff, und alle wiesen sie drohend und
triumphierend nach der Tür. Er zweifelte jetzt nicht mehr im geringsten
daran, daß alles Wirklichkeit und nicht etwa eine Vision war, wie er
zuerst geglaubt hatte, und erhob sich auf die Fußspitzen, um über die
Köpfe der Menschen hinweg erkennen zu können, was denn dort von den
Trägern so Schweres gebracht wurde. Sein Herz aber pochte, pochte,
pochte, und plötzlich – ganz wie damals in jenem Traum – wurde dreimal
mit aller Kraft am Glockenzug gerissen, und wieder war es ein so gellend
heller, so greifbar wirklicher Schall, daß er ihm unmöglich nur geträumt
haben konnte! ... Er schrie auf und erwachte.
Doch er stürzte nicht wie damals im Augenblick zur Tür. Welch ein
Gedanke seine erste Bewegung lenkte, ob er im Moment überhaupt einen
Gedanken hatte – das wußte er selbst nicht! nur war es ihm, als habe ihm
irgend jemand gesagt, was er zu tun hatte: er sprang auf und streckte
die Arme, wie zur Verteidigung oder zur Abwehr eines Angriffs erhoben,
nach der Richtung, in der Pawel Pawlowitsch schlief. Doch im selben
Augenblick stießen seine Hände mit zwei anderen, bereits nach ihm
ausgestreckten Händen zusammen und er packte sie mit aller Kraft. Jemand
hatte sich über ihn beugen wollen! Die Vorhänge waren zugezogen, doch
war es nicht ganz dunkel im Zimmer, da aus dem Nebenraum, zu dem die Tür
offen stand und dessen Fenster keine Vorhänge hatten, schon ein
schwacher Lichtschimmer eindrang. Plötzlich fühlte er einen stechenden
Schmerz in der linken Hand, und er wußte sofort, daß er die Schneide
eines Rasiermessers erfaßt und sie sich selbst ins Fleisch gepreßt hatte
... Im selben Moment hörte man auch schon das eintönige Aufschlagen
eines metallisch schweren Gegenstandes, der zu Boden fiel.
Weltschaninoff war vielleicht dreimal so stark wie Pawel Pawlowitsch,
doch ihr Kampf währte lange, währte wenigstens drei Minuten. Endlich
drückte er ihn zu Boden und bog ihm die Arme zurück. Doch aus
irgendeinem Grunde wollte er diese zurückgebogenen Arme unbedingt auf
den Rücken fesseln. Er suchte also tastend mit der rechten Hand –
während er mit der verwundeten Linken die Handgelenke des Gegners hielt
– lange vergeblich nach der Rouleauschnur, bis er sie endlich doch fand
und mit einem einzigen Ruck abriß. Später wunderte er sich selbst
darüber, wie er das fertiggebracht hatte, denn es gehörte eine fast
übernatürliche Kraft dazu. Nachdem er dann Pawel Pawlowitschs Hände mit
der Schnur gefesselt hatte, stand er auf, ließ den Gefesselten auf dem
Boden liegen, zog den Vorhang zur Seite und schob die Gardinen fort. Auf
der menschenleeren Straße war es schon hell. Er öffnete das Fenster und
atmete tief die Morgenluft ein. Es mußte zwischen vier und fünf Uhr
sein. Er schloß wieder das Fenster, trat schnell zum Schrank, nahm ein
reines Handtuch heraus und wickelte es sehr fest um seine linke Hand, um
das aus der Wunde quellende Blut zu stillen. Zufällig stieß er mit dem
Fuß an das offene Rasiermesser, das nicht weit vom Schrank auf dem
Teppich lag; er hob es auf, klappte es zusammen und legte es in das
Etui, das er am Morgen auf dem kleinen Tisch neben dem anderen Diwan
vergessen hatte. Er öffnete eines der Schubfächer seines Schreibtisches,
legte das Rasierbesteck hinein und verschloß das Fach. Und erst nachdem
das erledigt war, trat er an Pawel Pawlowitsch heran und begann ihn zu
betrachten.
Dieser hatte sich inzwischen mit Mühe erhoben und sich auf einen Stuhl
gesetzt. Er war, ganz wie Weltschaninoff, auch nur in Unterkleidern und
ohne Stiefel. Sein Hemd hatte auf dem Rücken und an den Ärmeln große
Blutflecke, doch war das nicht sein Blut, sondern das Blut
Weltschaninoffs. Freilich war es Pawel Pawlowitsch, der dort saß! Im
ersten Augenblick hätte man ihn kaum zu erkennen vermocht – so verändert
sah er aus! Er saß wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände in
unbequemer gerader Haltung, sein entstelltes, verzerrtes, gequältes
Gesicht war grünlich bleich, und von Zeit zu Zeit überlief ihn ein
Zittern. Mit einem seltsam dunklen, gleichsam noch nicht alles
erkennenden Blick sah er regungslos Weltschaninoff an. Plötzlich
lächelte er – es war ein so stumpfes Lächeln, wie es nur Übermüdete
bisweilen haben –, deutete mit einem Kopfnicken nach der Wasserkaraffe,
die auf dem Tisch stand, und sagte halblaut:
„Einen Schluck.“
Weltschaninoff goß das Wasser in ein Glas, hielt es ihm an den Mund und
ließ ihn trinken. Pawel Pawlowitsch trank gierig; nach dem dritten
Schluck hob er den Kopf, sah unverwandt dem vor ihm stehenden
Weltschaninoff ins Gesicht, sagte aber kein Wort und begann wieder zu
trinken. Nachdem er dann seinen Durst gelöscht hatte, atmete er tief
auf. Weltschaninoff nahm vom Diwan sein Kissen, warf seine Oberkleider
über den Arm und ging ins andere Zimmer, worauf er Pawel Pawlowitsch im
ersten Zimmer einschloß.
Die Schmerzen unter der Brust waren vollständig vergangen, doch machte
sich jetzt wieder ein großes Schwächegefühl geltend, was nach der
plötzlichen Anspannung aller Kräfte ganz erklärlich war. Er wollte
nachdenken, um sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen
war, doch konnte er seine Gedanken nicht sammeln: es war doch eine zu
große Nervenerschütterung gewesen. Seine Augen fielen ihm wieder zu und
dann glaubte er, einzuschlafen, doch schon nach wenigen Minuten zuckte
er wieder zusammen, erwachte, erinnerte sich sogleich an das
Vorgefallene und an seine schmerzende Hand, befühlte das vom Blut
feuchte Handtuch und begann wieder fieberhaft zu denken. Er wurde sich
jedoch nur über eines klar: daß Pawel Pawlowitsch ihn tatsächlich hatte
ermorden wollen – vielleicht ohne noch eine Viertelstunde vorher selbst
zu wissen, was er tun wollte. Das schmale Etui des Rasiermessers hatte
er am Abend vielleicht nur ganz flüchtig auf dem Tisch liegen gesehen.
(Übrigens lag Weltschaninoffs Rasierbesteck gewöhnlich verschlossen im
Schubfach, doch gerade an dem Morgen hatte er es herausgenommen, um
einige überflüssige Haare am Schnurrbart fortzurasieren, was er mitunter
zu tun pflegte.)
„Wenn er schon lange die Absicht gehabt hätte, mich zu töten,“ dachte
Weltschaninoff, „so würde er eine Mordwaffe, einen Dolch oder Revolver
mitgenommen und nicht auf mein vergessenes Rasiermesser gerechnet haben,
das er ja erst gestern abend zum erstenmal bei mir gesehen hat.“
Endlich schlug es sechs. Weltschaninoff raffte sich auf, kleidete sich
an und ging zu Pawel Pawlowitsch. Als er die Tür aufschloß, fragte er
sich ganz verwundert, wozu er ihn denn eingeschlossen hatte, statt ihn
sogleich aus dem Hause hinausgehen zu lassen. Zu seinem Erstaunen sah
er, daß der Gefangene bereits vollständig angekleidet war: also mußte es
ihm doch möglich gewesen sein, seine Hände von der Fessel zu befreien.
Er saß im Lehnstuhl, erhob sich aber sogleich, als Weltschaninoff
eintrat. Seinen Hut hatte er bereits in der Hand. Sein erregter,
unruhiger Blick schien – gleichsam in geschäftiger Eile – sagen zu
wollen:
„Fange nicht an; da ist nichts zu reden; lohnt sich nicht ...“
„Gehen Sie!“ sagte Weltschaninoff. „Nehmen Sie Ihr Armband.“
Pawel Pawlowitsch, der schon an der Tür angelangt war, kehrte zurück,
nahm das Etui vom Tisch, steckte es in die Tasche und trat hinaus.
Weltschaninoff stand an der Tür, um sie hinter ihm zuzuschließen. Ihre
Blicke trafen sich zum letzten Mal: Pawel Pawlowitsch blieb plötzlich
stehen; beide sahen sich etwa fünf Sekunden lang in die Augen, als wären
sie irgendwie unschlüssig; endlich hob Weltschaninoff die Hand und ließ
sie, wie beschwichtigend, sinken.
„Nun, gehen Sie!“ sagte er halblaut und schloß die Tür.