XII. Bei Sachlebinins.

Sachlebinins waren in der Tat eine „höchst anständige Familie“ und der

Staatsrat selbst ein geachteter, einflußreicher und tüchtiger Beamter.

Doch war auch das, was Pawel Pawlowitsch über die Vermögenslage gesagt

hatte, durchaus richtig: Sie lebten gut, starb er aber heute oder

morgen, so blieb nichts übrig.

Der Hausherr empfing Weltschaninoff in der freundlichsten und

herzlichsten Weise: aus dem früheren Feinde schien ein aufrichtiger

Freund geworden zu sein.

„Nun, ich gratuliere, so hat sich alles zum besten gewandt!“ kam er

sogleich in einer etwas gönnerhaft gutmütigen Weise auf den Prozeß zu

sprechen. „Ich habe selbst auf einen gütlichen Vergleich hingewirkt und

Pjotr Karlowitsch“ (Weltschaninoffs Advokat) „ist ja in solchen Sachen

eine Kraft, auf die man sich verlassen kann. Sechzigtausend Rubel

bekommen Sie ohne alle Scherereien, die sind Ihnen ganz fraglos sicher.

So wie die Dinge jetzt liegen. Andernfalls hätte sich der Prozeß noch

drei Jahre hinziehen können.“

Weltschaninoff wurde sogleich Madame Sachlebinin vorgestellt, einer

korpulenten, ältlichen Dame mit einem ziemlich einfachen, etwas müden

Gesicht. Nach und nach erschienen dann auch die Töchter, einzeln oder

paarweis. Aber es kamen ihrer doch schon gar zu viele, nicht acht,

sondern ganze zehn oder zwölf – Weltschaninoff konnte sie nicht einmal

zählen, da es ein fast ununterbrochenes Kommen und Gehen war. Doch

befanden sich unter ihnen auch mehrere Freundinnen aus den in der

Nachbarschaft liegenden Landhäusern. Das Landhaus, in dem Sachlebinins

wohnten, – ein großes hölzernes, in undefinierbarem, doch recht

eigentümlichem Stil gebautes Haus mit verschiedenen Anbauten – war von

einem großen Garten umgeben; in diesem Garten lagen in ziemlicher

Entfernung noch drei oder vier Landhäuser; und da der Garten allen

Anwohnern gemeinsam gehörte, so war es selbstverständlich, daß die

jungen Mädchen mit den Altersgenossinnen aus den anderen Landhäusern

Freundschaft geschlossen hatten.

Es fiel Weltschaninoff nicht schwer, alsbald zu erraten, daß sein

Erscheinen niemanden überrascht, daß man ihn vielmehr erwartet hatte und

sein Besuch als Freund Pawel Pawlowitschs von diesem womöglich feierlich

angemeldet worden war. Sein in solchen Angelegenheiten gut geschulter

Scharfblick – Erfahrung lehrt – durchschaute sogar noch mehr als das:

der so überaus liebenswürdige Empfang seitens der Eltern, sowie das

etwas eigentümliche Verhalten der jungen Damen und nicht zuletzt auch

ihre festliche Kleidung (es war allerdings ein Feiertag, aber immerhin

–!) – alles das rief in ihm den Verdacht hervor, daß Pawel Pawlowitsch

ihm ein Stückchen gespielt und – was sehr möglich war – angedeutet

hatte, natürlich ohne irgend etwas Genaueres zu sagen, daß sein Freund

Weltschaninoff ein sich langweilender Junggeselle sei, der „zur besten

Gesellschaft gehört und vermögend ist“, und daß er sich vielleicht

endlich einmal entschließen werde, „seine Freiheit aufzugeben“, zumal er

gerade jetzt noch ein Vermögen dazu geerbt hatte. Allem Anscheine nach

war die älteste Tochter, Katerina Fedossejewna, – dieselbe, die schon

vierundzwanzig Jahre alt sein sollte und die Pawel Pawlowitsch als

„reizend“ bezeichnet hatte – sogar ein wenig darauf vorbereitet worden.

Wenigstens zeichnete sie sich durch ihre Kleidung wie durch eine ganz

besonders sorgfältige, sehr reizvolle und originelle Frisur ihres sehr

schönen blonden Haares aus. Die Schwestern aber und die Freundinnen

blickten alle so drein, als wüßten auch sie es ganz genau, daß

Weltschaninoff „Katjäs wegen“ sich hatte einführen lassen und nur

gekommen war, „um sie zu sehen“. Ihre Blicke und einzelne hin und wieder

entschlüpfende Bemerkungen schienen ihm die Richtigkeit dieser Annahme

noch zu bestätigen.

Katerina Fedossejewna war eine hoch gewachsene, fast üppige Blondine mit

einem sympathischen lieben Gesicht, still, sehr wenig temperamentvoll,

vielleicht sogar ein wenig phlegmatisch. „Sonderbar, daß eine solche

sitzen geblieben ist,“ dachte Weltschaninoff unwillkürlich, indem er sie

mit aufrichtigem Wohlgefallen betrachtete, „mag sie auch keine Mitgift

bekommen und später einmal, vielleicht schon bald, in ihren Formen

sozusagen ausfließen – aber für das, was sie vorläufig ist, gibt es doch

so viele Liebhaber ...“ Auch die übrigen Schwestern sahen nicht übel aus

und unter den Freundinnen schienen sogar ein paar recht pikante und

hübsche Gesichtchen zu sein. Die Sache begann ihn zu interessieren,

übrigens war er ja auch mit besonderen Absichten zu ihnen gekommen.

Nadeschda Fedossejewna, die sechste Tochter, die noch die Schule

besuchende „Erwählte“ Pawel Pawlowitschs, ließ auf sich warten.

Weltschaninoff sah mit wachsender Ungeduld ihrem Erscheinen entgegen,

worüber er sich selbst wunderte und sich sogar heimlich auslachte.

Endlich erschien sie – nicht ohne mit ihrem Erscheinen einen gewissen

Eindruck zu machen – am Arme einer älteren, sehr lebhaften Freundin.

Diese Freundin, Marja Nikititschna mit Namen – eine mittelgroße

Erscheinung, brünett, mit einem komischen Gesicht, wurde, wie es sich

sogleich herausstellen sollte, von Pawel Pawlowitsch ganz besonders

gefürchtet. Sie lebte als Hauslehrerin der Kinder einer bekannten

Familie in einem der Nachbarhäuser und wurde, da sie bereits

dreiundzwanzig Jahre zählte, auch nichts weniger als dumm und sehr

lustig war, von den jungen Mädchen nahezu verehrt und von der ganzen

Familie wie eine Verwandte behandelt. Ersichtlich war sie auch Nadjä[10]

in diesem Augenblick eine unentbehrliche Stütze. Weltschaninoff bemerkte

sogleich, daß alle Mädchen sich gegen Pawel Pawlowitsch verschworen

haben mußten, die Freundinnen nicht ausgenommen, und schon wenige

Augenblicke nach Nadjäs Erscheinen war er überzeugt, daß sie, die

Hauptperson, ihn einfach haßte. Gleichzeitig stellte er fest, daß Pawel

Pawlowitsch nichts davon bemerkte oder wenigstens nicht bemerken wollte.

Nadjä war zweifellos die hübscheste von allen Schwestern: eine kleine

Brünette mit dem Mienenspiel eines echten Wildfangs und der Dreistigkeit

einer geborenen Nihilistin, ein spitzbübisches Teufelchen mit blitzenden

Augen, einem reizenden Lächeln – das übrigens auch recht boshaft und

spöttisch sein konnte – einem entzückenden Mund und noch entzückenderen

Zähnchen, ein schlankes, strammes Figürchen, mit den ersten eigenen

Denkversuchen im sprechenden Ausdruck des Gesichtchens, das aber dabei

doch noch ganz kindlich wirkte. Ihre fünfzehn Jahre verrieten sich in

jedem Schritt, in jedem Wort. Später stellte es sich heraus, daß Pawel

Pawlowitsch sie zum erstenmal tatsächlich mit dem Büchertäschchen

gesehen hatte.

Die Überreichung des Geschenks mißlang vollkommen und machte sogar einen

sehr unangenehmen Eindruck. Pawel Pawlowitsch trat sogleich, kaum daß er

seine „Braut“ erblickt hatte, auf sie zu und überreichte ihr mit einem

verlegenen Lächeln das Etui als Ausdruck seines „Dankes für das

Vergnügen, das ihm die von Nadeschda Fedossejewna während seines letzten

Besuches gesungene Romanze bereitet ...“ Er kam aus dem Konzept,

stockte, wußte sich nicht zurechtzufinden, stand wie ein Verlorener vor

ihr und wollte ihr das Etui mit dem Armband förmlich in die Hand

drücken. Nadeschda Fedossejewna errötete vor Zorn und Scham, versteckte

schnell beide Hände hinter dem Rücken und wandte sich brüsk an die Mama,

die gleichfalls etwas peinlich berührt schien, und sagte schnippisch:

„Ich mag es nicht, ^maman^!“

„Nimm es entgegen und bedank dich,“ sagte der Vater mit ruhiger Strenge,

doch war auch er offenbar nicht sehr erbaut von dieser Überraschung.

„Überflüssig, mein Lieber, überflüssig!“ brummte er in leise

zurechtweisendem Tone.

Nadjä nahm, da ihr nichts anderes übrig blieb, mit niedergeschlagenen

Augen das Etui in Empfang und machte einen Knix, wie ihn kleine Mädchen

zu machen pflegen. Eine der Schwestern trat darauf zu ihr, um das

Geschenk zu betrachten, doch Nadjä reichte ihr sogleich das Etui, ohne

es vorher zu öffnen, womit sie natürlich zeigen wollte, daß sie die

Schmucksache überhaupt nicht zu sehen wünsche. Das Armband wurde

herausgenommen und ging von Hand zu Hand, doch alle betrachteten es

stumm, einige sogar mit kaum merklichem Spottlächeln. Nur die Mama

äußerte halblaut, daß es „sehr nett“ sei. Pawel Pawlowitsch wäre am

liebsten in die Erde versunken.

Da rettete Weltschaninoff die Situation.

Lebhaft und mit seiner ganzen Routine knüpfte er sogleich ein Gespräch

an, benutzte den ersten besten Gedanken, der ihm kam, und es vergingen

keine fünf Minuten, da hatte er bereits die Aufmerksamkeit aller

Anwesenden gefesselt. Die Kunst, in Gesellschaft zu plaudern,

beherrschte er meisterhaft, – das heißt die Kunst, vollkommen harmlos zu

scheinen und zu tun, als halte er seine Zuhörer für genau so harmlos und

offenherzig, wie er es selbst ist. Mit fabelhafter Naturtreue gelang es

ihm auch, wenn es nötig war, den glücklichsten und heitersten Menschen

darzustellen. Nicht minder geschickt verstand er z. B. eine

scharfsinnige, interessante Bemerkung, eine witzige Anspielung oder eine

humorvolle Anekdote so nebenbei mit ins Gespräch einzuflechten, als habe

sich das ganz von selbst ergeben, als bemerke er es überhaupt nicht,

oder als sei alles Geistvolle ganz selbstverständlich – während in

Wirklichkeit sowohl die Bemerkung wie die Anspielung und die betreffende

Anekdote vielleicht schon viel früher einmal von ihm ersonnen und

auswendig gelernt und wohl schon manches liebe Mal angebracht worden

waren. Doch diesmal kam seiner Kunst noch die Natur selbst zu Hilfe: er

fühlte sich zu einer geistvollen Unterhaltung so aufgelegt, wie noch

nie; es war da irgend etwas, das ihn einfach mit sich selbst fortriß;

und die Überzeugung, daß in wenigen Minuten alle diese Augen nur auf ihn

gerichtet sein, alle Anwesenden nur ihm allein zuhören, nur mit ihm

allein sprechen und nur über seine Witze lachen würden, gab ihm die

Sicherheit der Siegesgewißheit und inspirierte ihn in einer Weise, daß

er förmlich sich selbst übertraf. Und in der Tat, bald hörte man leises

Lachen und schon ließen sich auch andere ins Gespräch hineinziehen –

denn das verstand er vorzüglich, andere gleichfalls zum Reden zu bringen

– und schon begannen drei oder vier zu gleicher Zeit zu sprechen, so

lebhaft war man geworden. Sogar das gelangweilte, müde Gesicht der

Madame Sachlebinin erhellte sich vor Freude, und mit Katerina

Fedossejewna war dasselbe der Fall: sie hörte ihm mit dem lebhaftesten

Interesse zu und schien überhaupt nur noch für ihn Augen und Ohren zu

haben.

Nadjä beobachtete ihn unausgesetzt mit prüfenden Blicken etwas unter der

Stirn hervor – sie war augenscheinlich gegen ihn eingenommen. Das trieb

ihn nur noch mehr an, den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit ins

Treffen zu führen. Der „boshaften“ Marja Nikititschna gelang es aber

doch, eine ihm ziemlich peinliche Stichelei anzubringen: sie behauptete

plötzlich – was sie sich selbst ausgedacht hatte – daß Pawel Pawlowitsch

bei seinem Besuch tags zuvor von ihm als von seinem ehemaligen

Spielkameraden und Jugendfreund gesprochen habe, wodurch sie zu

verstehen gab, daß sie ihn für ebenso alt halte, wie Pawel Pawlowitsch,

der doch um ganze sieben Jahre älter war, als Weltschaninoff. Doch auch

der boshaften Marja Nikititschna gefiel er schließlich. Pawel

Pawlowitsch war einfach wie vor den Kopf gestoßen. Obschon er wußte,

welch ein glänzender Gesellschafter sein „Freund“ sein konnte, und sich

anfangs aufrichtig über seinen Erfolg gefreut hatte – er lachte zunächst

über jedes gelungene Wort oder kicherte beifällig und mischte sich sogar

selbst ins Gespräch – so verstummte er doch allmählich, schien gleichsam

nachdenklich zu werden, und zu guter Letzt sprach sogar eine gewisse

offenkundige Verstimmtheit aus seinem verbissenen Gesicht.

„Nun, Sie sind ja ein Gast, um dessen Unterhaltung man sich nicht erst

zu bemühen braucht,“ meinte schließlich der alte Sachlebinin heiter,

indessen er sich vom Stuhl erhob, um sich in sein Arbeitszimmer zu

begeben. Dort harrte seiner eine ganze Menge Schriftstücke, die er,

obschon es ein Feiertag war, alle noch durchsehen wollte. „Und stellen

Sie sich vor, ich hielt Sie für den schlimmsten Hypochonder unter allen

unseren Junggesellen. Da sieht man wieder, wie man sich mitunter

täuschen kann!“

Im Saal stand ein Flügel; Weltschaninoff fragte, wer sich von den Damen

mit Musik beschäftige, und plötzlich wandte er sich an Nadjä:

„Sie singen, nicht wahr?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“ fragte Nadjä schnippisch.

„Pawel Pawlowitsch sagte es doch vorhin.“

„Das ist nicht wahr! Ich singe gar nicht! Oder wenn ich singe, dann tue

ich es nur so zum Ulk. Ich habe überhaupt keine Stimme.“

„Auch ich habe keine Stimme und doch singe ich.“

„Ja? Werden Sie uns etwas vorsingen? Nun, dann werde auch ich singen!“

rief Nadjä mit aufblitzenden Augen, „aber nicht jetzt, später, nach dem

Essen! – Ich kann Musik nicht ausstehen,“ fuhr sie fort, „dieses ewige

Geklimper langweilt mich furchtbar. Bei uns wird doch vom Morgen bis zum

Abend gespielt und gesungen – Katjä allein übt ja schon den ganzen Tag.“

Weltschaninoff griff sofort die Bemerkung auf und es stellte sich

heraus, daß von allen in der Tat nur Katerina Fedossejewna sich

ernstlich mit Musik beschäftigte. Da wandte er sich sogleich mit der

Bitte an sie, doch etwas vorzuspielen. Ersichtlich berührte es alle sehr

angenehm, daß er sich an Katjä gewandt hatte, und ^maman^ errötete sogar

vor Freude. Katerina Fedossejewna erhob sich lächelnd und trat an den

Flügel: und mit einemmal – es kam ihr selbst ganz unerwartet – errötete

sie gleichfalls, und plötzlich schämte sie sich entsetzlich, daß sie,

die schon so groß und schon vierundzwanzig Jahre alt und schon so üppig

war, wie ein kleines Mädchen erröten konnte, – und alles das las man in

ihrem Gesicht, während sie sich hinsetzte, um die Bitte des Gastes zu

erfüllen. Sie spielte irgend etwas von Haydn und spielte es tadellos,

wenn auch ohne besonderen Ausdruck. Offenbar: sie schämte sich. Nachdem

sie es beendet hatte, begann Weltschaninoff animiert, nicht ihr Spiel,

sondern Haydn und namentlich jene kleine Komposition von ihm, die sie

gespielt hatte, beifällig zu beurteilen, und das war ihr augenscheinlich

so angenehm und sie hörte so dankbar und glücklich das Lob an, das nicht

ihr, sondern Haydn galt, daß Weltschaninoff sie unwillkürlich

aufmerksamer und fast sogar zärtlich betrachtete: „Ei, du bist ja

reizend!“ sprach sein Blick – und plötzlich errieten alle diesen Blick,

und auch Katerina Fedossejewna erriet ihn.

„Sie haben da einen herrlichen Garten,“ wandte er sich wieder an alle,

nach einem Blick durch die Glastür der Veranda, „ich möchte einen

Vorschlag machen: gehen wir jetzt alle etwas spazieren.“

„Ja, ja, gehen wir, gehen wir!“ erscholl von allen Seiten fröhlicher

Beifall, als hätte er den größten Herzenswunsch aller Anwesenden

ausgesprochen.

Im Garten blieb man dann bis zum Mittagessen, das nach der Petersburger

Sitte wie gewöhnlich um fünf Uhr serviert wurde. Madame Sachlebinin, die

nicht gut ohne ein Nachmittagsschläfchen auskam, konnte sich doch nicht

enthalten, mit den übrigen hinauszugehen, blieb aber dann „zur Erholung“

auf der Veranda sitzen, wo sie alsbald einschlummerte. Im Garten wurden

die Beziehungen zwischen Weltschaninoff und den jungen Mädchen noch

freundschaftlicher. Er bemerkte alsbald, daß aus den Nachbarvillen drei

Jünglinge sich zu ihnen gesellt hatten. Einer von ihnen war Student, ein

anderer erst Gymnasiast. Sie suchten jeder sogleich die entsprechende,

junge Dame auf, um derentwillen sie offenbar nur gekommen waren. Der

dritte „junge Mann“ – ein zwanzigjähriger Jüngling mit struppigem Haar

und finsterem Gesicht, das eine große blaue Brille noch mehr

verfinsterte – begann schnell und ärgerlich mit Marja Nikititschna und

Nadjä über irgend etwas zu tuscheln. Er musterte auch Weltschaninoff mit

strengem Blick und schien es offenbar für seine Pflicht zu halten, ihn

mit der größten Verachtung zu behandeln. Einige der Mädchen schlugen

vor, schneller „mit dem Spiele“ zu beginnen. Auf Weltschaninoffs Frage,

was denn gespielt werden solle und welche Spiele sie gewöhnlich

bevorzugten, wurde ihm die vielstimmige Antwort zuteil, daß sie

gewöhnlich „alle Spiele“ spielten, am Abend aber komme meist ein

Sprichwörterspiel an die Reihe – und sie erklärten ihm dasselbe

ausführlich folgendermaßen: Alle setzen sich und einer oder eine muß

fortgehen und sich die Ohren zuhalten; die Sitzenden wählen dann

irgendein Sprichwort, z. B. „Eile mit Weile“, und nachdem dann der,

welcher fortgegangen, wieder zurückgerufen ist, muß jeder oder jede der

Reihe nach einen Satz sagen: die erste einen, in dem unbedingt das Wort

„Eile“ vorkommen muß, die zweite einen Satz mit dem Wort „mit“, und so

weiter. Jener aber „müsse unbedingt die richtigen Wörter herausmerken

und das Sprichwort erraten“.

„Das muß ja sehr amüsant sein,“ meinte Weltschaninoff.

„Ach nein, gar nicht, es ist furchtbar langweilig!“ antworteten zwei

oder drei Stimmen zugleich.

„Oh, aber zuweilen spielen wir auch Theater!“ wandte sich plötzlich

Nadjä ihm zu. „Sehen Sie dort den großen Baum mit dem Buschwerk

ringsherum: dort, hinter dem Baum, sind die Kulissen – es sind ja keine,

aber wir sagen so – dort sitzen dann die Schauspieler, gleichviel was

sie da sind, König oder Königin, oder die Prinzessin, oder der Held und

Liebhaber – wie es ein jeder selbst will. Und jeder tritt dann auf, wenn

er Lust hat und redet, was ihm einfällt. Nun und so kommt denn dabei

irgend etwas heraus.“

„Das muß ja allerliebst sein!“ meinte wiederum Weltschaninoff in

lobender Anerkennung der Leistungen.

„Ach nein, schrecklich langweilig! Zuerst ist es ganz lustig, aber zum

Schluß wird es immer blödsinnig, denn niemand versteht irgendwie

abzuschließen. Ja, mit Ihnen, da wäre es was anderes, wenn Sie

mitspielen wollten. Wir glaubten doch, daß Sie ein Freund von Pawel

Pawlowitsch seien, aber da stellt es sich jetzt heraus, daß er einfach

nur geprahlt hat. Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind ... und das –

aus einem besonderen Grunde ...“

Sie sah ihn sehr ernst und bedeutsam an und kehrte wieder zu ihrer Marja

Nikititschna zurück.

„Das Sprichwörterspiel werden wir am Abend spielen,“ tuschelte plötzlich

vertrauensvoll und mitteilsam eine der kleinen Freundinnen

Weltschaninoff zu, – eine, die er bis dahin noch kaum beachtet und mit

der er noch kein Wort gesprochen hatte, „und wenn wir dann alle Pawel

Pawlowitsch auslachen, müssen Sie mitlachen, ja?“

„Ach, wie gut das ist, daß Sie gekommen sind, sonst ist es bei uns immer

so langweilig!“ teilte ihm freundschaftlich eine andere Kleine mit, die

er überhaupt noch nicht bemerkt hatte, und die plötzlich Gott weiß woher

aufgetaucht war – eine kleine Rothaarige mit Sommersprossen und einem

vom Laufen höchst komisch geröteten Gesicht.

Pawel Pawlowitschs Unruhe wurde immer größer. Weltschaninoff dagegen

schloß inzwischen Freundschaft mit Nadjä, die ihn längst nicht mehr

mißtrauisch betrachtete, vielmehr jede Absicht, ihn genauer zu prüfen,

vergessen zu haben schien, und vorläufig nur lachte und lief und

herumhüpfte und zweimal plötzlich sogar seine Hand ergriff. Sie war

unsagbar glücklich, Pawel Pawlowitsch jedoch schenkte sie nicht die

geringste Beachtung, als existiere er überhaupt nicht. Bald hatte

Weltschaninoff sich überzeugt, daß eine regelrechte Verschwörung gegen

Pawel Pawlowitsch geplant war. Nadjä und die halbe Schar der Mädchen

führte Weltschaninoff nach der einen Seite des Gartens, während

gleichzeitig die andere halbe Schar Pawel Pawlowitsch unter

verschiedenen Vorwänden nach der entgegengesetzten Seite zu entführen

suchte, was jedoch nicht gelang. Pawel Pawlowitsch riß sich nämlich

plötzlich los und eilte schnurstracks zu Weltschaninoff und Nadjä, die

beide ordentlich erschraken, als sein kahler, unruhig aufhorchender

Schädel zwischen ihnen auftauchte. Zu guter Letzt scheute er sich gar

nicht mehr, offen seine Eifersucht zu zeigen, – die Naivität seines

Gebarens war bisweilen mehr als erstaunlich. Weltschaninoff konnte nicht

umhin, Katerina Fedossejewna nochmals mit besonderem Interesse zu

betrachten: sie war sich jetzt natürlich schon klar darüber, daß er

durchaus nicht um ihretwillen gekommen war und sich bereits gar zu

lebhaft für Nadjä interessierte, doch der Ausdruck ihres Gesichts blieb

ebenso lieb und gut, wie er vorher gewesen war. Sie schien allein schon

deshalb glücklich zu sein, weil sie gleichfalls bei ihnen sein und mit

anhören konnte, was der neue Gast sprach; leider verstand es die Ärmste

nur gar nicht, sich auch selbst geschickt am Gespräch zu beteiligen.

„Wie reizend Ihre Schwester Katerina Fedossejewna ist!“ sagte er leise

zu Nadjä.

„Katjä? Ja kann es denn überhaupt eine bessere Seele geben? Sie ist doch

unser Engel, ich bin einfach in sie verliebt!“ entgegnete die Kleine

ganz begeistert.

Um fünf Uhr ging man zu Tisch. Auch das Mittagessen zeichnete sich in

einer Weise aus, die verriet, daß es zu Ehren des Gastes mit besonderer

Sorgfalt zubereitet worden war. Zwei oder drei der Speisen waren

zweifellos Zugaben, die die staatsrätliche Küche nicht jeden Tag

herstellte, und eine von ihnen war sogar so eigenartig, daß es wohl

jedem Uneingeweihten schwer gefallen wäre, der Speise einen Namen zu

geben. Außer dem üblichen Tischwein gab es noch – offenbar gleichfalls

zu Ehren des Gastes – Tokaier, und zum Schluß wurde sogar Champagner

gereicht. Der alte Herr Sachlebinin fühlte sich durch die verschiedenen

Gläschen in die leutseligste Stimmung versetzt und war bereit, über

alles, was Weltschaninoff sagte, zu lachen. Das endete damit, daß Pawel

Pawlowitsch sich von seinem Ehrgeiz verleiten ließ, gleichfalls etwas

Witziges zu sagen: und plötzlich erscholl an jenem Ende des Tisches, wo

er neben Madame Sachlebinin saß, lautes Gelächter der jungen Mädchen.

„Papa, Papa! Pawel Pawlowitsch hat auch einen Witz gemacht!“ riefen zwei

wie aus einem Munde. „Er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich

freuen müsse ...‘“

„Ah, also auch er macht Witze! Nun, was für einen Witz hat er denn

gemacht?“ erkundigte sich erwartungsvoll der Staatsrat, sich huldvoll

jenem Tischende zuwendend, und er lächelte bereits im voraus über den

Witz, den er nun zu hören bekommen würde.

„Aber das war es doch, er sagt, wir seien ‚_Fräu_lein, über die man sich

_freuen_ müsse‘.“

„J–ja? Nun und?“

Der alte Herr begriff den „Witz“ noch immer nicht und lächelte in der

Erwartung noch freundlicher.

„Ach, Papa, wie Sie aber auch sind! Nun, ‚_Fräu_lein‘ und dann

‚_freuen_‘ – ‚Fräu‘ klingt wie ‚freu‘, also ‚_Fräu_lein, über die man

sich _freuen_ müsse‘.“

„A–a–ah!“ machte der Alte etwas verblüfft. „Hm! Nun, das nächstemal wird

er einen besseren Witz machen!“

Und er lachte vor sich hin.

„Pawel Pawlowitsch, man kann sich doch nicht durch alle Vorzüge

auszeichnen!“ neckte ihn Marja Nikititschna. „Ach, mein Gott, eine Gräte

ist ihm in den Hals geraten, er erstickt!“ rief sie plötzlich ganz

erschrocken und sprang im Nu vom Stuhl auf.

Das rief eine allgemeine Verwirrung hervor – doch weiter wollte ja Marja

Nikititschna nichts damit bezwecken. Pawel Pawlowitsch hatte sich nur

ein wenig verschluckt, als er, um seine Verlegenheit zu verbergen, beim

Weintrinken nach dem Glase gegriffen, doch Marja Nikititschna

versicherte nach allen Seiten, daß es eine Gräte sei, sie habe es selbst

gesehen, und er könne davon sterben.

„Auf den Rücken klopfen!“ rief jemand.

„Ja, das ist das Beste!“ bestätigte der Hausherr laut, und im Augenblick

waren auch schon eine ganze Reihe Dienstbeflissener zur Stelle: Marja

Nikititschna und die kleine, drollige, rothaarige Freundin – die man mit

zu Tisch geladen hatte – und sogar die Dame des Hauses, die ernstlich

erschrocken zu sein schien. Pawel Pawlowitsch war gleichfalls

aufgesprungen, um möglichst den Schlägen zu entgehen, doch lange mußte

er vergeblich nach links und rechts beteuern, daß er sich nur beim

Weintrinken verschluckt habe und der Husten sogleich vorüber sein werde

– bis man endlich erriet, daß das Ganze nur ein mutwilliger Streich von

Marja Nikititschna war.

„Schäm dich, du bist wieder mal unglaublich! ...“ wandte sich Madame

Sachlebinin in streng verweisendem Tone an Marja Nikititschna, konnte

sich aber selbst nicht bezwingen und lachte so belustigt auf, wie man es

von ihr wohl nur höchst selten gehört hatte, – nach dem Eindruck zu

urteilen, den ihr Lachen selbst auf die fröhlichen Familienmitglieder

machte.

Nach dem Essen wurde der Kaffee auf der Veranda getrunken.

„Wie schön das Wetter jetzt ist!“ sagte der Alte lobend und mit

Wohlgefallen in den Garten blickend. „Regen könnte allerdings nicht

schaden ... Doch – ich werde mich jetzt etwas zurückziehen und erholen.

Nun, amüsiert euch nur, amüsiert euch! Und auch du amüsiere dich!“ riet

er beim Hinausgehen noch Pawel Pawlowitsch und klopfte ihm

freundschaftlich auf die Schulter.

Kaum waren alle wieder im Garten, da zupfte plötzlich Pawel Pawlowitsch

Weltschaninoff am Ärmel.

„Auf einen Augenblick!“ flüsterte er sichtlich erregt.

Sie bogen in einen Seitenweg ein, der nach dem einsamen Teil des Gartens

führte.

„Nein, hier, verzeihen Sie, hier will ich’s mir denn doch verbitten ...

hier werde ich es mir doch nicht gefallen lassen!“ sagte er wutbebend –

seine Faust ließ den Ärmel nicht los.

„Was denn? Was?“ fragte Weltschaninoff und sah ihn mit großen Augen ganz

erstaunt an.

Pawel Pawlowitsch blickte schweigend zu ihm auf, bewegte die Lippen und

– lächelte vor Wut.

„Wohin gehen Sie denn? So kommen Sie doch! Wo bleiben Sie denn? Alles

ist schon fertig!“ hörte man die ungeduldig rufenden Stimmen der jungen

Mädchen.

Weltschaninoff zuckte mit der Achsel und kehrte zu ihnen zurück. Pawel

Pawlowitsch folgte ihm.

„Ich könnte wetten, daß er Sie um ein Taschentuch gebeten hat,“ sagte

Marja Nikititschna, „gestern hatte er gleichfalls sein Taschentuch

vergessen.“

„Ewig vergißt er was!“ bemerkte eine der mittleren Schwestern.

„Er hat sein Taschentuch vergessen! Pawel Pawlowitsch hat sein

Taschentuch vergessen! ^Maman^, Pawel Pawlowitsch hat wieder sein

Taschentuch vergessen! ^Maman^, Pawel Pawlowitsch hat wieder Schnupfen!“

tönte es von allen Seiten.

„Aber weshalb sagt er denn das nicht gleich! Wie können Sie nur so ...

pedantisch sein, Pawel Pawlowitsch!“ sagte überaus langsam Madame

Sachlebinin. „Ein Schnupfen kann sehr gefährlich werden. Ich werde Ihnen

sogleich ein Taschentuch schicken ... Wie kommt es nur, daß Sie einen

Schnupfen haben?“ fragte sie noch im Fortgehen, innerlich froh über den

Vorwand, der ihr die Möglichkeit gab, sich wieder zurückzuziehen.

„Ich habe _zwei_ Taschentücher und gar keinen Schnupfen!“ rief Pawel

Pawlowitsch ihr nach, doch sie hörte es zu undeutlich, um ihn zu

verstehen, und nach einer kleinen Weile, während der man weitergegangen

war und Pawel Pawlowitsch sich näher an Nadjä und Weltschaninoff

herangeschlängelt hatte, kam ihnen ein Hausmädchen atemlos nachgelaufen

und brachte ihm das versprochene Taschentuch.

„Jetzt spielen, spielen, das Sprichwörterspiel!“ riefen die Mädchen

eifrig, als erwarteten sie Gott weiß was von diesem Spiel.

Man setzte sich auf die Gartenbänke in einer Reihe hin und Marja

Nikititschna erhob sich als erste; man sagte ihr, sie solle möglichst

weit fortgehen und „nur ja nicht horchen!“ Währenddessen wählte man ein

Sprichwort. Marja Nikititschna wurde zurückgerufen und erriet es

sogleich.

Nach ihr kam die Reihe an den jungen Mann mit dem struppigen Haar und

der blauen Brille. Von ihm verlangte man, daß er noch weiter fortgehe,

bis zur Laube, und sich so hinstelle, „mit dem Rücken zu uns und mit dem

Gesicht nach dem Zaun“. Der finstere junge Mann befolgte die Vorschrift

mit verächtlicher Miene und schien sie sogar als eine gewisse moralische

Erniedrigung zu empfinden. Als man ihn zurückrief, konnte er nichts

erraten; er hörte die ganze Reihe nacheinander an, jeder Satz wurde ihm

zweimal gesagt, er dachte lange und finster grübelnd nach, doch leider

vergeblich. Man lachte ihn schließlich aus und sagte ihm, er solle sich

schämen. Das Sprichwort lautete:

„Zu Gott gebetet und dem Zaren gedient, ist nicht vergebliche Müh’.“

„So ’n Blödsinn!“ brummte der verletzte Jüngling unwillig und zog sich

auf seinen Platz zurück.

„Ach wie langweilig!“ hörte man von einigen.

Weltschaninoff mußte gehen: man schickte ihn also fort, doch auch er

konnte nichts erraten.

„Ach wie langweilig!“ sagten noch mehr Stimmen.

„Nun, jetzt gehe ich,“ sagte Nadjä.

„Nein, nein, jetzt muß Pawel Pawlowitsch gehen, jetzt ist er an der

Reihe!“ riefen mehrere Stimmen und alle belebten sich ein wenig.

Pawel Pawlowitsch wurde bis zum Zaun geführt und dort mußte er stehen

bleiben; damit er sich aber nicht etwa umsah, mußte die kleine

Rothaarige ihn bewachen. Pawel Pawlowitsch, der wieder etwas Mut gefaßt

hatte und ordentlich munter geworden war, beabsichtigte natürlich,

ehrlich und eifrig seine Pflicht zu erfüllen, und stand wie ein Pfosten,

sah den Zaun an und wagte nicht einmal, sich zu rühren, geschweige denn,

sich umzuschauen. Die kleine Rothaarige stand bei der Laube, etwa

zwanzig Schritt von ihm entfernt, und gab aufgeregt den übrigen

verschiedene Winke: es mußte etwas Besonderes geplant worden sein.

Plötzlich winkte sie mit beiden Händen so schnell sie konnte: da

sprangen alle auf und liefen Hals über Kopf davon.

„Laufen Sie, laufen Sie mit uns!“ tuschelten eifrig und in fast

angstvoller Erregung wohl zehn Stimmen Weltschaninoff zu, ordentlich

böse und zugleich ganz verzweifelt darüber, daß er nicht sogleich

mitlief.

„Was ist denn? Was ist passiert?“ fragte er, schnellen Schritts ihnen

folgend.

„Sch! leise! schreien Sie nicht! Mag er dort stehen und den Zaun

betrachten, wir aber laufen alle fort. Da kommt auch schon Nastjä

gelaufen!“

Die kleine rothaarige Freundin, Nastjä, kam ihnen in einer Eile und

Aufregung nachgelaufen, als wäre der Himmel weiß was geschehen. Endlich

war man ganz am anderen Ende des Gartens, hinter dem Teich, angelangt.

Als Weltschaninoff sich ihnen näherte, sah er, daß Katerina Fedossejewna

heftig mit den anderen stritt, namentlich mit Nadjä und Marja

Nikititschna.

„Katjä, Täubchen, sei nicht böse!“ bat Nadjä herzlich und küßte die

Schwester.

„Nun gut, ich werde es nicht Mama sagen, aber ich gehe fort. Es ist doch

wirklich nicht schön von euch, es ist sogar recht häßlich. Was muß der

Arme dort am Zaun empfinden, wenn ihr ihn so lange stehen laßt und

betrügt!“

Und sie ging wirklich fort – aus Mitleid mit ihm, die anderen aber

blieben erbarmungslos bei ihrem Entschluß. Auch von Weltschaninoff wurde

streng verlangt, daß er, wenn Pawel Pawlowitsch sich wieder zu ihnen

gesellte, ihn überhaupt nicht beachten und tun solle, als sei nichts

geschehen.

„Und wir wollen jetzt alle unser Fangspiel spielen!“ rief die kleine

Rothaarige ganz außer sich vor Entzücken.

Pawel Pawlowitsch kam erst nach einer guten Viertelstunde wieder zu

ihnen. Zwei Drittel dieser Zeit hatte er bestimmt regungslos am Zaun

gewartet. Das Fangspiel war in vollem Gange und gelang vortrefflich –

alle schrien und amüsierten sich köstlich. Pawel Pawlowitsch kochte vor

Wut, trat schnell an Weltschaninoff heran und faßte ihn wieder am Ärmel.

„Auf einen Augenblick!“

„Ach Gott, was will er immer mit seinen Augenblicken!“

„Er will wieder ein Taschentuch haben!“ hörten sie hinter sich rufen.

„Nein, diesmal sind Sie es gewesen! diesmal Sie ganz allein, jawohl

_Sie_, _Sie_! Sie haben die Mädel dazu veranlaßt! ...“

Pawel Pawlowitsch war so erregt, daß seine Zähne aufeinanderschlugen.

Weltschaninoff unterbrach ihn und riet ihm in ruhigem Tone, mit den

Heiteren heiter zu sein: „Man neckt Sie doch nur deshalb, weil Sie sich

ärgern, während alle anderen lustig sind.“ Zu seinem Erstaunen machten

dieser Rat und diese Bemerkung Pawel Pawlowitsch ganz betroffen: er

verstummte sogleich und kehrte wie ein Schuldbewußter zur Gesellschaft

zurück, um sich dann gleichfalls am Spiel zu beteiligen. Man ließ ihn

ruhig mitspielen und spielte mit ihm wie mit allen anderen. So verging

noch keine halbe Stunde und er war wieder munter und guter Dinge. Bei

allen Spielen engagierte er als Dame, wenn es nötig war, die kleine

rothaarige Verräterin oder eine der Schwestern. Was Weltschaninoff

besonders in Erstaunen setzte, war, daß er kein einziges Mal Nadjä

anzureden wagte, obschon er sich ununterbrochen in ihrer Nähe aufhielt.

Er schien es nunmehr als etwas Selbstverständliches zu betrachten, daß

sie ihn überhaupt nicht beachtete und sogar eine gewisse Verachtung

hervorkehrte, als sei das ganz natürlich und als müsse es so sein. Zum

Schluß wurde ihm übrigens noch ein Streich gespielt.

Man spielte „Verstecken“. Diesmal mit einer kleinen Neuerung: man

brauchte nicht in dem einmal erwählten Versteck auszuharren, sondern

konnte oder mußte sogar, sobald der Suchende nicht zu sehen war, ein

anderes Versteck aufsuchen. Pawel Pawlowitsch hatte sich bereits sehr

geschickt zwischen dichten Büschen versteckt, als es ihm plötzlich

einfiel, ins Haus zu laufen. Mehrstimmiges Geschrei erschallte – man

hatte ihn gesehen. Da schlüpfte er schnell die Treppe zum zweiten

Stockwerk hinauf, wo er sich in der Treppenkammer hinter einer Kommode

verbarg. Im Nu aber war die kleine Rothaarige hinter ihm hergeschlüpft,

auf den Fußspitzen zur Treppe geschlichen und hatte leise den Schlüssel

umgedreht: Pawel Pawlowitsch saß eingeschlossen in seiner Kammer.

Sogleich brach man das Versteckspiel ab und alle liefen wieder hinter

den Teich. Nach etwa zehn Minuten wurde ihm das Warten dort oben doch

etwas lang, und er steckte vorsichtig den Kopf zum Fenster hinaus:

niemand war zu sehen. Zu rufen wagte er nicht, denn er fürchtete die

Eltern zu wecken; den Mägden war natürlich strengstens befohlen, sich

nicht blicken zu lassen und auf seinen Ruf, falls er rufen sollte, nicht

herbeizueilen. Nur Katerina Fedossejewna hätte ihn aus seiner

Gefangenschaft befreien können, doch leider hatte sie sich in ihr

Zimmerchen zurückgezogen und war über ihren Träumereien schließlich

eingeschlummert. So saß denn Pawel Pawlowitsch dort fast eine ganze

Stunde. Und endlich, endlich erst tauchten die jungen Mädchen wieder

auf. Sie kamen zu zweien, zu dreien, als wäre nichts passiert, und

spazierten harmlos plaudernd vorüber.

„Pawel Pawlowitsch, weshalb kommen Sie denn nicht zu uns? Ach, es ist

dort so lustig! Wir spielen Theater! Alexei Iwanowitsch hat den ‚jungen

Mann‘ gespielt!“

„Pawel Pawlowitsch, weshalb sitzen Sie denn dort? Sie wollen wohl irgend

etwas darstellen, worüber man sich _freuen_ soll?“ fragten im

Vorübergehen zwei andere.

„Worüber denn sich wieder ‚_freuen_‘?“ ertönte da plötzlich die Stimme

der Madame Sachlebinin, die ihr Nachmittagsschläfchen beendet hatte und

gerade von der Veranda in den Garten trat, um sich bis zum Tee noch

etwas zu bewegen und den Spielen der „Kinder“ zuzuschauen.

„Ja dort – über den Pawel Pawlowitsch!“ und sie wiesen nach dem Fenster,

in dem man das verzerrt lächelnde, vor Wut gelblich bleiche Gesicht

Pawel Pawlowitschs sah.

„Aber was ist denn das für ein Vergnügen, allein in einem Stübchen zu

sitzen, wenn draußen alle so lustig sind!“ wunderte sich die Mama.

Inzwischen wurde Weltschaninoff die Ehre zuteil, von Nadjä die huldvolle

Bemerkung, daß sie sich aus einem ganz „besonderen Grunde“ über seinen

Besuch freue, zu vernehmen, und zwar unter vier Augen in einer

entlegenen, einsamen Allee. Marja Nikititschna hatte ihn zu dem Zweck

von den anderen fortgerufen – sehr zu seiner Erleichterung, da ihn die

Spiele schon unwiderstehlich zu langweilen begannen – und ihn in diese

Allee geführt, wo sie ihn mit Nadjä allein ließ.

„Ich bin jetzt vollkommen überzeugt,“ begann diese sogleich, „daß Sie

durchaus nicht ein so großer Freund von Pawel Pawlowitsch sind, wie er

hier geprahlt hat. Ich habe mich auch überzeugt, daß nur Sie allein mir

einen sehr, sehr großen und sehr wichtigen Dienst erweisen können. Hier

ist sein abscheuliches Armband“ – sie zog das Etui aus der Tasche hervor

– „und nun bitte ich Sie recht sehr, ihm dieses Geschenk unverzüglich

wieder einzuhändigen, denn ich selbst werde für keinen Preis noch ein

Wort mit ihm sprechen, weder jetzt noch später, in meinem ganzen Leben

nicht! Übrigens können Sie ihm sagen, daß Sie es ihm in meinem Auftrage

zurückgeben, und fügen Sie nur gleich hinzu, daß er hinfort nicht mehr

wagen soll, mir nochmals mit Geschenken zu kommen. Das übrige werde ich

ihm dann schon durch andere sagen lassen. Werden Sie nun so gut sein und

mir die Freude bereiten, meine Bitte zu erfüllen?“

„Um Gottes willen, verschonen Sie mich damit!“ rief Weltschaninoff fast

entsetzt.

„Was? Verschonen? Warum sagen Sie ‚verschonen‘?“ erschrak Nadjä und sah

ihn groß an.

Vergessen war der ganze damenhafte Ton ihrer vermutlich vorbereiteten

Rede, und sie sah ihn hilflos wie ein Kind an, das dem Weinen nahe ist.

Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen.

„O nein ... so war es nicht gemeint ... ich würde Ihre Bitte gewiß sehr

gern erfüllen, nur ... ich habe da selbst noch einiges mit ihm vor ...“

„Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß Sie nicht sein Freund sein

können und daß er einfach gelogen hat!“ unterbrach ihn Nadjä schnell und

heftig. „Ich werde ihn niemals heiraten, damit Sie’s wissen! Niemals!

Ich begreife nicht, wie er es überhaupt gewagt hat ... Nur müssen Sie

ihm trotzdem sein abscheuliches Armband zurückgeben, was soll ich denn

sonst anfangen? Ich will, daß er unbedingt, unbedingt heute noch das

Geschenk zurückerhält und den Korb einsteckt. Und wenn es ihm einfällt,

zu Papa zu gehen und zu klatschen, dann soll er sehen, was Rache heißt!

...“

Plötzlich tauchte hinter ein paar Büschen in ihrer Nähe der junge Mann

mit dem struppigen Haar und der blauen Brille auf. Im Augenblick stand

er vor ihnen.

„Sie _müssen_ das Armband zurückgeben!“ wandte er sich wütend an

Weltschaninoff, „allein schon im Namen der Frauenrechte, vorausgesetzt,

daß Sie sich über dieselben überhaupt klar sind und auf der Höhe des

Problems stehen! ...“

Weiter kam er leider nicht: Nadjä riß ihn mit aller Gewalt am Ärmel von

Weltschaninoff fort.

„Gott, wie Sie dumm sind, Predpossyloff!“ rief sie zornig. „Gehen Sie

fort! Gehen Sie fort, so gehen Sie doch fort! – und wagen Sie es nicht

wieder, zu lauschen! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie dort weit

hinten stehen sollen!“ Und ihr kleiner Fuß stampfte zornig auf, und

selbst als jener wieder hinter dem Gebüsch verschwunden war, ging sie

noch ganz außer sich hin und her in der Allee und rang die Hände vor

Verzweiflung.

„Nein wirklich, Sie glauben nicht, wie dumm diese Jungen sind!“ sagte

sie. „Ja, Sie haben gut lachen, aber was soll ich denn sagen!“

„Das ist doch nicht _Er_?“ fragte lachend Weltschaninoff, vor dem sie

stehen geblieben war.

„Natürlich nicht _Er_! – wie können Sie sich nur so was denken!“

versetzte Nadjä errötend und mit einem flüchtigen Lächeln. „Das ist nur

sein Freund. Ich begreife nicht, was für Freunde er sich aussucht! Von

diesem sagen sie alle, er sei eine ‚zukünftige Größe‘, ich begreife aber

nichts davon ... Alexei Iwanowitsch, ich habe keinen, an den ich mich

wenden könnte, also zum letztenmal: werden Sie ihm das Armband

zurückgeben oder nicht?“

„Nun gut, ich werde, geben Sie es her.“

„Ach Sie Lieber, ach Sie Guter!“ rief sie erfreut und gab ihm das Etui.

„Ich werde Ihnen dafür den ganzen Abend vorsingen, denn ich habe sogar

eine sehr gute Stimme! Damit Sie’s wissen: ich habe es Ihnen nur

vorgelogen, daß ich Musik nicht ausstehen kann. Ach, wenn Sie doch noch

einmal, noch ein einziges Mal zu uns kämen, ich wäre so froh, und ich

würde Ihnen alles, alles, alles erzählen, und vieles noch außerdem, denn

Sie sind so gut, – so gut wie ... wie Katjä!“

Und sie hielt ihr Versprechen: nachdem man zum Tee ins Haus

zurückgekehrt war, sang sie ihm zwei Romanzen vor. Ihre Stimme war noch

gar nicht geschult, sie begann sich erst zu entwickeln, doch war sie

angenehm und konnte einmal vielleicht zu einer recht umfangreichen

werden.

Pawel Pawlowitsch saß, als die anderen aus dem Garten kamen, bereits

ehrbar und ruhig mit den Eltern am Teetisch, auf dem der große Ssamowar

und Teetassen aus echtem Sèvresporzellan standen. Offenbar hatte er mit

den Eltern über sehr ernste Dinge gesprochen, da er in zwei Tagen

Petersburg verlassen mußte und nicht vor neun Monaten wiederkehren

sollte. Den Eintretenden und namentlich Weltschaninoff schenkte er

überhaupt keine Beachtung. Anzunehmen war, daß er noch nichts

„geklatscht“ hatte, denn vorläufig schien alles „ruhig“ zu sein.

Doch kaum begann Nadjä zu singen – da erschien auch er sogleich im Saal.

Nadjä war so unhöflich, auf eine Frage, die er direkt an sie richtete,

überhaupt nicht zu antworten, doch ließ er sich dadurch nicht im

geringsten abschütteln oder auch nur verwirren: er trat hinter ihren

Stuhl und seine Miene, wie seine ganze Haltung drückten nur zu deutlich

aus, daß er diesen Platz keinem anderen abzutreten gedachte.

„Jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen, ^maman^, jetzt wird Alexei

Iwanowitsch singen!“ riefen die jungen Mädchen lebhaft alle

durcheinander und drängten sich zusammen, ohne die Blicke von

Weltschaninoff abzuwenden, der sich, selbstbewußt, wie immer, bereits an

den Flügel gesetzt hatte. Sogleich kamen denn auch die Eltern in den

Saal, und auch Katerina Fedossejewna, die bei ihnen gewesen und den Tee

eingegossen hatte.

Weltschaninoff wählte ein altes, jetzt schon fast ganz vergessenes Lied

von Glinka[11]:

„Wenn ich dich sehe und du zu mir sprichst ...“

Während des Vortrages wandte er sich ausschließlich an Nadjä, die am

nächsten bei ihm stand und sich an den Flügel stützte. Er hatte schon

lange keine Stimme mehr, die zu einem vollendeten Gesang taugte, doch

was ihm noch geblieben war, zeigte immerhin, daß er einst eine schöne

Stimme gehabt haben mußte. Dieses Lied hatte er als Student vor etwa

zwanzig Jahren zum erstenmal gehört, und zwar vom Komponisten selbst

vorgetragen: es war bei einem Freunde Glinkas an einem kleinen

literarisch-künstlerischen „Junggesellenabend“ gewesen. Glinka war im

Zimmer unruhig auf und ab gegangen und dann hatte er sich plötzlich an

den Flügel gesetzt und seine Lieblingskompositionen gesungen – darunter

auch dieses Lied. Auch Glinka hatte damals keine Stimme mehr gehabt,

doch Weltschaninoff entsann sich noch deutlich des außerordentlichen

Eindrucks, den gerade dieses Lied, halb sprechend vorgetragen, auf alle

Anwesenden gemacht hatte. Niemals hätte ein Dilettant, ein bloßer

Salonsänger, selbst wenn er über die größten Stimmittel verfügte, einen

ähnlichen Eindruck erreicht. Mit jeder Strophe steigert sich in diesem

Liede die Leidenschaft und wuchs schließlich an zu einer alles

mitreißenden Macht; und gerade wegen der Größe und Gewalt dieser

Leidenschaft hätte alles „Gemachte“, hätte die geringste Übertreibung –

wie man sie in der Oper immer wieder hört – das Lied nur herabgezogen

und den Sinn jedes Wortes, jedes Tones entstellt. Um dieses kleine, doch

ganz einzige Lied zu singen, war unbedingt eines erforderlich: wirkliche

Begeisterung, wirkliche Leidenschaft, oder – wenn man ein _großer_

Künstler war – doch wenigstens die vollendetste künstlerische

Beherrschung des Ausdrucks dieser Gefühle. Anderenfalls hätte das Lied

nur unangenehm und vielleicht sogar sehr peinlich wirken können.

Weltschaninoff wußte, daß ihm der Vortrag des Liedes bisher fast immer

gelungen war: hatte sich ihm doch damals, als er es zum erstenmal von

Glinka gehört, jede Nuance und die ganze Art seines Vortrages

unauslöschlich eingeprägt. Und auch diesmal erfaßte ihn, kaum daß er die

ersten Töne angeschlagen und die ersten Worte gesungen hatte, wirkliche

Begeisterung: und die Begeisterung wirkte auf seine Stimme zurück und

ging von da auf die Zuhörenden über. Mit jedem weiteren Wort wuchs das

Gefühl und der Ausdruck wurde stärker, sicherer, fast rücksichtslos, und

es war, als streife er alle, auch die letzten Bedenken ab. So kam es

denn zu dieser außerordentlichen Wirkung. So kam es, daß Nadjä, als er

sie bei den Schlußworten

Nur küssen will ich dich, küssen,

Nur küssen, küssen!

mit vor Leidenschaft blitzendem Blick ansah, erschrocken zusammenfuhr

und unwillkürlich etwas zurückwich: purpurn stieg das Blut ihr in die

Wangen und im Moment war es Weltschaninoff, als habe er in ihrem fast

ängstlichen Gesichtchen und ihren erschrockenen Augen ein kurzes Erraten

bemerkt. Doch auch die Gesichter aller übrigen Zuhörerinnen verrieten

förmliche Entzückung und gleichzeitig doch auch so etwas wie Beschämung

oder ein verschämtes Staunen: es war, als meinten sie alle, so etwas

könne man doch nicht so vor allen Menschen aussprechen, da müsse man

sich doch scheuen! Und doch glühten alle diese Gesichtchen und blitzten

aller Augen und es war, als erwarteten sie noch etwas ... Flüchtig

streifte Weltschaninoffs Blick sie alle, wie sie dasaßen, und blieb auf

Katerina Fedossejewna haften: wie schön sie aussah!

„Nun, das ist mir mal eine Romanze! ...“ brummte jetzt langsam der alte

Sachlebinin, der zum Schluß ganz verblüfft dagesessen hatte, „aber ...

hm! – ist sie nicht doch etwas zu feurig? Sie ist ja sehr schön, aber

...“

„Ja ...“ wollte etwas unschlüssig auch Madame Sachlebinin ihre Meinung

äußern, doch kam sie nicht dazu: Pawel Pawlowitsch war plötzlich neben

Nadjä aufgetaucht: er sah wie ein Irrsinniger aus und vergaß sich so

weit, daß er Nadjä am Arm faßte und sie von Weltschaninoff fortzog – um

dann, fast wankend, wieder vor diesen hinzutreten. Er war offenbar

unzurechnungsfähig. Seine Lippen zuckten krampfhaft.

„Auf einen Augenblick,“ brachte er endlich mühsam hervor.

Weltschaninoff begriff sofort, daß dieser Mensch im nächsten Augenblick

etwas zehnmal Schlimmeres tun konnte, wenn man ihm nicht zuvorkam: er

faßte ihn deshalb an der Hand und führte ihn schnell, ohne sich durch

die Verwunderung der anderen aufhalten zu lassen, auf die Veranda und

von dort noch ein paar Stufen hinab in den Garten. Es dunkelte bereits.

„Begreifen Sie nicht, daß Sie sogleich mit mir von hier fortfahren

müssen!“ stieß Pawel Pawlowitsch bebend hervor.

„Nein, das begreife ich nicht ...“

„Erinnern Sie sich,“ fuhr Pawel Pawlowitsch flüsternd in einer Aufregung

fort, die nahezu unheimlich war, „erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie

damals von mir verlangten, ich solle Ihnen alles sagen, _alles_,

verstehen Sie, und ganz aufrichtig ‚das letzte Wort‘ ... wissen Sie

noch? Nun, jetzt ist der Augenblick gekommen für dieses Wort ... Gehen

wir!“

Weltschaninoff dachte ein paar Sekunden lang nach, blickte nochmals

Pawel Pawlowitsch an und erklärte sich dann bereit, mit ihm zu fahren.

Der plötzliche Aufbruch der beiden Gäste erschreckte die Eltern nicht

wenig und empörte die jungen Mädchen ganz maßlos.

„Aber trinken Sie doch wenigstens noch ein Täßchen Tee ...“ bat Madame

Sachlebinin fast kläglich.

„Na, was ist denn in dich gefahren, daß du dich plötzlich so aufregst?“

wandte sich mit strenger, unzufriedener Miene der alte Sachlebinin an

Pawel Pawlowitsch, der nur eigentümlich lächelte und schwieg.

„Pawel Pawlowitsch, weshalb entführen Sie uns Alexei Iwanowitsch?“

wandten sich die jungen Mädchen teils vorwurfsvoll, teils aufrichtig

böse an ihn, und die Blicke, die er auffing, sprachen von nichts weniger

als von Sympathie. Nadjä aber maß ihn mit so unaussprechlichem Haß, daß

er sich förmlich wand unter ihrem Blick, doch er blieb bei seinem

Entschluß.

„Verzeihen Sie, aber Pawel Pawlowitsch hat mich zum Glück noch

rechtzeitig an etwas sehr Wichtiges erinnert, das leider keinen Aufbruch

duldet,“ entschuldigte sich Weltschaninoff lachend, worauf er dem

Staatsrat die Hand drückte, die der Dame des Hauses an die Lippen führte

und sich von den jungen Mädchen verabschiedete, bei welcher Gelegenheit

er wieder Katerina Fedossejewna vor allen anderen auszeichnete, was

wiederum von allen bemerkt wurde.

„Wir danken Ihnen sehr für Ihren Besuch, und es wird uns alle jederzeit

freuen, Sie wiederzusehen; jederzeit,“ schloß der Staatsrat

nachdrücklich.

„Ach ja, es wird uns _sehr_ freuen ...“ bestätigte die Mama gefühlvoll.

„Kommen Sie wieder, Alexei Iwanowitsch, kommen Sie wieder!“ riefen noch

viele Stimmen von der Verandatreppe, als Weltschaninoff sich bereits

neben Pawel Pawlowitsch in den Wagen setzte, und unter ihnen etwas

leiser ein hohes Stimmchen: „Kommen Sie wieder, lieber, lieber Alexei

Iwanowitsch!“

„Das war der rothaarige Racker!“ lachte Weltschaninoff.

Sämtliche Werke 21 · 第 40 / 46 题