XI. Pawel Pawlowitsch will heiraten.

Weltschaninoff war eigentlich über sich selbst erstaunt: wie

eigentümlich, daß er den Gruß erwidert hatte! Auch kam es ihm sehr

seltsam vor, daß er jetzt beim Wiedersehen mit diesem Menschen gar

keinen Haß mehr gegen ihn empfand – daß sich in seinen Gefühlen für ihn

vielmehr etwas ganz anderes geltend machte und er fast einen Drang zu

einer ganz neuen Stellungnahme zu allen diesen Dingen und Erlebnissen

verspürte.

„Der Abend ist heute so angenehm,“ begann Pawel Pawlowitsch, ihm in die

Augen blickend.

„Sie sind noch nicht abgereist,“ bemerkte Weltschaninoff – nicht

fragend, sondern so, als denke er im Weitergehen nach.

„Die Abreise hat sich etwas verzögert, aber – mein Gesuch um Versetzung

ist jetzt genehmigt worden. Ich komme auf einen höheren Posten.

Übermorgen reise ich ganz bestimmt ab.“

„Sie sind auf einen höheren Posten versetzt?“ fragte Weltschaninoff –

diesmal fragte er wirklich.

„Weshalb denn nicht?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit einer kleinen

einseitigen Grimasse.

„Ich sagte es nur so ...“ entschuldigte sich Weltschaninoff halbwegs,

runzelte leicht die Stirn und warf einen Seitenblick auf Pawel

Pawlowitsch.

Zu seiner Verwunderung sah der ganze Herr Trussozkij vom Hut mit dem

Trauerflor bis hinab auf die Stiefelspitzen unvergleichlich anständiger

aus, als vor vierzehn Tagen. „Weshalb saß er in jenem Bierlokal?“ fragte

sich Weltschaninoff und wurde die Frage nicht los.

„Ich wollte Ihnen noch von meiner anderen großen Freude Mitteilung

machen, Alexei Iwanowitsch,“ begann wieder Pawel Pawlowitsch.

„Einer Freude?“

„Ich heirate nämlich.“

„Was?“

„Nach jedem Kummer kommt wieder die Freude an die Reihe, so geht es

immer im Leben. Ich würde aber sehr gern, Alexei Iwanowitsch ... nur

weiß ich nicht, vielleicht haben Sie es jetzt eilig, Sie sehen so aus

...“

„Ja, ich muß mich allerdings beeilen und ... überdies fühle ich mich

nicht ganz wohl.“

Er wollte ihn so schnell wie möglich abschütteln: seine Bereitwilligkeit

zu neuen Gefühlen war im Augenblick wieder verschwunden.

„Ich würde aber gern ...“

Pawel Pawlowitsch sprach es jedoch nicht aus, was er wollte.

Weltschaninoff schwieg.

„In dem Fall ... dann später einmal, wenn wir uns nur wieder treffen.“

„Gut, gut, später einmal ... sehr gern ...“ Brummend gab Weltschaninoff

seine Einwilligung, schnell und undeutlich, ohne ihn dabei anzusehen

oder stehen zu bleiben.

Sie gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander weiter, bis Pawel

Pawlowitsch mit ihm nicht mehr gleichen Schritt halten konnte.

„Dann also nächstens – auf Wiedersehen,“ sagte er endlich.

„Auf Wiedersehen! Wünsche Ihnen ...“

Weltschaninoff langte zu Haus wieder in schlechtester Laune an. Die

Begegnung mit „diesem Menschen“ war doch entschieden eine zu große

Zumutung gewesen: kein Wunder, daß seine Nervenkraft nicht ausreichte.

Als er zu Bett ging, fragte er sich nochmals: „Was hatte er nur dort im

Bierlokal in der Nähe des Friedhofs zu suchen?“

Am nächsten Morgen gedachte er, endlich einmal zu Pogorjelzeffs zu

fahren, doch entschloß er sich nur ungern dazu; der bloße Gedanke an die

Teilnahme anderer Menschen, auch wenn diese Menschen Pogorjelzeffs

waren, dünkte ihm unerträglich. Doch da er wußte, wie sehr sie sich um

ihn sorgten, ging es nicht anders, er mußte hinfahren. Plötzlich bildete

er sich ein, daß er sich im ersten Augenblick des Wiedersehens aus

irgendeinem Grunde unendlich schämen werde.

„Soll ich fahren – oder soll ich nicht fahren?“ überlegte er gerade,

indem er sich beeilte, seinen Lunch zu beenden, als plötzlich zu seinem

größten Erstaunen Pawel Pawlowitsch ins Zimmer trat.

Weltschaninoff hätte, trotz der Begegnung am Abend vorher, alles eher

erwartet, als daß „dieser Mensch“ jemals noch bei ihm vorsprechen würde,

und war daher so verblüfft, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun

sollte, und ihn nur wortlos ansah. Doch Pawel Pawlowitsch bedurfte

keines Willkommens: er grüßte, wünschte einen guten Tag und setzte sich

dann unaufgefordert in denselben Lehnsessel, in dem er vor drei Wochen

gesessen hatte. Weltschaninoff sah plötzlich die Szene des ersten

Besuches ganz besonders deutlich vor sich. Beunruhigt und mit einem

gewissen Ekel betrachtete er seinen Gast.

„Sie wundern sich?“ fragte Pawel Pawlowitsch, der die Gedanken des

anderen am Blick erriet.

Er schien bedeutend aufgeräumter zu sein, als er am Abend auf der Straße

gewesen war, doch gleichzeitig verriet alles, daß er ängstlich zu

vermeiden suchte, irgendwie zu mißfallen, noch ängstlicher als gestern

bei seiner Anrede. Seine äußere Erscheinung hatte sich tatsächlich sehr

verändert: Herr Trussozkij war nicht etwa nur anständig, er war sogar

fast stutzerhaft gekleidet: enganschließende Beinkleider, eine helle

Weste, die Wäsche, Handschuhe und die goldene Lorgnette, die er sich

Gott weiß weshalb angelegt hatte, waren tadellos, und seinen Kleidern

entströmte sogar ein leiser Wohlgeruch. Über der ganzen Erscheinung lag

jedoch etwas, das lächerlich wirkte und das gleichzeitig auf einen

seltsamen und unangenehmen Gedanken brachte.

„Ich habe Sie, Alexei Iwanowitsch, natürlich in Erstaunen gesetzt durch

meinen Besuch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch sichtlich befangen fort, „und –

das begreife ich vollkommen ... Ja ... ich finde es, wie gesagt, sehr

begreiflich. Aber es besteht doch, denke ich, zwischen den Menschen

immer noch etwas – das heißt meiner Überzeugung nach, _muß_ es auch

bestehen – nämlich immer noch etwas Höheres, ist es nicht so? Ich meine,

etwas Höheres, das über den Dingen und Verhältnissen steht, sogar über

den Unannehmlichkeiten, die sich vielleicht mal haben ergeben können ...

nicht wahr?“

„Pawel Pawlowitsch, sagen Sie schnell und ohne Zeremonien, was Sie sagen

wollen!“ Weltschaninoff sah finster aus.

„In zwei Worten!“ beeilte sich mit ergebenem Eifer Pawel Pawlowitsch.

„Ich heirate und will mich sogleich zu meiner Braut begeben. Die Familie

meiner Braut lebt augenblicklich gleichfalls auf ihrer Datsche. Ich

würde Sie nun um die große Ehre bitten, Sie mit dieser Familie bekannt

machen zu dürfen, und bin daher mit der ergebensten Bitte zu Ihnen

gekommen“ (Pawel Pawlowitsch neigte sogar untertänigst seinen

Oberkörper) „mich dorthin begleiten zu wollen ...“

„Wohin?“

Weltschaninoff sah ihn groß an.

„Zu ihnen, das heißt auf die Datsche, zu den Eltern meiner Braut.

Verzeihen Sie, ich rede nicht ganz klar, vielleicht habe ich mich

irgendwie nicht richtig ausgedrückt, aber ich fürchte so sehr eine

Absage von Ihnen ...“

Und er sah Weltschaninoff bekümmert und herzlich bittend zugleich an.

„Sie wollen, daß ich mit Ihnen jetzt gleich zu Ihrer Braut fahre?“

fragte Weltschaninoff, indem sein Blick schnell die Gestalt des anderen

überflog, während er sich noch unschlüssig darüber war, ob er seinen

Ohren trauen sollte.

„Ja ...“ bestätigte Pawel Pawlowitsch kleinlaut und plötzlich ganz

eingeschüchtert. „Ärgern Sie sich nicht, Alexei Iwanowitsch, und fassen

Sie es nicht als Unverschämtheit von mir auf. Es ist nur meine

außerordentliche und untertänigste Bitte. Ich dachte, Sie würden es mir

vielleicht doch nicht abschlagen ...“

„Es ist ganz unmöglich!“ Weltschaninoff bewegte sich unruhig.

„Es ist ja nur mein größter Wunsch und nichts weiter,“ fuhr jener fort,

ihn zu bitten, „aber ich will auch nicht verheimlichen, daß ich noch

einen besonderen Grund zu meiner Bitte habe. Doch diesen Grund wollte

ich Ihnen erst nachher mitteilen, jetzt aber wollte ich Sie nur ganz

außerordentlich bitten ...“

Und er erhob sich vor lauter Höflichkeit vom Stuhle.

„Aber es ist doch ganz unmöglich, was Sie da verlangen, das müssen Sie

doch selbst einsehen ...“

Weltschaninoff erhob sich gleichfalls.

„Es ist _sehr_ möglich, Alexei Iwanowitsch, glauben Sie mir! Ich wollte

Sie dort nur als meinen Freund vorstellen; und überdies kennen Sie ja

die Familie bereits, ich will ja zu Sachlebinins auf die Datsche, zum

Staatsrat Sachlebinin.“

„Was, zu wem?“ rief Weltschaninoff.

Das war der Name desselben Staatsrats, den er vor etwa einem Monat

überall vergeblich gesucht und auch zu Hause nicht angetroffen –, der

also allem Anscheine nach seinen Einfluß zugunsten der Gegner

Weltschaninoffs zu verwenden beabsichtigt hatte.

„Nun ja, nun ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch lächelnd und gleichsam

ermutigt durch dessen maßlose Verwunderung, „es ist derselbe, mit dem

Sie, wissen Sie noch, damals auf dem Newskij gingen: ich stand auf der

anderen Straßenseite und sah zu Ihnen hinüber. Ich wartete damals nur

darauf, daß Sie sich von ihm verabschiedeten, um dann selbst zu ihm zu

gehen. Vor etwa zwanzig Jahren haben wir zusammen im selben Bureau

gearbeitet, übrigens hatte ich an jenem Tage, als ich, nach Ihnen, auf

ihn zugehen und mit ihm sprechen wollte, noch gar keine besondere

Absicht. Erst seit kurzem, seit einer Woche erst ist es anders ...“

„Aber erlauben Sie, das ist doch, soviel ich weiß, eine höchst

anständige Familie!“ wunderte sich Weltschaninoff ganz naiv.

„Was ist denn dabei, daß sie anständig ist?“ Pawel Pawlowitsch lächelte

wieder nur mit einer Gesichtshälfte.

„Nein, versteht sich, ich meinte es nicht so ... aber soviel ich

bemerken konnte, wenn ich dort vorgesprochen habe ...“

„Sie erinnern sich, oh, Sie erinnern sich noch ganz genau, wie Sie dort

gesessen und den Staatsrat zu sprechen gewünscht haben!“ fiel ihm Pawel

Pawlowitsch sogleich erfreut ins Wort, „nur haben Sie die Familie damals

nicht gesehen. Und er selbst erinnert sich Ihrer auch noch sehr gut und

schätzt Sie sehr hoch. Ich habe dort nur mit größter Hochachtung von

Ihnen sprechen hören.“

„Aber wie denn, Sie sind doch erst seit drei Monaten Witwer?“

„Oh, die Hochzeit soll ja nicht so bald stattfinden, erst nach neun oder

zehn Monaten, wenn das Trauerjahr vorüber ist! Glauben Sie mir, es ist

alles in Ordnung. Erstens kennt mich Fedossei Petrowitsch schon von

Kindheit an, er hat auch meine verstorbene Frau gekannt, er weiß, wie

ich gelebt habe, was man von mir hält, und schließlich: ich bin doch

vermögend, und jetzt hat man mich noch auf einen höheren Posten versetzt

– das fällt natürlich alles ins Gewicht.“

„Ist es denn wirklich eine Tochter von ihm?“

„Ich werde Ihnen alles ausführlich erzählen,“ versetzte Pawel

Pawlowitsch, angenehm berührt, „erlauben Sie, daß ich ein Zigarettchen

anrauche? Doch Sie werden sich ja heute selbst von allem überzeugen

können. Also erstens – werden solche Leute wie Fedossei Petrowitsch im

Dienst bisweilen sehr geschätzt, wenn sie es einmal verstanden haben,

die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber außer dem Gehalt und den

Gratifikationen, Zuschüssen und noch sonstigen kleinen Summen, die er

hier und da als Vorsitzender erhält, gibt’s doch nichts, das heißt,

weder Nebenverdienste noch ein Grundkapital. Sie leben gut, aber etwas

beiseite legen, das geht nicht, wenn man eine so große Familie hat. Nun

sagen Sie sich doch selbst: Fedossei Petrowitsch hat ganze acht Töchter

und einen Sohn – der ist der jüngste, noch ein kleiner Bengel. Stirbt

Fedossei Petrowitsch heute oder morgen, so bleibt dieser ganzen großen

Familie nur die magere Pension. Das bedenken Sie einerseits, und

anderseits – acht Töchter! Nun berechnen Sie bloß: wenn jede von ihnen

auch nur ein Paar Schuhe braucht – was das nicht allein schon ausmacht!

Und von diesen acht sind fünf bereits heiratsfähig, die älteste ist

vierundzwanzig – übrigens ganz reizend, doch Sie werden schon selbst

sehen! Die sechste, die ist fünfzehn Jahre alt und besucht noch das

Gymnasium. Den fünf ältesten müssen also jetzt Männer verschafft werden,

was am besten möglichst bald geschehen soll. Mithin müssen die Mädchen

Bälle mitmachen – was das alles kostet, bedenken Sie doch nur! Und da

bin ich nun plötzlich aufgetaucht, bin der erste Freier in ihrem Hause –

sie aber, sie kennen mich ganz genau, das heißt, ich meine, sie sind

über meine Vermögensverhältnisse mit aller Sicherheit unterrichtet. Nun,

und das ist alles.“

Pawel Pawlowitsch gab seine Erklärung mit sichtlich sehr gehobenen

Gefühlen.

„Sie haben um die Älteste angehalten?“

„N–ein, ich ... nein, nicht um die Älteste; ich habe um jene sechste

angehalten, um die, die jetzt noch das Gymnasium besucht.“

„Was! ...“ Weltschaninoff lachte unwillkürlich auf, „aber Sie sagten

doch, die sei erst fünfzehn!“

„Ja, fünfzehn ist sie jetzt, aber nach neun Monaten wird sie sechzehn

Jahre alt sein, sechzehn Jahre und drei Monate – also was ist denn? Da

es aber jetzt wegen des Trauerjahres und ihrer Jugend nicht geht, so

soll vorläufig noch nichts davon verlauten, es bleibt ganz unter uns ...

Glauben Sie mir, es ist alles in Ordnung!“

„Aber noch nicht ganz entschieden?“

„Nein, wieso, gewiß entschieden! Glauben Sie mir, es ist wirklich alles

in Ordnung ...“

„Und die Kleine, weiß die auch was davon?“

„Sehen Sie, nur vorläufig, nur anstandshalber wird jetzt noch nicht

davon gesprochen, – doch wissen! wie sollte sie’s denn nicht wissen!“

Pawel Pawlowitsch lächelte selbstgefällig. „Nun, wie steht’s, werden Sie

mir die Ehre erweisen, Alexei Iwanowitsch?“ wagte er ganz zaghaft zu

fragen.

„Aber weshalb soll ich denn hin? Übrigens,“ unterbrach er sich schnell,

„da ich selbstverständlich auf keinen Fall mit Ihnen fahren werde, so

brauchen Sie mir auch weiter gar nicht Ihre Gründe anzuführen.“

„Alexei Iwanowitsch ...“

„Ja, was glauben Sie denn, – daß ich mich neben Sie setzen und mit Ihnen

hinfahren werde? – was fällt Ihnen ein!“

Wieder überkam ihn jenes widerliche, abstoßende Gefühl, das durch das

Geschwätz und die Erzählung Pawel Pawlowitschs eine Weile in den

Hintergrund gedrängt worden war. Noch einen Augenblick, und er hätte ihn

zum Teufel gejagt. Ja, aus irgendeinem Grunde ärgerte er sich sogar über

sich selbst.

„Setzen Sie sich, Alexei Iwanowitsch, setzen Sie sich neben mich und Sie

werden es nicht bereuen!“ fuhr Pawel Pawlowitsch mit innig flehender

Stimme fort. „Nein, nein, nein!“ beschwichtigte er sogleich mit beiden

Händen, als er Weltschaninoffs ungeduldige und energische Handbewegung

bemerkte. „Nein, Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, warten Sie noch

einen Augenblick mit der Entscheidung, fassen Sie nicht voreilig Ihren

Entschluß! Ich sehe, daß Sie mich falsch verstanden haben: ich begreife

es ja selbst nur zu gut, daß wir nicht zu Kameraden geschaffen sind, daß

weder Sie mein Freund sind, noch ich Ihr Freund sein kann; so einfältig

bin ich denn doch nicht, um das nicht zu verstehen. Diese Gefälligkeit

aber, um die ich Sie jetzt bitte, wird und soll Sie zu nichts weiter

verpflichten. Übermorgen reise ich ab, für immer, also nur diese eine

Fahrt! Lassen Sie nur diesen einen Tag eine Ausnahme bilden. Auf dem

Wege zu Ihnen setzte ich meine ganze Hoffnung auf – nun, auf gewisse

besondere Gefühle Ihres Herzens, Alexei Iwanowitsch, – gerade jene

Gefühle, die vielleicht die letzte Zeit in Ihrem Herzen erweckt hat ...

Jetzt habe ich mich doch, denke ich, klar genug ausgedrückt, oder noch

nicht?“

Pawel Pawlowitschs Erregung hatte einen kaum glaublichen Grad erreicht.

Weltschaninoff sah ihn seltsam an.

„Sie bitten mich um eine Gefälligkeit?“ fragte er nachdenklich, „und ...

bestehen mit aller Gewalt darauf, daß ich sie Ihnen erweisen soll, – das

kommt mir verdächtig vor. Ich will mehr wissen.“

„Die ganze Gefälligkeit soll nur darin bestehen, daß Sie mit mir fahren.

Dann aber, wenn wir von dort zurückgekehrt sind, werde ich alles vor

Ihnen aufdecken: es soll meine Beichte sein. Haben Sie doch Zutrauen zu

mir, Alexei Iwanowitsch!“

Doch Weltschaninoff weigerte sich immer noch, und zwar tat er das um so

kategorischer, als ihn eine gewisse Bosheit plagte. Diese Bosheit – sie

war wie ein Gefühl und ein Gedanke zugleich – regte sich schon seit

einiger Zeit in ihm, richtiger: von dem Augenblick an, als Pawel

Pawlowitsch von seiner Braut zu sprechen begonnen. War es nun

einfach Neugier, oder war es ein vorläufig noch ganz unklares

Sichhingezogenfühlen, das wußte er weder, noch wollte er darüber

nachdenken, – aber Tatsache war, daß ihn das Verlangen plagte,

einzuwilligen. Und je mehr es ihn plagte, um so hartnäckiger verteidigte

er sich dagegen, nur wollte das nicht viel helfen. Er saß, den Arm auf

den Tisch gestützt, und schwieg, während Pawel Pawlowitsch ihn mit allen

Künsten zur Einwilligung zu bewegen suchte.

„Nun gut, ich fahre,“ willigte er plötzlich ein und erhob sich unruhig,

fast erregt von seinem Platz.

Pawel Pawlowitsch geriet förmlich in Ekstase.

„Nein, aber jetzt, jetzt müssen Sie sich nur noch danach ankleiden,

Alexei Iwanowitsch,“ meinte er, mit einem Lächeln ihn musternd und

sichtlich sehr zufrieden damit, daß Weltschaninoff sogleich Miene

gemacht hatte, sich umzukleiden, „so, wie nur Sie sich zu kleiden

verstehn!“

„Wenn ich nur wüßte, was der Mensch mit diesem Besuch eigentlich

bezwecken will?“ fragte sich Weltschaninoff derweilen mißtrauisch.

„Aber ich müßte Sie doch noch um etwas bitten, Alexei Iwanowitsch. Wenn

Sie nun schon so gut gewesen sind, einzuwilligen, mich zu begleiten,

dann seien Sie auch mein Ratgeber.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel in dieser Frage: mit dem Flor oder ohne Flor? Was ist

anständiger: soll ich ihn abnehmen oder soll ich ihn nicht abnehmen?“

„Ganz wie Sie wollen.“

„Nein, ich will Ihre Meinung hören: was Sie täten, wenn Sie Trauer

hätten? Ich dachte, wenn ich den Flor behalte, so spricht das von der

Beständigkeit meiner Gefühle, also wäre es in gewissem Sinne eine gute

Empfehlung.“

„Selbstverständlich nehmen Sie ihn ab.“

„Wirklich? Meinen Sie? Und sogar selbstverständlich finden Sie es?“

Pawel Pawlowitsch dachte nach. „Nein, ich möchte ihn doch lieber

behalten ...“

„Wie Sie wollen.“ – „Er scheint mir doch nicht zu trauen, das ist gut,“

dachte Weltschaninoff.

Endlich war er fertig und nahm seinen Hut. Pawel Pawlowitsch betrachtete

ihn mit sichtlichem Wohlgefallen, und in seinem Mienenspiel wie in

seinem ganzen Wesen blickte merkliche Hochachtung und sogar ein gewisser

Stolz durch. Weltschaninoff wunderte sich über ihn, doch mehr noch über

sich selbst. Vor dem Portal hielt eine elegante Kutsche.

„Ah, Sie hatten also auch den Wagen schon bereit? Waren Sie denn so fest

davon überzeugt, daß ich mitfahren würde?“

„Den Wagen hatte ich zunächst für mich genommen, doch war ich – jawohl,

ich war so gut wie überzeugt, daß Sie einwilligen würden,“ antwortete

Pawel Pawlowitsch mit der Miene eines vollkommen glücklichen Menschen.

„Ei, mein Bester,“ bemerkte Weltschaninoff mit einem kleinen gereizten

Auflachen, während die Pferde anzogen und der Wagen davonrollte, „ist

das Vertrauen, das Sie in mich setzen, vielleicht nicht doch etwas zu

groß?“

„Aber doch nicht Ihnen, Alexei Iwanowitsch, Ihnen steht es doch nicht

zu, mich deshalb einen Narren zu nennen?“ versetzte Pawel Pawlowitsch

mit fester Stimme, aus der man deutlich seine Überzeugung heraushörte.

„Aber Lisa?“ dachte Weltschaninoff, vermied jedoch – sogar mit einem

gewissen Schrecken – schnell jeden weiteren Gedanken an sie, als wäre er

im Begriff gewesen, etwas Heiliges zu entweihen. Und plötzlich kam er

sich selbst so kleinlich, so nichtswürdig vor, und jener boshafte

Gedanke, oder jenes Gefühl der Neugierde, das ihn verführt hatte, mit

Pawel Pawlowitsch zu dessen Braut zu fahren, erschien ihm so nichtig und

erbärmlich ... und im Augenblick wollte er allem den Rücken kehren und

aus dem Wagen springen, selbst wenn er vorher diesen Pawel Pawlowitsch

noch hätte durchprügeln müssen. Doch da begann dieser von neuem zu

sprechen und die Versuchung nahm wieder sein Herz gefangen.

„Alexei Iwanowitsch, verstehen Sie was von Schmucksachen?“

„Von was für Schmucksachen?“

„Nun so, von Damenschmuck, von Goldsachen und Brillanten?“

„Ja. Was ist denn?“

„Ich würde gern ein kleines Geschenk mitbringen. Raten Sie mir: soll ich

oder soll ich nicht?“

„Meiner Meinung nach – besser nicht.“

„Ich würde es aber so gern ... Nur – was könnte man wohl kaufen? Eine

ganze Garnitur, eine Brosche, Ohrringe und ein Armband, oder nur eine

einzige Sache?“

„Wieviel wollen Sie dafür ausgeben?“

„Nun so – vier- bis fünfhundert Rubel.“

„O – oh!“

„Zu viel, was?“ fragte Pawel Pawlowitsch ganz erschrocken.

„Kaufen Sie ein Armband für hundert Rubel.“

Pawel Pawlowitsch schien durch diese Zumutung förmlich beleidigt zu

sein. Er wollte gern möglichst viel bezahlen und gleich eine _ganze_

Garnitur kaufen. Ihm auszureden, was er sich nun einmal in den Kopf

gesetzt hatte, war unmöglich. Sie fuhren also zu einem Juwelier. Es

endete aber doch damit, daß Pawel Pawlowitsch nur ein Armband kaufte,

und zwar nicht dasjenige, das ihm selbst am meisten gefiel, sondern das,

zu welchem Weltschaninoff geraten hatte. Übrigens wollte er zuerst beide

Armbänder kaufen. Als der Juwelier, der für das eine Armband

hundertfünfundsiebzig Rubel verlangt hatte, schließlich nur

hundertfünfzig verlangte, ärgerte sich Pawel Pawlowitsch aufrichtig über

ihn: er hätte mit Vergnügen auch zweihundert gezahlt, so groß war sein

Wunsch, ein möglichst teures Geschenk zu kaufen.

„Das hat nichts zu sagen, daß ich mit dem Schenken etwas voreilig bin,“

versicherte er, als sie wieder im Wagen saßen, „man ist dort gar nicht

zeremoniell. Und die Unschuld freut sich über Geschenke,“ meinte er mit

einem schlauen und höchst vergnügten Lächeln. „Sehen Sie, Alexei

Iwanowitsch, Sie lachten vorhin darüber, daß sie erst fünfzehn Jahre alt

ist; aber mich, sehen Sie, hat ja gerade das gepackt, daß sie noch das

Gymnasium besucht, mit dem Büchertäschchen am Arm, und mit Heftchen und

Federn drin, hehe! Gerade dieses Büchertäschchen hat’s mir angetan, das

hat meine Gedanken zuerst gefangen genommen! Ich bin nämlich eigentlich

nur für die Unschuld, Alexei Iwanowitsch. Es liegt mir weniger an einem

schönen Gesicht, als eben gerade daran. Wenn man so sieht, wie sie

dasitzen mit einer Freundin in einem Winkel und kichern und kichern, als

gebe es Gott weiß was! Und worüber wird denn gekichert? Nur darüber, daß

ein Kätzchen vom Tisch aufs Sofa gesprungen ist und sich wie ein

Knäuelchen zusammengerollt hat! ... Das duftet ja förmlich nach frischen

Äpfeln! Aber – soll ich nicht doch den Flor abnehmen?“

„Wie Sie wollen.“

„Ich tu’s!“

Er nahm den Hut ab, riß den Trauerflor vom Hutboden und warf ihn aus dem

Fenster. Weltschaninoff konstatierte, daß sein Gesicht geradezu strahlte

und die schönsten Hoffnungen verriet, als er seinen kahlen Kopf wieder

mit dem Hut bedeckte.

„Sollte er wirklich das sein, was er zu sein scheint?“ fragte sich

Weltschaninoff in ausgesprochener Wut, „sollte wirklich keine

_besondere_ Absicht dahinterstecken, daß er mich aufgefordert hat, mit

ihm zu fahren? Sollte er wirklich nur auf meine Anständigkeit rechnen?“

Durch diese Annahme fühlte er sich fast gekränkt. „Und überhaupt, was

ist er eigentlich – ein Narr, ein Esel oder nichts als ein ‚ewiger

Gatte‘? Nein, das geht nicht so weiter! ...“

Sämtliche Werke 21 · 第 39 / 46 题