Die Befürchtungen des Arztes gingen in Erfüllung: Lisas Zustand
verschlimmerte sich ganz plötzlich und wurde so ernst, wie es Klawdia
Petrowna und Weltschaninoff noch tags zuvor gar nicht für möglich
gehalten hätten. Als Weltschaninoff am Vormittage kam, war die Kleine
zwar noch nicht bewußtlos, doch hatte das Fieber bereits eine
beängstigende Höhe erreicht. Weltschaninoff versicherte später, sie habe
ihm zugelächelt und das heiße Händchen entgegengestreckt, doch ob sie es
wirklich getan oder ob es ihm nur so geschienen hatte, das ließ sich
nicht mehr feststellen. Jedenfalls war er selbst fest davon überzeugt,
und diese Überzeugung war ihm ein Trost. Am Abend verlor Lisa das
Bewußtsein und in diesem Zustand blieb sie während der ganzen Krankheit.
Am zehnten Tage nach ihrer Ankunft auf der Datsche starb sie.
Das waren kummervolle, qualvolle Tage für Weltschaninoff. Den größten
Teil dieser schweren Zeit verbrachte er bei Pogorjelzeffs, die sich
wirklich ernste Sorgen um ihn machten. In den letzten Tagen saß er oft
stundenlang ganz allein irgendwo in einem Winkel und beschäftigte sich
mit nichts, dachte auch offenbar an nichts. Klawdia Petrowna trat dann
oft zu ihm, um ihn etwas zu zerstreuen, doch er antwortete kaum und die
Störung war ihm sichtlich unangenehm. Klawdia Petrowna hätte es nie für
möglich gehalten, daß ihm so etwas in dieser Weise nahegehen würde. Nur
die Kinder konnten ihn wohl etwas ablenken und zerstreuen und bisweilen
sogar zum Lachen bringen – doch in jeder Stunde erhob er sich einmal
leise und schlich auf den Fußspitzen an das Bett der kleinen Kranken, um
sie zu betrachten. Bisweilen schien es ihm, als erkenne sie ihn – aber
wer konnte das mit Bestimmtheit sagen? Hoffnung auf ihre Genesung hatte
er nicht und konnte sie auch nicht haben – wußten doch alle, wie es um
sie stand; aber von dem Zimmer, in dem sie lag, vermochte er sich nicht
zu trennen und so saß er gewöhnlich im Zimmer nebenan.
Mehrmals geschah es übrigens, daß er ganz plötzlich aus seiner
Versunkenheit aufsah und eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte: er nahm
sogleich einen Wagen und fuhr nach Petersburg zu den besten Ärzten, die
er alle zu einem Konsilium berief. Das zweite fand noch am Tage vor dem
Tode der Kleinen statt. Drei oder vier Tage vorher hatte Klawdia
Petrowna zu Weltschaninoff von der Notwendigkeit gesprochen, Herrn
Trussozkij endlich aufzusuchen: denn „sollte das Schlimmste geschehen,
so kann man sie ja nicht einmal beerdigen, wenn man nicht wenigstens den
Taufschein hat“! Herr Pogorjelzeff hatte schon gesagt, er werde ihn
einfach durch die Polizei suchen lassen. So schrieb denn Weltschaninoff
einen kurzen Zettel und brachte ihn selbst zu Marja Ssyssojewna, die ihn
Pawel Pawlowitsch, der natürlich nicht zu Hause war, einhändigen sollte,
sobald er kam.
Endlich, an einem wundervollen Sommerabend, als gerade die Sonne
unterging, starb Lisa, und nun erst kam Weltschaninoff zu sich, und es
war, als erwache er aus einem Traum. Und als dann die kleine Leiche in
einem weißen Kleidchen auf einem Tisch im Saal aufgebahrt war und mit
Blumen geschmückt wurde, trat er plötzlich mit funkelnden Augen auf
Klawdia Petrowna zu und erklärte ihr, daß er sogleich „den Mörder“
herbeischaffen werde. Und ohne auf die Bitten und Beschwörungen, doch
bis morgen damit zu warten, zu achten, begab er sich sogleich nach der
Stadt.
Er wußte, wo er Pawel Pawlowitsch finden konnte; war er doch nicht bloß
der Ärzte wegen nach Petersburg gefahren. Es hatte ihn in diesen Tagen
mehr als einmal plötzlich die Überzeugung gepackt, daß nur der Vater an
Lisas Bett zu treten brauchte, und sie, sobald sie nur seine Stimme
hörte, wieder zu sich kommen würde; dann war er aufgesprungen und in die
Stadt gefahren und hatte ihn wie ein Verzweifelter gesucht.
Pawel Pawlowitsch wohnte nach wie vor in den zwei möblierten Zimmern,
doch dort nach ihm zu fragen, war vergeblich: „Er hat wieder drei Nächte
nicht hier verbracht,“ berichtete Marja Ssyssojewna, „und läßt er sich
mal tagsüber hier blicken, dann kommt er besoffen an und nach einer
Stunde geht er wieder. Ganz heruntergekommen ist der Mensch!“
Ein Kellner des Gasthofes aber hatte Weltschaninoff gesagt, daß Pawel
Pawlowitsch früher sehr oft gewisse Mädchen in einem Hause am
Wosnessenskij Prospekt besucht habe. Diese Mädchen hatte Weltschaninoff
alsbald aufgesucht. Natürlich entsannen sie sich sogleich des Herrn, der
um den Hut einen Trauerflor trug und der stets so freigebig gewesen war,
doch nichtsdestoweniger begannen sie alsbald einmütig über ihn zu
schimpfen – natürlich nur deshalb, weil er jetzt nicht mehr zu ihnen
kam. Die eine von ihnen, Katjä mit Namen, beteuerte sogleich, daß sie
ihn jederzeit finden könne, da er die Maschka Prostakowa jetzt überhaupt
nicht mehr verlasse, denn Geld habe er so viel wie Sand am Meer, diese
Maschka aber heiße gar nicht Prostakowa, sondern eigentlich
Prochwostowa, und wenn sie, Katjä, nur wolle, so könnte sie sie jeden
Tag nach Sibirien verschicken lassen, sie brauche nur ein Wort zu sagen!
Trotzdem war es aber der Katjä an jenem Tage doch nicht gelungen, ihn zu
finden, doch hatte sie hoch und heilig versprochen, ihn das nächstemal
unbedingt zur Stelle zu schaffen. Auf ihre Hilfe rechnete nun
Weltschaninoff.
Es war bereits zehn Uhr abends, als er sie zu sprechen verlangte
(nachdem er, wie es sich gehörte, für ihre Abwesenheit gezahlt) und sich
mit ihr auf die Suche begab. Er wußte selbst noch nicht, was er mit
Pawel Pawlowitsch beginnen werde: ob er ihn totschlagen oder ob er ihm
einfach nur mitteilen wollte, daß Lisa gestorben war und daß er die zur
Bestattung notwendigen Dokumente hergeben mußte. Doch auch diesmal ließ
er sich nicht finden: Maschka Prochwostowa erklärte, daß sie ihn seit
drei Tagen nicht gesehen und daß das letztemal ihm ein Kassenbeamter mit
einer Holzbank „den Schädel eingeschlagen“ habe. Kurz, man suchte ihn
überall vergeblich. Erst gegen zwei Uhr nachts, als Weltschaninoff aus
einem gewissen Hause, in dem er Pawel Pawlowitsch „bestimmt finden“
sollte und doch nicht gefunden hatte, heraustrat, stieß er plötzlich
ganz unerwartet auf ihn: Pawel Pawlowitsch wurde von zwei Frauenzimmern
gerade zu diesem Hause geschleppt – er war vollständig betrunken. Die
eine der beiden „Damen“ hatte ihn unter den Arm gefaßt und stützte ihn
nach Kräften; ihnen folgte irgendein Mensch, ein großer, starker
Bursche, der wütend auf Pawel Pawlowitsch schimpfte und ihn mit
fürchterlichen Drohungen einzuschüchtern suchte. Unter anderem hörte man
ihn gerade noch schreien, daß Pawel Pawlowitsch ihn „ausgenutzt“ und
sein Leben „vergiftet“ habe. Offenbar handelte es sich für ihn um Geld.
Die Damen schienen aber große Angst zu haben und sich sehr zu beeilen,
um schneller ins Haus zu gelangen. Kaum hatte Pawel Pawlowitsch
Weltschaninoff erblickt, da warf er sich ihm mit ausgebreiteten Armen
entgegen und schrie, als stecke ihm das Messer schon in der Kehle:
„Bruder! Retter! Hilf, beschütze mich!“
Der Kerl, der folgte, glotzte Weltschaninoff ganz verblüfft an und – zog
sich ohne weiteres zurück: Er mußte es offenbar für vorteilhafter
halten, der ziemlich athletischen Gestalt des Unbekannten das Feld zu
räumen, als es auf einen Kampf mit ihm ankommen zu lassen. Pawel
Pawlowitsch fühlte sich als Sieger, drohte zum Zeichen des Triumphes mit
der Faust hinter ihm her und gröhlte. Da packte ihn Weltschaninoff an
den Schultern – ohne selbst zu wissen, wozu und weshalb – und plötzlich
kam es wie ein Krampf über ihn und er schüttelte den Besoffenen, daß
dessen Zähne klapperten. Pawel Pawlowitschs Gegröhl war im Augenblick
verstummt und er starrte nur mit stumpfsinnigem Schrecken seinen neuen
Henker an. Weltschaninoff wußte offenbar zunächst nicht, was er mit ihm
weiter tun sollte – doch plötzlich drückte er ihn mit aller Kraft so zu
Boden, daß der Betrunkene unversehens auf dem Prellstein am Trottoir
saß.
„Lisa ist tot!“ stieß er hervor.
Pawel Pawlowitsch hatte noch keinen Blick von ihm abgewandt, er starrte
ihn, auf dem Prellstein sitzend und von einer der „Damen“ gestützt,
immer noch verständnislos an. Endlich begriff er und – sonderbar! – sein
ganzes Gesicht schien sich plötzlich zu verändern und sah alt und
verfallen aus.
„Tot ...“ flüsterte er eigentümlich vor sich hin. Lächelte er nun wieder
sein scheußliches langes Lächeln oder war es etwas anderes, das sein
Gesicht verzog – Weltschaninoff konnte es nicht unterscheiden. Doch im
nächsten Augenblick hob Pawel Pawlowitsch mühsam seine zitternde rechte
Hand, um sich zu bekreuzen, aber er vollendete das Kreuz nicht, schlaff
sank ihm der Arm herab. Nach einer Weile erhob er sich wankend vom
Prellstein, tastete nach seiner „Dame“ und ging, sich schwer auf sie
stützend, wankenden Schrittes davon, wie in Gedanken versunken. Es war,
als habe er Weltschaninoff völlig vergessen. Doch sollte er nicht weit
kommen. Weltschaninoff riß ihn an der Schulter zurück.
„Begreifst du denn nicht, du Lump, daß man sie ohne dich nicht einmal
begraben kann!“ schrie er wutbebend.
Jener wandte den Kopf nach ihm um.
„Den Artil–lerie ... Leutnant ... Sie wissen doch?“ brachte er mit
schwerer Zunge unklar hervor.
„Was? ... Was sagst du?“ keuchte Weltschaninoff, in dem sich alle Sehnen
zum Zerreißen spannten.
„Da hast du den Vater! Such ihn dir ... zum Begraben ...“
„Du lügst!“ brüllte Weltschaninoff, als habe er vor Wut alle Macht über
sich verloren, „aus Rache lügst du ... ich wußte es, daß du das für mich
in Bereitschaft hieltest!“
Und außer sich vor Wut holte er aus, um Pawel Pawlowitsch den Schädel
einzuschlagen. Noch ein Moment – und die Knochen hätten unter der Wucht
seiner athletischen Faust geknirscht: wohl mit einem einzigen Hieb hätte
er ihn totgeschlagen! Die beiden Frauenzimmer schrien auf und stoben zur
Seite, doch Pawel Pawlowitsch zuckte mit keiner Wimper. Nur Haß – ein
Haß, der in seiner Grenzenlosigkeit nahezu tierisch war – entstellte
sein ganzes Gesicht.
„Kennst du,“ fragte er mit bedeutend festerer Stimme, fast als wäre er
ganz nüchtern, „kennst du unsere russische ...?“ (Und er nannte das
scheußliche russische Schimpfwort für eine Dirne.) „Dann pack dich zu
ihr!“
Und mit aller Gewalt riß er sich von Weltschaninoff los, dessen Linke
sich um seinen Arm gekrallt hatte, wankte, taumelte zwei Schritte weiter
und drohte zu fallen. Die Damen griffen ihn noch rechtzeitig auf und
eilten, kreischend und schreiend, so schnell sie nur konnten, mit ihm
davon, indem sie ihn fast nachschleifend weiterzogen.
Weltschaninoff folgte ihnen nicht.
Am nächsten Tage um ein Uhr mittags erschien bei Pogorjelzeffs ein
höchst anständig aussehender Herr in tadelloser Beamtenuniform und
überreichte Klawdia Petrowna höflichst ein an sie adressiertes Paket von
Pawel Pawlowitsch Trussozkij. In diesem Paket befand sich außer einem
Brief und den zur Bestattung notwendigen Dokumenten noch ein Kuvert mit
dreihundert Rubeln. Pawel Pawlowitsch schrieb ziemlich kurz, doch
äußerst verbindlich und jedenfalls sehr taktvoll. Er dankte „Ihrer
Exzellenz“ für die liebevolle Aufnahme, die sie der kleinen Waise
erwiesen, für die Pflege und alles das andere, was allein Gott durch
seinen Segen entgelten könne. Darauf erwähnte er – übrigens war dieser
Satz ziemlich unklar gehalten –, daß er infolge ernsten Unwohlseins
verhindert sei, persönlich zum Begräbnis seiner geliebten entschlafenen
Tochter zu erscheinen und daß er deshalb, im Vertrauen auf die
„unvergleichliche Güte Ihrer Exzellenz“, diese herzlich bitte, alle
Obliegenheiten zu übernehmen. Die dreihundert Rubel seien für die
Ausgaben der Bestattung und überhaupt für die Unkosten, die ihre
Krankheit verursacht habe, bestimmt. Sollte von dieser Summe noch etwas
übrigbleiben, so bitte er ergebenst und gehorsamst, dieses Geld zu
Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen zu verwenden. Der Herr
in der Beamtenuniform wußte nichts weiter hinzuzufügen; aus seinen
Worten ging sogar hervor, daß er nur auf die dringende Bitte Pawel
Pawlowitschs eingewilligt habe, dieses Paket Ihrer Exzellenz persönlich
zu überbringen. Der Geheimrat fühlte sich fast beleidigt durch die
„Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe“ und schlug daher vor, das
Geld außer den fünfzig Rubeln für das Begräbnis – da man es dem Vater
doch nicht verwehren konnte, sein Kind aus eigenen Mitteln zu bestatten
– an Herrn Trussozkij sogleich zurückzusenden. Klawdia Petrowna
entschied jedoch, ihm nicht das Geld, sondern ihm lieber die Quittung
des Geistlichen der Friedhofskirche zuzustellen und für die
zweihundertundfünfzig Rubel – was er aus der Quittung ersehen werde –
Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen lesen zu lassen. Und so
geschah es auch. Die Quittung wurde später Weltschaninoff eingehändigt,
der sie durch die Post an Pawel Pawlowitschs Adresse sandte.
Nach der Beerdigung kehrte Weltschaninoff in die Stadt zurück. Ganze
zwei Wochen trieb er sich ziel- und zwecklos umher, schlenderte ganz
allein durch die Straßen, stieß in seiner Gedankenversunkenheit mit
anderen Menschen zusammen, entschuldigte sich nicht einmal und sah
keinen an. Bisweilen wiederum lag er tagelang auf seinem Diwan
ausgestreckt, ohne auch nur an das Nächstliegende zu denken.
Pogorjelzeffs ließen ihn mehrmals zu sich bitten, und er versprach auch
bald hinzufahren, vergaß es aber schon im nächsten Augenblick. Klawdia
Petrowna kam sogar persönlich zu ihm gefahren, traf ihn jedoch nicht zu
Haus. Dasselbe Ergebnis hatten auch zwei Besuche seines Rechtsanwalts,
der ihm eine sehr erfreuliche Mitteilung zu machen hatte: der
Rechtsstreit war von ihm nämlich so geschickt geleitet worden, daß die
Gegner jetzt zu einem gütlichen Vergleich bereit waren, wenn man sie mit
einem unbedeutenden Bruchteil der von ihnen bestrittenen Erbschaft
abfand. Dazu bedurfte es nur noch der Einwilligung Weltschaninoffs. Als
der Rechtsanwalt diesen dann endlich zu Hause antraf, war er nicht wenig
erstaunt über den müden Gleichmut, mit dem ihn sein vor kurzem noch so
ungeduldiger Klient anhörte.
Die Julihitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Tage waren
unerträglich heiß. Doch Weltschaninoff achtete nicht darauf, ihm war
alles gleichgültig. Er fühlte nur einen Schmerz in der Seele, den er
immerwährend wie einen qualvoll bewußten Gedanken empfand. Am wehesten
tat ihm, daß Lisa gestorben war, ohne ihn besser kennen gelernt zu haben
und ohne zu wissen, wie sehr er sie liebte! Jenes Lebensziel, das er
plötzlich in so strahlendem und kraftvollem Licht vor sich gesehen, war
plötzlich wieder verschwunden in drückender Dunkelheit. Jenes Ziel hatte
eigentlich nur darin bestanden – seine Gedanken beschäftigten sich jetzt
fast ausschließlich damit –, daß er Lisa erzogen und daß sie an jedem
Tage, zu jeder Stunde seine sorgende Liebe gefühlt hätte. „Ein höheres
Ziel gibt es nicht, ein höheres hat kein Mensch und kann auch kein
Mensch haben!“ sagte er sich überzeugt, und es erfaßte ihn eine düstere
Begeisterung. „Oder wenn die Menschen auch andere Ziele haben sollten,
so kann doch keines heiliger sein!“ Und diese Liebe zu seinem Kinde, so
dachte er es sich jetzt, hätte alles wieder gut gemacht, vor allem sein
ganzes früheres lasterhaftes und unnützes Leben; statt eines müßigen,
schlechten und abgelebten Menschen, wie er es war, hätte er ein reines
und wundervolles Wesen für die Welt und das Leben erzogen und – „um
dieses Kindes willen wäre mir alles verziehen worden und hätte ich mir
auch selbst verziehen!“
Alle diese Gedanken waren für ihn untrennbar verbunden mit der ewig
klaren und ewig auf ihm lastenden Erinnerung an das tote Kind. Er
vergegenwärtigte sich immer wieder ihr bleiches Gesichtchen, erinnerte
sich jedes Ausdruckes, jeder ihrer Bewegungen; er glaubte, sie wieder
vor sich zu sehen, wie sie im Sarge unter Blumen und wie sie während der
Krankheit bewußtlos gelegen: heißglühend mit offenen, unbeweglichen,
fieberglänzenden Augen. Da fiel es ihm ein, daß er, als sie noch auf dem
Tisch aufgebahrt lag, plötzlich bemerkt hatte, daß ein Fingerchen an
einer Stelle blauschwarz geworden war; das hatte ihn damals so betroffen
gemacht und dieser arme kleine Finger hatte ihm so leid getan, daß ihm
plötzlich zum erstenmal der Gedanke gekommen war, Pawel Pawlowitsch
unverzüglich aufzusuchen und totzuschlagen; bis dahin aber war er wie
betäubt gewesen. Gleichviel, was die Ursache der Krankheit des Kindes
gewesen sein mochte – gekränkter Stolz oder die Qualen, mit denen sie
der eigene Vater folterte, dessen Liebe sich so plötzlich in Haß
verwandelt hatte, der ihr schändliche Schimpfwörter sagte und über ihre
Angst höhnisch lachte, bis er zu guter Letzt zuließ, daß sie von einem
fremden Menschen fortgebracht wurde – die Schuld an ihrem Tode trug
jedenfalls Pawel Pawlowitsch ganz allein. Darüber war sich
Weltschaninoff von vornherein vollkommen klar, und immer wieder kehrten
seine Gedanken dazu zurück, wie Pawel Pawlowitsch sie gequält hatte, und
seine Phantasie gab sich mit tausend Schrecknissen ab. „Wissen Sie auch,
was Lisa mir war?“ hörte er plötzlich wieder die Frage des Betrunkenen
und er fühlte, daß diese eigentümliche Frage nicht wie alles andere
Verstellung war, sondern aus der tiefsten Tiefe seines Inneren kam und
von einst unendlicher Liebe sprach. „Ja aber wie konnte dieses Scheusal
dann so grausam zu diesem Kinde sein, das er doch zweifellos geliebt
hat, wie ist so etwas überhaupt möglich?“ Doch jedesmal, wenn er wieder
bei dieser Frage angelangt war, erschrak er und dachte sogleich an etwas
anderes, als wolle er weiterem Nachdenken über dieses Problem schnell
aus dem Wege gehen. Es lag für ihn in dieser Frage etwas geradezu
Unheimliches, etwas Unerträgliches, etwas, das ihn davon abhielt, nach
einer Antwort zu suchen.
Eines Tages hatte er, fast ohne sich selbst dessen bewußt zu sein,
seinen ziellosen Weg durch die Straßen der Stadt immer weiter
fortgesetzt, bis er zu dem Friedhof gelangt war, auf dem man Lisa
begraben hatte. Er fand bald ihr kleines Grab. Es war das erstemal, daß
er nach der Bestattung auf den Friedhof kam: er hatte immer gefürchtet,
daß die Qual gar zu groß werden könnte, und so hatte er es nicht gewagt,
ihr Grab aufzusuchen. Doch seltsam, kaum war er niedergekniet und hatte
die Stirn auf den weichen Rasen des kleinen, noch hohen Hügels gesenkt,
da war es ihm, als würde ihm leichter zumute. Der Abend war still und
klar, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten. Ringsum auf
den Hügeln und Plätzen wuchs üppiges, weiches Gras; an einem
Hagebuttenstrauch in der Nähe summte eine Biene. Die Blumen und Kränze
auf Lisas kleinem Grabe waren verwelkt und die Blüten zur Hälfte
entblättert. Weltschaninoff sah und schaute, und zum erstenmal nach
langer Zeit stieg wieder ein Hoffnungsgefühl in ihm auf und erfrischte
ihm Herz und Sinne.
„Wie frei! ... wie wundervoll leicht!“ dachte er unter der Empfindung
der tiefen, reglosen Friedhofsstille, und er schaute hinauf zum klaren,
stillen Himmel.
Und wie ein Strom eines reinen, ruhigen Vertrauens, wie ein Glaube an
irgend etwas, kam es über ihn.
„Das hat mir Lisa gesandt, sie spricht zu mir,“ sagte er sich.
Es dämmerte bereits, als er den Friedhof verließ, um nach Hause
zurückzukehren. Nicht allzu weit vom Friedhofstor befand sich in einem
niedrigen hölzernen Häuschen an der Straße so etwas wie eine Schenke
oder ein Bierlokal. Durch die offenen Fenster sah man die Leute an den
Tischen sitzen. Plötzlich schien es Weltschaninoff, als sei einer von
ihnen – derjenige, welcher am offenen Fenster saß – Pawel Pawlowitsch,
der ihn bereits erkannt hatte und neugierig mit den Blicken verfolgte.
Er ging weiter, ohne seinen Schritt zu verändern, doch bald hörte er,
daß jemand ihm schnell folgte. Es war in der Tat Pawel Pawlowitsch.
Offenbar hatte ihn der versöhnliche Ausdruck im Gesicht Weltschaninoffs
ermutigt. Als er ihn erreicht hatte, hielt er mit ihm gleichen Schritt,
schien zwar noch etwas zaghaft zu sein, und lächelte nur – doch war es
nicht mehr sein betrunkenes widerliches Lächeln, wie er überhaupt nicht
betrunken zu sein schien.
„Guten Tag,“ sagte er.
„Guten Tag,“ antwortete Weltschaninoff.