Nun ist fast schon ein ganzer Monat vergangen, seitdem ich diese meine
Aufzeichnungen, die ich unter dem Einfluß zwar wirrer, doch starker
Eindrücke begonnen, nicht mehr angerührt habe. Die Katastrophe, deren
Herannahen ich damals vorausfühlte, trat wirklich ein, nur geschah es
noch hundertmal plötzlicher und überraschender als ich erwartet hatte.
Es war alles so seltsam und widerwärtig und sogar tragisch, wenigstens
was mich betraf. Einzelne Erlebnisse möchte ich fast Wunder nennen;
jedenfalls fasse ich sie noch jetzt als solche auf – obschon man sie
andererseits, namentlich wenn man den Wirbelsturm von Gefühlen und
Wünschen, der mich damals erfaßt hatte, in Betracht zieht, höchstens als
nicht gerade ganz alltägliche Erlebnisse bezeichnen kann. Doch am
meisten wundere ich mich über mein eigenes Verhalten zu all diesen
Geschehnissen. Bis jetzt noch verstehe ich mich nicht! Und alles das ist
wie ein Traum vergangen – sogar meine Leidenschaft ist vergangen – und
sie war doch groß und stark und aufrichtig, aber ... wo ist sie denn
jetzt geblieben? Wirklich: mitunter ist es mir, als wolle ein bestimmter
Gedanke in meinem Gehirn aufzucken, bis er dann ganz plötzlich vor mir
dasteht – dieser eine Gedanke: „War ich damals nicht wahnsinnig
geworden? und habe ich nicht während der ganzen Zeit irgendwo in einer
Irrenanstalt gesessen und sitze ich nicht vielleicht auch jetzt noch in
ihr? so daß mir alles das _nur geschienen hat_ und auch jetzt noch _nur
scheint_?! ...“
Ich habe die Blätter zusammengesucht und das Geschriebene durchgelesen.
(Wer weiß, vielleicht nur – um mich zu überzeugen, ob ich es nicht doch
in einem Irrenhause geschrieben habe.) Ich bin jetzt ganz allein. Es ist
Herbst, die Blätter werden gelb. Ich sitze in diesem wehmütigen
Städtchen – oh, wie wehmütig doch die deutschen Kleinstädte sind! – und
anstatt mir den bevorstehenden Schritt zu überlegen, befinde ich mich
ganz und gar in der Erinnerung und unter der Einwirkung der jüngst
durchlebten Gefühle, tauche unter in Erinnerungen und lasse mich wieder
von jenem Sturm erfassen, der mich damals in seinen Wirbel gerissen und
mich nun hier wieder an Land geworfen hat. Es scheint mir zuweilen, daß
ich mich noch immer in diesem Wirbel drehe oder daß im Augenblick, ja,
im Augenblick wieder dieser Sturm heranrasen kann, um mich vorüberjagend
mit seinem Flügel mitzureißen, fort von jedem Weg und Steg und
Maßgefühl, und daß ich mich, wer weiß wie, gleich wieder im Wirbel
drehen werde, drehen und drehen und drehen ...
Übrigens wird dieser Zustand vielleicht aufhören, wenn ich mir von
allem, was ich in diesem Monat erlebt habe, möglichst genau Rechenschaft
gebe. Es zieht mich wieder zur Feder, und die Abende sind auch so lang
und ich habe nichts zu tun. Sonderbar, um mich wenigstens mit irgend
etwas zu beschäftigen, nehme ich hier aus der jämmerlichen
Leihbibliothek Romane von Paul de Kock zum Lesen – und noch dazu in
deutscher Übersetzung! – Romane, die ich nicht ausstehen kann, aber ich
lese sie und wundere mich über mich selbst: es ist, als fürchtete ich,
durch die Lektüre eines ernsten Buches oder durch sonst eine ernste
Beschäftigung den Zauberbann der letzten Vergangenheit zu brechen. Ganz
als wären mir dieser scheußliche Traum und alle Eindrücke, die er in mir
hinterlassen hat, so teuer, daß ich mich sogar fürchte, mit irgend etwas
Neuem an ihm zu rühren, fürchte, daß er dann wie Rauch vergehen könnte!
Ist mir denn das alles wirklich so teuer? oder was ist es sonst?! Ja,
natürlich ist es mir teuer; vielleicht werde ich noch nach vierzig
Jahren ebenso an ihn zurückdenken ...
Also ich beginne wieder zu schreiben. Jetzt kann ich mich ja bedeutend
kürzer fassen:
Zunächst, um mit der Babuschka abzuschließen: am nächsten Tage
verspielte sie alles. Das war vorauszusehen, denn wenn Leute ihres
Schlages einmal auf diesen Weg geraten, dann ist es, als glitten sie auf
einem Schlitten einen Schneeberg hinab, unaufhaltsam immer schneller und
schneller. Sie spielte den ganzen Tag, vom Morgen bis acht Uhr abends.
Ich war nicht zugegen, habe mir aber nachher alles erzählen lassen.
Potapytsch war die ganze Zeit bei ihr.
Die Polen, die die Leitung des Spieles der Babuschka an sich zu reißen
wußten, wechselten an diesem Tage mehrmals. Sie begann damit, daß sie
den einen Polen, den sie am Abend vorher an den Haaren gezogen hatte,
fortjagte und einen anderen zum Ratgeber erkor. Doch dieser erwies sich
als fast noch schlimmer. Und nachdem sie auch ihn fortgejagt und wieder
den ersten zu Hilfe genommen, der wohlweislich nicht fortgegangen,
sondern hinter ihrem Stuhl geblieben und jeden Augenblick mit seinen
Ratschlägen dazwischengefahren war, geriet sie zwischen zwei Feuer. Der
zweite wollte ebensowenig wie der erste das Feld räumen und so blieb
denn der eine rechts, der andere links neben ihr. Die ganze Zeit
stritten und schimpften sie sich wegen der Einsätze, nannten sich
gegenseitig „Laidak“[6] und zeichneten sich durch andere und ähnliche
polnische Liebenswürdigkeiten aus, vertrugen sich dann wieder
stillschweigend und setzten das Geld ohne jede Berechnung und
Überlegung, wie es ihnen gerade einfiel. Stritten sie, so setzte der
eine auf ^manque^, der andere auf ^passe^; es setzte der eine auf Rot,
wenn der andere auf Schwarz gesetzt hatte. Es endete damit, daß sie die
Babuschka zu guter Letzt ganz zur Verzweiflung brachten und diese sich,
fast dem Weinen nahe, an den Croupier mit der Bitte wandte, sie von den
beiden zu befreien. Sie wurden auch wirklich sogleich abgeschoben,
obschon sie schrien und protestierten und plötzlich beide zu beweisen
suchten, daß die Babuschka ihnen Geld schulde und sie sie beide betrogen
und schändlich und gemein an ihnen gehandelt habe. Der unglückliche
Potapytsch erzählte mir das noch am selben Abend unter Tränen und
beteuerte dabei, daß sie in Wirklichkeit alle ihre Taschen mit Geld
vollgestopft, daß er es selbst gesehen, wie sie jeden Augenblick
gestohlen und das Geld hätten verschwinden lassen. Auch sollen sie sich
verschiedener Kniffe bedient haben, um offiziell größere Summen stehlen
zu können. Zum Beispiel: einer von ihnen bittet die Babuschka um fünf
Friedrichsdor für seine erwiesenen Dienste und setzt das Geld gleich
neben die Einsätze der Babuschka. Die Babuschka gewinnt und er verliert
sein Geld, er aber beteuert, daß sein Einsatz gewonnen habe und der
verlorene ihr Einsatz gewesen sei. Als man sie dann vom Tisch entfernt
hatte, war Potapytsch vorgetreten und hatte gemeldet, daß ihre Taschen
voll Gold seien. Die Babuschka hatte sich dann sogleich an den Croupier
gewandt, und wirklich, wie sehr die Polen auch schrien – genau wie zwei
eingefangene Hähne – es wurden ihre Taschen von den Polizeibeamten ohne
weiteres entleert und das Geld der Babuschka zurückerstattet. Solange
diese noch nicht alles verspielt hatte, waren nämlich die Croupiers wie
alle übrigen Angestellten der Gesellschaft außerordentlich zuvorkommend
gegen sie, als sei jeder ihrer Wünsche ihnen ein Befehl. In kürzester
Zeit sprach schon die ganze Stadt von ihr. Geringe und Vornehme, Reiche
und minder Reiche begaben sich in die Spielsäle, um die „^vieille
comtesse russe^“ zu sehen, die, wie es hieß, bereits „mehrere Millionen“
verspielt hatte.
Leider hatte die Babuschka nur sehr, sehr wenig damit gewonnen, daß sie
glücklich von den beiden Polätschkis befreit worden war. An ihrer Stelle
erschien sogleich ein dritter Pole, der aber, im Gegensatz zu den
anderen, fehlerlos russisch sprach und anständig gekleidet war –
immerhin aber noch etwas Lakaienhaftes an sich hatte – und sich außerdem
durch einen mächtigen Schnurrbart und durch „Gónor“ auszeichnete.[7] Er
versicherte gleichfalls, daß er ihre „^stopki panjski^“ küsse oder sich
unter ihre „^stopki panjski^“ breite, doch verhielt er sich zur ganzen
Umgebung anmaßend hochmütig und benahm sich wie ein Despot, – kurz, er
verstand es, sich von vornherein nicht als Diener, sondern als Gebieter
der Babuschka aufzuspielen. Alle Augenblicke, fast nach jedem Einsatz,
wandte er sich an die Babuschka und schwur mit den fürchterlichsten
Schwüren, daß er selbst ein „^gonorowyj Pan^“ sei und keine Kopeke von
ihr nehmen werde. Und er wiederholte diese Schwüre so oft, daß die
Babuschka sich bald ganz eingeschüchtert fühlte. Da aber dieser Pan
anfangs wirklich mit gutem Erfolge spielte und die Babuschka gewann, so
war schließlich sie es, die nicht mehr von ihm lassen konnte. Nach einer
Stunde aber erschienen die beiden hinausgeführten Polätschkis wieder
hinter dem Stuhl der Babuschka und boten wieder ihre Dienste an,
gleichviel wozu – auch zu Laufburschendiensten waren sie bereit.
Potapytsch schwor bei seinem Seelenheil, daß der „^gonorowyj Pan^“ ihnen
zugezwinkert und sogar etwas in die Hand gedrückt habe. Da aber die
Babuschka seit dem Morgen nichts genossen hatte, kam nun der eine von
den beiden wirklich ganz gelegen mit seinem Angebot: er wurde ins
Restaurant des Kurhauses geschickt – der Speisesaal lag nebenan – und
brachte von dort geschwind eine Tasse Bouillon und später noch eine
Tasse Tee. Übrigens liefen sie immer beide. Gegen Abend jedoch standen
hinter ihrem Stuhl ganze sechs Polätschkis, von denen man früher nichts
gesehen und gehört hatte. Als aber die Babuschka nahezu ihr letztes Geld
zu verspielen begann, da hörten sie alle auf, ihre Wünsche zu beachten,
ja sie bemerkten sie überhaupt nicht mehr, drängten sich mit größter
Rücksichtslosigkeit gegen sie an den Tisch, griffen, ohne zu fragen,
nach ihrem Gelde, setzten es nach eigener Willkür, stritten und schrien
und behandelten den Pan mit dem „Gónor“ wie ihren Duzbruder, der er auch
zu sein schien, und der Pan mit dem „Gónor“ vergaß gleichfalls die
Existenz der Babuschka. Und selbst dann noch, als die Babuschka gegen
acht Uhr abends, nachdem sie alles verspielt hatte, ins Hotel
zurückkehrte, selbst dann noch konnten drei oder vier von ihnen sich
nicht entschließen, sie zu verlassen und liefen zu beiden Seiten ihres
Stuhles unter lautem Geschrei einher und beteuerten in verwirrend
schneller Sprechweise, daß die Babuschka sie irgendwie betrogen habe und
ihnen irgend etwas zurückerstatten müsse, – d. h. Geld, natürlich. So
kamen sie bis ins Hotel, wo man sie endlich mit Nachdruck abwies.
Nach Potapytschs Berechnung muß die Babuschka an diesem einen Tage an
neunzigtausend Rubel verspielt haben, außer dem tags zuvor verlorenen
Gelde. Alle ihre Wertpapiere, alle Aktien, die sie mitgenommen, hatte
sie eines nach dem anderen und eine nach der anderen hingegeben. Ich
wunderte mich, daß sie es ausgehalten hatte, ganze sieben oder acht
Stunden ununterbrochen am Tisch zu sitzen, doch Potapytsch erzählte, daß
sie dreimal wirklich stark zu gewinnen begonnen habe und da hatte die
Hoffnung sie dann wieder von neuem gestärkt. Übrigens, nur Spieler
können es verstehen, wie ein Mensch Tag und Nacht auf einem Platz sitzen
und für nichts anderes Augen und Ohren haben kann als für das Spiel.
Doch während die Babuschka dort spielte, spielten sich bei uns im Hotel
gleichfalls wichtige Dinge ab. Gleich am Morgen, noch vor elf Uhr, als
die Babuschka das Hotel noch nicht verlassen hatte, entschlossen sich
der General und de Grillet zu einem letzten Schritt, von dem sie die
Entscheidung und ihr eigenes Heil erwarteten. Nachdem sie erfahren
hatten, daß die Babuschka vorläufig nicht mehr daran denke,
zurückzureisen, vielmehr wieder die Spielsäle aufzusuchen beschlossen
habe, begaben sie sich zu ihr, um einmal ernstlich mit ihr zu reden und
sogar – aufrichtig. Der General, der beim Gedanken an alle zu
erwartenden furchtbaren Folgen nur so zitterte, verdarb aber das Ganze:
zuerst flehte und bat er eine halbe Stunde lang, und gestand sogar alles
ganz offen ein, d. h. alle seine Schulden und selbst seine Leidenschaft
zu Mademoiselle Blanche – er verlor offenbar den Kopf – plötzlich aber
schlug er einen drohenden Ton an, schrie sie sogar an und stampfte mit
dem Fuß auf, sagte ihr, daß sie die ganze Familie kompromittiere, daß
die ganze Stadt von ihrem skandalösen Benehmen rede, und schließlich ...
schließlich – „Sie verunglimpfen den russischen Namen überhaupt, meine
Gnädigste, Sie sind eine Schande für Ihr Vaterland!“ schrie der General
– und er fügte noch hinzu, es gäbe doch überall eine Polizei! Kurz, die
Szene endete damit, daß die Babuschka ihn mit dem Stock hinausjagte –
mit einem wirklichen Stock, den sie stets bei sich hatte.
Der General und de Grillet berieten sich den ganzen Vormittag über, und
zwar namentlich über diesen einen Punkt: ob es nicht doch anginge, die
Polizei zum Einschreiten zu veranlassen? Es wäre doch so einfach: diese
alte, kindisch gewordene Dame, die sonst alle Achtung verdiente, lief ja
einfach Gefahr, ihr letztes Geld zu verspielen und dann zu verhungern!
Kurz, ließe es sich da nicht machen, daß man sie unter Kuratel stellte
oder ... oder gleichviel unter was? ... Doch de Grillet zuckte bloß mit
den Achseln und seine Augen lachten spöttisch über den General, der im
Zimmer hin und her lief und kaum noch wußte, was er sprach. Endlich
hatte de Grillet es satt, und verschwand. Am Abend erfuhren wir, daß er
das Hotel verlassen habe und abgereist sei, nachdem er kurz zuvor unter
vier Augen und bei verschlossenen Türen eine entscheidende Unterredung
mit Mademoiselle Blanche gehabt. Was nun diese betrifft, so hatte sie
schon am Morgen ihren Plan ausgearbeitet: der General war für sie
erledigt und sogar so erledigt, daß sie ihn nicht einmal mehr bei sich
empfing. Und als der General darauf ins Kurhaus eilte, wohin sie sich
begeben hatte, und sie dort am Arm des kleinen Fürsten antraf, da mußte
er es erleben, daß weder sie noch ^madame veuve de Cominges^ ihn
erkannten und auch das Fürstchen ihn nicht grüßte. Der letztere wurde
den ganzen Tag von Mademoiselle Blanche bearbeitet, in der Erwartung,
daß er sich endlich entscheidend aussprechen würde, doch leider wartete
ihrer eine große Enttäuschung: gegen Abend stellte es sich nämlich
heraus, daß der Fürst nicht nur selbst nichts besaß, sondern noch von
ihr sich Geld gegen einen Wechsel verschaffen wollte, um dann
gleichfalls Roulette spielen zu können. Da gab denn Blanche ganz empört
auch ihm den Laufpaß und schloß sich in ihr Zimmer ein.
Am Morgen desselben Tages ging ich zu Mister Astley, oder richtiger, ich
suchte ihn den ganzen Vormittag, ohne ihn finden zu können. Erst gegen
fünf Uhr erblickte ich ihn plötzlich, wie er vom Bahnhof kam und die
Richtung zum Hotel d’Angleterre einschlug. Er hatte offenbar wenig Zeit
und schien sehr besorgt zu sein. Er streckte mir wie gewöhnlich mit
einem „Ah!“ die Hand entgegen, blieb aber weder stehen noch verlangsamte
er auch nur den Schritt. Ich schloß mich ihm an; aber er antwortete mir
so, daß ich nicht recht ins Sprechen kommen und ihn auch nicht nach dem
fragen konnte, was ich eigentlich fragen wollte. Überdies schämte ich
mich – ich weiß nicht, warum – von Polina zu sprechen, er aber
erkundigte sich mit keinem Wort nach ihr. Ich erzählte ihm von der
Babuschka und er hörte mir aufmerksam und ernst zu, sagte aber nichts,
sondern zuckte nur mit den Achseln.
„Sie wird alles verspielen,“ bemerkte ich.
„O ja,“ meinte er. „Bevor ich fortfuhr, sah ich, wie sie sich wieder in
die Spielsäle begab, deshalb war mir Ihre Mitteilung nichts Neues. Wenn
ich Zeit finde, werde ich hingehen, um sie mir anzusehen. So etwas ist
interessant.“
„Wohin waren Sie gefahren?“ fragte ich, ganz verwundert darüber, daß ich
es nicht sogleich gefragt hatte.
„Ich war in Frankfurt.“
„In Geschäften?“
„Ja, in Geschäften.“
Was sollte ich nun weiter fragen? Ich ging übrigens immer noch neben ihm
her, doch plötzlich wandte er sich zum Hotel „^Des quatre saisons^“, an
dem wir vorübergingen, nickte mir zum Abschied mit dem Kopfe zu und
verschwand im Portal. Ich kehrte in unser Hotel zurück und kam
allmählich zur Einsicht, daß ich, selbst wenn ich geschlagene zwei
Stunden mit ihm gesprochen hätte, doch nichts würde erfahren haben, denn
... ich hatte ihn doch überhaupt nichts zu fragen! Ja, natürlich nicht!
Es wäre mir ganz unmöglich gewesen, meine Frage zu formulieren.
Diesen ganzen Tag hielt sich Polina abwechselnd im Park und im Hotel
auf, wo sie in ihrem Zimmer saß, natürlich immer zusammen mit den
Kindern und der Kinderfrau. Dem General ging sie schon seit langer Zeit
aus dem Wege, wie sie es überhaupt vermied, mit ihm zu sprechen –
wenigstens von ernsten Dingen. Das war mir schon früher aufgefallen. Als
ich aber an die Situation dachte, in der sich der General an diesem Tage
befand, nahm ich an, daß es zwischen ihnen doch wohl zu einer
Auseinandersetzung gekommen war, vielleicht sogar zu einer sehr ernsten
und folgenschweren. Doch als ich nach meinem Gespräch mit Mister Astley
kurz vor dem Hotel Polina mit den Kindern begegnete, sprach ihr
Gesichtsausdruck von gleichmütigster Ruhe, als gingen sie alle
Familienstürme nicht das geringste an. Auf meinen Gruß nickte sie nur
ganz gleichgültig. Wütend suchte ich mein Zimmer auf.
Zum Teil war ich natürlich selbst schuld daran. Seit der Geschichte mit
Wurmerhelm hatte ich es geflissentlich vermieden, mich ihr zu nähern
oder mit ihr zu sprechen, wenn auch viel Verstellung dabei war. Nach und
nach aber verbohrte ich mich so in meine falschen Gefühle, daß sie
schließlich echt wurden, und Polinas Verhalten mich wirklich empörte.
Selbst wenn sie mich nicht ein bißchen liebte, hätte sie doch, denke
ich, meine Gefühle nicht so mit Füßen treten und meine Geständnisse mit
solch einer Geringschätzung aufnehmen dürfen. Sie wußte, daß ich sie
wirklich liebte: hatte sie doch selbst zugelassen und erlaubt, daß ich
von meiner Liebe zu ihr sprach! Freilich, das hatte alles, genau
genommen, seine Vorgeschichte. Viel früher schon, vor ganzen zwei
Monaten etwa, hatte ich bereits bemerkt, daß sie mich zu ihrem Freunde
und Vertrauten zu machen gedachte und zum Teil auch schon versuchte,
ihre Absicht zu verwirklichen. Dennoch wollte es nicht gelingen, und
statt daß wir vertrauter miteinander wurden, entwickelten sich
allmählich unsere Beziehungen zu diesem blödsinnigen Verhältnis. So kam
es, daß ich schließlich von meiner Liebe zu sprechen begann. Aber wenn
ihr meine Liebe widerwärtig war, weshalb verbot sie mir dann nicht, von
ihr zu sprechen?
Nein, sie erlaubte es mir; zuweilen hatte sie mich sogar selbst dazu
veranlaßt ... natürlich nur zum Spott. Ich weiß es, ich habe es genau
bemerkt: es war ihr angenehm, mir, nachdem sie mich widerspruchslos
angehört und bis zum Schmerz gereizt hatte, plötzlich mit irgendeinem
Ausfall, durch den sie mir ihre unermeßliche Verachtung und
Gleichgültigkeit zu verstehen gab, einen Schlag zu versetzen, der mich
einfach betäubte. Und sie wußte doch, daß ich nicht ohne sie leben
konnte. Zwei Tage waren erst seit der Geschichte mit dem Baron vergangen
und schon konnte ich unsere „Trennung“, die ja eigentlich noch gar keine
war, nicht mehr ertragen. Als ich ihr dort in der Allee mit den Kindern
begegnete, begann mein Herz so zu klopfen, daß ich erbleichte. „Aber wie
lange wird sie es denn ohne mich aushalten!“ fragte ich mich. „Sie
braucht mich, sie hat mich nötig – und ... und das doch nicht nur, um
ihren Spott mit mir treiben zu können?“
Daß sie ein Geheimnis hatte – das war mir klar! Ihr Gespräch mit der
Babuschka hatte mir einen schmerzhaften Stich ins Herz versetzt. Hatte
ich sie doch tausendmal geradezu herausgefordert, aufrichtig gegen mich
zu sein, und sie wußte auch, daß ich tatsächlich bereit war, meinen Kopf
für sie einzusetzen. Aber sie machte sich immer mit fast geflissentlich
hervorgekehrter Verachtung von mir los oder verlangte anstatt des
Opfers, das ich ihr selbst mit meinem Leben anbot, irgendeine Dummheit
wie damals die mit dem Baron! Und da sollte ich nicht – knirschen?
Besteht denn die ganze Welt für sie nur in diesem Franzosen? Aber Mister
Astley? Nein, hier wurde die Geschichte doch entschieden unbegreiflich,
indessen aber – Gott, wie ich mich quälte!
In meinem Zimmer angelangt griff ich, zitternd vor Wut, zur Feder und
schrieb ihr folgendes:
„Polina Alexandrowna, ich sehe doch, daß die Entscheidung, die natürlich
auch Sie angehen wird, nahe bevorsteht. Zum letztenmal wiederhole ich
die Frage: haben Sie meinen Kopf nötig oder nicht? Wenn ich Ihnen auch
nur zu _irgend etwas_ dienen kann – verfügen Sie über mich.
Vorläufig bleibe ich in meinem Zimmer, wenigstens den größten Teil des
Tages, und werde nicht ausgehen. Falls nötig – schreiben Sie mir oder
lassen Sie mich rufen.“
Ich gab den Brief dem Hoteldiener mit der Weisung, ihn ihr persönlich
einzuhändigen. Eine Antwort erwartete ich nicht. Doch nach kaum drei
Minuten kam der Diener zurück und sagte, das Fräulein lasse grüßen.
Gegen sieben Uhr wurde ich zum General gerufen.
Er war in seinem Kabinett, und zum Ausgehen angekleidet. Hut und Stock
lagen auf dem Diwan. Als ich eintrat, stand er breitbeinig mitten im
Zimmer, den Kopf gesenkt, und sprach halblaut zu sich selbst. Kaum aber
hatte er mich erblickt, da stürzte er mir fast mit einem Schrei
entgegen, so daß ich unwillkürlich vor ihm zurückwich und schon flüchten
wollte; doch er ergriff meine beiden Hände und zog mich zum Diwan, auf
den er sich selbst niederließ, während er mich in einen Sessel drückte,
und ohne meine Hände loszulassen sogleich begann: mit bebenden Lippen
und flehender Stimme, Tränen in den Augen:
„Alexei Iwanowitsch, retten Sie mich, retten Sie mich, erbarmen Sie
sich!“
Es dauerte lange, bis ich begriff, was er von mir wollte. Er sagte immer
nur: „Erbarmen Sie sich, erbarmen Sie sich!“
Endlich glaubte ich zu erraten, daß er mich um so etwas wie einen Rat
bitten wollte; doch konnte er ebensogut in der Aufregung und im Kummer,
verlassen wie er war, nur das Bedürfnis nach einem Menschen gehabt
haben, und so hatte er mich vielleicht rufen lassen, nur um zu sprechen,
zu sprechen, zu sprechen ...
Jedenfalls war er vor Aufregung ganz konfus und völlig bereit, sich vor
mir womöglich auf die Kniee zu werfen, um mich – kaum glaublich aber
wahr – um mich anzuflehen, sogleich zu Mademoiselle Blanche zu gehen und
sie zu bewegen, zu bereden oder sonstwie zu veranlassen, ihn doch nicht
zu verlassen, sondern – zu heiraten.
„Aber ich bitte Sie, General,“ rief ich ganz verdutzt, „Mademoiselle
Blanche hat mich ja bisher vielleicht noch nicht einmal bemerkt! – was
könnte ich da wohl ausrichten?“
Doch vergeblich war alles Widersprechen: er begriff überhaupt nicht, was
ich sagte. Zwischendurch kam er auch auf die Babuschka zu sprechen,
sprach aber wie ein Unzurechnungsfähiger und hing immer noch an dem
Gedanken, sie durch die Polizei irgendwie unschädlich zu machen.
„Bei uns, bei uns,“ begann er plötzlich in einem Zornesausbruch, „mit
einem Wort, bei uns in einem guteingerichteten Staat, in dem es auch
wirklich eine Obrigkeit gibt, würde man solche alten Weiber ohne
weiteres unter Kuratel stellen! Ja, fraglos, mein Herr, fraglos, sag ich
Ihnen!“ fuhr er fort, plötzlich in einen vorwurfsvollen Ton verfallend,
und er sprang auf, um im Zimmer hin und her zu gehen. „Das wußten Sie
wohl noch nicht, mein Herr,“ wandte er sich an einen mir unsichtbaren
Herrn in der Ecke des Zimmers, als stände dort wirklich jemand, der es
noch nicht wußte, „ich sage es Ihnen, damit Sie es nun ein für allemal
wissen ... ja ... bei uns wird mit alten Weibern dieses Schlages nicht
viel Federlesens gemacht, krumm biegt man sie, krumm, sage ich Ihnen,
einfach krumm ... Ja! ... O, hol’s doch der Teufel!“
Und er warf sich wieder auf den Diwan und nach einer Weile fuhr er fort
– fast schluchzend – und erzählte mir, daß Mademoiselle Blanche ihn nur
deshalb nicht heiraten wolle, weil anstatt der Depesche die Babuschka
angekommen war und weil es jetzt doch klar sei, daß er nichts mehr erben
werde. Er schien zu denken, daß ich noch nichts davon wisse. Ich begann
von de Grillet zu sprechen, er aber winkte nur mit der Hand ab, als
wolle er nichts von ihm hören:
„Der ist schon fort!“ sagte er. „Alles, was ich habe, habe ich ihm
verpfändet, mir bleibt nichts! Jenes Geld, das Sie uns brachten ...
jenes Geld – ich weiß nicht, wieviel davon noch da ist ... siebenhundert
Franken oder so ungefähr – das ist alles, aber was weiter sein wird, das
weiß ich nicht, das weiß ich nicht! ...“
„Aber womit werden Sie denn die Rechnung hier im Hotel bezahlen?“ fragte
ich erschrocken, „und ... und was werden Sie dann anfangen?“
Er saß wie in Gedanken versunken und stierte vor sich hin, schien aber
meine Frage ganz überhört und auch mich vergessen zu haben. Ich begann
von Polina Alexandrowna und den Kindern zu sprechen, doch er sagte nur
schnell: „Ja, ja!“ und fing wieder an, vom Fürsten zu reden und davon,
daß Blanche jetzt mit diesem fortfahren werde und „dann ... und dann –
was soll ich dann tun, Alexei Iwanowitsch?“ wandte er sich plötzlich
wieder an mich. „Ich beschwöre Sie! Was soll ich tun, – sagen Sie, das
ist doch blanke Undankbarkeit! Das ist doch eine so unfaßbare
Undankbarkeit von ihr?“
Tränen stürzten ihm aus den Augen und er weinte wie ein Kind.
Es war nichts mehr zu machen mit ihm; aber ihn ganz allein zu lassen,
war fast gefährlich: er konnte sich schließlich, weiß Gott, was antun.
Übrigens machte ich mich doch irgendwie von ihm los, sagte aber der
Kinderfrau, daß sie von Zeit zu Zeit nach ihm sehen solle und auch mit
dem Hoteldiener, einem sehr verständigen Burschen, sprach ich unter vier
Augen: er versprach gleichfalls, Ohren und Augen offen zu halten.
Ich war kaum in meinem Zimmer angelangt, als Potapytsch bei mir erschien
und meldete, daß die Babuschka mich zu sich bitten lasse. Es war gegen
acht Uhr und sie war gerade erst aus dem Kurhaus zurückgekehrt, nachdem
sie dort alles verloren hatte.
Ich begab mich natürlich sogleich zu ihr: sie saß ganz erschöpft und
sichtlich krank in ihrem Stuhl. Marfa reichte ihr Tee und suchte sie zu
bereden, doch etwas zu trinken. Schließlich trank sie denn auch. Ihre
Stimme und ihre ganze Redeweise hatten sich auffallend verändert.
„Guten Abend, Väterchen Alexei Iwanowitsch,“ sagte sie, langsam und
würdevoll den Kopf neigend, „verzeihe, daß ich dich noch einmal
beunruhigt habe, nimm du es einem alten Menschen nicht übel. Ich habe
alles dort gelassen, mein Lieber, an hunderttausend Rubel. Recht hattest
du, als du gestern nicht mitkamst. Jetzt bin ich ohne Geld, keinen
Kopeken habe ich mehr bei mir. Bleiben will ich hier nicht eine Stunde
länger als nötig; um halb zehn fahre ich. Ich habe zu diesem deinem
Engländer geschickt, Astley, oder wie er da heißt, und will ihn um
dreitausend Franken bitten, nur auf eine Woche. Du sprichst vielleicht
mit ihm, damit er da nicht etwas denkt und sie mir abschlägt. Ich bin
noch reich genug, Väterchen. Ich habe drei Güter und zwei Häuser. Und
auch Geld wird sich noch finden, nicht alles hatte ich mitgenommen. Ich
sage das deshalb, damit er da nicht irgendwie bedenklich wird. Ah, da
ist er ja! Man sieht sogleich den guten Menschen.“
Mister Astley war auf ihre Bitte hin unverzüglich gekommen. Ohne sich
einen Augenblick zu bedenken oder ein Wort zu verlieren, zählte er
sogleich dreitausend Franken auf den Tisch und nahm den Wechsel in
Empfang, den die Babuschka unterschrieb. Nachdem die Angelegenheit
erledigt war, verabschiedete er sich und ging.
„Und jetzt geh auch du, Alexei Iwanowitsch. Es bleibt mir noch über eine
Stunde bis zur Abfahrt – da will ich mich etwas hinlegen, meine Knochen
tun mir weh. Sei mir alten Närrin nicht böse. Jetzt werde ich jungen
Leuten nicht mehr ihren Leichtsinn vorwerfen. Und auch jenen
Unglücklichen, euren General da, werde ich jetzt nicht mehr
beschuldigen. Geld werde ich ihm freilich nicht geben, so wie er es
will, denn – ich kann mir nicht helfen – er ist doch gar zu dumm. Nur
bin auch ich alte Närrin nicht klüger als er. Ja, wie man sieht, sucht
Gott einen auch in alten Jahren heim und bestraft die Stolzen. Nun, leb
wohl. Marfuscha, hebe mich!“
Ich wollte sie aber doch noch zur Bahn begleiten. Außerdem war ich zu
unruhig, um in meinem Zimmer zu sitzen: ich erwartete irgend etwas, das
sogleich, unbedingt geschehen müsse. Das Warten aber hielt ich auch
nicht aus, und so ging ich denn im Korridor auf und ab, ging sogar
hinaus auf die Straße und ging die Allee hinauf und wieder zurück. Im
Hotel hatte ich gehört, daß de Grillet abgereist sei.
„Mein Brief an sie ist doch deutlich,“ dachte ich, „sie sieht doch, daß
ich entschlossen bin! Und die Katastrophe – die ist natürlich schon da.
Jetzt, nachdem de Grillet sie auch noch verlassen hat! ... Nun gut, wenn
sie mich auch als Freund verschmäht, so wird sie mich als Diener
vielleicht doch noch nötig haben und nicht zurückweisen. Und wenn sie
mich auch nur als Laufburschen gebraucht – gleichviel, ich weiß doch,
daß ich ihr immerhin irgendwie zustatten kommen werde!“
Um neun Uhr dreißig war ich auf dem Bahnhof und half der Babuschka beim
Einsteigen. Sie fuhr wieder mit ihren Dienstboten in einem besonderen
Kupee.
„Hab Dank, Väterchen, für deine uneigennützige Teilnahme,“ sagte sie mir
zum Abschied, „und sage Praskowja, daß sie nicht vergessen soll, was ich
ihr gestern sagte, – ich werde sie erwarten.“
Ich kehrte ins Hotel zurück. Im Korridor kam mir die Kinderfrau entgegen
– und ich erkundigte mich bei ihr nach dem General. „Ach, Väterchen, der
hat sich was!“ meinte sie mit einem wehmütigen Lächeln. Trotzdem wollte
ich doch auf einen Augenblick zu ihm gehen, aber – an der halb offenen
Tür zu seinem Kabinett blieb ich geradezu erschrocken stehen: ich hörte
Mademoiselle Blanche und den General förmlich um die Wette lachen und
auch ^madame veuve de Cominges^ sah ich lächelnd auf dem Diwan sitzen.
Der General war augenscheinlich vor Freude über ihren Besuch ganz
sinnlos, schwatzte alles mögliche ungereimte Zeug zusammen und brach
immer wieder in langes, nervöses Gelächter aus, wobei sein Gesicht sich
in unzählige kleine Runzeln legte und seine Augen irgendwohin
verschwanden. Später erzählte mir Blanche, daß es ihr, nachdem sie den
Fürsten fortgejagt und von der Verzweiflung des Generals gehört hatte,
ganz plötzlich in den Sinn gekommen sei, zu diesem zu gehen und ihn ein
wenig zu trösten. Der arme General aber ahnte natürlich nicht, daß sein
Schicksal bereits entschieden war, und Blanche ihre Sachen schon
eingepackt hatte, um am nächsten Morgen mit dem Frühzuge nach Paris zu
reisen.
Ich stand noch eine Weile auf der Schwelle, zog es aber vor, nicht
einzutreten und entfernte mich unbemerkt. Als ich oben angelangt war und
die Tür zu meinem Zimmer öffnete, sah ich im Halbdunkel plötzlich eine
Gestalt, die am Fenster auf einem Stuhl saß. Sie erhob sich nicht, als
ich eintrat. Sie rührte sich nicht. Ich trat, kurz entschlossen, schnell
auf sie zu, sah sie ganz nah vor mir und – mein Atem stockte: es war
Polina!