XII.

Die Stimmung der Babuschka war nicht gerade sonnig; sie war reizbar und

ungeduldig. Das Roulette hatte ihr gründlich den Kopf verdreht. Alles

andere war ihr jetzt gleichgültig, und überhaupt schien sie sehr

zerstreut zu sein, oder richtiger, nur mit einem Gedanken beschäftigt.

Unterwegs z. B. stellte sie keine einzige Frage von der Art, wie am

Vormittage. Als ein höchst auffallendes Viergespann an uns

vorübertrabte, hob sie wohl einmal die Hand und fragte: „Wer waren die?“

schien dann aber meine Antwort ganz zu überhören und sich wieder nur mit

ihren eigenen Gedanken zu beschäftigen. Ihre Nachdenklichkeit aber

unterbrach sie nur von Zeit zu Zeit durch hastige Bewegungen und

Ausfälle. Als ich ihr kurz vor dem Kurhaus den Baron und die Baronin

Wurmerhelm zeigte, die ich in ziemlicher Entfernung von uns erblickte,

sah sie nur zerstreut hin, sagte gleichmütig „Ah?“ und wandte sich

plötzlich nach Potapytsch und Marfa um, die hinter ihr gingen, und fuhr

sie schroff an:

„Nun, weshalb kommt ihr denn mitgelaufen? Nicht jedesmal werd’ ich euch

mitnehmen! Geht nach Haus! Du genügst mir vollkommen,“ wandte sie sich

an mich, als jene schleunigst dienerten und froh zurückkehrten.

Im Spielsaal wurde die Babuschka bereits erwartet. Im Augenblick war

derselbe Platz neben dem Croupier freigemacht. Ich glaube, daß diese

Croupiers, die stets so ruhig scheinen, als ginge es sie nichts an, ob

die Bank gewinnt oder verliert, im Grunde doch nichts weniger als

gleichgültig dem Spiel gegenüber sind, gewiß auch einige Instruktionen

in betreff der Anlockung der Spieler erhalten und sich für den Gewinn

der Bank interessieren müssen – wofür ihnen wahrscheinlich

Gratifikationen zuteil werden. Wenigstens schien es mir, daß sie die

Babuschka bereits als ihr Opfer betrachteten. Und das, was sie und die

Unsrigen erwarteten, geschah natürlich, und zwar folgendermaßen:

Die Babuschka wandte sich, wie vorauszusehen war, sogleich ihrem lieben

^zéro^ zu und befahl mir, zwölf Friedrichsdor zu setzen. Ich setzte

einmal, noch einmal, und dann noch einmal – ^zéro^ kam nicht.

„Setze, setze“ drängte sie, vor Ungeduld mich stoßend. Ich gehorchte.

„Wieviel Mal haben wir schon gesetzt?“ fragte sie endlich, knirschend

vor Ungeduld.

„Schon zwölfmal, Babuschka. Hundertundvierundvierzig Friedrichsdor haben

wir verloren. Ich sage Ihnen, bis zum Abend können Sie ja ...“

„Schweig!“ unterbrach sie mich kurz. „Setz auf ^zéro^ und zugleich auf

Rot tausend Gulden. Wart, hier ist das Geld, nimm.“

Rot gewann, doch den Einsatz auf ^zéro^ verloren wir wieder. Viertausend

Gulden wurden uns ausgezahlt.

„Siehst du, siehst du!“ flüsterte die Babuschka mir zu, „fast alles, was

wir verloren haben, ist damit zurückgewonnen! Setz wieder auf ^zéro^,

noch zehnmal wollen wir auf ^zéro^ setzen, dann basta.“

Doch nach dem fünften Verlust hatte sie es satt.

„Ach, hol’ es der Kuckuck, dieses scheusälige ^zéro^! Da, setze alle

viertausend Gulden auf Rot!“ befahl sie.

„Babuschka! Das wird etwas zu viel sein; bedenken Sie doch, wenn nun Rot

nicht gewinnt,“ versuchte ich sie zu bereden, aber die Babuschka hätte

mich fast geprügelt. Tatsächlich stieß sie mich immer so unsanft, daß es

gar nicht so ungeheuerlich klingt, von Schlägen zu reden. Es war nichts

zu machen, ich setzte die vorher gewonnenen viertausend Gulden auf Rot.

Das Rad drehte sich. Die Babuschka saß ruhig und stolz aufgerichtet da

und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Croupier sogleich Rouge

rufen werde.

„^Zéro!^“ rief der Croupier.

Zuerst begriff sie gar nicht, was das bedeutete, als sie aber sah, daß

der Croupier ihre viertausend Gulden und alles übrige Geld, das auf dem

Tische lag, einzog, und als sie dann erst allmählich sich dessen bewußt

wurde, daß dieses ^zéro^, auf das wir fast zweihundert Friedrichsdor

gesetzt und verloren hatten, nun so plötzlich herausgekommen war, gerade

jetzt, nachdem sie es zum Kuckuck gewünscht und zum erstenmal nicht

darauf gesetzt hatte, – da ächzte sie nur einmal auf und schlug die

Hände zusammen, daß es im ganzen Saal zu hören war. Ringsum begann man

zu lachen.

„Gott im Himmel! Und gerade jetzt, gerade jetzt mußte es herauskommen!“

Ganz verzweifelt war sie! „Solch ein Scheusal, solch ein nichtsnutziges

Scheusal! Das ist deine Schuld! Daran bist du ganz allein schuld!“

wandte sie sich zornbebend wieder mit einem Stoß an mich. „Du, du hast

mich dazu beredet!“

„Babuschka, ich habe ganz sachlich meine Meinung gesagt – ich kann nicht

alle Chancen voraussehen!“

„Ich werde dir! ... Chancen!“ flüsterte sie zornig. „Mach, daß du

fortkommst, marsch!“

„Adieu, Babuschka.“ Ich wandte mich zum Gehen.

„Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, so bleib doch hier! Wohin? Nun,

was fehlt dir, was fehlt dir? Ärgerst dich! Dummkopf! Nun, bleib noch

hier, nun, ärgere dich nicht, ich bin selbst ein Dummkopf! Nun, sag, nun

– was jetzt?“

„Nein, Babuschka, raten werde ich Ihnen nicht mehr, Sie werden mich doch

wieder beschuldigen. Spielen Sie nach eigenem Gutdünken. Bestimmen Sie,

ich werde setzen.“

„Nun nun! Nun, setze noch viertausend Gulden auf Rot! Hier ist die

Brieftasche, nimm!“ Sie zog sie aus ihrer Tasche hervor und reichte sie

mir. „Nun, mach aber schnell, hier sind zwölftausend Gulden in barem

Gelde.“

„Babuschka,“ stotterte ich, „solche Einsätze ...“

„Ich will nicht leben, wenn ich es nicht wiedergewinne! ... Setze!“

Wir setzten und verloren.

„Noch, setz noch, setz alle acht!“

„Das geht nicht, der größte Einsatz ist viertausend! ...“

„Nun, dann setz viertausend!“

Diesmal gewannen wir. Die Babuschka lebte auf.

„Siehst du, siehst du!“ sagte sie und stieß mich wieder an, „setze

wieder vier!“

Ich setzte – wir verloren. Dann verloren wir noch einmal und dann noch

einmal.

„Babuschka, alle zwölftausend sind gegangen,“ meldete ich.

„Das sehe ich, daß sie gegangen sind,“ sagte sie, gewissermaßen wie in

starrer Raserei, wenn man sich so ausdrücken darf, „das sehe ich,

Väterchen, das sehe ich,“ murmelte sie, starr vor sich hinsehend und in

Gedanken versunken, – „nein! und koste es mein Leben, setze noch

viertausend Gulden!“

„Aber ich habe ja kein Geld mehr, Babuschka. Hier in der Brieftasche

sind wohl noch fünfprozentige Wertpapiere und dann noch andere, aber

bares Geld ist nicht mehr.“

„Aber im Portemonnaie?“

„Nur Kleingeld ist hier noch.“

„Gibt es hier in der Nähe eine Bank, wo man die Papiere verkaufen

könnte? Man hat mir gesagt, daß hier alle unsere russischen Papiere

angenommen werden,“ sagte sie entschlossen.

„O, gewiß! Aber was Sie dabei verlieren, das ... würde selbst einen

Juden entsetzen!“

„Unsinn! Ich gewinne es wieder! Vorwärts! Ruf diese Tölpel her!“

Damit meinte sie die Träger.

Ich schob ihren Fahrstuhl vom Tisch fort, winkte die Träger herbei und

wir verließen den Saal und das Kurhaus.

„Schneller, schneller, schneller!“ kommandierte die Babuschka.

„Geh du voran, Alexei Iwanowitsch, und zeige uns den Weg, aber den

kürzesten, hörst du! ... ist es weit?“

„Keine zwei Schritte, Babuschka.“

Doch wie wir vom Square in die Allee einbiegen wollten, erblickten wir

plötzlich unsere ganze Gesellschaft vor uns: den General, de Grillet und

Mademoiselle Blanche mit ihrer Mutter. Polina Alexandrowna war nicht

unter ihnen, ebensowenig Mister Astley.

„Nun? Nicht stehen bleiben!“ rief die Babuschka, „nun, was wollt ihr?

Keine Zeit, keine Zeit, hier mit euch mich abzugeben!“

Ich trat hinter ihren Stuhl und gab de Grillet einen Wink; er verstand

ihn sogleich und näherte sich mir schnell, doch unauffällig.

„Den ganzen Gewinn vom Vormittage und außerdem noch zwölftausend Gulden

verspielt. Gehen jetzt, um Fünfprozentige flüssig zu machen,“ flüsterte

ich ihm zu.

De Grillet stampfte mit dem Fuß auf und beeilte sich, den General davon

in Kenntnis zu setzen. Wir gingen weiter.

„Halten Sie sie zurück, halten Sie sie zurück!“ flehte mich der General

im Flüsterton an. Er sah ganz verzweifelt aus.

„Bitte, versuchen Sie, sie zurückzuhalten,“ antwortete ich ebenso leise.

„Tantchen!“ begann der General, neben ihren Stuhl tretend, „Tantchen ...

wir werden sogleich ... sogleich ...“ – seine Stimme wurde unsicher und

ängstlich – „Pferde mieten und Wagen und ins Grüne fahren ...

Wundervolle Aussicht! ... von der Terrasse namentlich ... Wir kamen, um

Sie aufzufordern, sich uns anzuschließen.“

„Ach, geh mir mit deinen Terrassen!“ trieb ihn die Babuschka mit einer

ärgerlichen Handbewegung und in gereiztem Tone fort.

„Es ist dort ein Dorf in der Nähe ... wir werden dort Tee trinken ...“

fuhr der General mit dem Mut der Verzweiflung fort.

„^Nous boirons du lait ... sur l’herbe fraîche^,“ fügte de Grillet

hämisch hinzu.

^Du lait, de l’herbe fraîche^ – das ist der Inbegriff alles dessen, was

der Pariser Bourgeois an idyllischen Idealen besitzt. Es ist aber auch

alles, was er unter „^la nature et la vérité^“ versteht!

„Ach, geh du nur mit deiner Milch! Trink sie selber, wenn du willst, ich

bekomme davon Leibweh. Was wollt ihr eigentlich von mir?!“ fuhr sie sie

gereizt an, „ich sage doch, ich habe keine Zeit!“

„Wir sind schon da, Babuschka, hier ist es.“

Wir waren vor dem Hause angelangt, in dem sich ein Bankkontor befand.

Ich ging hinein, während die Babuschka vor dem Portal blieb. De Grillet,

der General und Mademoiselle Blanche standen etwas weiter zurück und

wußten nicht, was sie tun sollten. Die Babuschka sah sich einmal zornig

nach ihnen um – da gingen sie die Allee zum Kurhaus zurück.

Mir wurde eine so unheimliche Berechnung vorgelegt, daß ich mich nicht

entschließen konnte, darauf einzugehen, und ich kehrte zur Babuschka

zurück, um sie zu fragen, was ich tun sollte.

„Ach, diese Räuber!“ rief sie, die Hände zusammenschlagend. „Nun,

gleichviel! Wechsle!“ rief sie entschlossen. „Wart, ruf zuerst den

Bankier her!“

„Vielleicht einen von den Angestellten, Babuschka?“

„Nun, meinetwegen, gleichviel! Ach, diese Räuber!“

Der Betreffende, an den ich mich wandte, folgte meiner Bitte, nachdem

ich ihm gesagt, daß es eine alte Gräfin sei, die ihn zu sich bitten

lasse, da sie selbst nicht gehen könne. Die Babuschka überhäufte ihn

lange, laut und zornig mit Vorwürfen wegen seiner Betrügerei und

versuchte mit ihm zu handeln, und alles das in einem freien Gemisch von

Russisch, Französisch und Deutsch, weshalb ich der Verständlichkeit

nachhelfen mußte. Der Mensch aber sah nur todernst bald sie, bald mich

an und schüttelte schweigend den Kopf. Die Babuschka betrachtete er

dabei mit einem so unverhohlenen Interesse, daß es direkt unhöflich war.

Endlich begann er zu lächeln.

„Ach nun, pack dich! Krepier meinetwegen an meinem Gelde!“ unterbrach

sich da die Babuschka zornig. „Wechsle bei ihm, Alexei Iwanowitsch, wir

haben keine Zeit, sonst könnten wir zu einem anderen gehn!“

„Dieser sagt, daß die anderen noch weniger geben würden,“ bemerkte ich.

Genau entsinne ich mich nicht mehr seiner Berechnung, jedenfalls aber

war sie fürchterlich. Etwa zwölftausend Florins in Gold und Banknoten

gab er mir; ich nahm die Rechnung und das Geld und brachte sie der

Babuschka.

„Nun, nun, schon gut, schon gut! Wozu da noch zählen!“ wehrte sie mit

der Hand ab. „Schneller, schneller, schneller!“

„Nie mehr werde ich auf dieses verwünschte ^zéro^ setzen und auf Rot

ebensowenig!“ murmelte sie, als wir uns dem Kurhaus näherten.

Diesmal bemühte ich mich aus allen Kräften, sie zu möglichst kleinen

Einsätzen zu bewegen, mit der Versicherung, daß sie, sobald die Chancen

stabiler würden, immer noch zeitig genug große Einsätze machen könne.

Sie hatte aber nicht die Geduld dazu: Anfangs willigte sie ein, doch

während des Spiels war es ganz unmöglich, sie noch zurückzuhalten, denn

kaum begannen ihre kleinen Einsätze zu gewinnen, etwa zehn oder zwanzig

Friedrichsdor, so stieß sie mich gleich ärgerlich an und machte mir

Vorwürfe.

„Nun sieh! nun sieh! nun, da haben wir doch gewonnen! Hätten wir

viertausend gesetzt, anstatt zehn, so hätten wir viertausend gewonnen,

aber so, was ist denn das? Daran bist du schuld, nur du!“

Was blieb mir da anderes übrig als zu schweigen und zu nichts mehr zu

raten, wie sehr mich ihre Spielweise auch ärgerte.

Plötzlich näherte sich ihr de Grillet. Sie waren alle vier im Saal.

Mademoiselle Blanche stand mit ihrer Mutter etwas abseits und

kokettierte mit dem kleinen Fürsten. Der General war ersichtlich in

Ungnade: Mademoiselle Blanche schien ihn nicht einmal eines Blickes

würdigen zu wollen, obschon er sich alle erdenkliche Mühe gab, sich

wieder bei ihr einzuschmeicheln. Der Arme! Er wurde bald bleich, bald

rot, und hatte Augen und Ohren nur noch für sie, so daß er dem Spiel der

Babuschka ganz zu folgen vergaß. Endlich verließen Blanche und das

Fürstchen den Saal, und der General eilte ihnen natürlich nach.

„Madame, Madame,“ flüsterte derweilen de Grillet mit honigsüßer Stimme

der Babuschka fast ins Ohr: „Madame, so geht das nicht ... nein, nein,

geht nicht! ...“ radebrechte er auf russisch, „nein!“

„Ja, wie denn?“ wandte sich die Babuschka nach ihm um. „Nun, so sag’

mir, wie – wenn du es besser weißt!“

Da begann de Grillet geschwind auf französisch irgend etwas sehr

Kompliziertes zu erklären, sprach als gewandter Causeur unendlich viel,

ohne damit etwas zu sagen, meinte zwar zwischendurch, daß man auf eine

günstigere Chance warten müsse, zählte dann noch verschiedene Zahlen auf

... die Babuschka wurde aber um keinen Deut klüger. Er wandte sich auch

immer wieder an mich, damit ich seine Worte übersetze, doch kam dabei

nicht viel heraus, und so erklärte er denn weiter, mit dem Finger des

Nachdruckes halber fortwährend auf den Tischrand drückend. Zum Schluß

zog er noch einen Bleistift hervor und begann ihr auf einem Stück Papier

Unbegreifliches vorzurechnen. Der Babuschka riß aber endlich doch die

Geduld.

„Ach, packe dich, marsch! Mir gellen schon die Ohren von deinem

Blödsinn! ‚Madame, Madame,‘ und weiter hört man nichts, geh mir vom

Halse!“

„^Mais, madame^,“ und de Grillet erging sich in neuen Versicherungen –

im Ton nur eine Note höher – und fuhr mit doppeltem Eifer in seinen

Erklärungen fort. Weiß Gott, der Verlust mußte ihm doch sehr nahe

gegangen sein.

„Nun, setze einmal so wie er sagt,“ befahl mir plötzlich die Babuschka,

„wollen wir sehen, vielleicht kommt es auch wirklich so heraus.“

De Grillet wollte sie nur von den großen Einsätzen abbringen, deshalb

empfahl er das System der kleinen Einsätze, und zwar auf die Zahlen, als

bedeutend aussichtsvoller. Nach seiner Anweisung setzte ich je einen

Friedrichsdor auf die ersten zwölf, je fünf Friedrichsdor auf die

Zahlengruppen von zwölf bis achtzehn und von achtzehn bis vierundzwanzig

im ganzen sechzehn Friedrichsdors.

Das Rad drehte sich.

„^Zéro!^“ rief der Croupier.

Wir hatten alles verloren.

„Solch ein Schafskopf!“ rief die Babuschka, sich heftig an de Grillet

wendend. „Solch ein nichtsnutziger Franzusischka, der du bist! Und

kommst mir noch mit deinen Ratschlägen, du Taugenichts! Geh! Mach, daß

du fortkommst! Selbst hat er keine Ahnung von der Sache, erteilt aber

Ratschläge! Noch besser!“

Tief gekränkt zuckte de Grillet nur mit den Achseln, blickte mit

Verachtung auf die Babuschka herab und ging. Ich glaube, er schämte

sich, daß er sich überhaupt mit ihr abgegeben hatte.

Nach einer Stunde war – trotz aller Mühen und Versuche – alles

verspielt.

„Nach Haus!“ rief die Babuschka.

Bis zur Allee sprach sie kein Wort. Erst am Ende der Allee, kurz bevor

wir das Hotel erreichten, brach es aus ihr heraus:

„Du Närrin! Du Erznärrin! Du alte, alte Närrin!“ sagte sie zu sich

selbst.

Kaum in ihren Räumen angelangt, gab sie sogleich ihre Befehle:

„Tee!“ wünschte sie zuerst, „und sogleich einpacken! Wir fahren!“

„Wohin werden Mütterchen denn zu fahren belieben?“ wagte Marfa zu

fragen.

„Was geht das dich an? Kümmere dich um deine Arbeit! Potapytsch, packe

alles ein, mach das ganze Gepäck fertig. Wir fahren zurück nach Moskau.

Ich habe fünfzehntausend Rubel verspielt!“

„Fünfzehntausend, Mütterchen! Großer Gott!“ rief Potapytsch, und wie

überwältigt schlug er die Hände zusammen, da er wohl annahm, daß Staunen

und Bedauern jetzt erwünscht seien.

„Nun, nun! – Dummkopf! Was hast du zu heulen? Schweig! Pack die Sachen

ein! Die Rechnung! Schnell!“

„Der nächste Zug geht um neun Uhr dreißig, Babuschka,“ bemerkte ich, um

sie zu beruhigen.

„Und wieviel ist es jetzt?“

„Erst halb acht.“

„Wie dumm! Nun, gleichviel! Du, Alexei Iwanowitsch, Geld habe ich keinen

Kopeken bei mir. Hier hast du zwei Wertpapiere, lauf dorthin zu dem Kerl

und laß dir dafür Geld geben. Sonst habe ich nichts, womit ich fahren

könnte.“

Ich ging. Als ich nach einer halben Stunde zurückkehrte, traf ich alle

die Unsrigen bei der Babuschka an. Die Nachricht, daß die Babuschka nach

Moskau zurückfahre, hatte sie, glaube ich, noch mehr erschreckt, als ihr

Verlust im Spiel. Freilich konnte man jetzt sicher sein, daß sie nicht

ihr ganzes Vermögen verspielen werde, dafür aber – was sollte jetzt aus

dem General werden? Wer wird nun de Grillet die Schulden bezahlen? Und

Mademoiselle Blanche wird natürlich nicht so lange warten, bis die Alte

stirbt, sondern aller Voraussicht nach mit dem Fürstchen oder

irgendeinem anderen losziehen. Sie standen alle vor der Babuschka,

trösteten und beredeten sie. Polina war wieder nicht erschienen. Die

Babuschka, die ihnen wohl schon eine Zeitlang zugehört hatte, schrie sie

wütend an:

„Ach, geht mir vom Halse, ihr Teufel, was geht das euch an? Was kriecht

dieser Ziegenbart ewig zu mir!“ schrie sie de Grillet an, „und du

Kibitzin, was willst du denn von mir haben?“ wandte sie sich wütend an

Mademoiselle Blanche.

„^Diantre!^“ murmelte Mademoiselle Blanche mit einem haßfunkelnden Blick

auf die Alte. Doch plötzlich lachte sie auf und ging zur Tür.

„^Elle vivra cent ans!^“ rief sie, noch bevor sie das Zimmer verließ,

über die Schulter dem General zu.

„Ah! so wartest du auf meinen Tod?“ wandte sich die Babuschka zornbebend

an den General, „hinaus! Jage sie alle hinaus, Alexei Iwanowitsch! Nicht

euer Geld habe ich verzettelt. – Meines! Was geht das euch an!“

Der General machte nur eine kurze Schulterbewegung, verbeugte sich und

ging. De Grillet folgte ihm.

„Ruf Praskowja her!“ befahl sie der Marfa.

Nach kaum fünf Minuten kehrte diese mit Polina zurück. Die ganze Zeit

hatte Polina mit den Kindern in ihrem Zimmer zugebracht und hatte es,

glaube ich, mit Absicht getan. Ihr Gesicht war ernst und traurig und sie

schien besorgt zu sein.

„Praskowja,“ begann die Babuschka, „ist es wahr, was ich vor kurzem

erfahren habe, daß dieser Dummkopf, dein Stiefvater, diese dumme

Wetterfahne, diese Französin – eine Schauspielerin oder was? oder

vielleicht noch Schlimmeres – daß er diese heiraten will? Sag mir ganz

offen, ist es wahr?“

„Genau weiß ich es nicht, Babuschka,“ sagte Polina, „aber nach den

Worten der Mademoiselle Blanche, die aus ihren Plänen kein Geheimnis

macht, schließe ich ...“

„Genug!“ unterbrach sie die Babuschka kategorisch, „ich verstehe alles!

Ich habe ihn von jeher für den dümmsten und leichtsinnigsten Menschen

gehalten und auch nichts anderes von ihm erwartet. Er glaubt, Gott weiß

was zu sein, weil er General ist! – große Herrlichkeit, dabei erst beim

Abschied erhalten, als er als Oberst abging! Ich weiß alles, mein

Mütterchen, ich weiß, daß ihr Depesche auf Depesche nach Moskau gesandt

habt, immer mit der Frage, ob denn die Alte sich noch immer nicht

gestreckt habe. Die Erbschaft ließ zu lange auf sich warten! Ohne Geld

aber wird ihn dieses gemeine Weib – de Cominges oder wie heißt sie da? –

wird sie ihn nicht mal als Diener zu sich nehmen! Man sagt, sie soll

selbst eine Menge Geld haben, das sie anderen leiht, wofür sie dann

Prozente nimmt. Schön erworbenes Geld, das sieht man. Dir, Praskowja,

mache ich deshalb keine Vorwürfe, nicht du hast die Depeschen gesandt;

und auch was gewesen ist, daran wollen wir nicht denken. Ich weiß, daß

du einen gefährlichen Charakter hast, wie eine Wespe! Stichst du, so

schwillt es an; aber es tut mir leid um dich, denn deine Mutter, die

verstorbene Katerina, habe ich lieb gehabt. Nun, willst du? Laß sie alle

hier und komm mit mir nach Moskau. Du hast ja doch sonst niemanden und

nichts, wo du dich lassen könntest; und es ist auch unpassend für dich,

hier mit diesen zusammen zu sein. Wart!“ hielt die Babuschka Polina auf,

da diese schon antworten wollte, „ich habe dir noch nicht alles gesagt.

Von dir werde ich nichts verlangen. Mein Haus in Moskau – nun, du weißt

ja, wie es ist – ein Palais. Nimm meinetwegen eine ganze Etage für dich

ein und komm wochenlang nicht zu mir nach unten, wenn mein Charakter dir

nicht zusagt! Nun, willst du oder willst du nicht?“

„Erlauben Sie zuerst eine Frage, Babuschka: wollen Sie wirklich jetzt

gleich zurückreisen?“

„Du glaubst wohl, ich scherze, mein Kind? Ich habe es gesagt und ich

fahre. Fünfzehntausend Rubel hat mir hier euer dreifach verwünschtes

Roulette heute abgenommen. Vor fünf Jahren habe ich einmal versprochen,

eine hölzerne Kirche in der Nähe von Moskau in eine steinerne umzubauen,

statt dessen habe ich nun hier das Geld vergeudet. Jetzt, mein Kind,

jetzt fahre ich zurück, um die Kirche umzubauen.“

„Aber die Brunnenkur, Babuschka? Sie kamen doch her, um Brunnen zu

trinken?“

„Geh du mir mit deinem Brunnen! Reiz’ du mich nicht, Praskowja, das sag

ich dir! Oder tust du’s etwa mit Willen? Sag jetzt – kommst du oder

kommst du nicht?“

„Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, Babuschka, für das Angebot,“ sagte

Polina mit tiefem Gefühl. „Und Sie haben auch meine Lage sehr richtig

erraten. Ich weiß Ihr Anerbieten vollkommen zu würdigen und ich

versichere Sie, daß ich zu Ihnen kommen werde, vielleicht sogar schon

sehr bald; jetzt aber habe ich Gründe ... sehr wichtige Gründe ...

deshalb kann ich mich jetzt, in diesem Augenblick, noch nicht dazu

entschließen. Wenn Sie wenigstens noch zwei Wochen hierblieben ...“

„Das heißt also, du willst nicht?“

„Nein, das nicht, aber ich kann nicht. Außerdem kann ich nicht meinen

Bruder und meine Schwester hier allein zurücklassen, da ... weil ... da

es vielleicht wirklich geschehen kann, daß ... daß sie ganz vergessen

und verlassen zurückbleiben, deshalb ... wenn Sie mich mit den Kleinen

aufnehmen wollten, Babuschka, so werde ich natürlich zu Ihnen kommen,

und glauben Sie mir, ich werde alles tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu

beweisen!“ fügte sie mit Wärme hinzu, „aber ohne die Kleinen kann ich

nicht, Babuschka.“

„Nun, heul’ nur nicht!“ – Polina dachte nicht daran, zu weinen, und

überhaupt habe ich sie niemals Tränen vergießen gesehen. „Auch für die

Kleinen wird sich Platz finden in meinem großen Stall. Übrigens wird’s

für sie bald Zeit, daß man sie in die Schule steckt. Nun, also dann

kommst du jetzt nicht mit! Nur – sieh dich vor, Praskowja! Ich meinte es

gut mit dir, aber ich weiß ja doch, weshalb du nicht kommst. Alles weiß

ich, Praskowja. Glaube mir, dieser Franzusischka wird dich zu nichts

Gutem führen!“

Polina wurde feuerrot. Ich zuckte zusammen: Alle wissen etwas! Nur ich

weiß nichts!

„Nun, nun, ärgere dich nicht. Ich werde nichts breittreten. Nur nimm

dich in acht, Praskowja, damit nichts Schlimmes geschieht, verstanden?

Du bist ein kluges Mädchen, du tätest mir leid. Nun, genug, es wäre

besser gewesen, ich hätte euch alle nicht wiedergesehen! Geh, leb wohl!“

„Ich werde Sie noch begleiten, Babuschka,“ sagte Polina.

„Ist nicht nötig; geh nur und störe nicht; hab euch sowieso schon alle

satt!“

Polina küßte der Babuschka die Hand, doch diese zog die Hand fort und

küßte sie auf die Wange.

Als Polina an mir vorüberging, warf sie nur einen schnellen Blick auf

mich und sah sogleich wieder fort.

„Nun, auch du leb wohl, Alexei Iwanowitsch, es bleibt mir nur noch eine

Stunde bis zur Abfahrt. Und ich werde dich wohl schon weidlich ermüdet

haben, denke ich. Hier, nimm diese fünfzig Goldstücke.“

„Besten Dank, Babuschka, aber es ist mir peinlich ...“

„Nun, nun!“ rief sie, aber so energisch und drohend, daß ich nicht

abzulehnen wagte und das Geld annahm.

„Wenn du in Moskau ohne Stelle herumläufst – komm zu mir: werde dich

irgendwohin empfehlen. Aber jetzt scher dich!“

Ich ging in mein Zimmer und legte mich auf das Bett. Ich glaube, ich lag

so eine halbe Stunde, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter den

Kopf geschoben. Die Katastrophe hatte ja eigentlich schon begonnen, da

gab es genug zu denken. Ich beschloß, am nächsten Tage einmal energisch

mit Polina zu reden. Ah! Der Franzusischka! Also ist es doch wahr! Aber

schließlich – was konnte es denn sein? Polina und de Grillet! Herrgott,

was für eine Zusammenstellung!

Nein, das war doch alles viel zu unwahrscheinlich! Ich sprang plötzlich

aus dem Bett, bebend vor Zorn, um sogleich Mister Astley aufzusuchen und

ihn um jeden Preis zum Sprechen zu bringen. Natürlich weiß er auch

hiervon mehr als ich. Mister Astley? Weiß der Teufel, der ist auch noch

ein Rätsel für mich!

Plötzlich wurde an meine Tür geklopft. Ich sah nach – Potapytsch war’s.

„Väterchen Alexei Iwanowitsch, die Gnädige lassen Sie zu sich bitten.“

„Was ist denn los? Fährt sie schon fort? Der Zug geht ja erst nach

zwanzig Minuten.“

„Nein, Väterchen, aber sie beunruhigen sich, zittern nur so vor

Ungeduld. ‚Schnell, schnell!‘ sagten sie nur – das heißt, sollte man Sie

rufen. Um Christi willen, kommen Sie!“

Ich eilte sogleich hinunter zu ihr. Die Babuschka wurde in ihrem Stuhle

gerade auf den Korridor hinausgeschoben. Sie hatte ihre Brieftasche in

der Hand.

„Alexei Iwanowitsch, geh voran! Wir gehen! ...“

„Wohin, Babuschka?“

„Ich will nicht leben, wenn ich’s nicht wiedergewinne! Nun, marsch, und

frage nicht! Dort wird doch bis Mitternacht gespielt?“

Ich war starr. Doch im Augenblick hatte ich meinen Entschluß gefaßt.

„Tun Sie, was Sie wollen, Antonida Wassiljewna, ich aber gehe nicht

mit.“

„Weshalb nicht? Was soll denn das heißen? Du bist wohl nicht recht bei

Troste?“

„Tun Sie, was Sie wollen, ich aber würde mir nachher Vorwürfe machen.

Ich will nicht! – ich will weder Zeuge noch Mitschuldiger sein;

verlangen Sie es nicht von mir, Antonida Wassiljewna! Hier gebe ich

Ihnen Ihre fünfzig Friedrichsdor zurück. Verzeihen Sie, aber ich kann

nicht anders!“ Und ich legte die Goldrolle auf einen kleinen Wandtisch

im Korridor, neben dem ihr Stuhl angelangt war, verbeugte mich und ging.

„Solch ein Unsinn!“ hörte ich die Babuschka mir nachrufen. „Nun, dann

nicht, bleib wo du bist, ich werde auch ohne dich den Weg finden!

Potapytsch, du kommst mit! Nun, vorwärts, schnell!“

Mister Astley konnte ich nicht finden und kehrte bald ins Hotel zurück.

Erst spät in der Nacht, gegen ein Uhr ungefähr, erfuhr ich von

Potapytsch, wie dieser Tag für die Babuschka geendet hatte.

Sie hatte alles verloren, das ganze Bargeld, das ich vorher für sie

eingewechselt, nach unserem Geld noch zehntausend Rubel. Derselbe

Polack, dem sie am vormittag zwei Friedrichsdor geschenkt, hatte sich so

geschickt ihr aufzudrängen gewußt, daß er bald ihr ganzes Spiel

dirigierte. Anfangs hatte sie Potapytsch die Einsätze für sie machen

lassen, doch nach einer Reihe von Verlusten hatte sie ihn fortgejagt: da

war dann schnell der Polack an ihre Seite geschlüpft. Zum Unglück

verstand er ein wenig Russisch, so daß sie sich in einem Gemisch von

drei Sprachen ungefähr verständigen konnten. Die Babuschka hatte ihn

unbarmherzig geschimpft. Und obschon dieser ihr ununterbrochen auf

Polnisch versichert habe, daß er sich unter ihre „stopki panjski“, unter

ihre herrschaftlichen Füße breite – „war sie doch so gegen ihn, daß Gott

erbarm!“ erzählte Potapytsch. „Mit Ihnen, Alexei Iwanowitsch, ging sie

doch _ganz wie mit einem Herrn_ um,“ meinte er naiv, „jener aber – ich

hab’s doch mit meinen eigenen Augen gesehen, Gott straf mich! – jener

hat ihr Geld unter ihren Augen vom Tisch gestohlen. Zweimal hat sie ihn

sogar selbst geklappt, wie er wieder stehlen wollte, und gescholten hat

sie ihn, Väterchen, gescholten ganz ohne Barmherzigkeit, sogar an den

Haaren hat sie ihn einmal gezupft, aber gründlich – bei Gott, ich lüge

nicht – so daß ringsum sogar gelacht wurde. Alles hat sie verloren,

Väterchen, alles was sie nur bei sich hatte an Geld. Wir brachten sie

dann zurück, hierher, unser Mütterchen, – nur ein Schlückchen Wasser

wollte sie trinken, bekreuzte sich und gleich ins Bett! War sie nur so

müde, oder was? Jedenfalls schlief sie sofort ein. Schick ihr nur gute

Träume, Allbarmherziger! Ach, ich sag wohl, dieses Ausland!“ schloß

Potapytsch mit dem Kopfnicken eigener Erfahrung, „ich habe es im voraus

gesagt, daß dabei nichts Gutes herauskommen wird! Ja, wenn wir nur

wieder in unserem Moskau wären! Und was haben wir nicht alles zu Hause?

– Gott nein, ist doch alles in Hülle und Fülle da! Haben einen Garten

und Blumen, wie sie hier gar nicht zu sehen sind, und die Äppelchen

werden jetzt rot, und schöne Luft dazu und Platz überall genug, – aber

nein: es mußte ins Ausland gefahren werden! Ochhoho!“

Sämtliche Werke 21 · 第 22 / 46 题