Ich stieß einen Schrei aus.
„Was? Was ist?“ fragte sie seltsam. Sie war bleich und sah mich düster
an.
„Ja ... Wie? Sie! Sie? Und Sie sind hier bei mir!“
„Wenn ich komme, dann komme ich _ganz_. Das ist meine Gewohnheit. Sie
werden es sogleich erfahren; machen Sie Licht.“
Ich zündete eine Kerze an. Sie stand auf, trat an den Tisch und legte
einen offenen Brief vor mich hin.
„Lesen Sie,“ befahl sie.
„Das, – das hat de Grillet geschrieben! Es ist seine Handschrift!“ rief
ich aus und griff nach dem Brief. Meine Hände zitterten und die
Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Die französischen Redewendungen
habe ich vergessen, aber der Sinn war folgender:
„Mademoiselle!“ schrieb de Grillet, „leider sehe ich mich durch
ungünstige Umstände zu einer sofortigen Abreise gezwungen. Sie werden
natürlich selbst bemerkt haben, daß ich absichtlich eine endgültige
Aussprache mit Ihnen zu vermeiden gesucht, bevor sich nicht alles
weitere entschieden hatte. Die Ankunft ^de la vieille dame^, Ihrer
Verwandten, und deren sinnlose Handlungsweise haben aber meinen Bedenken
ein Ende gemacht. Meine eigenen zerrütteten Verhältnisse verbieten es
mir ganz entschieden, mich noch fernerhin so süßen Hoffnungen
hinzugeben, wie ich es eine Zeitlang getan. Ich bedauere das Gewesene,
hoffe aber, daß Sie in meinem Verhalten nichts finden werden, das eines
^gentilhomme et honnête homme^ unwürdig wäre. Da ich fast mein ganzes
Geld Ihrem Stiefvater geliehen und somit verloren habe, sehe ich mich
gezwungen, das noch zu retten, was mir geblieben ist: ich habe meinen
Freunden in Petersburg bereits depeschiert, daß sie zum Verkauf der mir
verpfändeten Besitztümer schreiten sollen. Da ich aber weiß, daß Ihr
leichtsinniger Stiefvater auch Ihr Geld verschwendet hat, so habe ich
mich entschlossen, fünfzigtausend Franken von seiner Schuld zu streichen
und ihm einen Teil des verpfändeten Eigentums in Höhe dieser Summe zu
retournieren. Somit ist Ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben, alles
zurückzuerhalten, was für Sie sonst verloren wäre, indem Sie von ihm die
Herausgabe des Geldes auf gerichtlichem Wege verlangen. Ich hoffe,
Mademoiselle, daß meine Handlungsweise unter den gegenwärtigen
Verhältnissen für Sie von großem Vorteil sein wird. Desgleichen hoffe
ich, daß ich damit auch in Ihren Augen die Pflicht eines Ehren- und
Edelmannes vollkommen erfüllt habe. Seien Sie versichert, daß die
Erinnerung an Sie ewig in meinem Herzen leben wird.“
„Nun was, hier ist doch nichts mißzuverstehen!“ sagte ich, mich an
Polina wendend, „oder sollten Sie wirklich etwas anderes von ihm
erwartet haben?“ fragte ich geärgert.
„Ich habe nichts erwartet,“ erwiderte sie, scheinbar ganz ruhig, aber
ihre Stimme klang, als zucke in ihr etwas, „ich hatte schon längst
meinen Entschluß gefaßt. Ich hatte seine Gedanken erraten ... ich wußte,
was er dachte. Er dachte, ich werde verlangen ... ich werde darauf
bestehen ... daß ...“ Sie stockte, biß sich auf die Lippe und sprach es
nicht aus. „Ich habe mit Absicht meine Verachtung für ihn verdoppelt,“
begann sie wieder, „und es ihm bei jeder Gelegenheit gezeigt, wie sehr
ich ihn verachte – ich wollte sehen, was er wohl tun werde. Wenn wir die
Nachricht von ihrem Tode und der Erbschaft erhalten hätten – so hätte
ich ihm ins Gesicht geworfen, was ihm dieser Idiot, mein Stiefvater,
schuldet, und hätte ihn fortgejagt! Er war mir schon lange, schon lange
verhaßt! O, wie anders war er früher, wie ganz anders, tausendmal anders
– jetzt aber, jetzt! ... O, mit welch einer Wonne würde ich ihm diese
Fünfzigtausend in sein gemeines Gesicht schleudern und ... ihn anspeien!
... und ...“
„Aber das Papier – diese von ihm retournierte Schuldverschreibung auf
Fünfzigtausend – die hat doch der General? So nehmen Sie sie und geben
Sie ihm den Wisch zurück.“
„O, nicht das, nicht das ist es! ...“
„Ja, richtig, Sie haben recht, das ist es nicht! Und überhaupt – lassen
wir den General aus dem Spiel! Aber die Babuschka?“ rief ich plötzlich.
Polina blickte mich wie zerstreut und ungeduldig an.
„Wozu die Babuschka?“ fragte sie ärgerlich, „ich kann nicht zu ihr gehen
... Und ich will auch niemand um Verzeihung bitten,“ fügte sie gereizt
hinzu.
„Ja, aber was dann tun!“ rief ich. „Doch wie, wie ist es möglich, daß
Sie einen de Grillet haben lieben können! O, dieses Subjekt, dieses
verächtliche Subjekt! Wollen Sie, ich schieße ihn im Duell nieder! Wo
ist er jetzt?“
„Er ist in Frankfurt. Er wird dort drei Tage bleiben.“
„Ein Wort von Ihnen und ich fahre hin, morgen mit dem ersten Zug!“ rief
ich in einer seltsamen, geradezu dummen Anwandlung von Enthusiasmus.
Sie lachte mich aus.
„Nun und? – er würde ja womöglich noch sagen: geben Sie mir zuerst die
Fünfzigtausend zurück. Und weshalb sollte er sich denn schlagen? ...
Blödsinn!“
„Aber wo, wo soll man denn diese Fünfzigtausend hernehmen!“ fragte ich
knirschend vor Wut – als hätte ich sie vom Fußboden aufraffen wollen!
„Hören Sie: Mister Astley?“ wandte ich mich zu ihr mit einer plötzlich
aufdämmernden seltsamen Idee.
Ihre Augen blitzten auf.
„Wie, _willst du es denn selbst_, daß ich von dir zu diesem Engländer
gehe!“ sagte sie mit bitterem Lächeln und ihre Augen sahen mich
durchdringend an. Es war das erste Mal, daß sie „Du“ zu mir sagte.
Ich glaube, sie wurde im Augenblick wie von einem Schwindel erfaßt:
plötzlich sank sie auf den Diwan, als trügen die Füße sie nicht mehr.
Wie ein Blitz durchzuckte es mich. Ich stand und traute meinen Augen,
meinen Ohren nicht! Wie, also _mich_ liebte sie! _Zu mir_ war sie
gekommen, zu mir und nicht zu Mister Astley! Sie, ein junges Mädchen,
kam ganz allein zu mir in mein Zimmer, und das noch dazu in einem Hotel
– sie kompromittierte sich öffentlich – und ich, ich stand vor ihr und
begriff noch immer nicht!
Ein wilder Gedanke durchzuckte mich.
„Polina! Gib mir nur eine Stunde Zeit! Warte hier nur eine Stunde auf
mich, ich ... ich werde sogleich wieder hier sein! Das ... es ist
notwendig! Du wirst sehen! Bleib hier, bleib hier!“
Und ich lief aus dem Zimmer ohne auf ihren erstaunt fragenden Blick zu
achten, – sie rief mir noch etwas nach, aber ich kehrte mich nicht
einmal um.
Ja, bisweilen kann sich der tollste Einfall, der anscheinend unsinnigste
Gedanke so in uns festsetzen, daß man ihn zum Schluß selbst für
ausführbar hält ... Mehr noch als das: wenn sich dieser Einfall oder
diese Idee mit einem starken, leidenschaftlichen Wunsch vereint, so kann
man mitunter fast zum Fatalisten werden und das Gewünschte für etwas
geradezu Vorherbestimmtes halten, für etwas, das unbedingt geschehen muß
und überhaupt nicht ungeschehen bleiben kann! Vielleicht ist hierbei
noch etwas anderes mit im Spiel, irgendeine Kombination von Vorgefühlen,
irgendeine außergewöhnliche Willensanspannung, eine Selbstvergiftung
durch die eigene Phantasie oder sonst etwas – ich weiß es nicht. Mit mir
aber geschah an jenem Abend – den ich bis an mein Lebensende nicht
vergessen werde – etwas, das ich ein Wunder nennen möchte. Die
Tatsache ist zwar mathematisch und logisch ganz plausibel, aber
nichtsdestoweniger – für mich bleibt sie auch jetzt noch ein Wunder.
Aber warum nur, frage ich noch, warum hatte sich damals, und schon seit
langer Zeit, diese Überzeugung in mir so tief und unerschütterlich
festgesetzt? Keinen Augenblick habe ich daran als an eine Möglichkeit
unter anderen gedacht – also an eine, die ebensogut auch nicht eintreten
könne –, sondern immer nur als an ein fest bevorstehendes Geschehnis,
dessen Ausbleiben völlig ein Ding der Unmöglichkeit sei!
Es war ein Viertel auf elf. Ich betrat den Kursaal in einer ganz
bestimmten und unerschütterlichen Hoffnung, und doch gleichzeitig in
einer Aufregung, wie ich sie bis dahin noch nie empfunden hatte. Die
Spielsäle waren noch ziemlich besetzt, wenn auch, wie das zu dieser Zeit
immer der Fall war, um die Hälfte weniger als am Tage.
Um diese Zeit bleiben nämlich an den Spieltischen nur die wirklichen,
die echten Spieler zurück, diejenigen, für die in den Bädern überhaupt
nur die Spielsäle existieren, die alles andere kaum bemerken, die nur
des Spieles wegen kommen, sich nur für das Spiel während der ganzen
Saison interessieren, und die denn auch tatsächlich vom Morgen bis zum
Abend zu spielen pflegen und gewiß bereit sein würden, auch noch die
ganze Nacht zu spielen, wenn das nur möglich wäre. Wenigstens gehen sie
immer unwillig fort, wenn um zwölf Uhr das Roulette geschlossen wird.
Und wenn der Hauptcroupier vor dem Schluß ausruft: „^Les trois derniers
coups, messieurs!^“ so setzen sie auf diese drei letzten Spiele
gewöhnlich alles, was sie noch bei sich haben – und gewöhnlich
verspielen sie gerade dann das meiste.
Ich trat an denselben Tisch, an dem die Babuschka gespielt hatte. Das
Gedränge war nicht groß, so daß ich mir bald einen Platz am Tisch
verschaffen konnte. Ich spielte stehend. Gerade vor mir auf dem grünen
Tuch las ich das Wort „^passe^“.
Unter „^passe^“ versteht man die Zahlen von neunzehn bis
sechsunddreißig. Die erste Zahlenreihe von eins bis achtzehn heißt
„^manque^“. Aber was ging das mich an! Ich berechnete nicht, ich dachte
nicht an Chancen, ich wußte nicht einmal, welche Zahl oder welche Farbe
vorher herausgekommen war und erkundigte mich nicht einmal danach, bevor
ich zu spielen begann – wie es doch jeder nur etwas erfahrenere Spieler
getan hätte. Ich zog alle meine zwanzig Friedrichsdor hervor und warf
sie auf ^passe^.
„^Vingt-deux!^“ rief der Croupier.
Ich hatte gewonnen – und wieder setzte ich alles: den Einsatz und den
Gewinn.
„^Trente et un^,“ rief der Croupier.
Wieder gewonnen. Im ganzen hatte ich schon achtzig Friedrichsdor. Ich
schob alle achtzig auf die zwölf mittleren Zahlen (dreifacher Gewinn,
doch kamen auf eine Chance zu gewinnen, zwei Chancen zu verlieren). Das
Rad drehte sich und es kam vierundzwanzig. Man schob mir drei Goldrollen
^à^ fünfzig Friedrichsdor und zehn Goldstücke zu; im ganzen besaß ich
nun zusammen mit den früheren zweihundert Friedrichsdor.
Ich war wie im Fieber. Da schob ich diesen ganzen Geldhaufen auf Rot, –
und plötzlich kam ich zur Besinnung! Und nur ein einziges Mal an diesem
ganzen Abend, während der ganzen Zeit, in der ich spielte, überlief es
mich kalt und ließ die Angst meine Hände und Füße erzittern. Entsetzen
war das Gefühl der blitzartigen Erkenntnis: was es für mich bedeutete,
jetzt zu verlieren! Mein Einsatz war doch mein ganzes Leben!
„^Rouge!^“ rief der Croupier, – und – mein Herz schlug wieder! Feurige
Ameisen liefen mir über den Körper. Man zahlte mir meinen Gewinn in
Banknoten aus: im ganzen hatte ich schon viertausend Gulden und achtzig
Friedrichsdor! Noch konnte ich der Berechnung folgen.
Dann, entsinne ich mich, setzte ich zweitausend Gulden wieder auf die
zwölf mittleren Zahlen und verlor; ich setzte achtzig Friedrichsdor und
verlor wieder. Da packte mich die Wut: ich raffte die letzten
zweitausend Gulden zusammen und setzte sie auf die ersten zwölf – so,
wie es gerade kam, ganz ohne Berechnung! Übrigens, es gab doch einen
Augenblick der Erwartung, dessen Eindruck demjenigen vielleicht nicht
unähnlich gewesen sein mag, den Mademoiselle Blanchard empfunden, als
sie über Paris mit dem Luftballon zur Erde stürzte.
„^Quatre!^“ rief der Croupier.
Mit dem Einsatz zusammen hatte ich nun wieder sechstausend Gulden. Jetzt
war ich schon siegesgewiß, jetzt fürchtete ich nichts mehr, nichts, und
ich warf viertausend Gulden auf Schwarz. Im Augenblick setzten etwa zehn
Spieler mir nach ihre Einsätze gleichfalls auf Schwarz. Die Croupiers
tauschten untereinander Blicke aus und besprachen sich. Ringsum
Geflüster, Bewegung, Erwartung.
Es kam Schwarz. Was dann weiter folgte – alles dessen entsinne ich mich
nicht mehr, weder der Höhe meiner Einsätze noch der Reihenfolge der
Gewinne. Ich weiß nur noch, so, wie man sich etwa eines Traumes
erinnert, daß ich – ich glaube wenigstens – bereits an sechzehntausend
Gulden gewonnen hatte, als ich plötzlich durch drei Verluste
zwölftausend von ihnen verlor; dann schob ich die letzten viertausend
auf ^passe^ – doch empfand ich dabei so gut wie nichts: ich wartete nur,
und zwar ganz mechanisch, ganz ohne Gedanken – und ich gewann wieder.
Darauf gewann ich noch viermal nach der Reihe. Ich weiß nur, daß ich das
Geld zu Tausenden zusammenscharrte; doch entsinne ich mich noch, daß am
häufigsten die zwölf mittleren Nummern gewannen, denen ich deshalb aus
Prinzip treu blieb. Sie gewannen fast ganz regelmäßig drei- bis viermal,
dann zweimal nicht und dann wieder drei- oder viermal nach der Reihe. Es
kommt mitunter wirklich zu einer ganz erstaunlichen Regelmäßigkeit in
der Wiederkehr der Gewinne, – und das ist es gerade, was die
eingefleischten Spieler, die mit dem Bleistift in der Hand die Chancen
berechnen, vor den Kopf stößt. Und – o Gott! – welch eine Ironie des
Schicksals man an Spieltischen oft beobachten kann!
Ich glaube, seit meinem Erscheinen im Saal war noch keine halbe Stunde
vergangen: da wandte sich der Croupier zu mir und teilte mir mit, daß
ich dreißigtausend Gulden, das Maximum, gewonnen habe, und daß, da die
Bank auf einmal nicht mehr auszahle, das Roulette jetzt bis zum nächsten
Morgen geschlossen werde. Ich scharrte all mein Gold zusammen, steckte
es in meine Taschen, nahm die Banknoten und ging sogleich zum nächsten
Roulette, das sich im anderen Saal befand. Alles drängte, stürmte mir
nach. Dort wurde mir sofort Platz gemacht und ich begann wieder zu
spielen, setzte das Geld ohne zu zählen, ohne zu denken. Ich begreife
nicht, was mich rettete!
Zuweilen übrigens kam mir so etwas wie eine Erinnerung an Systeme und
Berechnungen und ich dachte, daß ich ja doch auch berechnen müsse: dann
hielt ich mich an gewisse Zahlen und erwog die Chancen, doch bald war
wieder alles vergessen und ich spielte weiter – fast bewußtlos. Ich muß
wohl sehr zerstreut gewesen sein: ich entsinne mich, daß die Croupiers
mehrmals meine Einsätze korrigierten. Ich machte grobe Fehler. Meine
Haare klebten an den Schläfen und meine Hände zitterten. Neben mir
tauchten natürlich wieder die bewußten Polen auf und boten mir ihre
Dienste an, doch ich bemerkte sie kaum. Das Glück verließ mich nicht.
Plötzlich ringsum lautes Durcheinandersprechen und Lachen. „Bravo,
bravo!“ hörte ich rufen und mehrere klatschten in die Hände.
Ich hatte auch hier dreißigtausend Gulden der Bank entrissen und das
Roulette wurde auch hier bis zum nächsten Morgen geschlossen.
„Gehen Sie, gehen Sie fort!“ flüsterte mir von rechts jemand ins Ohr.
Es war ein Frankfurter Jude; er hatte die ganze Zeit neben mir gestanden
und mir beim Spiel, glaube ich, hin und wieder geholfen.
„Um Gottes willen, gehen Sie fort!“ flüsterte flehentlich eine andere
Stimme links von mir.
Ich sah flüchtig hin. Es war eine ganz unauffällig, doch sehr anständig
gekleidete Dame von etwa dreißig Jahren mit einem krankhaft bleichen und
müden Gesicht, dem man aber doch noch deutlich ansah, daß es einst
wundervoll schön gewesen sein mußte. Ich stopfte gerade haufenweise
Banknoten und Gold in meine Taschen. Ich nahm die letzte Goldrolle von
fünfzig Friedrichsdor und – es gelang mir, sie ganz unbemerkt der
bleichen Dame in die Hand zu drücken: mich überkam ein unbezwingbares
Verlangen, es zu tun, und ihre dünnen Finger drückten heiß meine Hand
zum Zeichen glühender Dankbarkeit. Alles das geschah in einem
Augenblick.
Nachdem ich das Geld an mich genommen, ging ich zum ^Trente et
quarante^.
An diesem Tisch sitzt ausschließlich aristokratisches Publikum. Das ist
kein Roulette, sondern ein Kartenspiel. Hier ist das Maximum, das ein
Spieler gewinnen kann, hunderttausend Taler. Der höchste Einsatz ist
aber gleichfalls viertausend Gulden. Ich kannte das Spiel noch nicht,
ich wußte nur, daß man auch hier auf Rot und Schwarz setzen konnte.
Daran hielt ich mich. Alles drängte sich um den Tisch, aus allen Sälen
kamen sie. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich während dieser ganzen
Zeit auch nur einmal an Polina gedacht habe. Ich weiß nur, daß es mir
ein so unsagbares Vergnügen war, ein Genuß geradezu, die Banknoten und
das Geld zusammenzuscharren, die den Geldhaufen vor mir immer größer
machten, immer größer.
Wirklich, es war, als triebe mich das Schicksal selbst. Gerade diesmal
aber geschah etwas, das im Spiel übrigens ziemlich oft vorkommt: das
Glück heftete sich an Rot und fünfzehnmal nach der Reihe kam Rot heraus.
Ich hatte noch zwei Tage vorher gehört, daß Rot plötzlich
zweiundzwanzigmal nach der Reihe gewonnen habe, was alle ganz verwundert
erzählten, denn daß je ein solcher Fall vorgekommen war, dessen entsann
man sich überhaupt nicht. Selbstverständlich wagt nach dem zehnten Mal
niemand mehr auf Rot zu setzen. Aber auch auf Schwarz, das Gegenteil von
Rot, setzt dann – wenigstens von erfahrenen Spielern – kein einziger.
Diese wissen nur zu gut, zu was solch ein „Eigenwille des Zufalls“
mitunter auswachsen kann. Die Neulinge aber fallen gewöhnlich
ausnahmslos herein, indem sie ihre Einsätze auf das Gegenteil – auf
Schwarz z. B. – verdoppeln und verdreifachen und, versteht sich, bei der
Gelegenheit riesige Summen verlieren.
Ich aber begann, als ich neben mir sagen hörte, daß Rot schon siebenmal
nach der Reihe gewonnen habe, aus Eigensinn gerade auf Rot zu setzen.
Doch bin ich überzeugt, daß wenigstens zur Hälfte Prahlerei und
Eigenliebe, der Drang, sich hervorzutun, bei meinem Entschluß mitsprach:
ich wollte die Zuschauer durch meinen unsinnigen Wagemut in Erstaunen
setzen und – o, seltsam war die Empfindung – ich erinnere mich ganz
deutlich, daß mich plötzlich ohne bestimmten Anlaß ein unbändiges
Verlangen ergriff, zu wagen, immer mehr zu wagen. Vielleicht kam das
daher, daß die Nerven, die schon soviel wirbelnde Empfindungen
ausgekostet hatten, nur gereizt wurden, anstatt sich zu sättigen, und
daher nur nach noch größerer Erregung verlangten, nach noch
aufpeitschenderen Gefühlen, immer noch stärkeren Empfindungen, um dann
endlich in vollständiger Erschöpfung ausruhen zu können. Und wirklich,
ich lüge nicht, wenn ich sage, daß ich, falls es nur möglich gewesen
wäre, fünfzigtausend Gulden auf einmal zu setzen – ich sie gesetzt
hätte. Ringsum rief man erregt, es sei Wahnsinn, noch auf Rot zu setzen,
schon vierzehnmal habe es gewonnen!
„^Monsieur a gagné déjà cent mille florins!^“ hörte ich irgendwo eine
Stimme.
Da kam ich zu mir. Wie? ich hatte schon hunderttausend Gulden gewonnen?
Was mache ich mit soviel? Mehr habe ich ja gar nicht nötig! Ich raffte
das ganze Geld, die Banknoten und das Gold zusammen, stopfte alles in
meine Taschen, ohne es zu zählen, ohne darauf zu achten, daß ich so die
Banknoten zerknitterte, und schritt fast wankend unter der Schwere des
Goldes dem Ausgang des Kurhauses zu. Ringsum lachte man, während ich
durch die Säle ging, über meine abstehenden Taschen. Ich glaube, das
Gold wog reichlich über zwanzig Pfund. Mehrere Hände streckten sich mir
entgegen; ich gab ohne zu zählen, wieviel die Hand aus der Tasche faßte.
Am Ausgange hielten mich zwei Juden auf.
„Sie sind kühn! Sie sind sehr kühn!“ sagten sie, „aber fahren Sie morgen
früh fort, so früh als möglich, sonst werden Sie alles wieder verspielen
...“
Ich hörte nicht auf sie. Die Allee war dunkel; es war so dunkel, daß man
die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Bis zum Hotel hatte ich etwa
fünfhundert Schritt zu gehen. Ich habe mich nie vor Dieben oder Räubern
gefürchtet, selbst als kleiner Junge nicht; ich dachte auch gar nicht an
die Möglichkeit eines Überfalls, als ich hinaustrat. Übrigens entsinne
ich mich nicht mehr, an was ich unterwegs dachte; ich glaube, ich hatte
überhaupt keine Gedanken. Ich empfand nur so etwas wie das Auskosten
eines Genusses – ein wundervolles Gefühl des Erfolges, des Sieges, der
Macht – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Auch Polinas
Gestalt tauchte vor mir auf. Ich wußte, daß ich zu ihr ging, daß ich
sogleich bei ihr sein und ihr erzählen, ihr das Geld zeigen würde ...
Aber ich entsann mich kaum noch dessen, was sie mir dort in meinem
Zimmer gesagt hatte und weshalb ich in die Spielsäle gegangen war, – und
alle jene Gefühle, die noch vor anderthalb Stunden in mir getobt hatten,
erschienen mir nun als etwas schon längst Vergangenes, Veraltetes,
Beigelegtes – dessen wir jetzt doch überhaupt nicht mehr erwähnen
würden, da ja nun ein ganz neues Leben begann. Ich hatte fast schon das
Ende der Allee erreicht, als mich plötzlich Angst ergriff: „Wie, wenn
man mich jetzt überfällt, totschlägt und beraubt!“ Und mit jedem Schritt
wuchs die Angst. Ich lief fast. Da stand plötzlich am Ende der Allee
unser Hotel vor mir, mit seinen hellen Fensterreihen ... Gott sei Dank –
ich war in Sicherheit!
Ich eilte die Treppen hinauf zu meinem Zimmer und stieß die Tür auf.
Polina war da: sie saß auf meinem Diwan, das brennende Licht vor sich
auf dem Tisch, die Arme verschränkt. Verwundert sah sie mich an –
natürlich werde ich in dem Augenblick seltsam genug ausgesehen haben.
Ich blieb vor ihr stehen und begann, den ganzen Haufen Geld aus meinen
Taschen auf den Tisch zu werfen.