XIV.

Ich stieß einen Schrei aus.

„Was? Was ist?“ fragte sie seltsam. Sie war bleich und sah mich düster

an.

„Ja ... Wie? Sie! Sie? Und Sie sind hier bei mir!“

„Wenn ich komme, dann komme ich _ganz_. Das ist meine Gewohnheit. Sie

werden es sogleich erfahren; machen Sie Licht.“

Ich zündete eine Kerze an. Sie stand auf, trat an den Tisch und legte

einen offenen Brief vor mich hin.

„Lesen Sie,“ befahl sie.

„Das, – das hat de Grillet geschrieben! Es ist seine Handschrift!“ rief

ich aus und griff nach dem Brief. Meine Hände zitterten und die

Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Die französischen Redewendungen

habe ich vergessen, aber der Sinn war folgender:

„Mademoiselle!“ schrieb de Grillet, „leider sehe ich mich durch

ungünstige Umstände zu einer sofortigen Abreise gezwungen. Sie werden

natürlich selbst bemerkt haben, daß ich absichtlich eine endgültige

Aussprache mit Ihnen zu vermeiden gesucht, bevor sich nicht alles

weitere entschieden hatte. Die Ankunft ^de la vieille dame^, Ihrer

Verwandten, und deren sinnlose Handlungsweise haben aber meinen Bedenken

ein Ende gemacht. Meine eigenen zerrütteten Verhältnisse verbieten es

mir ganz entschieden, mich noch fernerhin so süßen Hoffnungen

hinzugeben, wie ich es eine Zeitlang getan. Ich bedauere das Gewesene,

hoffe aber, daß Sie in meinem Verhalten nichts finden werden, das eines

^gentilhomme et honnête homme^ unwürdig wäre. Da ich fast mein ganzes

Geld Ihrem Stiefvater geliehen und somit verloren habe, sehe ich mich

gezwungen, das noch zu retten, was mir geblieben ist: ich habe meinen

Freunden in Petersburg bereits depeschiert, daß sie zum Verkauf der mir

verpfändeten Besitztümer schreiten sollen. Da ich aber weiß, daß Ihr

leichtsinniger Stiefvater auch Ihr Geld verschwendet hat, so habe ich

mich entschlossen, fünfzigtausend Franken von seiner Schuld zu streichen

und ihm einen Teil des verpfändeten Eigentums in Höhe dieser Summe zu

retournieren. Somit ist Ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben, alles

zurückzuerhalten, was für Sie sonst verloren wäre, indem Sie von ihm die

Herausgabe des Geldes auf gerichtlichem Wege verlangen. Ich hoffe,

Mademoiselle, daß meine Handlungsweise unter den gegenwärtigen

Verhältnissen für Sie von großem Vorteil sein wird. Desgleichen hoffe

ich, daß ich damit auch in Ihren Augen die Pflicht eines Ehren- und

Edelmannes vollkommen erfüllt habe. Seien Sie versichert, daß die

Erinnerung an Sie ewig in meinem Herzen leben wird.“

„Nun was, hier ist doch nichts mißzuverstehen!“ sagte ich, mich an

Polina wendend, „oder sollten Sie wirklich etwas anderes von ihm

erwartet haben?“ fragte ich geärgert.

„Ich habe nichts erwartet,“ erwiderte sie, scheinbar ganz ruhig, aber

ihre Stimme klang, als zucke in ihr etwas, „ich hatte schon längst

meinen Entschluß gefaßt. Ich hatte seine Gedanken erraten ... ich wußte,

was er dachte. Er dachte, ich werde verlangen ... ich werde darauf

bestehen ... daß ...“ Sie stockte, biß sich auf die Lippe und sprach es

nicht aus. „Ich habe mit Absicht meine Verachtung für ihn verdoppelt,“

begann sie wieder, „und es ihm bei jeder Gelegenheit gezeigt, wie sehr

ich ihn verachte – ich wollte sehen, was er wohl tun werde. Wenn wir die

Nachricht von ihrem Tode und der Erbschaft erhalten hätten – so hätte

ich ihm ins Gesicht geworfen, was ihm dieser Idiot, mein Stiefvater,

schuldet, und hätte ihn fortgejagt! Er war mir schon lange, schon lange

verhaßt! O, wie anders war er früher, wie ganz anders, tausendmal anders

– jetzt aber, jetzt! ... O, mit welch einer Wonne würde ich ihm diese

Fünfzigtausend in sein gemeines Gesicht schleudern und ... ihn anspeien!

... und ...“

„Aber das Papier – diese von ihm retournierte Schuldverschreibung auf

Fünfzigtausend – die hat doch der General? So nehmen Sie sie und geben

Sie ihm den Wisch zurück.“

„O, nicht das, nicht das ist es! ...“

„Ja, richtig, Sie haben recht, das ist es nicht! Und überhaupt – lassen

wir den General aus dem Spiel! Aber die Babuschka?“ rief ich plötzlich.

Polina blickte mich wie zerstreut und ungeduldig an.

„Wozu die Babuschka?“ fragte sie ärgerlich, „ich kann nicht zu ihr gehen

... Und ich will auch niemand um Verzeihung bitten,“ fügte sie gereizt

hinzu.

„Ja, aber was dann tun!“ rief ich. „Doch wie, wie ist es möglich, daß

Sie einen de Grillet haben lieben können! O, dieses Subjekt, dieses

verächtliche Subjekt! Wollen Sie, ich schieße ihn im Duell nieder! Wo

ist er jetzt?“

„Er ist in Frankfurt. Er wird dort drei Tage bleiben.“

„Ein Wort von Ihnen und ich fahre hin, morgen mit dem ersten Zug!“ rief

ich in einer seltsamen, geradezu dummen Anwandlung von Enthusiasmus.

Sie lachte mich aus.

„Nun und? – er würde ja womöglich noch sagen: geben Sie mir zuerst die

Fünfzigtausend zurück. Und weshalb sollte er sich denn schlagen? ...

Blödsinn!“

„Aber wo, wo soll man denn diese Fünfzigtausend hernehmen!“ fragte ich

knirschend vor Wut – als hätte ich sie vom Fußboden aufraffen wollen!

„Hören Sie: Mister Astley?“ wandte ich mich zu ihr mit einer plötzlich

aufdämmernden seltsamen Idee.

Ihre Augen blitzten auf.

„Wie, _willst du es denn selbst_, daß ich von dir zu diesem Engländer

gehe!“ sagte sie mit bitterem Lächeln und ihre Augen sahen mich

durchdringend an. Es war das erste Mal, daß sie „Du“ zu mir sagte.

Ich glaube, sie wurde im Augenblick wie von einem Schwindel erfaßt:

plötzlich sank sie auf den Diwan, als trügen die Füße sie nicht mehr.

Wie ein Blitz durchzuckte es mich. Ich stand und traute meinen Augen,

meinen Ohren nicht! Wie, also _mich_ liebte sie! _Zu mir_ war sie

gekommen, zu mir und nicht zu Mister Astley! Sie, ein junges Mädchen,

kam ganz allein zu mir in mein Zimmer, und das noch dazu in einem Hotel

– sie kompromittierte sich öffentlich – und ich, ich stand vor ihr und

begriff noch immer nicht!

Ein wilder Gedanke durchzuckte mich.

„Polina! Gib mir nur eine Stunde Zeit! Warte hier nur eine Stunde auf

mich, ich ... ich werde sogleich wieder hier sein! Das ... es ist

notwendig! Du wirst sehen! Bleib hier, bleib hier!“

Und ich lief aus dem Zimmer ohne auf ihren erstaunt fragenden Blick zu

achten, – sie rief mir noch etwas nach, aber ich kehrte mich nicht

einmal um.

Ja, bisweilen kann sich der tollste Einfall, der anscheinend unsinnigste

Gedanke so in uns festsetzen, daß man ihn zum Schluß selbst für

ausführbar hält ... Mehr noch als das: wenn sich dieser Einfall oder

diese Idee mit einem starken, leidenschaftlichen Wunsch vereint, so kann

man mitunter fast zum Fatalisten werden und das Gewünschte für etwas

geradezu Vorherbestimmtes halten, für etwas, das unbedingt geschehen muß

und überhaupt nicht ungeschehen bleiben kann! Vielleicht ist hierbei

noch etwas anderes mit im Spiel, irgendeine Kombination von Vorgefühlen,

irgendeine außergewöhnliche Willensanspannung, eine Selbstvergiftung

durch die eigene Phantasie oder sonst etwas – ich weiß es nicht. Mit mir

aber geschah an jenem Abend – den ich bis an mein Lebensende nicht

vergessen werde – etwas, das ich ein Wunder nennen möchte. Die

Tatsache ist zwar mathematisch und logisch ganz plausibel, aber

nichtsdestoweniger – für mich bleibt sie auch jetzt noch ein Wunder.

Aber warum nur, frage ich noch, warum hatte sich damals, und schon seit

langer Zeit, diese Überzeugung in mir so tief und unerschütterlich

festgesetzt? Keinen Augenblick habe ich daran als an eine Möglichkeit

unter anderen gedacht – also an eine, die ebensogut auch nicht eintreten

könne –, sondern immer nur als an ein fest bevorstehendes Geschehnis,

dessen Ausbleiben völlig ein Ding der Unmöglichkeit sei!

Es war ein Viertel auf elf. Ich betrat den Kursaal in einer ganz

bestimmten und unerschütterlichen Hoffnung, und doch gleichzeitig in

einer Aufregung, wie ich sie bis dahin noch nie empfunden hatte. Die

Spielsäle waren noch ziemlich besetzt, wenn auch, wie das zu dieser Zeit

immer der Fall war, um die Hälfte weniger als am Tage.

Um diese Zeit bleiben nämlich an den Spieltischen nur die wirklichen,

die echten Spieler zurück, diejenigen, für die in den Bädern überhaupt

nur die Spielsäle existieren, die alles andere kaum bemerken, die nur

des Spieles wegen kommen, sich nur für das Spiel während der ganzen

Saison interessieren, und die denn auch tatsächlich vom Morgen bis zum

Abend zu spielen pflegen und gewiß bereit sein würden, auch noch die

ganze Nacht zu spielen, wenn das nur möglich wäre. Wenigstens gehen sie

immer unwillig fort, wenn um zwölf Uhr das Roulette geschlossen wird.

Und wenn der Hauptcroupier vor dem Schluß ausruft: „^Les trois derniers

coups, messieurs!^“ so setzen sie auf diese drei letzten Spiele

gewöhnlich alles, was sie noch bei sich haben – und gewöhnlich

verspielen sie gerade dann das meiste.

Ich trat an denselben Tisch, an dem die Babuschka gespielt hatte. Das

Gedränge war nicht groß, so daß ich mir bald einen Platz am Tisch

verschaffen konnte. Ich spielte stehend. Gerade vor mir auf dem grünen

Tuch las ich das Wort „^passe^“.

Unter „^passe^“ versteht man die Zahlen von neunzehn bis

sechsunddreißig. Die erste Zahlenreihe von eins bis achtzehn heißt

„^manque^“. Aber was ging das mich an! Ich berechnete nicht, ich dachte

nicht an Chancen, ich wußte nicht einmal, welche Zahl oder welche Farbe

vorher herausgekommen war und erkundigte mich nicht einmal danach, bevor

ich zu spielen begann – wie es doch jeder nur etwas erfahrenere Spieler

getan hätte. Ich zog alle meine zwanzig Friedrichsdor hervor und warf

sie auf ^passe^.

„^Vingt-deux!^“ rief der Croupier.

Ich hatte gewonnen – und wieder setzte ich alles: den Einsatz und den

Gewinn.

„^Trente et un^,“ rief der Croupier.

Wieder gewonnen. Im ganzen hatte ich schon achtzig Friedrichsdor. Ich

schob alle achtzig auf die zwölf mittleren Zahlen (dreifacher Gewinn,

doch kamen auf eine Chance zu gewinnen, zwei Chancen zu verlieren). Das

Rad drehte sich und es kam vierundzwanzig. Man schob mir drei Goldrollen

^à^ fünfzig Friedrichsdor und zehn Goldstücke zu; im ganzen besaß ich

nun zusammen mit den früheren zweihundert Friedrichsdor.

Ich war wie im Fieber. Da schob ich diesen ganzen Geldhaufen auf Rot, –

und plötzlich kam ich zur Besinnung! Und nur ein einziges Mal an diesem

ganzen Abend, während der ganzen Zeit, in der ich spielte, überlief es

mich kalt und ließ die Angst meine Hände und Füße erzittern. Entsetzen

war das Gefühl der blitzartigen Erkenntnis: was es für mich bedeutete,

jetzt zu verlieren! Mein Einsatz war doch mein ganzes Leben!

„^Rouge!^“ rief der Croupier, – und – mein Herz schlug wieder! Feurige

Ameisen liefen mir über den Körper. Man zahlte mir meinen Gewinn in

Banknoten aus: im ganzen hatte ich schon viertausend Gulden und achtzig

Friedrichsdor! Noch konnte ich der Berechnung folgen.

Dann, entsinne ich mich, setzte ich zweitausend Gulden wieder auf die

zwölf mittleren Zahlen und verlor; ich setzte achtzig Friedrichsdor und

verlor wieder. Da packte mich die Wut: ich raffte die letzten

zweitausend Gulden zusammen und setzte sie auf die ersten zwölf – so,

wie es gerade kam, ganz ohne Berechnung! Übrigens, es gab doch einen

Augenblick der Erwartung, dessen Eindruck demjenigen vielleicht nicht

unähnlich gewesen sein mag, den Mademoiselle Blanchard empfunden, als

sie über Paris mit dem Luftballon zur Erde stürzte.

„^Quatre!^“ rief der Croupier.

Mit dem Einsatz zusammen hatte ich nun wieder sechstausend Gulden. Jetzt

war ich schon siegesgewiß, jetzt fürchtete ich nichts mehr, nichts, und

ich warf viertausend Gulden auf Schwarz. Im Augenblick setzten etwa zehn

Spieler mir nach ihre Einsätze gleichfalls auf Schwarz. Die Croupiers

tauschten untereinander Blicke aus und besprachen sich. Ringsum

Geflüster, Bewegung, Erwartung.

Es kam Schwarz. Was dann weiter folgte – alles dessen entsinne ich mich

nicht mehr, weder der Höhe meiner Einsätze noch der Reihenfolge der

Gewinne. Ich weiß nur noch, so, wie man sich etwa eines Traumes

erinnert, daß ich – ich glaube wenigstens – bereits an sechzehntausend

Gulden gewonnen hatte, als ich plötzlich durch drei Verluste

zwölftausend von ihnen verlor; dann schob ich die letzten viertausend

auf ^passe^ – doch empfand ich dabei so gut wie nichts: ich wartete nur,

und zwar ganz mechanisch, ganz ohne Gedanken – und ich gewann wieder.

Darauf gewann ich noch viermal nach der Reihe. Ich weiß nur, daß ich das

Geld zu Tausenden zusammenscharrte; doch entsinne ich mich noch, daß am

häufigsten die zwölf mittleren Nummern gewannen, denen ich deshalb aus

Prinzip treu blieb. Sie gewannen fast ganz regelmäßig drei- bis viermal,

dann zweimal nicht und dann wieder drei- oder viermal nach der Reihe. Es

kommt mitunter wirklich zu einer ganz erstaunlichen Regelmäßigkeit in

der Wiederkehr der Gewinne, – und das ist es gerade, was die

eingefleischten Spieler, die mit dem Bleistift in der Hand die Chancen

berechnen, vor den Kopf stößt. Und – o Gott! – welch eine Ironie des

Schicksals man an Spieltischen oft beobachten kann!

Ich glaube, seit meinem Erscheinen im Saal war noch keine halbe Stunde

vergangen: da wandte sich der Croupier zu mir und teilte mir mit, daß

ich dreißigtausend Gulden, das Maximum, gewonnen habe, und daß, da die

Bank auf einmal nicht mehr auszahle, das Roulette jetzt bis zum nächsten

Morgen geschlossen werde. Ich scharrte all mein Gold zusammen, steckte

es in meine Taschen, nahm die Banknoten und ging sogleich zum nächsten

Roulette, das sich im anderen Saal befand. Alles drängte, stürmte mir

nach. Dort wurde mir sofort Platz gemacht und ich begann wieder zu

spielen, setzte das Geld ohne zu zählen, ohne zu denken. Ich begreife

nicht, was mich rettete!

Zuweilen übrigens kam mir so etwas wie eine Erinnerung an Systeme und

Berechnungen und ich dachte, daß ich ja doch auch berechnen müsse: dann

hielt ich mich an gewisse Zahlen und erwog die Chancen, doch bald war

wieder alles vergessen und ich spielte weiter – fast bewußtlos. Ich muß

wohl sehr zerstreut gewesen sein: ich entsinne mich, daß die Croupiers

mehrmals meine Einsätze korrigierten. Ich machte grobe Fehler. Meine

Haare klebten an den Schläfen und meine Hände zitterten. Neben mir

tauchten natürlich wieder die bewußten Polen auf und boten mir ihre

Dienste an, doch ich bemerkte sie kaum. Das Glück verließ mich nicht.

Plötzlich ringsum lautes Durcheinandersprechen und Lachen. „Bravo,

bravo!“ hörte ich rufen und mehrere klatschten in die Hände.

Ich hatte auch hier dreißigtausend Gulden der Bank entrissen und das

Roulette wurde auch hier bis zum nächsten Morgen geschlossen.

„Gehen Sie, gehen Sie fort!“ flüsterte mir von rechts jemand ins Ohr.

Es war ein Frankfurter Jude; er hatte die ganze Zeit neben mir gestanden

und mir beim Spiel, glaube ich, hin und wieder geholfen.

„Um Gottes willen, gehen Sie fort!“ flüsterte flehentlich eine andere

Stimme links von mir.

Ich sah flüchtig hin. Es war eine ganz unauffällig, doch sehr anständig

gekleidete Dame von etwa dreißig Jahren mit einem krankhaft bleichen und

müden Gesicht, dem man aber doch noch deutlich ansah, daß es einst

wundervoll schön gewesen sein mußte. Ich stopfte gerade haufenweise

Banknoten und Gold in meine Taschen. Ich nahm die letzte Goldrolle von

fünfzig Friedrichsdor und – es gelang mir, sie ganz unbemerkt der

bleichen Dame in die Hand zu drücken: mich überkam ein unbezwingbares

Verlangen, es zu tun, und ihre dünnen Finger drückten heiß meine Hand

zum Zeichen glühender Dankbarkeit. Alles das geschah in einem

Augenblick.

Nachdem ich das Geld an mich genommen, ging ich zum ^Trente et

quarante^.

An diesem Tisch sitzt ausschließlich aristokratisches Publikum. Das ist

kein Roulette, sondern ein Kartenspiel. Hier ist das Maximum, das ein

Spieler gewinnen kann, hunderttausend Taler. Der höchste Einsatz ist

aber gleichfalls viertausend Gulden. Ich kannte das Spiel noch nicht,

ich wußte nur, daß man auch hier auf Rot und Schwarz setzen konnte.

Daran hielt ich mich. Alles drängte sich um den Tisch, aus allen Sälen

kamen sie. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich während dieser ganzen

Zeit auch nur einmal an Polina gedacht habe. Ich weiß nur, daß es mir

ein so unsagbares Vergnügen war, ein Genuß geradezu, die Banknoten und

das Geld zusammenzuscharren, die den Geldhaufen vor mir immer größer

machten, immer größer.

Wirklich, es war, als triebe mich das Schicksal selbst. Gerade diesmal

aber geschah etwas, das im Spiel übrigens ziemlich oft vorkommt: das

Glück heftete sich an Rot und fünfzehnmal nach der Reihe kam Rot heraus.

Ich hatte noch zwei Tage vorher gehört, daß Rot plötzlich

zweiundzwanzigmal nach der Reihe gewonnen habe, was alle ganz verwundert

erzählten, denn daß je ein solcher Fall vorgekommen war, dessen entsann

man sich überhaupt nicht. Selbstverständlich wagt nach dem zehnten Mal

niemand mehr auf Rot zu setzen. Aber auch auf Schwarz, das Gegenteil von

Rot, setzt dann – wenigstens von erfahrenen Spielern – kein einziger.

Diese wissen nur zu gut, zu was solch ein „Eigenwille des Zufalls“

mitunter auswachsen kann. Die Neulinge aber fallen gewöhnlich

ausnahmslos herein, indem sie ihre Einsätze auf das Gegenteil – auf

Schwarz z. B. – verdoppeln und verdreifachen und, versteht sich, bei der

Gelegenheit riesige Summen verlieren.

Ich aber begann, als ich neben mir sagen hörte, daß Rot schon siebenmal

nach der Reihe gewonnen habe, aus Eigensinn gerade auf Rot zu setzen.

Doch bin ich überzeugt, daß wenigstens zur Hälfte Prahlerei und

Eigenliebe, der Drang, sich hervorzutun, bei meinem Entschluß mitsprach:

ich wollte die Zuschauer durch meinen unsinnigen Wagemut in Erstaunen

setzen und – o, seltsam war die Empfindung – ich erinnere mich ganz

deutlich, daß mich plötzlich ohne bestimmten Anlaß ein unbändiges

Verlangen ergriff, zu wagen, immer mehr zu wagen. Vielleicht kam das

daher, daß die Nerven, die schon soviel wirbelnde Empfindungen

ausgekostet hatten, nur gereizt wurden, anstatt sich zu sättigen, und

daher nur nach noch größerer Erregung verlangten, nach noch

aufpeitschenderen Gefühlen, immer noch stärkeren Empfindungen, um dann

endlich in vollständiger Erschöpfung ausruhen zu können. Und wirklich,

ich lüge nicht, wenn ich sage, daß ich, falls es nur möglich gewesen

wäre, fünfzigtausend Gulden auf einmal zu setzen – ich sie gesetzt

hätte. Ringsum rief man erregt, es sei Wahnsinn, noch auf Rot zu setzen,

schon vierzehnmal habe es gewonnen!

„^Monsieur a gagné déjà cent mille florins!^“ hörte ich irgendwo eine

Stimme.

Da kam ich zu mir. Wie? ich hatte schon hunderttausend Gulden gewonnen?

Was mache ich mit soviel? Mehr habe ich ja gar nicht nötig! Ich raffte

das ganze Geld, die Banknoten und das Gold zusammen, stopfte alles in

meine Taschen, ohne es zu zählen, ohne darauf zu achten, daß ich so die

Banknoten zerknitterte, und schritt fast wankend unter der Schwere des

Goldes dem Ausgang des Kurhauses zu. Ringsum lachte man, während ich

durch die Säle ging, über meine abstehenden Taschen. Ich glaube, das

Gold wog reichlich über zwanzig Pfund. Mehrere Hände streckten sich mir

entgegen; ich gab ohne zu zählen, wieviel die Hand aus der Tasche faßte.

Am Ausgange hielten mich zwei Juden auf.

„Sie sind kühn! Sie sind sehr kühn!“ sagten sie, „aber fahren Sie morgen

früh fort, so früh als möglich, sonst werden Sie alles wieder verspielen

...“

Ich hörte nicht auf sie. Die Allee war dunkel; es war so dunkel, daß man

die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Bis zum Hotel hatte ich etwa

fünfhundert Schritt zu gehen. Ich habe mich nie vor Dieben oder Räubern

gefürchtet, selbst als kleiner Junge nicht; ich dachte auch gar nicht an

die Möglichkeit eines Überfalls, als ich hinaustrat. Übrigens entsinne

ich mich nicht mehr, an was ich unterwegs dachte; ich glaube, ich hatte

überhaupt keine Gedanken. Ich empfand nur so etwas wie das Auskosten

eines Genusses – ein wundervolles Gefühl des Erfolges, des Sieges, der

Macht – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Auch Polinas

Gestalt tauchte vor mir auf. Ich wußte, daß ich zu ihr ging, daß ich

sogleich bei ihr sein und ihr erzählen, ihr das Geld zeigen würde ...

Aber ich entsann mich kaum noch dessen, was sie mir dort in meinem

Zimmer gesagt hatte und weshalb ich in die Spielsäle gegangen war, – und

alle jene Gefühle, die noch vor anderthalb Stunden in mir getobt hatten,

erschienen mir nun als etwas schon längst Vergangenes, Veraltetes,

Beigelegtes – dessen wir jetzt doch überhaupt nicht mehr erwähnen

würden, da ja nun ein ganz neues Leben begann. Ich hatte fast schon das

Ende der Allee erreicht, als mich plötzlich Angst ergriff: „Wie, wenn

man mich jetzt überfällt, totschlägt und beraubt!“ Und mit jedem Schritt

wuchs die Angst. Ich lief fast. Da stand plötzlich am Ende der Allee

unser Hotel vor mir, mit seinen hellen Fensterreihen ... Gott sei Dank –

ich war in Sicherheit!

Ich eilte die Treppen hinauf zu meinem Zimmer und stieß die Tür auf.

Polina war da: sie saß auf meinem Diwan, das brennende Licht vor sich

auf dem Tisch, die Arme verschränkt. Verwundert sah sie mich an –

natürlich werde ich in dem Augenblick seltsam genug ausgesehen haben.

Ich blieb vor ihr stehen und begann, den ganzen Haufen Geld aus meinen

Taschen auf den Tisch zu werfen.

Sämtliche Werke 21 · 第 24 / 46 题