Auf dem oberen Absatz der großen Freitreppe des Hotels, umgeben von
Dienern, Zofen und dem zahlreichen Troß des Hotelpersonals, sogar
einschließlich des Hotelverwalters, der es offenbar noch mit seiner
Würde vereinigen zu können glaubte, einem so geräuschvoll und originell,
mit eigener Bedienung und einem ganzen Heer von Koffern eintreffenden
Gast bis zum Portal entgegen zu gehen, thronte auf einem bequemen
Krankenstuhl – die Großtante!
Ja, das war sie, das war sie selbst, die gefürchtete, angsteinflößende,
reiche fünfundsiebzigjährige Antonida Wassiljewna Tarassewitschewa, die
Gutsbesitzerin und unverfälschte Moskowiterin, die Großtante, die schon
im Sterben lag und doch nicht starb, die Dame, deretwegen so viele
Depeschen empfangen und aufgegeben wurden und die nun plötzlich wie ein
Blitz aus heiterem Himmel in höchsteigener Person bei uns erschien.
Zweimal hatte ich, seit ich Hauslehrer im Hause des Generals war,
bereits die Ehre gehabt, sie zu sehen, und genau so sah ich sie jetzt
wieder: in strammer Haltung im Krankenstuhl sitzend, in dem sie schon
seit fünf Jahren saß, da sie sich nicht mehr des Gebrauchs ihrer Füße
erfreute, doch ungeachtet dessen nach wie vor mutig bis zur
Verwegenheit, schlagfertig, rechthaberisch und selbstzufrieden. Nicht
einmal ihre Stimme hatte an Kraft eingebüßt und auch ihre Redeweise
schien sich nicht im geringsten verändert zu haben. Natürlich stand ich
im ersten Augenblick wie vom Schlage gerührt vor ihr. Sie hatte mich mit
ihren Luchsaugen schon auf hundert Schritte erkannt, als man sie in
ihrem Stuhl die Treppe hinauftrug, hatte mich erkannt und sogleich zu
sich zu rufen begonnen, und das sogar bei meinem Ruf- und Vatersnamen,
die sie sich ihrer alten Gewohnheit gemäß ein für allemal gemerkt hatte.
„Und solch eine glaubte man schon beerdigen zu können, zu beerdigen und
zu beerben!“ fuhr es mir durch den Sinn.
„Sie wird noch uns alle und das ganze Hotel überleben! Aber Herr des
Himmels, was wird jetzt aus den Unsrigen werden, aus dem General! Sie
wird doch das ganze Hotel auf den Kopf stellen!“
„Na, Väterchen, was stehst du denn so vor mir da und starrst mich an!“
fuhr die rüstige alte Dame in ihrer lauten brüsken Weise fort. „Hast du
vergessen, wie man eine Verbeugung macht? Verstehst du nicht mehr, guten
Tag zu sagen, oder was fehlt dir sonst? Oder bist du stolz geworden und
willst nicht? Oder hast du mich etwa nicht erkannt? Potapytsch,“ wandte
sie sich an ihren alten Diener, der im Frack und weißer Binde hinter
ihrem Korbstuhl stand, und dessen rosige Glatze ein Kranz ehrwürdig
grauer Haare umgab, „Potapytsch, hast du gehört, er erkennt mich nicht!
Da haben wir’s! Also schon beerdigt! Ich sag’s ja: Depesche auf Depesche
mußte abgesandt werden, da man doch nicht früh genug erfahren konnte, ob
sie denn nun endlich gestorben sei oder noch immer nicht. Ich weiß ja
doch alles! Nun, ich aber bin inzwischen noch ganz fix und munter, wie
du siehst.“
„Aber ich bitte Sie, Antonida Wassiljewna, wie sollte ich darauf kommen,
Ihnen Schlechtes zu wünschen?“ versetzte ich, mich nach dem im ersten
Augenblick lähmenden Schreck besinnend, lebhaft und mit wiedergefundenem
Humor. „Ich war nur zu überrascht ... Und meine Verwunderung war, denke
ich, ganz erklärlich, da Sie so unerwarteterweise ...“
„Weshalb denn Verwunderung? Ich habe mich einfach ins Coupé gesetzt und
bin hergereist. Mit der Eisenbahn ist das Reisen sehr schön, da gibt’s
weder Püffe noch Stöße. Du gingst gerade spazieren, nicht wahr?“
„Ja, ich wollte zum Kurhaus gehen.“
„Es gefällt mir hier,“ bemerkte sie, sich wohlgefällig umschauend, „vor
allen Dingen ist es warm und die Bäume sind schön. Das lieb ich! Nun, wo
sind die Unsrigen? – Der General? – Zu Hause?“
„O! Versteht sich, um diese Zeit sind gewiß alle zu Hause.“
„Also auch hier haben sie ihre Stunden eingeführt und alle ihre übrigen
Zeremonien? Natürlich, sie müssen doch tonangebend sein. Auch eine
Equipage halten sie sich, wie ich hörte, ^les seigneurs russes^! Haben
sie ihr Geld verzettelt, dann gehen sie wieder ins Ausland. Und
Praskowja[3] ist auch hier?“
„Ja, auch Polina Alexandrowna ist hier.“
„Und auch der Franzusischka? Nun, ich werde sie ja selber alle sehen.
Jetzt sei mal so gut, Alexei Iwanowitsch, und zeig uns den Weg zu ihnen.
Und wie geht es denn dir hier?“
„Es geht, Antonida Wassiljewna.“
„Du, Potapytsch, sag’ mal diesem Dummkopf, dem Kellner da, daß er mir
ein bequemes Appartement verschafft, ein gutes und nicht hoch; und
dorthin laß auch sogleich das Gepäck bringen, hörst du? Aber warum
drängen sich denn alle zum Tragen? Was drängen sie sich vor? Weg da!
Solche Dienerseelen! Wer ist das, dieser dein Bekannter dort?“ wandte
sie sich wieder an mich.
„Das ist Mister Astley,“ antwortete ich.
„Was ist das für ein Mister Astley?“
„Ein Bekannter von mir, der sich vorübergehend hier aufhält. Er ist auch
dem General bekannt.“
„Ein Engländer also? Deshalb: er sieht mich an, ohne den Mund aufzutun.
Übrigens habe ich Engländer sehr gern. Nun ... jetzt schleppt mich mal
hinauf, direkt zu ihnen. Wo wohnen sie denn dort?“
Der Stuhl wurde aufgehoben und wir begaben uns hinauf. Unser Emporstieg
war jedenfalls sehr effektvoll. Alle, die uns erblickten, blieben stehen
und sahen uns mit großen Augen nach. Unser Hotel gilt für das beste,
teuerste und vornehmste am Ort. Auf der Treppe und in den Korridoren
begegnet man zu jeder Zeit eleganten Damen und selbstbewußten,
selbstzufriedenen Engländern. Viele erkundigten sich unten beim Portier
nach der fremden Dame, und der berichtete natürlich, daß es eine
Ausländerin sei, ^une russe^, ^une comtesse^, ^grande dame^, und daß sie
dasselbe Appartement bewohnen werde, das vor einer Woche ^la
grande-duchesse de N.^ inne gehabt. Doch die Hauptursache des großen
Eindrucks, den sie auf alle machte, lag sicherlich in ihrer äußeren
Erscheinung, die wohl in jeder Beziehung die Gewohnheit, zu herrschen
und zu befehlen, verriet. Jede neue Person, der wir begegneten,
betrachtete sie sogleich mit großem Interesse und erkundigte sich bei
mir ganz ungeniert und laut nach allem, was ein Hotelgast unter
Umständen vom anderen wissen kann. Und ebenso interessiert wurde sie von
den Hotelgästen betrachtet. Obschon man sie nur sitzend sah, konnte doch
ein jeder auf den ersten Blick erraten, daß man eine Dame von hohem
Wuchs vor sich hatte. Sie saß sehr gerade und lehnte sich nie an die
Rückenlehne des Stuhles. Ihren großen Kopf mit dem grauen Haar und den
großen, scharfen Gesichtszügen hielt sie ebenso aufrecht wie ihren
Körper; ihr Blick hatte geradezu etwas Herausforderndes und Hochmütiges
an sich; doch sah man es ihr sogleich an, daß alles an ihr, sowohl ihr
Blick wie ihre Bewegungen, vollkommen natürlich waren. Trotz der
fünfundsiebzig Jahre sah ihr Gesicht noch ziemlich frisch aus und nicht
einmal ihre Zähne hatten viel gelitten. Sie trug ein schwarzes
Seidenkleid und ein weißes Häubchen auf dem grauen Haar, wie sie alte
Damen zu tragen pflegen.
„Sie interessiert mich ungeheuer!“ sagte mir leise Mister Astley, der
neben mir die Treppe hinaufstieg.
„Von den Depeschen scheint sie alles zu wissen,“ überlegte ich, „de
Grillet ist ihr gleichfalls bekannt, bloß Mademoiselle Blanche kennt sie
noch nicht und sie dürfte auch wohl kaum etwas von ihr gehört haben.“
Ich teilte flüsternd meine Befürchtungen Mister Astley mit.
Ein Sünder ist der Mensch! Kaum hatte sich mein erster Schreck gelegt,
da freute ich mich schon wie ein Schulbub über den Keulenschlag, den
unsere Erscheinung dem General versetzen würde. Ich fühlte mich ganz
unwiderstehlich versucht, den Schreck noch zu vergrößern, und ich
schritt in gehobener Stimmung voran.
Ich ließ uns weder anmelden, noch klopfte ich an die Tür. Ich stieß die
Tür einfach weit auf und die Großtante ward wie im Triumph
hineingetragen. Sie waren alle, wie gerufen, im Kabinett des Generals
versammelt. Es hatte gerade zwölf geschlagen und ich glaube, man
projektierte einen Ausflug – die einen sollten in der Equipage fahren,
die anderen reiten – und ein paar Bekannte, die sich am Ausflug
beteiligen wollten, waren gleichfalls zugegen. Außer dem General,
Polina, den Kindern und der Kinderfrau befanden sich im Kabinett de
Grillet, Mademoiselle Blanche im Reitkleide, ^madame veuve de Cominges^,
der kleine Fürst und ein deutscher Gelehrter, den ich zum erstenmal sah.
Der Stuhl mit der Großtante wurde von den Trägern, die sie die zwei
Treppen hinaufgetragen hatten, mitten im Zimmer niedergesetzt, keine
drei Schritte vor dem General. Gott, nie im Leben werde ich sein Gesicht
in dem Augenblick vergessen! Vor unserem Eintritt hatte er irgend etwas
erzählt und de Grillet schien gerade eine Bemerkung gemacht zu haben.
Ich muß hier noch anfügen, daß de Grillet und Mademoiselle Blanche sich
schon seit zwei oder drei Tagen bei dem kleinen Fürsten einzuschmeicheln
suchten – ^à la barbe du pauvre général^, versteht sich. Die ganze
Gesellschaft war, wenigstens äußerlich, bei bester Stimmung: heiter,
gemütlich und zum Scherzen aufgelegt. Als der General die Großtante
erblickte, sperrte er tonlos den Mund auf, während ihm das halbe Wort in
der Kehle stecken blieb. Er starrte sie mit fast hervorquellenden Augen
an, regungslos, wie durch ein Zauberwort gelähmt. Und ebenso regungslos
und stumm sah ihn die alte Dame an, doch was war das für ein
triumphierender, herausfordernder spöttischer Blick! Und so sahen sie
sich wohl geschlagene zehn Sekunden lang an – beim tiefsten
Grabesschweigen aller übrigen. De Grillet war zunächst einfach baff,
doch bald drückte sich Unruhe und Besorgnis in seinem Gesicht aus.
Mademoiselle Blanche zog die Augenbrauen in die Höhe, vergaß, den Mund
zu schließen und musterte die Unbekannte mit gierigem Blick, während der
Fürst und der Deutsche höchst verwundert dem Ganzen zusahen. Im Blick
Polinas drückte sich zuerst nichts als grenzenloses Erstaunen aus und
absolute Verständnislosigkeit, plötzlich aber erbleichte sie unheimlich;
doch im nächsten Augenblick stieg ihr das Blut heiß ins Gesicht.
Ja, das war für sie alle eine Katastrophe!
Ich sah von der alten Dame auf die anderen und von diesen wieder zurück
auf sie.
Mister Astley stand etwas abseits und hielt sich, wie gewöhnlich, ruhig
und vornehm.
„Na, da bin ich selbst! Anstatt der erwarteten Depesche!“ entlud sich
endlich die alte Dame und machte damit der Spannung ein Ende. „Was,
darauf wart Ihr wohl nicht ganz vorbereitet?“
„Antonida Wassiljewna ... verehrteste Tante ... Aber wie in aller Welt
...“ stotterte noch ganz fassungslos der General.
Hätte das Schweigen noch einige Sekunden länger gewährt, so hätte ihn
vielleicht der Schlag gerührt.
„Was, wie ich hergekommen bin? Sehr einfach: ich stieg ein und fuhr.
Wozu gibt es denn jetzt eine Eisenbahn? Und ihr glaubtet alle, ich hätte
mich schon gestreckt und euch die Erbschaft hinterlassen! Ich weiß ja
doch, daß du von hier Depesche auf Depesche abgesandt hast. Wieviel Geld
du damit fortgeworfen hast – kann mir denken! Von hier aus ist’s nicht
billig. Nun, ich aber war dort nicht angewachsen. Ist das derselbe
Franzose? Monsieur de Grillet, wenn ich nicht irre?“
„^Oui, madame^,“ bestätigte sogleich de Grillet, „^et croyez, je suis si
enchanté de ... votre santé ... mais c’est un miracle ... de vous voir
ici! C’est vraiment une surprise charmante!^“
„Ja, ja, ^charmante^; ich kenne dich besser. Siehst du, nicht soviel
glaube ich dir!“ und zur Erklärung wies sie ihm das letzte Glied ihres
kleinen Fingers. „Wer ist denn das?“ fragte sie, auf Mademoiselle
Blanche deutend. Die elegante Französin im Reitkleide und mit der
Reitpeitsche in der Hand lenkte naturgemäß ihr Interesse auf sich. „Eine
Hiesige, nicht?“
„Das ist Mademoiselle Blanche de Cominges und hier ist ihre Frau Mutter,
Madame de Cominges. Sie wohnen gleichfalls in diesem Hotel,“ berichtete
ich.
„Ist sie verheiratet, die Tochter?“ fragte die alte Dame ganz ungeniert.
„Nein, Mademoiselle de Cominges ist nicht verheiratet,“ antwortete ich
möglichst respektvoll und absichtlich nur halblaut.
„Ist sie lustig?“
Ich tat, als verstehe ich ihre Frage nicht.
„Ist es nicht langweilig mit ihr? Versteht sie Russisch? Der de Grillet
hat ja bei uns in Moskau das Wunder fertig gebracht, fünf bis zehn
Brocken zu behalten!“
Ich erklärte ihr, daß Mademoiselle de Cominges niemals in Rußland
gewesen sei.
„^Bonjour!^“ sagte sie plötzlich, sich ganz unvermittelt an Mademoiselle
Blanche wendend.
„^Bonjour, madame^,“ erwiderte mit einer zeremoniellen, französisch
eleganten ^révérence^ Mademoiselle Blanche, wobei sie sich sichtlich
bemühte, unter dem Deckmantel äußerer ungewöhnlicher Bescheidenheit und
Höflichkeit durch den ganzen Ausdruck ihres Gesichtes und womöglich auch
ihrer Gestalt ihre grenzenlose Verwunderung über diese seltsame Frage
und Behandlung zu verstehen zu geben.
„O, sie schlägt die Augen nieder, ziert sich und scheint Zeremonien zu
lieben! Da sieht man sogleich, was für ein Vogel das ist! Eine
Schauspielerin natürlich. – Ich bin hier unten im Hotel abgestiegen,“
wandte sie sich plötzlich an den General. „Wir werden unter einem Dach
wohnen, ist dir das angenehm oder nicht?“
„O, Tantchen! Glauben Sie meiner aufrichtigen Versicherung ... meiner
unbeschreiblichen Freude!“ beteuerte der General so schnell er nur seine
Gedanken sammeln konnte. Er war inzwischen offenbar etwas zu sich
gekommen und schien sogar einigermaßen gefaßt zu sein, und da er sich
gelegentlich ganz gut auszudrücken verstand – selbstverständlich nicht
ohne dabei Anspruch auf einen gewissen Eindruck zu machen – so wollte er
sich wieder in einer Rede ergehen. „Wir waren alle so besorgt wegen
Ihrer Krankheit ... Wir erhielten so hoffnungslose Nachrichten – die
erste gar wirkte geradezu erschütternd auf uns – und da nun, plötzlich,
Sie in eigener Person hier zu sehen.“
„Nun, genug, such dir zuerst einen, der dir’s glaubt!“ unterbrach ihn
sogleich die Großtante.
„Aber erlauben Sie,“ unterbrach sie schleunigst der General, der rasch
seine Stimme etwas erhob und ihren Rat zu überhören suchte, „wie haben
Sie sich denn überhaupt zu dieser Reise entschließen können? In Ihren
Jahren, nicht wahr, und bei Ihrem Gesundheitszustand ist es doch ...
wenigstens war es nicht vorauszusehen, daß Sie gewiß unser Erstaunen
verstehen und verzeihen werden. Ich bin aber so erfreut ... und wir alle
werden uns nach Kräften bemühen, Ihnen den Aufenthalt hier zu einem
möglichst angenehmen zu machen,“ fuhr er mit seinem liebenswürdigsten
Lächeln fort, „und was die Zerstreuungen betrifft ...“
„Na, genug, behalt dein Geschwätz für dich; verstehst ja doch nur leeres
Zeug zu reden! Ich weiß, was ich tue. Übrigens habe ich nichts gegen
euch; ich trage nichts nach. ‚Wie‘, fragst du? Ja, was ist denn dabei
Wunderbares? In der allereinfachsten Weise. Aber nein, ein jeder muß
sich darüber noch aufregen! Guten Tag, Praskowja. Was treibst du denn
hier?“
„Guten Tag, Babuschka,“[4] grüßte Polina, sich der alten Dame nähernd.
„Waren Sie lange unterwegs?“
„Nun seht, die hat am gescheitesten von allen gefragt, aber sonst: ach
und ach! – und weiter hört man nichts. Ja, siehst du: ich lag und lag,
ließ mich kurieren, kurieren – bis ich sie alle davonjagte, die Ärzte,
und statt ihrer den Kirchendiener von Sankt Nikolai rufen ließ. Der hat
ein altes Weib von derselben Krankheit mit Heukompressen kuriert. Nun,
und der hat auch mir geholfen: am dritten Tage hat mich sein Tee noch
gründlich zum Schwitzen gebracht und dann stand ich auf. Darauf
versammelten sich wieder meine Deutschen,[5] setzten die Brillen auf und
berieten: ‚Wenn Sie jetzt,‘ sagten sie, ‚im Auslande eine Kur
durchmachten, so würden die Blutstockungen ganz gehoben werden.‘ Ja,
warum denn nicht? denke ich. Na, natürlich, da begannen die Ratten
wieder zu jammern und zu stöhnen: ‚Großer Gott, eine so weite Reise
können Sie doch nicht mehr unternehmen!‘ Das fehlte noch! An einem Tage
war alles eingepackt und in der vorigen Woche, am Freitag, nahm ich das
Mädchen, den Potapytsch und den Fjodor, den Diener – übrigens: diesen
Fjodor habe ich aus Berlin wieder zurückgeschickt, denn ich sah doch, er
war ja ganz überflüssig, ich hätte auch allein fahren können. Ich nehme
ein Coupé für mich – Träger gibt es auf allen Stationen, für einen Rubel
tragen sie dich, wohin du nur willst. Seht doch, was ihr hier für eine
Wohnung habt!“ schloß sie plötzlich, sich umschauend. „Mit wessen Gelde
bezahlst du denn das hier, Väterchen? Du hast doch alles verpfändet. Was
du allein diesem Franzusischka da schuldest! Ich weiß doch, weiß doch
alles!“
„Ich, erlauben Sie, Tantchen ...“ begann der General ganz verwirrt, „ich
wundere mich, liebe Tante ... ich glaube, daß ich ohne jemandes
Kontrolle auskommen kann ... Zudem übersteigen meine Ausgaben durchaus
noch nicht meine Mittel, und wir leben hier ...“
„Was, bei dir übersteigen sie sie nicht? Auch ein Wort! Die Kinder hast
du wohl schon ganz und gar beraubt? Schöner Vormund!“
„Nach solchen Worten ... nach dieser Bemerkung, liebe Tante ...“ begann
der General, „weiß ich wirklich nicht mehr, was ich ...“
„Glaub’s schon, daß du es nicht weißt. Vom Roulette trennst du dich hier
wohl überhaupt nicht? Hast wohl schon alles verspielt?“
Der General war so verblüfft, daß er unter all den auf ihn einstürmenden
Gefühlen und Gedanken kaum noch nach Luft schnappen konnte.
„Vom Roulette! Ich? Bei meiner Würde als General ... Ich? Besinnen Sie
sich, werte Tante, Sie sind gewiß noch etwas angegriffen ...“
„Nun, genug, schwatz nicht, ich bin sicher, daß man dich nur mit Müh und
Not fortschleppen kann; dir glaube ich kein Wort. Ich werde jetzt selbst
sehen, was denn das für eine Roulette hier ist, heute noch. Du,
Praskowja, wirst mir erzählen, was man hier alles sehen muß, ja und auch
der Alexei Iwanowitsch kann uns umherführen, und du, Potapytsch,
schreibst alles auf, hörst du, wohin wir fahren müssen. So, also was muß
man sich hier denn ansehen?“ wandte sie sich wieder an Polina.
„Nicht weit von hier ist eine Schloßruine, und dann der Schlangenberg
...“
„Was ist dort zu sehen?“
„Vom Gipfel des Berges hat man eine sehr schöne Aussicht.“
„Also auf einen Berg muß ich mich schleppen lassen? Wird man mich
hinauftragen können oder geht das nicht?“
„O, Träger werden sich hier schon finden lassen,“ sagte ich.
In dem Augenblick näherte sich ihr Fedossja, die Kinderfrau, mit ihren
beiden Schutzbefohlenen, den Kindern des Generals, damit sie die
Babuschka begrüßten.
„Nun, schon gut, behaltet die Küsse für euch! Ich lieb’s nicht, kleine
Kinder zu küssen. Sie sind doch alle Schmutznasen. Nun, und wie geht es
dir hier, Fedossja?“
„Ach hier ist es wunderwunderschön, Mütterchen Antonida Wassiljewna!“
antwortete Fedossja. „Aber wie ist es denn Ihnen ergangen, Mütterchen?
Wir haben uns hier doch schon so um Sie geängstigt!“
„Ich weiß, dir will ich’s glauben, du bist eine einfache Seele. Sind das
hier alles Gäste bei euch oder wer sonst?“ wandte sie sich wieder an
Polina. „Wer ist dieses ekelhafte Kerlchen da mit der Brille?“
„Fürst Nilskij, Babuschka,“ sagte Polina leise.
„Ah, ein Russe? Und ich dachte, er würde es nicht verstehen! Er hat es
vielleicht gar nicht gehört! Mister Astley habe ich schon gesehen. Da
ist er ja wieder!“ rief sie angenehm überrascht aus, als sie ihn
erblickte. „Guten Tag!“ wandte sie sich plötzlich an ihn.
Mister Astley verbeugte sich schweigend.
„Nun, was sagen Sie mir Gutes? Sagen Sie mir irgend etwas! Übersetze es
ihm, Praskowja.“
Polina übersetzte ihm den Wunsch.
„Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich Sie mit großem Vergnügen kennen lerne
und es mich freut, daß Sie sich wohlbefinden,“ erwiderte Mister Astley
mit größter Bereitwilligkeit, ernst und höflich.
Seine Worte wurden übersetzt und gefielen ihr augenscheinlich sehr.
„Wie doch die Engländer stets gut zu antworten wissen,“ bemerkte sie.
„Ich habe die Engländer immer sehr gern gehabt. Kein Vergleich mit den
Franzosen! Besuchen Sie mich,“ wandte sie sich wieder an Mister Astley.
„Ich werde mich bemühen, Sie nicht zu sehr zu belästigen. Übersetze ihm
das und sage ihm, daß ich hier unten wohne, hier unten – hören Sie,
unten, unten,“ wiederholte sie, ihn fest dabei ansehend und mit dem
Finger immer nach unten deutend.
Mister Astley war sehr erfreut über die Einladung.
Doch die Großtante betrachtete bereits Polina aufmerksam und mit
zufriedenem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.
„Ich würde dich lieben, Praskowja,“ sagte sie plötzlich, „bist ein
entzückendes Mädchen, besser als sie alle, aber ein Charakterchen hast
du – ach! Nun was, auch ich habe einen Charakter. Dreh dich mal um: ist
das alles dein eigenes Haar oder hast du da noch sonst was angesteckt?“
„Nein, Babuschka, es ist alles mein eigenes.“
„So, das ist vernünftig, ich liebe die jetzige dumme Mode nicht. Schön
bist du. Ich würde mich in dich verlieben, wenn ich ein Kavalier wäre.
Weshalb heiratest du nicht? Aber es ist Zeit für mich. Ich will auch
einmal hinaus und mir das alles ansehen, ich habe es satt, dieses ewige
Im-Waggon-Sitzen ... Nun, und du, ärgerst du dich noch?“ wandte sie sich
zum General.
„O, ich bitte Sie, Tante, vergessen wir es!“ griff der General erfreut
die Versöhnungsmöglichkeit auf. „Ich begreife ja vollkommen, daß man in
Ihren Jahren ...“
„^Cette vieille est tombée en enfance!^“ flüsterte mir de Grillet zu.
„Ich will mir hier alles ansehen. Wirst du mir Alexei Iwanowitsch
abtreten?“ fuhr die alte Dame, zum General gewandt, fort.
„O, so viel Sie wünschen, aber ich kann ja auch selbst ... und Polina,
Monsieur de Grillet ... uns allen wird es ein Vergnügen sein, Sie zu
begleiten.“
„^Mais, madame, cela sera un plaisir pour nous^ ...“ beteuerte sogleich
de Grillet mit bezaubernder Liebenswürdigkeit.
„Ja, ja, ^plaisir^. Lächerlich bist du, Väterchen. – Geld werde ich dir
übrigens nicht geben,“ sagte sie, sich nochmals zum General wendend.
„So, und jetzt nach unten in meine Zimmer: ich muß sie mir doch ansehen,
und dann machen wir uns auf zu den Sehenswürdigkeiten. Nun, vorwärts!“
Der Fahrstuhl wurde hinausgeschoben, gefolgt von fast allen Anwesenden,
und dann die Treppen hinabgetragen. Der General stand, ging und bewegte
sich, wie von einem betäubenden Schlage getroffen. De Grillet schien zu
überlegen. Mademoiselle Blanche wollte zuerst im Zimmer bleiben, besann
sich dann aber eines Besseren und folgte den anderen. Ihr schloß sich
sogleich auch der Fürst an, und so blieben im Kabinett des Generals nur
der Deutsche und ^madame veuve de Cominges^ zurück.