Auf der Promenade, wie man das hier nennt, d. h. in der Kastanienallee,
begegnete ich meinem Engländer.
„O, o! Ich wollte soeben zu Ihnen, und Sie wohl zu mir?“ waren seine
ersten Worte. „So haben Sie sich von den Ihrigen schon getrennt?“
„Sagen Sie mir erst, woher Sie das alles wissen?“ fragte ich verwundert.
„Ist es denn schon allen bekannt?“
„O nein, längst nicht allen; das wäre auch ganz überflüssig. Niemand
spricht davon.“
„Aber woher wissen Sie es denn?“
„Ich weiß es, das heißt, ich erfuhr es zufällig. Wohin werden Sie jetzt
von hier reisen? Ich habe Sie sehr gern, deshalb kam ich zu Ihnen.“
„Sie sind ein prächtiger Mensch, Mister Astley,“ sagte ich erfreut –
übrigens frappierte es mich nicht wenig, daß er schon etwas davon wußte:
woher, durch wen konnte er es erfahren haben? fragte ich mich
beunruhigt. „Aber wissen Sie, ich habe noch keinen Kaffee getrunken, und
Sie werden wahrscheinlich schlechten getrunken haben – – gehen wir also
ins Kurhaus! Dort können wir uns im Café gemütlich hinsetzen, eine
Zigarette rauchen und dann erzähle ich Ihnen alles und ... Sie werden
mir gleichfalls erzählen ...“
Das Café war keine hundert Schritte entfernt. Wir setzten uns,
bestellten Kaffee, ich zündete mir eine russische Zigarette an – Mister
Astley rauchte nicht. Er saß, sah mich an und war bereit, zu hören.
„Ich reise nirgends hin, ich bleibe hier,“ begann ich.
„Das wußte ich im voraus, ich war sogar überzeugt, daß Sie hierbleiben
würden,“ bemerkte Mister Astley beifällig.
Als ich das Hotel verlassen hatte, um mich zu ihm zu begeben, war es
durchaus nicht meine Absicht gewesen, ihm etwas von meiner Liebe zu
Polina zu sagen; ja ich wollte sogar absichtlich mit keinem Wort ihrer
Erwähnung tun. Hatte ich ihm doch in all diesen Tagen noch mit keiner
Silbe von meiner Liebe etwas gesagt. Er war aber auch ein so
schüchterner und verschämter Mensch, daß man unwillkürlich seine Gefühle
schonen mußte. Schon beim ersten Zusammensein mit ihm in Polinas
Gegenwart hatte ich bemerkt, daß sie einen tiefen Eindruck auf ihn
gemacht haben mußte, doch noch niemals hatte ich ihn von ihr sprechen
gehört. Aber seltsam, – plötzlich, wie er da so vor mir saß und mich,
ohne sich zu rühren, aus seinen tiefblauen Augen mit einem so
bleischweren Blick ansah, da – ich weiß nicht wie es kam – empfand ich
plötzlich das Verlangen, ihm alles von meiner Liebe zu erzählen, mein
ganzes Liebesleid mit all seinen Empfindungen vor ihm zu enthüllen. Und
ich sprach wohl über eine halbe Stunde nur von meiner Liebe, und es war
ein so wundervolles Gefühl, von meiner Liebe sprechen zu können. Tat ich
es doch zum ersten Male so ganz, so rückhaltlos! Als ich aber bemerkte,
daß ihm einzelne Offenheiten, zu denen ich mich von meiner Leidenschaft
hinreißen ließ, peinlich waren, sprach ich aus Trotz noch rückhaltloser.
Nur eines bereue ich: ich habe vielleicht etwas Überflüssiges über den
Franzosen gesagt.
Mister Astley saß, während er mir zuhörte, unbeweglich auf seinem Platz,
sprach kein Wort, keinen Ton, und sah mir nur unverwandt in die Augen.
Als ich aber auf den Franzosen zu sprechen kam, unterbrach er mich
plötzlich mit der Frage, ob ich das Recht zu haben glaube, von dieser
Nebensache zu reden? Und der Ton der Frage verriet, daß ihm meine
Bemerkung mißfallen hatte. Mister Astley hat überhaupt eine sonderbare
Art, Fragen zu stellen.
„Sie haben recht: ich fürchte, daß ich dieses Recht nicht habe,“ gab ich
zu.
„Sie können doch von diesem Marquis und Miß Polina nichts Positives
sagen, außer Vermutungen?“
Ich wunderte mich über diese kategorische Frage von einem so diskreten
und schüchternen Menschen wie Mister Astley.
„Nein, Positives nicht,“ sagte ich, „selbstverständlich nicht.“
„Dann war es häßlich von Ihnen, nicht allein, daß Sie mir etwas davon
sagten, sondern daß Sie überhaupt etwas Derartiges gedacht haben.“
„Gut, gut! Sie haben recht, ich gebe es selbst zu; aber jetzt handelt es
sich nicht darum,“ unterbrach ich ihn, innerlich doch etwas verwundert.
Dann erzählte ich ihm alles, was sich gestern zugetragen, angefangen von
Polinas Herausforderung – ferner meine Begegnung mit dem Freiherrn,
meine Entlassung und wie sehr sich der General aufgeregt hatte – und
schilderte darauf ausführlich den heutigen Besuch des Franzosen. Zum
Schluß zeigte ich ihm noch Polinas Brief.
„So, und nun sagen Sie mir, bitte, wie Sie die Sache auffassen,“ schloß
ich. „Gerade deshalb wollte ich Sie aufsuchen, um Ihre Ansicht zu hören,
und vor allem, was Sie daraus für Folgerungen ziehen. Was jedoch mich
betrifft, so könnte ich dieses französische Subjekt ohne weiteres
totschlagen, und vielleicht tue ich es noch.“
„Das könnte ich gleichfalls,“ sagte Mister Astley. „Was sich aber hier
von Miß Polina sagen läßt, ist nur ... Sie wissen doch, daß wir Menschen
uns unter Umständen, wenn die Notwendigkeit es verlangt, sogar mit uns
verhaßten Leuten abgeben. Es kann sich hier um Ihnen ganz unbekannte
Beziehungen handeln, die vielleicht nur von den Verhältnissen anderer
abhängen. Ich glaube, daß Sie sich beruhigen können, zum Teil
wenigstens. Was aber Miß Polinas gestrige Handlungsweise betrifft, so
ist sie natürlich seltsam – nicht, weil sie Sie, um Sie loszuwerden, den
Stockschlägen des Barons aussetzte – ich begreife nicht, warum er von
seinem Stock nicht Gebrauch gemacht hat, da ihn doch im Augenblick
niemand daran hätte verhindern können – sondern weil ein solcher Ausfall
nicht ... nicht zu seiner so vortrefflichen Miß paßt, kurz, weil er
nicht ladylike ist. Allerdings konnte sie nicht ahnen, daß Sie ihr
scherzhaftes Verlangen buchstäblich ausführen würden ...“
„Wissen Sie was!“ rief ich plötzlich aus, ihn scharf beobachtend. „Es
scheint mir, daß Sie alles bereits gehört haben, und wissen Sie von wem?
– von Miß Polina!“
Mister Astley sah mich erstaunt an.
„Ihre Augen blitzen und ich lese in ihnen einen Verdacht,“ sagte er,
seine frühere Ruhe sogleich wiedergewinnend, „Sie haben aber nicht das
geringste Recht, Ihren Verdacht zu äußern. Wenigstens kann ich Ihnen ein
solches Recht nicht zugestehen und deshalb lehne ich es ab, auf Ihre
Frage zu antworten.“
„Nun, gut! Ist auch nicht nötig!“ rief ich seltsam aufgeregt, und ich
begriff selbst nicht, wie ich auf diesen Einfall gekommen war! Und wann,
wo, wie hätte auch Polina Mister Astley zu ihrem Vertrauten machen
können? Übrigens – daran habe ich noch gar nicht gedacht: ich habe ja in
letzter Zeit Mister Astley durchaus nicht immer im Auge behalten, Polina
aber ist mir doch von Anfang an ein Rätsel gewesen – sogar ein so
unlösbares, daß ich mir z. B. während der Erzählung meiner
Liebesgeschichte ganz plötzlich dessen bewußt wurde, daß ich fast nichts
Feststehendes und Genaues von meinem Verhältnis zu ihr, und umgekehrt,
sagen konnte. Im Gegenteil, alles erschien mir so phantastisch, so
seltsam, so unbegründet und sogar direkt abscheulich.
„Nun, gut, gut; ich bin etwas aus dem Konzept geraten und kann jetzt
nicht erst noch weise überlegen,“ sagte ich mit einer Empfindung, als
hetzte man mich. „Ich sehe aber, Sie sind ein guter Mensch. Jetzt von
etwas anderem ... Ich möchte Sie nicht um einen Rat, sondern nur um Ihre
Meinungsäußerung bitten.“
Ich schwieg – und dann begann ich von neuem.
„Was meinen Sie, weshalb wurde der General gestern so ängstlich, als er
meine Drohung hörte? Weshalb wird aus meinem dümmsten Jungenstreich eine
solche Staatsaktion gemacht? – eine solche, daß sogar Monsieur de
Grillet es für nötig befunden hat, sich in die Angelegenheit
hineinzumischen – was er doch nur im äußersten Fall zu tun pflegt. Ja,
er hat mich sogar in meinem Zimmer aufgesucht – er! – und er hat mich
sogar gebeten und angefleht – er, de Grillet, mich! Und noch eines ist
bemerkenswert: er kam um neun zu mir, oder etwas nach neun, und schon
hatte er einen Brief von Miß Polina in der Tasche. Wann, fragt es sich,
hat sie diesen denn geschrieben? Vielleicht hat man sie deshalb sogar
aus dem Schlaf geweckt! Und ganz abgesehen davon, wie deutlich dieser
Brief mir beweist, daß Miß Polina einfach seine Sklavin ist – da sie
doch auf seinen Wunsch sogar mich um Verzeihung bittet! – ganz abgesehen
davon, sage ich, muß ich mich doch fragen, was denn diese ganze
Geschichte sie persönlich angeht? Weshalb interessiert sie sich
überhaupt dafür? Was fürchten sie sich denn alle plötzlich so vor einem
Baron? Und was ist denn schließlich dabei, daß der General Mademoiselle
Blanche de Cominges heiratet? Er sagt, daß er sich gerade jetzt ‚ganz
besonders korrekt‘ benehmen müsse, – aber, weiß Gott, das heißt denn
doch schon, die Korrektheit übertreiben wollen! Was meinen Sie, sagen
Sie es mir, bitte! An Ihren Augen sehe ich, daß Sie besser unterrichtet
sind als ich!“
Mister Astley lächelte und nickte mir zu.
„In der Tat, es scheint mir auch so, daß ich in diesem Falle mehr weiß
als Sie,“ sagte er freundlich. „Es handelt sich hier wohl nur um
Mademoiselle Blanche – sie ist der ganze Haken, wie man zu sagen pflegt.
Davon bin ich überzeugt.“
„Nun und was ist’s mit ihr?“ fragte ich gespannt – und plötzlich
erwachte in mir die Hoffnung, gleichzeitig etwas Neues über Polina zu
erfahren.
„Ich glaube, daß es Mademoiselle Blanche im Augenblick sehr darum zu tun
ist, einer Begegnung mit dem Baron und der Baronin aus dem Wege zu
gehen, und um so mehr, versteht sich, einer unangenehmen Begegnung oder
gar – einem offenen Skandal.“
„Nun, nun?!“ drängte ich ungeduldig.
„Mademoiselle Blanche ist nicht zum erstenmal hier. Sie hat sich bereits
früher einmal in Roulettenburg aufgehalten. Und das war vor zwei Jahren,
zur Saison. Ich hielt mich zu der Zeit gleichfalls hier auf. Nur hieß
sie damals nicht Mademoiselle de Cominges, und ebensowenig wußte man
hier etwas von einer ^madame veuve de Cominges^. Wenigstens ist hier nie
von einer solchen oder überhaupt von einer Mutter der betreffenden Dame
die Rede gewesen. De Grillet ... de Grillet ... ja, den gab es damals
auch noch nicht. Und ich sehe mich sogar sehr versucht, anzunehmen, daß
Mademoiselle Blanche mit ihm keineswegs verwandt, und vielleicht nicht
einmal seit allzu langer Zeit bekannt ist. Zum Marquis ist der Monsieur
de Grillet wohl gleichfalls erst vor kurzer Zeit avanciert. Davon bin
ich sogar überzeugt, und zwar auf Grund gewisser Tatsachen. Ja und
ebenso wahrscheinlich ist, daß er sich auch diesen Familiennamen erst
neuerdings beigelegt hat. Ich habe hier mit einem Menschen gesprochen,
dem er unter einem anderen Namen vorgestellt worden ist.“
„Aber er hat doch einen wirklich soliden Bekanntenkreis!“
„O, das ist sehr leicht möglich. Warum sollte er ihn nicht haben? Selbst
Mademoiselle Blanche kann sich durch einen solchen auszeichnen. Nur ist
es nichtsdestoweniger Tatsache, daß Mademoiselle Blanche vor zwei Jahren
auf eine Anzeige dieser selben deutschen Baronin von der hiesigen
Polizei aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen, und daß sie der
Aufforderung nachkam.“
„Wie das?“
„Sie war damals mit einem Italiener hier aufgetaucht – einem Fürsten mit
historischem Namen, Barberini oder so ungefähr. Der Mensch trug
unzählige Ringe und seine Brillanten waren sogar wirklich echt. Sie
hatten eine prachtvolle Equipage. Mademoiselle Blanche spielte ^trente
et quarante^ mit sehr gutem Erfolg, doch dann verließ sie das Glück und
sie verlor immer mehr. An einem Abend, entsinne ich mich, verlor sie
eine Riesensumme. Doch was noch weit schlimmer war: ^un beau matin^ war
ihr Fürst spurlos verschwunden, auch die Pferde und die Equipage – alles
war fort. Die Schuld im Hotel hatte eine ungeheure Höhe erreicht.
Mademoiselle Selma – denn anstatt Barberini hieß sie nun plötzlich
Mademoiselle Selma – blieb in der größten Verzweiflung zurück: sie
schrie und weinte, daß man es im ganzen Hotel hören konnte, und zerriß
sogar ihre Kleider. Zum Glück war in demselben Hotel ein polnischer Graf
abgestiegen – alle reisenden Polen sind Grafen – und die kratzende,
verzweifelte, ihre schönen Hände ringende Mademoiselle Selma machte auf
ihn einen gewissen Eindruck. Sie hatten eine Unterredung und gegen
Mittag beruhigte sie sich. Am Abend erschien er mit ihr im Kursaal, sie
lachte wie gewöhnlich sehr laut, in ihrem Benehmen aber machte sich eine
nur noch größere Ungebundenheit bemerkbar. Sie trat sogleich in die
Reihe jener Damen, die, wenn sie hier an den Spieltisch treten wollen,
mit der Schulter ganz ungeniert einen Spieler fortstoßen, um sich Platz
zu schaffen. Das gilt ja hier für besonders schick – bei diesen Damen.
Sie haben sie natürlich schon bemerkt?“
„O, ja.“
„Eigentlich nicht der Mühe wert. Zum Ärger des anständigen Publikums
sind sie hier ununterbrochen vertreten, wenigstens jene, die täglich am
Spieltisch Tausendfranks-Banknoten wechseln. Übrigens werden sie, sobald
sie aufhören, Banknoten zu wechseln, sogleich gebeten, sich zu
entfernen. Mademoiselle Selma fuhr aber weiter fort, Banknoten zu
wechseln, doch hatte sie noch weniger Glück als zuvor. Im allgemeinen
spielen solche Damen mit gutem Glück, sehr oft sogar; sie haben eine
bewundernswerte Selbstbeherrschung. Übrigens ist meine Geschichte schon
zu Ende. Eines Tages verschwand auch der Graf, ebenso wie der
italienische Fürst verschwunden war. Mademoiselle Selma erschien am
Abend allein im Spielsaal; diesmal hatte sich ihr niemand als Ersatz
angeboten. In zwei Tagen verspielte sie ihr letztes Geld. Nachdem sie
den letzten Louisdor gesetzt und verloren hatte, sah sie sich suchend um
und erblickte neben sich den Freiherr von Wurmerhelm, der sie eine
Zeitlang sehr aufmerksam und mit sichtlich größtem Unwillen betrachtet
hatte. Doch leider gewahrte sie den Unwillen nicht und wandte sich mit
ihrem bekannten Lächeln an den Freiherrn, um ihn zu bitten, zehn
Louisdor für sie auf Rot zu setzen. Und die Folge davon war, daß sie
noch am Abend desselben Tages auf Grund der Anzeige der Frau Baronin die
Aufforderung erhielt, sich nicht mehr im Spielsaal sehen zu lassen. –
Wundern Sie sich nicht darüber, daß mir alle diese kleinen und
unanständigen Details bekannt sind. Mir hat sie ein entfernter
Verwandter von mir erzählt, der noch an demselben Abend mit Mademoiselle
Selma nach Spa reiste. Verstehen Sie jetzt: Mademoiselle Selma will
Generalin werden, wahrscheinlich um in Zukunft nicht mehr Gefahr zu
laufen, solche Aufforderungen von der Polizei des Kursaales zu erhalten,
wie vor zwei Jahren. Sie spielt nicht mehr, doch unterläßt sie das nur
deshalb, weil sie jetzt offenbar Kapital besitzt, von dem sie den
hiesigen Spielern verschiedene Summen leiht, auf Prozente, versteht
sich. Das ist bedeutend vorteilhafter. Ja, ich vermute sogar, daß auch
der General ihr Geld schuldet und vielleicht sogar de Grillet.
Vielleicht aber ist de Grillet ihr Kompagnon. Nun, jetzt werden Sie doch
einsehen, daß sie bis zur Hochzeit wenigstens nicht unnützerweise die
Aufmerksamkeit des Barons und der Baronin auf sich zu lenken wünscht.
Kurz, in ihrer gegenwärtigen Lage käme ihr ein Skandal höchst ungelegen.
Sie aber sind mit der Familie des Generals mehr oder weniger verknüpft,
weshalb man auf dieselbe sicherlich zu sprechen käme, wenn Ihre Streiche
Aufsehen erregen oder gar einen Skandal verursachen sollten. Nun, und
Mademoiselle Blanche erscheint täglich am Arme des Generals in der
Öffentlichkeit und in Miß Polinas Gesellschaft. Begreifen Sie jetzt?“
„Nein, ich begreife trotzdem nichts!“ rief ich erregt aus und schlug mit
der Faust so heftig auf den Tisch, daß der Garçon ganz erschrocken
herzustürzte. „Sagen Sie mir, Mister Astley,“ fuhr ich in heller Wut
fort, „wenn Sie diese ganze Geschichte schon früher gewußt haben und so
genau wissen, was für ein Geschöpf diese Mademoiselle Blanche de
Cominges ist, warum haben Sie dann nicht wenigstens mich darüber
aufgeklärt oder den General selbst, und schließlich – nein, in erster
Linie, ja, in erster Linie Miß Polina, die jetzt ahnungslos im Kursaal,
auf der Promenade, im Park, überall mit dieser Blanche promeniert? Das
ist doch unverantwortlich von Ihnen.“
„Ich habe Ihnen nichts mitgeteilt, weil Sie an der Sache doch nichts
hätten ändern können,“ antwortete Mister Astley ruhig. „Und übrigens,
was hätte ich denn mitteilen sollen? Der General ist doch über die
Vergangenheit der Person vielleicht noch besser unterrichtet, als ich,
und trotzdem spaziert er mit ihr und seiner Stieftochter. Der General
ist ein bedauernswerter Mensch. Ich sah gestern, wie sie ausritten:
Mademoiselle Blanche auf einem prachtvollen Pferde, ihr zur Seite
Monsieur de Grillet und jener kleine russische Fürst, und hinter ihnen
auf einem Schweißfuchs trabte der General. Am Morgen hatte er noch
gesagt, daß seine Füße schmerzten, doch im Sattel hielt er sich
tadellos. Als ich ihn aber so sah, kam es mir plötzlich in den Sinn, daß
er doch schon ein verlorener Mann ist. Aber das geht mich ja im Grunde
alles nichts an, ich habe nur vor kurzem die Ehre gehabt, Miß Polina
kennen zu lernen ... Übrigens,“ unterbrach er sich plötzlich, „ich
wiederhole nur, was ich Ihnen bereits gesagt habe, daß ich Ihnen kein
Recht zu gewissen Fragen zugestehen kann, obschon ich Sie sehr gern habe
...“
„Genug,“ unterbrach ich ihn, indem ich mich erhob, „jetzt ist es mir
vollkommen klar, daß auch Miß Polina über Mademoiselle Blanche
unterrichtet ist, daß sie sich aber von ihrem Franzosen nicht trennen
kann und deshalb trotz allem mit Mademoiselle Blanche promeniert.
Glauben Sie mir, sonst gäbe es in der ganzen Welt keine Macht, die sie
zwingen könnte, sich mit Mademoiselle Blanche öffentlich zu zeigen und
mich brieflich zu bitten, den Baron in Ruh zu lassen. Hier kann nur
dieser eine Einfluß in Frage kommen, dieses eine, vor dem alles andere
zurücktritt! Und doch hat sie mich selbst auf den Baron gehetzt! Zum
Teufel, da soll einer draus klug werden!“
„Sie vergessen, erstens, daß diese Mademoiselle de Cominges die Braut
des Generals ist, und zweitens, daß Miß Polina, die Stieftochter des
Generals, einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester hat, die die
leiblichen Kinder ihres Stiefvaters sind, und die dieser Wahnsinnige
schon so gut wie ganz vergessen und deren Besitz er, wie mir scheint,
auch schon angegriffen hat.“
„Ja – ja richtig! Das ist es! Sie haben recht! – Die Kinder verlassen,
hieße, sie allein preisgeben, während bei ihnen bleiben heißt: sie
beschützen, ihre Interessen verteidigen und vielleicht noch einen Rest
ihres Vermögens retten! Ja! – ja, das ist es! ... Aber ... aber dennoch!
... O, jetzt begreife ich, weshalb sie sich alle so lebhaft für das
Befinden der alten Großtante interessieren!“
„Für wessen Befinden?“ forschte Mister Astley.
„Nun, für jene alte Hexe dort in Moskau, die immer noch nicht sterben
will.“
„Ach so! Nun ja, selbstverständlich konzentrieren sich alle Interessen
auf die in Aussicht stehende Erbschaft. Sobald sich die Erwartung
erfüllt, wird der General sich trauen lassen. Miß Polina wird dann
gleichfalls befreit sein und de Grillet ...“
„Und de Grillet? ...“
„Und de Grillet wird das Geld zurückerhalten, das er geliehen hat.
Darauf wartet er doch nur.“
„Nur? Glauben Sie, daß er wirklich nur darauf wartet?“
„Ich wüßte nicht, worauf er sonst noch warten könnte,“ sagte Mister
Astley kühl abweisend.
„Aber ich weiß es, ich!“ sagte ich mit verhaltenem Haß und die Wut
kochte in mir. „Er wartet gleichfalls auf die Erbschaft, denn Polina
wird eine Mitgift erhalten und sobald sie das Geld in Händen hat – wird
sie sich ihm sogleich an den Hals werfen. Alle Weiber sind so! Und die
stolzesten von ihnen – erweisen sich als die abgeschmacktesten
Sklavinnen! Polina ist nur dazu fähig, leidenschaftlich zu lieben, und
zu nichts weiter! Das ist meine Meinung von ihr, oder meine Überzeugung,
wenn Sie wollen. Betrachten Sie sie doch einmal etwas aufmerksamer,
namentlich wenn sie allein ist, in Gedanken versunken: es ist doch –
etwas Prädestiniertes, Verfluchtes an ihr! Sie ist fähig, alle Schrecken
des Lebens und der Leidenschaft ... sie ... Wer ruft mich?“ unterbrach
ich mich erschrocken und verwundert. „Wer rief mich? – Hörten Sie nicht?
Ich hörte ganz deutlich meinen Namen rufen, auf russisch ... eine
Frauenstimme ... Hören Sie! Hören Sie?“
Wir näherten uns in diesem Augenblick schon dem Hotel – das Café hatten
wir schon vor einiger Zeit verlassen, nachdem der Kellner an unseren
Tisch geeilt War.
„Ja, ich hörte eine Damenstimme rufen, aber ich weiß nicht, was. Es
klang wie russisch ... Ah, jetzt sehe ich, dort jene Dame scheint es zu
sein! Die dort im großen Korbstuhl auf der Freitreppe, die soeben von
den vielen Dienern hinausgetragen wurde! Hinter ihr werden Koffer
abgeladen ... der Zug muß soeben angekommen sein.“
„Aber weshalb ruft sie mich? Was will sie von mir? Da schreit sie schon
wieder! Sehen Sie doch, wahrhaftig, sie winkt uns zu sich.“
„Das sehe ich, daß sie winkt ... was mag sie wollen?“ fragte Mister
Astley.
„Alexei Iwanowitsch! Alexei Iwanowitsch! Ach Gott, was das doch für ein
Tölpel ist!“ tönte es ganz verzweifelt von der Hoteltreppe.
Wir eilten fast im Laufschritt auf sie zu, ich nahm die paar Stufen und
– meine Kniee wurden schwach vor Schreck und die Fußsohlen waren wie
festgelötet am Stein.