Am Morgen rief ich den Kellner und sagte ihm, daß ich meine Rechnung von
nun an besonders ausgeschrieben wünsche. Mein Zimmer ist nicht so teuer,
daß ich ob der Zukunft sehr besorgt zu sein brauchte oder sogleich das
Hotel hätte verlassen müssen. Ich besaß am Morgen noch sechzehn
Friedrichsdor und in den nächsten Tagen ... kann ich ein Vermögen
besitzen! Seltsam, ich habe noch nichts gewonnen, handle aber, fühle und
denke bereits wie ein Krösus und könnte es gar nicht anders.
Ich hatte gerade beschlossen, mich trotz der frühen Stunde ins Hotel
d’Angleterre zu Mister Astley zu begeben, als plötzlich der Franzose in
mein Zimmer trat. Es war dies das erste Mal, daß er zu mir kam, und es
wunderte mich um so mehr, als mein Verhältnis zu diesem Herrn in der
letzten Zeit ein äußerst gespanntes gewesen war. Er suchte seine
Geringschätzung für mich nicht im geringsten zu verbergen, ja er bemühte
sich sogar, sie möglichst deutlich hervorzukehren, ich aber hatte
besondere Gründe, ihm nicht wohlgewogen zu sein. Oder seien wir
aufrichtig: er war mir sogar direkt verhaßt. Jedenfalls sagte ich mir
sofort, daß dieser erstaunliche Besuch etwas Besonderes zu bedeuten
habe.
Er trat liebenswürdig ein, sah sich flüchtig ringsum und sagte mir etwas
Angenehmes über mein Zimmer. Als er bemerkte, daß ich meinen Hut in der
Hand hielt, erkundigte er sich, ob ich denn schon so früh einen
Spaziergang zu machen gedenke. Doch als er hörte, daß ich in einer
gewissen Angelegenheit Mister Astley aufsuchen wollte, wurde er
nachdenklich und überlegte, wie es schien, denn sein Gesicht nahm einen
überaus besorgten Ausdruck an.
De Grillet ist wie alle Franzosen aufgeräumt und liebenswürdig, wenn ihm
das nötig und vorteilhaft erscheint, und unerträglich langweilig, wenn
die Notwendigkeit, heiter und liebenswürdig zu sein, nicht mehr
vorhanden ist. Ein Franzose ist selten natürlich liebenswürdig; er ist
es immer gewissermaßen auf Befehl, auf eigenen Befehl, das heißt aus
Berechnung. Hält er es zum Beispiel für notwendig, phantastisch, oder
sonstwie nicht ganz alltäglich zu sein, so zeigt sich seine Phantasie in
der Regel unglaublich dumm und unnatürlich und bedient sich
ausschließlich bereits benutzter, einmal angenommener und durch ihre
Abgedroschenheit längst schon gemein gewordener Formen. Ein natürlicher
Franzose besteht aus spießbürgerlichstem, kleinlichstem, alltäglichstem
und positivstem Materialismus, – ist mit einem Wort das langweiligste
Geschöpf der Welt. Meiner Meinung nach können überhaupt nur naive
Neulinge und namentlich unsere russischen jungen Damen an Franzosen
Gefallen finden, wie dies ja auch tatsächlich der Fall ist. Jeder etwas
denkfähigere Mensch dagegen durchschaut doch sofort dieses – ich möchte
sagen Beamtentum der Franzosen innerhalb der einmal angenommenen Formen
ihrer Salonliebenswürdigkeit, und ebenso in ihrer Unterhaltung und
maßvollen Heiterkeit.
„Ich komme zu Ihnen in der bewußten Angelegenheit,“ begann er möglichst
ungezwungen, obschon übrigens noch höflich, „und zwar, was ich durchaus
nicht verbergen will, als Abgesandter des Generals, oder richtiger, als
Vermittler. Ich habe gestern fast nichts von Ihrem Gespräch mit dem
General verstanden, da ich die russische Sprache nur sehr schlecht
beherrsche, doch der General hat mir heute alles ausführlich erklärt,
und ich gestehe ...“
„Erlauben Sie, Monsieur de Grillet,“ unterbrach ich ihn, „Sie sagen, daß
Sie den Vermittler spielen wollen. Nun gut. Ich bin natürlich ‚^un
outchitel^‘ und habe in dieser Stellung nie auf die Ehre Anspruch
erhoben, ein nahestehender Freund dieser Familie zu sein oder sonstwie
in einem intimen Verhältnis zu ihr zu stehen, und deshalb sind mir auch
selbstverständlich nicht ihre augenblicklichen Verhältnisse so genau
bekannt. Gestatten Sie deshalb die Frage: zählen Sie sich jetzt bereits
ganz zur Familie, – oder? Ich frage nur, weil Sie an allem so lebhaften
Anteil nehmen und sofort den Vermittler zu spielen suchen ...“
Meine Frage schien ihm sehr zu mißfallen. Sie war für ihn gar zu
durchsichtig und er – er wollte eben nichts verraten.
„Mich verbinden mit dem General zum Teil geschäftliche Interessen, zum
Teil noch gewisse andere Umstände,“ sagte er trocken. „Der General hat
mich zu Ihnen geschickt, um Sie zu bitten, Ihr gestriges Vorhaben
aufzugeben. Alles, was Sie da gestern vorbrachten, war natürlich sehr
geistreich und scharfsinnig; aber er hat mich gerade gebeten, Sie auf
die unbedingte Erfolglosigkeit Ihres geplanten Schrittes aufmerksam zu
machen. Ja – der Baron wird Sie gewiß nicht einmal empfangen, und
überdies stehen ihm doch alle Mittel zur Verfügung, um Sie unschädlich
zu machen, das heißt, nicht weiteren Unannehmlichkeiten durch Sie
ausgesetzt zu sein. Das können Sie doch nicht leugnen. Wozu also
versuchen, mit dem Kopf die Wand einzurennen? Und der General verspricht
Ihnen doch noch, Sie wieder in sein Haus aufzunehmen, sobald es für ihn
nur möglich sein wird; bis dahin aber werden Sie ^vos appointements^
ungeschmälert weiterbeziehen. Ich dächte, das ist doch ganz vorteilhaft,
^n’est-ce pas^?“
Ich erwiderte darauf sehr ruhig, daß er sich in einem kleinen Irrtum
befinde; daß der Baron mich vielleicht doch nicht so ohne weiteres
abweisen lassen, sondern womöglich sogar bis zu Ende anhören werde,
worauf ich ihn bat, doch ruhig einzugestehen, daß er deshalb bei mir
erschienen sei, um zu erforschen, wie ich in dieser Sache vorzugehen
gedenke.
„O Gott, da der General doch mehr oder weniger in die Geschichte
verwickelt ist, wäre es ihm selbstverständlich nicht unangenehm, wenn er
erführe, auf was er sich gefaßt zu machen hat. Das ist doch nur
natürlich.“
Ich begann also zu erklären und er hörte mir zu, – den Kopf ein wenig
auf die Seite geneigt und mit einer bewußt unverhohlenen Andeutung
von Ironie im Gesichtsausdruck. Überhaupt spielte er den
Sich-Herablassenden, während ich mich nach Kräften bemühte, ihn glauben
zu machen, daß ich die Sache todernst auffasse. Ich erklärte ihm, daß
der Baron, indem er sich mit einer Klage über mich an den General
gewandt, als wäre ich ein Dienstbote desselben, mich damit erstens um
meine Stellung gebracht und zweitens mich so behandelt habe, als wäre
ich nicht imstande, für mich selbst einzustehen, oder als wäre ich ein
minderwertiges Subjekt, mit dem sich ein Gentleman nicht persönlich
abgeben kann. – „Wie Sie sehen, habe ich Grund, mich beleidigt zu
fühlen.“ Nichtsdestoweniger wolle ich die möglichen Einwendungen, wie
zum Beispiel den Altersunterschied, die Verschiedenheit unserer sozialen
Stellung, usw. usw. – ich konnte kaum noch das Lachen verbeißen, als ich
das sagte – gern gelten lassen und deshalb würde ich von einem Duell
absehen, d. h. davon, offiziell volle Genugtuung von ihm zu verlangen.
Doch wie dem auch sei, jedenfalls aber habe ich das volle Recht, sowohl
bei ihm als namentlich bei der Baronin meine Entschuldigungsgründe
geltend zu machen, da ich mich in letzter Zeit tatsächlich krank,
nervös, reizbar und wie gesagt, zu allem Exzentrischen aufgelegt fühle,
usw. usw. Leider aber könne das jetzt nicht mehr von mir aus geschehen,
da man infolge des Vorgehens des Barons und seiner Bitte an den General,
mich zu verabschieden, ganz sicherlich annehmen würde, ich käme nur
deshalb mit meinen Entschuldigungen, um wieder vom General gnädigst
aufgenommen zu werden. Aus all dem folge, daß ich jetzt gezwungen sei,
den Baron zu ersuchen, sich zuerst bei mir zu entschuldigen – zum
Beispiel mir zu sagen, daß er mich durchaus nicht habe beleidigen
wollen. Damit würde er mir dann erst die Möglichkeit schaffen, mich
frei, aufrichtig und offen bei ihm zu entschuldigen. Mit einem Wort,
schloß ich meine Auseinandersetzung, ich werde den Baron nur bitten, mir
die Hände loszubinden.
„^Fi donc^, was für eine Empfindlichkeit das ist! Und was für Finessen!
Wozu brauchen Sie sich zu entschuldigen? So sagen Sie doch einfach
Monsieur ... Monsieur ... daß Sie alles das absichtlich aufbauschen
wollen, um den General zu ärgern ... Vielleicht aber haben Sie dabei
noch andere Dinge im Auge ... ^mon cher monsieur ... pardon, j’ai oublié
votre nom, monsieur Alexis? ... n’est ce pas?^“
„Aber erlauben Sie, ^mon cher marquis^, was geht denn das Sie an?“
„^Mais le général^ ...“
„Aber was hat denn das mit dem General zu tun? Er sprach zwar gestern so
etwas von – sich besonders korrekt benehmen müssen und namentlich jetzt
... und er schien sich auch nicht wenig aufzuregen ... nur begreife ich
nicht, was ihn dazu veranlaßt haben könnte.“
„Ja, sehen Sie, es gibt da nämlich gewisse Umstände ...“ fuhr de Grillet
in einem eigenartigen Tonfall fort – es war, als wolle er mich um etwas
bitten oder sich und mich zur Bitte vorbereiten, und gleichzeitig war
es, als ärgere er sich – doch ob über sich selbst oder mich war nicht
herauszuhören. „Sie kennen doch Mademoiselle de Cominges?“
„Sie meinen Mademoiselle Blanche?“
„Nun ja, Mademoiselle Blanche de Cominges ... ^et madame sa mère^ ...
und Sie werden doch zugeben, daß der General ... mit einem Wort, daß der
General verliebt ist und sogar ... es ist möglich, daß vielleicht sogar
hier die Hochzeit stattfinden wird. Und nun, wie denken Sie sich das,
wenn sich jetzt plötzlich ein Skandal an den anderen reiht ...“
„Leider vermag ich keine Anzeichen eines zu erwartenden Skandals zu
entdecken, und noch gar eines solchen, der mit seiner Heirat etwas zu
tun hätte.“
„^Oh, le baron est si irascible, un caractère prussien, vous savez,
enfin ... il fera une querelle d’Allemand!^“
„Aber das geht doch nur mich etwas an, nicht Sie und auch nicht den
General, da ich doch nicht mehr zu seinem Hause gehöre ...“ Ich stellte
mich mit Absicht schwer von Begriff. „Aber erlauben Sie – dann ist es
schon entschieden, daß Mademoiselle Blanche den General heiraten wird?
Worauf wartet man denn noch? Ich meine, weshalb wird es denn noch so
geheim gehalten, sogar vor uns, die wir doch sozusagen zum Hause
gehören?“
„Ich kann Ihnen nicht ... übrigens ist es doch noch nicht so ganz ...
einstweilen ... Sie wissen doch, daß aus Rußland jeden Augenblick
Nachrichten eintreffen können, und der General muß noch seine
Verhältnisse ordnen ...“
„^A, ah! La baboulenka!^“
Ein haßerfüllter Blick des Franzosen streifte mich flüchtig.
„^Eh bien^,“ unterbrach er mich, „ich verlasse mich ganz auf Ihre
angeborene Liebenswürdigkeit, auf ihren Verstand und Takt ... Sie werden
es natürlich für diese Familie tun, in der Sie wie ein Angehöriger
aufgenommen worden sind, die Sie geliebt hat und geachtet ...“
„Lassen Sie das: ich bin weggejagt worden! Sie behaupten da, es handle
sich nur um den Schein, aber wie würden Sie sich dazu verhalten, wenn
man zu Ihnen sagte: ‚Ich will Dich selbstverständlich nicht an den Ohren
ziehen, aber erlaube mir, daß ich Dich an den Ohren ziehe, damit die
anderen es sehen ...‘ Das kommt doch auf eins heraus!“
„Wenn es so ist, wenn keine Bitte Sie umzustimmen vermag,“ begann er
streng und hochmütig, „so gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu
machen, daß wir Maßregeln ergreifen werden. Es gibt auch hier eine
Obrigkeit, man wird sie noch heute expedieren – ^que diable^! ^Un
blanc-bec comme vous^ will eine Persönlichkeit wie den Baron zum Duell
herausfordern! Und Sie glauben, daß man Ihnen das so ruhig erlauben
wird? Ich versichere Sie, daß sich hier niemand vor Ihnen fürchtet! Wenn
ich Sie gebeten habe, so habe ich es mehr von mir aus getan, weil ich
den General beunruhigt sah. Und glauben Sie denn wirklich, der Baron
werde Sie nicht einfach durch seinen Diener hinauswerfen lassen?“
„Ich werde ja doch nicht selbst zu ihm gehen,“ versetzte ich mit
äußerster Ruhe. „Sie irren sich, Monsieur de Grillet, es wird alles weit
anständiger vor sich gehen als Sie annehmen. Ich war vor Ihrem
Erscheinen gerade im Begriff, mich zu Mister Astley zu begeben, um ihn
zu bitten, mein Vermittler und, falls nötig, mein Sekundant zu sein. Ich
weiß, daß er mich gern hat und meine Bitte erfüllen wird. Er wird zum
Baron gehen und zweifellos empfangen werden. Wenn ich als Hauslehrer dem
deutschen Freiherrn zu subaltern erscheinen sollte, so ist Mister Astley
der Neffe eines Lords – eines wirklichen Lords, nicht zu vergessen – wie
hier ein jeder weiß ... dieser Lord Peabroke hält sich sogar gegenwärtig
hier auf. Sie können mir also aufs Wort glauben, wenn ich Ihnen
versichere, daß ^monsieur le baron^ sich dem Engländer von einer
höflicheren Seite zeigen und ihn anhören wird. Sollte er das jedoch
nicht tun wollen, so wird Mister Astley diese Weigerung als persönliche
Beleidigung auffassen – Sie wissen doch, wie hartnäckig Engländer sind –
und von sich aus einen Sekundanten zum Freiherrn senden, und wie Sie
wissen, sind seine Freunde nicht zu verachtende Leute ... Wie Sie sehen,
kann es unter Umständen auch anders auskommen als Sie voraussetzen.“
Dem Franzosen wurde bange. Es klang freilich so ziemlich glaubhaft, was
ich sagte, und jedenfalls sah er ein, daß ich „unter Umständen“
tatsächlich die Möglichkeit hatte, einen „Skandal“ heraufzubeschwören.
„Aber ich bitte Sie doch aufrichtig, von diesem tollen Vorhaben
abzulassen!“ suchte er mich förmlich zu beschwören. „Es ist wirklich,
als bereite es Ihnen ein Vergnügen, diese Unannehmlichkeiten zu
verursachen! Sie wollen nicht Genugtuung, sondern Aufsehen! Wie ich
Ihnen sagte, will ich Ihnen gern glauben, daß alles sehr interessant und
geistreich sein wird – worauf Sie es vielleicht einzig abgesehen haben –
doch ... mit einem Wort,“ beeilte er sich, zu schließen, da ich nach
meinem Hut griff, „ich ... ich habe Ihnen noch diesen Brief hier von
einer Dame zu übergeben. Lesen Sie ihn, ich muß Ihre Antwort
übermitteln.“
Damit reichte er mir ein kleines, schmales Briefchen, das mit einer
Oblate geschlossen war.
Es war Polinas Handschrift.
Sie schrieb:
„Sie beabsichtigen, wie es scheint, diese Geschichte nicht ruhen zu
lassen. Sie haben sich geärgert und wollen sich durch neue Streiche
rächen. Es gibt aber hier besondere Umstände, die ich Ihnen später
vielleicht erklären werde; vorläufig bitte ich Sie, aufzuhören und
sich zu beruhigen. Was sind das doch für Dummheiten! Ich habe Sie
nötig und Sie haben mir versprochen, mir zu gehorchen. Denken Sie an
den Schlangenberg. Ich bitte Sie, gehorchen Sie mir, oder falls
nötig, befehle ich es Ihnen.
Ihre P.
P. S. Wenn Sie mir wegen gestern böse sind, so verzeihen Sie,
bitte.“
Es war mir, als drehe sich alles vor meinen Augen, als ich diese Zeilen
gelesen hatte. Sogar meine Lippen wurden bleich und ich begann zu
zittern. Der verwünschte Franzose trug eine Miene zur Schau, die
diskrete Bescheidenheit vortäuschen sollte, und sah absichtlich zur
Seite, als wolle er meine Verwirrung nicht sehen. Hätte er doch laut
über mich gelacht! – wahrlich, das wäre mir angenehmer gewesen.
„Gut,“ sagte ich, „teilen Sie Mademoiselle Polina mit, daß sie sich
beruhigen könne. Erlauben Sie jedoch die Frage,“ fuhr ich fort, und zwar
in sehr scharfem Ton, „weshalb Sie mir diesen Brief erst jetzt übergeben
haben? Anstatt diesen ganzen Unsinn zu schwatzen, hätten Sie sich
sogleich Ihres Auftrages entledigen sollen ... wenn dieses der ganze
Auftrag war, mit dem man Sie zu mir geschickt hat.“
„O, ich wollte ... es ist das überhaupt alles so sonderbar, daß Sie
meine begreifliche Ungeduld entschuldigen werden. Ich wollte von Ihnen
persönlich Ihre Absichten erfahren. Überdies ist mir der Inhalt des
Briefes ganz unbekannt und ich dachte, daß ich immer noch frühzeitig
genug zum Übergeben käme.“
„Ich verstehe, man hat Ihnen einfach befohlen, mir den Brief nur im
äußersten Fall einzuhändigen, falls Sie aber selbst durch Ihre
Beredungskunst zum Ziele gelangen sollten, dann eben – überhaupt nicht.
So verhält es sich doch? Sagen Sie es offen, Monsieur de Grillet!“
„^Peut-être^,“ sagte er. Seine Miene drückte eine ganz besondere
Zurückhaltung aus und er sah mich dabei mit einem seltsamen Blick an.
Ich nahm meinen Hut vom Tisch. Er nickte nur mit dem Kopf und verließ
mein Zimmer. Wie mir schien, zuckte ein spöttisches Lächeln um seine
Lippen. Wie hätte es auch anders sein sollen!
„Wart’ mal, wir werden noch miteinander abrechnen, Franzose!“ murmelte
ich vor mich hin, als ich die Treppe hinabstieg.
Ich versuchte zu kombinieren; konnte es aber nicht; mein Kopf war wie
von einem Keulenschlage betäubt. Die frische Luft tat mir gut.
Da tauchten plötzlich zwei Gedanken in mir auf, beide von erstaunlicher
Klarheit und Schärfe. Der erste war: wie diese doch sicherlich nicht
glaubhaften Drohungen eines machtlosen „^blanc-bec^“, die er in der
Erregung nur so hingeworfen hatte, eine so allgemeine Aufregung
hervorrufen konnten! Und der zweite Gedanke: wie groß muß nach diesem
Brief zu urteilen doch der Einfluß de Grillets auf Polina sein! Es hat
nur eines Wortes von ihm bedurft, und sie tut alles, was er will, ja sie
schreibt sogar einen Brief an mich, und _bittet mich sogar um
Verzeihung_! Ihr Verhältnis zueinander ist mir zwar von Anfang an ein
Rätsel gewesen, seit dem Augenblick, wo ich sie kennen lernte. In diesen
letzten Tagen aber habe ich nur zu deutlich gesehen, daß sie ganz
entschieden Widerwillen und Verachtung für ihn empfindet, er aber
übersieht sie meistens und benimmt sich gegen sie sogar unhöflich. Das
habe ich ganz genau beobachtet. Polina macht ja aus ihrer Abneigung kein
Geheimnis und so sind ihr auch schon einige recht bemerkenswerte
Geständnisse entschlüpft ... Daraus folgt, daß er irgend etwas in der
Hand haben muß, wodurch er sie einfach zwingen kann ...