Erst zweimal vierundzwanzig Stunden sind seit jenem dummen Tage
vergangen, und wieviel Geschrei, Geschwätz, Streit und Lärm hat es schon
gegeben! Und was für eine Unordnung und Dummheit und Gemeinheit dabei
überall zutage tritt! Doch übrigens – mitunter ist es wirklich zum
Lachen! Wenigstens von mir kann ich ehrlich sagen, daß mich mehr als
einmal unbändige Lachlust angewandelt hat. Ich vermag mir keine
Rechenschaft darüber zu geben, was mit mir geschehen ist: ob ich mich in
einem noch zurechnungsfähigen oder bereits unzurechnungsfähigen Zustande
befinde, oder ob ich einfach nur aus dem Geleise geraten bin und
vorläufig nichts als Unfug treibe – bis man mich bindet. Von Zeit zu
Zeit scheint es mir, daß ich meinen Verstand einbüßen werde, und
bisweilen wiederum, daß ich kaum der Schulbank entwachsen bin und
einfach nach Schülerart tolle Streiche mache.
Polina, nur Polina ist an allem schuld! Wäre sie nicht, so täte ich
keinem etwas zuleide! Ich glaube, ich tue alles nur aus Verzweiflung –
wie dumm es auch sein mag, so zu denken. Und wirklich ... wirklich, ich
begreife nicht, was an ihr ist, das so toll machen kann! Schön ist sie
übrigens, ja, schön ist sie. Ich glaube wenigstens, daß sie schön ist.
Bringt sie doch auch andere um den Verstand. Hoch gewachsen ist sie und
schlank. Zum Biegen schlank. Ich glaube, man könnte sie zum Knoten
schlingen oder wie ein Taschenmesser zusammenknicken. Ihre Fußspur ist
schmal und lang. Qualvoll ist das! Ja: qualvoll! Ihr Haar hat einen
rötlichen Schimmer. Ihre Augen sind richtige Katzenaugen, aber wie stolz
und hochmütig sie blicken können! Vor etwa vier Monaten, kurz nachdem
ich die Stelle als Hauslehrer angenommen hatte, sah ich sie an einem
Abend im Saal, wie sie mit de Grillet lange und heftig sprach. Und so
sah sie ihn an ... daß ich später, als ich in mein Zimmer ging und mich
schlafen legte, dachte, sie habe ihm eine Ohrfeige gegeben in jenem
Augenblick, als sie so vor ihm stand und ihn ansah ... Und seit jenem
Abend ... ja, an jenem Abend begann ich sie zu lieben.
Doch zur Sache.
Ich ging den etwas abwärts führenden Weg zur großen Allee hinab, blieb
in der Mitte der Allee stehen und erwartete die Baronin und den Baron.
Als sie bis auf etwa fünf Schritte Entfernung an mich herangekommen
waren, lüftete ich den Hut und verbeugte mich.
Ich erinnere mich noch genau der ganzen Situation. Die Baronin trug ein
seidenes Kleid von hellgrauer Farbe und unheimlichem Umfang, mit
unzähligen Volants über der Krinoline und einer Schleppe obendrein. Sie
selbst ist klein von Wuchs, entsetzlich dick und hat ein erschreckend
großes hängendes Doppelkinn, das den ganzen Hals vollständig verdeckt.
In ihrem dicken himbeerroten Gesicht sitzen zwei kleine, böse und frech
blickende Augen. Sie geht – als würdige sie damit alle einer besonderen
Ehre. Der Baron ist hager und sehr lang. Sein Gesicht besteht fast nur
aus Runzeln. Auf der Nase eine Brille. Alter – etwa fünfundvierzig,
taxiere ich. Seine Beine beginnen fast gleich unter der Brust; das
bezeichnet, heißt es, Rasse. Stolz ist er wie ein Pfau. Ein wenig
unbeholfen. Im Gesichtsausdruck etwas Schafiges, was vielleicht in
seiner Art Gedankenreichtum ersetzt.
Alles das übersah ich in noch nicht fünf Sekunden.
Mein Gruß und meine Verbeugung lenkten anfangs kaum ihre Aufmerksamkeit
auf mich. Nur der Baron runzelte leicht die Stirn. Die Baronin jedoch
schwamm in ihrer Krinoline wie ein Schwimmtier gerade auf mich zu.
„^Madame la baronne^,“ sagte ich laut, jede Silbe ganz besonders
betonend, „^j’ai l’honneur d’être votre esclave^.“
Darauf verbeugte ich mich, setzte den Hut auf und ging an dem Baron
vorüber, indem ich ihm höflich mein Gesicht zuwandte und kaum merklich
lächelte.
Nur den Hut abzunehmen hatte sie mir befohlen, alles übrige, so wie es
sich frei aus der Situation heraus ergab, war mein eigener Mutwille. Der
Teufel weiß, was mich im Augenblick plagte, ihr diesen Streich zu
spielen!
„Hn?“ schrie der Baron, oder richtiger, trompetete er durch die Nase,
und drehte sich in zorniger Verwunderung nach mir um.
Ich wandte mich sofort zurück und blieb in höflicher Erwartung stehen,
stand, sah ihn an und lächelte. Er schien sich jedenfalls über den
Beweggrund meiner Handlungsweise nicht klar zu sein und zog seine
Augenbrauen bis zum ^non plus ultra^ zusammen. Sein Gesicht wurde mit
jedem Augenblick finsterer und drohender. Die Baronin wandte sich
gleichfalls nach mir um und sah mich mit derselben zornigen
Verständnislosigkeit an. Die Vorübergehenden wurden auf uns aufmerksam,
blickten uns an, oder blieben gar in der Nähe stehen.
„Hn?“ trompetete nochmals in zornigem Nasalton der Baron – sein Ärger
schien sich zu verdoppeln.
„Jawohl!“ sagte ich auf deutsch sehr gedehnt und blickte ihm unverwandt
in die Augen.
„Sind Sie rasend?“ schrie er und fuchtelte einmal mit dem Stock, doch,
wie mir schien, begann ihm bange zu werden. Ihn verwirrte vielleicht
auch mein Äußeres: ich war sehr anständig, war sogar elegant gekleidet,
wie einer, der fraglos zur besten Gesellschaft gehört.
„Jawo–o–hl!“ sagte ich plötzlich so laut wie ich nur konnte, das „o“
möglichst in die Länge ziehend, wie es die Berliner tun, die im Gespräch
fast nach jedem Satz „jawohl“ sagen, wobei sie durch die größere oder
geringere Dehnung des „o“ sehr verschiedene Gedanken und Empfindungen
ausdrücken.
Der Baron und die Baronin wandten sich rasch von mir ab und eilten fast
erschrocken, so schnell sie konnten, fort. Von den Zuschauern waren
einige sehr aufgeräumt und schienen amüsiert zu sein, einige begannen
interessiert zu sprechen, andere blickten mich verwundert an. Übrigens
entsinne ich mich dessen nicht mehr genau.
Ich wandte mich um und ging gelassen zu Polina Alexandrowna zurück. Doch
plötzlich – ich war noch etwa hundert Schritte von ihrer Bank entfernt –
sah ich, wie sie aufstand und mit den Kindern zum Hotel zurückkehrte.
Ich erreichte sie erst vor dem Eingang.
„Ist besorgt ...“ sagte ich, neben ihr hergehend, „die Dummheit.“
„Nun, und? So tragen Sie doch jetzt die Konsequenzen,“ sagte sie, ohne
mich überhaupt anzusehen, und stieg die Treppe hinauf.
Den ganzen Nachmittag strich ich im Park umher, von dort ging ich in den
Wald und ging immer weiter geradeaus und kam sogar in ein anderes
Fürstentum. In einem Bauernhause verzehrte ich eine Portion Rührei und
trank dazu Wein. Für dieses Idyll zapfte man mir ganze anderthalb Taler
ab.
Erst gegen elf Uhr kehrte ich ins Hotel zurück. Sogleich kam ein Diener
und meldete, daß der General mich zu sich bitten lasse.
Die Unsrigen nehmen im Hotel ein großes Appartement mit vier Zimmern
ein. Das erste ist ein großer Salon, in dem ein Flügel steht. Nebenan
ist ein zweites großes Zimmer – das Kabinett des Generals. Hier
erwartete er mich, in höchst majestätischer Haltung mitten im Zimmer
stehend. Der Marquis saß in lässiger Pose auf dem Diwan.
„Mein Herr, gestatten Sie die Frage, was das für Geschichten sind, die
Sie hier angerichtet haben?“ begann der General.
„Es wäre mir angenehm, General, wenn Sie ohne weiteres zur Sache kommen
wollten,“ sagte ich. „Sie wollen wahrscheinlich von meiner heutigen
Begegnung mit einem Deutschen reden?“
„Mit einem Deutschen?! Dieser Deutsche ist der Freiherr von Wurmerhelm
und eine überaus wichtige Persönlichkeit! Und Sie, Sie haben sich gegen
ihn und seine Gemahlin unanständig benommen!“
„Ich wüßte nicht, inwiefern.“
„Sie haben sie erschreckt, mein Herr!“
„Keineswegs. Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Sachverhalt klarlege. Mir
klingt noch von Berlin her das deutsche ‚Jawohl‘ in den Ohren, das man
dort nach jedem Satz zu hören bekommt und das sie so widerwärtig in die
Länge ziehen. Als ich ihnen heute in der Allee begegnete, kam mir
plötzlich dieses ‚Jawohl‘ in den Sinn und das wirkte auf mich
selbstverständlich aufreizend ... Überdies hat die Baronin, die mir
schon dreimal begegnet ist, die Gewohnheit, gerade auf mich zuzugehen,
als wäre ich ein Wurm, den man mit dem Fuß zertreten kann. Sie werden
doch zugeben, daß auch ich meine Eigenliebe haben kann. Nun und diesmal,
als sie wieder tat, als sei die Allee nur für sie geschaffen, zog ich
den Hut und sagte höflich – ich versichere Sie, daß ich es mit
ausgesuchter Höflichkeit sagte – ‚^Madame, j’ai l’honneur d’être votre
esclave.^‘ Und als der Baron sich darauf nach mir umwandte und einen
Nasenton ^à la^ ‚Hn‘ hervorstieß – da ritt mich plötzlich der Teufel,
ihm dieses wundervolle ‚Jawohl‘ zu sagen. Und so tat ich’s denn auch:
das erste Mal ganz gewöhnlich, das zweite Mal jedoch mit ausgesprochener
Berliner Dehnung. Und das war alles.“
Ich muß gestehen, daß diese meine kindische Erklärung mir ungeheuren
Spaß bereitete. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich die ganze Geschichte
plötzlich so unsinnig als möglich darstellen wollte. Und mit jeder
weiteren Phrase kam ich mehr in Geschmack.
„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ schrie mich der General
an. Und mit einer brüsken Bewegung wandte er sich zu dem Franzosen, um
ihm auf französisch lebhaft gestikulierend auseinanderzusetzen, daß ich
es entschieden auf Händel abgesehen habe. Der Marquis lächelte
geringschätzig, lachte kurz auf und zuckte mit den Achseln.
„Sie sind durchaus im Irrtum,“ unterbrach ich den General, „Händel habe
ich weder gesucht, noch suche ich jetzt. Mein Benehmen war natürlich
nicht lobenswert, das sehe ich selbst sehr wohl ein und gebe es offen
zu. Man kann meine Handlungsweise schlimmstenfalls als dumm, als einen
Schuljungenstreich bezeichnen, jedoch – mehr war sie nicht. Und übrigens
bereue ich sie aufrichtig. Es spricht aber hier noch ein gewisser
Umstand mit, der mich in meinen Augen sogar der pflichtschuldigen Reue
enthebt. Ich fühle mich nämlich seit einiger Zeit, seit zwei oder sogar
drei Wochen, nicht ganz wohl; ich bin krank, nervös, reizbar, zu allem
Phantastischen aufgelegt, und in manchen Augenblicken verliere ich sogar
jede Gewalt über mich selbst. Wirklich, ich habe zum Beispiel schon ein
paarmal die größte, versichere Sie, die größte Lust verspürt, mich
plötzlich an den Marquis de Grillet zu wenden und ... ^Du reste,
brisons-là^, es lohnt nicht, alles auszusprechen, und vielleicht könnte
es ihn auch kränken. Mit einem Wort, das sind alles Krankheitssymptome.
Leider weiß ich nicht, ob die Baronin Wurmerhelm diesen Umstand als
Entschuldigungsgrund gelten lassen wird, wenn ich sie um Entschuldigung
bitten werde – denn das ist meine Absicht. Ich nehme jedoch an, daß sie
sie gelten lassen wird, um so mehr, als die Juristen in letzter Zeit,
soviel mir bekannt ist, mit ähnlichen Entschuldigungen sogar schon
Mißbrauch treiben. Tatsächlich! Die Rechtsanwälte wenigstens verteidigen
bei Kriminalprozessen ihre Klienten, oft die schändlichsten Verbrecher,
damit, daß sie im Augenblick der Tat nicht bei vollem Bewußtsein gewesen
und daß dieser Zustand eine Art Krankheit sei: ‚Nun ja, er hat
erschlagen, weiß aber selbst nichts davon,‘ heißt es. Und was das
Unglaublichste dabei ist – die Mediziner geben ihnen noch recht, sie
sagen, es gäbe tatsächlich solch einen zeitweiligen Irrsinn. Der Mensch
wisse in diesem Zustande so gut wie nichts von dem was er tut, oder
wisse es nur halb, oder vielleicht nur zu einem Viertel. Freilich will
das in diesem Fall wenig besagen, denn der Baron und die Baronin sind
Leute vom alten Schlage, außerdem preußische Junker und Gutsbesitzer.
Daher dürfte ihnen dieser Fortschritt im juristischen und medizinischen
Leben wohl noch unbekannt sein, womit denn mein Entschuldigungsgrund
leider hinfällig wird. Was meinen Sie dazu, General?“
„Genug, mein Herr!“ sagte der General scharf und in verhaltenem Zorn,
„genug! Ich sehe mich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen, um mich ein für
allemal davon zu befreien, den Folgen Ihrer Schuljungenstreiche
ausgesetzt zu sein. Entschuldigen werden _Sie_ sich weder bei der
Baronin noch bei dem Baron, denn jede Annäherung Ihrerseits wäre für
beide nur eine erneute Beleidigung. Da es dem Baron ein leichtes gewesen
ist, zu erfahren, daß Sie zu meinem Hause gehören, hat er mich im
Kursaal bereits um eine Erklärung ersucht, und ich will es Ihnen nur
gestehen, es fehlte nicht viel, daß er von mir Genugtuung verlangt
hätte. Begreifen Sie denn nicht, welchen Unannehmlichkeiten Sie mich
ausgesetzt haben, – mich, mein Herr! Ich war gezwungen, den Baron um
Entschuldigung zu bitten, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß Sie
sogleich, daß Sie noch heute nicht mehr zu meinem Hause gehören werden.“
„Erlauben Sie ... erlauben Sie, General, so hat er selbst unbedingt
verlangt, daß ich hinfort nicht mehr zu Ihrem Hause gehöre, wie Sie sich
auszudrücken belieben?“
„Nein, das nicht; aber ich hielt es selbst für meine Pflicht, ihm diese
Genugtuung zu geben, und der Baron gab sich damit selbstverständlich
zufrieden. Also wir gehen auseinander, mein Herr. Sie haben von mir noch
diese vier Friedrichsdor und drei Gulden nach hiesigem Gelde zu
erhalten. Hier ist das Geld und hier die Rechnung. Sie können sich von
ihrer Richtigkeit überzeugen. So, und jetzt – leben Sie wohl. Von nun an
sind wir geschiedene Leute. Außer Unannehmlichkeiten und Scherereien
habe ich von Ihnen nichts gehabt. Ich werde sogleich den Kellner rufen
lassen, und ihm sagen, daß ich von morgen an für Ihre Ausgaben im Hotel
nicht mehr einstehe. Habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“
Ich nahm das Geld und das Papier, auf dem mit Bleistift eine Berechnung
aufgeschrieben war, machte eine kurze Höflichkeitsverbeugung gegen den
General und sagte sehr ernst:
„Damit ist die Sache natürlich nicht abgetan, Exzellenz. Es tut mir sehr
leid, daß Sie sich Unannehmlichkeiten ausgesetzt haben, doch – verzeihen
Sie – die Schuld daran müssen Sie nur sich selbst zuschreiben. Wie kamen
Sie dazu, dem Baron gegenüber die Verantwortung für mich zu übernehmen?
Was bedeutet der Ausdruck, daß ich zu Ihrem Hause gehöre? Ich bin oder
war nur Lehrer in Ihrem Hause und nichts weiter. Ich bin weder Ihr Sohn
noch Ihr Mündel, weshalb niemand Sie für meine Vergehen verantwortlich
machen kann. Ich bin eine juridisch selbständige Person, bin
fünfundzwanzig Jahre alt, Kandidat der Philosophie, bin Edelmann und
Ihnen ein vollkommen Fremder. Nur meine unendliche Achtung für Ihre
Verdienste hält mich davon ab, Sie um Rechenschaft zu bitten und ohne
weiteres Genugtuung dafür zu verlangen, daß Sie sich anmaßen, für mich
eine Verantwortung übernehmen zu wollen.“
Der General war sprachlos vor Verwunderung. Plötzlich kam er zu sich,
wandte sich wieder an den Franzosen und begann ihm eilig
auseinanderzusetzen, daß ich ihn soeben fast zum Duell gefordert hätte.
Der Franzose brach in schallendes Gelächter aus.
„Und was den Baron betrifft,“ fuhr ich mit vollkommener Kaltblütigkeit
fort, ohne mich im geringsten durch das Gelächter verwirren zu lassen,
„so habe ich nicht die Absicht, ihm etwas zu schenken. Und da Sie,
General, indem Sie die Klagen des Barons anhörten und seine Partei
ergriffen, sich gewissermaßen zu einem an dem Vorfall Beteiligten
gemacht haben, so erlaube ich mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß
ich nicht später als morgen früh von dem Baron eine Erklärung der Gründe
verlangen werde, weshalb er sich in einer Angelegenheit, in der er es
ausschließlich mit mir zu tun hatte, an eine andere, eine fremde Person
zu wenden vorgezogen, – ganz, als wäre ich unfähig, für mich selbst die
Verantwortung zu tragen, oder als wäre es unter seiner Würde, sich an
mich zu wenden.“
Was ich vorausgesehen, geschah: Der General erschrak entsetzlich, als er
diese neue Dummheit hörte.
„Wie, wollen Sie denn diese verd... Geschichte noch bis in die
Unendlichkeit weiterziehen!“ rief er aus. „Aber so bedenken Sie doch,
was Sie mir damit antun. Herr des Himmels! Wagen Sie es nur, wagen Sie
es nur, mein Herr ... unterstehen Sie sich nicht, oder ... ich schwöre
Ihnen! ... Auch hier gibt es eine Obrigkeit und ich ... ich ... mit
einem Worte, bei meinem Rang ... und ebenso der Baron ... mit einem
Wort, man wird Sie durch die Polizei zu beseitigen wissen, wenn Sie es
nicht lassen wollen, Unfug zu treiben! Merken Sie sich das!“
Obschon er vor Zorn ganz außer Atem geriet, so war ihm doch entsetzlich
bange geworden.
„General,“ erwiderte ich mit einer Ruhe, die ihm furchtbar auf die
Nerven ging, „wegen Unfug verhaften kann man nicht früher als bis der
Unfug verübt worden ist. Ich habe meine Auseinandersetzung mit dem Baron
noch nicht einmal begonnen, folglich können Sie nicht wissen, in welcher
Form und auf welcher Grundlage ich die Sache anfangen werde. Ich wünsche
in erster Linie nur die mich beleidigende Annahme ausgeschaltet zu
sehen, daß ich mich unter der Vormundschaft einer Person befinde, von
der mein freier Wille irgendwie abhängen soll. Sie regen sich ganz
unnötigerweise so auf.“
„Um Gottes willen, um Gottes willen, Alexei Iwanowitsch, so geben Sie
doch dieses unsinnige Vorhaben auf!“ stotterte der General, plötzlich
vom zornigsten Tone in einen fast kläglich flehenden verfallend. Und er
ergriff sogar meine Hände. „So bedenken Sie doch, was daraus alles
entstehen kann! Doch nichts als neue Unannehmlichkeiten. Sie werden doch
einsehen, daß ich mich namentlich jetzt nach außen hin so korrekt als
möglich benehmen muß! ... namentlich jetzt! ... Sie ... Sie können doch
nicht wissen, in welchen Verhältnissen ich mich augenblicklich befinde!
... Wenn wir diesen Ort hier verlassen haben, werde ich Sie gern wieder
engagieren, nur jetzt ... nun, mit einem Wort – Sie begreifen doch, daß
es besondere Gründe geben kann, die ich berücksichtigen muß!“ rief er
ganz verzweifelt aus. „Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, Alexei
Iwanowitsch!“ ...
Ich zog mich zur Tür zurück, bat ihn nochmals aufrichtig sich nicht zu
beunruhigen, versprach, daß ich alles tun werde, damit die Sache gut und
anständig ablaufe und beeilte mich, das Zimmer zu verlassen.
Die Russen sind im Auslande in einer Beziehung oft übertrieben
ängstlich: sie fürchten sich entsetzlich davor, was man von ihnen sagen
oder wofür man sie halten „könnte“, und ob dieses oder jenes wohl
anständig oder unanständig wäre. Kurz, sie bewegen sich wie in einem
Korsett, und zwar tun das vornehmlich solche, die sich für angesehene,
würdevolle Leute halten. Daher ist für sie das Angenehmste eine alte,
feststehende Form, die sie dann sklavisch befolgen können – gleichviel
ob in Hotels, auf dem Spaziergang, in Versammlungen oder sonstwo ...
Doch der General hatte in der ersten Angst verraten, daß er noch
besondere Umstände zu berücksichtigen habe, weshalb er sich „so korrekt
als möglich“ benehmen müsse. Deshalb war er plötzlich so ängstlich
geworden und hatte seinen Ton ganz umgestimmt. Das merkte ich mir, denn
das gab mir zu denken. Und schließlich konnte er sich ja sehr wohl aus
Dummheit morgen an irgend eine Obrigkeit hier wenden, weshalb ich es für
klüger hielt, wirklich vorsichtiger zu sein.
Übrigens war es mir durchaus nicht darum zu tun, den General zu ärgern;
Polina aber würde ich jetzt gern ärgern. Sie hat mich so grausam
behandelt, nachdem sie mich selbst auf diesen dummen Weg gestoßen, daß
ich nun versuchen will, es so weit zu treiben, daß sie mich selbst um
Einhalt bitten muß. Meine Jungenstreiche können doch schließlich auch
sie kompromittieren!
Außerdem hatten sich in mir, bereits während ich sprach, noch andere
Gefühle und Gedanken entwickelt. Wenn ich mich z. B. vor ihr freiwillig
bis zum Sklaven erniedrigte, so sollte das doch noch längst nicht
bedeuten, daß ich mich auch von anderen Leuten treten lasse und
natürlich auch nicht, daß dieser Baron mich mit seinem Stock
„verprügeln“ kann. Ich will über sie alle lachen und mich selbst durch
Mut hervortun. Mögen sie doch einmal sehen, wer ich bin. Na!
selbstverständlich wird die Aussicht auf einen Skandal sie erschrecken
und – dann wird sie mich eben zurückrufen. Oder sollte sie es nicht, so
wird sie doch wenigstens sehen, daß ich kein Jammerlappen bin.
Eine seltsame Neuigkeit übrigens: soeben erfuhr ich von der Kinderfrau,
der ich auf der Treppe begegnete, daß Marja Filippowna heute mit dem
Abendzug ganz allein zu ihrer Kusine nach Karlsbad gereist sei. Was mag
das nun wieder zu bedeuten haben? Die Kinderfrau sagte, Marja Filippowna
habe schon seit langer Zeit die Absicht gehabt, hinzureisen, – wie kommt
es dann nur, daß niemand etwas von diesen Plänen wußte? Übrigens –
vielleicht habe nur ich nichts gewußt. Die Alte verriet auch noch, daß
Marja Filippowna vorgestern eine gründliche Unterredung mit dem General
gehabt habe. Begreife, wer’s kann! Es war natürlich wegen Mademoiselle
Blanche. Man sieht, es bereitet sich bei uns etwas Entscheidendes vor.