Der Abend machte es still im Garten. Renée hörte nicht mehr den Regen.
Renée hielt Yvonnes Hand, und immer sah sie in das weiße Gesicht. Das
schien zu lächeln unter den Schmerzen.
Und Renée fühlte in dem zitternden Schauer, der ihren Körper durchlief
und bei ihrem Herzen zurückblieb – fühlte sich dem äußersten Erleiden so
nahe, als müßte sie selber fort mit diesem so geliebten Leben.
Wußte sie nun alles? – O, es gab nichts Größeres als diesen Menschen.
Und Yvonne – sie litt nicht, wie andere Menschen leiden.
Nichts rührte sie an von jenen grauenvollen Häßlichkeiten, als ginge sie
still geworden in die Sonne hinein, in die Sonne, die ihres Herzens
große Wärme aufnehmen würde.
Die sanfte Hand berührte Renée. Die so geliebte Stimme sprach: „Bist du
nun doch bei mir bis in das Letzte hinein, Renée? Nehme ich denn nicht
deine liebe Jugend mit fort, wenn du alles dieses ansiehst?“
Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.
Renée umfaßte sie mit dem Gefühl von Nie-lassen-wollen.
„Laß – ich bleibe bei dir, Renée. Du nimmst mich überall hin auf der
Erde, wenn ich auch gestorben bin.“
Renée sah die Qual in ihren Augen, und sie fühlte, wie ihr eigner Körper
schlaff wurde und zuckte, und ihre Kniee ließen nach, so daß sie
niedersank neben dem Bett.
„Nein – nein, du gehst ganz fort! Nichts bleibt bei mir. Du kamest,
damit ich dich verlieren sollte. Nichts wird sein als diese jämmerliche
Erde, wo du nicht bist.“
Die sanfte Hand berührte Renée.
„Nein – nein. Ich will nicht! Soll ich leben, um jeden Tag zu fürchten,
der kommt und mich wissen macht, daß du nicht lebst. Soll ich das Leben,
auf das ich mich so freute, soll ich es gehn lassen mit dir?“
Yvonnes Hand tastete nach Renée. Und dann kamen Laute wie die eines
gehetzten Tieres und ein Aufwärtswollen.
Es kam das Grauen.
Aber es gab doch den Tod. Es gab, was ein Ende macht. Es stand neben dem
Bett, ganz nah. Wenn man es trank –
Yvonne streckte ein wenig die Hand aus. Renée schob das Glas beiseite,
nach dem sie die Hand ausstreckte.
„Aber ich lasse dich nicht! Du mußt noch bleiben.“
Renée fühlte eine Starrheit des Willens über ihre Seele gleiten.
Es war, als fühlte sie nur noch diesen Willen. – „Ich will dich
behalten,“ sagte sie.
Groß öffnete Yvonne die Augen. Sie lächelte, und mit einer fremden,
stillen Stimme sagte sie: „Renée, ich will es leiden um dich!“ –
Also kam das Leben zurück.
Es würde aufstehn über dem Tod – der große Wille hatte den Tod beiseite
geschoben. –
O, das Leben war noch da. Man konnte die Sonne draußen sehn, die
hinglitt über die Blumen im Garten und über den Rasen. – Das Leben war
noch da. Das, von dem man nicht lassen kann, weil es so schön ist und
noch so unbekannt.
Wer hatte den Tod rufen wollen – o Torheit.
Renée zog Yvonne an sich und küßte ihr Gesicht. Yvonne lächelte,
lächelte mit zitternden Lippen. Sie sagte: „Ich will warten, bis du mir
den Tod schenkst – – laß es bald sein.“ –
Renée fühlte den Willen nicht mehr, fühlte nur Zärtlichkeit in ihrer
Seele –
Sie küßte Yvonne die Augen,