Renée wollte sie nicht lassen. Sie sagte: „Du wirst kalt haben, weil es
schon Abend ist. Und dann hat Geldern es doch verboten. Tu es nicht,
Yvonne.“
Yvonne schüttelte den Kopf. Sie nahm Renée an der Hand. „Geh du in den
Garten.“
Renée sagte: „Nein, er mag mich nicht ohne dich, und ich mag ihn nicht
ohne dich.“
„Tragt mich hinaus, Renée.“
Renée wollte nicht. Renée wehrte sich den ganzen Tag.
„Renée.“ – „Ja.“ – „Blüht auch der weiße Flieder?“
„Ja, der auch,“ sagte Renée.
„Blühen die Kastanien?“ – „Ja.“
„Ach, die sind schön dies Jahr,“ sagte Yvonne. „Sind sie nicht wie große
Weihnachtsbäume? Sind da Kastanien an dem See, von dem du erzählst?“
„Ich denke. Und Linden sind da,“ sagte Renée, „und sieben Pappeln oder
fünf, ich weiß nicht.“
„Muß man die zählen? Und sag, ist Flieder da?“
Renée nickte.
„Renée, glaubst du, daß es Menschen gibt, die niemanden lieb haben?“
„Nein, wie sollte es das geben?“
„Glaubst du nicht?“
„Nein,“ sagte Renée. „Sie würden gar nicht leben mögen vor lauter
Sinnlosigkeit.“
Yvonne sah so sehnsüchtig hinaus in den Garten. „Mach doch die Fenster
weiter auf. Es ist zu heiß, Renée.“
Renée ging zu den Fenstern. Die Luft kam schwer und warm mit dem süßen
Geruch der Blumen. Zum See hinunter war es dunkel, und der See war
stahlgrau. „Es wird Gewitter kommen,“ sagte Renée.
Gegen Nacht war es da.
Erst fuhr der Wind ruckweise surrend durch die Zweige und Blätter – dann
lag er breit über den Blumen, schwenkte sie herum und riß die Blüten ab.
Dann jagte er auf den Wegen mit Blüten und Blättern. Es wurde Sturm. Man
konnte die Schaumkämme auf dem See sehen, wenn Blitze waren, und der See
wurde eins mit den Wolken – wie groß und unheimlich waren die Wolken.
Renée richtete sich auf im Bett und sah hinaus. Der Baum neben ihrem
Fenster fuhr hin und her und schlug klatschend seine Zweige an die
Mauer.
Renée spürte den Wind in ihrem Gesicht. Ihr Gesicht war feucht und sie
hatte doch geschlafen.
Sie dachte: Ich weiß es, wenn ich schlafe; aber wenn ich wache, kann ich
von Leben und Zukunft sprechen.
Sie dachte – an den Tod, der das Ende war.
Wie ist das, wenn ich tot bin, während das Leben weiter geht. Irgend
jemand tut einen in den Sarg, und man wird begraben, so wie es Sitte
ist, wie auch Hannsbabo begraben wurde.
Grauen kam, kam an ihr Herz. Sie fühlte die Kälte des Windes, als wäre
es in ihr und machte ihr Herz vereisen – langsam so kalt werden, daß es
nichts mehr fühlte.
Der Baum schleuderte fortwährend seine Zweige gegen die Mauer. Renée
fuhr auf. Immer noch spürte sie den Wind im Gesicht, und sie fühlte eine
fremde Last auf ihrem Herzen. Das machte sie schwer und mühsam atmen.
Es war, als käme keine Luft. Dann fühlte sie ihr Herz klopfen, und einen
Augenblick fühlte sie es nicht mehr. Sie begann zu laufen, schnell die
Treppe hinunter durch den Gartensaal. – „Yvonne!“
Yvonne war am Fenster. Sie saß und sah hinaus und dann lächelte sie
Renée zu. –
Am andern Tag sah Renée Doktor von Geldern, als er aus Yvonnes Zimmer
kam. Und sie sah, daß er weinte, oder hörte es nur vielleicht. Renée
ging leise hinein.
Yvonne – sah Yvonne sie nicht? Renée ging ganz leise auf den Fußspitzen,
und dann saß sie am Bett, dann faßte sie Yvonnes Hand und hielt sie
fest.
Renée horchte auf die Tropfen des Regens, die vor dem Fenster auf das
Steinpflaster fielen. Horchte und atmete ganz leise, so als dürfte man
nicht das Geräusch der Tropfen stören.
Wußte sie es nun, war es nun ganz in ihr Herz eingedrungen? – Ihr Herz
war still. Warum weinte sie nicht. Warum sollte sie weinen? –
Renée dachte: Worauf habe ich doch so lange gewartet, habe ich nicht auf
dich gewartet, weil ich meines Lebens Ziel suchte?
Bist das nun du?
Ist es meines Lebens Ziel, daß ich mit dir gehe, wohin du gehen wirst?
So dachte Renée.
Leicht war ihr Herz.
Sie dachte: Müßte ich dich zurücklassen, dann würde ich weinen.