Nana wurde bös: „Renée, du lachst, du ulkst über mich.“

Renée streckte ihr die Hand hin. „Nein, Nana,“ sagte sie. „Ich lache ja

nicht. Nur darüber hab ich noch nie nachgedacht, ob eben dies so schön

ist.“

„Nun also, was ist denn schön?“

„O, ich weiß es nicht,“ sagte Renée, „ich weiß nicht, ich denke:

lieben.“ –

„Dieser Ausspruch ist nicht gerade neu,“ antwortete Nana.

„Nun ja, lieben an sich ist nichts Besonderes, aber so – so, daß eben

der eine Mensch den Sinn gibt für alles andere – und dann –.“

„Was noch, Renée?“

Ein wenig noch zögerte Renée. Dann sagte sie: „Wenn man liebt, so muß es

sein, um es nie wieder zu vergessen. Gar nichts auf der Welt, was auch

geschehen könnte, muß dies ungeschehen machen können, daß man diesen

einen Menschen über alles liebte – und wäre es schon ein ganzes Leben

her.“

„Dann dürfte jeder Mensch nur einmal lieben.“

Renée schwieg. Sie hatte noch niemals daran gedacht. Und eigentlich

konnte man sicher nur einmal lieben – aber dann wieder dachte sie an

Hannsbabo.

Sie standen auf, um zurückzugehen.

„Heute mag ich überhaupt nicht heraus aus dem Grunewald,“ sagte Nana.

„Morgen gibt es sicher Regen und übermorgen Schnee und die nächste Woche

Winter. Dann ist’s aus mit dem Grunewald.“

Sie gingen nach Hundekehle.

Nana wollte absolut Punsch trinken. Renée redete dagegen. „Ich stoße

dich auf ein paar Glas,“ sagte Nana, „und nun bist du still.“

Am See war es kühl. Sie mußten sich den Tisch extra heraussetzen lassen.

Man servierte eigentlich nicht mehr draußen. Darum lag draußen alles

voll gelber Blätter, die knisterten, wenn man darüberging.

Renée sollte immer noch mehr Punsch trinken. Sie hatte einen richtigen

Kampf mit Nana.

Endlich saßen sie in der Elektrischen. Die Leute neben ihnen stapften

mit den Füßen auf den Boden vor Kälte. Siebenmal hörte Renée, wie einer

dem andern Schnee prophezeite. Die Bahn quietschte und klagte in den

Schienen. Das versprach Kälte.

„Ich kann noch nicht nach Haus“ sagte Nana. „Ich kann nicht so früh

allein sein heute, laß uns irgendwas unternehmen.“

„Komm mit zu mir, magst du?“

„Nein,“ sagte Nana, „dank schön. Ich gehe nicht gern in die Nähe deiner

Schwägerin. Tu mir den Gefallen, laß uns was unternehmen.“

„Vielleicht könnten wir ins Theater gehn,“ sagte Renée.

Nana war einverstanden. Ja, sie würden in ein Lustspiel gehn. „Nur nicht

etwas mit Emotionen,“ sagte Nana.

Es war ein furchtbar dummes Stück. Renée bedauerte ihre sechs Mark. Man

hätte viel hübschere Dinge damit haben können. Renée ärgerte sich über

die albernen Leutnants auf der Bühne, die wie Friseure aussahen, und die

‚Gräfinnen‘ benahmen sich so Münchnerisch ordinär. Natürlich saßen die

Berliner und gröhlten vor Wonne.

Nana zupfte Renée am Ärmel bei jedem Witz und lachte und schlug sich auf

die Kniee vor Vergnügen. Nachher, als sie heimgingen, war Nana ganz

aufgeräumt. Sie sagte, Renée sei ein lieber Kerl, daß sie mitgekommen

wäre. „Manchmal,“ so sagte Nana, „da denk ich an meine gräßliche einsame

Bude, und dann bin ich wie ein Hund, den sein Herr mit dem Kopf ins

Wasser getitscht hat.“

Renée sagte: „Dann sagst du mir’s immer, nicht wahr? Und wir sind gute

Freunde und dann helfen wir einander schon aus.“

Dann nahm Nana Renées Hände und drückte sie ganz fest – und sie sagte:

„Du kannst das wissen: du sollst keine Minute warten, wenn du einmal

meine Hilfe brauchst, Renée.“ – –

Als Renée einschlief, fielen ihr Nanas gute, warme Worte ein. So kam es,

daß sie ruhig und froh aufwachte den andern Morgen. –

Wie Renée sich plagte. Wollte denn die elende Geometrie nie in ihren

Kopf? Manchmal saß sie drei Stunden über ein und derselben Aufgabe, und

in der vierten Stunde fiel ihr so ein elender Lehrsatz ein. – Dann war

es gelöst. Wenn sie es nicht herausbrachte, dann peinigte sie diese

Zeichnung den ganzen Tag. Fast hätte sie, wen sie auf der Straße traf,

angeschrieen: „Wenn a + b gegeben ist und der Winkel.“

Sarah betrachtete es mit Kopfschütteln.

Mit den Sprachen konnte sich Renée besser helfen. Und an dem Griechisch

hatte sie Freude. O, man konnte zuweilen ganz berauscht werden von dem

weichen, von diesem geheimnisvollen Zusammenklingen der Vokale.

Und immer gingen die Worte dieser Sprache dem Geschehen nach; klangen

süß und sanft, wenn gute Dinge geschahen, klangen absurd und gellend und

wie Schreie, wenn ein Unglück kam.

Renée konnte ein oder das andere Wort vor sich hersprechen, drei-,

viermal – und wurde wehmütig dabei. –

Einmal sprach Sarah von Nana. Nein, ihr gefiel diese Nana nicht. Immer

war sie in einer so sonderbaren Weise präokkupiert, wenn Sarah mit ihr

sprach. Und sie hatte ein Benehmen wie ein Realschüler. – „Wirklich, du

solltest dich nicht so mit ihr liieren,“ sagte Sarah. – „Sie ist der

feinste und beste und ehrlichste Mensch, den ich kenne,“ antwortete

Renée.

„Also du wirst bestimmt irgendwann peinliche Erfahrungen mit ihr

machen.“

„Nein, nein.“ Renée lachte übermütig. Sarah überhörte das: „Von jener

Person, die Margit Roeren hieß, hast du mir auch immer so vorgeredet.“ –

„Ich glaube, ich kann trotzdem Unterschiede machen, Sarah!“

Sarah sagte: „So. Nun aber du absentierst dich absichtlich von mir,

Renée. Und dann – ich halte den Einfluß dieser Leute nicht für

geeignet.“

„In manchem hast du recht. Aber nicht hier. Nana ist nur gut für mich.

Vielleicht indessen ist es ungut, daß _wir_ zusammen sind, Sarah, daß

wir es _noch_ sind, denn das, was uns zusammenbrachte – das hält uns

nicht mehr.“

Sarah schien erstaunt zu sein. Renée sah ihr so sehr an, wie wenig sie

dergleichen erwartet hatte zu hören.

„Ich glaube es darum,“ fuhr Renée fort, „weil sich auf die Dauer und je

älter ich werde, Gegensätze verschärfen werden, die dir wie mir zuerst

ganz unwichtig erschienen und – weil du gewohnt bist, die Dinge aus

einer andern Optik zu betrachten, als ich es tue. – Ich aber kann es

nicht haben, daß herabsetzende Dinge gesagt werden über Menschen, denen

ich gut bin.“

„So schweige ich also!“

Renée sagte: „Nein, nicht. Das würde wenig helfen. Sei mir nicht böse,

Sarah, es ist dies: Du hast die Tendenz intellektueller

Freiheitsbeschränkung. Aber ich kann keine Beschränkung ertragen.“

Sarah stand auf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht und ging – aber

zögerte sie nicht einen kurzen Augenblick an der Tür? –

Bei Sarah begannen die Feste. Es kamen die, zu denen Sarah mit der

langen Schleppe ging und dem Schleier und jene, zu denen sie goldne

Kleider trug und silberne Roben, an denen zuvor Brillanten festgenäht

wurden.

Schön sah Sarah aus. Aber Renée sah sie an und dachte an ihren Bruder.

Dachte: früher war sie schöner, als Hannsbabo neben ihr stand und sie

immer ansah. –

Abends, wenn Sarah zurückkam, legte Renée ihre Bücher fort, über denen

sie gesessen hatte, und setzte sich zu Sarah.

Dann erzählte Sarah. Die Leute hätten gesagt, Sarah wäre schön, so schön

wie eine Königin, sie sähe wiedermal am vorzüglichsten aus von allen.

Dann lachte Renée und sang:

„Frau Königin, ihr seid die Schönste allhier ...“

„Gar nicht ist Schneewittchen schöner,“ sagte Sarah.

„Nein, gar nicht,“ antwortete Renée.

Das mochte Renée gern, so abends mit Sarah sein. Die Dinge, die sie Tag

und Nacht über eingepaukt hatte, tanzten ihr immer noch ein wenig im

Kopf herum, während Sarah erzählte – und dann tanzten Sarahs bunte

Geschichten dazwischen.

Wenn Renée zu Bett ging, nahm sie die Bücher noch einmal mit. Sie

befaßte sich von neuem ernsthaft mit jedem einzelnen Stoff.

In der Mathematik erlebte sie Enttäuschungen: Immer war es abends so

herrlich richtig. – Am nächsten Morgen hingegen war es falsch. Und Renée

hatte doch gerade dem Mathematiklehrer auseinandersetzen wollen, wie

einfach und unzweideutig diese Lösung wäre. –

Die Zeit verging gleichmäßig. Es war, als ob man in langsamem Tempo

einen Berg heraufkäme.

Einen Berg mit einer leidlich bequemen Straße. Renée konnte die Arbeiten

beiseite tun ein paar Stunden oder ganze Tage.

Aber dann wußte sie, es war immer da, bereit, zur Verfügung. Sie

brauchte nur eins der Bücher zu nehmen.

Eine komische, kleine Kraft hatten die Bücher. Waren sie nun eine

Schanze oder waren es Waffen? Oder war es ein Haus, ein Schneckenhaus,

in das man hineinkriechen konnte?

Es war auch ein Sport dabei. Viel fixer als bei andern sollte es gehn –

mußte es gehn. –

Renée sah Nana wenig diese Zeit. Nana sagte: „Nein, so ochse ich nicht.

Keineswegs. Bei uns in der Penne läßt man sich Zeit.“

Manchmal kam sie, wollte Renée helfen, irgend etwas erklären. Aber es

lief nie gut aus. Renée verteidigte wie ein Evangelium, was sie einmal

gehört und verstanden hatte. Nana hingegen suchte immer nach neuen und

folglich besseren Methoden. –

Einmal, gegen den Sommer, kam Nana aufgeregt angelaufen. Sie fuchtelte

mit den Armen und schrie schon von weitem: „Du mußt in die Pension

kommen heut abend. Gräfin Isowska gibt ein Atelierfest.“ – „Aber ich hab

keine Zeit.“

Nana ergriff Renée aufgeregt bei den Armen und schüttelte sie. „Du mußt

absolut, es wird famos, und überhaupt hab ich dich schon angemeldet. Es

ist alles besorgt – hier ist die Karte.“ Sie zog einen Zettel aus dem

Portemonnaie. „Es ist für eine ‚polnische Waise‘. Aber wir glauben alle,

die Isowska ist selbst die ‚polnische Waise‘.“ Nana erstickte vor

Lachen. „Es kostet fünf Mark,“ stieß sie keuchend hervor.

Das Leben der Renée von Catte · 第 36 / 74 题