Als Papa es hörte, sagte er: „Ich habe gar keine Veranlassung, nun auch
noch meine Tochter ihr als Gesellschafterin zu geben. Unsinn. Daraus
wird nichts.“
„Aber es ist doch Hannsbabos letzter Wunsch, Papa, er hat ihn doch ganz
klar und deutlich ausgesprochen.“
„Na ja, mein Kind, deine Anhänglichkeit an deinen Bruder ist sehr gut,
gewiß, und ich bin durchaus der Ansicht, daß wir uns um seine Witwe zu
kümmern haben. Selbstverständlich. Sie gehört zur Familie, solange sie
selbst sich zugehörig betrachten will. – Aber du bist jung und leicht zu
beeinflussen. Ich habe durchaus nicht die Neigung für Einflüsse von
seiten solcher Frauen, wie Sarah ist. Nein. Punktum! Im übrigen, wenn
Sarah will, so kann sie hier bei uns leben. Angenehm wär’s mir ja nicht
gerade. Aber ich halte es für meine Pflicht, es ihr anzubieten.
Selbstverständlich stehe ich in jeder Beziehung für sie ein nach außen
hin. – Sage ihr das!“
„Nein, Papa. So nicht. Hannsbabo hat es anders gewollt. Und ich muß es
tun und werde es tun. Erlaub es doch, Papa. Ich muß tun, was er mir
geschrieben hat –“
Papa stand auf und begann umherzuwandern. – Er sagte: „Hannsbabo ist nun
tot. Man muß an die Lebenden denken.“
„Aber wenn er lebte.“
„Er ist tot,“ sagte Papa. „Es liegt keine Veranlassung vor, die Lebenden
im Interesse der Toten zu schädigen.“
Renée sah ihren Vater an. Er sagte das ganz ruhig. Wie man eben seine
ehrliche Überzeugung sagt, und dies, dies Grauenhafte, war seine
‚ehrliche Überzeugung‘.
Renée konnte nichts erwidern. Sie ging hinaus.
Zu denken, daß es so etwas geben konnte. Nicht einmal über vier Tage
hinweg sollte ein Mensch dauern. Er war tot, er konnte nicht mehr die
Hand heben. – O, dieser grauenhafte Ekel.
Renée dachte: wenn ich nun tot wäre, und da wäre ein Mensch, den ich
lieb hätte, und ich hätte alles genau aufgeschrieben und wäre ruhig im
Sterben – und dächte: nun habe ich für ihn gesorgt über den Tod hinweg,
und dann kämen sie und sagten: Renée ist tot. Und Tote haben keinen
Willen. Sie haben gar kein Recht zu einem Willen.
Später ging Renée nochmals hinunter zu Papa und sagte ihm, daß sie doch
mit Sarah gehn würde. Papa antwortete nicht.
Sarah fuhr fort am folgenden Tag. Renée sollte nachkommen. Renée
telegraphierte an Schoenburg, er sollte Sarah an der Bahn empfangen, er
sollte bleiben bis zum Abend, wo Renée kam.
Aber als Sarah abfuhr, sagte sie: „Ich gehe nicht gleich nach Berlin,
nein, ich mag nicht. Ich gehe fort, mache eine Reise – ich weiß noch
nicht.“ – Renée erschrak ein wenig. „Wohin, Sarah? Willst du nicht
warten? Soll ich nicht mitkommen?“
„Es ist besser, du kommst später. Bis dein Vater ruhiger ist. Vielleicht
kommt dann späterhin Elisabeth zu ihm.“ –
Sarah schrieb aus Cannes. Sie wollte erst gegen das Frühjahr
wiederkommen, die warme Luft täte ihr gut. –
Allmählich gewann die Aussicht, daß Renée zu Sarah gehen sollte, feste
Gestalt. Renée sprach nicht davon und dachte nicht daran. Sie hatte in
jener ersten Zeit einen großen Aufwand von Gefühl und Willen darum
gemacht, damals als Papa es nicht zugeben wollte; nun hatte sie es halb
vergessen, es sah ihr so unwahrscheinlich aus, und nun – „Ich finde, es
wäre sehr gut und wünschenswert für dich mit Sarah,“ sagte Elisabeth.
„Viktor meint es auch. – Und dann im Sommer hat Papa doch uns in der
Nähe. Im Winter bist du ja in derselben Stadt wie er, dann kannst du
täglich hingehen.“ „Ja,“ sagte Renée – „Viktor meint – natürlich nach
der Trauerzeit – könnte doch Sarah auch viel mehr für dich tun,
Renéechen, in bezug auf Geselligkeit und Bekanntschaften. Wir freuen uns
ja natürlich auch sehr darauf, dich oft bei uns zu haben, aber unsere
Wohnung ist eben doch etwas beengt, und wir haben auch so wenig tanzbare
Herren.“ –
„Ja, die kann ich gar nicht brauchen,“ sagte Renée. Elisabeth redete
noch eine ganze Weile. Es schien nichts Idealeres zu geben, als daß
Renée fortging von Groß-Gehren – fortging – ach es war dumm und
sentimental. Sie ging ja gar nicht ganz fort. Und es war doch für
Hannsbabo.
„O, wie gut, daß du bei mir bist, Renée,“ sagte Sarah. Dann seufzte sie,
dann beseitigte sie einen großen, schwarzen Schleier an ihrem Hut. –
„Ich wüßte gar nicht, was tun ohne dich! – Meinst du übrigens, ich
sollte einmal zur Hatzfeldt gehn? Sie hat mir so lieb geschrieben
damals.“
Renée sagte: „Vielleicht tust du es lieber später.“ – „O ja,“ antwortete
Sarah. Sie wollte ausfahren. Sie hatte eine Jacke von Persianer und
einen riesengroßen Tellerhut, um den war der Schleier gedreht; sie
wollte eigentlich gleich fort, aber sie setzte sich noch ein bißchen zu
Renée.
„War es schön in Cannes?“ – „Ach, nicht doch,“ sagte Sarah. „Es war
staubig und ermüdend. Es sind dort zu viel Palmen und Agaven. Agaven und
Palmen hängen aus jedem Garten, man hält es nicht aus.“ – „Hattest du
nicht Lust auf Sizilien?“ – „Ach nicht doch. Außerdem reise ich ungern
allein.“ – „Aber ich könnte doch mitkommen.“ – „Ja, und zu Weihnachten?“
frug Sarah. – „Da wären wir eben zu Papa gegangen.“ –
Sarah lachte kurz. – „Ich liebe nicht die Festlichkeiten in dieser
Familie,“ sagte sie.
„So mußt du nicht sprechen, Sarah.“
„Nun, also verzeih, kleine Renée.“ So sagte Sarah, dann zog sie Renée am
Haar, sagte, der Wagen solle sie um fünf Uhr bei Gerson holen, da der
Chauffeur heute frei habe, und ging.
Renée setzte sich an Hannsbabos Schreibtisch. Da standen viele Bilder
von ihm: Bilder in Uniform mit und ohne Küraß im weißen und im blauen
Koller. – Renée sah ein Bild an, sah ihres Bruders Gesicht, das liebe,
stolze Gesicht, dies kleine, leichte Lächeln, das er gehabt hatte, ehe
er fortging nach Amerika, früher. – Nun saß sie an seinem Schreibtisch.
Gerade da hatte er oft gesessen. Hatte diese Dinge gesehn, dieselben,
die sie sah, jetzt sah. Draußen, da war der verschneite Königsplatz,
hinter dem die Bäume des Tiergartens unter dem Nebel standen. Vom
Bahnhof kam das langgezogene Pfeifen. –
Die große Säule, an der die eroberten Kanonen staken, und die goldne
Göttin darauf waren ganz verschneit.
Das alles hatte er auch gesehn, wenn er hinausschaute.
Wie sehr Renée an ihn dachte.
Nun nannte sie niemand mehr ‚kleiner Bub Renée‘. – Warum nur hatte
Hannsbabo gewollt, daß Renée bei Sarah bleiben sollte. Und warum liebte
er Sarah so sehr. – Renée dachte: Sie hat ein kühles und gleichmütiges
Herz, nicht wie seines. Sein Herz war heiß und war unruhig. Was hatte er
nur mit ihr zu tun gehabt, mit Sarah. – Renée wurde traurig und
sehnsüchtig und dachte, was Hannsbabo gesagt hatte:
‚Der Mensch, der es uns heimisch macht auf der Erde.‘