Die Glocken – die Glocken – sie wollten nicht Ruhe geben. –

– – Am andern Tage sagte Sarah: „Ich reise heute fort.“ Renée wollte es

nicht, noch nicht gleich.

Sarah sah sie an. – „Glaubst du, daß es erträglich ist, wie ein Mörder

behandelt zu werden?“

„Sarah, warum redest du so? Wer –“

Sarah lachte. „Ach, wer? Alle, die dieser Familie angehören. – – Diese

Elisabeth – wenn ich denke, wie wenig, wie sehr wenig dein Bruder sie

leiden konnte. Es ist absurd. Ich will fort.“

Renée sagte: „Ja, wenn du nicht hier sein magst, dann ist es recht und

gut, daß du reisest.“

„Nein, ich mag durchaus nicht hier sein. Es ist widerlich hier zu sein.“

„Aber vorher doch nicht,“ sagte Renée. Sarah antwortete: „Immer! Ich bin

mit ihm hergekommen, weil er es so wünschte. Er wollte es von mir.

Sprechen wir nicht weiter davon.“

„Nein,“ sagte Renée „Aber von etwas anderem möchte ich sprechen – darf

ich? – Er hat einen Brief für mich geschrieben und –“

Sarah wandte ihre Augen Renée zu – sie sagte: „Wo ist der Brief? Ich

will es lesen.“ – Renée erschrak: „Oh nein – nein.“

„Ich will. Wo ist es?“ – „Nicht. Sarah, bitte nicht“ Sarah warf den Kopf

zurück, diese kleine, hochmütige Bewegung. Sie sagte: „Wenn du es mich

nicht lesen läßt, Renée, so rede ich kein Wort mehr mit dir!“ Dann

wandte sie sich um und wollte gehn.

„Sarah!“ – Renée kam ihr nach.

„Steht denn wirklich kein gutes Wort für mich darin,“ sagte Sarah. – „Oh

Sarah, er liebte dich sehr.“ – Sarah wollte fortgehn. Aber Renée nahm

sie bei der Hand und holte sie zurück.

„Darf ich mit dir sprechen, Sarah? In seinem Brief steht davon, daß er

glaubt, du würdest mir erlauben, bei dir zu sein und mit dir zunächst,

weil – damit du nicht allein bist und damit du Gesellschaft hast. –

Natürlich wenn du lieber jemand andern bei dir haben wolltest – ich weiß

ja nicht.“ – Sarah schwieg. Renée fuhr fort: „Und wenn du dann lieber

mit jemand anderem sein willst, dann brauchst du es ja nur zu sagen.“

„Brauche ich es nur zu sagen! ... Und wenn _du_ nun lieber mit jemand

anderem sein möchtest!“ sagte Sarah. – „O, ich“ – Renée hatte gar nicht

daran gedacht: „Ich will schon nicht.“

Sarah lächelte nur wenig: „Renée, Renée, also versuchen wir’s.“ Das

sagte Sarah, dann küßte sie Renée auf die Stirn – das spürte man kaum –

nickte ihr zu und ging.

Renée dachte nach, was wohl zu tun sei und wie sie es am besten anfinge

– und sie mußte nun doch erst Papas Einwilligung haben.

Das Leben der Renée von Catte · 第 24 / 74 题