Energie aufhob, -- »Ihr seht nun, dieses Kind grade -- wie das ist ein
Schutz geworden für Euch alle, -- ja, Euch alle, denn wer einen von
unsern Leuten versucht zu langen, ist eben so gut, als wenn alle: Ihr
seht, das =Princip= 's dasselbe, -- das ist klar. Und jeder von diesen
Treibern, der da kommt hier herum schnüffeln nach unsern Leuten, ja, er
soll mich treffen in seinem Wege; -- =ich= bin der Kerl, mit dem er
anbinden muß, -- =ich= bin der Kerl, zu dem Ihr alle kommen müßt,
Brüder, -- ich will aufstehen für Eure Rechte, -- ich sie vertheidigen
bis zum letzten Hauch!«
»Aber Sam, erst diesen Morgen sagtest Du mir, daß Du Master helfen
wolltest, Lizy zu fangen, -- scheint mir doch, 's hängt nicht recht
zusammen, was Du sagst,« bemerkte Andy.
»Ich will Dir sagen, Andy,« entgegnete Sam mit dem Ausdrucke einer
furchtbaren Ueberlegenheit, »mußt nicht sprechen, von was Du gar nicht
verstehst, -- Burschen wie Du, Andy, meinen's gut, aber können nicht die
großen Princips von Handlungen colludiren.«
Andy machte eine verlegene Miene, besonders in Folge des gewichtigen
Wortes »colludiren,« welches alle die jüngeren Mitglieder der
Gesellschaft als entscheidend in der Sache ansahen, während Sam
fortfuhr:
»Das war =Gewissen=, Andy; -- als ich dachte drauf Lizy zu verfolgen,
glaubt' ich, Master sitze den Weg; als ich fand, Missis saß den andern
Weg, das war Gewissen =noch mehr=, -- denn 's immer besser für unser
Einen auf Missis Seite halten, -- so Du siehst also, ich bin persistent
auf jedem Wege, und halte auf Gewissen -- und auf Princips. Ja,
Princips,« sagte Sam, einem Gänsehalse einen enthusiastischen Stoß
versetzend, -- »wozu sind Princips gut, wenn wir nicht persistent sind,
ich möchte wissen? -- Da, Andy, kannst den Knochen hier haben, -- 's ist
noch was dran.«
Da Sam's Zuhörer mit offenem Munde an seinen Worten hingen, so konnte er
nicht anders als fortfahren.
»Dieser Gegenstand von Persistenz, Brüder Niggers,« sagte Sam mit einer
Miene, als wolle er auf ein höchst abstraktes Thema eingehen, -- »ist
ein Ding nicht ganz klar für manchen Einen. Seht, wenn ein Mensch ist
ganz einen Tag und Nacht für eine Sache, und den nächsten für 'ne andre,
die Leute sagen (natürlich genug) er ist nicht persistent; -- Andy,
reich' mir das Stück Kornkuchen da. -- Aber wollen's näher anschauen.
Ich hoffe, die Herren und die Damen vom schönen Geschlecht werden 'ne
ordinäre Gleichung entschuldigen. Hier! ich will hinauf steigen den
Heuhaufen. Gut, ich setze meine Leiter diese Seite, -- 's geht nicht; --
dann, versteht sich, ich setze meine Leiter just die andere Seite, --
bin ich nicht persistent? Ich bin persistent, weil ich irgend eine Seite
hinauf steigen will, wo meine Leiter ist; -- seht Ihr nicht das alle?«
»'S ist das Einzige, wo Du je bist persistent in, Gott weiß!« murmelte
Tante Chloë, welche allmählig anfing aufsätzig zu werden, da die
Fröhlichkeit des Abends für sie -- nach einem biblischen Gleichnisse --
»wie Essig auf der Kreide« war.
»Ja, wirklich!« sagte Sam, erfüllt von Abendessen und Ruhmgefühl, zu
einer letzten Anstrengung sich erhebend. »Ja, meine Mitbürger und Damen
vom andern Geschlecht im Allgemeinen, ich habe Princip's, -- bin stolz
zu bekennen, -- sind vortrefflich in dieser Zeit und aller Zeit. Ich
habe Princips, und halte fest dran wie vierzig; -- ja, Alles was ich
denke, ist Princip, ich gehe hinein; -- ich fragte nicht, wenn sie mich
verbrennen wollten lebendig, ich ging grade 'nauf an den Scheiterhaufen,
ich wollte, -- und sagte, hier ich komme, mein Blut zu gießen für meine
Princips, mein Vaterland, und die gemeinen Vortheile der menschlichen
Gesellschaft.«
»So,« sagte Tante Chloë, »ich denke, eins von Deinen Princips wird sein,
endlich zu Bett zu gehen, und nicht alle Welt aufzuhalten bis 'n frühen
Morgen. Nu, Ihr da, Jungens, wenn Ihr nicht 'was an den Kopf haben
wollt, macht fort, -- mächtig schnell!«
»Niggers! Ihr alle!« sagte Sam, sein Palmblatt mit Wohlwollen
schwenkend, »ich gebe Euch allen meinen Segen; -- geht zu Bett und seid
gute Jungens!«
Und nach dieser pathetischen Benediktion zerstreute sich die
Versammlung.
Neuntes Kapitel.
Worin es sich zeigt, daß ein Senator nur ein Mensch ist.
Der Schein eines behaglichen Feuers fiel auf den Teppich eines kleinen,
bequemen Wohnzimmers, und schimmerte auf den Seiten der Theetassen und
der blank geputzten Theekanne, als Senator Bird sich seine Stiefeln
auszog, als Vorbereitung dazu, seine Füße in ein Paar neuer, schöner
Pantoffeln schlüpfen zu lassen, welche seine Frau für ihn während seiner
Abwesenheit in seinen Geschäften als Senator gefertigt hatte. Mistreß
Bird, ein Bild innerer Wonne in diesem Momente, war beschäftigt, das
Arrangement des Tisches zu treffen, während sie dabei von Zeit zu Zeit
ermahnende Bemerkungen an eine Zahl fröhlicher Kleinen ergehen ließ,
welche sich mit allerhand Arten nicht zu beschreibender, muthwilliger
Streiche belustigten, die je Mütter seit der Sündfluth in Erstaunen
gesetzt haben.
»Tom, laß den Thürknopf los, es kömmt ein Mann! -- Marie! Marie! zupfe
die Katze nicht an dem Schwanz, -- armes Thierchen! Dim, Du mußt nicht
auf den Tisch klettern, -- nein! -- Ach, Du kannst nicht glauben, mein
Lieber, wie Du uns Alle überrascht hast, Dich heut Abend noch hier zu
sehen!« sagte sie, als sie endlich einen Augenblick Zeit gefunden, auch
ein paar Worte an ihren Mann zu richten.
»Ja, ja, ich dachte, ich wollte grad 'mal hinunterlaufen, eine Nacht
hier zubringen und mich zu Hause pflegen. Ich bin todtmüde und mein Kopf
thut mir weh.«
Mrs. Bird warf einen Blick nach der Kampferflasche, welche in dem halb
geöffneten Wandschranke stand, und verrieth die Absicht, sie holen zu
wollen, allein ihr Mann verhinderte es.
»Nein, nein, Marie, nicht doktern, eine Tasse guten, heißen Thees und
etwas von unserer guten Hauskost ist Alles, was ich brauche. 's ist ein
ermüdendes Geschäft, -- diese Gesetzgebung!«
Und der Senator lächelte, als wenn er sich in dem Gedanken gefiele, sich
als eine Art Opfer für sein Vaterland anzusehen.
»Nun,« sagte seine Frau, als die Geschäfte am Theetische allmählich
nachzulassen schienen, »was ist denn im Senate verhandelt worden?«
Es war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung bei der sanften, kleinen
Mistreß Bird, daß sie sich jemals den Kopf mit dem beschwerte, was im
Senatshause vorging, indem sie weislich bedachte, daß sie genug mit
ihren eigenen Geschäften zu thun habe. Mr. Bird schlug deßhalb seine
Augen verwundert auf und sagte nur:
»Nicht viel von Bedeutung.«
»Aber ist es denn wahr,« fuhr seine kleine Frau fort, »daß ein Gesetz
erlassen worden ist, was verbietet, den armen farbigen Leuten, die
manchmal des Weges kommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hörte
davon reden, daß ein solches Gesetz im Vorschlage sei; aber ich konnte
mir nicht denken, daß irgend eine christliche Gesetzgebung es wirklich
erlassen könne!«
»Wie, Marie, Du wirst ja förmlich ein Politiker, -- mit einem Male,«
sagte Mr. Bird lächelnd.
»Nein, Thorheit! Ich kümmere mich für gewöhnlich nicht im Geringsten um
Eure Politik, aber dieses würde ich für etwas durchaus Grausames und
Unchristliches halten. Nicht wahr, lieber Mann, ein solches Gesetz ist
nicht erlassen worden?«
»Es ist allerdings ein Gesetz erlassen worden, mein Kind, welches
verbietet, den von Kentucky herüber kommenden flüchtigen Sklaven
fortzuhelfen. So weit haben es diese rücksichtslosen Abolitionisten
getrieben, daß unsere Brüder in Kentucky in gewaltiger Aufregung sind,
und es sowohl nothwendig wie christlich und billig zu sein scheint, daß
von Seiten unseres Staates Etwas geschehe, um diese Aufregung zu
stillen.«
»Und worin besteht das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen
Kreaturen ein Nachtlager zu geben, und ihnen etwas zu essen und ein paar
alte Kleidungsstücke zu reichen, und sodann ruhig wieder fortzuschicken?
-- oder thut es das?«
»Allerdings, meine Liebe, das würde helfen und begünstigen sein, --
verstehst Du?«
Mrs. Bird war eine furchtsame, scheue, kleine Frau, ungefähr vier Fuß
groß, mit sanften, blauen Augen, einem Gesichtchen, so zart wie eine
Pfirsichblüthe, und einer weichen, sanften Stimme. Was ihren Muth
betraf, so war es bekannt, daß ein mäßiger Truthahn sie durch sein
erstes Kollern oft in die Flucht gejagt hatte, und ein gewöhnlicher
Haushund sie durch bloßes Zähnefletschen zur Unterwürfigkeit bringen
konnte. Ihr Mann und ihre Kinder waren ihre Welt, und in dieser
herrschte sie mehr durch Bitte und Ueberredung, als durch Gründe und
Befehle. Es gab nur eine Art von Veranlassung, die sie zu Heftigkeit
aufreizen konnte, und diese war gerade gegen ihr sanftes, mitfühlendes
Gemüth gerichtet; -- jede Art von Grausamkeit versetzte sie in heftige
Leidenschaft, die um so auffallender und unerklärlicher war, als sie mit
der gewöhnlichen Sanftmuth ihres Gemüthes in so grellem Widerspruche
stand. Obgleich sie für gewöhnlich die nachsichtigste Mutter und so sehr
leicht zu erbitten war, so bewahrten ihre Söhne dennoch ein sehr
ehrfurchtsvolles Andenken an eine strenge Züchtigung, die sie ihnen
einst ertheilt hatte, als sie in Verbindung mit einigen gottlosen Buben
der Nachbarschaft ein hülfloses Hühnchen gesteinigt hatten.
»Ich sage Dir,« pflegte Bill zu sagen, »ich war ganz erschrocken damals.
Mutter kam auf mich zu, als wenn sie rasend wäre, und peitschte mich,
und warf mich in's Bett, ohne Abendbrod, ehe ich nur zur Besinnung
kommen konnte; und nachher hörte ich Mutter'n vor der Thüre weinen, was
mir noch mehr weh that, als alles Andere. Ich sage Dir, wir Jungens
haben nie wieder ein Huhn gesteinigt!«
Bei der gegenwärtigen Veranlassung erhob sich Mrs. Bird schnell mit hoch
gerötheten Wangen, die ihre ganze Erscheinung verschönerten, ging mit
einer ganz entschlossenen Miene auf ihren Mann zu und sagte zu ihm in
entschiedenem Tone:
»Nun, John, ich möchte wissen, ob Du solch ein Gesetz für recht und
christlich hältst?«
»Du wirst mich doch nicht todt schießen, Marie, wenn ich ja sage?«
»Ich hätte es nie von Dir gedacht, John; -- nicht wahr, Du hast nicht
dafür gestimmt?«
»Ganz gewiß habe ich, mein schöner, kleiner Politiker.«
»So solltest Du Dich schämen, John! Arme, heimathlose, obdachlose
Geschöpfe! Es ist ein schändliches, schlechtes, abscheuliches Gesetz,
und ich will bei der ersten Gelegenheit, die sich mir darbietet, es
übertreten; und ich hoffe, daß sich mir eine darbieten wird, gewiß! Es
ist weit gekommen, wenn eine Frau nicht mehr ein warmes Abendbrod und
ein Bett solchen verkümmernden Kreaturen geben kann, gerade deßhalb,
weil sie Sklaven sind, und ihr ganzes Leben lang mißhandelt und gedrückt
worden sind!«
»Aber, Marie, höre mich nur einmal an. Deine Gefühle sind ganz wahr und
achtungswerth, und ich liebe Dich um ihrer willen; aber, meine
Theuerste, wir dürfen unser Urtheil nicht mit unsern Gefühlen davon
laufen lassen; bedenke, es hat nichts mit unsern Privatempfindungen zu
thun, -- es handelt sich hier um große, allgemeine Interessen, -- es
herrscht und steigert sich täglich eine so allgemeine Aufregung, daß wir
unsere Privatempfindungen bei Seite setzen müssen.«
»Höre, John, ich verstehe nichts von Politik, aber ich kann meine Bibel
lesen; und die sagt mir, daß ich Hungrige speisen, Nackte kleiden und
die bekümmerten Herzens sind, trösten soll; und meiner Bibel bin ich zu
folgen entschlossen.«
»Allein in Fällen, in denen eine solche Handlungsweise von Deiner Seite
große allgemeine Nachtheile zur Folge haben würde --«
»Gott gehorchen kann nie allgemeine Uebel herbei führen; ich weiß, es
kann nicht. Es ist immer am sichersten, überall das zu thun, was =Er uns
gebietet=!«
»Höre mich nur einmal an, Marie, und ich kann Dir einen ganz klaren
Beweis geben, daß --«
»O Thorheit, John! Du könntest die ganze Nacht sprechen, es würde Dir
doch nicht gelingen. Ich frage Dich, John, könntest Du ein armes,
frierendes, hungriges Wesen von der Thür jagen, weil es ein entlaufener
Sklave ist? Könntest =Du= es thun?«
Um die Wahrheit zu sagen, unser Senator hatte das Unglück, ein Mann von
ganz besonders menschenfreundlichem, zugänglichem Gemüthe zu sein, und
Jemanden von sich zu stoßen, der sich in Noth und Elend befand, war nie
seine starke Seite gewesen; und was die Verlegenheit, in welche ihn
dieses Argument versetzte, noch vermehrte, war das, daß seine Frau es
wußte, und also einen Angriff auf einen ganz unzuvertheidigenden Punkt
machte. Er nahm deßhalb zu den unter solchen Umständen gewöhnlichen
Mitteln, Zeit zu gewinnen, Zuflucht: er sagte »hm« und hustete mehrmals,
und nahm sein Taschentuch heraus, um seine Brillengläser abzuwischen.
Mrs. Bird inzwischen, die den vertheidigungslosen Zustand des
feindlichen Gebietes erkannte, war gewissenlos genug, ihren Vortheil
noch weiter zu verfolgen.
»Ich möchte Dich das wohl thun sehen, John, -- wahrlich! Zum Beispiel,
ein Weib in ein Schneegestöber hinausstoßen; oder vielleicht würdest Du
sie aufnehmen und dann in's Gefängniß abliefern, -- nicht wahr? Das wäre
ganz was für Dich!«
»Es würde natürlich eine sehr unangenehme Pflicht für mich sein,« begann
Mr. Bird in gemäßigtem Tone.
»Pflicht, John! gebrauche nicht diesen Ausdruck! Du weißt, es ist keine
Pflicht, es kann keine Pflicht sein! Wenn Leute wollen, daß ihre Sklaven
nicht davonlaufen, so mögen sie sie gut behandeln, -- das ist meine
Ansicht. Wenn ich Sklaven besäße (was, ich hoffe, nie geschehen wird),
so möchte ich wohl sehen, ob sie mir oder Dir davonlaufen würden, John.
Ich sage Dir, sie laufen nicht davon, wenn sie glücklich sind; und wenn
sie entfliehen, -- die armen Wesen! -- so haben sie genug an Kälte,
Hunger und Furcht auszustehen, auch wenn sie nicht von Jedermann
feindlich behandelt und verfolgt werden; Gesetz oder nicht, ich will es
nimmer thun, so helfe mir Gott!«
»Marie! Marie! Meine Liebe, laß mich mit Dir aus Gründen streiten,«
sagte Mr. Bird.
»Ich hasse dieses Streiten aus Gründen, John, -- besonders über solche
Gegenstände. Ihr Politiker habt eine Weise, eine einfache, richtige
Sache gänzlich zu verdrehen, und wenn es zum Handeln kömmt, so glaubt
Ihr selbst nicht dran. Ich kenne Dich zu gut, John, Du hältst es ebenso
wenig für recht wie ich, -- und Du würdest es ebenso wenig thun wie
ich.«
In diesem kritischen Momente steckte der alte Cudjoe, der einzige
schwarze Diener des Hauses, seinen Kopf in die Thür und bat, »daß
Missis in die Küche kommen möchte;« und unser Senator, ziemlich
erleichtert, schaute seiner kleinen Frau mit einer komischen Mischung
von Vergnügen und Aerger nach, und setzte sich sodann in den Lehnstuhl
und begann die Zeitungen zu lesen.
Wenige Augenblicke nachher wurde die Stimme seiner Frau in einem
hastigen, eifrigen Tone an der Thür gehört: -- »John! John! bitte, komm'
einen Augenblick hierher!«
Mr. Bird legte die Zeitungen bei Seite und ging nach der Küche, wo er
über den Anblick erschrack, der sich ihm darbot. Ein junges, schlank
gebautes Frauenzimmer, mit zerrissenen und gefrorenen Kleidungsstücken,
nur mit einem Schuhe bekleidet, während von dem andern verwundeten und
blutenden Fuße der Strumpf herabgerissen war, befand sich in einer
todtenähnlichen Ohnmacht auf zwei Stühlen liegend. Der Ausdruck des
verachteten Geschlechtes lag auf ihrem Gesichte, aber jeder Umstehende
fühlte unwillkührlich die rührende, traurige Schönheit desselben,
während die steinerne Schärfe, der kalte, starre, todtenähnliche Anblick
einen feierlichen Schauer über Jeden ausgossen. Mr. Bird hielt den Athem
an und stand schweigend da. Seine Frau und deren einzige farbige
Dienerin, die alte Tante Dinah, waren eifrigst bemüht, wiederbelebende
Mittel zur Anwendung zu bringen, während der alte Cudjoe den Knaben auf
seinem Schooße hielt, ihm die Schuhe und Strümpfe auszog und die kalten
kleinen Füße zu erwärmen versuchte.
»Nu sicher, ist's nicht ein schrecklicher Anblick zu sehen!« sagte die
alte Dinah mitleidig; »'s scheint, sie ist von der Hitze ohnmächtig
geworden. Sie war ziemlich munter als sie hereinkam, und fragte, ob sie
sich hier ein Bißchen wärmen könnte; und ich wollte sie just fragen, wo
sie her käme, als sie gradezu ohnmächtig niederfiel. Hat nie viel harte
Arbeit gethan, vermuthe, nach ihren Händen.«
»Armes Wesen!« sagte Mrs. Bird mitleidig, während das Frauenzimmer
langsam ihre großen, schwarzen Augen aufschlug, und gedankenlos um sich
schaute. Plötzlich fuhr ein schmerzhafter Zug über ihr Gesicht, und sie
sprang auf mit den Worten: »O mein Harry! Haben sie ihn?«
Der Knabe, als er dies hörte, sprang von Cudjoe's Schooß, und lief an
ihre Seite, indem er seine Arme zu ihr hinaufstreckte. »O, da ist er! da
ist er!« rief sie.
»O Madame,« fuhr sie in wilder Aufregung fort, »ich bitte Sie,
beschützen Sie uns! lassen Sie sie ihn mir nicht nehmen!«
»Niemand soll Dir hier ein Leid zufügen, armes Weib,« sagte Mrs. Bird,
ihr Muth einflößend. »Du bist hier sicher; fürchte nichts.«
»Gott segne Sie!« sagte das Weib schluchzend und ihr Gesicht bedeckend,
während der Knabe, als er seine Mutter weinen sah, auf ihren Schooß zu
steigen versuchte.
Durch manche sanfte, weibliche Zusprache, die Niemand besser verstand
als Mistreß Bird, wurde das arme Weib allmählig ruhiger. Ein
einstweiliges Bett wurde für sie auf den Sitz am Feuer aufgeschlagen;
und nach kurzer Zeit fiel sie mit dem Kinde in einen festen Schlaf,
welches, nicht weniger ermüdet, ebenfalls in tiefen Schlummer versank,
während sie es in ihrem Arme hielt; denn die Mutter widerstand mit
fieberhafter Angst jedem, auch dem freundlichsten Versuche, es ihr
abzunehmen, und selbst während des Schlafes preßte sich ihr Arm mit
krampfhaftem Drucke um dasselbe, als könne sie selbst dann nicht in
ihrer wachsamen Hut betrogen werden.
Mr. und Mistreß Bird waren nach ihrem Zimmer zurückgegangen, wo, so
sonderbar es erscheinen mag, von keiner Seite irgend eine Erwähnung der
vorangegangenen Unterhaltung gemacht wurde, indem Mrs. Bird eifrig zu
stricken begann, und Mr. Bird sich den Anschein gab, als lese er die
Zeitungen.
»Ich möchte wissen, wer und was sie ist!« sagte endlich Mr. Bird, das
Blatt niederlegend.
»Wenn sie aufwacht und sich erholt hat, können wir es hören,« entgegnete
Mrs. Bird.
»Höre, Frau!« sagte Mr. Bird, nachdem er wieder eine Weile über seinen
Zeitungen gebrütet hatte.
»Was, lieber Mann?«
»Sie könnte wohl keins von Deinen Kleidern tragen, wenn Du einen Saum
ausließest, oder so etwas? Sie scheint etwas größer zu sein als Du.«
Ein stilles Lächeln schimmerte über Mistreß Bird's Gesicht, während sie
antwortete: »Wir wollen sehen.«
Nach einer neuen Pause brach Mr. Bird von Neuem hervor: »höre Frau!«
»Was denn nun?«
»Sieh, da ist der alte Mantel von Bombasin, den Du besonders aufhebst,
um ihn über mich zu breiten, wenn ich mein Nachmittagsschläfchen mache,
-- den könntest Du ihr wohl geben, -- sie braucht neue Kleidung.«
In diesem Augenblicke schaute Dinah in die Thür mit der Anzeige, daß die
Frau erwacht sei, und Missis zu sehen wünsche.
Mr. und Mistreß Bird gingen nach der Küche, von ihren beiden ältesten
Söhnen gefolgt, während die jüngere Brut vorher schon in ihre Betten
sicher niedergelegt worden war.
Die Frau saß jetzt aufrecht auf dem Sitze am Feuer, unverwandt in die
Gluth mit einem ruhigen, schmerzlichen Ausdrucke schauend, der von ihrer
vorherigen, wilden Aufregung sehr verschieden war.
»Hast Du nach mir verlangt?« sagte Mrs. Bird in sanften Tönen. »Ich
hoffe, Du fühlst Dich jetzt wohler, arme Frau.«
Ein tiefer, bebender Seufzer war die einzige Antwort; aber sie schlug
ihre dunklen Augen auf, und heftete sie auf die Fragende mit einem so
trostlosen, flehenden Blicke, daß der kleinen Frau augenblicklich die
Thränen in die Augen traten.
»Du brauchst Dich nicht zu fürchten, wir sind Freunde hier, arme Frau!
Sage mir, woher Du kommst, und was Du willst?« sagte sie.
»Ich kam von Kentucky,« entgegnete die Frau.
»Wann?« fragte Mr. Bird, das Verhör fortsetzend.
»Diesen Abend.«
»Auf welche Weise kamst Du herüber?«
»Ich ging über das Eis.«
»Ueber das Eis?« wiederholten alle Umstehenden.
»Ja,« entgegnete die Frau langsam. »Gott half mir, und ich ging über das
Eis; denn Jene waren hinter mir, -- dicht hinter mir, -- und es gab
keinen andern Weg!«
»O Herr!« rief Cudjoe, »Missis, das Eis ist lauter Stücke und Blöcke, --
geht auf und nieder in dem Wasser!«
»Ich wußte das, -- ich wußte es!« sagte sie wieder mit lebhafter
Aufregung; -- »aber ich that es! Ich hätte nicht gedacht, daß ich's
könnte, -- ich dachte nicht, daß ich hinüber kommen würde, aber 's war
mir gleich! ich konnte nur sterben, wenn's nicht gelang. Der Herr half
mir; -- o Niemand weiß, wie groß die Hülfe des Herrn ist, bis er's
versucht,« sagte die Frau mit flammendem Auge.
»Warst Du Sklavin?« fragte Mr. Bird.
»Ja, Herr, ich gehörte einem Manne in Kentucky.«
»War er hart gegen Dich?«
»Nein, Herr, er war ein guter Herr.«
»Oder war Deine Mistreß hart gegen Dich?«
»Nein, o nein! meine Mistreß war immer gut gegen mich.«
»Was hat Dich denn aber veranlaßt, eine gute Heimath zu verlassen, und
davon zu laufen, um Dich solchen Gefahren auszusetzen?«
Die Frau schaute auf zu Mrs. Bird mit einem scharfen, forschenden
Blicke, und es entging ihr nicht, daß diese in tiefe Trauer gekleidet
war.
»Madame,« sagte sie plötzlich, »haben Sie jemals ein Kind verloren?«
Die Frage kam unerwartet, und war ein Stoß auf eine frische Wunde; denn
erst einen Monat zuvor war ein Lieblingskind der Familie in's Grab
gelegt worden.
Mr. Bird wandte sich um und ging an's Fenster, und Mrs. Bird brach in
Thränen aus; aber ihre Stimme wieder sammelnd, sagte sie:
»Warum fragst Du mich das? -- ja, ich habe ein Kind verloren.«
»Dann werden Sie für mich empfinden. Ich habe zwei verloren, eins nach
dem andern, -- ich ließ dort ihre Gräber zurück, als ich fortging, --
und hatte nur dieses Eine noch. Ich schlief nie eine Nacht ohne ihn; er
war Alles, was ich besaß. Er war mein Trost und mein Stolz, Tag und
Nacht! und, Madame, sie wollten ihn mir nehmen, -- ihn verkaufen --
verkaufen nach Süden hinunter, -- das Kind, das noch nie in seinem Leben
seine Mutter verlassen hatte! -- Ich konnt' es nicht tragen, Madame. Ich
wußte, daß ich nie wieder zu etwas tauglich sein würde, wenn sie es
thaten; und als ich deßhalb wußte, daß die Papiere unterzeichnet waren,
und daß er verkauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht; und sie
verfolgten mich, -- der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige andre
von Masters Leuten, -- und sie kamen dicht hinter mir, und ich hörte
sie. Da sprang ich auf's Eis, -- und wie ich hinüber kam, weiß ich
nicht, -- das Erste, was ich mich besinnen kann, war, daß mir ein Mann
das Ufer hinauf half.«
Das Weib schluchzte nicht und weinte nicht; es war bis zu einem Stadium
gelangt, wo Thränen versiegen. Aber alle Umstehenden verriethen, je nach
der ihnen eigenthümlichen Weise, das innigste Mitgefühl.
Die beiden kleinen Knaben, nachdem sie verzweiflungsvoll ihre Taschen
nach jenen Tüchern durchsucht hatten, von denen Mütter wissen, daß sie
dort nie zu finden sind, hatten ihre Gesichter in die Falten des
mütterlichen Kleides gesteckt und schluchzten und wischten sich die
Augen und Nase nach Herzenslust. Mrs. Bird verbarg ihr Gesicht
vollständig im Taschentuche; und die alte Dinah, über deren schwarzes,
ehrliches Gesicht die Thränen hinab strömten, rief wiederholt, und mit
all' der Inbrunst einer Brüderversammlung: »O Herr! sei uns gnädig!«
während der alte Cudjoe, seine Augen heftig mit dem Rockärmel reibend
und die seltsamsten und verschiedenartigsten Gesichter dabei schneidend,
zuweilen aus demselben Schlüssel, und mit großer Inbrunst, antwortete.
Unser Senator war ein Staatsmann, und konnte deshalb nicht, wie andre
Sterbliche, weinen; und deshalb wandte er der ganzen Gesellschaft den
Rücken, und sah zum Fenster hinaus, und schien besonders bemüht seine
Kehle zu reinigen, und seine Augengläser abzuwischen, wobei er sich
zuweilen in einer Weise ausschnaubte, die Verdacht hätte erregen können,
wenn Jemand im Stande gewesen wäre, ihn genau zu beobachten.
»Wie kamst Du dazu, mir zu sagen, daß Du einen guten Herrn gehabt
habest?« rief plötzlich Mr. Bird, indem er gewaltsam etwas hinunter
schluckte, was ihm in der Kehle aufstieg, und sich plötzlich nach der
Frau umwandte.