»Halt Euer Maul davon,« entgegnete Tom brummisch. »Kann meist all' Euer

Geschwätz aushalten, ausgenommen Euren frommen Unsinn. Und am Ende, was

ist denn der Unterschied zwischen Euch und mir? 'S ist nicht, daß Ihr

Euch ein Bißchen mehr daraus macht, oder daß Ihr ein Bißchen mehr Gefühl

habt, -- nein, 's ist reine, klare, hünd'sche Gemeinheit, -- wollt' den

Teufel betrügen, und Eure eigne Haut retten; -- seh' ich nicht durch und

durch? All Euer religiös Werden, wie Ihr's nennt, ist zu erbärmlich

gemein für irgend eine Kreatur; -- habt Euer ganzes Leben 'ne lange

Rechnung mit dem Teufel gemacht, und wollt Euch dann davon schleichen,

wenn's an's Zahlen geht! Pah!«

»Kommt', kommt', meine Herren, halt, das ist kein Geschäft,« sagte

Marks. »Ihr wißt, es giebt verschiedene Seiten, alle Dinge zu

betrachten. Mr. Haley ist ein vortrefflicher Mann, ohne Zweifel, und hat

sein eignes Gewissen; und Ihr, Tom, habt Eure Ansichten, und sehr gute,

Tom; aber Streit anfangen, wißt Ihr, führt zu keinem Zwecke. Laßt uns

also an's Geschäft gehen. Nun, Mr. Haley, was ist's? -- Ihr wollt, wir

sollen's übernehmen, die Dirne da einzufangen?«

»Die Dirne geht mich nichts an, -- sie gehört Shelby; 's ist nur ihr

Junges. Ein Esel war ich, daß ich den Affen gekauft habe!«

»Ihr seid meist immer ein Esel!« sagte Tom brummisch.

»Na, Locker, keine Bisse weiter,« sagte Marks, seine Lippen leckend;

»Ihr seht, Mr. Haley will uns ein gutes Geschäft machen lassen, gewiß;

nun seid 'mal ruhig; -- diese Art Sachen abzumachen das ist grade mein

Forte. Also, Mr. Haley, diese Dirne, -- wie ist sie? was ist sie?«

»Nun, -- weiß und hübsch, -- gut aufgebracht. Ich hätte Shelby so 'n

achthundert oder tausend für geboten, und doch noch ein gutes Geschäft

mit gemacht.«

»Weiß und hübsch, -- gut aufgebracht!« sagte Marks, während seine

scharfen Augen, Nase und Mund von Begierde strahlten; -- »nun, schaut

hier, Locker, ist das nicht eine prächtige Gelegenheit? Wir machen hier

ein Geschäft für eigne Rechnung; -- wir besorgen 's Fangen: -- das Junge

natürlich kriegt Mr. Haley, -- und die Dirne bringen wir nach Orleans,

und speculiren mit. Ist es nicht prächtig?«

Tom, dessen großer, schwerer Mund während der Mittheilung weit offen

gestanden hatte, ließ ihn jetzt plötzlich zuschnappen, ungefähr so, wie

ein großer Hund ein Stück Fleisch fest zu halten pflegt, und schien die

Idee in Gemächlichkeit verdauen zu wollen.

»Seht,« sagte Marks zu Haley, während er seinen Punsch umrührte, »seht,

wir haben hier das ganze Ufer entlang, auf allen Punkten, Richter genug,

die uns 'nen kleinen Gefallen in unsern Geschäften thun, -- ganz billig.

Tom besorgt das Festhalten und so, -- und ich komme dann herein, --

angezogen, -- blanke Stiefeln, -- alles großartig, wenn das Schwören

abzunehmen ist. Solltet nur 'mal sehen,« sagte Marks in einem Gefühle

geschäftigen Stolzes, »wie ich dabei reden kann. Heut bin ich Mr.

Twickem, von New-Orleans, -- und morgen komm' ich von meinen Plantagen

am Perl-Fluß; und ein andres Mal bin ich ein weitläufiger Verwandter von

Henry Clay, oder sonst irgend 'nen alten Hahn in Kentucky. Ihr wißt,

Talente sind verschieden. Tom ist ein Hauptkerl, wenn's an's Schlagen

geht, -- aber lügen, -- nein, dazu ist er nichts nütze, Tom nicht, --

seht, 's ist ihm gar nicht natürlich; aber, Herr, wenn da Einer ist, im

ganzen Lande, der Alles und Jedes beschwören kann, und alle die Umstände

und was dazu gehört, hinein bringen kann, und bringt's besser durch als

ich, -- den möcht' ich sehen! -- Ich glaube, -- meiner Seel' -- ich käme

durch, wenn auch die Richter genauer wären, als sie sind. Manchmal war's

mir wirklich lieber, wenn sie genauer waren; -- 's machte mehr Spaß, --

wißt Ihr.«

Tom Locker, der, wie wir angedeutet haben, ein Mensch von langsamen

Entschlüssen und Bewegungen war, unterbrach hier Marks dadurch, daß er

seine schwere Faust in solcher Weise auf den Tisch niederfallen ließ,

daß Alles davon wiederhallte. »Das 's genug!« rief er.

»Gott sei bei Euch, Tom, Ihr braucht ja nicht alle Gläser zu

zerbrechen!« sagte Marks; »hebt Euch Eure Faust auf, wenn's Noth thut.«

»Aber, meine Herren, soll ich denn keinen Theil am Profit haben?« fragte

Haley.

»Ist 's nicht genug, wenn wir 's Junge für Euch fangen?« sagte Locker.

»Was wollt Ihr weiter?«

»So,« sagte Haley, »wenn ich Euch 's Geschäft gebe, so ist's doch 'was

werth, -- wenigstens zehn Procent vom Profit, die Ausgaben abgerechnet.«

»Nu seht mir,« sagte Locker mit einem schrecklichen Fluche seine schwere

Faust von Neuem auf den Tisch nieder schlagend, -- »kenn' ich denn Euch

nicht, Daniel Haley? Denkt nur nicht, daß Ihr über mich kommen wollt!

Nicht wahr, -- Marks und ich, wir haben den Fanghandel angefangen grade

nur um solchen Herren, wie Ihr seid, zu dienen, und nichts für uns

selbst dabei zu haben? -- Nein, noch lange nicht, wir wollen's

Frauenzimmer haben -- ganz, und Ihr haltet 's Maul, oder -- versteht

Ihr -- wir wollen sie beide haben. -- Wer sollt' uns hindern? -- Habt Ihr

uns nicht gezeigt, wie man 's machen muß? 'S ist uns so gut erlaubt wie

Euch, denk' ich; -- und wenn Ihr oder Shelby etwa Jagd auf uns machen

wollt, -- na, da seht zu wo die Rebhühner voriges Lager lagen; -- wenn

Ihr sie findet, soll's recht sein.«

»Schon gut, versteht sich, laßt 's nur so gehen,« sagte Haley

unruhig: -- »Ihr fangt mir den Jungen dafür; -- weiß ja, Tom, Ihr habt

immer ehrlich mit mir gehandelt, und Euer Versprechen gehalten.«

»Ihr wißt's,« sagte Tom, »daß ich keinen von Euren Schleich- und

Schniffelwegen habe, aber ich will auch selbst den Teufel nicht belügen

in meinem Geschäfte; -- was ich sage, das halt' ich, -- Ihr wißt das,

Dan Haley!«

»Ganz recht, ganz recht, ich sagt's schon,« entgegnete Haley, »und wenn

Ihr mir nur versprechen wollt, den Jungen in acht Tagen oder so an

irgend 'nen bestimmten Ort zu bringen, -- das ist Alles, was ich will.«

»Aber, 's ist nicht Alles, was ich will, -- lange nicht, --« sagte Tom.

»Ihr müßt nicht denken, ich bin mit Euch in Natchez im Geschäfte gewesen

für nichts, Haley; -- ich hab's gelernt von Euch 'nen Aal festzuhalten,

wenn ich ihn gefangen habe. Ihr müßt mir fünfzig Dollar spucken, baar

Geld, -- oder mit dem Kinde geht's keinen Schritt vorwärts -- kenne

Euch!«

»Was, wenn Ihr ein Geschäft macht, was Euch 'en tausend oder

sechszehnhundert rein einbringt, Tom, -- das ist unbillig,« sagte Haley.

»Ja, und haben wir denn nicht Geschäfte auf fünf Wochen vollauf, -- mehr

als wir machen können? Und wenn wir nun Alles liegen lassen und rennen

hinter Eurem Jungen her und kriegen endlich 's Weibsstück doch nicht, --

und Weibsvolk ist teufelmäßig zu fangen, -- was dann? Werdet Ihr uns

dann einen Cent bezahlen, -- he, wollt Ihr? O ja, ich seh's Euch schon

thun, -- uf! -- Nein, nein, Ihr schmeißt Eure fünfzig Dollar 'raus. Wenn

wir 's Geschäft machen und 's lohnt sich, so sollt Ihr sie zurück haben;

wenn nicht, so ist's für unsre Mühe, -- das ist nicht mehr als billig,

nicht wahr, Marks?«

»Versteht sich, versteht sich,« sagte Marks mit versöhnendem Tone, --

»'s ist nur ein Kostenvorschuß, versteht Ihr -- he! he! he! -- wir sind

Advokaten. Wohl, wir müssen Alle bei guter Laune bleiben -- versteht

Ihr. Tom bringt Euch den Jungen wohin Ihr ihn haben wollt, -- nicht

wahr, Tom?«

»Wenn ich 's Junge finde, will ich's nach Cincinnati bringen und bei

Granny Betcher, am Strande, lassen,« sagte Locker.

Marks hatte inzwischen aus seiner Tasche eine schmutzige Brieftasche

hervorgeholt, aus welcher er ein langes Papier herausnahm, sich

niedersetzte und seine stechenden, schwarzen Augen darauf heftend,

dessen Inhalt halblaut und abgebrochen zu lesen begann: »Barnes --

Shelby Distrikt -- Bursche Jim, dreihundert Dollar, todt oder lebendig.

-- Edwards -- Dick und Luey -- Mann und Frau, sechshundert Dollar; --

Weib Polly mit zwei Jungen -- sechshundert für sie oder ihren Kopf.«

»Ich laufe grade nur unsre Liste über, um zu sehen, ob wir das Geschäft

handlich übernehmen können. Locker,« sagte er nach einer Pause, »ich

denke, wir müssen Adams und Springer auf die Spur setzen; die sind schon

'ne gute Weile hier notirt.«

»Werden zu viel fordern,« sagte Tom.

»Das will ich schon abmachen; -- sind noch jung im Geschäfte und müssen

billig arbeiten,« sagte Marks, während er fortfuhr zu lesen. »Hier sind

drei ganz leichte Fälle, -- haben natürlich nichts weiter zu thun, als

sie niederzuschießen oder zu schwören, daß sie niedergeschossen sind, --

können nicht viel fordern dafür. Die andern Fälle,« fügte er hinzu, sein

Papier wieder zusammenschlagend, »lassen sich schon noch 'ne Weile

aufschieben. Also laßt uns die besondern Umstände hören, Mr. Haley. Ihr

habt sie also gesehen, die Dirne, als sie an's Ufer kam?«

»Zuverlässig, -- so deutlich, wie ich Euch sehe.«

»Und ein Mann half ihr das Ufer hinauf?« fragte Locker.

»Freilich, das hab' ich gesehen.«

»Wahrscheinlich,« sagte Marks, »ist sie irgendwo versteckt worden; aber

wo -- das ist die Frage. Tom, was sagt Ihr?«

»Müssen heute Abend noch über den Fluß, -- keine Frage,« sagte Tom.

»Aber da ist kein Boot,« sagte Marks; -- »und das Eis treibt

fürchterlich, Tom, -- ist's nicht gefährlich?«

»Weiß nicht -- nichts, -- aber 's muß geschehen,« sagte Tom entschieden.

»Nun, aber,« sagte Marks unruhig, »'s wird -- seht nur,« an das Fenster

gehend, »'s ist finster wie in 'nem Wolfsrachen, und, Tom --«

»Kurz und lang, Ihr seid furchtsam, Marks; -- kann aber nichts helfen,

-- müßt hinüber. Glaube gar, Ihr wollt hier ein paar Tage liegen

bleiben, bis die Dirne in die Niederung geschleppt ist, nach Sandusky

oder so, eh' Ihr Euch dran macht.«

»O nein, bin nicht furchtsam, -- gar nicht,« sagte Marks, »nur --«

»Was nur?« sagte Tom.

»Ich meine 's Boot. Ihr seht, 's ist kein Boot hier.«

»Die Frau hat mir gesagt, daß eins kommt diesen Abend, und daß ein Mann

drin überfahren will. Alles oder nichts, wir müssen mit ihm hinüber,«

sagte Tom.

»Ihr habt doch gute Hunde?« sagte Haley.

»Die allerbesten,« sagte Marks; »aber was helfen sie? Ihr habt nichts

von ihr, um sie dran riechen zu lassen.«

»O ja,« entgegnete Haley triumphirend. »Hier ist ihr Tuch, was sie in

der Eile auf dem Bette zurückgelassen hat, -- und ihr Hut auch.«

»Das ist gut,« bemerkte Locker, »gebt's her.«

»Aber die Hunde könnten 's Weib beschädigen, wenn sie unversehends drauf

zu kämen,« sagte Haley.

»Freilich, das ist 'ne andre Frage,« erwiderte Marks. »Unsre Hunde

rissen neulich 'nen Kerl halb in Stücke, in Mobile, eh' wir sie von ihm

loskriegen konnten.«

»Ja, also, seht, =die= Sorte wird verkauft darnach wie sie aussieht,

also, seht, -- das geht nicht,« sagte Haley.

»Freilich,« entgegnete Marks. »Außerdem, wenn sie irgendwo versteckt

worden ist, hilft's auch nichts. Hunde sind nichts nütze hier in diesen

Staaten, wo sie diese Ausreißer fahren; natürlich, sie können die Spur

nicht finden. Sie sind nur weiter unten gut, in den Plantagen, wo die

Niggers, wenn sie ausreißen wollen, selbst laufen müssen und keine Hülfe

bekommen.«

»Na denn,« sagte Locker, der inzwischen hinausgegangen war, um

Erkundigungen einzuziehen, »ich höre, der Mann mit dem Boote ist

gekommen; also Marks --«

Dieser Ehrenmann warf einen traurigen Blick auf die behaglichen

Verhältnisse, die er verlassen mußte, aber erhob sich langsam von seinem

Sitze, um zu gehorchen. Nach einigen weiter gewechselten Worten, das

Uebereinkommen betreffend, händigte Haley mit sichtbarem inneren

Sträuben, die fünfzig Dollar an Tom aus, und das würdige Trio trennte

sich sodann für diesen Abend.

Wenn Einigen unter unsern gebildeten und christlichen Lesern die

Gesellschaft zuwider ist, in welche sie in dieser Scene eingeführt

worden sind, so müssen wir sie bitten, ihre Vorurtheile bei Zeiten zu

bekämpfen, indem wir sie daran erinnern, daß das Geschäft des Einfangens

der Sklaven jetzt angefangen hat zu einem gesetzlichen und patriotischen

Berufe erhoben zu werden. Wenn all' das weite Land zwischen dem

Mississippi und dem stillen Ocean ein großer Markt für Körper und Seelen

wird und menschliches Eigenthum die locomotiven Tendenzen des

neunzehnten Jahrhunderts beibehält, so können der Sklavenhändler und der

Sklavenfänger leicht noch in den Reihen unserer Aristokratie Aufnahme

finden.

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Während diese Scene sich im Wirthshause zutrug, verfolgten Sam und Andy

in höchster Selbstzufriedenheit ihren Rückweg. Sam befand sich im

Zustande der vollkommensten Ausgelassenheit und drückte seinen Jubel

durch übernatürliches Schreien und Geheul aller Art und durch die

verschiedenartigsten Bewegungen und Verdrehungen seines ganzen Körpers

aus. Zuweilen saß er rückwärts, mit dem Gesichte nach dem Pferdeschweife

zugewendet und sprang dann plötzlich mit einem Schrei und Burzelbaume

herum auf die andre Seite und zog sein Gesicht in eine ernste Länge und

begann Andy in hochtrabenden Worten Vorhaltungen über sein Lachen und

seine Narrenstreiche zu machen. Mit allen diesen Evolutionen gelang es

ihm, die Pferde in vollster Eile zu erhalten, bis deren Hufe endlich

zwischen zehn und elf Uhr auf dem gepflasterten Wege unter dem Balkone

des Hauses erklangen. Mistreß Shelby flog hinaus auf den Balkon.

»Bist Du es, Sam? Wo sind sie?« rief sie.

»Master Haley ausruht in dem Wirthshause; er 's schrecklich müde,

Missis,« entgegnete Sam.

»Und Elisa, Sam?«

»Sie 's über den Jordan, -- wie man könnte sagen, im Lande Canaan.«

»Wie, Sam, was meinst Du?« sagte Mrs. Shelby athemlos und beinahe

ohnmächtig, als sie die mögliche Meinung dieser Worte faßte.

»Wohl, Missis, der Herr schützt die Seinen. Lizy ist über den Fluß

gekommen, in Ohio, so merkwürdig, als wenn sie der Herr hinüber getragen

hätte in 'nem feurigen Wagen und zwei Pferden.«

Sam's Frömmigkeitsader war immer sehr voll und warm, wenn er vor seiner

Mistreß stand, und er pflegte sich dann stark in biblischen Figuren und

Bildern zu bewegen.

»Komm' hier herauf, Sam,« sagte Mr. Shelby, der seiner Frau in die

Veranda gefolgt war, »und erzähle Deiner Mistreß, was sie zu wissen

verlangt. Komm', komm', Emilie,« fügte er dann hinzu, »Du bist kalt und

frierst; Du gibst Dich Deinen Gefühlen zu sehr hin.«

»Meinen Gefühlen zu sehr hin? Bin ich nicht ein Weib und -- eine Mutter?

Sind wir nicht beide Gott für dieses arme Wesen verantwortlich? O mein

Gott! schreibe diese Sünde nicht in unser Schuldbuch!«

»Welche Sünde, Emilie? Du siehst ja selbst, daß wir nur das gethan

haben, was wir gezwungen waren zu thun.«

»Und dennoch lastet ein schreckliches Gefühl von Schuld auf mir,« sagte

Mrs. Shelby, -- »ich kann es durch keine Vernunftgründe verscheuchen.«

»Hier Andy, Du, Nigger, sei munter!« rief Sam unter der Veranda; »bringe

hier diese Pferde in den Stall, -- hörst nicht Master rufen?« und gleich

darauf erschien Sam, sein Palmblatt in der Hand, in der Thür des

Zimmers.

»Nun, Sam, erzähle uns deutlich, was sich begeben hat,« sagte Mr.

Shelby. »Wo ist Elisa, wenn Du es weißt.«

»Wohl, Master, ich sah sie mit mein eigen Augen, wie sie ging 'nüber das

schwimmende Eis. 's war ganz erstaunlich, 's war beinahe ein Wunder; --

und dann sah' ich einen Mann, der half ihr 'nauf die Ohioseite, und dann

war sie verschwunden in Nebel.«

»Sam, dies kommt mir etwas apocryphisch vor -- dieses Wunder. Ueber das

schwimmende Eis zu gehen, ist nicht so leicht,« sagte Mr. Shelby.

»Leicht, -- kein Mensch hätt's thun können ohne den Herrn. Ja, seht,«

sagte Sam, »'s war just so. Master Haley, und ich, und Andy, wir kommen

an das kleine Wirthshaus am Flusse, und ich reite ein Stückchen voraus

(war so begierig Lizy zu fangen, konnt' mich gar nicht halten) -- und

wie ich näher an's Fenster komme, da stand sie groß und breit, und =Die=

hinter mir drein. So ich verliere meinen Hut, und schreie auf laut

genug, um alle Todten aufzuwecken. Lizy, natürlich, hört's und duckt

sich, wie Master Haley das Fenster passirt; und dann, seht, springt sie

durch 'ne Seitenthür hinaus und hinunter an den Fluß. Master Haley sah

sie ganz deutlich, und schrie uns zu, und er und ich und Andy, wir

hinter ihr drein. -- Sie springt grad' hinunter an den Fluß, und da ging

ein Strom am Ufer entlang -- zehn Fuß breit -- und dahinter 'ne große

Menge Eis auf und nieder -- grade als wär's ein Eiland. Wir sind dicht

hinter ihr, und ich dacht' mein Seel', er hätte sie sicher genug, --

wenn sie mit einmal solchen Schrei ausstößt wie ich nimmer gehört, --

und da war sie -- grad' hinüber über den Strom -- bis auf's Eis, und nun

ging sie weiter -- springend und schreiend, -- und das Eis ging krack!

-- krack! -- auf und nieder -- und sie drüber weg springt grad' wie ein

Bock! -- O Herr! die Sprünge, die diese Dirnen in sich haben, 's ist

unglaublich -- denk' ich!«

Mrs. Shelby saß schweigend da, blaß vor innerer Aufregung, während Sam

seine Geschichte erzählte.

»Gott sei gelobt, so ist sie nicht todt!« sagte sie dann; »aber wo ist

das arme Kind nun?«

»Der Herr wird sorgen,« sagte Sam, seine Augen fromm aufrollend. »Wie

ich gesagt habe, 's ist 'ne Vorsehung und kein Zweifel, wie Missis uns

immer gelehrt hat. Da immer sind Werkzeuge, um des Herrn Willen zu thun.

So, wenn's ich nicht gewesen wäre heut, sie wäre ein Dutzend Mal

gefangen worden. War's nicht ich, der die Pferde los ließ diesen Morgen

und bis gegen Mittag mit herum jagte? Und habe ich nicht Master Haley

gut fünf Meilen weit vom Wege abgebracht, diesen Abend, oder er hätte

Lizy so leicht eingeholt, wie ein Hund 'nen Affen. Diese Dinge alle

Vorsehung.«

»Diese Dinge sind eine Art Vorsehung, die ich Dir in Zukunft rathe wohl

zu vermeiden, Master Sam. Ich erlaube nicht dergleichen Streiche gegen

Herren auf meiner Besitzung,« sagte Mr. Shelby mit so vielem Ernste,

wie er unter den obwaltenden Umständen in seinem Gesichte

zusammenbringen konnte.

Es ist jedoch eben so vergeblich, einen Neger glauben machen zu wollen,

daß man erzürnt gegen ihn sei, wie ein Kind; beide erkennen

instinktmäßig den wahren Stand der Dinge, aller Bemühungen ungeachtet,

den entgegengesetzten Eindruck zu erzeugen, und Sam wurde deßhalb durch

diesen Vorwurf nicht im Geringsten entmuthigt, obgleich er die Miene

ernster Betrübniß annahm und mit heruntergezogenen Mundwinkeln in höchst

reuiger Haltung da stand.

»Master ganz recht -- ganz recht; war sehr häßlich von mir -- ohne

Zweifel, -- und natürlich, Master und Missis werden so 'was nicht gut

heißen. Sehe das ein, ja -- aber ein armer Nigger wie ich manchmal groß

in Versuchung, häßlich zu handeln, wenn ein Mensch sich solchen Anschein

geben will, wie da Mr. Haley; -- er kein Gentleman; -- wer so erzogen

worden wie ich, das leicht kann sehen.«

»Gut, Sam,« sagte Mrs. Shelby, »da Du Deine Fehler gebührender Maßen

einzusehen scheinst, so magst Du nun zu Tante Chloë gehen und ihr sagen,

daß sie Dir von dem kalten Schinken etwas geben soll, der von heut

Mittag übrig geblieben ist. Du und Andy, Ihr müßt beide hungrig sein.«

»Missis groß viel zu gut für uns,« sagte Sam, indem er seine Verbeugung

mit großer Behendigkeit machte und das Zimmer verließ.

Unsere Leser werden bemerkt haben, was von uns schon früher angedeutet

worden ist, daß Sam ein angeborenes Talent besaß, welches ihn in einem

politischen Leben ohne Zweifel zu großer Auszeichnung erhoben haben

würde, -- das Talent, ein Kapital aus Allem zu machen, was sich ihm

darbot, und es zu seinem besondern Preise und Ruhme zweckmäßig

anzulegen. Nachdem er jetzt, wie er glaubte, hinreichende Frömmigkeit

und Demuth an den Tag gelegt hatte, um sich die Zufriedenheit des

herrschaftlichen Wohnzimmers zu sichern, klappte er sein Palmblatt um

den Kopf mit einer Art #rakish, free and easy air#, und wandte sich dem

Gebiete Tante Chloë's zu, mit der Absicht, diesen Abend in der Küche

eine sehr bedeutende Rolle zu spielen.

»Ich will reden zu diesen Niggers,« sagte er zu sich selbst, »nun ich

'ne Gelegenheit habe. Herr! wie will ich das rollen auf, daß sie sollen

starren!«

Es muß hier erwähnt werden, daß es von jeher zu Sam's größten Genüssen

gehört hatte, seinen Herrn als Diener auf Reisen zu politischen

Versammlungen jeder Art begleiten zu dürfen, wo er, auf irgend einem

eisernen Gitter sitzend oder hoch oben in einem Baume hängend, die

Redner mit dem größten Wohlgefallen anzuhören schien, und sodann zu den

verschiedenartigen Brüdern seiner eignen Farbe hinab stieg, welche sich

zu demselben Zwecke hier versammelt hatten, und diese durch die

seltsamsten Possen und Nachahmungen zu ergötzen suchte, welche jedoch

alle von ihm mit dem feierlichsten und unerschütterlichsten Ernste zum

Besten gegeben wurden; und obgleich die um ihn zunächst versammelten

Zuhörer meist Brüder seiner eigenen Farbe waren, so geschah es doch

nicht selten, daß diese von einem Kranze hellerer Gesichter

eingeschlossen wurden, welche lachend und winkend zu Sam's größter

Genugthuung zuhörten. Sam sah überhaupt die Redekunst als das Feld

seines Berufes an und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, diesen Beruf

zu verherrlichen.

Leider herrschte zwischen Sam und Tante Chloë seit alten Zeiten eine Art

chronischer Fehde, oder vielmehr eine entschiedene Kälte; allein, da

Sam, als nothwendige Unterlage zu seinen Operationen, auf etwas Solides

aus dem Departement der Vorrathskammer speculirte, so beschloß er bei

dieser Gelegenheit den möglichst versöhnendsten Ton anzustimmen; denn er

wußte sehr wohl, daß, obgleich die von »Missis« gegebenen Befehle ohne

Zweifel buchstäblich befolgt werden würden, es dennoch für ihn von

Vortheil sein könne, wenn es ihm zugleich gelänge, den guten Willen

Tante Chloë's für sich zu gewinnen. Er erschien deßhalb vor ihr mit

einer rührenden Miene von Erschöpfung und Resignation, wie Jemand, der

um eines verfolgten Mitmenschen willen namenlose Leiden ausgestanden

hat, -- brachte die von »Missis« erhaltene Weisung vor, sich an Tante

Chloë wegen der zur Wiederherstellung seines Gleichgewichts

erforderlichen Speisen und Getränke zu wenden, -- und erkannte dadurch

auf unzweifelhafte Weise ihr Hoheitsrecht über das ganze

Küchendepartement mit allen Zubehörungen an.

Die List gelang vollkommen; denn nie wurde eine arme, einfache,

unschuldige Seele durch einen Stimmen sammelnden Parlamentscandidaten

leichter gewonnen, als Tante Chloë durch Sam's Schmeicheleien; und wenn

er selbst der verlorene Sohn gewesen wäre, so hätte er nicht mit mehr

mütterlicher Freigebigkeit überschüttet werden können. Er fand sich also

sehr bald, glücklich und ruhmvoll vor einer zinnernen Pfanne sitzend,

welche eine Art #olla potrida# alles dessen enthielt, was in den letzten

zwei bis drei Tagen auf den Tisch gekommen war. Saftige Scheiben

Schinken, goldene Stücke Kornkuchen und Fragmente einer Pastete von

jeder denkbaren mathematischen Figur, Hühnerflügel, Kropf und Magen,

Alles zeigte sich in einer malerischen Mischung; und Sam, als

Beherrscher alles dessen, was er übersehen konnte, saß mit fröhlich auf

die Seite gedrücktem Palmblatte davor, und erlaubte huldreich Andy, an

seiner rechten Seite zu sitzen.

Die ganze Küche war angefüllt mit seinen Gevattern, die von ihren

verschiedenen Hütten herbeigeeilt waren und sich hineingedrängt hatten,

um das Resultat der Tagesbegebenheiten zu hören. Jetzt hatte Sam's

glorreiche Stunde geschlagen. Die Geschichte des Tages wurde mit jeder

möglichen Ausschmückung wiederholt, die dazu dienen konnte, den Effekt

zu erhöhen; denn Sam, gleich einigen unserer modernen Dilettanti, ließ

nie eine Erzählung an ihrer Vergoldung dadurch verlieren, daß sie durch

seine Hände ging. Brüllendes Gelächter begleitete den Bericht, und wurde

von der jüngern Brut, welche in verschiedenen Gruppen auf dem Erdboden

und in allen Ecken umher lag, aufgenommen und fortgesetzt. Sam hingegen

bewahrte während dieses Tumultes und Gelächters den unerschütterlichsten

Ernst, nur von Zeit zu Zeit seine Augen aufrollend und seinen Zuhörern

unaussprechlich komische Blicke zuwerfend, ohne jedoch seinen

salbungsreichen Ton zu verlassen.

Onkel Tom's Hütte(#31459) · 第 7 / 12 段