»Weil er wirklich ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm sagen;

-- und meine Missis war gut; -- aber sie konnten sich nicht anders

helfen. Sie waren Geld schuldig, und auf eine oder die andre Weise, --

ich kann nicht sagen, wie, -- war es geschehen, daß ein Mann sie in

seine Gewalt bekommen hatte, und daß sie ihm seinen Willen thun mußten.

Ich horchte, und hörte, wie er dies zu Missis sagte, und wie sie für

mich bat und stritt, -- und er sagte, daß er sich nicht helfen könne,

und daß die Papiere schon alle unterschrieben wären; -- und dann nahm

ich mein Kind, und verließ meine Heimath, und floh. Ich wußte, es wäre

ganz fruchtlos gewesen, wenn ich hätte versuchen wollen zu leben,

nachdem sie 's gethan hätten, -- denn dies Kind ist Alles, was ich

habe!«

»Hast Du keinen Mann?«

»Ja, aber er gehört einem anderen Herrn. Sein Master ist sehr hart gegen

ihn, und will ihn nie ausgehen lassen, um mich zu sehen; und er ist

immer schlimmer gegen uns geworden, und hat ihm gedroht, ihn nach Süden

zu verkaufen -- ich werde ihn wohl nie wieder sehen!«

Der ruhige Ton, in welchem die Frau diese Worte sagte, hätte einen

oberflächlichen Beobachter verleiten können zu glauben, daß sie sich in

vollständiger Apathie befinde; aber aus ihrem großen dunklen Auge sprach

ein stummer, tiefer Schmerz, der einen ganz andern Gemüthszustand

verrieth.

»Und wohin willst Du denn gehen, meine gute Frau?« fragte Mistreß Bird.

»Nach Canada; -- wenn ich nur wüßte, wo es wäre. Ist es sehr weit von

hier, -- Canada?« sagte sie, mit einfachem, vertrauungsvollem Blicke zu

Mrs. Bird aufschauend.

»Armes Wesen!« sagte Mrs. Bird unwillkührlich.

»Ist es =sehr= weit von hier, -- glauben Sie?« fragte die Frau eifriger.

»Viel weiter, als Du glaubst, armes Kind!« sagte Mrs. Bird; »aber wir

wollen versuchen und sehen was sich für Dich thun läßt. Hier, Dinah,

schlage ihr ein Bett auf in Deinem eignen Zimmer, dicht bei der Küche,

und ich will überlegen was morgen früh für sie gethan werden kann.

Inzwischen fürchte nichts, liebe Frau; setze Dein Vertrauen auf Gott, er

wird Dich beschützen.«

Mrs. Bird und ihr Mann kehrten in das Zimmer zurück. Sie setzte sich in

ihren kleinen Wiegenstuhl vor das Feuer und schaukelte sich gedankenvoll

hin und her, während Mr. Bird im Zimmer auf und ab schritt, und vor sich

hin murmelte: »Puh! pah! fatale, verdammte Geschichte!« Endlich, zu

seiner Frau heran tretend, sagte er:

»Höre, Frau, sie wird von hier fort müssen, heute Nacht noch. Der Kerl

wird ihr nach sein auf der Spur und wird morgen früh bei guter Zeit hier

sein. Wenn's das Weib allein wäre, so könnte sie ruhig liegen bleiben,

bis Alles vorüber ist; aber der kleine Bengel wird nicht still sein

können, wenn da ein Trupp Pferde und Menschen ankommt; er wird uns alle

verrathen, indem er den Kopf durch irgend ein Fenster oder eine Thür

steckt. 'S wär' ein schönes Gericht Fische für mich, wenn Beide gerade

jetzt hier gefangen würden! Nein, sie müssen diese Nacht noch fort.«

»Diese Nacht! Wie ist das möglich? -- Wohin denn?«

»Gut, ich weiß schon, wohin,« sagte der Senator, indem er mit

nachdenkender Miene anfing, seine Stiefel anzuziehen, und dann

innehaltend, als sein Bein halb hinein war, sein Knie mit beiden Armen

umschlang und sich in tiefstes Nachsinnen zu verlieren schien.

»'S ist eine verdammte, fatale Geschichte,« sagte er endlich, seinen

Stiefel von Neuem anziehend, »das ist gewiß!« Als der eine Stiefel

glücklich angezogen war, saß der Senator mit dem andern in der Hand da

und schien die Figuren des Teppichs gründlich zu studiren. »Aber 's muß

doch geschehen, sehe keinen andern Weg, -- häng' die ganze Geschichte!«

und er zog den andern Stiefel hastig an und schaute zum Fenster hinaus.

Mrs. Bird war eine sehr discrete kleine Frau, -- eine Frau, die nie zu

ihrem Manne sagte: ich hab's Dir vorher gesagt! und bei der

gegenwärtigen Gelegenheit, obgleich sie recht wohl errieth, welche

Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, hütete sie sich weislich, in

dieselben einzugreifen, sondern saß ganz ruhig in ihrem Stuhle und

schien ganz vorbereitet, die Beschlüsse ihres Herrn und Gemahls zu

hören, sobald er für gut befinden sollte, dieselben zu äußern.

»Siehst Du,« sagte er, »da ist mein alter Freund, Van Trompe, der von

Kentucky herüber gekommen ist und alle seine Sklaven frei gelassen hat,

-- er hat einen Platz gekauft, etwa sieben Meilen weit die Bucht hinauf,

tief in der Waldung drin, wo Niemand hinkommt, ausgenommen, wenn er

absichtlich hingeht; -- und es ist ein Ort, der nicht leicht ausgefunden

wird. Da ist sie sicher genug; aber das Uebel ist, daß Niemand mit einem

Wagen diese Nacht dahin fahren kann, als ich selbst.«

»Warum denn nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Fuhrmann.«

»Ganz gut, aber hier, das ist die Sache. Man muß zweimal über die Bucht

fahren, und die zweite Ueberfahrt ist sehr gefährlich, wenn man die

Richtung nicht genau kennt. Ich bin hundertmal durchgeritten, und kenne

ganz genau alle Wendungen, die ich zu nehmen habe. Also Du siehst, da

hilft nichts. Cudjoe muß die Pferde, ungefähr um zwölf Uhr, so still wie

möglich anspannen, und ich will sie hinüber bringen; und dann, um der

Sache einen Anschein zu geben, muß er mich bis an das nächste Wirthshaus

bringen, um mit der Post nach Columbus weiter fahren zu können, die

ungefähr zwischen drei und vier Uhr dort ankommt, und so hat es dann

den Schein, als wenn ich den Wagen blos zu diesem Zwecke genommen hätte.

Ich werde morgen früh recht zeitig in meinen Geschäften sein, aber ich

glaube, ich werde nicht viel nütze sein nach alle dem, was gesprochen

und gethan worden ist; aber, zum Henker, ich kann nicht anders!«

»Dein Herz ist in diesem Falle besser, als Dein Kopf, John,« sagte seine

Frau, ihre kleine weiße Hand in die seinige legend. »Hätte ich Dich je

lieben können, wenn ich Dich nicht besser gekannt hätte, als Du Dich

selbst?« Und die kleine Frau sah bei diesen Worten so hübsch aus,

während Thränen in ihren Augen glänzten, daß der Senator dachte, er

müsse ganz entschieden ein außerordentlicher Mensch sein, um ein so

hübsches Wesen in eine so leidenschaftliche Bewunderung für ihn

versetzen zu können; und was konnte er unter diesen Umständen also

anderes thun, als gelassen fortgehen, um nach dem Wagen zu sehen. An der

Thür hielt er jedoch einen Augenblick an, und kam dann zurück, indem er

zaudernd sagte:

»Marie, ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, -- aber da ist die

Kommode voll von Sachen von -- von -- unsrem armen kleinen Henry.« So

sagend wandte er sich schnell um und schloß die Thür hinter sich.

Die Frau öffnete eine nach einem kleinen Schlafgemach führende Thür,

welches dicht neben dem Wohnzimmer belegen war, setzte ein Licht auf ein

darin befindliches Bureau, und nahm einen Schlüssel aus einem kleinen

Kästchen hervor, den sie gedankenvoll in das Schloß eines unterhalb

befindlichen Schubkastens schob, und hielt dann plötzlich inne, während

zwei Knaben, welche kinderähnlich ihren Tritten gefolgt waren, hinter

ihr standen und ihre Mutter schweigend und mit bedeutsamen Blicken

betrachteten. Und o Mutter, die Du dieses liesest, ist in Deinem Hause

nie ein Kästchen oder irgend ein Behältniß gewesen, dessen Oeffnen für

Dich wie das Wiederöffnen eines kleinen Grabes war? O glückliche

Mutter, die Du das nie erfahren hast.

Mrs. Bird öffnete den Schubkasten langsam. Es lagen darin kleine

Röckchen von verschiedener Form, Stöße von Hemdchen und Reihen von

kleinen Strümpfchen, und aus den Falten eines Papieres blickten selbst

ein Paar kleiner, getragener Schuhe mit abgeriebenen Fußspitzen hervor.

Ein hölzernes Pferdchen und ein Wagen, ein Kreisel und ein Ball lagen

darin, -- alles Angedenken, die mit mancher Thräne und dem bittersten

Schmerze gesammelt worden waren! Sie setzte sich nieder an den Kasten,

lehnte ihr Haupt in ihre Hände, und weinte, bis die Thränen durch ihre

Finger in den Kasten niederfielen; dann plötzlich sich aufrichtend,

begann sie mit ängstlicher Eile die einfachsten und dauerhaftesten

Stücke auszusuchen und sie in ein Bündel zu sammeln.

»Mamma,« sagte der eine Knabe, ihren Arm sanft berührend, »willst Du

denn diese Sachen fortgeben?«

»Meine lieben Kinder,« entgegnete sie sanft und ernst, »wenn unser

lieber kleiner Henry vom Himmel herabblickt, so wird er sich freuen, daß

wir dieß thun. Mein Herz hätte sich nie dazu verstehen können, sie an

eine gewöhnliche Person fort zu geben, aber ich gebe sie einer Mutter,

deren Herz noch mehr gebrochen und noch kummervoller als das meinige

ist, und ich hoffe, Gott wird ihnen seinen Segen mit geben!«

Es gibt in dieser Welt besonders gesegnete Seelen, aus deren Kummer

Freuden für Andere entsprießen; deren irdische Hoffnungen, wenn sie mit

vielen Thränen ins Grab gelegt worden sind, der Same zu heilenden Blumen

und zu Balsam für Leidende und Trostlose werden. Und zu diesen gehörte

die zarte Frau, die jetzt mit der Lampe dort sitzt und aus deren Augen

langsame Thränen fallen, während sie die Angedenken ihres eignen

verlorenen Kindes für die ausgestoßene Heimathlose sammelt.

Nach einiger Zeit öffnete Mrs. Bird einen Kleiderschrank, nahm ein oder

zwei einfache, brauchbare Kleider heraus, setzte sich an ihrem

Arbeitstische mit Nadel, Scheere und Fingerhut nieder, und begann

schweigend den ihr von ihrem Manne empfohlenen Proceß des »Auslassens,«

und fuhr emsig damit fort, bis die alte Uhr in der Ecke des Zimmers

zwölf schlug und sie ein leises Rasseln der Räder vor der Thür hörte.

»Marie,« sagte ihr Mann, mit dem Mantel auf dem Arme eintretend, »Du

mußt sie nun aufwecken; wir müssen fort.«

Mrs. Bird legte schnell die verschiedenen, von ihr gesammelten Artikel

in einen kleinen Mantelsack, bat ihren Mann, diesen in den Wagen bringen

zu lassen und ging hinaus, um die Frau zu wecken. Bald darauf erschien

diese, in einen Mantel gehüllt, mit Hut und Shawl, was Alles ihrer

Wohlthäterin angehört hatte, in der Thür, ihr Kind auf dem Arme tragend.

Mr. Bird drängte sie in den Wagen und Mrs. Bird folgte ihr bis an den

Tritt desselben. Elisa lehnte sich hinaus und streckte ihre Hand aus,

eine Hand, so sanft und schön wie die war, die als Erwiederung gereicht

wurde. Sie heftete ihre großen, dunkeln Augen mit unbeschreiblichem

Ausdrucke auf Mrs. Bird's Gesicht und schien sprechen zu wollen. Ihre

Lippen bewegten sich, -- sie versuchte ein, zweimal, aber kein Laut

wurde hörbar, und indem sie endlich nur himmelwärts zeigte, mit einem

nie zu vergessenden Blicke, sank sie in ihren Sitz zurück und bedeckte

ihr Gesicht. Die Thür schloß sich und der Wagen fuhr fort.

Welche Lage war dies nun für einen patriotischen Senator, der die ganze

Woche vorher den gesetzgebenden Körper seines Geburtslandes angeregt

hatte, strengere Bestimmungen gegen flüchtige Sklaven und deren Helfer

und Mitschuldige zu erlassen!

Unser guter Senator wurde in seinem Geburtsstaate von keinem seiner

Brüder in Washington in Betreff derjenigen Beredsamkeit übertroffen,

welche diesen unsterblichen Ruhm erworben hatte! Wie stolz er dort

gesessen hatte, mit den Händen in der Tasche, während er die

sentimentale Schwäche derjenigen bespöttelte, die die großen

Staatsinteressen über das Wohl einiger elenden Flüchtlinge vergessen

wollten! Er war kühn wie ein Löwe in dieser Sache, und »vollständig

überzeugt« davon, so wie jeder, der ihn hörte; allein seine Vorstellung

von einem Flüchtlinge war lediglich eine Vorstellung, welche den

Buchstaben, aus denen das Wort bestand, -- oder höchstens der Abbildung

irgend eines kleinen Zeitungsbildes entnommen war, welches einen Mann

mit einem Stocke und Bündel darstellte und die Unterschrift trug: »dem

Unterzeichneten entlaufen!« Die zauberische Wirkung wirklichen Elends,

-- das flehende, menschliche Auge, die schwache, zitternde Hand, das

verzweifelnde Flehen um Beistand, der hülflose Todesschmerz, -- diese

waren ihm fremd geblieben. Er hatte nie daran gedacht, daß ein

Flüchtling eine unglückliche Mutter, ein wehrloses Kind sein könne, --

gleich dem, das jetzt das wohlbekannte Mützchen seines kleinen

verlorenen Henry trug, und da unser armer Senator weder von Stein noch

von Stahl, sondern ein Mensch war, und dazu ein edelherziger, so muß

Jeder sehen, daß er sich mit seinem Patriotismus in einer bösen Lage

befand. Du brauchst nicht über ihn zu frohlocken, guter Bruder des

Südens, denn wir haben Winke bekommen, daß Mancher von Euch unter

ähnlichen Umständen nicht anders gehandelt haben würde. Wir haben Grund

anzunehmen, daß in Kentucky sowohl wie in Mississippi edle, großmüthige

Herzen schlagen, denen nie eine Schilderung menschlichen Leidens

vergeblich gemacht worden ist. Also, guter Bruder, ist es billig, daß

Du von uns Dienste erwartest, die Dein eigenes braves ehrenhaftes Herz

Dir nicht zu leisten erlauben würde, wenn Du in unsrer Stelle wärest?

Dem sei, wie ihm wolle, wenn unser guter Senator ein politischer Sünder

war, so befand er sich auf dem besten Wege, dafür eine nächtliche Buße

zu thun. Es hatte seit längerer Zeit anhaltendes Regenwetter geherrscht

und der weiche, fruchtbare Boden von Ohio ist, wie jedermann weiß, ganz

besonders für die Fabrikation von Schlamm geeignet, -- und der Weg war

überdies ein Ohio'scher Bahnweg der guten, alten Zeit.

»O bitte, was für eine Art Weg mag dies sein?« fragt irgend ein

östlicher Reisender, der gewohnt ist, keine andern Ideen mit einem

Bahnwege zu verbinden, als die der Ebenheit und Schnelligkeit.

So wisse denn, unschuldiger, östlicher Freund, daß in den gesegneten

Regionen des Westens, wo der Koth von sublimer, unergründlicher Tiefe

ist, Straßen von runden, rohen Scheiten gebaut werden, welche man dicht

und quer über einander legt und sodann mit Erde, Rasen, oder was immer

zur Hand sein mag, bewirft, -- und dies nennt selbstzufrieden der

Eingeborene einen Weg, und versucht sofort darauf zu fahren. Im Laufe

der Zeit wäscht natürlich der Regen Rasen und Erde ab, und die Scheite

verlieren ihre ursprüngliche Lage und nehmen allerhand malerische

Stellungen an, auf und nieder und quer, mit verschieden Abgründen und

Gleisen schwarzen Schlammes dazwischen.

Ein solcher Weg war es, welchen unser Senator jetzt stolpernd verfolgte,

während er sich mit moralischen Betrachtungen in so ununterbrochener

Weise beschäftigte, wie die Umstände es zuließen, indem der Lauf des

Wagens etwa folgender Art war: -- bump! bump! bump! platsch! nieder in

den Schlamm! -- Der Senator, die Frau und das Kind verändern ihre Sitze

so plötzlich, daß sie ohne besondere Vorbereitung gegen die Fenster der

Seite liegen. Der Wagen steckt fest, während Cudjoe außerhalb sehr laut

mit den Pferden verhandelt.

Nach wiederholtem Anziehen und Reißen der Zügel, gerade in dem

Augenblicke, wo der Senator alle seine Geduld verliert, hebt sich

plötzlich der Wagen in Bogen, -- die beiden Vorderräder gehen nieder in

einen andern Abgrund, und der Senator, die Frau und das Kind, fallen in

bunter Mischung auf den Vordersitz, -- des Senators Hut ist ihm ohne

alle Ceremonie bis über Augen und Nase hinunter gedrückt, und er hält

sich für vollständig ausgelöscht; das Kind schreit, und Cudjoe hält

außerhalb eine sehr lebhafte Anrede an die Pferde, welche toben und

schlagen, und unter wiederholten Peitschenhieben die Stränge reißen. Der

Wagen springt auf in einen neuen Bogen, -- nieder gehen die Hinterräder,

-- und Senator, Frau und Kind fliegen zurück auf den Rücksitz, während

die Ellbogen des Ersteren Elisa's Hut sehr unsanft berühren, und ihre

beiden Füße sich in dem Hute des Senators eingeklemmt befinden, welcher

ihm während des Stoßes vom Kopfe gefallen ist. Nach einigen Augenblicken

hat der Wagen das Morastloch verlassen; -- der Senator findet seinen

Hut, die Frau bringt den ihrigen wieder in Ordnung, und beruhigt das

Kind, und Alle bereiten sich auf eine Wiederholung vor.

Eine Zeit lang mischt sich nur das regelmäßige bump! bump! der

Abwechselung halber, mit einigen Seitenstößen, und die Reisenden fangen

an sich Glück zu wünschen, daß ihre Lage dennoch nicht so ganz schlimm

ist; allein endlich, und zwar mit einem heftigen Stoße, daß Alle in die

Höhe und dann mit unglaublicher Schnelligkeit in ihren Sitz

zurückgeworfen werden, hält der Wagen plötzlich ganz still, und nach

einer längeren und sehr lebhaften Bewegung außerhalb, erscheint endlich

Cudjoe an der Wagenthür.

»Verzeihen Sie, Herr, 's ist mächtig dunkel hier; -- weiß nicht, wie

wir 'raus kommen sollen; -- denke, wir müssen frische Gleise legen.«

Der Senator steigt verzweiflungsvoll aus, indem er vorsichtig mit dem

einen Fuße nach einem festen Grunde sucht; -- nieder fährt ein Fuß in

eine bodenlose Tiefe, -- er versucht ihn wieder herauszuziehen, allein

er verliert das Gleichgewicht und fällt in den Schlamm, aus welchem er

durch Cudjoe in einem höchst traurigen Zustande wieder hervorgezogen

wird.

Aber wir wollen aus Mitleid für unsere Leser uns jeder weiteren

Schilderung enthalten; genug, es war spät in der Nacht, als der Wagen

endlich, triefend und mit Koth bedeckt, die Bucht verließ, und vor der

Thür eines großen Farmgebäudes anhielt.

Es kostete nicht wenig Geduld und Ausdauer, die schlafenden Inwohner zu

erwecken; aber endlich erschien der ehrenwerthe Besitzer und öffnete die

Thür. Es war ein großer, struppiger Orson von Mann, volle sechs Fuß und

einige Zoll hoch, und in ein rothwollenes Jagdhemde gekleidet. Eine

ziemlich schwere Decke rothen Haares, in einem entschieden ungekämmten

Zustande, und ein mehrere Tage alter Bart, verliehen dem Ehrenmanne ein,

im gelindesten Ausdrucke, nicht sehr einnehmendes Aeußere. Er stand

einige Minuten lang, das Licht hoch erhoben haltend, stumm da, und

schaute unsere Reisenden mit einer finsteren, mystischen Miene an, die

wirklich komisch war. Unser Senator hatte einige Mühe, ihm das ganze

Sachverhältniß vollkommen deutlich zu machen; und während der gute Mann

sein Bestes thut, es gehörig aufzufassen, wollen wir unsere Leser etwas

näher mit ihm bekannt machen.

Der brave, alte John Van Trompe war früher ein sehr bedeutender Land-

und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky. Da er nichts weiter zu tragen

hatte, als seine eigene Haut, und da er von Natur ein großes, gutes,

gerechtes Herz besaß, welches im richtigsten Verhältniß mit seinem

gigantischen Körper stand, so hatte er schon seit längeren Jahren mit

Mißbehagen die Wirkungen eines für den Unterdrücker und den

Unterdrückten gleich nachtheiligen Systems beobachtet. Eines Tages

endlich, begann John's großes, gutes Herz zu sehr zu schwellen um seine

Fesseln länger tragen zu können; und so nahm er sein Taschenbuch aus

seinem Schreibtische hervor, und ging hinüber nach Ohio, und kaufte ein

Viertel eines ganzen Stadtgebietes, üppiges Land, fertigte

Freilassungsscheine für alle seine Sklaven aus, -- Männer, Weiber und

Kinder, packte sie auf Wagen, und sandte sie fort, um sich dort

niederzulassen; und dann wandte sich Ehren John der Bucht zu, und ließ

sich auf einer kleinen, abgelegenen Farm nieder, um sich seines

Bewußtseins und seiner Betrachtungen zu freuen.

»Seid Ihr der Mann, der ein armes Weib und ein Kind aufnehmen will, um

sie nicht den Sklavenhäschern in die Hände fallen zu lassen?« sagte der

Senator mit Nachdruck.

»Denke schon, daß ich's bin,« entgegnete Ehren John mit demselben

Nachdrucke.

»Ich dachte so,« sagte der Senator.

»Wenn Jemand kommen solle,« sagte der gute Mann, seine große, muskulöse

Figur aufrichtend, »=na=, so will ich ihn empfangen; habe auch sieben

Söhne, jeder sechs Fuß hoch, die für ihn bereit sind. Bestellt ihm nur

mein Compliment,« fügte John hinzu, »und sagt ihm nur, 's komme gar

nicht drauf an, wie bald er komme, -- macht gar keinen Unterschied,«

sagte John, durch seine struppigen Haare fahrend, und in lautes Lachen

ausbrechend.

Matt, ermüdet und gebrochen, schleppte sich Elisa bis an die Thür,

während ihr Kind in festem Schlafe auf ihrem Arme lag. Der rauhe Mann

hielt das Licht vor ihr Gesicht, und indem er dann eine Art mitleidigen

Grunzens ausstieß, öffnete er die Thür eines kleinen Schlafzimmers,

welches neben der großen Küche lag, in der sie standen, und bedeutete

sie, da hinein zu gehen. Er holte ein Talglicht, zündete es an, setzte

es auf den Tisch, und wendete sich dann an Elisa.

»Brauchst Dich hier nicht zu fürchten, mein Wort, laß kommen wer will.

Bin fertig für alles das,« sagte er, auf einige handfeste Gewehre

deutend, die über dem Kamine hingen: -- »und die Meisten, die mich

kennen, wissen, daß es nicht gut gethan ist, Einen aus meinem Hause

wegzuholen, so lange ich drin bin. Also nun, lege Dich hin und schlafe,

so ruhig als wenn Dich Deine Mutter wiegte,« sagte er, während er die

Thür zumachte.

»Das ist ein ungewöhnlich hübsches Weibsbild,« sagte er dann zu dem

Senator. »Ja, ja, die Hübschen haben die größte Gefahr auszustehen, oft,

wenn sie ein Bißchen Gefühl haben, wie ordentliche Frauenzimmer haben

sollen. Kenne das alles.«

Der Senator theilte ihm kurz, in wenigen Worten, Elisa's Geschichte mit.

»O! o! sieh Einer!« sagte der gute Mann mitleidig; »nun ja! das ist

natürlich, versteht sich, armes Wesen! -- gehetzt wie ein Thier, grade

deshalb, weil sie natürliche Gefühle hat, und das thut, was keine Mutter

anders kann. Ich sage Euch, diese Dinge hätten mich beinahe zum Fluchen

gebracht, -- zu wer weiß was,« sagte der ehrliche John, während er seine

Augen mit der Kehrseite seiner großen, fleckigen Hand wischte. »Ich sage

Euch, Mann, es hat Jahre und Jahre gedauert, daß ich nicht in die Kirche

ging, weil die Geistlichen da in unsrer ganzen Gegend predigten, daß die

Bibel alle diese Schändlichkeiten gut heiße, -- und ich konnte nicht mit

ihnen fertig werden, mit ihrem Griechisch und Ebräisch, und so ließ ich

sie hinter mir, Bibel und Alles. Bin nie in der Kirche gewesen, bis ich

einen Pfarrer fand, der 's Alles verstand, Griechisch und Alles, und der

grade das Gegentheil sagte; und dann hielt ich fest dran, und ging in

die Kirche, -- so ist's,« sagte John, der inzwischen emsig beschäftigt

gewesen war, einige vortreffliche Flaschen Cider zu öffnen, die er

nunmehr, bei dieser Pause, seinem Gaste offerirte.

»Solltet nun grade hier bleiben, bis es Tag wird,« sagte er in

herzlichem Tone; »ich will meine alte Frau wecken, und Ihr sollt ein

Bett im Nu fertig haben.«

»Ich danke Euch, mein guter Freund,« sagte der Senator, »ich muß fort,

um die Nachtpost nach Columbus zu treffen.«

»So, nun, wenn Ihr müßt, so will ich Euch ein Stück begleiten, und Euch

einen Richteweg zeigen, der Euch besser hinbringen wird, als der, auf

dem Ihr kamt. Das ist ein bitter böser Weg.«

John zog sich an, und war bald fertig, mit einer Laterne in der Hand, um

des Senators Wagen einen Hohlweg hinab zu führen, der hinter seinem

Hause hinlief. Als sie von einander schieden, drückte der Senator ihm

einen Zehndollarschein in die Hand.

»Das ist für sie,« sagte er kurz.

»Ja, ja,« entgegnete John mit ähnlicher Kürze.

Beide reichten sich die Hand, und schieden.

Zehntes Kapitel.

Das Eigenthum wird fortgeschafft.

Der Februarmorgen blickte trübe und feucht durch Onkel Tom's

Hüttenfenster. Er schien auf traurige Gesichter, den Spiegel trauriger

Herzen. Vor dem Feuer stand der Tisch, auf dem eine Plettdecke lag;

über einem Stuhl am Feuer hingen einige grobe, aber reine Hemden, und

Tante Chloë hatte ein andres vor sich auf dem Tische ausgebreitet.

Sorgfältig plettete sie jede Falte und jede Naht mit der

gewissenhaftesten Genauigkeit, und hob nur von Zeit zu Zeit ihre Hand

zum Gesichte auf, um die Thränen abzuwischen, die herabliefen.

Tom saß dabei, die aufgeschlagene Bibel auf dem Knie haltend, und seinen

Kopf in die Hand lehnend, -- aber keiner sprach. Es war noch früh, und

die Kinder lagen alle fest schlafend in ihrem Rollbette.

Tom, der im vollsten Maße das sanfte, weiche Gefühl für Häuslichkeit

hatte, welches ein besondrer charakteristischer Zug dieses unglücklichen

Geschlechtes ist, stand auf und ging schweigend an das Bett seiner

Kinder, um sie zu betrachten.

»'s ist das letzte Mal,« sagte er.

Onkel Tom's Hütte(#31459) · 第 9 / 12 段