»Ein Stückchen weiter hinauf,« sagte Sam, indem er Andy einen Wink mit

dem Auge der ihm zugewendeten Seite seines Kopfes gab, und fügte dann im

ernstesten Tone hinzu: »aber ich habe drüber nachgedacht und 's ist mir

ganz klar, wir sollten nicht diesen Weg gehen. Bin nie diesen Weg

gekommen, 's ist ein verzweifelt einsamer, -- könnten uns leicht

verlieren, -- Gott weiß, wo wir hinkommen könnten.«

»Thut nichts,« sagte Haley, »ich will dennoch diesen Weg gehen.«

»Nun ich nachdenke drüber,« fuhr Sam fort, »ist mir's, als hätt' ich

hören sagen, daß der Weg ganz abgesperrt ist durch Dämme und Zäune, und

so -- nicht wahr, Andy?«

Andy wußte es nicht gewiß; er hatte nur »reden hören« von dem Wege, aber

war ihn nie selbst gegangen. Mit einem Worte, er hielt sich ganz

neutral.

Haley, gewohnt, das Gewicht der Wahrscheinlichkeiten zwischen größeren

und geringen Lügen gehörig abzuwägen, nahm an, daß dasselbe sich zu

Gunsten des erwähnten Holzweges neige. Er glaubte, daß die erste

Erwähnung desselben von Seiten Sam's unwillkührlich gewesen sei, und

seine verwirrten Versuche, ihm davon abzurathen, hielt er für

verzweifelte Lügen, die aus späterem Nachdenken und der Absicht

hervorgingen, Elisa außer Gefahr zu bringen. Als Sam deßhalb den

bewußten Weg anzeigte, nahm er mit entschiedener Wendung seine Richtung

in denselben, während Sam und Andy ihm folgten.

Dieser Weg war in der That ein alter, der früher zum Flusse geführt

hatte, aber seit vielen Jahren, nach Errichtung der Chausseestraße

verlassen worden war. Ungefähr eine Stunde weit zu reiten war er offen,

aber nachher durch verschiedene Zäune und Farmgebäude abgesperrt. Sam

wußte dies alles ganz genau -- und der Weg war in der That schon seit so

langer Zeit unfahrbar geworden, daß Andy niemals davon gehört hatte. Er

ritt deßhalb mit der Miene pflichtschuldiger Ergebung weiter, und nur

von Zeit zu Zeit ließ er einzelne Ausrufe hören, wie, »daß es sehr

holpriger Weg« und »sehr böse für Jerry's Fuß« sei.

»Na denn, ich will Euch was sagen,« begann Haley plötzlich, »ich weiß,

was Ihr wollt mit all dem Geschwätze, -- Ihr wollt mich von dieser

Straße abbringen, aber 's hilft Euch nichts, -- also thut Ihr besser,

Ihr haltet 's Maul.«

»Master will seinen eigenen Weg gehen!« sagte Sam mit dem Ausdrucke

schmerzlicher Ergebung, gleichzeitig jedoch Andy sehr bedeutungsvoll

zuwinkend, dessen Entzücken jetzt nahe daran war loszubrechen.

Sam schien in besonders guter Laune zu sein und that, als wenn er sich

außerordentliche Mühe gebe, die Gegend scharf zu beobachten, indem er

bald ausrief, daß er »einen Weiberhut« auf der Spitze einer entfernten

Höhe sehe, und bald Andy fragte, »ob das nicht Lizy sei -- da unten in

dem Hohlwege,« und dabei diese und ähnliche Ausrufungen immer grade dann

erschallen ließ, wenn sie sich an einer besonders rauhen Stelle des

Weges befanden, wo das schärfere Antreiben der Pferde für alle Theile

besonders unangenehm war, so daß Haley dadurch in einem Zustande

fortwährender Aufregung erhalten wurde.

Nachdem sie auf diesem Wege etwa eine Stunde lang geritten waren, lief

derselbe plötzlich in einen Ackerhof aus, welcher zu einer bedeutenden

Farmbesitzung gehörte. Keine Seele war daselbst sichtbar, da alle

Arbeiter auf dem Felde beschäftigt waren; allein da das nächste

Scheunengebäude klar und deutlich quer über dem Wege stand, so konnte

kein Zweifel darüber obwalten, daß ihre Reise in dieser Richtung zu

einem entschiedenen Ende gelangt sei.

»War's das nicht, was ich Euch vorher gesagt habe?« sagte Sam mit der

Miene beleidigter Unschuld. »Warum denken fremde Herren mehr zu wissen

von der Gegend, als die, die drin geboren und erzogen sind?«

»Du Schuft!« sagte Haley, »Du hast das Alles vorhergewußt.«

»Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ich's =wußte=, und Ihr wolltet mir

nicht glauben! Ich sagte Master, daß Alles wäre gesperrt und daß ich

nicht dächte, wir könnten durchkommen -- Andy hat's gehört.«

Es war Alles zu wahr, als daß es hätte in Abrede gestellt werden können,

und der unglückliche Mann mußte seinen Aerger mit so viel Anstand

niederbeißen, als er konnte. Alle drei nahmen dann ihre Wendung zur

Rechten, in gerader Richtung nach der Landstraße.

In Folge aller dieser verschiedenen Verzögerungen war es ungefähr drei

Viertelstunden später, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke zur

Ruhe niedergelegt hatte, als die Gesellschaft auf dasselbe Gebäude

zugeritten kam. Elisa stand am Fenster, nach einer andern Richtung

blickend, als Sam's scharfes Auge ihrer gewahr wurde. Haley und Andy

waren einige Schritte weit hinter ihm zurück. In diesem kritischen

Momente gelang es Sam, seine Kopfbedeckung zu verlieren, als wenn der

Wind sie ihm abgeweht hätte, in Folge dessen er einen lauten, ihm

eigenthümlichen Schrei ausstieß, durch welchen Elisa auf ihn aufmerksam

wurde. Sie zog sich schnell vom Fenster zurück, an dem der ganze Zug

vorüber ging, um an den Haupteingang zu gelangen.

Tausend Leben schienen in diesem Augenblicke in Elisa concentrirt zu

sein. Ihr Zimmer gewährte durch eine Seitenthür einen Ausgang nach dem

Flusse. Sie raffte ihr Kind auf und sprang die zum Ufer hinabführenden

Stufen hinunter. Der Sklavenhändler bekam sie deutlich zu Gesicht gerade

in dem Augenblicke, als sie unter dem Ufer verschwand, und indem er sich

vom Pferde hinab warf, und Sam und Andy ihm zu folgen zurief, sprang er

hinter ihr her wie ein Hund hinter einer gejagten Hirschkuh. In diesem

schwindelnden Momente schienen Elisa's Füße kaum den Boden zu berühren

und ein Augenblick brachte sie an den Wasserrand des Flusses. Dicht

hinter ihr folgten Jene, und -- wie gestählt von einer Kraft, wie sie

Gott nur den Verzweifelnden verleiht, und mit einem wilden Schrei und

flugartigen Sprunge, flog sie über den trüben Strom am Ufer hin bis auf

die nächste Eisscholle. Es war ein unbegreiflicher Sprung, -- der nur in

Wahnsinn oder Verzweiflung gemacht werden konnte, und Haley, Sam und

Andy schrieen instinktmäßig wie aus einem Munde auf und hoben ihre Hände

auf, als sie ihn gewahrten.

Das riesige, grüne Eisstück, auf welchem sie Fuß faßte, krachte und

senkte sich, als ihre Last darauf nieder fiel, aber sie hielt nicht

einen Augenblick an. Unter wilden Schreien und mit verzweifelnder Kraft

sprang sie auf ein anderes und wieder ein anderes Eisstück, während sie

bald stolperte, bald sprang, bald ausglitt, und wieder aufsprang! Ihre

Schuhe waren zurückgelassen -- ihre Strümpfe von den Füßen geschnitten,

-- und jeder Fußtritt war mit Blut gezeichnet; aber sie sah nichts, sie

fühlte nichts, bis nebelartig, wie im Traume, die Ohio-Seite des Flusses

vor ihre Blicke trat und ein Mann ihr das Ufer hinauf half.

»Bist eine brave Dirne, wahrhaftig, wer Du auch immer sein magst!« sagte

der Mann mit einem Schwure.

Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, welcher nicht

weit von ihrer alten Heimath eine Farm besaß.

»O Mr. Symmes! -- retten Sie mich -- bitte, retten Sie mich, --

verbergen Sie mich!« rief Elisa flehend.

»Wie, was ist das?« sagte der Mann. »Ist denn das nicht Shelby's Dirne?«

»Mein Kind! -- dieses Kind! -- er hat es verkauft! Dort ist sein Herr!«

sagte sie, nach dem Kentucky-Ufer hindeutend. »O Mr. Symmes, Sie haben

auch ein Kind!«

»Das habe ich,« sagte der Mann, während er rauh, aber gütig sie das

steile Ufer hinaufzog. »Ueberdieß bist Du eine brave Dirne. Ich achte

Muth, wo ich ihn auch immer finde.«

Als Beide die Höhe des Ufers erreicht hatten, stand der Mann still.

»Ich möchte gern was für Dich thun,« sagte er, »aber ich weiß keinen

Ort, wo ich Dich hinbringen könnte. Das Beste, was ich thun kann, ist,

daß ich Dir rathe, =dort= hinzugehen,« sagte er, auf ein großes, weißes

Gebäude deutend, welches isolirt an der Hauptstraße des Dorfes stand.

»Geh dort hin; das sind gute Leute. Dort ist keine Gefahr für Dich, --

die werden Dir helfen, -- die sind in solchen Fällen immer bereit.«

»Gott segne Sie!« rief Elisa inbrünstig.

»Keine Ursache, gar keine Ursache,« sagte der Mann. »Was ich gethan

habe, hat gar nichts zu bedeuten.«

»O, und nicht wahr, Herr, -- Sie werden's Niemanden sagen?«

»Geh' zum Donnerwetter, Mädchen! Wofür hältst Du Einen? Versteht sich --

nein,« sagte der Mann. »Komm nun, geh' zu, wie eine brave, vernünftige

Dirne, was Du bist. Hast Dir Deine Freiheit gewonnen und sollst sie

behalten, so weit ich's helfen kann.«

Elisa wickelte ihr Kind dichter an ihren Busen, und schritt fest und

eilig weiter. Der Mann blieb stehen und schaute ihr nach.

»Shelby wird dies vielleicht nicht gerade für 'nen sehr nachbarlichen

Dienst halten, -- aber was soll ein Mensch thun? Wenn er eine von meinen

Dirnen auf demselben Striche findet, so mag er mir zurückzahlen. Hab's

nie mit ansehen können, wie die armen Kreaturen rennen und keuchen, um

sich zu retten, und dann die Hunde hinten drein. Weiß auch überhaupt

nicht, warum ich für andere Leute jagen und fangen soll.«

So sprach dieser arme, heidnische Mann von Kentucky, welcher über seine

constitutionellen Beziehungen und Verpflichtungen nie aufgeklärt worden

war, und sich deßhalb verleiten ließ, in einer Art christlichen Weise zu

handeln, welche er, wenn er sich in größerem Wohlstande befunden und

mehr Aufklärung genossen hätte, -- sich schwerlich erlaubt haben würde.

Haley hatte einen förmlich erstarrten Zuschauer der Scene abgegeben, bis

Elisa am gegenüberliegenden Ufer verschwunden war, worauf er sich mit

einem leeren, fragenden Blicke nach Sam und Andy umwandte.

»Das war kein übles Stückchen,« sagte Sam.

»Ich glaube, das Weibstück hat sieben Teufel im Leibe!« sagte Haley,

»Gerade wie 'ne wilde Katze sprang sie!«

»Ja, nu,« sagte Sam, sich in den Haaren kratzend, -- »hoffe, Master wird

uns entschuldigen -- von dem Wege da. -- Denke, habe nicht Courage genug

-- dazu!« mit einem heiseren Lachen hinzufügend.

»Du lachst!« sagte Haley brummend.

»Gott helf mir, Master, ich kann nicht anders -- nun,« sagte Sam, seinem

lange zurückgehaltenen Entzücken vollen Lauf lassend. »'s sah so curios

aus -- wie sie sprang und hüpfte, -- und nun, krack -- das Eis -- und

plump! und platsch! -- Spring' Du und -- o Herr!« -- und Sam und Andy

lachten, daß ihnen die Thränen an den Backen hinunter liefen.

»Wart', ich will Euch auf 'ne andere Weise lachen machen!« sagte Haley,

indem er mit der Reitpeitsche um ihre Köpfe schlug.

Beide duckten sich und rannen schreiend und jauchzend das Ufer hinab,

und waren bei ihren Pferden, ehe er ihnen nachkommen konnte.

»Guten Abend, Master!« rief Sam mit großem Ernste. »Vermuthe sehr,

Missis wird um Jerry besorgt sein. Master Haley wird uns nicht länger

brauchen, -- Missis möcht' 's nicht gerne hören, wenn wir die Thiere

über Lizy's Brücke ritten -- heute Abend noch!« und, Andy muthwillig in

die Rippen stoßend, trabte er, von Letzterem gefolgt, in voller Eile

davon, während der Wind ihr fernes, lautes Gelächter zu Haley

zurücktrug.

Achtes Kapitel.

Ein würdiges Trio.

Die Dämmerung begann gerade herein zu brechen, als Elisa ihren

verzweifelten Rückzug über den Fluß unternahm. Die grauen Abendnebel,

welche langsam vom Flusse aufstiegen, umhüllten sie, als sie am

jenseitigen Ufer verschwand, und der angeschwollene Lauf des Stromes mit

den wogenden Eismassen bildete eine hoffnungslose Schranke zwischen ihr

und ihrem Verfolger. Haley kehrte deßhalb langsam und mißmuthig nach dem

kleinen Wirthshause zurück, um darüber nachzudenken, was weiter zu thun

sei. Die Wirthsfrau öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, dessen Boden

mit einem Fragmente von Teppich bedeckt war, und in welchem ein Tisch

mit einer glänzend schwarzen Wachstuchdecke, sowie verschiedene

schlanke, hochlehnige Holzstühle standen, während über dem Kamine und

oberhalb eines schwellenden, dampfenden Feuers mehrere Papierbilder mit

hellen und grellen Farben die Wand bedeckten. Ein langer, harter,

hölzerner Sitz breitete seine unbequeme Länge vor dem Kamine aus, und

hier ließ Haley sich nieder, um über die Unbeständigkeit menschlichen

Glückes und menschlicher Hoffnungen im Allgemeinen zu reflektiren.

»Wozu brauchte ich den verdammten kleinen Balg nun?« sagte er zu sich

selbst, »daß ich mich wie einen Affen habe behandeln lassen müssen, --

was ich bin!« und erleichterte sein Herz sodann dadurch, daß er eine

nicht sehr ausgewählte Litanei von Verwünschungen und Schimpfnamen gegen

sich ausstieß, welche, obgleich jeder mögliche Grund vorhanden ist, sie

als passend zu erachten, wir hier des guten Geschmackes halber unerwähnt

lassen wollen.

Aus diesen Selbstbetrachtungen wurde er durch eine laute und

unharmonische Stimme eines Mannes erweckt, welcher vor der Thür des

Hauses abzusteigen schien. Er eilte an das Fenster.

»Beim Himmel! nun, wenn das nicht gerade so was ist, was die Leute

Vorsehung nennen,« sagte Haley. »Glaube wahrhaftig, das ist Tom Locker.«

Haley eilte hinaus. Am Schenktische, in der Ecke des Zimmers, stand ein

fleischiger, muskulöser Mann, volle sechs Fuß hoch und im Verhältniß

ebenso breit. Er trug einen Rock von Buffalohaut, mit der rauhen Seite

nach Außen, was ihm ein wildes Aeußere verlieh, welches mit dem ganzen

Ausdrucke seiner Physiognomie in vollem Einklange stand. In seiner Kopf-

und Gesichtsbildung zeigte sich jedes Organ, welches Rohheit und

rücksichtslose Gewaltthätigkeit verrieth, in der höchst vollkommensten

Ausbildung. In der That, wenn sich unsere Leser einen Bullenbeißer in

menschlicher Gestalt, mit einem Rock und Hut umherwandelnd denken

könnten, so würden sie keine unrichtige Vorstellung von der Erscheinung

und dem Eindrucke seiner Körperbildung haben. An seiner Seite befand

sich ein Reisegesellschafter, welcher in verschiedenen Beziehungen ein

vollständiges Gegenstück zu ihm bildete. Er war klein und schlank, und

geschmeidig wie eine Katze in seinen Bewegungen, und hatte einen

lauernden Ausdruck in seinen stechenden, schwarzen Augen, mit denen

jeder Zug seines Gesichts im Einklang zu stehen schien. Seine schmale,

lange Nase lief in einer solchen Richtung aus, als wolle sie sich in die

Natur aller Dinge im Allgemeinen einbohren; sein glattes, dünnes,

schwarzes Haar war sorgfältig nach vorn zusammen gelegt, und alle seine

Wendungen und Bewegungen drückten eine trockene, vorsichtige Schärfe

aus. Der große, dicke Mann schenkte ein Bierglas halb voll mit reinem

Branntwein ein und stürzte es hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Der

kleine Mann stand auf den Zehen, und nachdem er seinen Kopf zuerst nach

der einen, und dann nach der andern Seite vorgestreckt, und in allen

Richtungen nach den verschiedenen Flaschen gerochen hatte, bestellte er

endlich mit einer dünnen, zitternden Stimme und mit besonders

vorsichtiger Miene ein Glas Sodawasser. Als er es eingeschenkt hatte,

betrachtete er es mit scharfem, wohlgefälligem Blicke, wie ein Mann, der

der Meinung ist, das Rechte gefunden und den Nagel auf den Kopf

getroffen zu haben, und schritt sodann dazu, es in langsamen und

wohlbedachten Schlückchen zu leeren.

»Wahrhaftig, wer hätte das gedacht, daß ich's so gut treffen sollte?

Sieh da, Locker, wie geht's Euch?« sagte Haley vortretend und seine Hand

dem großen Manne entgegen streckend.

»Der Teufel!« war die höfliche Antwort. »Was bringt Euch denn hierher,

Haley?«

Der Mann mit dem lauernden Blicke, welcher den Namen Marks führte, hielt

sofort mit seinem Schlürfen inne und streckte seinen Kopf vor, und

betrachtete scharf und neugierig die neue Bekanntschaft, so wie eine

Katze zuweilen ein wehendes, trockenes Blatt oder irgend einen andern

ähnlichen Gegenstand der Verfolgung betrachtet.

»Na, ich sage, Tom, das ist der glücklichste Zufall in der Welt. Ich bin

in 'ner teufelsmäßigen Patsche, und Ihr sollt mir 'raushelfen.«

»Uf! so? -- wahrscheinlich!« grunzte sein höflicher Freund. »Man kann

sicher auf so 'was rechnen, wenn Ihr Euch freut, Einen zu sehen, daß Ihr

ihn zu irgend 'was braucht. Was gibts denn nun?«

»Ihr habt 'nen Freund hier?« sagte Haley, etwas zweifelhaft auf Marks

blickend, -- »vielleicht ein Compagnon?«

»Ja,« entgegnete Jener. »Hier, Marks! hier, das ist der Kerl, mit dem

ich in Natchez zusammen war.«

»Werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen,« sagte Marks, seine

lange, dünne Hand wie eine Rabenklaue ausstreckend. »Vermuthe, Mr.

Haley?«

»Derselbe,« sagte Haley. »Und nun, meine Herren, da wir hier so

glücklich zusammen getroffen sind, so denke ich, ich kann hier 'ne

Kleinigkeit zum Besten geben, hier da, in der Wirthsstube. Also nun,

alter Affe,« sagte er zu dem Manne hinter dem Schenktische, »bring' uns

heißes Wasser und Zucker und Cigarren, und 'ne gute Quantität >ächten

Stoff<, und dann wollen wir 'mal lustig sein.«

Der Anordnung gemäß wurden die Lichter angezündet, das Feuer zur hellen

Flamme aufgestört, und bald saßen unsere drei Ehrenmänner um den Tisch,

welcher mit den vorher aufgezählten Erfordernissen guter Kameradschaft

reichlich bedeckt war.

Haley begann einen pathetischen Vortrag seiner eigenthümlichen

Unglücksfälle, welchem Locker mit geschlossenem Munde und finsterer,

mürrischer Aufmerksamkeit zuhörte. Marks, welcher mit großer

Aengstlichkeit und Sorgsamkeit und sehr lebhaften Bewegungen beschäftigt

war, sich ein Glas nach seinem eigenen, besonderen Geschmacke zu

bereiten, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschäftigung auf, und

indem er sodann seine lange, scharfe Nase und Kinn bis beinahe in

Haley's Gesicht steckte, schien er der ganzen Erzählung die gespannteste

Aufmerksamkeit zu widmen. Der Schluß derselben schien ihn

außerordentlich zu belustigen, denn er schüttelte schweigend seine

Schultern und Seiten, und preßte seine dünnen Lippen mit dem Ausdrucke

großen inneren Vergnügens zusammen.

»Also richtig angeführt, -- nicht so?« sagte er, -- »he, he, he, he! --

's war gut gemacht!«

»Der verdammte Kinderhandel macht Einem unmenschliche Umstände im

Geschäfte,« sagte Haley mit sehr verdrießlicher Miene.

»Wenn wir 'ne Brut Dirnen ausfinden könnten, die nach ihren Jungen

nichts fragen, -- ich sage Euch, 's würde der größte moderne Fortschritt

sein, den ich kenne, -- nicht wahr?« sagte Marks, indem er seinen Scherz

mit einem stillen und wohlgefälligen Lächeln begleitete.

»Ganz recht,« sagte Haley, -- »ich hab's nie begreifen können; Junge

machen ihnen doch 'ne schreckliche Menge Umstände; man sollte doch

denken, sie müßten froh sein, wenn sie sie los würden, -- aber nein. Und

je mehr Umstände solch' ein Junges macht, und je weniger es nütze ist im

Allgemeinen, desto mehr hängen sie dran.«

»Ja, Mr. Haley,« sagte Marks, -- »just reicht mir das heiße Wasser, --

ja, Ihr sagt just das, was ich denke, und wir Alle. Einmal kauft' ich

'ne Dirne, als ich noch im Geschäfte war, -- und 's war ein strammes,

nettes Mensch, und die hatte ein Junges, ein elendes, kränkliches Ding,

bucklich, und wer weiß was Alles. So gab ich's also weg an 'nen Mann,

der's versuchen wollte und 's aufziehen, -- kostete nichts, natürlich;

-- dachte nimmer, wißt Ihr, daß sie was darnach fragen würde, -- aber, o

Herr, nun hättet Ihr sehen sollen, wie sie los ging. Wahrhaftig, mir

kam's vor, als wenn sie 's Balg gerade darum lieber hätte, just weil's

so elend war und immer schrie und sie plagte; -- und sie wollt' sich's

nicht beibringen lassen und wollt's nicht glauben, und schrie und lief

umher, als wenn sie Alles verloren hätte. 's ist meiner Seel' drollig,

daran zu denken. Ja, was die Weiber für Begriffe haben, -- da ist kein

Ende dran!«

»Just so mit mir,« sagte Haley. »Vorigen Sommer, unten am Flusse,

kriegt' ich 'ne Dirne mit in den Handel, die hatte ein Kind, und 's sah

ganz gut aus, und hatte Augen so hell wie Eure; aber, wie ich's näher

besah, fand ich, 's war stockblind. So, wißt Ihr, dacht' ich, 's hätte

weiter nichts auf sich, wenn ich's so mit weg gäbe in den Handel, ohne

weiter was davon zu sagen; -- und wurd's auch richtig los für ein Faß

Whisky; aber wie 's von der Dirne los kriegen? -- die war grade wie ein

Tieger. Es war just ehe wir abgingen, und ich hatte meinen Trupp noch

nicht zusammen gekettet; so -- was hat sie zu thun? -- sie springt auf

'nen Ballen Baumwolle wie 'ne Katze, und reißt einem von den

Schiffsleuten ein Messer weg, und jagt 'ne Minute lang Alles in die

Flucht, bis sie endlich sah, es half ihr nichts; und dann -- dreht sie

sich herum, und mit dem Kopf zuerst, und ihr Junges im Arm, stürzt sie

sich in den Fluß, und, plump, -- ging sie unter, und kam nie wieder

herauf.«

»Pah!« sagte Tom Locker, der diese Erzählungen mit schlecht verhehltem

Widerwillen mit angehört hatte, -- »Dummköpfe, alle beide! =meine=

Dirnen machen mir solche Streiche nicht, -- das sag ich Euch!«

»Wirklich! und wie macht Ihr's denn?« fragte Marks dreist.

»Machen? was, -- wenn ich 'ne Dirne kaufe, und sie hat ein Junges, das

loszuschlagen ist, so geh' ich zu ihr 'ran, und halt' ihr meine Faust

unter's Gesicht, und sage: >Gieb Acht, nun, wenn Du mir ein Wort hören

läßt aus Deinem Munde, so zerschmettr' ich Dir 's Gesicht. Kein Wort

will ich hören, -- nicht den Anfang davon.< So sag' ich zu ihr, und:

>das Junge da ist mein, und nicht Dein, Du hast nichts damit zu thun;

-- ich verkaufe 's an den Ersten besten, und merke Dir, daß Du mir keine

Streiche machst, oder Du sollst wünschen, daß Du nie geboren worden

wärest.< Sage Euch, sie merken's bald, s' ist kein Spaß zu machen, wenn ich

sie habe. Ich mache sie so stumm wie Fische; und wenn eine anfängt, und

schreit los, und dann --;« und Mr. Locker ließ seine Faust mit einer

solchen Gewalt auf den Tisch niederfallen, daß der unausgesprochene Schluß

seiner Rede sich vollständig daraus erklären ließ.

»Das ist, was Ihr =Nachdruck= nennen könnt,« sagte Marks, indem er Haley

in die Seite stieß, und wieder in ein leises Kichern verfiel. »Ist Tom

nicht ein kurioser Kerl? he, he, he! Tom, ich glaube, Ihr bringt's den

Negerköpfen bei, -- Euch verstehen sie, Tom, ohne Zweifel. Wenn Ihr

nicht der Teufel selbst seid, so seid Ihr wenigstens sein

Zwillingsbruder, -- so viel sage ich!«

Tom nahm das Compliment mit angemessener Bescheidenheit auf, und begann

eine so leutselige Miene anzunehmen, wie es, nach John Bunyan's Worten,

»mit seiner hündischen Natur möglich war.«

Haley, welcher von den Vorräthen des Abends in reichem Maße zu sich

genommen hatte, fühlte seine moralischen Fähigkeiten angeregt und

gehoben, -- was unter ähnlichen Umständen bei Männern von ernster und

schweigsamer Natur kein ungewöhnliches Phänomen ist.

»Na, hört, Tom,« sagte er, »Ihr seid wirklich zu schlecht, wie ich's

immer gesagt habe. Ihr wißt, Tom, Ihr und ich haben öfters über diese

Dinge gesprochen in Natchez, und ich habe Euch immer bewiesen, daß wir

grade eben so viel machten und wären wohl auf in dieser Welt, wenn wir

sie gut behandelten, und hätten außerdem mehr Aussicht endlich in's

Himmelreich zu kommen, wenn Staub geht zu Staub, und dann nichts mehr zu

holen ist, -- Ihr wißt?«

»Pah!« sagte Tom, »weiß ich nicht? -- macht mir nicht übel mit Eurem

Unsinn, -- mein Magen ist so nicht in Ordnung;« -- und Tom schüttete ein

halbes Glas reinen Brandwein hinunter.

»Ich meine,« sagte Haley, sich in seinen Stuhl zurück legend, und sehr

nachdrucksvoll gestikulirend, -- »ich meine, 's war immer meine Absicht,

meinen Handel so zu treiben, daß ich =vor allen Dingen= Geld bei

verdiene, so viel wie Einer; aber dann, -- Handel macht nicht Alles, und

Geld macht nicht Alles, denn wir haben Seelen. Ich frage nichts darnach,

nun, wer's hört, -- und schere mich den Henker darum, -- und kann's also

grade heraus sagen. Ich glaube an Religion, und nächstens, wenn ich

Alles sicher und in Ordnung habe, so will ich meine Seele auf diese

Dinge richten; -- also wozu nützt's, mehr Schlechtigkeit zu begehen, als

durchaus nothwendig ist? -- 's scheint mir gar nicht klug gethan.«

»Eure Seele richten!« wiederholte Tom verächtlich; »sucht nur in Euch

herum nach 'ner Seele, -- thut besser, spart Euch alle Mühe, was das

betrifft. Wenn der Teufel Euch durch ein Haarsieb siebt, so wird er

keine finden.«

»Nun, aber, Tom, Ihr nehmt's übel,« sagte Haley, »warum könnt Ihr's

nicht gut aufnehmen, wenn ein Mensch zu Eurem Besten spricht.«

Onkel Tom's Hütte(#31459) · 第 6 / 12 段