»So? ich glaube, wenn ich Deiner Beobachtung nicht geholfen hätte,

diesen Morgen, würdest Deinen Weg nicht so gut gefunden haben,« sagte

Andy.

»Andy,« erwiderte Sam, »bist ein hoffnungsvolles Kind, -- kein Zweifel!

Denke groß viel von Dir, Andy, -- schäme mich nicht, Ideen von Dir

anzunehmen. Sollen Niemand übersehen, Andy, denn der Klügste wird auch

manchmal angeführt. Und nun, Andy, laß uns in's Haus gehen; -- bin

gewiß, Missis gibt uns 'nen ganz besonders guten Bissen -- diesmal.«

Siebentes Kapitel.

Der Kampf der Mutter.

Es ist unmöglich, sich ein mehr verlassenes und verlorenes menschliches

Wesen zu denken, als Elisa in dem Augenblicke war, wo sie ihre Schritte

von Onkel Tom's Hütte abwendete. Ihres Mannes Leiden und Gefahren, die

Gefahr ihres Kindes, Alles vermischte sich in ihrem Geiste mit einem

dunkeln, betäubenden Gefühle des großen Wagnisses, welches sie

unternahm, indem sie die einzige Heimath verließ, die sie jemals gekannt

hatte, und sich von dem Schutze einer Freundin losriß, die sie geliebt

und geehrt hatte. Dazu kam die Trennung von jedem ihr vertrauten

Gegenstande, -- von dem Orte, an dem sie aufgewachsen war, den Bäumen,

unter denen sie gespielt hatte, den Gebüschen, in denen sie so manches

Mal Abends an der Seite ihres jungen Gatten gewandelt hatte, -- jeder

Gegenstand, der in der kalten, sternhellen Nacht vor ihr lag, schien sie

vorwurfsvoll zu fragen, wohin sie sich von einer so glücklichen Heimath

wenden wolle?

Aber stärker als Alles war das Gefühl der Mutterliebe, welches sich vor

der so nahe drohenden, schrecklichen Gefahr zu einem Paroxismus von

Raserei steigerte. Ihr Knabe war alt genug, um an ihrer Seite gehen zu

können, und unter anderen Umständen würde sie ihn nur an der Hand

geführt haben; allein jetzt machte sie der bloße Gedanke, ihn aus ihren

Armen zu lassen, schaudern, und während sie eilends vorwärts schritt,

preßte sie ihn mit krampfhaftem Drucke an ihren Busen.

Der gefrorene Boden knarrte unter ihren Füßen und sie zitterte bei

diesen Tönen; jedes rauschende Blatt und jeder fliehende Schatten machte

ihr Blut im Herzen erstarren und trieb ihre Füße zu noch größerer Eile

an. Sie wunderte sich innerlich selbst über die Stärke, die sie zu

durchströmen schien; denn sie fühlte die Last ihres Kindes wie die einer

Feder, und jede neu aufsteigende Regung von Furcht schien die

übernatürliche Kraft zu erhöhen, die sie forttrug, während von ihren

bleichen Lippen häufige Anrufe an einen Freund im Himmel flossen: »Gott,

hilf mir! Gott, rette mich!«

Wenn es =Dein= Harry wäre, Mutter, oder Dein William, der Dir morgen

früh durch einen rohen Sklavenhändler entrissen werden sollte, -- wenn

Du den Mann gesehen und gehört hättest, daß die Papiere unterzeichnet

und übergeben wären, und Du hättest nur Zeit von Mitternacht bis zum

Morgen, um Deine Flucht zu bewerkstelligen, wie schnell würden =Deine=

Schritte sein? Wie viel Meilen würdest Du nicht in jenen wenigen, kurzen

Stunden zurücklegen können, mit dem Liebling an Deiner Brust, -- die

kleinen, schlafmüden Hände auf Deiner Schulter, und die zarten, weichen

Arme um Deinen Nacken geschlungen?

Denn der Knabe schlief. Anfangs hatten ihn die Neuheit der Umstände und

die Unruhe wach erhalten; aber seine Mutter hielt so ängstlich den Athem

und jeden Laut zurück, und hatte ihn so fest versichert, daß, wenn er

nur still sei, sie ihn sicherlich retten werde, daß er beruhigt ihren

Nacken umschlang, und schon halb entschlummert nur noch Fragen an sie

richtete.

»Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben, nicht wahr?«

»Nein, mein Liebling, schlafe, wenn Du müde bist.«

»Aber, Mutter, wenn ich einschlafe, wirst Du doch nicht zugeben, daß er

mich nimmt?«

»Nein, so Gott mir helfe!« sagte die Mutter mit blässerer Wange und

hellerer Gluth in ihrem dunklen Auge.

»=Gewiß= nicht, Mutter?«

»=Gewiß= nicht!« sagte die Mutter mit einer Stimme, vor der sie selbst

erschrack, denn sie schien von einem geistigen Wesen in ihr zu kommen,

das keinen Theil an ihr habe; und der Knabe senkte seinen kleinen, müden

Kopf auf ihre Schulter, und war bald entschlummert. Wie die Berührung

dieser warmen Arme, der sanfte Hauch seiner Athemzüge an ihrem Nacken

ihren Bewegungen neues Leben und Feuer zu verleihen schienen! Es kam ihr

vor, als wenn aus jeder Berührung, jeder Bewegung des schlummernden, auf

sie vertrauenden Kindes elektrische Ströme neuer Kraft auf sie

ausströmten. Erhaben ist die Herrschaft des Geistes über den Körper, die

Fleisch und Nerven unüberwindlich macht, und die Sehnen sich wie Stahl

spannen läßt, so daß Schwache so mächtig werden.

Die Grenzen der Farmbesitzung, die Gebüsche, die Waldung schwanden

dämmernd an ihr vorüber, während sie weiter schritt; aber sie hielt

nicht an, sie eilte vorwärts, einen vertrauten Gegenstand nach dem

andern hinter sich zurücklassend, bis die röthlichen Strahlen des ersten

Tageslichtes sie, manche lange Meile weit von jeder Spur vertrauter

Gegenstände entfernt, auf der offenen Landstraße fanden.

Sie hatte öfters ihre Herrin auf Besuchen bei Bekannten in dem kleinen

Dorfe T-- nicht weit vom Ohioflusse, begleitet, und kannte den Weg dahin

genau. Dorthin zu eilen und über den Ohiofluß zu fliehen, waren die

ersten Umrisse ihres Fluchtplanes gewesen; darüber hinaus konnte sie nur

auf Gottes Hülfe vertrauen.

Als Wagen und Pferde sich auf der Landstraße zu bewegen begannen, wurde

sie vermöge der einem aufgeregten geistigen Zustande so eigenthümlichen

Schärfe des Fassungsvermögens inne, daß ihr eilender Schritt und ihr

verstörtes Aeußere Veranlassung zu Aufmerksamkeit und Verdacht geben

könnten. Sie ließ deßhalb den Knaben auf die Erde nieder, brachte ihre

Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung, und ging so schnell, wie es sich

mit der Bewahrung des äußeren Scheines vertrug, weiter. In ihrem kleinen

Vorrathe hatte sie für eine hinreichende Quantität von Kuchen und

Aepfeln gesorgt, deren sie sich als Mittel bediente, um den Fortschritt

des Kindes zu beschleunigen, indem sie den Apfel einige Schritte weit

vorauswarf, dem der Knabe sodann mit allen Kräften nacheilte; und diese

List öfters wiederholt, brachte sie über manche halbe Meile hinweg.

Nach einiger Zeit kamen sie an eine dichte Waldung, durch die ein

klarer, murmelnder Bach floß. Da der Knabe über Hunger und Durst klagte,

so stieg sie mit ihm über den umgebenden Zaun, setzte sich hinter einem

großen Felsen nieder, der sie den auf der Landstraße Vorübergehenden

verbarg, und reichte ihm sein Frühstück aus ihrem kleinen Bündel. Der

Knabe wunderte sich und war traurig, daß sie nicht essen wolle; und als

er seine Arme um ihren Nacken schlang und etwas Kuchen in ihren Mund zu

drücken versuchte, war es ihr, als müsse das in ihrer Kehle aufsteigende

Gefühl sie ersticken.

»Nein, nein, Harry, mein liebes Kind! Mutter kann nicht essen, bis Du in

Sicherheit bist! Wir müssen fort, -- fort, bis wir an den Fluß kommen!«

Und sie eilte wieder auf den Weg zurück, und zwang sich wieder,

ordentlich und in ruhiger Haltung weiter zu gehen.

Sie war jetzt viele Meilen über denjenigen Theil der Gegend hinaus, wo

sie persönlich bekannt war. Im Falle sie irgend Jemanden begegnen

sollte, der sie kannte, dachte sie, daß die allbekannte Güte der

Familie, der sie angehörte, jeden Verdacht insofern unterdrücken werde,

als es eben um deßhalb unwahrscheinlich erschien, daß sie auf der Flucht

sein könne. Da sie überdies so weiß war, daß ihre farbige Abstammung,

ohne besonders scharfe Beobachtung, nicht erkennbar war, und ihr Kind

dieselbe Farbe hatte, so war es für sie um so leichter, ihren Weg ohne

Erregung von Verdacht fortsetzen zu können.

In dieser Annahme hielt sie um Mittag bei einem niedlichen, reinlichen

Farmhause an, um sich auszuruhen und um ein Mittagsmahl für ihr Kind und

sich selbst zu erlangen; denn, indem die Gefahr mit der zunehmenden

Entfernung abnahm, ließ auch die übernatürliche Spannung ihres

Nervensystemes nach, und sie fühlte sich ermattet und hungrig.

Die Wirthin, welche freundlich und geschwätzig war, schien froh zu sein,

daß irgend jemand bei ihr eingekehrt sei, mit dem sie schwatzen könne,

und nahm deßhalb Elisa's Angaben, »daß sie einen kleinen Ausflug mache,

um Freunde einige Tage zu besuchen,« ohne weitere Prüfung und

Untersuchung als richtig an.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte sie das Dorf T--, am Ohioflusse, müde

zwar, und mit wunden Füßen, aber immer noch stark im Herzen. Ihr erster

Blick war auf den Fluß, der gleich dem Jordan zwischen ihr und dem

Canaan der Freiheit auf der andern Seite lag. Es war jetzt in der ersten

Zeit des Frühjahrs, weßhalb der Fluß angeschwollen und unruhig war, und

große Schollen schwimmenden Eises im trüben Wasser schwerfällig auf- und

niederschwankten. Vermöge der eigenthümlichen Gestaltung des Ufers an

der Kentucky-Seite, wo das Land sich weit in das Wasser hinein

erstreckte, hatte sich das Eis in großen Massen angesammelt, und der

enge Kanal, welcher diese Landzunge umfloß, war mit übereinander

geschichteten Schollen so angefüllt, daß sich daselbst ein förmlicher

Wall gebildet hatte, welcher das heranschwimmende Eis aufhielt, und

dieses eine Art wellenförmigen Flosses bildete, welches den ganzen Fluß

bedeckte und sich beinahe bis dicht an das Ufer der Kentucky-Seite

erstreckte.

Elisa stand einen Augenblick still, diesen unglücklichen Zustand der

Dinge betrachtend, welcher, wie sie sogleich erkannte, das Ueberfahren

der gewöhnlichen Fähre verhindern mußte, und begab sich sodann in ein

kleines Wirthshaus am Ufer, um Erkundigungen einzuziehen.

Die Wirthin, welche mit Braten und Schmoren, als Vorbereitungen zum

Abendessen beschäftigt war, hielt, mit der Gabel in der Hand, inne, als

Elisa's sanfte und klagende Stimme sie anredete.

»Was giebts?« sagte sie.

»Geht jetzt hier keine Fähre über, die Reisende nach B-- bringt?« fragte

Elisa.

»Nein, jetzt nicht!« sagte das Weib. »Die Boote gehen jetzt nicht.«

Der Ausdruck von Furcht und getäuschter Hoffnung in Elisa's Gesichte

fiel der Frau auf, und sie fragte:

»Ihr wollt wohl überfahren? -- Jemand krank? Ihr scheint in großer

Unruhe zu sein?«

»Ich habe ein Kind, das gefährlich krank ist,« sagte Elisa. »Ich bekam

gestern Abend die erste Nachricht davon, und bin nun den ganzen Tag

gewandert, in der Hoffnung, hier eine Fähre zu finden.«

»So, das ist freilich unglücklich,« sagte die Frau, deren mütterliche

Sympathie angeregt worden war. »Ihr thut mir wahrlich leid. Solomon!«

rief sie dann zum Fenster hinaus nach einem kleinen Hintergebäude,

worauf ein Mann mit einer Lederschürze und sehr schmutzigen Händen

erschien.

»Höre, Sol,« sagte die Frau zu ihm, »geht denn der Mann mit den Fässern

heute Abend noch hinüber?«

»Er sagte, er woll's versuchen, wenn's einiger Maßen rathsam wäre,«

entgegnete der Mann.

»Da ist ein Mann hier, ein Stück Weg's weiter hinunter, der diesen Abend

mit Waaren hinüberfahren will, wenn's geht; er wird zum Abendessen hier

sein. So thut Ihr am besten, Ihr setzt Euch und wartet hier. Was für ein

lieber kleiner Bube,« sagte die Frau, dem Knaben ein Stück Kuchen

reichend.

Allein das Kind, übermäßig erschöpft, weinte vor Müdigkeit.

»Armer Wurm! er ist nicht daran gewöhnt, so weit zu gehen, und ich habe

ihn so getrieben,« sagte Elisa.

»Nun, so nehmt ihn in das Zimmer da,« sagte die Frau, ein kleines

Schlafgemach öffnend, in welchem ein bequemes Bett stand.

Elisa legte den ermüdeten Knaben darauf, und hielt seine Hände in den

ihrigen, bis er eingeschlafen war. Denn für sie war hier keine Ruhe. Wie

ein Feuer in ihren Gebeinen trieb der Gedanke an ihren Verfolger sie

weiter, und mit sehnsüchtigen Blicken schaute sie auf die finsteren,

brausenden Wellen, die zwischen ihr und ihrer Freiheit lagen.

Allein hier müssen wir für jetzt von ihr Abschied nehmen, um den Lauf

ihrer Verfolger zu begleiten.

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Obgleich Mrs. Shelby versprochen hatte, daß das Essen so schnell wie

möglich auf den Tisch gebracht werden solle, so zeigte sich doch bald,

daß mehr als eine Person dazu erforderlich sei, um einen Handel zu

machen. Ungeachtet dessen also, daß der Befehl in Haley's Gegenwart

ertheilt, und wenigstens durch ein Dutzend jugendlicher Boten an Tante

Chloë befördert worden war, ließ diese würdige Dame dennoch nichts als

ein wiederholtes mürrisches Schnaufen als Antwort darauf hören, und

fuhr in ihren Geschäften auf eine sehr gemächliche und umständliche

Weise fort.

Aus irgend einem besondern Grunde, schien sich die allgemeine Meinung

unter der Dienerschaft verbreitet zu haben, daß Mistreß über etwas

Verzug nicht besonders ungehalten sein werde; und es war wunderbar, was

für eine Menge widriger Umstände sich ereigneten, um den Lauf der Dinge

zu verzögern. Ein unglücklicher Bursche schüttete die Sauçe aus; und

dann mußte die Sauçe #de novo# gemacht werden, und zwar mit gehöriger

Sorgfalt und Umständlichkeit, wobei Tante Chloë mit der hartnäckigsten

Genauigkeit verfuhr, und auf alles Antreiben zur Eile nur kurz

antwortete, »daß sie keine rohe Sauçe auf den Tisch bringen wolle, um

Anderen beim Fangen behülflich zu sein.« Ein Andrer stolperte und fiel

mit dem Wasser nieder, und mußte deßhalb von Neuem an den Brunnen gehen,

um frisches zu holen; und wieder ein Andrer schüttete die Butter als

Hinderniß in den Lauf der Begebenheiten; und während dessen gelangten

von Zeit zu Zeit kichernde Nachrichten in die Küche, daß Master Haley

gewaltig unruhig sei, und auf seinem Stuhle nicht still sitzen könne,

sondern unaufhörlich zwischen Fenster und Thür auf und nieder laufe.

»Geschieht ihm recht!« sagte Tante Chloë unwillig. »Wird ihm schon noch

schlimmer ergehen, bald, wenn er seine Wege nicht ändert. =Sein= Herr

wird ihn rufen, und wie wird er dann aussehen!«

»Er kommt in die Hölle, ohne Zweifel!« sagte der kleine Jack.

»Er verdient's!« sagte Tante Chloë mit grimmiger Miene, -- »ich sage

Euch -- er hat viele, viele, viele Herzen gebrochen!« sagte sie, inne

haltend in ihrer Beschäftigung, und mit aufgehobener Gabel in ihrer

Hand; »'s ist, was Master Georg in der Offenbarung liest: -- >Seelen,

schreien unter dem Altare den Herrn um Rache an, gegen Solche!< -- und

der Herr wird sie hören! -- er wird!«

Tante Chloë, welche in der Küche sehr geachtet war, wurde von Allen mit

offenem Munde angehört; und da das Mittagessen endlich glücklich

abgesendet worden war, so hatte die ganze Küchenbevölkerung Muße mit ihr

zu schwatzen, und ihre Bemerkungen anzuhören.

»Solche müssen ewig brennen, -- ganz gewiß, -- nicht wahr?« sagte Andy.

»Ich möchte sie brennen sehen, -- mein Seel'!« sagte der kleine Jack.

»Kinder!« sagte hier plötzlich eine Stimme, welche Alle aufschreckte. Es

war Onkel Tom, welcher in die Thür getreten war, und die Unterhaltung

mit angehört hatte. »Kinder!« sagte er, »ich fürchte, Ihr wißt nicht was

Ihr sprecht. Ewig ist ein =schreckliches= Wort; -- 's schaudert Einen

dran zu denken; -- solltet das keiner menschlichen Kreatur wünschen.«

»Wir wollen's Niemanden wünschen, -- nur den Seelenverkäufern,« sagte

Andy; -- »man kann sich nicht helfen, die sind so schlecht.«

»Thut nicht die Natur selbst schreien gegen sie?« sagte Tante Chloë.

»Reißen sie nicht den Säugling gerade weg von Mutters Brust, und

verkaufen ihn, -- und die kleinen Kinder, wenn sie schreien, und sich

festhalten an Mutters Kleidern, -- reißen sie sie nicht los und

verkaufen sie? Reißen sie nicht Mann und Weib auseinander?« fuhr sie zu

weinen anfangend fort, -- »wenn's ihnen auch das Leben nimmt? -- und

fühlen sie was dabei? -- trinken und rauchen sie nicht, und sind ganz

gleichgültig dabei? -- O Herr, wenn der Teufel die nicht holt, -- wozu

ist er dann nütze?« Und Tante Chloë bedeckte ihr Gesicht mit ihrer

buntgefleckten Schürze, und fing in vollem Ernste bitterlich an zu

weinen.

»Bittet für die, so Euch beleidigen, sagt das gute Buch,« bemerkte Tom.

»Bitten für sie,« sagte Tante Chloë; -- »o Herr! das ist zu viel! Ich

kann nicht für sie beten.«

»'s ist Natur, Chloë, und Natur ist mächtig,« sagte Tom, »aber des Herrn

Gnade ist mächtiger; -- außerdem, solltest auch an den schrecklichen

Zustand denken, in dem die Seele solcher armen Kreatur ist, die solche

Dinge thut; -- solltest Gott danken, Chloë, daß Du nicht bist =wie= sie.

-- Weiß gewiß, -- wollte lieber zehntausendmal verkauft werden, als die

Verantwortung haben, die solche arme Kreatur hat auf sich.«

»Ich auch, ein gut Theil lieber,« sagte Jack. »O Herr, wie würde 's uns

gehen, Andy?«

Andy zuckte mit den Achseln, und gab ein beifälliges Pfeifen zu

vernehmen.

»Ich bin froh, daß Master heute früh nicht fortgegangen ist, wie er

wollte,« fuhr Tom fort; -- »das hätte mir weher gethan, als verkauft

werden. Vielleicht, es wäre natürlich für ihn gewesen, aber mir wär's

hart angekommen, -- hab' ihn ja gekannt, als er noch ein Säugling war.

Aber ich habe Master gesehn, und bin versöhnt nun mit Gottes Willen.

Master konnte sich nicht anders helfen; er hat recht gethan, aber

fürchte, daß doch Alles wird zu Grunde gehen, wenn ich fort bin. Master

kann nicht überall herumkriechen und aufpassen, wie ich habe gethan, --

und alle Enden zusammenhalten. Die Jungens meinen's ganz gut, aber sind

mächtig nachlässig. Das macht mir Sorge.«

In diesem Augenblicke erscholl die Glocke, und Tom wurde in's Zimmer

berufen.

»Tom,« sagte sein Herr in gütigem Tone zu ihm, »ich mache Dich

aufmerksam darauf, daß ich diesem Herrn Verschreibungen über tausend

Dollar gegeben habe für den Fall, daß Du nicht da sein solltest, wenn er

Dich verlangt. Er hat heut mit seinen übrigen Geschäften zu thun, und

Du kannst den Tag für Dich frei haben. Geh', wohin Du willst, mein alter

Junge.«

»Dank schön, Master,« sagte Tom.

»Und paß' auf,« sagte der Händler, »und bring's nicht über Deinen Herrn

mit einem von Deinen Niggerpfiffen, denn ich will jeden Cent aus ihm

herausdrücken, wenn Du nicht da bist. Wär' er mir gefolgt, so hätt' er

gar nicht einem von Euch -- glatten Aalen getraut!«

»Master,« sagte Tom, -- sich grade aufrichtend, -- »ich war just acht

Jahr alt, wenn alte Missis Euch in meine Arme legte, und Ihr wart noch

kein Jahr alt. >Da,< sagte sie, >Tom, das wird =Dein= junger Herr sein;

nimm ihn wohl in Acht,< sagte sie. Und nun wollt' ich Euch fragen, Master,

hab' ich Euch je ein Wort gebrochen oder Euch zuwider gehandelt, besonders,

seit ich ein Christ bin?«

Mr. Shelby war von seinem Gefühle vollständig überwältigt und Thränen

drangen aus seinen Augen hervor.

»Mein guter Junge,« sagte er, »Gott weiß, daß das wahr ist, was Du

sagst; und wenn es in meinen Kräften stände, es zu verhindern, so sollte

Niemand in der Welt Dich kaufen dürfen.«

»Und so wahr ich eine christliche Frau bin,« sagte Mrs. Shelby, »Du

sollst wieder eingelöst werden, sobald ich einigermaßen Mittel

zusammenbringen kann. Mr. Haley,« fügte sie zu Haley gewendet hinzu,

»merken Sie sich ja genau, an wen Sie ihn verkaufen, und lassen Sie mich

es wissen.«

»Gott, ja, warum denn nicht?« sagte der Händler, »kann ihn ja in einem

Jahr wieder 'raufbringen, nicht viel abgenutzt, und ihn zurückhandeln.«

»Ich will dann mit Ihnen handeln, und es soll Ihr Nutzen sein,« sagte

Mrs. Shelby.

»Natürlich,« sagte der Händler, -- »'s mir Alles gleich, handle hin und

zurück, wenn es nur ein gutes Geschäft gibt. Will ja nur meinen

Lebensunterhalt verdienen, Madame, das ist Alles, was unser Einer will,

denk' ich.«

Mr. und Mrs. Shelby waren innerlich empört über die unverschämte

Vertraulichkeit des Händlers, aber dennoch fühlten Beide die absolute

Nothwendigkeit, ihre Gefühle zurückzuhalten. Je gefühlloser und

schmutziger er erschien, desto größer war Mrs. Shelby's Furcht, daß es

ihm gelingen könne, Elisa und ihr Kind wieder einzufangen, und um so

mehr fühlte sie sich deßhalb gedrungen, jeden weiblichen Kunstgriff zu

benutzen, um ihn noch länger aufzuhalten. Sie lächelte ihm deßhalb

beifällig zu, schwatzte vertraulich mit ihm und that Alles, was sie

konnte, um ihm die Zeit unbemerkt entfliehen zu lassen.

Um zwei Uhr endlich führten Sam und Andy die Pferde vor, wie es schien,

bedeutend erfrischt und ermuthigt durch den am Morgen gehaltenen

Rennlauf.

Sam kam frisch geölt vom Essen, mit einem Ueberfluß von eifriger und

williger Geschäftigkeit. Während Haley sich näherte, prahlte er gegen

Andy von dem sichern, ganz unzweifelhaften Erfolge, den das Unternehmen

haben müsse, nachdem er nun endlich so weit gekommen sei, »dran gehen«

zu können.

»Euer Herr hält wohl keine Hunde?« sagte Haley nachdenkend, während er

sich anschickte aufzusteigen.

»Die Menge,« sagte Sam triumphirend; »da 's Bruno, -- 's ist ein

Brüller! und dann hat hier auch noch jeder Nigger ein paar junge Hunde

von einer Sorte oder anderer!«

»Pah!« sagte Haley, -- und fügte noch etwas Anderes mit Bezug auf die

erwähnten Hunde hinzu, worauf Sam murmelte:

»Seh' nicht ein, wozu -- was nöthig -- drauf zu fluchen.«

»Aber Euer Herr hält keine Hunde (ich weiß es ganz gewiß), um Niggers

aufzuspüren.«

»Unsere Hunde alle haben sehr scharfen Geruch. Glaube, 's ist die rechte

Sorte, -- haben zwar nie keine Praxis gehabt. Brave Hunde, Master, auf

Alles, wenn Ihr sie loslaßt. Hier, Bruno,« rief er, einem

umherschlendernden Neufundländer zupfeifend, worauf dieser mit

gewaltigem Geräusche auf ihn zugesprungen kam.

»Du sollst gehenkt werden!« sagte Haley aufsteigend. »Komm, kriech'

hinauf nun.«

Sam kroch demgemäß hinauf, dabei jedoch auf geschickte Weise Gelegenheit

findend, Andy zu kitzeln, was diesen nöthigte, in ein helles Lachen

auszubrechen, in Folge dessen Haley in heftigem Unmuthe mit der

Reitpeitsche nach ihm hieb.

»'s ist erstaunlich, Andy!« sagte Sam mit schrecklichem Ernste. »Dieß

ein sehr wichtiges Geschäft; -- mußt hier keinen Spaß treiben; -- das

ist keine Art, Master zu helfen.«

»Ich werde den graden Weg nach dem Flusse nehmen,« sagte Haley mit

Bestimmtheit, als sie die Gränzen der Besitzung erreicht hatten. »Ich

weiß, welchen Weg alle Die nehmen, -- die laufen Alle in die Niederung.«

»Sicher,« sagte Sam, »das ist die rechte Idee. Master Haley trifft's

just in die Mitte. Nun, da sind zwei Wege an den Fluß, -- der Holzweg

und die Chaussee; -- welchen will Master nehmen?«

Andy blickte unschuldig zu Sam auf, überrascht, diese neue Geographie zu

hören, aber bestätigte augenblicklich, was jener gesagt hatte, durch

eine lebhafte Wiederholung desselben.

»Natürlich,« sagte Sam, »sollte eher denken, Lizy ist den Holzweg

gegangen, weil er einsamer ist.«

Haley, obgleich er ein erfahrener alter Fuchs war und stets mißtrauisch,

war dennoch nahe daran, sich durch diese Ansicht bestimmen zu lassen.

»Wenn Ihr nicht Beide so verdammte Lügner wäret!« sagte er gedankenvoll,

während er einen Augenblick nachsann.

Der tiefsinnige Ton, in dem dieß gesagt wurde, schien Andy so über alle

Maßen zu amüsiren, daß er ein Stückchen hinter Haley zurückblieb und

sich vor Lachen so schüttelte, daß er Gefahr lief vom Pferde zu fallen,

während Sam's Gesicht unbeweglich den schwermüthigsten Ernst bewahrte.

»Natürlich,« sagte Sam, »Master kann thun, was er will; -- gehen den

graden Weg, wenn Master hält's für's Beste, -- uns Alles einerlei. Ja,

wenn ich so drüber studire, denk' ich auch, der grade Weg ist am Besten,

-- ohne Zweifel.«

»Sie wird natürlich einen einsamen Weg gewählt haben,« sagte Haley, laut

denkend, und Sam's Bemerkung nicht beachtend.

»Läßt sich da nichts sagen,« fuhr Sam fort; -- »Weiber immer sonderbar,

-- Weiber immer thun, was Ihr denkt, -- gewöhnlich grade 's Gegentheil.

Weiber von Natur entgegen, -- und so, wenn Ihr denkt, sie sind gegangen

=den= Weg, 's ist gewiß, Ihr thut am Besten und nehmt den andern, --

dann findet Ihr sie ganz sicher. Hier nun ist meine Meinung, Lizy hat

den Holzweg genommen, -- also wäre 's am Besten, den graden zu nehmen.«

Diese gründliche, geschlechtliche Ansicht über die weibliche Natur

schien Haley nicht sonderlich für den chaussirten Weg bestimmen zu

können, und er erklärte seinen festen Entschluß, den andern zu wählen,

und fragte Sam, wann sie diesen erreichen würden.

Onkel Tom's Hütte(#31459) · 第 5 / 12 段