Hier wandte er sich zu dem breiten Rollbett um, welches voll von

kleinen, wolligen Köpfen lag, und brach gänzlich zusammen. Er lehnte

über dem Rücken eines Stuhles, und bedeckte sein Gesicht mit seinen

großen Händen. Schweres und tiefes Stöhnen machte den Stuhl unter ihm

wanken, und große und schwere Thränen fielen durch seine Finger auf den

Fußboden; grade solche Thränen, Mann, wie Du über dem Sarge Deines

Erstgeborenen weintest; solche Thränen, Weib, wie Deinem Auge

entströmten, als Du das Schreien Deines sterbenden Säuglings hörtest.

Denn, Herr, er war ein Mann, und Du bist auch nur einer; -- und, Weib,

wenn gleich mit Seide und Juwelen bedeckt, bist Du doch nur ein Weib,

und in des Lebens schweren Stunden fühlt Ihr beide denselben Schmerz!

»Und nun noch,« -- sagte Elisa, während sie in der Thür stand, »ich sah

und sprach noch diesen Nachmittag meinen Mann, als ich keine Ahnung von

dem hatte, was kommen würde. Sie haben ihn ganz niedergetreten, und er

sagte mir heut', daß er entfliehen wolle. Bitte, seht zu, ihm Nachricht

zu geben. Sagt ihm, wie ich gegangen bin, und warum; und sagt ihm, daß

ich versuchen wolle, Canada zu erreichen. Ihr müßt ihm meinen Gruß

bringen, und ihm sagen, im Fall ich ihn nie wieder sehen sollte,« --

hier wandte sie sich um, und stand einen Augenblick lang Jenen mit dem

Rücken zugewandt; dann fügte sie mit heiserer Stimme hinzu: »ihm sagen,

daß er immer gut sein möge, -- um mich im Himmel wieder zu sehen.«

»Ruft Bruno herein,« fügte sie hinzu. »Macht die Thür vor ihm zu, gutes

Thier! Er darf nicht mit mir gehen!«

Einige Worte und Thränen noch, ein einfaches Lebewohl, und ihr

verwundertes, erschrecktes Kind in ihre Arme drückend, schlich sie leise

davon.

Sechstes Kapitel.

Die Entdeckung.

Mr. und Mrs. Shelby fanden in Folge der langen Besprechung am Abend

nicht sehr bald ihren Schlaf, und schliefen deßhalb am nächsten Morgen

etwas länger als gewöhnlich.

»Ich wundre mich, wo Elisa bleibt,« sagte Mrs. Shelby, nachdem sie die

Glocke mehrmals vergeblich gezogen hatte.

Mr. Shelby stand vor seinem Toilettenspiegel, und wetzte sein

Rasirmesser, und grade in diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und

ein farbiger Knabe brachte das Rasirwasser herein.

»Andy,« sagte seine Mistreß, »geh' an Elisa's Thür, und sage ihr, daß

ich schon dreimal geschellt habe. Armes Wesen!« fügte sie seufzend

hinzu.

Andy kehrte bald zurück, aber mit Augen, die vor Erstaunen weit

aufgerissen waren.

»O Missis! Lizy's Kommode ist alles offen, und ihre Sachen alles umher,

-- und ich glaube, sie ist davon!«

Mr. Shelby und seine Frau erkannten in demselben Moment, was geschehen

war. Er rief: »Dann hat sie Verdacht geschöpft, und ist fort!«

»Gott sei gedankt!« sagte Mrs. Shelby. »Ich hoffe es!«

»Weib, Du sprichst wie eine Thörin! Wahrhaftig, das wird eine schöne

Verlegenheit für mich geben, wenn sie wirklich fort ist. Haley sah, daß

ich zauderte, dieses Kind zu verkaufen, und nun wird er denken, ich habe

mit dazu geholfen, es fortzuschaffen. Das berührt meine Ehre!« Und Mr.

Shelby verließ eiligst das Zimmer.

Nun begann etwa eine Viertelstunde lang ein Laufen und Schreien, und

Thürenauf- und Zumachen, und Gesichter in allen Farben und Schattirungen

wurden an verschiedenen Orten sichtbar. Nur eine Person, die vielleicht

etwas Licht über die Sache hätte verbreiten können, sagte kein Wort, und

das war die oberste Köchin, Tante Chloë. Schweigend und mit einer

finstern Wolke auf ihrem sonst so frohen Gesichte, war sie beschäftigt,

die Zwiebacke für das Frühstück zu rösten, als wenn sie von der

allgemeinen Bewegung um sie her nichts hörte und sähe.

Sehr bald hing etwa ein Dutzend junger farbiger Sprößlinge, gleich

ebenso vielen Krähen, auf dem eisernen Gitter der Veranda, jeder fest

entschlossen, der Erste zu sein, der dem fremden Herrn die Nachricht

bringe.

»Er wird ganz toll werden, mein Seel'!« sagte Andy.

»Wird er nicht =fluchen=?« sagte der kleine schwarze Jack.

»Ja, denn er flucht immer,« sagte die wollköpfige Mandy. »Ich hören ihn

gestern, bei Tische, ich hören denn Alles, weil ich in Missis Kammer

gewesen, wo die großen Töpfe sein, -- da ich Alles hören.« Und Mandy,

die nie zuvor in ihrem Leben an die Bedeutung eines Wortes, welches sie

gehört, mehr gedacht hatte als eine schwarze Katze, gab sich nun das

Ansehen eines besonderen Wissens, und vergaß dabei gänzlich zu erwähnen,

daß, obgleich sie sich zur angegebenen Zeit zusammengekauert in der

Geschirrkammer befunden, sie dort die ganze Zeit fest geschlafen hatte.

Als endlich Haley erschien, gestiefelt und gespornt, wurde er von allen

Seiten mit der bösen Nachricht begrüßt. Die jungen Kobolde an der

Veranda wurden in ihrer Erwartung, ihn »fluchen« zu hören, nicht

getäuscht, denn er that dies mit einer Geläufigkeit, die Alle höchlich

ergötzte, während sie sich duckten und schmiegten, um außerhalb des

Bereiches seiner Reitpeitsche zu sein, und dann, ihn in vollem Chore

verhöhnend, unter endlosem Gelächter in einen Haufen auf dem dürren

Rasen unter der Veranda zusammenfielen, und nach Herzenslust schrieen

und lärmten.

»Wenn ich die kleinen Teufel nur hätte!« murmelte Haley zwischen den

Zähnen.

»Aber Ihr habt sie nicht!« rief Andy mit triumphirendem Lachen hinter

dem Rücken des unglücklichen Händlers her, als dieser entfernt genug

war, um nicht mehr gehört zu werden, und schnitt ihm die abscheulichsten

Gesichter nach.

»Nun wahrhaftig, Shelby, dies ist ein ganz sonderbarer Handel!« sagte

Haley, während er ohne Umstände in dessen Wohnzimmer trat. »Es scheint,

die Dirne ist fort mit ihrem Jungen!«

»Mr. Haley, Mistreß Shelby ist gegenwärtig,« sagte Shelby.

»Ah, ich bitte um Verzeihung, Madame,« sagte Haley, sich ein wenig

verneigend, doch immer noch mit finsterer Stirn; »aber ich muß es noch

'mal sagen, dies ist 'ne sehr sonderbare Nachricht. Ist es wahr, Herr?«

»Mr. Haley,« sagte Shelby, »wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen, so

müssen Sie in Ihrem Betragen das Decorum eines Gentleman beobachten.

Andy, nimm dem Herrn den Hut und die Reitpeitsche ab. Setzen Sie sich.

Ja, mein Herr, ich bedaure Ihnen sagen zu müssen, daß das junge

Frauenzimmer, nachdem es entweder unsere Unterhaltung behorcht oder

deren Inhalt auf andere Weise erfahren hat, während der Nacht mit ihrem

Kinde entflohen ist.«

»Ich muß gestehen,« sagte Haley, »ich erwartete hier ehrlichen Handel.«

»Halt, Herr!« sagte Mr. Shelby, sich scharf gegen ihn umwendend, »wie

soll ich diese Bemerkung verstehen? Sobald Jemand meine Ehre in Zweifel

zieht, so habe ich nur =eine= Antwort.«

Diese Worte machten Eindruck auf den Händler und er bemerkte nun mit

gemäßigterer Stimme, daß es verdammt hart für einen Menschen sei, der

sich ehrlich auf einen Handel eingelassen habe, auf diese Weise

hintergangen zu werden.

»Mr. Haley,« sagte Shelby, »wenn ich nicht annähme, daß Sie einigen

Grund zur Unzufriedenheit hätten, so würde ich selbst nicht die rohe und

unhöfliche Weise, mit der Sie diesen Morgen in dieses Zimmer traten,

geduldet haben. Ich muß Ihnen jedoch so viel sagen, da es nothwendig zu

sein scheint, daß ich keine Bemerkungen erlauben werde, die mich einer

Unredlichkeit in diesem Geschäfte beschuldigen. Ueberdies werde ich es

für meine Pflicht halten, Ihnen jeden möglichen Beistand durch Benützung

meiner Pferde, Diener u. s. w. zu leisten. Also mit einem Worte, Haley,«

fügte er, plötzlich aus dem Tone einer gemessenen Kälte in seinen

gewöhnlichen freimüthigen verfallend, hinzu, »das Beste, was Sie thun

können, ist, guter Laune zu bleiben, und mit mir zu frühstücken, und

dann wollen wir sehen, was zu thun ist.«

Nach diesen Worten erhob sich Mrs. Shelby, indem sie erklärte, daß ihre

Geschäfte sie verhinderten, diesen Morgen beim Frühstücke gegenwärtig zu

sein; und nachdem sie sodann eine Mulattin von ganz wohlgefälligem

Aeußern beauftragt hatte, beim Frühstücke den Herren aufzuwarten,

verließ sie das Zimmer.

»Alte Dame -- mag ihren ergebenen Diener nicht leiden, durchaus nicht,«

sagte Haley, mit einiger Anstrengung, einen möglichst vertraulichen Ton

anzunehmen.

»Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in dieser Weise reden zu hören,«

bemerkte Mr. Shelby trocken.

»Bitte um Verzeihung; natürlich nur Scherz, -- versteht sich,« sagte

Haley, ein Lachen erzwingend.

»Es giebt gewisse Scherze, die nicht angenehm sind,« entgegnete Shelby.

»Verdammt dreist, seit ich die Papiere unterzeichnet habe, -- der Teufel

soll ihn holen!« brummte Haley für sich. »Ganz vornehm seit gestern.«

Nie verursachte der Fall irgend eines Premierministers bei Hofe mehr

Sensation als Tom's Schicksal unter seinen Gefährten auf dem Gute. Es

war der Gegenstand des Gespräches in jedem Munde und überall; und auf

dem Felde wie im Hause geschah fast nichts Anderes als daß die möglichen

Folgen dieses Ereignisses besprochen wurden. Endlich trug Elisa's

Flucht -- ein ganz unerhörter Fall auf dem Gute -- noch dazu bei, die

allgemeine Aufregung zu erhöhen.

Der schwarze Sam, wie er gewöhnlich genannt wurde, weil seine Haut

ungefähr um drei Schatten schwärzer war als die seiner andern

ebenholzfarbigen Brüder auf dem Gute, betrachtete die Sache von allen

Seiten und Gesichtspunkten mit einer Schärfe des Urtheils und einer

Fürsorge für seine eigne Wohlfahrt, die dem besten Patrioten in

Washington Ehre gemacht haben würde.

»Ein böser Wind, das weht hier jetzt, -- das 's gewiß!« sagte Sam mit

geheimnißvoller Miene, während er beschäftigt war, seine Beinkleider

höher hinaufzuziehen und an Stelle eines abgerissenen Knopfes einen

langen Nagel zu befestigen. »Ja, 's ist ein böser Wind, das weht,«

wiederholte er. -- »Da, Tom ist nieder, -- natürlich, Platz für einen

andern Nigger 'naufzukommen, -- und warum ich nicht dieser Nigger?

Tom -- reitet in's Land, -- Stiefeln geputzt -- Paß in Tasche -- ganz groß

wie Kuffe -- wer anders als er? Nu, warum nicht Sam? -- Das ist, was ich

wissen möchte.«

»Halloh, Sam, -- Sam! Master will, Du sollst Bill und Jerry fangen,«

sagte Andy, Sams Selbstgespräch unterbrechend.

»Hoho, was 's nun los, Junge?« fragte Sam.

»Haha, weißt nicht -- gar -- daß Lizy ist ausgerissen, mit ihrem

Jungen?«

»Du geh' zu Deiner Großmutter!« sagte Sam mit unaussprechlicher

Verachtung, »wußt's 'nen Haufen früher als Du, dummer Nigger!«

»Gut, Master will, Bill und Jerry soll 'sattelt und 'zäumt werden; und

Du und ich soll mit Master Haley gehen, und suchen nach ihr.«

»Gut, das 's die rechte Zeit!« sagte Sam. »S' ist Sam, der jetz' nöthig

ist, -- in solcher Zeit; ja, er's der Nigger. Sehn, ob ich sie nicht

fange, nun; Master soll sehen, was Sam kann!«

»Eh, aber Sam,« sagte Andy, »Du besser denkst noch 'mal nach; denn

Missis will nicht, sie soll gefangen werden, -- Missis wird Dir in die

Wolle fahren.«

»Hoho!« sagte Sam, seine Augen weit aufreißend. »Wie wissen Du das?«

»Hört' sie sagen so -- mir selbst -- diesen Morgen, wenn ich Master

Wasser brachte. Sie schickte mich nach Lizy, zu sehen, warum sie nicht

kommen that, sie anziehen; und wenn ich ihr sagte, daß sie davon war,

stund sie grad' auf und sagt: >Der Herr sei gelobt!< und Master, er

schien ganz toll, er sagte: >Weib, sprichst wie ein Narr!< Aber eh, sie

wird ihn bringen 'rum! weiß schon, ganz genau, wie das wird sein, --

sage Dir, 's ist immer 's Beste, bei Missis stehen, -- sage Dir!«

Der schwarze Sam kratzte sich nach dieser Mittheilung seinen wolligen

Schädel, welcher, wenn er auch nicht sehr tiefe Weisheit enthielt, doch

einen großen Theil jener besondern Art Klugheit besaß, die in der

Volkssprache am besten dadurch auszudrücken ist: »daß er wußte, auf

welcher Seite das Brod mit Butter geschmiert ist.«

»Kann's kein Mensch nie sagen, -- was will geschehen in =dieser= Welt,«

sagte er endlich.

Sam sprach wie ein Philosoph, einen besondern Nachdruck auf »=dieser=«

legend, als wenn er eine ausgedehnte Kenntniß andrer Welten habe, und

deshalb nach reiflicher Ueberlegung zu diesem Schlusse gelangt sei.

»Nun doch, ganz gewiß, hätte ich gesagt, Missis würde die ganze Welt

nach Lizy durchfegen,« fügte Sam sinnend hinzu.

»Und das würde sie,« sagte Andy, »aber -- kannst denn nicht durch 'ne

Leiter sehen, schwarzer Nigger? Missis will nicht, daß dieser Master

Haley Lizy's Jungen haben soll, -- das ist's!«

»Hoh!« rief Sam mit einer unbeschreibbaren Betonung, die nur Denen

bekannt sein kann, welche sie unter den Negern gehört haben.

»Und ich will Dir noch mehr sagen, -- und Alles,« sagte Andy, »ich

meine, am besten Du machtest jetzt hinter die Pferde her, -- ganz

schnell dazu, -- denn ich höre Missis fragen nach Dir, -- hast lange

genug hier 'rum genarrt.«

Sam begann nunmehr in allem Ernste sich an das Geschäft zu machen, und

erschien nach einiger Zeit mit Bill und Jerry in kurzem Gallop graden

Weg's nach dem Hause zureitend, und indem er geschickt absprang, ehe

noch die Pferde daran dachten, still zu stehen, brachte er sie, gleich

einer Windsbraut, grade an die Seite des Pferdepfostens heran. Haley's

Pferd, welches ein munteres junges Hengstfüllen war, schlug aus, und

bäumte sich, und riß gewaltsam am Halfter.

»Hoho!« sagte Sam, »scheu? bist du?« und sein schwarzes Gesicht

leuchtete von einem sonderbaren, boshaften Scheine. »Ich will dich

festmachen,« sagte er.

Auf dem Platze stand eine große Buche mit breiten schattigen Zweigen,

deren kleine, scharfe, dreieckige Nüsse den Boden unterhalb bedeckten.

Eine derselben zwischen seinen Fingern haltend, nahte sich Sam dem

Füllen, streichelte und klopfte es, und bemühte sich scheinbar, die

Unruhe desselben zu stillen. Unter dem Scheine, den Sattel befestigen zu

wollen, schob er geschickt die kleine, scharfe Nuß darunter, so daß die

geringste Last auf dem Sattel das reizbare Gefühl des Thieres

schmerzhaft erregen mußte, ohne eine sichtbare Schramme oder Wunde zu

verursachen.

»Da!« sagte er, seine Augen mit einem beifälligen Grinsen rollend, »ich

es festgemacht.«

In diesem Augenblicke erschien Mrs. Shelby auf dem Balkone, und winkte

ihm. Sam näherte sich mit einem eben so festen Entschlusse, sich

angenehm zu machen, als es je ein Bewerber um eine leere Stelle am Hofe

von St. James oder in Washington that.

»Weshalb hast Du Dich so lange herum getrieben, Sam? Ich ließ Dir durch

Andy sagen, eilig zu sein.«

»Gott helf mir, Missis,« sagte Sam, »Pferde kann nicht alle im Nu

gefangen werden; -- waren ein gut Stück Weg die Weide hinunter gerannt,

und Gott weiß, wo alles.«

»Sam, wie oft muß ich Dir sagen, nicht die Worte zu gebrauchen: >Gott

helf, und Gott weiß,< und solche Dinge? Es ist sündlich.«

»O Gott sei mir gnädig! Ich 's ganz vergessen, Missis! Ich will nichts

solches mehr sagen.«

»Ja aber, Sam, grade in diesem Augenblicke hast Du es wieder gesagt.«

»Habe ich? Gott! ich meine -- ich wollts nicht sagen, Missis.«

»Du mußt auf Dich Acht geben, Sam.«

»Laßt mich nur zu Athem kommen, Missis, und ich will ganz ordentlich

reden; -- ich sehr Acht geben.«

»Gut, Sam, Du mußt mit Mr. Haley reiten, und ihm den Weg zeigen, und ihm

helfen. Nimm die Pferde wohl in Acht, Sam, Du weißt, Jerry war vorige

Woche etwas lahm; =reite sie nicht zu schnell=.«

Mrs. Shelby sprach die letzten Worte mit gedämpfter Stimme und

besonderem Nachdrucke.

»Laßt mich nur machen!« sagte Sam, seine Augen bedeutungsvoll rollend.

»Gott weiß! -- Hei! -- hab's nicht gesagt, das!« fügte er mit einer

possierlichen Affectation von Schrecken hinzu, die selbst Mrs. Shelby

wider Willen zum Lachen nöthigte. »Ja, Missis, ich die Pferde schon in

Acht nehmen.«

»Nu, Andy,« sagte Sam, als er zu seinem Stande unter der Buche

zurückkehrte, »siehst Du, ich würd' gar nicht wundern, wenn den Herrn

sein Thier 'nen Satz machen sollte, nachher, wenn er aufsteigen will.

Weißt ja, Andy, Thiere machens so,« und gab Andy bei diesen Worten in

höchst bedeutungsvoller Weise einen Stoß in die Seite.

»Hei!« sagte Andy, mit dem Ausdrucke augenblicklichen Verständnisses.

»Ja, siehst Du, Andy, Missis will Zeit gewinnen, -- das ist klar, -- das

ein blinder Mann sieht. Ich will dazu was thun. Siehst nun, Du machst

alle die Pferde da los, laß sie alle permiskus hier um diese da 'rum

springen, und 'nunter da an den Wald, und ich denke, Master soll so

schnell nicht fortkommen.«

Andy grinste.

»Siehst Du,« sagte Sam, »siehst Du, Andy, wenn so was sollt' passiren,

wie Masters Pferd widerspenstig sein, -- und ausschlagen, -- denn Du und

ich just lassen gehn uns're, ihm zu helfen, eh' =wir wollen ihm helfen=,

-- o ja!« Und Sam und Andy legten ihre Köpfe zurück, und brachen in ein

unmäßiges aber unterdrücktes Lachen aus, und schnappten mit den Fingern,

und schlugen mit den Hacken aus in unbegränztem Entzücken.

In diesem Augenblicke erschien Haley in der Veranda. Etwas besänftigt

durch eine Anzahl Tassen vortrefflichen Kaffe's kam er schmunzelnd und

schmalzend in ziemlich guter Laune heraus. Sam und Andy griffen nach

gewissen Stücken von Palmblättern, die sie gewohnt waren, als ihre Hüte

zu betrachten, und eilten nach dem Pferdepfosten, um dem »Master zu

helfen.«

Sam's Palmblatt war auf sehr sinnreiche Weise von jeder Art Flechtung

befreit, und die grade auf- und abwärts stehenden Nebenschößlinge

verliehen der ganzen Kopfbedeckung einen solchen Schein von Freiheit und

Trotz, daß sie irgend eines Fejee-Häuptlings würdig gewesen sein würde;

während Andy den Scheitel seiner Kopfhülle mit einem geschickten Drucke

zusammenpreßte, und sich so wohlgefällig umschaute, als wollte er sagen:

»Wer sagt, daß ich keinen Hut habe?«

»Nun, Jungens,« sagte Haley, »jetzt munter; wir haben keine Zeit zu

verlieren.«

»Nicht einen Moment, Master!« sagte Sam, indem er Haley die Zügel seines

Pferdes in die Hände gab und den Steigbügel hielt, während Andy die

andern beiden Pferde vom Pfosten los machte.

In demselben Augenblicke, wo Haley den Sattel berührte, hob sich das

feurige Thier in einem plötzlichen Sprunge von der Erde, und warf seinen

Herrn einige Fuß weit auf den weichen trockenen Rasen. Sam versuchte

mit einem wilden Schreie einen Griff nach den Zügeln, aber erreichte

weiter nichts, als daß er das vorher erwähnte, hoch aufstehende

Palmblatt dem Pferde in's Auge stieß, was keineswegs zur Beruhigung der

erregten Nerven desselben beitrug. Indem es ihn deßhalb mit heftiger

Gewalt umrannte, zwei oder dreimal ein verächtliches Schnaufen ausstieß,

und kräftig mit den Hufen in die Luft schlug, jagte es dem unteren Ende

des freien Platzes zu, während Bill und Jerry ihm folgten, welche Andy,

der Uebereinkunft gemäß, nicht verfehlt hatte, los zu machen, und nun

mit verschiedenen wüthenden Ausrufungen zu noch größerer Eile antrieb.

Und nun folgte eine Scene der größten Verwirrung. Sam und Andy rannen

und schrieen, -- Hunde bellten hier und dort, -- und Mike, Mose, Mandy,

Fanny, und alle die jüngeren Sprößlinge des Gutes, weiblichen wie

männlichen Geschlechts, rannen und schlugen in die Hände, pfiffen und

schrieen mit unmäßiger Geschäftigkeit und unermüdlichem Eifer.

Haley's Pferd, ein Schimmel, flüchtig und feurig, schien mit großem

Wohlgefallen auf den Geist der ganzen Scene einzugehen; und indem es zu

seinem Rennlaufe, einen freien Platz, von beinahe einer halben Meile

Ausdehnung vor sich hatte, der nach allen Seiten hin sich in eine

unbegränzte Waldung sanft abflachte, schien es besonderes Vergnügen daran

zu finden, seine Verfolger nahe herankommen zu lassen, und dann, wenn

sie sich ihm bis auf eine Hand breit genähert hatten, schnaubend und

springend davon zu fliegen, und weit hinab in einen der Holzwege zu

galoppiren. Nichts war Sam's Absicht weniger, als daß irgend eins der

Pferde früher gefangen werden solle, als er für zeitgemäß hielt, -- und

dabei waren die Anstrengungen, die er machte, wirklich heroisch. Gleich

dem Schwerdte #Coeur de Lion's#, welches stets voran und im dicksten

Gefechte flammte, war Sam's Palmblatt überall sichtbar, wo nicht die

entfernteste Gefahr vorhanden war, daß das Pferd gefangen werden könne;

-- da sprang er in vollem Laufe drauf los, und schrie: »drauf! drauf!

fang ihn! fang ihn!« in solcher Weise, daß in einem Augenblicke Alles in

die vollständigste Verwirrung gesetzt war.

Haley rann inzwischen auf und ab, und schwor und fluchte und stampfte

mit dem Fuße abwechselnd. Mr. Shelby bemühte sich vergeblich, Befehle

vom Balkone aus hinunter zu rufen, und Mrs. Shelby stand bald lachend,

bald sich wundernd am Fenster ihres Zimmers, -- jedoch nicht ohne eine

leise Ahnung dessen, was dieser ganzen Verwirrung zu Grunde lag.

Endlich, ungefähr gegen zwölf Uhr Mittags, erschien Sam triumphirend,

auf Jerry reitend und Haley's Pferd an der Seite führend, welches zwar

von Schweiß triefend war, aber dessen noch immer flammende Augen und

ausgedehnten Nasenlöcher verriethen, daß der Geist der Freiheit es noch

nicht gänzlich verlassen hatte.

»Er's gefangen!« rief Sam mit triumphirender Miene. »Wenn's nicht ich

gewesen wäre, die Alle hätten sich können quälen, -- Alle! aber ich ihn

gefangen.«

»Du!« brummte Haley in keiner sehr liebenswürdigen Stimmung, »wenn Du

nicht gewesen wärest, so würde Alles das nicht geschehen sein.«

»Gott helf mir! Master,« sagte Sam im Tone tiefster Betrübniß, »ich, der

'rumgejagt und gerannt ist, daß der Schweiß mir 'nunter läuft!«

»Gut, gut!« sagte Haley, »Du hast mich um beinahe drei Stunden mit

Deinem verfluchten Unsinn gebracht; -- nun fort, keine Narrheiten

weiter.«

»Wie, Master?« sagte Sam in einem beschwörenden Tone, »ich glaube, Ihr

wollt uns Alle umbringen, -- Pferde und Alle. Hier, wir sind Alle just

fertig, umzufallen, und die Pferde rauchen nur so von Schweiß. Denke,

Master wird nicht wollen aufbrechen, nur erst nach Tische. -- Masters

Pferd muß abgerieben werden, -- hat sich ganz voll gespritzt; -- und

Jerry ist noch dazu lahm! -- glaube nicht, Missis wird uns lassen reiten

so just nun. Gott helf mir, Master, -- wir wollen sie schon noch

fangen, -- warten thut nichts. Lizy nie war großer Läufer nicht.«

Mrs. Shelby, welche von der Veranda aus diese Unterhaltung nicht ohne

großes Vergnügen mit angehört hatte, beschloß nunmehr, auch ihren Theil

zu thun. Sie trat deßhalb hervor, drückte in höflichster Weise ihr

Bedauern über Haleys Unfall aus, und bat ihn dringend, zum Mittagessen

zu bleiben, indem sie hinzufügte, daß die Köchin es sofort auf den Tisch

bringen sollte.

Unter diesen Umständen sah Haley sich genöthigt, sich, obgleich mit sehr

zweifelhafter guter Laune, in das Wohnzimmer zu begeben, während Sam,

seine Augen mit unaussprechlicher Bedeutung hinter ihm her rollend,

sodann die Pferde mit der ernsthaftesten Miene nach dem Stalle führte.

»Hast ihn gesehen, Andy? hast ihn gesehen?« sagte Sam, nachdem er

glücklich hinter eine ihn verbergende Scheune gelangt war und die Pferde

an einen Pfosten befestigt hatte. »O Herr, war's nicht ein Spaß, zu

sehen -- wie er tanzte und schlug und fluchte. Fluche nur, alter Kerl

(sagt' ich zu mir), -- willst Dein Pferd jetzt haben, oder willst

warten, bis ich's fange? (sagte ich). O Herr, ich denke, ich seh'n noch

jetzt!« Und Sam und Andy legten sich gegen die Scheune und lachten aus

vollem Herzen.

»Hätt'st nur sehen sollen, wie toll er aussah, als ich's Pferd 'rauf

brachte. Guter Gott, glaub', er hätt' mich umgebracht, wenn er gedurft

hätte; -- und da stand ich -- ganz unschuldig und demüthig.«

»O ja, ich sah Dich,« sagte Andy, »bist Du nicht ein altes Pferd, Sam?«

»Glaub's beinahe, ich bin's,« sagte Sam. »Hast nicht Missis gesehen --

oben am Fenster? Ich sah's, wie sie lachte.«

»Nein,« sagte Andy, »hatte so gelaufen, habe nichts gesehen.«

»Wohl, siehst Du,« sagte Sam, indem er ernsten Gesichts dazu schritt,

Haley's Tony abzuwaschen, -- »ich habe mir angenommen eine Gewohnheit,

was man =Beobachtung= nennen kann, Andy. S' ist 'ne sehr wichtige

Gewohnheit, Andy; und ich rathe Dir's, zu üben, weil Du jung bist. --

Heb' den Hinterfuß hier auf, Andy. Siehst, Andy, 's ist Beobachtung, was

allen Unterschied macht zwischen Niggers. Hab' ich nicht gesehen, wo der

Wind her kam, diesen Morgen? Hab' ich nicht gesehen, was Missis wollte,

wenn sie auch nichts sagte? Das 's Beobachtung, Andy. Glaube, 's ist,

was man 'ne Gabe nennen kann. Gaben ist verschieden in verschiedenen

Leuten, aber Uebung thut groß viel.«

Onkel Tom's Hütte(#31459) · 第 4 / 12 段