religiösen Gegenständen. Da in seinem Geiste, vermöge natürlicher
Anlage, das moralische Gefühl vorherrschend war, und da sein Geist einen
größeren Umfang und größere Bildung besaß, als seine Gefährten sich
dessen zu rühmen vermochten, so wurde er von Allen mit großer Achtung
und als eine Art Geistlicher angesehen; und der einfache, herzliche,
aufrichtige Ausdruck seiner Ermahnungen hätte vielleicht selbst höher
gebildete Personen erbauen können. Aber es war namentlich die Art des
Gebets, worin er sich auszeichnete. Nichts konnte die rührende
Einfachheit, die kindliche Begeisterung seines Gebetes übertreffen, so
getreu gehalten in der Sprache der Bibel, die ein so integrirender Theil
seines Wesens geworden zu sein schien, daß sie unwillkührlich seinen
Lippen entfloß. Er betete in der Ausdrucksweise eines frommen, alten
Negers »gerade hinauf.« Und einen solchen Eindruck äußerte stets sein
Gebet auf die Empfindungen der Andacht unter seiner Zuhörerschaft, daß
oft Gefahr drohte, es möchte ganz verloren gehen unter dem Ausbruche der
Gefühle und Antworten von allen Seiten.
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Während sich diese Scene in der Hütte des Sklaven zutrug, fand eine
davon sehr verschiedene in dem Salon des Herrn statt.
Der Sklavenhändler und Mr. Shelby saßen wieder in dem früher erwähnten
Eßzimmer beisammen, an einem Tische, der mit Papieren und
Schreibmaterialien bedeckt war.
Mr. Shelby war beschäftigt, verschiedene Packete Wechsel zu überzählen
und zu überrechnen, und schob sie sodann zu dem Händler hinüber, der sie
ebenfalls nachzählte.
»Alles richtig,« sagte der Händler; »nun also =unterzeichnen= diese da!«
Mr. Shelby zog hastig die Verkaufsbriefe an sich und unterzeichnete sie,
wie ein Mann, der über ein unangenehmes Geschäft hinwegeilt, und schob
sie sodann mit dem Gelde zur andern Seite hinüber. Haley zog hierauf aus
einer stark abgenutzten Brieftasche ein Pergament hervor, welches er,
nachdem er es zuvor überblickt hatte, an Mr. Shelby aushändigte, der es
mit einer Bewegung unterdrückten Eifers an sich nahm.
»Wohl, die Sache ist =gemacht=,« sagte der Händler aufstehend.
»Ist =abgemacht=!« sagte Mr. Shelby in sinnendem Tone und wiederholte
nach einem langen und tiefen Athemzuge: »ist =abgemacht=!«
»Ihr scheint mir nicht sonderlich damit zufrieden zu sein,« sagte der
Händler.
»Haley,« sagte Mr. Shelby, »ich hoffe, Ihr werdet nicht vergessen, was
Ihr mir auf Eure Ehre versprochen habt, daß Ihr nämlich den Tom nicht
verkaufen wollt, ohne vorher zu wissen, in was für Hände er geht.«
»Warum? Ihr habt jetzt gerade dasselbe gethan,« sagte der Händler.
»Umstände, wie Ihr wohl wißt, nöthigten mich,« sagte Shelby in stolzem
Tone.
»Wohl, sehet, die können mich auch nöthigen,« sagte der Händler. »Indeß,
will mein Bestes thun, ihm 'ne gute Koje zu verschaffen; -- und was mich
betrifft, so braucht Ihr nicht besorgt zu sein, daß ich ihn schlecht
behandele. Wenn's etwas in der Welt gibt, wofür ich dem Herrn dankbar
bin, so ist's, daß ich nicht grausam bin.«
Nach den Erläuterungen, welche der Händler zuvor über die Principien
seiner Menschlichkeit gegeben hatte, fühlte sich Mr. Shelby durch diese
Erklärungen nicht sonderlich beruhigt; allein da sie die einzige
Beruhigung waren, die er finden konnte, so ließ er den Händler
schweigend gehen und suchte Zerstreuung in einer einsamen Cigarre.
Fünftes Kapitel.
Die Gefühle lebenden Eigenthums unter wechselnden Besitzern.
Mr. und Missis Shelby hatten sich am Abend in ihr Zimmer zurückgezogen.
Er streckte sich in einem großen, bequemen Armstuhle und las einige
Briefe, die mit der Nachmittagspost angekommen waren, während sie vor
dem Spiegel stand und die verwickelten Flechten und Locken wieder glatt
bürstete, welche Elisa zuvor gemacht hatte; denn als ihr die bleichen
Wangen und verweinten Augen derselben zu Gesicht gekommen waren, hatte
sie sie von ihren Dienstgeschäften für diesen Abend entbunden und sie zu
Bett geschickt. Ihre gegenwärtige Beschäftigung erinnerte unwillkührlich
an die Unterhaltung dieses Morgens mit ihrer Dienerin. Indem sie sich
deßhalb zu ihrem Manne umwandte, sagte sie nachlässig:
»Sage mir doch, lieber Arthur, wer war denn der ordinaire Mensch, den
Du heut an unsern Mittagstisch zogst?«
»Haley ist sein Name,« sagte Shelby, sich unbehaglich in seinem Stuhle
umwendend und seine Augen unverwandt auf den Brief gerichtet haltend.
»Haley! Bitte, sage mir, was ist er denn? und was mag er denn nur für
Geschäfte hier gehabt haben?«
»Nun, s'ist ein Mann, mit dem ich einige Geschäfte gemacht hatte, als
ich zum letzten Male in Natchez war,« sagte Mr. Shelby.
»Und deßhalb machte er sich's hier so bequem und kam und lud sich zum
Mittagessen ein, -- ja?«
»Nein, ich lud ihn ein; ich hatte einige Rechnungen mit ihm abzumachen,«
sagte Shelby.
»Ist er ein Sklavenhändler?« fragte Mrs. Shelby, eine gewisse
Verlegenheit im Wesen ihres Mannes erkennend.
»Warum, mein Kind, was bringt Dich denn auf die Frage?« sagte Mr. Shelby
aufblickend.
»O nichts, -- nur, Elisa kam heut nach Tische weinend und in größter
Verzweiflung zu mir und sagte, Du sprächest mit einem Händler und sie
habe ihn gehört Dir ein Gebot für ihren Jungen machen, -- das alberne
Gänschen!«
»So?« sagte Mr. Shelby, wieder auf seinen Brief blickend, der einige
Augenblicke lang seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen
schien, obgleich er nicht bemerkte, daß er ihn verkehrt in der Hand
hielt.
»Es muß heraus, jetzt oder später,« sagte er im Geiste zu sich.
»Ich sagte Elisa,« bemerkte Mrs. Shelby, während sie fortfuhr, ihr Haar
zu bürsten, »daß sie eine Närrin sei, sich solche Angst zu bereiten, und
daß Du nie irgend etwas mit solchen Menschen zu thun habest. Ich wußte
ja, daß Du nie die Absicht hattest, irgend einen unserer Leute zu
verkaufen, -- am wenigsten an solchen Menschen.«
»Richtig, Emilie,« sagte der Mann, »so habe ich immer gedacht und
gesagt; allein die Sache ist, meine Verhältnisse sind jetzt von der Art,
daß ich jetzt nicht mehr umhin kann. Ich werde einige meiner Leute
verkaufen müssen.«
»An dieses Geschöpf? Unmöglich! Shelby, das kann nicht Dein Ernst sein.«
»Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß es wirklich mein Ernst ist,«
sagte Mr. Shelby. »Ich habe mich dazu verstanden, Tom zu verkaufen.«
»Was? unsern Tom? -- dieses gute, treue Geschöpf! -- ist Dein treuer
Diener von seiner Kindheit an gewesen! -- O Shelby! -- und Du hast ihm
außerdem die Freiheit versprochen, -- Du und ich, wir haben hundertmal
mit ihm davon gesprochen. -- Wohl, nun kann ich Alles glauben, -- =nun=
kann ich auch glauben, daß Du den kleinen Harry, das einzige Kind der
armen Elisa, verkaufen könntest!« sagte Mrs. Shelby in einem Tone, der
eine Mischung von Kummer und Unwillen verrieth.
»Wohl, da Du doch einmal Alles wissen mußt, -- es ist so. Ich habe
versprochen, Tom und Harry zu verkaufen; und ich sehe nicht ein, weßhalb
ich um einer Handlung willen für ein Ungeheuer gehalten werden soll, die
von Andern jeden Tag verübt wird.«
»Aber warum unter Allen grade diese wählen?« sagte Mrs. Shelby, »wenn Du
überhaupt verkaufen mußt.«
»Weil diese die höchste Summe von Allen einbringen, -- das ist der
Grund. Ich hätte allerdings noch eine andere Wahl treffen können, wenn
Du so willst. Der Kerl machte mir ein hohes Gebot für Elisa. Hätte Dir
das besser zugesagt?«
»Der Elende!« sagte Mrs. Shelby mit Heftigkeit.
»Ich habe ihn natürlich keinen Augenblick angehört; -- aus Rücksicht
für Dich wollte ich nicht. Laß mir also wenigstens so viel Gerechtigkeit
widerfahren.«
»Mein Lieber,« sagte Mrs. Shelby sich sammelnd, »verzeihe mir. Ich war
überrascht, und gänzlich unvorbereitet für diese Nachrichten; aber gewiß
wirst Du mir erlauben, ein Fürwort für diese armen Geschöpfe einzulegen.
Tom ist ein edelherziger, treuer Mensch, wenn er auch schwarz ist. Ich
glaube, Shelby, daß, wenn es nöthig wäre, er sogar willig sein Leben für
Dich hingeben würde.«
»Ich weiß es, -- ich glaube es, -- aber was hilft das alles? Ich kann
mir nicht anders helfen!«
»Warum nicht ein Opfer in Geld bringen? Ich will gern meinen Theil daran
tragen. O, Shelby, ich habe mich bemüht, -- gewissenhaft bemüht, wie
eine Christin soll, -- meine Pflichten gegen diese armen, einfachen,
abhängigen Geschöpfe zu erfüllen. Ich habe für sie gesorgt, sie
unterrichtet, über sie gewacht, und alle ihre kleinen Sorgen und Freuden
seit Jahren gekannt; und wie kann ich jemals wieder meinen Kopf unter
ihnen aufrichten, wenn wir, um eines kleinen, erbärmlichen Gewinnes
willen, ein so treues, vortreffliches, vertrauungsvolles Wesen, wie den
armen Tom, verkaufen, und in einem Augenblick ihn von Allem losreißen,
was wir ihn schätzen und lieben gelehrt haben? Ich habe ihnen die
Pflichten der Familie gelehrt, der Eltern und der Kinder, des Gatten und
des Weibes; und wie kann ich den Gedanken tragen, öffentlich anerkennen
zu müssen, daß wir, sobald es sich um den Werth des Geldes handelt,
keine Pflicht und kein Band ehren, wie heilig es auch immer sein möge.
Ich habe mit Elisa über ihren Knaben gesprochen, -- über ihre Pflicht
gegen ihn als eine christliche Mutter über ihn zu wachen, für ihn zu
beten, und ihn nach christlichen Grundsätzen zu erziehen; und was soll
ich nun sagen, wenn Du ihn von ihr reißest, und ihn verkaufst, Seele und
Leib, an einen gemeinen Menschen ohne alle Grundsätze, -- nur um etwas
Geld zu gewinnen? Ich habe ihr gesagt, daß eine menschliche Seele mehr
werth sei, als alles Geld in der Welt: und wie kann sie nun meinen
Worten Glauben schenken, wenn sie uns, im Widerspruche hiermit, ihr Kind
verkaufen sieht, -- vielleicht zu seinem sichern Ruine an Leib und
Seele!«
»Es thut mir leid, daß Du Dir das so sehr zu Herzen nimmst, Emilie, --
wahrlich,« sagte Mr. Shelby, »und ich ehre Deine Empfindungen, wenn ich
sie auch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung theile, aber ich versichere
Dir heilig, daß es nichts nützt, -- ich kann mir nicht anders helfen. Es
war nicht meine Absicht, Dir dies zu sagen; aber, um die reine Wahrheit
zu gestehen, es bleibt mir keine andere Wahl, als entweder diese Beiden
oder -- Alles zu verkaufen. Haley ist in den Besitz einer Hypothek
gekommen, welche, wenn ich sie nicht unverzüglich abzahle, Alles
verschlingt. Ich habe zusammengescharrt und gekratzt, was möglich war,
ich habe geborgt und Alles gethan, nur nicht gebettelt, und der Preis
für diese Beiden war grade noch nöthig, um das Fehlende zu decken, und
so mußte ich sie dran geben. Haley hatte an dem Kinde Gefallen gefunden,
und wollte auch kein anderes Arrangement eingehen. Ich war in seiner
Gewalt und mußte es thun. Wenn es Dir so nahe geht, diese verkauft zu
sehen, würde es besser sein, wenn Alle verkauft würden?«
Mrs. Shelby stand wie vom Schlage gerührt. Endlich, sich wieder zu ihrer
Toilette wendend, bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und seufzte
tief.
»Das ist der Fluch der Sklaverei! -- Ein Fluch für den Herrn wie für den
Sklaven! Ich war eine Thörin zu glauben, daß ich aus einem so tödtlichen
Uebel noch etwas Gutes bilden könne. Es ist eine Sünde, unter Gesetzen,
wie die unsrigen sind, Sklaven zu halten; ich fühlte das immer, -- ich
dachte das immer, als ich noch ein Mädchen war, -- ich fühlte es noch
mehr, als ich in den Kirchenverband getreten war; aber ich dachte, ich
könne es mit Gold überziehen, ich könne durch Güte, Sorgfalt und
Belehrung das Verhältniß der Meinigen besser machen, als es in der
Freiheit sein würde, -- Thörin, die ich war!«
»Aber Weib, Du wirst ja ein vollständiger Abolitionist.«
»Abolitionist! Wenn Jene von der Sklaverei so viel wüßten wie ich, so
möchten sie reden. Wir bedürfen ihrer nicht. Du weißt, daß ich Sklaverei
nie gebilligt habe, -- daß ich nie gewünscht habe, Sklaven zu besitzen.«
»Ja, in diesem Punkte bist Du verschiedener Meinung von vielen weisen
und gelehrten Männern,« sagte Mr. Shelby. »Erinnerst Du Dich an Mr.
B...'s Predigt, vor einigen Wochen?«
»Ich will solche Predigten nicht hören; ich mag Mr. B. nie wieder in
unserer Kirche hören. Geistliche können dem Uebel vielleicht nicht
abhelfen, -- können es nicht heilen, so wenig wie wir, -- aber es
vertheidigen! -- das ging immer gegen meinen Verstand. Und ich glaube,
Du selbst hast auch von der Predigt nicht viel gehalten!«
»Ich muß gestehen,« sagte Mr. Shelby, »diese Geistlichen treiben die
Sache zuweilen noch weiter, als wir armen Sünder es thun würden. Wir
Weltmenschen müssen gewaltig oft ein Auge zudrücken, und uns an Manches
gewöhnen, was nicht ganz in Ordnung ist; aber wir mögen's nicht leiden,
wenn Weiber und Geistliche groß und breit auftreten und in solchen
Dingen noch weiter gehen als wir. Aber nun, meine Liebe, hoffe ich, hast
Du die Nothwendigkeit eingesehen, und Dich überzeugt, daß ich das Beste
gethan habe, was die Umstände zuließen.«
»O ja, ja,« sagte Mrs. Shelby hastig und zerstreut, ihre goldene Uhr in
der Hand wiegend, und fügte sodann nach einer Pause gedankenvoll hinzu:
-- »ich besitze keine Juwelen von einigem Werthe, aber -- würde diese
Uhr nicht vielleicht etwas nützen? -- sie war sehr theuer, als sie
gekauft wurde. Wenn ich nur wenigstens Elisa's Kind retten könnte, so
würde ich gern Alles opfern, was ich habe.«
»Es thut mir leid, sehr leid, Emilie,« sagte Mr. Shelby, »daß Dir dies
so sehr zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist, Emilie,
Alles ist bereits abgemacht; die Verkaufsscheine sind bereits
unterschrieben und in Haley's Händen, und Du mußt Gott danken, daß es
nicht noch schlimmer ist. Der Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle
zu Grunde zu richten, -- und nun sind wir ihn glücklich los. Wenn Du den
Mann kenntest, wie ich ihn kenne, so würdest Du einsehen, daß wir einer
großen Gefahr entgangen sind.«
»Ist er denn so hartherzig?«
»Nicht hart und grausam grade, aber ein Mensch wie Leder, -- ein Mensch,
der für nichts Anderes lebt, als für Handel und Gewinn, -- kalt und ohne
Bedenken, und unerbittlich wie Tod und Grab. Er würde für einen guten
Gewinn seine eigne Mutter verkaufen, -- ohne dabei der alten Frau
irgendwie Uebles zu wünschen.«
»Und diesem Elenden gehören der gute, treue Tom, und Elisa's Kind!«
»In der That, meine Liebe, dies liegt mir schwer auf dem Herzen, -- ich
kann nicht daran denken. Haley will die Sache schnell betrieben haben,
und schon morgen Besitz ergreifen. Ich werde mein Pferd aus dem Stalle
nehmen, bei guter Zeit, und mich auf und davon machen. Ich kann Tom
nicht sehen, das ist gewiß; und Du thätest auch am besten, wenn Du eine
Fahrt irgendwohin unternähmest, und Elisa mit Dir führtest. Laß die
Sache abgemacht werden, während sie aus dem Wege ist.«
»Nein,« sagte Mrs. Shelby, »ich will auf keine Weise Mitschuldige oder
Mithelferin in diesem grausamen Geschäfte sein. Ich will den armen,
alten Tom sehen, und möge Gott ihm Kraft geben in seinem Unglück! Sie
sollen wenigstens sehen, daß ihre Herrin für sie und mit ihnen fühlen
kann. Was Elisa betrifft, so wage ich nicht an sie zu denken! -- Gott
sei uns gnädig! Was haben wir denn gethan, daß diese grausame
Nothwendigkeit über uns kommen muß?« --
Es gab einen Zuhörer dieser Unterhaltung, an den Mr. und Mrs. Shelby
wenig dachten.
In Verbindung mit dem Zimmer, in welchem sich Beide befanden, stand ein
geräumiges Kabinet, welches nach dem äußeren Gange führte. Als Elisa von
Mrs. Shelby für den Abend entlassen worden war, hatte ihr fieberhaft
aufgeregter Geist sie an dieses Kabinet erinnert, und sie hatte sich
dort versteckt, und mit fest gegen die Spalte der Thüre gedrücktem Ohre
kein Wort der ganzen Unterhaltung verloren.
Als die Stimmen allmählig erstarben, schlich sie leise davon. Blaß,
fröstelnd, mit starren Zügen und zusammengepreßten Lippen, schien aus
dem zarten, furchtsamen Geschöpfe, was sie bisher gewesen war, ein ganz
anderes Wesen geworden zu sein. Sie schlich vorsichtig den Flur entlang,
hielt einen Augenblick an der Zimmerthür ihrer Herrin an, hob ihre Hände
auf wie in stummem Rufe zum Himmel, und schlich dann in ihr eignes
Zimmer. Es war ein stilles, reinliches Gemach, auf demselben Flure mit
dem Zimmer ihrer Herrin belegen. Hier war das freundliche, sonnige
Fenster, wo sie so oft singend, mit ihrer Näherei beschäftigt, gesessen
hatte; dort stand eine kleine Büchersammlung, vor der verschiedene
kleine Schmuckartikel, Geschenke des Weihnachtsfestes, in sorgfältiger
Ordnung lagen; hier befand sich ihre einfache Garderobe, im Wandschranke
und in der Kommode; hier, mit einem Worte, war ihre Heimath, die im
Ganzen genommen bisher eine glückliche gewesen war. Aber dort, auf dem
Bette, lag ihr schlummerndes Kind, dessen lange Locken nachlässig um
seine bewußtlosen Züge fielen, während sein rosiger Mund halb geöffnet
war, seine kleinen, fetten Hände ausgestreckt auf der Bettdecke lagen,
und ein Lächeln, gleich einem Sonnenstrahle, sich über das ganze Gesicht
breitete.
»Armes Kind! armes Wesen!« sagte Elisa, »sie haben Dich verkauft! aber
Deine Mutter will Dich dennoch retten!«
Keine Thräne fiel auf das Kissen; in solchen Momenten hat das Herz keine
Thränen; -- es tröpfelt nur Blut, bis es sich still und schweigend
ausgeblutet hat. Sie ergriff ein Blatt Papier und Bleifeder, und schrieb
eilig folgende Worte:
»O Mistreß! theure Mistreß! halten Sie mich nicht für undankbar, --
denken Sie nicht zu hart von mir, -- ich habe Alles gehört, was Sie heut
Abend mit dem Herrn gesprochen haben. Ich will es versuchen, mein Kind
zu retten, -- Sie werden mich nicht verdammen! Gott segne Sie, und lohne
Ihnen alle Ihre Güte!«
Nachdem sie dieses Blatt hastig zusammengelegt und addressirt hatte,
öffnete sie eine Kommode, und legte ein kleines Packet Kleidungsstücke
für das Kind zurecht, welches sie mittelst eines Taschentuches fest um
ihren Leib band; und so zärtlich ist die Sorge einer Mutter, daß sie
selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht vergaß, ein oder zwei
Lieblingsstücke seines Spielzeugs mit in das Packet zu legen, während
sie einen bunt gemalten Papagei zurückbehielt, um ihn damit zu
unterhalten, wenn sie ihn aufwecken mußte. Es kostete einige Mühe, den
kleinen Schläfer zu ermuntern; allein nach einigen Versuchen saß er im
Bette auf, und spielte mit seinem Vogel, während seine Mutter sich den
Hut aufsetzte und das Tuch umhing.
»Wo willst Du hingehen, Mutter?« fragte er, als sie sich mit seinem
Röckchen und seiner Mütze dem Bette näherte.
Seine Mutter kam dicht zu ihm heran, und sah ihm so ernst in die Augen,
daß er sogleich merkte, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse.
»Still, Harry,« sagte sie, »Du mußt nicht laut sprechen, oder sie hören
uns. Ein böser Mann ist gekommen, um den kleinen Harry seiner Mutter
wegzunehmen, und im Dunkeln fortzutragen; Mutter aber will ihn nicht
lassen, -- Mutter will ihrem kleinen Harry das Röckchen anziehen und die
Mütze aufsetzen, und mit ihm davon laufen, so daß der böse Mann ihn
nicht fangen kann.«
Während dieser Worte hatte sie dem Kinde die einfache Kleidung angelegt,
und ihn in ihre Arme genommen, und indem sie ihm zuflüsterte, recht
still zu sein, öffnete sie eine Thüre ihres Zimmers, welches in die
äußere Veranda führte, und schlich leise hinaus.
Es war eine sternhelle, kalte Nacht, und die Mutter schlug ihr Tuch so
dicht wie möglich um das Kind, welches von dumpfen Schrecken ganz still
geworden war, und sich ängstlich um ihren Hals klammerte.
Der alte Bruno, ein großer Neufundland-Hund, welcher am Eingange des
Portals schlief, erhob sich mit leisem Geknurre, als sie sich ihm nahte.
Sie rief jedoch freundlich seinen Namen, worauf das Thier, ihr alter
Spielgefährte, augenblicklich zu wedeln und ihr zu folgen begann,
obgleich er in seinem schlichten Kopfe mit großem Bedenken zu erwägen
schien, was diese nächtliche Promenade zu bedeuten haben möge; denn
mehrmals stand er still, und blickte außerordentlich ernsthaft erst nach
Elisa und dann nach dem Hause, bis er endlich, wie durch Nachdenken
beruhigt, ihr weiter nachtrabte. Wenige Minuten brachten sie an das
Fenster von Onkel Tom's Hütte, wo Elisa still stand und leise an die
Scheibe klopfte.
Die Betstunde bei Onkel Tom war durch Absingen mehrerer Hymnen bis zu
einer späten Stunde ausgedehnt worden; und da Onkel Tom nach derselben
noch zu seiner eigenen Erbauung einige lange Solos unternommen hatte,
so war die Folge davon, daß, obgleich es jetzt zwischen zwölf und ein
Uhr war, er und seine würdige Ehehälfte noch nicht schliefen.
»Guter Gott! was ist das?« sagte Tante Chloë, aufspringend und hastig
den Fenstervorhang wegziehend. »Meiner Seel! ist's nicht Lizy! Zieh Dich
an, Alter, schnell! -- da ist Bruno auch, der herumwedelt; was in aller
Welt! Ich will die Thür aufmachen.«
Wie gesagt, so geschehen. Die Thüre flog auf, und der Schein des
Talglichtes, welches Tom in der Eile angezündet hatte, fiel auf das
bleiche Gesicht und die dunklen, wilden Augen des Flüchtlings.
»Gott helf! -- Ich fürchte mich, Dich anzusehen, Lizy! Bist Du so krank,
oder was ist vorgegangen mit Dir?«
»Ich will entfliehen, Onkel Tom und Tante Chloë, -- und mein Kind mit
mir nehmen, -- Master hat es verkauft!«
»Verkauft?« riefen Beide einstimmig, ihre Hände vor Schrecken aufhebend.
»Ja verkauft,« sagte Eliza mit fester Stimme. »Ich kroch diesen Abend in
das Kabinet an Mistreß's Thür, und hörte, wie der Herr ihr erzählte, daß
er meinen Harry und Euch, Onkel Tom, an einen Händler verkauft habe; und
daß er diesen Morgen fort reiten wolle, und daß der Händler heut' Besitz
ergreifen wolle.«
Tom hatte während dieser Rede mit aufgehobenen Händen und aufgerissenen
Augen wie ein Träumender da gestanden. Langsam und allmählig, wie er die
Bedeutung begriff, sank er in seinem alten Stuhl zusammen, und ließ sein
Haupt auf das Knie herabfallen.
»Der gute Gott sei uns barmherzig!« sagte Tante Chloë. »O, es scheint
mir, es kann nicht wahr sein! Was hat er denn gethan, daß der Herr =ihn=
verkaufen sollte?«
»Nichts hat er gethan, -- es ist nicht deßwegen. Master verkauft ihn
nicht gern; und Mistreß, -- ach, sie ist immer gut. Ich hörte, wie sie
für uns stritt und bat; aber er sagte ihr, daß Alles vergeblich sei, daß
er in der Schuld dieses Mannes sei, und daß dieser Mann ihn in seiner
Gewalt habe; und daß, wenn er ihn nicht rein ausbezahle, es damit enden
müsse, daß das ganze Gut mit allen Leuten verkauft würde, und er
fortziehen müsse. Ja, ich hörte ihn deutlich sagen, daß er keine andere
Wahl habe, als entweder diese beiden oder Alles zu verkaufen, weil der
Mann ihn so hart dränge. Master sagte, es thäte ihm leid; aber o!
Missis, -- Ihr hättet sie sprechen hören sollen! Wenn sie keine Christin
und kein Engel ist, so hat es nie einen gegeben. Ich bin ein schlechtes
Weib, daß ich sie so verlasse, aber ich kann nicht anders. Sie sagte
selbst, eine Seele sei mehr werth als die Welt, -- und dieser Knabe hat
eine Seele; und wenn ich ihn fortschleppen lasse, wer kann dann wissen,
was daraus wird? Es muß recht sein; -- aber wenn es unrecht ist, so mag
Gott mir verzeihen, denn ich kann nicht anders!«
»Nun, Alter,« sagte Tante Chloë, »warum gehst Du nicht auch? Willst Du
warten, bis Du den Fluß 'nuntergeschleppt wirst, wo sie Niggers tödten
mit schwerer Arbeit und Hungerleiden? Ich wollte viel, viel lieber
sterben, als dahin gehen, jemals! S' ist noch Zeit, -- mach' fort mit
Lizy, -- Du hast 'nen Paß zu kommen und zu gehen, alle Zeit. Komm',
mach' auf, -- ich will Deine Sachen zusammen suchen.«
Tom hob langsam seinen Kopf auf, und blickte kummervoll und gefaßt um
sich und sagte:
»Nein, nein, -- ich will nicht gehen. Laß' Elisa gehen, -- sie hat
recht! Ich wollte nicht der Eine sein, zu sagen, nein -- 's ist nicht in
=Natur= für sie, zu bleiben; aber Du hast gehört, was sie sagte! Wenn
ich verkauft werden muß, oder alles Volk auf dem Gute, und Alles geht
zu Grunde, nun -- so laßt mich verkauft werden. Denke, kann's tragen so
gut wie Einer,« fügte er hinzu, während ein Seufzer und eine Art
Schluchzen seine breite, rauhe Brust convulsivisch erschütterte. --
»Master hat mich immer am Platze gefunden, -- er soll es immer. Ich habe
nie mein Wort gebrochen, -- und nie meinen Paß nirgend gegen mein
Versprechen gebraucht, und will es nimmer. S' ist besser, daß ich allein
gehe, als daß Alles genommen und verkauft wird. Master ist nicht zu
tadeln, Chloë, und er wird sorgen für Dich und die armen --«