Onkel Tom's Hütte war ein kleines von Balken errichtetes Gebäude dicht
bei »=dem Hause=«, wie die Neger #par excellence# die Wohnung ihres
Herrn bezeichnen. Vor demselben lag ein sauberer Gartenfleck, in welchem
jeden Sommer Stachelbeeren und Himbeeren und allerhand andere Früchte
und Gemüse unter sorgsamer Hand blühten. Die ganze Front des Häuschens
war von den Stauden einer einheimischen, immerblühenden Rose bedeckt,
deren Ranken sich so verflochten, daß kaum eine Spur von den rauhen
Balken sichtbar war. Auch verschiedene Jahresblumen, wie Goldlack,
Nelken und Levkojen fanden hier im Sommer ein stilles Plätzchen, in dem
sie ihre Pracht und ihre Wohlgerüche entfalten konnten, und waren der
Stolz und die Freude Tante Chloë's.
Laßt uns in die Wohnung eintreten. Die Abendmahlzeit im Herrenhause ist
vorüber, und Tante Chloë, die als oberste Köchin die Zubereitung
desselben zu leiten pflegt, hat den Unterbeamten der Küche das Geschäft
des Reinigens und Aufräumens überlassen, und sich in ihr eignes,
behagliches Territorium begeben, um »ihrem Alten« das Abendbrod zu
reichen. Ihr dürft deshalb nicht daran zweifeln, daß sie es ist, die am
Feuer steht, und mit ängstlicher Aufmerksamkeit gewisse zischende
Gegenstände in einer Pfanne beobachtet, und von Zeit zu Zeit mit sehr
ernster Vorsicht den Deckel der Backpfanne aufhebt, unter welchem ganz
unzweifelhafte Anzeigen von »etwas Guten« hervordampfen. Ihr Gesicht ist
rund, schwarz und so glänzend, daß man glauben möchte, sie wäre, wie
eine ihrer Theezwiebacke, mit Eiweiß überstrichen worden. Ihr ganzes,
volles Gesicht strahlt unter ihrem wohlgestärkten Turbane von
Zufriedenheit und Frohsinn, obgleich es, wenn wir doch einmal gestehen
müssen, einen leichten Anstrich des Selbstbewußtseins verräth, welches
der ersten Köchin in der ganzen Nachbarschaft, wofür Tante Chloë ganz
allgemein galt und gehalten wurde, rechtmäßig zustand.
Eine Köchin war sie ohne Zweifel durch und durch. Allen Hühnern,
Truthähnen und Enten auf dem Hühnerhofe wurde Angst, wenn sie Tante
Chloë sich nahen sahen, und dachten augenscheinlich an ihr Ende; und
gewiß ist, daß sie fortwährend über schmoren, braten und backen mit
solcher Lebhaftigkeit nachdachte, daß sie jeden denkenden lebendigen
Vogel dadurch in Schrecken setzen mußte. Ihr Kornkuchen, in allen seinen
Modificationen war ein erhabenes Geheimniß für alle weniger geübten
Küchenpraktikanten; und sie schüttelte ihre fetten Seiten vor Freude und
Stolz, wenn sie von den fruchtlosen Versuchen erzählte, die einer oder
der andre ihrer Collegen gemacht hatte, ihren Höhenpunkt zu erreichen.
Die Ankunft von Gästen im »Hause«, die Zubereitung von Mittag- und
Abendessen im »großen Style« erweckte alle ihre Lebensgeister; und kein
Anblick war ihr erfreulicher als eine hohe Schicht Reisekoffer in der
Veranda, denn dann hatte sie Aussicht auf neue Anstrengungen und neue
Triumphe.
Grade in diesem Augenblicke schaut jedoch Tante Chloë in die Backpfanne,
und wir wollen sie in dieser ihr innig verwandten Beschäftigung lassen,
bis wir das Bild der Hütte vollendet haben.
In einer Ecke derselben steht ein Bett mit saubrer, weißer Decke; und an
der Seite desselben lag ein Stück Teppich von ziemlich bedeutendem
Umfange. Auf diesem Stücke Teppich hatte Tante Chloë ihren Stand, da sie
unzweifelhaft zu den höheren Regionen des menschlichen Lebens gehörte,
und dasselbe, so wie das Bett, bei dem es lag, und überhaupt die ganze
Ecke des Zimmers, wurden mit rücksichtsvoller Achtung behandelt, und so
viel wie möglich vor den Einbrüchen und Entheiligungen des kleineren
Volkes geschützt. Diese Ecke war das Gastzimmer des Hauses. In einer
andern Ecke stand ein Bett von weit unscheinbarerem Aeußern, und war
augenscheinlich für den Gebrauch bestimmt. Die Wand über dem Kamin war
mit einigen hellfarbigen Bildern aus der heiligen Schrift und einem
Portrait General Washington's geschmückt, welches dergestalt gezeichnet
und colorirt war, daß es ohne Zweifel diesen Helden in Erstaunen
gesetzt haben würde, wenn er je einen Abdruck desselben gesehen hätte.
Auf einer rohen Bank in einer andern Ecke war ein Paar wollköpfiger
Knaben mit glänzend schwarzen Augen und fetten, glänzenden Wangen
beschäftigt, die ersten Gehversuche des jüngsten Kindes zu überwachen,
welche, wie gewöhnlich, darin bestanden, sich auf den Füßen zu erheben,
einen Augenblick zu schwanken, und dann wieder umzufallen, wobei jeder
erfolglose Versuch mit schallendem Gelächter begleitet wurde.
Ein Tisch, schon etwas rheumatisch in seinen Gliedmaßen, befand sich vor
dem Feuer, und war mit einem Tuche bedeckt, welches Tassen und Schalen,
von unzweifelhaft schönem Muster, mit noch anderen Symptomen eines
herannahenden Mahles trug. An diesem Tische saß Onkel Tom, Mr. Shelby's
bester Sklave, den wir, da er der Held unserer Erzählung ist, für unsere
Leser daguerreotypiren müssen. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann,
mit breiter Brust, vom glänzendsten Schwarz und mit einem Gesichte,
dessen ächt afrikanische Züge Ernst und Verstand in Verbindung mit
natürlicher Herzensgüte verriethen. Es lag in seinem ganzen Aeußern eine
gewisse Selbstachtung und Würde, verbunden mit vertrauungsvoller
Einfachheit des Sinnes.
Er war grade in diesem Augenblicke sehr eifrig mit einer Tafel
beschäftigt, welche vor ihm lag, und auf der er langsam und mit großer
Sorgfalt einige Buchstaben nachzumalen versuchte, während Master Georg,
ein muntrer, hübscher Knabe von dreizehn Jahren, diese Beschäftigung
überwachte, und der Würde seiner Stellung als Lehrer vollkommen zu
entsprechen schien.
»Nicht so, Onkel Tom, -- nicht so,« sagte er lebhaft, als Onkel Tom
mühsam den Schweif seines G auf die falsche Seite gebracht hatte; »das
macht Q, siehst Du?«
»Gott's Willen, wirklich?« sagte Onkel Tom, ehrfurchtsvoll und
bewundrungsvoll seinen jungen Lehrer anblickend, während dieser mit
flüchtiger Hand zahllose Q's und G's zu seiner Erbauung auf die Tafel
malte; und sodann den Griffel in seine dicken, schweren Finger nehmend,
begann er sein Werk von Neuem.
»Wie leicht weiße Menschen Alles machen!« sagte Tante Chloë, einen
Augenblick inne haltend, während sie beschäftigt war, eine eiserne
Pfanne mit einem Stück Speck auf der Gabel auszufetten, und blickte
stolz auf Master Georg. »Wie er schreiben kann! und lesen dazu! Und dann
Abends herunter zu kommen, und uns die Bibel vorzulesen, -- s'ist
mächtig interessant!«
»Aber Tante Chloë, ich werde mächtig hungrig,« sagt Georg; »ist denn der
Kuchen in der Pfanne noch nicht bald gut?«
»Beinahe, Master Georg,« sagte Tante Chloë, den Deckel aufhebend und
hinunter blickend; -- »bräunt wunderschön, -- prächtiges Braun. Für das,
laßt nur Tante Chloë allein! Neulich Missis ließ Sally Versuch machen,
'nen Kuchen zu backen, -- grade nur, um's zu lernen,« sagte sie. »O
geht, Missis,« sagte ich, »es thut mir wirklich weh, zu sehen, die guten
Sachen alle so wegzuwerfen! Kuchen riß ganz auf an einer Seite, -- keine
Form, nichts -- nicht mehr als mein Schuh, geht!«
Und mit diesen Schlußworten, dem Ausdrucke über die Ungeschicklichkeit
Sally's, nahm Tante Chloë den Deckel der Backpfanne schnell hinweg, und
ließ einen schön gebackenen Pfundkuchen sehen, dessen sich kein
städtischer Zuckerbäcker zu schämen gehabt haben würde. Da dieser
augenscheinlich der wesentlichste Bestandtheil des Gastmahls war, so
begann Tante Chloë nunmehr sehr ernstlich den Tisch herzurichten.
»Hier, Ihr, Mose und Pete! geht aus dem Wege, Ihr Niggers! -- Geh'
Polly, mein Honig, -- Mama gibt ihrem Kinde was, nachher. Nun, Master
Georg, Sie, nehmen Sie die Bücher fort da, und setzen Sie sich zu meinem
Alten, und ich will die Würste heraus nehmen, und Ihre Teller sollen im
Augenblick voll Kuchen sein.«
»Ich sollte zum Abendessen in's Haus kommen,« sagte Georg, »aber ich
wußte was besser war, Tante Chloë.«
»Ja, ja, Sie wußten's -- Sie wußten's, Zuckerkind,« sagte Tante Chloë,
die dampfenden Kuchen auf seinen Teller häufend; »Sie wußten's, alte
Tante würde schon s'Beste aufheben für Sie. O freilich!« Und mit diesen
Worten gab Tante Chloë Georg einen Stoß mit ihrem Finger, und wandte
sich dann wieder mit großer Geschäftigkeit zu ihrer Pfanne.
»Nun soll's an den Kuchen gehen,« sagte Master Georg, als die Thätigkeit
der Pfanne etwas nachgelassen hatte, und schwang dabei ein großes Messer
über besagtem Artikel.
»Gott's willen, Master Georg!« rief Tante Chloë, mit großem Ernste ihm
in den Arm fallend, »Sie wollen ihn doch nicht mit dem großen, schweren
Messer schneiden? Zerquetschen ja Alles, verderben's ganz und gar. Hier,
ich habe ein altes, dünnes Messer; ich halt's immer scharf, grade dazu!
Hier, nun, sehen Sie, -- geht aus einander leicht wie 'ne Feder! Nun
essen's los! -- s'nichts zu beißen drin.«
»Tom Lincoln sagt,« bemerkte Georg, mit vollem Munde redend, »daß ihre
Jinny eine bessere Köchin wäre, als Du.«
»Kommt nichts drauf an, was die Lincoln's sagen, -- gar nicht!« sagte
Tante Chloë verächtlich; »sind nichts, ich meine neben =unsern= Leuten.
Sind ganz achtbare Leute, ganz genug, in 'ner einfachen Art; aber was in
großen Style machen -- nichts davon, keinen Begriff davon. Just nun,
stellen Sie Master Lincoln neben Master Shelby! Guter Gott! und Missis
Lincoln! -- kann sie auftreten wie meine Missis -- so glänzend
verstehen Sie? O nichts! gehn Sie mir, sagen Sie mir nichts von den
Lincoln's!« -- und Tante Chloë warf ihren Kopf in die Höhe, wie Jemand,
der sich selbst bewußt war, etwas von der Welt zu verstehen.
»Gut, aber ich habe Dich doch selbst sagen hören, Tante Chloë,« sagte
Georg, »daß Jinny eine gute Köchin sei.«
»Ganz richtig,« sagte Tante Chloë, -- »und das 's wahr. Gut, gewöhnlich,
einfachen kochen -- Jinny kann; -- kann gutes Brod backen, -- Kartoffeln
kochen, -- ihr Kornkuchen sind nicht extra, nein, Jinny's Kornkuchen
sind nicht extra; aber nun höher 'nauf, in höheren Zweigen, was kann
sie? -- lieber Gott! Sie kann Pasteten machen, -- gewiß, sie kann, --
aber was für Teig und Kruste? Kann sie den wirklichen, leichten Teig
machen, der Ihnen im Munde zerfließt und aufgeht wie ein Hauch? Just,
hören Sie, -- ich ging da h'nüber, wenn Miß Marien's Hochzeit war, und
Jinny just zeigte mir die Hochzeitpasteten. Jinny und ich sind's gute
Freunde immer, Sie wissen. Ich sagte nichts, nimmer, Master Georg!
Gewiß, glauben's mir, -- könnte nicht 'nen Augenblick schlafen, die
ganze Woche, wenn ich solches Gebäck Pasteten gemacht hätte; -- waren
nichts werth, gar nichts!«
»Ich glaube, Jinny hat gedacht, sie wären vortrefflich,« sagte Georg.
»Nicht wahr? -- so sie dachte. Da war sie, zeigte sie, ganz
unschuldig, -- sehen Sie's just hier, Jinny wußte's nicht. Geht mir, die
Familie ist nichts! Wie kann sie's wissen? Nicht ihre Schuld. Ah, Master
Georg, Sie kennen nicht halb Ihre Privilegien in Ihrer Familie, und in 'er
Auferziehung!« Bei diesen Worten seufzte Tante Chloë und schlug ihre
Augen mit tiefer Bewegung auf.
»Ganz gewiß, Tante Chloë, ich kenne alle meine Pasteten und
Puddings-Privilegien,« sagte Georg. »Frage nur Tom Lincoln, ob ich mich
nicht jedesmal damit rühme, wenn ich ihn treffe und ihn auslache.«
Tante Chloë lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte aus
Herzenskräften über den Witz des jungen Herrn, lachte, bis die Thränen
ihre schwarzen, glänzenden Backen hinunterliefen, während sie
abwechselnd dabei beschäftigt war, ihn im Scherze zu stoßen und zu
schlagen und ihm zu sagen, daß er fortgehen solle und daß er ein
Bösewicht sei, -- daß er im Stande sei, sie zu tödten und daß er sie
sicherlich nächstens umbringen werde, und verfiel dabei zwischen diesen
blutigen Prophezeihungen in immer neue Ausbrüche des Lachens, die immer
länger anhielten, bis endlich Georg wirklich zu glauben begann, er sei
ein höchst gefährlich witziger Mensch, und daß er wohl Acht geben müsse,
auf was er spreche.
»Und das haben Sie Tom gesagt? Haben Sie? O Herr, was die Jugend nicht
alles thut? Haben ihn ausgelacht, und wie haben Master Georg ihn
ausgelacht!«
»Ja,« sagte Georg, »ich sagte zu ihm, >Tom, Du mußt 'mal Tante Chloë's
Pasteten sehen; das ist die rechte Art!< sagte ich.«
»'S ist ein Jammer, nun, Tom kann nicht,« sagte Tante Chloë, auf deren
menschenfreundliches Herz Tom's ungünstiges Loos einen tiefen Eindruck
zu machen schien. »Sollten ihn doch 'mal zu Mittag laden, 'mal dieser
Tage, Master Georg,« fügte sie hinzu; »'s würde sich ganz hübsch von
Ihnen machen. Sie wissen's, Master Georg, Sie sollen sich nicht über
Niemand erheben, wegen Ihrer Priv'legien, weil alle unsre Priv'legien
uns sind gegeben. Wir sollen immer daran denken,« sagte Tante Chloë ganz
ernsthaft.
»Gut, ich will Tom an irgend einem Tage in der nächsten Woche hierher
einladen,« sagte Georg, »und Du thust Dein Bestes, Tante Chloë, und er
soll die Augen aufreißen. Soll er uns nicht so viel essen, daß er für
vierzehn Tage genug hat?«
»Ja, ja, -- gewiß!« sagte Tante Chloë ganz erfreut, -- »Sie sollen
sehen. O Herr! an manche von unsern Mahlzeiten zu denken! Wissen's noch
die große Hühnerpastete, die ich machte, wenn General Knox war hier? Ich
und Missis, wir beinahe hatten was Streit, wegen des Teigs. Was manchmal
solche Damen Einfälle haben, -- weiß nicht; aber manchmal, wenn ein
Mensch just am meisten Verantwortlichkeit hat auf sich, so zu sagen, und
ist 'ne ganz wichtige Sache, solche Damen haben den Einfall um Einen
herumzuhängen, und sich in Alles zu mischen! Nun, Missis wollte, ich
sollte's =so= machen, und dann sollt' ich's =so= machen; und endlich
wurd ich beinahe unartig und sagte: >Nun, Missis, schauen Sie auf die
schönen, weißen Hände, Ihre, mit langen Fingern, alle mit blanken
Ringen, just wie meine weißen Lilien, wenn der Thau drauf liegt; und nun
schauen Sie meine großen, schwarzen Hände. Nun, denken Sie nicht, daß
der Herr gewollt hat, ich soll den Pastetenteig machen, und Sie sollen
im Zimmer bleiben?< Da haben Sie's, Master Georg, so unartig war ich.«
»Und was sagte Mutter?« fragte Georg.
»Sagte? -- je nun, sie lachte gar mit den Augen, -- den schönen, großen
Augen, ihren, und sagte: >Gut Tante Chloë, ich glaube, Du hast recht,<
sagte sie, und fort ging sie in's Zimmer. Sie hätte mir eins an den Kopf
geben sollen, daß ich so unartig war; aber so ist's, -- ich kann nichts
thun mit Damen in der Küche!«
»Wohl, Du legtest große Ehre mit dem Gastmahle ein, -- ich entsinne mich
deutlich, Jedermann sagte es,« bemerkte Georg.
»Und stand ich nicht hinter der Thür des Speisezimmers an dem Tage? und
sah ich nicht, wie General Knox dreimal seinen Teller hinreichte, grade
nach dieser Pastete? -- und, sagte er: >Sie müssen eine
außerordentliche Köchin haben, Mistreß Shelby.< -- O Herr! ich hätte aus
einander gehen mögen!« --
»Und der General, er weiß, was kochen ist,« fügte Tante Chloë hinzu,
sich stolz aufrichtend. »Sehr hübscher Mann, der General! Er kommt von
der ersten Familie in Virginien! Er weiß was es heißt, so gut wie ich --
der General. Sehen Sie, da sind Punkte in allen Pasteten, Master Georg;
aber 's weiß nicht jeder, was das ist oder sein soll. Aber der General,
er weiß es; o, ich merkt's, was er sagte. Ja, er weiß, was die Punkte
sind!«
Um diese Zeit war Master Georg endlich zu dem Punkte gelangt, den selbst
ein Knabe (unter besondern Umständen) erreichen kann, daß er in der That
keinen Bissen mehr hinunterbringen konnte, und hatte deßhalb Zeit, die
Reihe von Wollköpfen und leuchtenden Augen zu bemerken, die aus einem
entfernten Winkel seine Operationen mit hungrigem Magen beobachtet
hatten.
»Hier, Du, Mose, Pete,« rief er, freigebig große Stücke vom Kuchen vor
sich abbrechend und ihnen zuwerfend; »Ihr wollt was haben, nicht wahr?
Komm, Tante Chloë, backe ihnen ein paar Kuchen.«
Und Georg und Tom begaben sich nach einem bequemen Sitze in der
Kaminecke, während Tante Chloë, nachdem sie einen ansehnlichen Haufen
Kuchen gebacken hatte, ihr jüngstes Kind auf den Schooß nahm, und nun
begann abwechselnd dessen Mund und ihren eigenen zu füllen und
angemessene Antheile an Mose und Pete auszutheilen, welche es
vorzuziehen schienen, ihre Portionen zu verzehren, während sie sich auf
dem Erdboden, unter dem Tische, umherwälzten und einander kitzelten.
»O geht, wollt Ihr?« sagte die Mutter, ihnen von Zeit zu Zeit, wenn die
Bewegungen derselben zu lästig wurden, einen Stoß mit dem Fuße unter dem
Tische gebend. »Könnt Ihr nicht artig sein, wenn weiße Leute hier sind
bei Euch? Wollt Ihr? ruhig da, oder ich setze Euch ein Knopfloch tiefer,
wenn Master Georg fort ist!«
Was diese schreckliche Drohung für eine Bedeutung hatte, läßt sich
schwer sagen, gewiß ist aber, daß sie einen sehr geringen Eindruck auf
die jungen Sünder machte.
»Na, denn!« sagte Onkel Tom, »die sind so voller Uebermuth, die können
sich nicht ordentlich betragen.«
Die Knaben tauchten unter dem Tische hervor, Gesicht und Hände wohl
bedeckt mit einer Mischung von Fett, Zucker und Schmutz, und begannen
ein herzhaftes Küssen des jüngsten Kindes.
»Fort mit euch!« sagte die Mutter, die wolligen Köpfe bei Seite stoßend.
»Ihr müßt ja alle zusammenkleben und nie wieder los kommen, wenn Ihr's
so macht. Fort, geht an den Brunnen, und wascht Euch!« sagte sie, diese
Worte mit einem Schlage begleitend, welcher einen furchtbaren Schall
verursachte, aber keine andere Wirkung zu haben schien, als ein noch
größeres Gelächter auf Seiten der Kinder zu erzeugen, während sie über
einander zur Thür hinauspurzelten und im vollsten Jubel aus
Leibeskräften schrieen.
»Gab es je solche ungezogenen Bälge?« sagte Tante Chloë, halb
schmunzelnd, während sie ein altes Handtuch hervorsuchte, welches
besonders für solche Zwecke gehalten wurde, etwas Wasser aus dem
halbzerbrochenen Theetopfe darauf schüttete und jene pflasterartige
Mischung von dem Gesichte und den Händen des jüngsten Kindes abwusch,
worauf sie es in Tom's Schooß setzte und sodann das Geschirr und die
Ueberreste des Abendessens wegzuräumen begann. Das Kind benutzte diese
Zwischenzeit dazu, an Tom's Nase zu zupfen, ihm das Gesicht zu
zerkratzen und die kleinen, fetten Hände in sein wolliges Haar zu
stecken, was ihm besonderes Vergnügen zu gewähren schien.
»Ist's nicht ein prächtiges Kind?« sagte Tom, es von sich entfernt
haltend, um es in seiner ganzen Länge zu betrachten; und sodann
aufstehend setzte er es auf seine breite Schulter und begann mit ihm zu
springen und zu tanzen, während Master Georg mit dem Taschentuche nach
ihm schnappte, und Mose und Pete, welche inzwischen zurückgekehrt waren,
dergestalt hinter her brüllten, daß Tante Chloë erklärte, sie verliere
ihren Kopf in dem Lärmen. Da jedoch, ihrer eigenen Angabe zufolge dies
eine chirurgische Operation war, welche sich täglich wiederholte, so
verminderte diese Erklärung nicht im geringsten die Heiterkeit der
Kinder, bis sie sich vollständig müde getanzt, gewälzt und geschrieen
hatten.
»Na, denn, hoffe, nun seid Ihr fertig,« sagte Tante Chloë, die
inzwischen ein aus einem rohen Kasten bestehendes Rollbett hervorgezogen
hatte; »nun, Mose und Pete, hier hinein, denn wir haben jetzt
Betstunde.«
»O Mutter, noch nicht. Wir wollen mit in Betstunde, -- Betstunde ist so
komisch, -- wir gern in Betstunde.«
»Ah was, Tante Chloë, schieb's wieder hinunter, und laß sie mit
aufbleiben,« sagte Master Georg mit Bestimmtheit, der rohen Maschine
einen Stoß gebend.
Nachdem Tante Chloë auf diese Weise den Schein gewahrt hatte, schien sie
höchlich erfreut, den Kasten wieder bei Seite schieben zu können, indem
sie sagte: »Gut, vielleicht thut's ihnen gut!«
Nunmehr löste sich das Haus in eine Comite auf, um die Vorbereitungen
und Vorrichtungen für die Betstunde zu berathschlagen.
»Wo nun Stühle her bekommen, ich weiß wahrlich nicht,« sagte Tante
Chloë.
Da die Betstunde seit längerer Zeit regelmäßig jede Woche bei Onkel Tom
gehalten worden war, ohne Hülfe von mehr »Stühlen,« so war einige
Aussicht vorhanden, daß sich gegenwärtig vielleicht ein Ausweg finden
lassen werde.
»Onkel Pete hat beide Beine von der alten Stuhl abgesungen -- vorige
Woche,« bemerkte Mose.
»Du geh! weiß gewiß, Du hast sie abgebrochen, selbst,« sagte Tante
Chloë, »so einer von Deinen Streichen.«
»Aber er steht noch,« sagte Mose, »wenn er nur an der Wand stehen
bleibt.«
»Denn Onkel Pete muß nicht sitzen drin, denn er rückt immer, wenn er
anfängt singen. Einen Abend er beinahe durch das ganze Zimmer gerückt,«
sagte Pete.
»Ho, denn lass' ihn sitzen drin,« sagte Mose, »und denn er wird
anfangen: >O Heilige und Sünder kommt --< und denn bricht er ein;« --
und Mose ahmte dabei den näselnden Ton des alten Mannes genau nach und
wälzte sich zugleich an der Erde, um ein Bild der zu erwartenden
Katastrophe zu geben.
Während Mose und Pete dies zwischen sich verhandelten, waren zwei leere
Fässer in die Hütte gerollt worden, und nachdem beide durch an die
Seiten gelegte Steine einen festen Stand bekommen hatten, wurden Bretter
darüber gelegt, so daß durch diese Vorrichtung, mit Hülfe
verschiedentlicher umgestülpter Eimer und anderer ähnlicher Hausgeräthe,
die Vorbereitungen beendigt waren.
»Master Georg liest die Bibel so wunderschön, na, ich weiß, er wird doch
hier bleiben, und uns was lesen,« sagte Tante Chloë, -- »ich dächte,
s'wäre gleich viel mehr interessant.«
Georg bequemte sich sehr gern dazu, denn welcher Knabe ist nicht jeder
Zeit zu Allem bereit, was ihm eine Art Wichtigkeit verleiht. Das Zimmer
füllte sich bald mit einer gemischten Versammlung vom alten, greisen
achtzigjährigen Patriarchen bis zum jungen Mädchen und dem
fünfzehnjährigen Buben hinab, von denen Mehrere nachbarlichen Familien
angehörten und Erlaubniß erhalten hatten, dieser Versammlung
beizuwohnen.
Nach einer einleitenden Unterhaltung über die verschiedenartigsten
Gegenstände, je nachdem sie gerade die Interessen der anwesenden
Andächtigen berührten, begann zum augenscheinlichen Ergötzen Aller der
Gesang. Selbst die störende Einwirkung der näselnden Töne konnte den
mächtigen Eindruck der natürlich schönen Stimmen in Gesängen, die
zugleich lebhaft und geistig waren, nicht vernichten. Der Text war
zuweilen der wohlbekannter gewöhnlicher Kirchenhymnen, und zuweilen von
einem unbestimmteren, milderen Charakter, wie er namentlich in den
freien Brüderversammlungen zu hören ist.
In vielen dieser Gesänge kamen wiederholte Beziehungen auf »die Ufer des
Jordan«, »die Felder Canaan's« und »das neue Jerusalem« vor; denn der
Geist des Negers, von Natur mit Leidenschaftlichkeit und
Einbildungskraft begabt, wählt sich Hymnen und Ausdrücke eines
lebhaften, malerischen Charakters; und während die Anwesenden sangen,
lachten Einige derselben, und Andere weinten, und noch Andere schlugen
die Hände zusammen, oder drückten sich die Hände in Entzückung, als wenn
sie schon glücklich am jenseitigen Ufer des Flusses angelangt wären.
Master Georg las auf Verlangen die letzten Kapitel der Offenbarung,
wobei er oft durch Ausrufungen wie: »O hört nur das!« »O denkt an das!«
»Wird das nicht alles geschehen?« u. s. w. unterbrochen wurde.
Georg, der ein aufgeweckter Knabe, und in religiösen Gegenständen von
seiner Mutter wohl unterrichtet worden war und sich hier ein Gegenstand
allgemeiner Bewunderung sah, warf von Zeit zu Zeit Erklärungen seiner
eignen Eingebung mit hinein, natürlich mit dem erforderlichen Ernste und
der nöthigen Würde, wofür er von den Alten gesegnet und von den Jungen
bewundert wurde; und Alle stimmten endlich darin überein, daß »ein
Geistlicher es nicht besser auslegen könne, als er,« und daß »es
wirklich zum Erstaunen sei!«