Die Thalaba

Eines der schönsten Denkmäler der Weisheit der Alten ist ihre Gymnastik.

Besonders dadurch scheinen sie begieriger gewesen zu sein, vorzubeugen als

zu strafen. Eine große Klugheit in politischer Beziehung! Die Feinde,

sagten die Athener, sind dazu geschaffen, die Verbrechen zu bestrafen, die

Bürger die Sitten hochzuhalten. Daher die voraussehende und heilsame

Aufmerksamkeit der Jugenderziehung gegenüber. Der erste Ausbruch der

Leidenschaften und ihr Ungestüm verursachen diesem heftigen Alter die

stärksten Erschütterungen; es bedarf einer männlichen Erziehung, deren

Strenge jedoch durch bestimmte Vergnügungen gemildert sein muß, die mit dem

großen Gegenstande, Männer zu bilden, im Einklang stehen. Nun gab es dort

nur körperliche Übungen, bei denen Arbeit und Freude glücklich vermischt

waren, die zum Teil ständig den Körper und infolgedessen auch die Seele

beschäftigten, erfreuten und kräftigten.

In Ländern, wo die Glücksgüter recht ungleich verteilt sind, werden stets

die niedrigen Schichten der Gesellschaft einigermaßen von der Bedürftigkeit

gequält, von der man nicht zu befürchten braucht, daß sie Betäubung durch

Müßiggang und Verweichlichung zur Folge hat. Fast unvermeidlich fallen ihr

aber die Reichen zum Opfer, wenn eine allgemeine und öffentliche

Einrichtung sie nicht einer tätigen Erziehung unterwirft, die beständig zum

Wetteifer anfeuert und ein Schutzwall gegen das ist, was im Reichtum, in

seinem Genuß und seiner Entartung unaufhörlich zu entnerven sich bestrebt.

Kräftige und edelmütige Gefühle können selten in geschwächten Körpern

leben, und die Seele eines Spartiaten würde übel in einem Sybaritenleibe

untergebracht sein. Alle Völker, die reich an Helden waren, sind ebenso die

gewesen, deren kriegerische Erziehung, kräftige Einrichtungen, vollkommene,

und gemäß den politischen Ansichten geleitete Gymnastik Kraft und Wetteifer

stärkten.

Diese kostbaren Einrichtungen sind heute fast ins Vergessen geraten. In

Paris zum Beispiel gibt es gut und gern vierzigtausend von der Polizei zur

Erziehung der Jugend eingeschriebene Mädchen, aber es gibt in dieser

ungeheuren Hauptstadt nicht eine einzige gute Reitschule, wo man lernen

kann, wie man zu Pferde sitzen soll; keinerlei Übungen pflegt man da, wenn

es sich nicht um Fechten, Tanzen, Ballspielen handelt, und die haben wir

schädlich genug sich auswachsen lassen.

Daraus, und aus recht vielen anderen Dingen, die ich nicht alle anzuführen

beabsichtige, folgt, daß unsere Leidenschaften oder vielmehr unsere

Verlangen und Geschmäcker (denn wir haben keine Leidenschaften mehr) vor

allem über jede moralische Tugend den Sieg davontragen.

Das heftigste unter diesen Verlangen ist zweifellos das, welches ein

Geschlecht nach dem anderen trägt. Diesen Hunger haben wir mit allem, was

da beseelt oder unbeseelt erschaffen worden ist, gemein. Die Natur hat als

zärtliche und fürsorgliche Mutter an die Erhaltung all dessen, was da ist,

gedacht. Doch unter den Menschen, diesen Wesen der Wesen, die zu oft nur

mit Vernunft begabt zu sein scheinen, um sie zu mißbrauchen, ist das

eingetreten, was man niemals bei den anderen Tieren bemerkt hat: sie

täuschen nämlich die Natur, indem sie sich der Lust erfreuen, die mit der

Fortpflanzung der Art verbunden ist, und lassen dabei das Ziel dieses

Reizes außer Acht. So haben wir den Zweck von den Mitteln getrennt; und der

Drang der Natur, durch die Bemühungen unserer Einbildungskraft verlängert,

lastet auf uns ohne Rücksicht auf Zeiten, Orte, Umstände, Gebräuche, Kult,

Sitten, Gesetze, kurz alle Fesseln, die dem Menschen auferlegt sind. Er hat

sich nicht länger um die Gewohnheit der Staaten und der Alter gekümmert;

denn die Greise werden enthaltsam, doch selten keusch.

Die Art und Weise, die Zwecke der Natur zu vereiteln, hat verschiedene

Gründe gehabt: den Aberglauben, der mit seiner häßlichen Maske fast alle

unsere Laster und Narrheiten deckt, verschiedene moralische Ursachen,

selbst die Philosophie.

Ketzer in Afrika enthielten sich ihrer Weiber und ihr unterschiedliches

Verfahren bestand darin, keinen Handel mit ihnen zu haben. Sie stützten

sich erstens darauf, daß Abel rein gestorben sei, und nannten sich

Abelianer, und zweitens darauf, daß der Apostel Paulus predigte, man sollte

mit seinem Weibe sein, wie wenn man keins hätte[A]. Ein abergläubischer

Wahnsinn kann nicht weiter verwundern; der Mißbrauch der Philosophie in

dieser Hinsicht aber ist sehr sonderbar und ein Werk der Zyniker.

Es ist seltsam, daß unterrichtete Menschen von geübtem Verstande, nachdem

sie in der menschlichen Gesellschaft die Sitten des Naturzustandes haben

einführen wollen, nicht bemerkt oder sich so wenig Sorge darum gemacht

haben, wie lächerlich es ist, verdorbenen und schwachen Menschen die

bäurische Grobheit der Jahrhunderte tierischen Lebens aufpfropfen zu

wollen. Selbst durch eine so groteske Philosophie oder durch die Liebe,

welche die Urheber dieser Doktrin einflößten, verführte Frauen opfern ihr

die Schande und die Scham, die tausendmal tiefer im weiblichen Herzen

wurzelt als die Keuschheit selber.

[Fußnote A: An die Korinther 6, 7, 8, 29.]

Solange als es sich um die eheliche Pflicht handelte, hatten die Zyniker

immer noch einige Sophismen anzuführen. Als aber Diogenes, der wenigstens

mit einiger Vernunft faselte, diese Moral auf den Grund seiner Tonne

beförderte, was konnten da seine Sophismen sein? Der Hochmut, den

Vorurteilen zu trotzen, die Art Ruhm -- der sklavische Mensch ist in allem

und stets ein Freund der Unabhängigkeit --, die sich daran knüpfte, waren

allem Anscheine nach die wirklichen Beweggründe. Der Makel des

Geheimnisses, der Schande, der Finsternis, würde ihm beleidigende Namen und

Nachstellungen eingetragen haben, seine Schamlosigkeit bewahrte ihn davor.

Wie kann man sich einbilden, daß ein Mensch denkt, was er tue und am hellen

Tage sagt, sei schlecht in Worten und in Werken? Wie kann man einen

Menschen verfolgen, der kalt behauptet: »Es ist das ein sehr mächtiges

Bedürfnis; ich aber bin glücklich in mir selber zu finden, was andere

Menschen zu tausenderlei Ausgaben und Verbrechen veranlaßt. Wenn alle Welt

wie ich wäre, würde weder Troja gefallen, noch Priamus auf Jupiters Altar

die Kehle abgeschnitten worden sein!« Diese und sehr viele andere Gründe

scheinen einige seiner Zeitgenossen verführt zu haben.

Galienus sucht ihn mehr zu rechtfertigen als zu verdammen. Wahr ist's, daß

die Mythologie in gewisser Weise den Onanismus geheiligt hatte. Man

erzählt, daß Merkur, da er Mitleid mit seinem. Sohne Pan hatte, der Tag und

Nacht durchs Gebirge streifte, von heftiger Liebe zu seiner Geliebten[A]

gepackt, deren er nicht froh werden konnte, ihm diese fade Erleichterung

bezeichnete, die Pan dann die Hirten lehrte.

Noch merkwürdiger als des Galienus Duldsamkeit ist die der Lais, die an

Diogenes, diesen Diogenes, der sich durch so viele ungeteilte Freuden

befleckte, ihre Gunst verschwendete, die ganz Griechenland mit Gold

aufgewogen haben würde, und um seinetwillen den liebenswürdigen und weisen

Aristipp betrog. Würde Lais, wenn ihm dasselbe Abenteuer wie dem Mädchen

zugestoßen wäre, die, nachdem sie den Zyniker allzu lange hatte warten

lassen, merkte, daß er sie sich aus dem Kopf geschlagen hatte und ihrer

nicht mehr bedurfte, sich dem Onanismus gegenüber etwa strenger bezeigt

haben?

Woher das Wort Onanismus stammt, weiß man: In der heiligen Schrift läßt

Onan seinen Samen auf die Erde fallen[B], seine Gründe jedoch dürften denen

des Diogenes vorzuziehen sein. Juda hatte von Sua drei Söhne: Her, Onan und

Sela. Er wollte Nachkommenschaft haben, führte sich seltsam dabei auf, kam

aber zum Ziele. Seinen ältesten Sohn Her ließ er Thamar heiraten; als Her

ohne Kinder gestorben war, wollte Juda, daß Onan seine Schwägerin beschlafe

unter der Bedingung, daß er seinem Bruder Samen erwecke, der nach dem Namen

des Ältesten Her genannt werde. Onan weigerte sich, und um den Zweck der

Natur ein Schnippchen zu schlagen, hub er, jedesmal wenn er bei Thamar lag,

an, sein Trankopfer beiseite zu schütten. Er starb. Juda ließ Thamar seinen

dritten Sohn Sela heiraten, der auch kinderlos starb. Juda wurde

halsstarrig und nahm das Geschäft, dessen er sehr würdig gewesen zu sein

scheint, auf sich, denn er schwängerte seine Tochter »derartig, daß

Zwillinge in ihrem Leibe erfunden wurden«. Der erste wies seine Hand vor,

um welche die Wehenmutter einen roten Faden band, weil er der ältere sein

mußte. Aber der kleine Arm zog sich wieder zurück und das andere Kind

erschien zu erst und man nannte es Perez[C].

[Fußnote A: Das Echo.]

[Fußnote B: Genesis, Kapitel 38.]

[Fußnote C: Der, welcher das Band trug und als zweiter geboren ward,

erhielt den Namen Zara, was so viel wie Osten heißt.]

Die Väter wollen Noah in Perez sehen, Noah das Bild Jesu Christi, der

erschienen ist wie der kleine Arm und dessen Leib nur für das neue Gesetz

geboren werden durfte. Was aber die Väter klarer als all das sahen, ist,

daß durch die Begebenheit mit dem Samen, den Onan beiseite warf, Jesus

Christus von der fremden Ruth, der Courtisane Rahab, der Ehebrecherin

Bathseba und von Vater auf Tochter von der blutschänderischen Thamar

abstammen muß[A]. Doch zur Sache zurück.

Man sieht, daß dem Onanismus, wenn er auch nicht geheiligt wurde, immerhin

durch große und alte Beispiele das Wort geredet worden ist.

Die moralischen Gründe, die ihn am häufigsten herausfordern, sind entweder

die Furcht, Wesen, die der besonderen Umstände halber unglücklich werden

würden, das Leben zu geben, oder die Angst vor Seuchen erzeugenden

Berührungen. Denn ohne daß es durchaus bewiesen ist, meint man, daß das

Gift auf die Teile des Körpers, die vollkommen mit der Haut bekleidet sind,

nicht, sondern nur auf die von ihr entblößten, einwirkt.

[Fußnote A: Sacy, Seite 817, Ausgabe in 8°.]

Diese und viele andere Umstände verleiten dazu, dem so lebhaften Triebe,

der den Menschen zur Fortpflanzung seines Ichs drängt, nur nachzugeben,

indem er die Absicht der Natur außer Acht läßt; und die Mittel sie zu

täuschen, sind bei den einen zur Leidenschaft, bei vielen anderen zum

Bedürfnis geworden. Der Schlaf erregt in den Zölibatären die wollüstigsten

Träume. Die Einbildung, geschärft und geschmeichelt durch diese

trügerischen Illusionen, die zu einer verstümmelten Wirklichkeit führen,

die aber wieder der Unannehmlichkeiten entbehrt, welche ein vollkommeneres

Glück oft so gefährlich machen, hat eifrig nach dieser Weise gegriffen, ihr

Begehren hinters Licht zu führen. Beide Geschlechter, auf solche Art die

Bande der Gemeinschaft zerreißend, haben diese Vergnügungen nachgeahmt, die

sie sich ungern versagen und indem sie sie durch ihre eigenen Anstrengungen

ersetzten, haben sie gelernt, sich selbst zu genügen.

Diese einzelnen und erzwungenen Vergnügungen sind dank der Bequemlichkeit,

sie zu stillen, zur heftigen Leidenschaft geworden, welche die Macht der

der Menschheit so gebietenden Gewohnheit zu ihrem Nutzen ausgebeutet hat.

Dann sind sie sehr gefährlich geworden, gefährlicher als so lange sie nur

durch das Bedürfnis geregelt wurden, da sie eine mehr wollüstige als

hitzige Einbildungskraft erzeugt haben. Kein Unfall ist die Folge gewesen,

kein physisches Leiden hat dieser Hang gezeitigt, und die Moral würde ihm

gegenüber in gewissen Fällen einige Duldsamkeit obwalten lassen können[A].

Die alten Richter, vielleicht weniger ängstlichen, aber philosophischen

Richter, dachten, wenn man ihm in diesen Grenzen genüge täte, würde man die

Enthaltsamkeit nicht verletzen. Galienus behauptet, wie man gesehen hat,

daß Diogenes, der öffentlich seine Zuflucht zu diesem Hilfsmittel nahm,

sehr keusch wäre; er wendete dies Verfahren nur an, sagt er, um den

Übelständen der Samenverhaltung zu entgehen.

Doch kommt es wohl sehr selten vor, daß man in dem, was man den Sinnen

einräumt, das richtige Maß einhält. Je mehr man sich seinem Verlangen

überläßt, desto mehr schärft man es; je mehr man ihm gehorcht, desto mehr

reizt man es. Dann bestimmt die von Schwäche vergiftete und ständig in

wollüstige Gedanken versunkene Seele die tierischen Triebe, sich der

Ausschweifung hinzugeben. Die Organe, die das Vergnügen hervorrufen, werden

durch die wiederholten Berührungen beweglicher, den Abschweifungen der

Einbildung gegenüber gelehriger; ständige Erektionen, häufige Pollutionen

und die Folgen eines unmäßigen Lebens stellen sich ein.

Oft kommt es vor, daß die Leidenschaft in Wut ausartet. Die Gegenstände,

die ihr gleichartig sind und sie nähren, bieten sich unaufhörlich dem

Geiste dar; nun, man kann sich nicht vorstellen, bis zu welchem Grade

dieses Achten auf einen einzigen Gegenstand entnervt, schwächt. Übrigens

zieht die Lage der Geschlechtsteile, selbst ohne Pollution, eine große

Verschwendung der animalischen Triebe nach sich. Pollutionen treten zu

häufig auf; selbst wenn ihnen keine Samenentleerungen folgen, schwächen sie

unendlich. Es gibt auffallende und unbestreitbare Beispiele dieser Art. Zu

beachten ist noch, daß das Verhalten der Onanisten nicht wenig zur

Schwächung, die sich aus ihren ungeteilten Handlungen ergibt, und zur

Reizbarkeit ihrer Organe beiträgt. Die Natur kann nimmer weder ihrer Rechte

verlustig gehen noch ihre Gesetze unbestraft verletzen lassen. Geteilte

Freuden werden selbst im Übermaß eher von ihr ertragen als eine

unfruchtbare List, durch welche man ihrer Herr zu werden sucht. Die

Befriedigung des Geistes und des Herzens hilft zu einer schnelleren

Wiedergutmachung der Verluste als die, welche die Räusche der

Einbildungskraft verursachen und niemals ersetzen können.

[Fußnote A: Der Marquis von Santa Crux, zum Beispiel, beginnt sein Buch

über die Kriegskunst mit den Worten, daß es die erste, für einen großen

General durchaus notwendige Eigenschaft sei, zu . . . weil das einer Armee

und besonders in einer Kriegsstadt alle Klatschereien und Seuchen erspare.]

Die Moral ist aber stets der Leidenschaft gegenüber schwach. Wenn dieser

seltsame Geschmack bekannt ist, ist man mehr damit beschäftigt, ins Werk zu

setzen, was ihn befriedigen kann, als darüber nachzudenken, was ihn

zurückdrängen könnte; und man hat herausgefunden, daß beide Geschlechter,

sich gegenseitig bedienend, den einzelnen Genuß den Reizen eines

gegenseitigen Genusses vorziehen müßten.

Diese seltsame Kunst wurde zu allen Zeiten und wird noch in Griechenland

gepflegt. Es ist dort üblich, sich nach dem Mahle zu versammeln. Man legt

sich im Kreise auf einen Teppich, alle Füße sind nach dem Mittelpunkte

gerichtet, wo man in der kalten Jahreszeit einen Dreifuß aufstellt, der

eine Kohlenpfanne trägt. Ein zweiter Teppich deckt euch bis an die

Schultern zu: da finden die jungen Griechinnen das Mittel, sich, ohne daß

man's merkt, die Schuhe auszuziehen und den Männern mit ihren Füßen einen

Dienst zu leisten, zu dem sich viele Weiber sehr unbeholfen ihrer Hände

bedienen.

Tatsächlich ist solch eine Gabe nicht allen verliehen. In Paris haben

einige Leute nach einer vollendeten Erfahrung und einer Menge Versuchen ein

besonderes Studium daraus gemacht. Auch die jungen Mädchen, die vom edlen

Wetteifer beseelt sind, nach einem Rufe dieser Art zu trachten, tragen

eifrig Sorge, Unterricht zu nehmen; doch sind sie nicht alle mit Erfolg

gekrönt. Sicher ist es, daß sich hier Schwierigkeiten von mehr als einer

Art in den Weg stellen.

Es handelt sich nicht um ein Gefühl, das sich auf das Wesen des Mädchens

überträgt, welches nichts tut als es hervorzurufen. Es ist nur eine

Sensation, die sie durch den Stoß ihres Körpers mitteilt, es ist eine

Sensation, die der Mann in sich selber durch die Einbildungskraft dieses

Mädchens genießen und die um so köstlicher werden muß, als sie durch ihre

Kunst den Genuß verlängern kann. Diese Wonne erlischt mit dem Akt, weil sie

der Mann allein fühlt. Die Köstlichkeiten des natürlichen Vergnügens

dagegen gehen voraus und folgen dem innigen Verein der Liebenden. Das

Mädchen, die den teilweisen Genuß leitet, darf sich also nur damit

befassen, eine Situation, die ihr fremd ist, zu führen, reizen,

unterhalten, dann einstweilen aufzuheben, die Wirkung mehr hinauszuschieben

als zu beschleunigen und noch sehr viel weniger sie hervorzurufen. Alle

diese Zärtlichkeiten müssen mit unsäglich zarten Nuancen abgestimmt sein;

die gefällige Priesterin darf sich nicht dem hitzigen Überschwange

überlassen, der ihr freistünde, wenn sie mit dem Opferer vereinigt wäre.

Man begreift wohl, daß dies Vorgehen hitzigen jungen Leuten gegenüber nicht

am Platze ist, die ihr Ungestüm leitet und die in dieser Art Lüsten nur die

Verzückung der Wonne suchen; man kann sie nur mit denen ausüben, bei denen

in einem reiferen Alter das lebhafte Feuer des Temperaments abgeschwächt

und die Einbildungskraft geübter ist: sie wollen sich des Vergnügens mit

allen Sensationen und den Schattierungen erfreuen, die diese Art von Lust

bietet.

Unter den Männern, ebenso auch unter den Weibern, besteht eine sehr große

Temperamentsverschiedenheit; manche sind von einer Geilheit, für die man

keine Worte findet. Die, welche sich mit Temperament zu, begnügen wissen

und eine bedeckte Eichel haben, bewahren eine der alten Satire würdige

Geilheit. Der Grund davon ist sehr einfach: die Eichel, die der Sitz der

Wollust ist, erhält sich dank dem ständigen Verharren in der lymphatischen

Flüssigkeit, die sie schlüpfrig macht, ihre kostbare Empfindlichkeit, statt

daß sie, wie bei denen, die sie entblößt tragen, die man beschnitten hat,

oder bei denen die Vorhaut von Natur aus zu kurz ist, mit dem Alter hart

und schwielig wird, denn bei denen ist die vorbereitende Flüssigkeit, die

sie absondert, ganz umsonst da.

Nun wird aber ein in der Kunst des Thalaba bewandertes Mädchen sich einem

Manne dieser Klasse gegenüber nicht wie mit einem anderen aufführen. Stellt

euch die beiden Handelnden nackt in einem mit Spiegeln umgebenen Alkoven

und auf einem Lager mit einem Himmelbett vor. Das eingeweihte Mädchen

vermeidet es zuerst mit größter Sorgfalt, die Zeugungsteile zu berühren:

ihre Annäherungen sind zart, ihre Umarmungen süß, die Küsse mehr zärtlich

als lasziv, die Zungenbewegungen abgemessen, der Blick wollüstig, die

Umschlingungen der Glieder voll Anmut und Weichheit; sie kitzelt mit den

Fingern leicht die Brustwarzen, bald merkt sie, daß das Auge feucht wird,

fühlt, daß sich die völlige Erektion eingestellt hat, dann legt sie den

Daumen leicht auf das äußere Ende der Eichel, die sie in ihrer

lymphatischen Flüssigkeit gebadet findet, mit der Daumenspitze fährt sie

leise zu ihrer Wurzel hinab, kommt zurück, fährt wieder hinunter, fährt um

den Kranz. Sie hält ein, wenn sie merkt, daß die Sensationen sich mit allzu

großer Schnelligkeit vermehren. Sie wendet dann nur allgemeine Berührungen

an, und das nur nach gleichzeitigen und unmittelbaren Berührungen der Hand,

dann mit beiden und dem Nähern ihres ganzen Körpers; daß die Erektion zu

hitzig geworden, merkt sie in dem Augenblick, in welchem man die Natur

handeln lassen oder ihr helfen oder sie reizen muß, um zum Ziel zu

gelangen, weil der Krampf, der den Mann überkommt, so lebhaft und der

Empfindungshunger so heftig ist, daß er zur Ohnmacht führen würde, wenn man

ihm nicht ein Ende machte.

Um aber diese Weise der Vollendung, diese Kraft des Genusses zu erlangen,

muß das Mädchen sich aus dem Spiele lassen, um alle Nuancen der Wollust,

die die Seele des Thalaba durchläuft, studieren, befolgen und verstehen, um

die aufeinander folgenden Verfeinerungen anwenden zu können, die diese

Genußsteigerungen, die sie erzeugt, verlangen. Man gelangt in dieser Kunst

gewöhnlich nur bis zu einer Stufe der Vollendung, teils durch ein feines

Gefühl, teils durch eine genaue Berührung, die bei diesen Gelegenheiten die

einzigen und wirklichen Richter sind . . . Was aber wird das Resultat

dieses Werkes der Wollust sein . . . Wird es Martial, der ausgelassene

Martial? . . . Ich höre ihn rufen:

Ipsam crede tibi naturam dicere rerum,

Istud quod digitis, Pontice, perdis, homo est[A].

Und es ruft dir zu die Natur, sie selbst: Halte ein;

Was deine Hand vergießt, verdiente ein Mensch zu sein!

Das ist schön und wahr; indessen sind Dichter nicht in Dingen maßgebend,

die von der Vernunft entschieden werden müssen.

Der Haupt- und vielleicht der einzige Grundsatz der Natur ist: schlecht

ist, was schadet. Der Ehebruch steht der Natur nicht so fern und ist ein

sehr viel größeres Übel als der Onanismus. Der könnte nur der Jugend Gefahr

bringen, wenn er ihre Gesundheit angreift; aber für die Moral kann er oft

sehr nützlich sein. Der Verlust von etwas Samen an sich ist kein sehr

großes Übel, er ist nicht einmal ein so großes wie der von etwas Dünger,

der einen Kohlkopf hätte hervorbringen können. Sein größter Teil ist von

der Natur selber dazu bestimmt, verloren zu gehen. Wenn alle Eicheln Eichen

werden wollten, würde die Welt ein Wald werden, in dem man sich nicht

bewegen könnte. Kurz, ich sage mit Martial: »Ihr sollt euch also eurem

Weibe nicht nähern, wenn sie hohen Leibes ist, denn: Istud, quod vagina,

Pontice perdis, homo est.« Wenn ihr sie so fasten laßt, seid ihr ein

rechter Dummkopf und werdet ihr gar viel Verdruß bereiten, was vom Übel

ist. Überdies werdet ihr, bevor sie niederkommt, alles sein, was ein

Ehemann werden kann, was im Vergleich damit etwas wenig ist.

[Fußnote A: Epigramme 42, Buch 9.]

Erotika Biblion · 第 6 / 14 题