26. Kapitel.

In die Mitte der großen Stube hatte man einen langen Tisch gestellt,

und auf diesem ruhte Maria, den Kopf auf ein Kissen gebettet.

Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. Ihre Hände waren auf der Brust

ineinandergelegt und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. Zu

ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, saß steif und

unbeweglich die Freihoferin.

In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile an der Tür stehen und

betrachtete die Tote. Langsam trat er endlich näher. Als die Mutter das

Herankommen des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und ohne sich nach

ihm umzusehen, als habe sie nunmehr diesen Platz zu räumen. Dann setzte

sie sich an den runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den

Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme.

Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte den Oberkörper, beide

Ellbogen auf die Knie stützend, vornüber und in einem Traumzustand

versinkend, behielt er die Augen unverwandt auf sein totes Weib

gerichtet.

Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück in seiner Riesengröße und

zerschmetternden Wucht war so urplötzlich über ihn hereingebrochen,

daß das Entsetzen seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war

herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen und seinen feinsten

Lebensnerv bloßgelegt.

Wie armselig ist doch in den Augenblicken des entsetzlichsten Wehs der

Mensch! Ob König oder Bettler, zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler

Gewaltmensch, ob naives Gemüt oder weltenumspannender Geist, --

gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in das Innere und schüttelt

das Menschlein zum Erbarmen und wirft es zuletzt in den Staub!

Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann regungslos gesessen, bis

sich die Schatten der Nacht auf die Erde herabsenkten. Und mit ihrem

Kommen wurde es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne

kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die Schwere des

Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. Eine unsägliche Bitterkeit

bemächtigte sich seiner.

So schnell also und so schimpflich mußte eine reine Seele sterben? --

Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte jeden überkommen, der dieses Verhängnis

und sein Opfer kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen

im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit wieder zertrümmere.

Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung gerichteten Launen blitzen grell

auf und vernichten, als wenn drunten in der Grube die schlagenden

Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach desselben Gottes

Gebot im Schweiße seines Angesichts sich mühenden Menschen wie einen

Spielball gegen die Wände der Grube schleudern und ihn endlich als

formlose Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche Lage

hineingestoßen, umlauert von tückischen Mächten, preisgeben der Not,

der Krankheit, dem Schmerze der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, --

das ist das Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, dem

seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, der ein Werk,

aus seiner Hand hervorgegangen, nach einem andern schleudert, um sich

an dem Zermalmen beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende und

zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt sich selbst der

Menschheit Gott, ihr liebender Vater und Erbarmer! -- Haha, -- Wahnwitz

ist sein Beginnen, niederste Grausamkeit seine Befriedigung.

Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten und mit frohen

Hoffnungen, gedüngt mit sauerm Schweiß und gehegt mit Daransetzen der

besten menschlichen Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten,

während sie an den Verfall, an die Trümmer, die Verwesung, das Chaos

nicht rühren. Dem Lasterhaftesten seiner Menschen, dem Bekümmerten und

Elenden, dem Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die Völker

sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben untergehen, -- diesen

allen, die den Tod täglich herbeisehnen, oder die sein Blitz spalten

müßte, läßt er das Leben; -- das Schöne aber wirft er in den Staub, das

strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung enttäuscht er. Und

die höchste seiner Gaben, die Reinheit, läßt er schamlos beflecken. Das

ist der Gott der Menschen!

Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das war sein Hochzeitstag,

und das seine Brautnacht! Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf

neue Grausamkeiten sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle Teufel

ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die erfindungsreichen

Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz nicht so witzlos, ihr

Erfindungsgeist nicht so traurig wäre. All ihr dunkeln Gewalten,

Verhängnis, Schicksal, Teufel -- Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch

überlegen! Untergehend belächelt er eure Wut, und das gefaßte Sterben

des schwachen und -- gegenüber den Jahrmillionen eures unheilvollen

Wirkens -- ephemeren Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die

Schläfen jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht bei den

Unsichtbaren suchen.

Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf weichem Wonnepfühl,

Leib an Leib streckten sie in seliger Umarmung die Glieder, --

zusammengesunken und mit einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß

der Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. Zwischen ihnen

aber kauerte der unerbittliche Knochenmann und betrachtete grinsend das

hellrote, rauchende Blut, das von seiner Sense herabtropfte.

Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte Max wider die

stärkere Macht, die seinem Herzen diese Wunde geschlagen hatte, und

anstatt Schrecken schüttelte seinen Körper der Zorn.

An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben vorüber, und von dem

einförmigen Hintergrund seiner ohne Stürme verflossenen Lebensjahre

hob sich in leuchtenden Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner

tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den Grund seines

Herzens hinabrankten.

So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage zugrunde gehen! Wie

hatte sich Maria auf die Hochzeit gefreut! Viel mehr noch, als

sie es ausgesprochen hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen

Augen gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen

Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch schriller Mißklang, welch

unreine Schlußakkorde, die aber vor der himmlischen Melodie, die ihre

Seele droben empfing, wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den

Makel, den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber in dem

Augenblick wieder von ihr genommen, als sie den Tod einem Leben vorzog,

dessen Wert für immer verloren war.

Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, fort mit der Weichheit,

denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit wohnen bei den Mächtigen im

Reiche der Seelen. Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem

entsetzlichen Drucke.

Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten sühnen läßt, wenn das

Maß gefüllt ist. Aber warum ließ er deshalb gerade sie zerschmettern?

Sie, die Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen

des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht wurde und die wert

gewesen wäre, das Schoßkind der Gottheit zu sein? Das war keine

Großtat! Laßt, Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel

schießen, züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden

Treibhausluft Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller Sühne und

Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben das befriedigende Bewußtsein

werden, Eure Tage würdig benutzt zu haben, und die Posaunen des

jüngsten Gerichts werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne

Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer Wollust einst

spielte. Denn das Walten des Gottes ist blind! Er wütet gegen sein

getreustes Abbild und läßt den Verächter seiner Gebote unangetastet die

Straße ziehen!

Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm doch vergönnt sein

möchte, jenem Tier in Menschengestalt noch einmal zu begegnen, die

Seligkeit tauschte er willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde

er für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein gewährt

wieder der Trost, daß jeder Flecken von Marias Reinheit getilgt ist,

seitdem ihr Geist seinen Aufflug zu den verklärenden Strahlen des

ewigen Lichts angetreten hatte.

Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. Warum gehorchten ihm seine

Sinne nicht? Weshalb drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie

diese immer wieder auf? -- Ach, es waren die treuen Gefährten seiner

Kinderzeit!

Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen sein

Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die die schlummernde Elisabeth

auf den Armen hielt, während er den Kopf an der Mutter Knie gelegt

hatte und ihren Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der Liebe

und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten erzählte. Damals, ja

damals konnte er noch aus inbrünstigem Herzen sein Abendgebet sprechen

und auf die alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen.

»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen Deine Hände

nach Kinderart gefaltet und aus Deinem übervollen Herzen ein Gebet

gestammelt?« tönte plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr.

Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen Seiten um. Draußen

war undurchdringliche Nacht. Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur

auf dem runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine kleine,

zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen schwachen Lichtschimmer

verbreitete. Aber es war niemand bei ihm, der die eben vernommenen

Worte gesprochen hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern

gewesen, die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich sein wollte, --

war er nicht bei ihrem mahnenden Klange erschreckt zusammengefahren?

Ja, war denn in seiner Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch

nicht erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein Ohr zu leihen,

angesichts des bejammernswerten Opfers göttlicher Raserei?

Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem Herzen zu den Schläfen

und machte ihn heiß aufbegehren, und die Hände fuhren in die Luft, als

wollten sie etwas ergreifen, was sie zerreißen könnten.

Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, gegen die sich sein

Wille einen Augenblick unwillig auflehnte, um sich dann sträubend zu

unterwerfen. Seine Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte

den Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung seiner Sinne

und die tiefe Erschütterung infolge des gewaltigen Schlages hatten zu

stark an den Kräften des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für

eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer senkte sich auf

ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage vergessen ließ und seinen

müden Geist hinüber in das wunderbare Land der Träume führte.

Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit Tagen begann das

Spiel seiner Phantasie.

Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen und Veilchen

blühten im Garten unter den hohen Obstbäumen, und der weiche Windhauch

trug ihren süßen Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe.

Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am Fenster, als die Mutter

sonntäglich gekleidet in das Zimmer trat und sprach:

»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten getragen, wo sie in

dem warmen Sonnenschein süß schläft. Die alte Katharine sitzt neben dem

Korbe und hütet Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur Kirche

gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die Mutter an der Hand und sie

verließen den Hof.

Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, denn es war

das erste Mal, daß ihn die Mutter zum Kirchgang mitnahm. Das hohe

Gotteshaus und die Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und

den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck auf den Knaben,

und als der Gesang der Gemeinde feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in

seine Kinderseele. Und so war der Tag für ihn ein Ereignis geworden,

dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen sollten.

Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen Wirklichkeit

entnommen; jetzt begann die Phantasie ihre Malereien.

Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und vernahm seine Worte,

die von den Leiden Lazarus erzählten, dieses Schwergeprüften,

der in all seinem Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche

Barmherzigkeit verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen,

als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert hatten. Vor

des Knaben Augen aber erschien während der Worte des Geistlichen die

Gestalt des in seinem Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem

Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt liegen, die die

Blöße des abgezehrten und über und über mit eiternden Wunden behafteten

Körpers nicht bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien

in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden Kampf der

Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen erkennen ließen.

Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des Armen friedlich, und seine

Augen leuchteten in überirdischem Glanze. Der Knabe sah zur Decke der

Kirche empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, und die

Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, blaue Luft, bis hinauf

in die Wohnungen der Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien

eine unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, die

aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten und, sich umfangend,

einen weiten Halbkreis bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen

sie einen wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft auf die

Erde herabströmte und die Brust des Knaben anfüllte, daß seine Seele

in heiligem Schauer erbebte. Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und

von goldenem Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten unter

der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe in den Zügen. Durch

das Lied der Engel aber klang laut eine Stimme, und die Worte tönten

hernieder: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des

Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die Seele des Kranken ihrer

armseligen Hülle und schwebte, von den Engeln geleitet, aufwärts, immer

höher, bis endlich alle den Blicken entschwanden.

Der unglückliche Mann in der einsamen Stube erwachte und schlug beide

Fäuste vor die Stirn, denn sein Herz war zerrissen und blutete aus

tausend Wunden. Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, den

sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; hilfesuchend irrten

die Augen des Mannes umher.

Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem sie sich an den Tisch

gesetzt hatte, den Kopf und sah sich in dem Halbdunkel entgeistert um.

Endlich kehrte ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die

harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon wollte sie

das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, da begegneten ihre Augen

dem hilfeflehenden Blick ihres Kindes. Sie machte eine verzweifelte

Anstrengung, sich zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den

Dienst auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen Schmerz, den

diese Augen ihr bereiteten, und in das gramerfüllte Gesicht schoß der

Ausdruck, der ein Menschenantlitz furchtbar entstellt: der qualvolle

Ausdruck ohnmächtiger Liebe. Stumm machte sie mit der Hand eine matte

Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der Kopf der Greisin wieder auf

die Arme herab.

Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur wenige Stunden entfernt,

auf den herbstlichen Feldern Hunderttausende mit der Waffe in der Faust

in leichtem Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, um den

grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der Brust des schwergeprüften

Mannes die Flammen der Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse

rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses unterstützt von

den wildschäumenden Furien des Schmerzes und Trotzes, jenes gekräftigt

durch den mahnenden Zuspruch des leise wiedererwachenden Gewissens.

Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und gegen das Walten der

Vorsehung gerast, so versagte ihm jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz

war gebrochen. Aber sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten,

über die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß trat auf

seine Stirn. Er preßte die Hände auf die hämmernden Schläfen, um sie

vor dem Zerspringen zu schützen, und sein Körper wand sich wie unter

Peitschenhieben.

Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging der Kampf zu Ende.

Dem Lager, gegen das er stritt, nahte Hilfe, die es unbesiegbar

verstärkte, so daß er sich unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den

für ihn streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch genug

Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, er hätte dennoch die

Faust sinken lassen müssen, denn die, um derentwillen er sich gegen die

höhere Macht aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach

Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich selbst gegen ihn,

-- Maria!

Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, wie er es am Morgen

dieses unheilvollen Tages betreten hatte um die Braut in Empfang zu

nehmen, fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten Herzens

an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, gleichsam als ob sie

das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen hätte:

»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in

unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«

Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, und demütig beugte

er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde, die seine Brust gepanzert hatte,

schmolz unter dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten

ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff gespannten

Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen seinen Schützen. Der hoffärtige

Zorn und der ingrimmige Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort,

und Demut und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers

der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn bis heute mit

der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben überschüttet, denn sein

Lebenspfad war sonnig gewesen. Nun schickte der Himmel die Prüfung,

-- und er unterlag. Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben war

rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen ihn geführt worden,

-- aber es war doch auch eine Prüfung auf seinen Glauben, die keinem

Sterblichen erspart bleibt.

Max beugte sich tief hinab, denn er empfand brennende Scham im Herzen.

Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte er sein Versprechen ihr

gehalten, das er mit Druck und Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren

für ihn, kaum verklungen, -- vergessen. Er schloß die schmerzenden

Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er der Erscheinung auch

fliehen wollte, das schmerzerfüllte Antlitz Marias stieg vor seinem

Geiste herauf. Kein Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte

Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn wuchtiger als die schwerste

Anklage. Der ganze ungeheure Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich

in ihm auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe und warfen

ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert tastete er mit

den Händen nach dem glaubensstarken Mädchen, und dem bebenden Munde

entrangen sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß mich nicht

in dieser Stunde!«

Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner Brust und schwand in

einem reichlich fließenden Tränenstrom dahin. »Vergib mir, Geliebte,«

flüsterte er, »gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem

Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!«

Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht in den Falten des

Kleides der Toten verborgen. Draußen auf der Straße erklangen Tritte,

und einzelne Stimmen wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten,

hätte ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß entgegen der

Abmachung Angehörige die ausmarschierenden Männer begleiteten. Aber es

dauerte geraume Zeit, bis der Knieende das immer mehr anschwellende

Stimmengemurmel vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken entrückt

gewesen. --

Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. Er vernahm, wie

die Mutter aufstand und hinter seinem Rücken auf den Strümpfen aus dem

Zimmer ging. Nach einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein

Gewehr und den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf den

kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe dazu und setzte

sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl.

Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, seine Bewegungen elastisch.

Neue Kraft rollte ihm in den Adern, und seine Augen glänzten wieder,

als er Maria betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter

auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach gleichfalls

gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um ihr höchstes Gut verblutet.

Sie war zuerst erlegen; wie lange würde es dauern, bis das Los

ihn traf? Draußen standen schon die Kameraden und harrten seiner

ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. Schnell also Abschied

genommen von der unvergeßlichen Toten, mochten die Zurückbleibenden

sie zum letzten Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, sein

Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So handelte er auch, wie er

wußte, nach Marias Wunsch. Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er

frevelhaft aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. Nun gab es

hier für ihn nichts mehr zu tun.

Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister mit Wäsche und Mundvorrat

auf den Rücken, schnallte den Säbel um die Hüften und legte den Riemen

des Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und bereit,

den Weg zu betreten, den viele andere deutsche Männer schon vor ihm

gegangen waren.

Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er noch einen letzten Blick

zurück auf sein Weib. Wie friedlich sie doch schlief! Kein Zug des

Gesichts deutete auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war

mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen auf des Allmächtigen

verzeihende Liebe von hinnen gegangen. Und so hatte auch für ihn das

Schrecknis seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte

aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre Seele umschwebte ihn

schützend auf allen Wegen. Mit dieser erhebenden Zuversicht konnte er

froh und leichten Herzens ins Feld ziehen.

Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, und während er sich über

die Tote beugte und zum letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er:

»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan mein guter Engel!«

Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der Tür. In demselben

Augenblick vernahm er ein Geräusch, wie vom schnellen Zurückstoßen

eines Stuhles stammend, dem das heftige Poltern des umstürzenden

Gerätes unmittelbar folgte. Und dann gellte ein durchbohrender Schrei

durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden Mutterherzens:

»Max!«

Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden haften, während er sich

blitzschnell umwandte. Die schon nach der Tür ausgestreckte Hand sank

herab, und er konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als

er die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. Wie war sie

doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! Diese gebeugte Haltung,

das entstellte Gesicht, der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit

ein paar raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte die

Greisin vor dem Umsinken.

»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch Dich vergessen!

Verzeihe dem Ungestümen, der nicht schnell genug dem Vaterhaus den

Rücken wenden kann!« Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden

Armen umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an des Sohnes

Schulter.

»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« sagte die Greisin mit

leiser Stimme, »hier ist nicht mehr Raum für Dich!«

So standen sie einige Minuten stumm beieinander. Max wußte, wie sich

das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, denn er kannte sie nur zu gut.

Elisabeths Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich

kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden Unglücks Schlag

und riß die alte Wunde wieder auf. Zu gleicher Zeit ging auch er noch

von ihr, und sie blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter,

der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, ja an die

sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, sollte ihr ein Trost sein,

wenn er selbst gegangen war. Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie

neues, junges Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths

Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen sollten von

fröhlichen Worten, Singen, -- Kinderlachen -- -- -- Ach, es verlangte

sie nur allzusehr darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar

nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes zu wenig war, besaß

jetzt keines mehr. Niemand würde ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost

in den letzten Tagen sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen

zudrücken!

Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max voll in das

gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte.

»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener Fassung, während

ihre Augen aber in rührender Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal:

Ziehe dahin! Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch die

Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen Willen wir uns nicht

auflehnen dürfen.«

»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit einem Ton des

Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, der

Anfechtung zu unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin ich

dagegen gewappnet für alle Zeiten!«

Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen der Freihoferin. Sie

richtete sich in die Höhe, legte die Hände auf das Haupt des zu ihren

Füßen niederknieenden Sohnes und segnete ihn. Dann aber war ihre Kraft

zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, und was ihr bisher im Leben

versagt geblieben war, gewährte der Greisin das Schicksal in dieser

schweren Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die

Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe und beugte

sich herab und küßte die Zähren sanft von dem welken Gesicht.

Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause eine Stimme an Maxens Ohr,

bei deren Klang er zuerst zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer

plötzlichen Eingebung folgend, hinaus und trat wenige Sekunden darauf

wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden Mann an der Hand führend, den

er bis zum Stuhle seiner Mutter geleitete.

»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen Edelmut, mit dem Du

mir vergolten hast, was ich Dir zufügte, angemessen lohnen, indem ich

Dir das Höchste anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter,

seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt sie, schenkt ihr Eure

Liebe, und lasset ihr Herz über Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem

Augenblick an ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!«

Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander und drückte

einen Kuß auf die Stirn der Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich,

streifte noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte hinaus,

während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: »Mein Sohn, mein

Sohn -- --!«

Herr, mach' uns frei! · 第 29 / 31 题