Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, denn es drängte sie,
heimzukehren. Deshalb geizten sie mit der Minute.
Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste gestiegen. Bevor er aber
nach Hause zurückkehrte, gab er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner
Hof. Zuletzt verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf dem
Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte sich Max unter guten
Wünschen von dem Freunde und ging rasch den Weg zurück.
Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem Morgen im Erker
gesehen hatte, stand ihm lebendig vor der Seele, und der heiße Wunsch,
sein junges Weib ans Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon
während des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime
Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen und nach Hause
geeilt. Nun sollte er aber in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre
klangvolle Stimme vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen
und in ihre lieben, treuen Augen schauen.
Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten Laufes um,
denn das Oberdorf war wie ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel
seiner großen Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden
Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, von wo aus er
das Hoftor sehen konnte. Doch -- was war das? Was bedeutete die große
Menschenansammlung vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine
Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich seinen Lauf
beschleunigend, flog er zuletzt die Straße hinab. Da kam er bei den
ersten Herumstehenden vorüber und rief ihnen zu:
»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?«
Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort abzuwarten, so rastlos
trugen ihn die Füße weiter. Die Gefragten schienen ob der überhobenen
Antwort erleichtert, denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen. Je
mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, umso dichter
standen die Menschen. Stumm wichen sie zurück und bildeten eine Gasse,
durch die er bis zu dem geschlossenen Hoftor stürmte.
Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt den Dienst, und er
wandte sich zu der Menge. Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich
beben, aber er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er
die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an:
»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim und lobt Eure Weiber
für den Sonntagsschmaus, den sie Euch auftischen!«
Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden
es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine
Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen
unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am
Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte
einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu:
»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück
geschehen!«
Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus
der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut,
und er schrie:
»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten
schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst
ist es nichts!«
Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von
vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran
zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich
gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich
er dessen Wahrheit ahnte.
Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann
trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, -- es
war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.
Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das
eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden
Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem,
ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden
Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis
stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des
Jammers zusammenbrechen.
Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden
sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten
glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der
seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett
zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß
der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.
»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz,
»bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit
ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen
Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt.
Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein
winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen
erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen
hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut
das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen
Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu
sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben -- -- --«
Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft
eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen
Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in
die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor.
»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz
fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem
schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«
Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der
gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt
habe.
Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen
ab und sprach zu der Menge:
»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die
milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche
heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur
zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen
Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte
Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich
plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von
mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald
wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der
weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute
Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend,
schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu
sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel
mein Blick auf einen zweiten Menschen, -- und das Blut stockte mir in
den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der
Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener
französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend.
Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine
Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte
sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der
sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet
sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung
des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein
gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, -- da schneidet ihr
der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg
ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit
eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch,
um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu
bewahren, -- da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte
die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so
vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die
rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei,
-- dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und
nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen.
Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang
der Sonne entgegen.
Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile,
so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich
einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge,
wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder.
Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht
stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität
noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen
und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein
Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des
Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und
nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die
entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe,
wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des
Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und
bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte
sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt.
Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren
schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief.
Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des
Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und
dann --,« hier schwieg der Greis.
Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute
Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich
geballt.
Pastor Reinerz aber fuhr fort:
»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der
Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich
erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr,
als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am
steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort,
wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen,
verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude
und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben
könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon
einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie
und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und
während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab.
Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte
er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter.
Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war
ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige
seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern
es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, --
und doch ließ ich es zu!
Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen
her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten.
Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung
weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch
der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein
Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes.
Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer
Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und
mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte
er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als
Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien,
daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf
den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden
Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem
Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei.
Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an.
Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den
leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit
seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger
gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der
Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor
fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner
Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren
ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt
vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn
heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der
Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod
in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und
schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe
hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte
Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf
den Rand schob und damit in Sicherheit brachte.
Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man
nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es
hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher
erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle.
Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten
ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich
kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft
Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.«
Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an:
»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die
Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist.
Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der
Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle
des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber
hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!«
Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide
Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das
Gesicht war fahl.
Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt:
»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr
bisher verschwiegt.«
»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er
ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so
bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem
Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, -- --«
»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer heiser und hob
zugleich den Kopf und richtete seine Augen starr auf die des Pastors
Reinerz.
Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider Männer in einander.
Mahnend, -- drohend drang es aus den grauen Augen des Alten. Und Max
trat blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, an dem er
diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte leuchten sehen. Er wußte es,
was kommen würde, aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst
zerfleischte sein Inneres, und es frohlockte in seinem Herzen, wenn er
daran dachte, daß sein gewaltiger Schmerz sich noch vergrößern könne.
»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch einmal, »sprecht!«
Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt wuchs noch mehr
bei seinen Worten:
»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, Ihr habt das Recht
darauf, zu wissen, wer Euer Weib umfangen hat, und wenn es auch nur im
Tode geschehen ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben daran
setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten wiederzubringen, auf daß
er da drunten in der Tiefe nicht eine Beute von allerlei Getier werde,
sondern damit Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis könnt
zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, war -- -- Hermann
Lehnhardt!«
»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, »der mit seinem
Arm -- --?«
Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, um die Unvorsichtigen
daran zu erinnern, daß es nicht angemessen sei, den Schmerz des
gebrochenen Mannes noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit
niedergesunkenem Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was folgen mußte,
hatte sein halsstarriger Widerstand wohl wild aufgebäumt, daß er dem
Kommenden trotze; -- und doch hatte er, als der Name fiel, tief den
Nacken gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage.
»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir zum Lehnhardt!« Zustimmend
und mit lauten Worten der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe
lärmend davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, denn was sollte man
hier? Den Zusammengesunkenen trösten? Das versuchte keiner.
Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen flohen ihn in
dieser Sekunde; das aber was blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war
der alte, nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs!
Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof und betrat das Haus.