27. Kapitel.

Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; außer den Fortziehenden

und einigen ihrer Angehörigen ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte

Laterne huschte hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt.

Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, hatten nichts

Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer erzählte, daß er gegen Morgen

vorsichtig ein Stück auf der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es

ihm gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben durch

die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter meinte, das könne

wohl von einer französischen Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung

wurde kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als ängstlich,

und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln von Laub im Winde für

Rosseschnauben gehalten.

Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, daß der Rabensteiner

noch nicht zurückgekehrt war. Seit gestern abend harrte man seiner

in banger Erwartung, bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller

Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem Besonnenen, und

reiten konnte er, wenn’s not tat, wie der Teufel. Sollte er den

Franzosen in die Hände gefallen sein und von ihnen etwa als Spion

betrachtet werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur der

Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich erreicht habe, der

Franzosen wegen aber nicht zurückkönne.

Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten standen stumm

beieinander.

Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren

Friedrich zu begleiten. Während der halben Nacht hatte sie an seinem

Bette gesessen und ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und

sich gewundert, daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel

fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, daß die Nähte zu

zerreißen drohten und er mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte.

Ja, ihre mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, wie er

zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die Tasche seines faltigen

Rockes eine große Papierdüte gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem

sie alle Krankheiten erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren,

denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte Mutterherz in

diesem Augenblick weniger als je, nur daran, daß er sie verlassen und

sich ihrer Obhut entziehen wollte. Und das konnte sie bis zur letzten

Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von Kindesbeinen auf gewöhnt,

die Mutter für alle seine Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu

lassen, und sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war.

Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig unterworfen, in

dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz des jungen Kriegers doch etwas

verletzt, und er beschloß insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor

dem Dorfe zu entledigen.

Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich auch wirklich gesund

fühle und ob nicht noch etwas einzupacken sei, beantwortete er

zerstreut und war froh, als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied

endlich ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang und mit

ihm auf die Straße trat. Schweigend ging er neben ihr her, während sie

in einemfort auf ihn einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben,

sagte sie, und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten auch

zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder vom väterlichen

Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht nun allein regieren müsse, was

ja, solange es Winter sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das

Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. Gerade im kommenden

Jahre sei seine Anwesenheit ja so sehr vonnöten, denn für die beiden

steifgewordenen Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die

ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen lag, sollte

endlich gepflügt und mit Roggen bestellt werden. Schließlich sei auch

der Anbau an den Rinderstall nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich

brummte nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden Redefluß,

und damit war die Mutter schon zufrieden.

Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich auch der Freihofer

einfand. Rasch wurde er von dem Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf

er die Achseln zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und da

eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand.

»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar die hohe Stimme der

Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage vor Weihnachten wird Deine

Lieblingsschecke wieder kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das

letzte Mal. Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher

stecken noch im Ranzen.«

Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in der Dunkelheit keiner

sehen. Er schloß der Mutter mit einem Kusse den Mund und ließ sich von

ihr noch einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den schon einige

Schritte Vorangehenden nach.

»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« klang es ihm

hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, und ich bin in Pantoffeln.

Ziehe die roten Müffchen nicht aus!« -- --

Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, soweit waren die Männer

schon entfernt. Rüstig schritten sie auf der Straße dahin und näherten

sich dem oberen Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende

Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch einzelne Häuser

lagen neben und vor ihnen.

Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und man konnte schon

ein kurzes Stück weit die Gegend erkennen. Ueber den Wiesen hingen

unbeweglich breite Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war

empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden Himmel verblichen

die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei klang hinter ihnen aus

dem Dorfe herauf, sonst aber hüllte sich die Natur noch in lautloses

Schweigen.

Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der ersten preußischen

Vorposten ankamen, wußten sie nicht. Aber weiter als eine halbe Meile

entfernt konnten sie nicht stehen.

Die Augen scharf offen haltend, marschierten die Männer, um ihre Tritte

unhörbar zu machen, jetzt auf den mit Gras bewachsenen Rändern der

Straße, die langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch

wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, wollten sie einen

schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts der Straße entlang

lief. Bis dahin aber mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur

rechten Hand waren sumpfig.

Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und das Geräusch des tiefen

Atmens dämpfend, liefen sie im Gleichtritt hintereinander her. Nur

noch wenige Schritte, und sie hatten die Höhe, -- da sprang mit einem

Male der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen Baum am Rande

der Straße, und gleichzeitig sahen die Männer in kurzer Entfernung vor

sich blitzende Bajonette. Wie gebannt standen sie still; sie waren

überrascht worden. In demselben Augenblick aber schallte eine drohende

Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen Worte ließen die

Aussprache des Franzosen erkennen:

»Halt, Verräter!«

Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf der einen Seite

umsäumenden Büschen ein Haufen von etwa zwanzig französischen Soldaten

hervor, hinter denen im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren.

Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten sich die Männer

zusammen. Drohend und jeden Augenblick zum gegenseitigen

Aufeinanderstürzen bereit, standen sich die beiden Haufen gegenüber.

Ein Windstoß fegte die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile

schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, das Gelände, auf

dem man sich befand, genau zu übersehen und die Vorteile abzuschätzen,

die es beiden Parteien bot.

Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie standen auf dem

abfallenden Boden, neben dem die Straße wie ein natürlicher Wall

hinlief. Dieser Umstand verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie

es versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde bei diesem

Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten geschwungene Kolben den

Schädel einschlagen!

Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang der Freihofer auf einen

über Nacht draußen stehengebliebenen, hohen Aufsatzwagen zu und rannte

ihn mit solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die Deichsel

krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann zerriß das die Deichsel

umringelnde, eiserne Band, und die Kette mit dem oberen Ende um das

Handgelenk schlingend, hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die

in seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte.

»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, »und sorgt,

daß Euch das letzte Stündlein nicht zu kurz sei für Euer kleinstes

Stoßgebet!«

Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß die Franzosen

gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. Da erscholl die rauhe Stimme

von vorhin wieder:

»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig soll er am Aste

baumeln.«

Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von riesenhaftem

Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und hob den Säbel, um das Zeichen

zum Angriff zu geben. In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst

stehende Schmied schrill auf:

»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!«

Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren Gericht

vorausgeht, erklangen diese Worte und warfen in die Seele vieler der

Anwesenden jäh das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht mit

dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers wurde um einen Schein

bleicher; langsam sank der erhobene Säbel herab, und das Kommando zum

Angriff erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine schwarzen,

stechenden Augen auf den gerichtet, den er instinktiv als seinen

Todfeind empfand.

Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf seinem Platze. In seinem

Gesicht spielte kein Muskel. Der Kopf war weit vorwärts geneigt,

wie bei Menschen, die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen.

Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige Worte, mit

denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt wieder an seinen Geist heran.

Die Beschreibung stimmte just mit der Erscheinung dieses Franzosen

überein, -- aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, für dessen

Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt werden? Da blitzte es

in den Augen des noch Zweifelnden hell auf, und sein suchender Blick

blieb auf der linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter dem

Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt war.

Von dem Franzosen aber war die Beklemmung wieder gewichen, und

ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. In Aufwallung

grenzenlosen Übermutes, der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern Stärke

herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf herausfordernd den Kopf

zurück. Sich noch einmal an seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen,

sich nicht eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das Zeichen dazu

gebe. Darauf riß er den Säbel wieder herauf und schrie:

»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den Mut hast mit mir zu

kämpfen!«

Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei diesen Worten aber kam

wieder Leben in ihn. Seine umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los,

daß dieser dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden fiel,

und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich von der Böschung hinab.

Der lange Jahre in der Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters

blitzte gerade noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen

abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf ihn eindrang.

Hageldicht sausten die Schläge des kampfgeübten Soldaten herab, daß

Max seine ganze Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte,

um sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte sich aber schon

der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, mit der er focht, und der

Franzose war einige Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu

büßen. In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien dahinter

und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren Klingen ohne Unterbrechung

aufzuckten.

Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden Säbel

ein Mißton. Man vernahm, wie etwas durch die Luft flatterte und dann

klirrend niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner

weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll Ingrimm auf

den stehengebliebenen Stumpf seines Säbels und hob in demselben

Augenblick instinktiv wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit

den unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener

Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage aus. Unwillkürlich duckte

sich der Wehrlose nieder, -- da klirrte, von seines Gegners Hand

geschleudert, dessen Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die

Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme und ohne Waffe

gegenüber.

Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, den nur eine

unerklärliche Anwandlung von Großmut zu dieser Tat bewogen haben

konnte. Aber nur während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei

Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte der Franzose,

wie die Augen des andern blitzschnell die nur wenige Schritte

betragende Entfernung maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm

seit gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, wer dieser Mann

ihm gegenüber war, der seine unnatürliche Ruhe in diesem Augenblick

bewahrte, -- und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt

seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? -- -- -- Nein, in

Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die eisigen Züge dieses Verhaßten

ein höhnisches Lächeln getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte.

Deshalb scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner Leute

zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen eigenen Säbel darbot.

Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet und alsbald

erkannt, daß dieser seinen blitzschnell gefaßten Plan erraten hatte.

Eine Sekunde lang standen sie sich einander gegenüber; dann begann das

gräßliche Ringen, -- es war der Kampf zweier Riesen! Der Körper des

Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl geschmiedet, dazu war er

sehnig und geschmeidig wie ein Leopard; der Deutsche war fast ebenso

hoch gewachsen, aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem

verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat.

Max hatte schon während des Fechtens eine an sich noch nie gekannte

Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt.

Sein Hirn arbeitete in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim auf

dem Hofe stünde und das Herauslassen des Viehes aus den Ställen zum

Austrieb auf die Weide leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung,

als ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse -- -- Da griffen beide

nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen Prankenschlag des

Raubtieres, Max dagegen faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners.

Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, als wenn die

Männer sich wie im Spiel berührt hätten. -- Da, -- ein fürchterlicher

Ruck! Max versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; dröhnend

stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten Gegner mit sich

nieder. Mit einer schnellen Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter

sich zu bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen und

hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, umschlungen.

Da spannte der junge Bauer seine ganze Kraft an und drückte den sich

heftig sträubenden Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte,

als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. Langsam fiel der

Franzose auf den Rücken, -- um den auf ihn Stürzenden aber sofort

wieder zu entgleiten. So rangen sie während mehrerer Sekunden in

unverminderter Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze entzog

sich der Franzose allen ihn zu erdrücken drohenden Umarmungen, und

vermöge seiner blitzschnellen Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die

Oberhand über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses Ringens

rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück hinab, daß ein paar

französische Soldaten sich zwischen den Ringenden und den Rand des

Steinbruches aufstellten, um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren.

Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den Füßen, ein

Zubodendrücken mit umklammernden Armen, Entweichen, Aufrichten und

Niederstürzen, -- dann sprang einer von ihnen auf die Füße: es

war der Deutsche. Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose

aufschnellen; aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände hielten den

wild um sich Schlagenden mit eisernem Griffe fest, um ihn gleich

darauf mit einer furchtbaren Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen.

Alle Muskeln bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den

Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen es aussah,

als ob er unter der ungeheuern Last und infolge des überschnellen

Aufrichtens hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick währte

diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft über seinen Körper

wiedergewonnen. Mit übermenschlicher Kraft stieß er den Franzosen von

sich, der, über die Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande

des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes Aufschlagen drang

herauf, ein Geräusch, wie von dem Rutschen eines schweren, weichen

Gegenstandes auf dem Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden

aber stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden

Vorstellung, daß der ihren Augen soeben Entschwundene ins Bodenlose

stürze.

Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher der

Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden Pferdes erklang.

Und mit diesem Laute kehrte Aller Besonnenheit in die Wirklichkeit

zurück. Ihres Führers plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb

betäubt und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos gemacht,

eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten querfeldein in den

Nebel hinein. Der letzte von ihnen, ein junger Bursche, dem kaum der

erste Flaum auf den Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die

Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen aufs Geratewohl ab.

Ein dumpfer Knall, ein schwacher Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver

herrührend, dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen des

Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, während sich auf

seine Augen gleichzeitig undurchdringliche Dunkelheit senkte. Aus der

ihn umgebenden Nacht aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele:

Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, auf dem er sich befand,

glich einem unfruchtbaren Ödeland, drüben aber breitete sich ein

prächtiger Garten aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen.

Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf dem jenseitigen

Ufer Maria stand, die ihm winkte und jubelte und rief. Da trat ein

seliges Lächeln auf das Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme

aus und fiel langsam vornüber auf den Rasen.

Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den Gefallenen auf

und entblößten seine Brust. Ein kleines, kreisrundes Loch wurde auf der

Haut sichtbar, gerade auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn,

ohne ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das Gras, und

jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu sehen.

Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden Häusern längst

erwacht, bei dem Knall des Schusses aber eilten einige voll Unruhe

herbei. Unter diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt

betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden und traten dann

wortlos zur Seite. Die Greisin aber setzte sich neben dem Verwundeten

nieder und zog seinen Kopf auf ihren Schoß.

Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel blutigrot gefärbt, und die

ersten Sonnenstrahlen waren über die noch schlummernde Erde geglitten.

Jetzt ward auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der rasch

heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren ergoß. Der Nebel

zerriß, und die weite Landschaft wurde erkennbar. Der junge Tag brach

an mit seiner ganzen, sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem

Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine letzte Rechnung auf

Erden!

Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite.

Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner Väter. Aber

seine trutzigen Mauern waren zerfallen, und kein verjüngender

Sonnenaufgang gab ihm seine Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil,

die vorspringende Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten

wie einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es dauern, dann

stürzten auch die letzten Mauern zusammen, und ein wüster Trümmerhaufen

bezeichnete die Stätte, auf der einst in Pracht und scheinbarer

Unvergänglichkeit auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk

gestanden hatte.

Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher

Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende

Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens

waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und

ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer

Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der

vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf

Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder

später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen

entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die

noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen

Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und

stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in

Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen

sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen

hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die

köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden.

Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich

biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang,

Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames

Hinabklimmen oder Hinabsturz -- und Tod: das ist das wechselvolle,

geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen,

das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende

Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen

die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft

ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus

starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der

Himmel!

Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen

Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge

seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust

gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte

Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur

Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun

stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen -- -- --

Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit

gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für

Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten,

das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer

harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden.

So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren

es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden

verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das

glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue

Ohnmacht umfing seine Sinne.

Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der

Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.

Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde

und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der

Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit

fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den

wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und

er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden

Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem

Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der

Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:

»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine

erquickende Zehrung auf die Reise sein!«

Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund

verständnisvoll an.

»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden

die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der

Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und

in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen

nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!«

Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem

Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte

zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme:

»Der Freihof gehört dem Hermann, und -- sagt’s der Mutter, -- der

Schimpf ist getilgt!«

Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in

Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den

bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder

und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer

Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen.

* * * * *

Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von

Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden

Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon

durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau,

durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit

der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten

Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur

Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn

ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu

gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen

Schlachtentheaters in die Höhe, -- morgen fiel er, und hinter ihm

sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in

das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles

über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für

Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem

wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug

seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen

verlassen.

Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur

Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann

das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf

einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender,

Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre

darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland

wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst

jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein

Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner,

schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner

kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und

aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare

Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender

Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach

nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne

Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des

ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große,

der gewaltige, -- der Kaisergedanke!

Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz

hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für

sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der

Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen

das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich

ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde

Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und

in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten

der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang

und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte,

ja es hatte wieder -- einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im

Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal

ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten

Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf

Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens

alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in

den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und

Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern.

Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen

Heldensöhnen! --

Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot

übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer:

»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn

hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber

eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die

Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und

des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem

zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in

den Tod gingen.«

Dann stellte er sich vor die Männer:

»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein

Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu,

»so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden

Fahnen der deutschen Brüder!«

Herr, mach' uns frei! · 第 30 / 31 题