Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem
Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages
den Angehörigen gewidmet sein sollte.
Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als
er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt.
Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die
Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten
zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht
herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des
Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt
hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten
dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern
aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute
Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte
Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt.
Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen.
Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein
unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei
ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum
verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte.
Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde
versuchen, hier nach Silber zu graben.
Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein
Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu
ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau
abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu
schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler
angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach
kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das
Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig
hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar
Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu
geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich
das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er
davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden
Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von
Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe
beisammen.
Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er
auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung.
Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade
unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und
er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und
die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der
Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des
Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken
von Mund zu Mund.
Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der
Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in
dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht,
und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene
gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer
tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages
entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr
bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein
richtiges Bergwerk zu werden.
Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft,
und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in
der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im
Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde,
meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen;
um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht
zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit
siebzig Jahren -- so alt war der Spötter -- werde der menschliche Geist
mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen
seien.
Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe
betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen
Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer
wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch,
was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise
von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder
verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder
von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits
hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten.
Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er,
gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines
Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum
gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe
dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden,
daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser
stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war
hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und
fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und
blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen
und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun
erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie
zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen.
Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern
wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen
wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die
Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging
mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich
endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte
niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und
als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich
jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit
einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der
Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu
bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes
Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die
Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht
seinen Namen erhalten.
Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es,
in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten
sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem
Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen
zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und
aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse
umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden.
* * * * *
Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in
trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle
sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen
zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische
niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer
übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne
durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer.
Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille
erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte
jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt
weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die
Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische
Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge
Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien.
Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden
seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige
zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der
Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein
gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser
Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu
wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser
Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen,
über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man
genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall
schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große
Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht
ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf
der Hut sein würden.
Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran,
aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür
des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten
in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich
noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle
eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter
Lehnhardt erkannte.
Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals
kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In
nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider
trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen
zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte
unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der
Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter
Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen
herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren.
Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals
anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der
üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet,
erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt
dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu
erkennen.
Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung
forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für
seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese
einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin
zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von
einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht
mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte
Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form
einst hatte Gefallen finden können.
Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand
das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen
Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb
die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren
Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich
an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen
in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so
betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie
an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb.
»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen
Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie
heute beisammen.«
Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren:
»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure
kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben
im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein
Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein
Opfer bringen.«
Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines
Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den
Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.
»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit,
Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines
Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte
und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt
gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen,
habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter
Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst
vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe
ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen
Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«
Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung.
Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die
Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches
Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust
eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so
hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen
Jahre abgewetzt.
Da unterbrach Max das Schweigen:
»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von
Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«
Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte:
»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und
ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im
Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein
Feuerkopf.«
»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende
um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe
mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir
die Eurige als die kostbarste schätzen.«
Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal
um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.
Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige
Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß
der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu
und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als
wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich
der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr
vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter
aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem
blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter
ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die
runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen.
Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam
nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem
Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen,
und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der
junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen
Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke
und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine
Augen richten sollte.
»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte
Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend.
Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid auf und lief mit
kleinen und flinken Schritten über den Dorfplatz.