Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die
Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das
Bild der Verwüstung.
Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden.
Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde,
und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des
Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich
zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu
gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse.
Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von
Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um
den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich
zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in
Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.
Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden
Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu
vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches
Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war!
Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten
können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr
geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein
heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert
Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche
aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet,
anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen
der deutschen Kämpfer zu tragen. -- Gottlob!
Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die
französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund
um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen
sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte
vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es
unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb
an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen.
Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen
und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf
hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der
weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen
herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer
Entfernung vom Dorfe stehen sollten.
Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen.
Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im
Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das
Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs
sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der
Davonziehenden stattfinden.
* * * * *
Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige
Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite
zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, -- hinein in den
opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn
er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte
er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband,
als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen?
Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand
zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn
wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für
die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten?
Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten
ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn
abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in
seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er
daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten.
Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig
erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch
wunderlich ums Herz.
Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in
jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen,
kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben
wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut
richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen
nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach
aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach,
und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges,
tapferes Mädchen.
Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen
Schritten den Weg nach dem Schlosse ein.
Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, denn der Ernst des
Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit aufkommen.
Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von Marias Tante empfangen,
die ihn davon benachrichtigte, daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell
begab sich Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die Hand
aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria drinnen mit ihrer herrlichen
Altstimme dieselbe schwermütige Weise anstimmen, die die Mädchen im
Dorfe in diesen Tagen so oft sangen:
Eng im Glanz des Mondenschein
Hielt die Liebste er umschlungen,
Leis zu ihren Schelmerein
Hat Frau Nachtigall gesungen.
Stehe still, o Wonnezeit,
Holde Zeit der Lust und Freude!
Doch wie schnell weicht Seligkeit,
Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide.
Starr im Glanz des Mondenschein
Ruht er auf dem Feld der Ehre,
Leis vom Aug’ des Mägdelein
Löst sich eine blut’ge Zähre.
Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher
Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören,
den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, -- da stockte sein Fuß auf
der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im
Bann.
In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus
einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende,
geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck.
Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte
und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von
der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische
Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie
Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine
zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die
Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite
gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des
Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen
Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang
durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte
ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht
sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und
das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach
Seelenstärke begehrte.
Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet,
um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief
einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung
hängen, -- da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine
leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf
der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max
seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang
leidenschaftlich die Arme um seinen Hals.
»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin,
daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr
geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte,
bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte.
Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat
der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein
tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es
uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«
»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise
und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst,
Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung
ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern
ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.«
Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun,
die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster
nieder.
»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe
eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses,
der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster
klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden
Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen
Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm,
in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei.
Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man
kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und
die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der
Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr
bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende
finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.
Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses
unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand.
Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein
schrecklicher Traum die Ursache.«
»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel
um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes
Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie
den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen
berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien,
oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie
den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen
schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann
jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum
ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet
hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht
ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse
seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume
sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und
versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer
ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von
ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige
Sand begierig aufsaugt.«
»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender
Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten
verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber
fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die
Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt
sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt
zuweilen gar kein freundliches Bild.«
Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht
purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, -- küsse mich!«
Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die
Lippen auf Marias reine Stirn.
Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals
des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange.
»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch
allzusehr erschreckt. -- Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest
in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste
an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit
unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das
tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande
des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in
Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten
Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum
zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die
mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich
im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet.
Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja
nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der
nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit
frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, --
gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele
aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, -- »küsse mich wieder!«
Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender
Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust
und sprach ihr begütigende Trostworte zu.
»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch
habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,«
fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter
Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines
Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max
und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus
den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns
miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun
gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern
Bund angefleht werde.«
»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen
schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein
Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr
Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und
sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung
für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem
Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug
des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer
Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen
Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals
und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:
»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -- -- küß mich noch
einmal!«
Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich
in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit
zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige
Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten
Küssen.
* * * * *
Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer
als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann
unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der
schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden
Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.
Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund
um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen
sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten
in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die
einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf
die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars
Platz genommen hatten.
Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten,
und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle
Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise
setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die
herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch
die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen
die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und
alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren
Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit
hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam
waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber
wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das
erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales
vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge
gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor
Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte.
Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten Max und Maria zum
Altar. Hochaufgerichtet stand hinter ihnen die Freihoferin und neben
ihr Marias Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und Konrad
Hartmann.
Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut und Ergebung. Und als
Pastor Reinerz von ihr zu wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren
Vetter Max von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und Leid mit
ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde ein freudiges Ja. Aller Augen
hingen an der holden Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick
feucht beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden Kriegers, und
mancher Mund flüsterte: Du armes, armes Weib!
Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach Pastor Reinerz vom Altar
aus die Predigt.
Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz bedrückte, dann wußte er,
daß er in der Sonntagspredigt Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor
Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine Worte flossen ihm
nicht von den Lippen, sondern rangen sich zuweilen mühsam von seinem
Munde. Aber er sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den
innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe Wirkung aus. Seine
Art zu sprechen war überraschend einfach, und gerade deshalb klang die
Predigt im Innern der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen
Stoff, den er meisterhaft zu behandeln verstand.
Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande noch immer auferlegt
sei, von dem gewaltigen Ringen der Völker um Freiheit und Heimaterde
und führte die atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen
der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege durch das Land, man
erwache aus einem verhängnisvollen Schlummer, und überall schicke man
sich in letzter Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in der
Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in diesen großen Tagen
nicht müßig bleiben wollten.
Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch die dichtgedrängten
Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt der Höhepunkt der Feier nahe.
Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke des Landes und des
sächsischen Volkes der Gnade des Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor
Reinerz seine Predigt.
Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart zum Altar
und knieten auf den Stufen nieder, um den Segen zu empfangen.
Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines jeden der Versammelten,
und man drängte sich und hob die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den
Augen zu verlieren. Es war ein erhebender Augenblick!
Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen aber glänzten Tränen.
Sie gingen ja, um für das Vaterland zu streiten, das war das Tröstende,
aber -- sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten,
aber weinen mußte man sie lassen. War doch manche alte Mutter, manches
junge Weib, manches zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen
wurden!
Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des
Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte
sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten.
Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die
Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die
vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die
bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten,
und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang
nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber
heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den
Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche
Schrei: »_Herr, mach’ uns frei!_«
Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst
das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der
der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt --«
Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.